Die hundert Tage. ittoman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Plötzlich kam ein aushorchender Ausdruck in ihr Gesicht. Lauschend drückte sie sich unwillkürlich dichter gegen die Fensteröffnung. Leute, die mit dem langsam fahrenden Wagen Schritt hielten, unterhielten sich, wenn auch mit etwas gcdümpfter Stimme, so doch ganz ungeniert. „Nu foi! Eigentlich hätte ich etwas ganz anderes erwartet!" „Ich hätte darauf geschworen, daß er die Republik pro- klainieren würde!" >. „Wenn auch das nicht! Aber daß er zugunsten seines Sohnes abdauken würde!" „Mais non! Den armen kleinen König von Rom, den geben sie ja in Wien nicht heraus!" „Wenn ich die Kaiserin Marie-Luise wäre, ich hätte mich nicht halten lassen!" meinte eine jugendliche Frauenstimme. „Einfaltspinsel! Bielleicht glaubt sie nicht mehr an sein Glück! Und will sich die Sache aus der Ferne begucken. Es sieht doch man brenzlich aus!" „Om! Oui! Das tut es! Es geht mit den Rüstungen nicht halb so rasch voran, als man zuerst geglaubt. Es fehlt an Geld — es fehlt an Menschen! Freiwillig will keiner mehr so recht heran. Jeder hat den Krieg satt! Uebersattl Warum schreitet er nicht wieder zur Konskription?" „Weil er diesen letzten Ausweg fürchtet. Wieviel Feindschaft hat der ihm schon 1812 und 13 eingetragen. Zudem — noch tobt der Ausstand in der Vendee —" '„Es wäre doch aber das einzig wirksame Mittel —" „Gleichviel! Es würde die gute Wirkung, die er beim Volke durch die freiwillig gegebene Konstitution erreicht zu haben hofft, zweifelsohne zerstören!" „Ach diese Konstitution! Wen wird sie befriedigen?!" „Und doch mußte er sie erteilen, da Ludwig XVIII. sich zur konstitutionellen Monarchie bekannte!" „Er ist nicht mehr derselbe!" („Sage: Er kann nicht mehr wie er will!" „Non visu! Ob er sich überhaupt wird halten können?!" Die Karosse ruckte zu — die Stimmen gingen unter. Jetzt sank auch Toska tief in den Sitz des Wagens zurück. Nur nichts mehr sehen — nichts mehr hören müssen! Als sie endlich, endlich sich in das ihr zugewicsene Zimmer in den Tuilerien zurückziehen durfte, da verschloß sie die Tür, fiel vor ihrem Beide nieder und vergrub den Kopf zwischen den Kissen wie ein todwundes Reh, das sich einen Schlupfwinkel sucht, um verenden zu können. * Ein paar Tage waren vergangen. Toska durchwanderte in krankhafter Ruhelosigkeit die Zimmerflucht im ersten Stockwerk ihres Schlößchens. Es war ein hübsches gediegenes Gebäude im Renaissance-Stil an der.Seine gelegen. Die Familie von Eure gehörte dem alten Adel Frankreichs an. Im Jahre 1791 waren die beiden Brüder vor der Revolution nach Belgien geflohen, wo der bedeutend ältere Eugen sich bei Genappe ein Anwesen gekauft. Philipp dagegen, der damals erst wenige Monate als Offizier in der Armee gedient, hatte es nach dem Rheine, nach Koblenz getrieben Dort hatte er seine Frau kennen gelernt, und da er einen kleinen Teil seiivcs Vermögens gerettet, einen behaglichen Hausstand gegründet. Heig und immer heißer aber brannte in ihm die Sehnsucht nach der Heimat und seine junge glühende Seele sog sich, wenn anfänglich auch erst widerstrebend, an dem Brlde des Mannes fest, der, eine ausgehende Sonne, Frankreich zu neuem Glanz und Ruhm geführt. Und als dann um die Wende des Jahrhunderts dieser Erste Konsul eine allgemeine Amnestie bewilligte, da war Philipp, von Heimweh getrieben, nach Paris zurückgekehrt und hatte schließlich im Heere des Kaisers Dienste genommen. 'Das ungefähr .waren die Gedanken, di« Toskas Hirn flüchtig bei ihrer Wanderung durchzog». Gott sei Dank, daß sie wenigstens wieder daheim, zwischen ihren .vier Pfählen war. Am Morgen nach jenem Festtage auf dem Marsfelde war sie, infolge einer schlaflosen Nacht völlig erschöpft, im Vorzimmer von Madame Mere ohnmächtig zusammcngesunken. Als sie sich etwas erholt, hattje sie die Kaiserin-Mutter gebeten, sie noch für einige Zeit vom Dienst zu dispensieren und ihr zu gestatten, bis zur völligen Kräftigung! ihrer angegriffenen Gesundheit nach Haus zurüctzukehren. Die Kaiserin-Mutter hatte ihr diese Bitte gnädigst gewährt. — Todmüde ließ sich die junge Frau endlich in einen der taubengraublauen Gobelinsessel fallen, die im Rokokosalon, dem letzten Raum der Zimmerrcihe, den länglich-viereckigen Tisch umstanden und legte den Kopf in die aufgestützte Hand. Wie mit schmerzlicher Liebkosung glitt ihr Blick über die lieben alten Möbel, über die kostbaren, halb verblichenen Polster, über die edlen Schnitzereien des Nußbaumholzes, über die schweren gelbseidenen Damastvorhänge. Einen heimlich süßen Duft schienen all die teuren Gegenstände dieses Zimmers auszuatmen. Das Odeur, das die Mutter gebraucht, es hing gleichsam noch im Raum'. Toska schloß die Auge». Wenn dieser Dust an ihre Seele rührte, dann wurde ihr die tote Mutter lebendig — sie vernahm ihre weiche zärtliche Stimme, sie spürte ihre Nähe — ihren Atem —! Und mit einem Male sah sie die Mutter dort am Schreibtisch sitzen, wie sie mit ihren schönen blinden Augen, den! Ausdruck eines strahlenden Kindes in dem feinen Gesicht, zu Otto von Jäger anfblickte und ihm, seine Rechte mit ihren beiden Hände» umschlossen holend, mit rührender Jnnigkei' 686 — für die Ritterdienste dankte, die er ihr und! der Dochter kurz zuvor, bei ihrer Rückkehr ans Courcelles, erwiesen. Ottos Stimme schlug an ihr Ohr — sie wähnte ihn körperlich greifbar vor sich zu sehen — sie ritz die Äugen auf, —i der Raum war leer — sie war allein. Mutterseelenallein. Da quoll der Schmerz wie glühende Lava aus Erdentiefen in ihr herauf. Sie wähnte zu ersticken. .Sie sprang auf; sie breitete beide Arme aus: „Otto! Otto!" Dann brach sie auf dem Stuhl am Schreibtisch nieder, Warf, von Schluchzen geschüttelt, die Arme auf oie Watte und barg den Kopf hinein. Nein! Nein! Er liebte sie nicht! Konnte sie nicht lieben! Sonst hätte er ihr noch ein paar kurze Abschiedsworte gesandt! Sie hatte ihm durch ihren Vater mitteilen lassen, daß sie für immer zu ihm zurückgekehrt sei, und daß Otto die Scheidung einleiten möge. Von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag hatte sie, ohne es sich einzugestehen, auf eine Antwort von ihm gewartet. Auf eine Bitte, auf ein flehendes Beschwören, zuriickzukehren >— auf die Zusicherung, um ihretwillen schließlich doch seines Königs Rock aus- ziehen zu wollen. Hatte er sie schon vergessen? Oder zürnte er ihr deshalb doppelt, weil sie ohne Abschied von ihm gegangen, weil sie ihm nicht noch einmal die Beweggründe ihres Handelns klargelegt? Gott! Es wäre ihr damals ganz unmöglich gewesen. Sie wäre eher gestorben. Aber heut, in dieser Stunde — da konnte sie's! Alle Tore ihres Herzens standen weit offen. Alle Gefühle, die drinnen verschüttet gewesen, brachen wie warmquellende Ströme hervor. Wenn sie denn scheiden mußten — so sollte es wenigstens in Frieden sein! Und ohne sich zu besinnen, griff sie zu Papier und Feder und schrieb und schrieb, als ob sie ihre Seele aus- Iqhretben wollte — einen Brief nach dem andern. Und ein Brief nach dem andern wurde wieder zerrissen —. von ihrem sich heimlich ausbänmenden Frauenstolz zerrissen. Schließlich aber blieben doch ein paar dürftige Zeilen stehen. „Otto, abe ich Dir Leid zugefügt, so vergib mir! Ach hätte nie ie Deine werden oiirfen! Daß ich es doch tat, das rächt das Schicksal nun an uns — an mir. Leb wohl! Gott schenke Dir Glück —, unendlich viel Glück! Und gedenke Unsres kurzen Zusammenlebens als eines schönen Traumes, zu schön für diese Erde. Toska." Roch einmal überflog sie die wenigen Zeilen; dann schloß sie den Brief, siegelte ihn und drückte das Petschaft aus !— alles in einer Hast, als fürchte sie, es könne sie gereuen. Mit fliegender Feder flog die Adresse aufs Papier —, ein zartes Rosa lag auf ihren Wangen, ein feuchter Schimmer glänzte in ihren Augen — sie lächelte fast — So traf sie der Vater. „Toska, verzeih, daß ich so hereinbreche! Du hörtest mein Klopfen nicht!" Er hielt die eichene Tür des Salons, die sie vorhin zugeschlagen in der Hand und stand zwischen Tür und Angel in seiner schönen .Gardeuniform vor ihr. „Gestatte! Graf Duboit, der morgen zur Armee abgeht, möchte sich dir persönlich empfehlen!" Aufspringen und den Brief in die Schreibmappe schieben war eins gewesen. Blutübergossen trat sie dem Vater entgegen. „Ich lasse bitten!" sagte sie verwirrt. , . dbilipp von Eure schlug den Türflügel weit zurück und lud den Gast ein, näher zu treten. Es war ein feingliedriger, dunkeläugiger Offizier, einen halben Kopf kleiner als der bochgewachsene Vater, mit schmalem, gelbbraunem Gesicht, in der lichtblauen Uniform der Husaren. Eine chevalereske Liebenswürdigkeit, die sich wie eben jetzt — bis zur gluw vollen Schwärmerei steigern konnte, schien den Grundzug seines Wesens zu bilden. Mit graziöser Verbeugung ergriff er die Hand der jungen Frau und führte sie an die Lippen. In Toskas Antlitz ging und kam die Farbe. Mas geheime Werben in diesem Blick, in diesem Handkuß tat ihr weh. Nein! Es empörte sie. Und doch ließ sie sich nn Sofa nieder und lud den Grasen ein, Platz zu nehmen. Ein Gespräch entspann sich — leicht steigenden Raketen gleich, indes der Vater, sich entschuldigend, für ein paar Augenblicke das Zimmer wieder verlassen hatte. Das war ihr peinlich, umsomehr, als ihr gerade in diesem Augenblick einfiel, daß sie, als sie noch in Courcelles war, ja diesem Manne zur Gattin bestimmt gewesen. Doch desto launiger und sprühender fielen ihre Antworten aus. Dabei dachte fta im Grunde ihres Herzens aber uvhts anderes als: Dev Brief! Der Brief! Wie fange ich's r.ur «n, daß Otto den! Brief erhält? Mit der Post ihn befördern? Unmöglich! Alt einen preußischen Offizier gerichtet, würde er so nahe vor Ausbruch der Feindseligkeiten gewiß zurückgchalten, mindestens aber vor Weiterbeförderung erbrochen werden. Dann lag ihre Seele offen vor fremden, indiskreten Augen! Aber, wenn sie den Vater ins Geheimnis zöge? Das noch weniger! Sie hätte sich ihm gegenüber allzusehr dieser Schwäche wegen — sie fand bei sich selber kein! anderes Wort — geschämt. Aber wie nur? Wie? Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Und ohne weiter zu bedenken, wie ihre Worte aufgefaßt werden könnten, nur einzig ihr Ziel im Auge haltend, beugte sie sich vor: „Graf, Sie gehen morgen zur Armee?" „Ich reise in wenigen Stunden!" „Wollen Sie mir einen Gefallen tun?" „Befehlen Sie, Madame! Für Sie hole ich die Sterne vom Himmel!" „So unbescheiden bin ich nicht! Nur einen Brief bitte ich Sie zu besorgen, einen Brief, den ich der Post nicht anper-i trauen möchte." _ ! „Einen Brief? Etwa an — mich?" Sprachlose Hoffnung in den lächelnden Augen ergriff der Graf Doskas Hand. Beinahe heftig stand sie auf. „An — an —meinen Mann wollte sie sagen und brachte es doch nicht über die Lippen — „an Herrn von Jäger." Hastig hatte sie sich abgewandt, war wieder zum Schreibtisch getreten und hatte den Brief aus der Mappe gezogen., Jetzt hielt sie ihm bittend das Schreiben entgegen. Auf seinem langgewordenen Gesicht prägte sich eine große Enttäuschung aus. Sie sab es wohl, und sah es doch auch nicht. Zu bitter! quoll mit einem Male wieder der Schmerz um das verlorene Glück in ihr herauf. : „Also — als Postillon ä'amour — ?" machte er gedehnft „Nein! Nicht als Postillon d’amour — als Uebermittlev eines letzten Abschiedswortes habe ich Sie ausersehen," ent- gegnete sie mit zuckenden Lippe». „Ich sage Herrn von Jäger mir diesen Zeilen für immer Lebewohl. Der Post übergebe», würde ihn der Brief jetzt nicht erreichen. Sie reisen an diq Nordgrenze Frankreichs — Sie werden irgend ein Mittet ausfindig machen, um das Schreiben sicher in seine Hände gelangen zu lassen." ; Graf Duboits bewegliches Gesicht hatte sich sichtlich erhellt. Ja, es lag das Vorgefühl eines Triumphes darauf« Schon wollte er den Brief ergreifen. Da glitt von neuein ei» Schatten über seine Züge. „Eh bien — ! Wir sind im Kriege! Wenn Unn der Brief — Aufklärungen enthielte?" ToSka reckte sich auf. Hoheitsvoll, mit kalten, strafenden; Augen blickte fie ihn an. ' i r „Mein Herr — um sich mit Spionage abzugeben, dazitz hält sich die Dochter Philipp von Eures für viel zu Hochs. Zweifeln Sie daran, dann lesen Sie den Brief!" Sie machte Miene, ihm das Schreiben fortzunehmen, um es zu erbrechen — vielleicht auch, um es zu zerreitzen. Er aber fühlte sich beschämt; zugleich freilich auch im tiefsten Herzen beruhigt. „Verzeihung, Madame! Verzeihung! Kein Wort mehr darüber. Ich werde tnm was in meiner Macht stehil, um Ihren Wunsch zu erftlllen. Und kehre ich heim, ein ruhm- zekrönter Sieger, darf ich dann vor Sie hintreten und Sie! * a en, ob Sie auch mir zur Belohuung einen Wunsch x.r- n wollen?!" Mit werbenden Augen drang er in sie. Ihr Blick wich ihm aus. ' 1 ,,DaS Wünschen ist zollfrei, mein lieber Gras! Und wer weiß! Vielleicht haben Sie bis dahin Ihre Wünsche vergessen!" ! i“ : ; ,n; ,Flicht in alle Ewigkeit!" Da trat Herr von Eure wieder ein. Er war vor zwei Tagen zum General befördert. Toska wandte stch ihm zu., Die alte, heiße Kindesliebe durchflutete von neuem strahlend ihr Herz. We schön er war in seiner prächtigen GeneralS- uniforml 687 a l" nickte er gütig-schmerzlich. „Nun heißt's schei- !a. Es wird Ernst! Morgen gehe auch ich zur Armee I" „Auch du?!" Sie schrak zusammen. Entsetzen trat in Ihre Augen. „Dann bin ich ja ganz einsam--" Graf Duboit sog mit Wonne diesen Blick tiefen, hilflosen Schreckens ein. Er war sich dessen gewißj: ein Teil davon kam auch auf seine Rechnung ! „Halten Sie tapfer aus, Madame! Auf Wiedersehn! Auf glückliches Miedersehn!" Noch einmal küßte er Toska mit vielsagendem Augenaufschlaig die Hand. Dann ließ er B von Philipp von Eure zur Tür geleiten. Sprachlos vor me» starrte Toska vor sich hin. Duboits Herz frohste. Er verbeugte sich noch einmal und ging. Als der General sich wieder ins Zimmer zurückwandte, skand Toska noch immer aus demselben Fleck. „Liebling, —" „So drängen Sie doch nicht!" empört sich eine Frau mtt einem.grün und rot karierten Umhängetuch gegen einen Mann, der sehr kurzsichtig und offenbar auch schwerhörig ist, und der uw reden Preis feststellen möchte, was es gibt. „Mama," jammert an irgendeiner unsichtbaren Stelle ein Kind, „mich friert!" „Meine Herrschaften," sagt der Aufgeregte, dem es allmählich Unbehaglich geworden ist und sich nun freien Weg zu bahnen sucht, „ich---" Der Kurzsichtige fällt ihm in den Arm: „Verzeihen Sie — ist etwas passiert?" Der übereifrige, sehr junge Mann klärt ihn ausl „Man hat den Zaren gefangen genommen!" „Wen?" „Den Zaren!" „Ermordet?" „Nein — gefangen genommen!" Der Kurzsichtige wendet sich dem versammelten Publikum z». reibt sich die Hände, lacht und drückt seine Genugtuung aMt „Bravo!" Aber ein sehr korpulenter Mann, offenbar ein in den Ruhestand getretener Bäckermeister, weist mit seinem kurzen dicken Zeigefinger auf den Aufgeregten, macht ein mißtrauiges Gesicht und sagt: „Dieser Mensch ist mir verdächtig!" „Erlauben Sie —!" „Verdächtig," wiederholt der Dicke, „jawohl! Sie verbreiten beunruhigende Nachrichten! Sie lügen!" Eine neuerliche Bewegung geht durch den Kreis, der sich immer enger und dichter um den.Aufgeregten zusammenzieht. „Er hat gelogen?" fragt drohend das Weib aus dem Volke. „Er ist ein Spion!" ruft in Msreizendem Ton irgendein« Sttmme. Alle Köpfe schnellen in die Höhe, alle Augen fangen an, zu funkeln, und eine heiße Feindseligkeit liegt plötzlich in der Lust. Tie Augen des Aufgeregten gleiten gleichsam hilfesuchend im Kreise umher. „Aujust, wat sagst de nu?" höhnt der Mann ohne Kragen, „Man müßte," erwägt der grübelnde ältere Herr mit dem Schirm und dem dicken Mantel, „man müßt» aus alle Fälle einen Schutzmann requirieren!" Im Hintergründe steckt jemand zwei Finger in den Mund und pfeift. „Polizei! Polizei!" „Erlauben Sie, meine Herrschaften !== ^ — I" „Dageblieben I" „Nicht von der Stelle!" „Ein Spion! Ein Spion!" „Ich versichere Ihnen, meine Herrschaften Ich bin Mein „Packt ihn! Nehmt ihn fest! Laßt ihn nicht los!" „Aber wenn ich Ihnen sage — — —" „Maul gehalten! Kein Wort mehr! Verräter! Mikgehen. Zur Polizei! Einsperren I" Ein dichter Knäuel von sich stoßenden, sich schiebenden Menschen hat sich gebildet, aus dem, wie ein Wahrzeichen bürgerlicher Or« nnng und wie eine Mahnung, nur der Schirm des grübelnden älteren Herrn mit dem decken Mantel hervorrag!. Endlich aber löst sich der Knäuel, denn ein Schutzmann ist tu schienen, der, mit gezücktem Notizbuch Und Bleistift, bereit ist, den Tatbestand auszunehmen. „Ihr Name?" l Der Aufgeregte, der mit seinem zerbeulten Hat und seinrm zerknitterten Anzeug nur noch wie das Fragment eines Menschen wirkt, legitimiert sich, ioischt sich dann mit fernem Taschentuch den Angstschweiß von der Sttrn und erklärt: „Ich habe nichts getan! Gar nichts habe ich getan l Ich habe einem Bekannten nur die neueste Nachricht mitgtteiltl Dl» Nachricht, daß der Zar in Galizien durch ungarische Husaren gu 588 — fangen getionim'en worden ist! Der Zar mit seinem ganzen Gefolge! Nie Nachricht ist dnrch einen hohen Beamten verbürgt!" „'Durch welchen Beamten?/' -Mas weih ich nicht.. >,Unb woher haben Sie die Nachricht?" „Ein Reisender, der mit dem Schnellzug 11 Uhr 20 aus Mtterseld kam...", will der Aufgeregte erklären. Aber der Schutzmann unterbricht ihn sogleich, legt ihm di« derbe Hand auf die Schulter und sagt: „Schon gut! Kommen Sie ruhig mal mit! Ich arretiere Sie wegen Verursachung eines Auflaufs durch Verbreitung erner unwahren Nachricht!... Marsch!" Der Ausgeregte schickt einen anklagenden Mick zum Himmel, x.ingt verzweifelt die Hände und setzt sich in Bewegung. „Sichstdewoll —,?" sagt der Mann ohne Kragen und grinst. Der Kreis aber lbst sich befriedigt in seine einzelnen Bestandteile au f, i ; ______ i Vermischte». — Neue Kletder aus alten. Zur Mobilisierung des deutschen Bekleidungswesens gehört es, dag mit Wolle und allen anderen, zur Kleidung nötigen Stoffen sorglich Haus gehalten wird: kein Fetzchen eines Stossrestes, kein altes, noch so schleclstes Kleidungsstück darf weggeworseu werden, sondern alles ist zn sammeln, und einer sage dies dem andern. Denn aus alten Kleidern und Stofsvesten kann man neue Kleider machen, dre freilich nicht ganz so gut sind, wie die aus neuer Wolle, aber immerhin recht gute Dienste leisten, wenn neue Rohstoffe knapp zu werden drohen. 'Die alten Kleider werden nämlich, wenn sie zn neuen werden sollen, zuerst in ihre Ursprünglichen Bestandteile wieder aufgelöst, um' zu „Shoddy" verarbeitet zu werden. Dar Wort ist englisch, wie auch das Verfahren Ursprünglich auf England beschrankt war. Es hat sich aber seit einer Reihe von Jahren auch auf andere Länder ausgedehnt und wrrd des Krieges halber ber uns wohl nun größeren Umsang annehmen. Ehe die Lumpen, Absallstücke von alten Kleidern usw., zerpflückt werden, werden sie geordnet, so daß Wolle, Baumwolle und so weiter, jeder Stoff für sich, vorhanden ist, und 'das gleiche gilt für schwarze und anders gefärbte Stoffe. Dann wandern die Lumpen in eine Maschine, die die Engländer nnb Amerikaner Devil (Teufel), die Deutschen „Reißwoli" nennen. Diese Maschine zerreißt sie so, daß die ursprünglichen Fasern wieder hergestellt werden. Der einzige wesentliche Unterschied von den ursprünglichen Fasern besteht darin, daß sie bedentend kürzer sind. Sie können aber trotzdem, besonders wenn längere Moll- oder Baum- wollsasern zugesetzt werden, von neuem gesponnen und zu Stoffen vertcebt werden. Der eigentliche Shoody, worunter man die längeren Fasern versteht, kann für sich allein gesponnen und verwebt 'werden; die kurzfaserige Kunstwolle, die als Mungo bezeichnet wird, ist nur dann neu zu spinnen und zn weben, wenn si« einen Zusatz von längeren Fasern bekommt. * Ein seltsames Duell. Der Berichterstatter des Tempi» telegraphiert aus Perpigan die Geschichte bon einem seltsamen Duell, das kürzlich in den neutralen Gewässern des Hafens von Valentta in Spanien stattgefnnden haben soll. Seit dem A'uSbrnch des Krieges lagen ein deutscher und ein belgischer Dampfer Bord an Bord im Hafen. Vor eiirigen Tagen erhielt nun der belgisch« Kapitän von seinem Bruder, der al» Soldat den Krieg mitmacht, einen Brief, in dem von dem Vordringen der Deutschen in Belgien erzählt wurde: die Frau und die beiden Töchter des belgischen Kapitäns befänden sich unter den Opfern des Krieges. Durch diese Nachrichten steigerte sich die Wut des belgischen Kapitäns, die er bei der zwischen den beiden Mannschaften bestehenden Spannung schon immer gezeigt hatte, zur S eberhitze. 'Er sandte an den Matrosen der deutschen Mann- ast, von dem er am meisten gereizt zn sein glaubte, eine Herausforderung zuni Kamps aus Leben und Tod, und diese Herausforderung wurde angenommen. Ter deutsche Matrose sprang von Bord und schwamm, während er ein Messer zwischen den Zähnen hielt, aus das Schiss des Gegners zu, und der belgische Kapitän folgte sojort seinem Beispiel. Die beiden Männer trafen sich in der Mitte zwischen den Dampsecn. Der Zwischenfall war >edoch von der Küste ans beobachtet worden, ein mit mehreren Zolloffizieren bemanntes Boot streß sofort ab und kam noch zur rechten Zeit, die beiden Duellanten, dre einander schon Wunden beigebracht hatten, im letzten Augenblick zu trennen. Eme riesige Menschenmenge hatte das 'Duell im Wasser vo» den Kais aus mit angesehen. Die Hafenbehörden ordneten nach diesem Zwischenfall an, daß die beiden Dampfer in erne sichere Ent- sernung voneinander gebracht würden. * E r h o s u ii g s st ä t t e für V c r w n n b e t e. Man schreibt uns: Für die zahlreichen Verwundeten ist in Tentschlaiid rn wirk- kuh groszllgiger Weise gesorgt worden. Nicht nur, daß in den Krankenhäusern und Reserve-Lazaretten alles getan ist, um die pslege, arztlrche Behandlung usw. mnstergültig zu gestalten, sondern man hat auch darüber hinaus Vorsorge gclrossen, »m den Wieder- genesenden, nachdem sie die Lazarette verlassen haben, in besonders günstiger Lage Erholungsaufenthalt Pt gewähren. Nach dieser Richtung hin hat man besonders im Harz, im WeserbrrA lande, wre überhaupt im ganzen deutschen Mittelgebirge, fürsorgliche Maßnahine getroffen. Jene waldreick-en Gegenden mit threq zahlreichen klimatischen Kurorten eignen sich ja auch mit ihren in ganj - V. stni besonderer Weise für den genannten Zweck. Im Har» z. viele Kurhäuser in gesündester Lage in Krregslazarette ntng« wandelt worden. Die private Fürsorge ist da mit der amtlich organisierten tu xrsreiilicher Weis« in Wetteifer getreten. Auch Erholungsheime, die in .Friedenszeiten nur bestimmten Berufen offen standen, sind in Lazarette nmhewandelt morden: es fei am* eins genannt, bas herrlich am Lusammenflnß vou Wer« unti Fulda in Hann-Müirden gelegene Lokomvtivfilhrer-Heim. Hebe» Haupt stellte das Weserbsrgland, dessen mildes, günstiges Jtltmd bekannt ist, eine große Anzahl von Pflege- und Erholungsstätten unseren verwundeten, deutschen Soldaten zur Verfügung: doch muß bei der erfreulichen Fülle der Anstalten ihre Namhsitmachnich im einzelnen unterbleiben. SDian sieht aber daraus, m welch vortrefflicher Weis« für unsere tapferen Soldaten gesorgt ist. kf. Das erste Luftbombardement. Eine der neuesten Kriegswaffe» sind die vom Flugzeug oder Luftschiffe auf den Gegner herabgeschlenderten Bomben. Und doch haben die Oesterreich« schon vor über einem halben Jahrhundert rm Krieg« gegen die venezianische Republik ähnliche Geschosse verwendet. AIS Radetzky im Jahre 1849 Venedig belagerte, vermochten die österreichischen Geschütze bei ihrer kurzen Reichweite nur geringen Schaden anzurichten. Da kam ein Artillerieoffizier auf den Gedanken, von einer Montgolsiere Bomben auf die Stadt herabzuschleudern. Eine Anzahl großer Papterballons wurde anaksertigt, von denen jeder, wenn er luftleer gemacht war, eine Last vost 70 Pfund tragen konnte. Mehrere Probeflüge ergaben, daß er mit einer Bombe von 30 Pfund 3b Minuten in der Luft weilen konnte. Nun wurde von derjenigen Seide der belagerten Stadt, von der gerade der Wind kam, ein Probeballon losaelaffen, und ma» stellte fest, nach wieviel Minuten er sich über Venedig befand. Auf Grund dieses Versuches stiegen dann mehrere Montgolsieren ans, deren Bomben dnrch einen Zeitzünder gerade in dem Augenblick vom Ballon losgelöst wurden, als dieser über dem Marktplatz« dahinschwebte. Berichte aus jener Zeit lassen erkennen, daß ihr Schaden zwar gering, ihre moralische Wirkung auf di« Venezian« dagegen lehr groß war. * Wie eS in den Taschen eines deutschen Soldaten aussiebt. In dem Feldpostbriefe eines im Osten sech- teiiden deutschen Soldaten, den der „Konfektionär" vcrösfentlichtt wick nicht olme Humor geschildert, wie es in den Taschen eine- deutschen Soldaten aussieht. „Willst Du mal wissen (so fragt der Briesschreiber), >vie meine Taschen anssehen? Linke Hosentaschei ein Hosenträgerersatzteil, ein Taschentuch, innen weiß, außen Schmutzsarbe (feldgrau), etwas Werg zum Gewehrreinigen, die Zelluloidschachtel mit Klosettpapier, Seife, Seiflappen und schließlich das Handtuch. Rechte Hosentasche: Portemonnaie, silbernes Messer, großes buntes Taschentuch, Pulswärmer. Uebertasche: Uhr und Verpumpseife. Westentasche: links unten Kompaß, Spiegel, Kalender, Pyramidal. Rechte Westentasche: Notizbuch, Pergamciitpavte». Litewka: Innentasche: vollgepfropfte Brieftasche —, alle Brief« trage ich natürlich nicht bei mir, die sind im Tornister. Linke Litewkaäußere Tasche: Keks, Schokolade usw. Rechte, halbfrei für ein Stück Brot. Kannst Du Dir eine Vorstellung machen von meiner Voll- gepfroptheit?" _ vüchertisch. — Was mn ß man vom deutschen Kriegshee« wissen? Ein kleines, über 100 Seiten starkes, allgemeinverständliches Heftchen des Hauptmann Heitz, „Was jedermann vom deutschen Kricgsheer wissen muß!" (Verlag Gerhard Stallina, Oldenburg i. Gr., Preis 30 Pfg.), gibt über die wichtigsten Ding« unseres Heeres, seinen Aufbau, die Gliederungen seiner Waffengattungen, Bekleidung, Bewaffnung und vieles andere populär« Auskunft. _ Diamanträtsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a daeel ;jhhikknnnpprrrrr derart einzutragen, daß die ivagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 8. Teil eines Wagens. kt 8 . Sächsische Stadt. 4. Einen Edelfisch. 8 . Gctreideart. 6. Flinkes Tier. 7. Einen Buchstaben, lciikrechle und wagrechte Mittelreihe ergeben das Gleich«, Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Arithmogriphs in voriger Numineri Osenschirni, Friesen, Eninierich, Rcro, Seine, Eicero, Horn, Iren«, Rose, Moor. / e © ! • j « 9 O dchrlftleitung: Sliifl. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'sche» llnirerfitäls-Biich- und Slcindrnckrrci, R. Lange, Gießen.