Die hundert Tage. Noman aus dem Jahre 181.5 von M. von Witten. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mit zitterndem Herzen, mit ««strafften Sehnen und Muskeln bauschte indessen alles, was deutsch empfand, nach Frankreich hinüber. Und ganz besonders die Offiziere des brandenburgischen Ulanenrogiments, so nahe der französischen Grenze, hatten das Gefühl, als lebten ste auf einem Vulkan, dessen Ausbruch täglich, stündlich zu erwarten stand. Kunde auf Kunde jagte sich. Nicht mir Grenoble und Lyon hatten dem Verbannten von Elba unter Stürmen der Begeisterung ihre Dore geöffnet, nein! Unglaublich, unausdenkbar für ein Preußenherz: Neys, der den König Ludwig mit heiligstem Eide seiner Treue versichert, Ney, der diesem zu Dal fahrende», alles mit sich reißenden Berastrom einen Damm entgegensetzen sollte — Ney war mit den ihm von Ludwig XVIII. anvertrauten Truppen zu Napoleon über- tzegangen! In diesem Wirrwarr von Geschehnissen, in diesem Auf- vuhr von Gefühlen hatte Otto von Jager eS um alles in der Welt nicht übers Herz gebracht, seiner Frau den Brief jthre^ Vaters auszuhändtgen. Seit jenem Abend, da ste ihn ( einen Gedanken allein überlassen, war mit ihr eine Wandung voogogangen Es war, als hätte sie in den einsamen Stunden der Nacht den Schatten, der ihr Glück gefährden wollt«, >nit starker Haird für immer niederaezwungen. Ihr aanzes Wesen war seitdem durchhaucht von stetiger wundersamer Glut; mit quekltiefer Leidenschaftlichkeit gab sie sich Ihrem Manne hin. Und die wenigen Stunden, die der Dienst ihnen ließ, wurden zu Stunden heiligster Erdenwonnen, die vielleicht gerade deshalb so unerschöpflich tief, so beseligend leuchtend und rein, iveil die Gewißheit eines baldigen Endes über ihnen lauerte, — zu Erdenwonnen, die selbst mit dem Tode nicht zu teuer erkauft erschienen! Nein! Nein! In dieses Paradies nicht mit der Hand e vler Zerstörung greifen! Seine fast überirdischen Selig- tcn auskosten, bis zum letzten Augenblick! Die Stunde, des Scheidens kam ja früh genug — allzu früh! In ihr wollte er Toska den Brief ihres Vaters geben. — Und dann —! Dann lief die Nachricht ein von der E lucht König Ludwigs aus Paris — und zwölf Stunden äter trugen die Frendensalven der nahen Festung Thion^ ville die märchenhafte Botschaft zu den aufhorchenden Preu-- t en hinüber, daß der Verbannte von Elba wieder in die milerien cingezogen sei und von neuem die Zügel der Rex gierung ergriffen habe. — Otto von Jäger lauschte den Salutschüssen mit zusam- mengebissenen Zähnen, mit heimlich geballten Fäusten. Dabei blickte er mit mißtrauischem Auge auf sein Weib, das mit leicht gesenktem Hauvte neben ihm am offenen Fenster lehnte. Was ging in ihr vor? Warf der dröhnende Schall der Kanonen nicht kalte Schauer über ihren Leib? Da — fühlte sie seinen Blick? Sie hob die Lider —^ Jie schaute ihn an —! Diese tiefen, glutvollen Augen, dieser weiche, kirschrote Mund, diese brennenden Wangen, — es war, als flammten Feuer todesahnender, alles vergessender Liebe in ihr — und diese Flammen loderten ihm — ihm entgegen! Er riß sein schönes Weib an sich und tiefer ins Zimmer hinein. Noch waren Augenblicke des himmlichsten Glückes sein!-- In den beiden nächsten Nächten blieben die brandenbur- gische» Ulanen bei ihren gesattelten Pferden in den Ställen. Otto hatte bereits von Toska Abschied genommen und sich zum Dienst begeben. Ruhelos schritt sie im Dienstzimmer hin und her — noch umflammt von der Glut seiner letzten Küsse. Ihr Blick, in dem das Märchenleuchten des Glückes lag, schweifte hinaus über die knospende, von einem violettfarbenen Abendhimmel überspannte Landschaft, ohne doch die duftige Schönheit zu erfassen. Bon Träumen umsponnen, ruhten noch all ihre Sinne. Sic hätte nicht zu denken vermocht. In seinen Küssen lebte und atmete noch ihr ganzes Wesen. — Da trat die Dienstmagd herein. Toska beachtete sie nicht. Gewiß! Sie wollte das Nachtmahl bringen. „Madame —" „Setz' nur die Schüssel hin und geh." „Madame — ich habe den Tisch noch nicht gedeckt — da ist ein fremder Herr —" „Mein Mann ist nicht zu Haus. Er soll morgen wiederkommen." „Das habe ich dem Herrn schon gesagt. Er aber will durchaus die Madame selber sprechen — oder wie er sagt, das Fräulein von Eure." „Mich? Unmöglich. Ich empfange keinen fremden Herrn!" fagte sie streng und lyandte sich ab. Die Dienstmagd aber druckste und bewegte sich nicht von der Tür. „Nun, —- hast du nicht gehört?" rief Toska ärgerlich über die Schulter zurück. „Madame, der Herr will sich doch nicht abweisen lassen", kam es weinerlich. „All ihr Heiligen! Madame, da ist er schon!" Fluchtartig entschlüpfte das halbwüchsige, flachsblonde Ding und gab den Eingang frei. Vom Flur her aber warf sie aus ihren wasserblauen Augen noch einen Blick auf deck Herrn, der in seinem grauen Reiseanzug, in dem langen Rock mit dem hohen Kragen, und den langen engen Pantalons so vornehm aussah. Der aber zog die Tür hinter sich zu. Toska starrte ihm, von Entsetzen gebannt, ins Gesicht. Und plötzlich stürzte sie mit einem Schrei, der das ganze EhaoS der Gefühle offenbarte, die ihr Herz durchbebten, in seine Arme. „Vater! Mein Vater!" 662 — Er hielt sie umschlungen. Er drückte sie anseine Brust — „Mein Kind! — Mein Augapfel! — Mein Herzens- trost!" Eine Träne schimmerte in seinem Auge. Da fühlte sie, daß er um den Heimgang der Mutter wisse, daß die Trauer um sie, einem Schatten gleich, sich auf daA Glück des Wiedersehens legte, — sühlte in aufquellendem Weh, was er und sie in ihr verloren. „Vater! Vater!" schluchzte sie auf, ihr Gesicht an seinem Halse vergrabend. Er verstand sie und streichelte sanft ihre Wangen, ihr Haar. „Ja! Ja, du bist nun mein Einziges, Toska." Wie seine lang entbehrte Stimme sie erbeben machte! Lang versiegte Brunnen brachen in ihrem Herzen auf —> durchstsömten sie mit reichem, lang versunkenem Leben. Wie mit Zauberschlag stieg da an der Brust des Vaters ihre Jugendzeit herauf, die sie hatte vergessen wollen, um jeden Preis, die unter Ottos Küssen wie unter Lavaglut verschüttet worden. Und sie ward sich jählings mit unabweisbarer Gewißheit bewüßt, wie ihr ganzes Wesen verwurzelt war in des Vaters Wesen. Er und sie hatten zusammengehört wie Erdreich und Pflanz« — wie Acker und Weizen. Die Mutter — sie war der fanstglänzende Sonnenschein gewesen, der mild Wehende Wind. Und plötzlich schien es ihr, als habe ihr Herz in unaufhörlichem Bangen nur seine Heimkehr ersehnt; als sei er allein die ruhvolle Heimat ihrer Seele. „Vater! Mein Vater!" Im nächsten Augenblick aber brach's über sie herein mit Sturm und Drang, daß ja ein anderer von ihrer Seele Besitz ergriffen — ein Fremder, dem sie nie Gewalt über sich hätte geben sollen, und dem ihr ganzes Wesen doch zuslammte wie die leuchtende Blütenkrone des Rosenbaums dem Sommer- ! »tmm«l. Wem gehörte sie zu? Keinem! Keinem! Nein beiden! chrie es in ihrer Brust. Und erschauernd in tiefster Herzensangst, einen von beiden hingeben zu müssen und doch keinen von beiden entbehren zu können, umschlang sie den Heimgekehrten noch einmal mit leidenschaftlicher Inbrunst. „Vater! Liebster Vater!" „Kind! Beruhige dich doch! Ich hätte dir noch einmal schreiben — dich nicht so überfallen sollen. Aber ich glaubte dich durch meinen Brief an Mutter, den dir Onkel Eugen gesandt, hinlänglich aus mein Kommen vorbereitet" — „Ich habe keinen Brief erhalten," sagte Toska mit müder Gleichgültigkeit, immer noch ihr Gesicht an seiner Schulter bergend. Das war ja alles so egal! „Nicht? Keinen Brief erhalten? Dann allerdings! Freilich ich hätte das vernünftigerweise mit in Berechnung ß tt sollen in diesen unruhigen Zeiten!" Und mit weicher kosung drückte er sie von neuem an seine Brust. „Aber glaube mir, als ich durch meinen Bruder erfuhr, daß Mutter nicht mehr am Leben, und daß du hier im Luxemburgischen leben solltest, da war alle Ueberleaung zum Teufel! Es hielt mich nicht länger. Ich verschaffte mir durch Eugen einen Paß. und reiste schnurstracks nach Schengen, und als ich dich dort nicht mehr fand, hierher nach Bettembura. Ich mußte dich erst einmal Wiedersehen r' Fast andächtig düickte er einen Kuß auf ihr duftiges Haar. „Mußte einmal selber von dir hören--" er schob sie von sich mit liebevollsanftem Druck und doch war dabei ein sich aufrichtendes Drohen in Stimme und Gebärde — „was Wahrheit von diesem unsinnigen Gerede —" Da reckte sich Toska mit einem fast wilden Entschlüsse auf. Mitten im Zimmer stehend, blickte sie ihm hart ins Auge. „Alles ist Wahrheit! Ich bin das Weib eines preußischen Offiziers. Dein Bruder hat deshalb zwischen sich und mir das Tischtuch zerschnitten." Ihre Worte waren verklungen. Wie Hammerschläge dröhnten sie ihr im Hirn. Philipp von Eure aber schwieg. Tiefer und tiefer senkte sich das schmalgeschnittene Haupt auf seine Brust. Da verglomm der stahlharte Schimmer in Tvskas Augen. Verzweifeltes Flehen tauchte darin auf. „Vater — Vater — und du?" „Ich?" Ein ächtender Atemzug. Philipp von Eures Rechte tastete nach der hohen Lehne des Stuhles, der dicht am Tische stand. „Ich Habs nicht glauben können! Nicht glauben wollen! —, Aber wenn du selber--1 Leb wohl! Dann Hab« ich hier nichts mehr zu suchen." „Vater!" Ein Schrei abgrundtiefer 5zerzensnot. Er schnitt ihm ins Herz. „Kind" — er streckte die Hand gegen sie aus und wichs doch von ihr zurück — „daß du mir dass antun konntest I'i „Vater! Verurteile mich nicht zu hart!" rief sie flehend', „Gott ist mein Zeuge! Wie hübe ich mit mir gerungen! Ich liebte ihn und du —« du loarst fern! Ich hielt dich für tot! Ach! — Und dann auch die Mutter war eins Deutsche--" „Von Geburt ja! Aus Ueberzekkgung nie!" rief er ihr mit zornsprühenden Augen entgegen, als hätte sie ihm daA Bild der heißgeliebten Frau durch jene Aeußerung verunglimpfen wollen. „Sie hat wie ich Napoleon aus tiefster Seele geliebt —i an ihrer Brust hast du mit der Muttermilch die Verehrung für diesen Einen, Einzigen eingesogen !" „Vater — das Schicksal hatte ihn gestürzt. Er saß gefangen in Elba „Daß du an seiner Wiederkehr zweifeln konntest! Toska! Toska!" Mit einem schluchzenden Aufschrei schlug er plötzlich beide Hände vors Gesicht. Seine Schultern bebten —s der ganze hochgewachsene Körper bebte wie im Krantps —z sekundenlang. Toska vermochte sich nicht zu rühren. Ihr Blut war wie erstarrt. Ihre Glieder gelähmt. In ihren Augen brannte wilde Qual. So tanken die Hände des Vaters herab. Er richtete sich auf. Sein Gesicht war gramzerfurcht. „Leb wohl!" „Vater — du gehst —? I Du darfst nicht gehen!" Si« stürzte zu seinen Füßen nieder, umklammerte seine Kniee —« „Toska — mir bleibt keine Wahl! Mein Kaiser ruft! In wenigen Wochen werden seine Heere den Feinden gegenüberstehen, die ihm den rechtmäßigen Thron streitig machen wollen. Und unter diesen Feinden kämpft der Mann meiner Tochter! ■--Toska, begreifst du es nun, daß ich diese Tochter verloren? <— Oder —" er beugte sich mit einem Ö nnd Sinn verwirrenden Micke, in dem Zorn uni» e, heißes Flehen und tteffte Todestraurigkeit verschwi- stert waren, zu ihr hinab !1 „oder — wollte sie mit miv gehen?" „Gott —I" Sie schnellte empor — von ihm zurück, „Was verlangst du von mir?" „Nichts, wozu dein Herz dich nicht treibt!" sagte er mit dumpfer Ruhe. Hochaufgerichtet stand er wieder. „Du —j hast — entschieden — Toska —" Da kamen beflügelte Schritte die Treppe herauf. Dis Tür wurde aufgerissen — Otto — von dem geüngstigten Mädchen benachrichtigt — stürmte herein. Mit einem Blick hatte er alles begriffen. Hier ging es um Sein und Nichtsein, —> um! alles gewinnen oder alles verlieren. Mit beinahe übermenschlicher Willenskraft raffte er sich zusammen. „Herr von Eure — Vater meiner Toska — seien Sie willkommen I" Er streckte dem Gast die Hand entgegen. Der aber tat, als sähe er sie nicht und schwieg inj eisiger .Ablehnung. Otto von Jäger, dunkelrotbraun vom hastigen Lauf, wurde jählings aschfahl. „Erkennen Sie mich nicht?" Seins Hand sank herab. „In Rußland waren wir Kriegskameraden." „Ja, damals waren wir Kriegskameraden unter dem Szepter Napoleons." Tiefer Schmerz bebte durch dia Stimme des Gardeofftziers. Mit schwerer Zunge sprach ev die Worte. „Damals! Und daß ichs nur gestehe — Si« waren mir lieb! Sie hatten Ihr letztes Stück Brot mit miv geteilt! — Aber heut! Heut sind wir Feinde! Sie — Ihn » es Volk hat sich wider Napoleon erhoben! Napoleon «vischen uns!" ^Da sei Gott vor! Dieser Tyrann! Dieser Abenteurer!* Aus Philipp von Eures Glutaugen schlugen Flammend „Hätten Sie erlebt, mein Herr, wie dieser Abenteurer! mit tausend Soldaten den mit allen Mächten verbündetem König Frankreichs, eines Landes von dreißig Millionen Eine wohnern, angreift und stürzt, wie er die ganze bestehend« Ordnung der Dinar nur durch den Zauber seines Wortes, durch die Macht seiner Persönlichkeit umwirft, wie er einer» Kriegszug von 220 Stunden ohne jedes Blutvergießen beendet und schließlich in Paris einzieht, von dem harrendem Volke auf den Schultern in die Duilerien hi nein getragen —< dann sagten Sie: in diesem MMne herrscht ein Gott 663 — ,O>der ein Dämon! — Herr von Eure, lassen Me ab' Von ihm! Lassen Me ab Von ihm — um Dosras willenl"( Toska saß zusammengesunken auf einem Stuhle. Das Leid, das aus ihren Augen, aus ihrem verfallenen; Antlitz schrie, griff Otto ans Herz. Der Vater schien es nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu fühlen. „Ich von meinem Kaiser lassen?" ries er voll flammender Empörung. „Von ihm, der mich durch so viele siegreiche schlachten geführt, durch den ich atme — in dem ich lebeÄt „In wenigen Monaten wird er geknebelt am Boden liegen I" „Oder die Welt liegt wie jetzt ganz Frankreich zu seinen Füßen. Gleichviel! Ich gehöre zu ihm bis zu meinem letzten Atemzuge! Leben Sie wohl!" (Fortsetzung folgt.) vie Tierwelt im Uriege. Man schreibt uns: Mcbt mit Unrecht hat man den Krieg von heute den Krieg ter Maschinen genannt; sie haben in der Form von Riesen- yeschtitzen, Luftschiffen, Aeroplanen, Unterseebooten, Minen Usm. eine ungeahnte Vollkommenheit erlangt, die den fechtenden Druppen die Bahn zum Siege öffnet. Die weltgeschichtliche Rolle aber, die «inst das Tier, insbesondere das Pferd, infolge seiner Kriegsverwendung spielte, geht Mehr und mehr zurück. Das Pferd, als „Esel des östlichen Berglandes" zuerst den alten Babyloniern bekannt geworben >- Prschewalskh und nach thm Sven Hedin hoben auf den Lochasiatischen Steppen dos Wildpferd, den ,/grimmen Schelch" des Mbevungenliedes nach der neuen Deutung, lviedergefundcn —, ermöglichte den in ihrer Nationalität g immer rätselhaften HyksoS oder Schasu im zweiten rtausend v. Ehr. die Aufiüchtung einer mehrhundert- igen Fremdherrschaft im Niltal. Der Kamps von den itwagen entschied zur homerischen Zeit die Schlachten und hat sich bei den britannischen Ureinwohnern merkwürdigerweise bis zur Invasion Cäsars erhalten. Dagegen benutzten die Perser die ersten primitiven „Kriegsautomobile", neben bespannten auch unbespannte sogenannte Mchelwagen, die aus abschüssigem Gelände gegen vie damals bekanntlich nur geschlossen fechtenden Truppen lvsgelassen Wurden. Eine entscheidende Rolle spielte das Pferd noch zu Beginn der Neuzeit bei der Eroberung Mexikos durch Cortez, wo die paar spanischen Berittenen den mit dem Pferd völlig unbekannten Indianern als übernatürliche Zwitterwesen erschienen und ost genug durch ihr bloßes Erscheinen ganze Ktammesaufgebote in die Flucht jagten. In den neueren Kriegen tritt neben der Kavallerie das Trainwesen immer Mehr in den Vordergrund, das ein zahlreiches und ausdauerndes Pferdematerial erfordert- erst in jüngster Zeit beginnt auch hier der Motorwagen seinen Siegeszug. Mer damit ist das Pferd auch als Transporttier noch lange nicht ausgeschaltet, und die schweren Belagerungsgeschütze 1. B. wären einfach verwendungsunfähig, wenn sie auf durchweichten Lehmwegen nicht durch einen Vorspann von 20 bis 24 und mehr Pferden vorwärts geschleppt würden. So bleibt dem „Hafermotor" noch immer seine gebührende Bedeutung im modernen Kriege. Außer ihm hat sich, wenn man von dem zur Ernährung nötigen Schlachtvieh absieht, eigentlich nur die schon im klassischen Altertum zur Ueber- jnittlung von Nachrichten benutzte Brieftaube .als Kriegs tim: durch den Lauf der Jahrhunderte erhalten. In den Heeren des Orients, des Pyrrhus, und der Karthager war der Kriegselefant lange eine furchtbare Waffe; heute erscheint der intelligente Dickhäuter noch in der anglo- rndischen Armee als Zugtier für Geschütze und Bagagefahrzeuge. Die Kunst der Zähmung und Kriegsabrichtung deS afrikanischen Elefanten ist bekanntlich seit den Tagen H«S Altertums verloren gegangen, auch die hochinteressanten, auf Veranlassung des verstorbenen Belgterkönigs Leopold im Kongostaat unternommenen Zähmungsversuche blieben erfolglos. Vereinzelt findet sich in den Eroberungskriegen der Araber seit Mohammed das Kamel verwendet; sein Name ist. verewigt in der von den Annahisten sogenannten „Schlacht des Kamels", in der Mt über Micha, die .fanatische Witwe Mohammeds, siegte, die, in einer Künste aus dem Rücken eines Kaemls sitzend, die Ihrigen |U verzweifeltem Widerstand anspornte. Ochsen als Kriegs- Mlnehmer sind berühmt geworden durch den Marsch Han- nibals in den Bergen hinter Capua, wo der geniale Punier viele tausend Tiere mit brennenden Strohbündeln an den Hörnern in den nächtlichen Bergwald jagte und so die Römer über den Abzug seines Heeres täuschte. Kriegshunde zum Angriff aus die Indianer abgerichtet, führte Cortez mit sich; im Berliner Museum für Völkerkunde befinden sich noch ein paar gleichzeitige indianische Zeich-- nungen, die drastisch den panischen Schrecken malen, den die Bluthunde auf die Eingeborenen ausübten; heute findet der treue Begleiter des Menschen noch int Spür- und Sanitätsdienste im Felde Verwendung. Aus dem Reich der Vögel haben neben den auch heute noch wichtigen Brieftauben; die Gänse weltgeschichtlichen Ruhm erlangt; sie retteten bekanntlich durch ihr melodisches Schnattern das Kapitol. Sonst haben aus der Tierwelt nur noch die — Schnecken einmal eine Rolle in der Kriegsgeschichte gespielt. Als in dem großen numidischen Kriege, wie Sallust erzählt, Marius schon lange eine äußerst starke Bergseste Fuaurthas vergeblich belagerte, entdeckte ein ligurischer Soldat zufällig in der Umgegend zahlreiche Schnecken, die ihm von seiner italienischen Heimat her ein Leckerbissen waren. Beirrt Aussuchen seiner Lieblingsspeise verlor er sich mehr und mehr im Felsengewirr und bemerkte schließlich, daß er sich auf einem zur Festung führenden Schleichpfade befand. Marius wurde sofort davon benachrichtigt und eroberte mit Hilfe dieser Entdeckung in kurzem das Bollwerk. P. N. vie riesenhafte Zchlachtfronl. Bon unserem müitärischen Mitarbeiter. Die gewalllge Ausdehnung der Schlachtfront in Nordfrankreich mtb nun auch in Rußland ist neben so vielen andern Erscheinungen des jetzigen Krieges ein Zeichen für den gewaltigen Wandel in der Gesechtsweise gegen vergangene Zeiten. Bor der Einführung der Feuerwaffen hat der Angreifer seine Hccresmassen aus schmaler Front in geschlossenen tiefen Formationen aiigebanst, weil nur mit solchen Heeressäulen der Swß gegen den Feind wirksam ausgefübrt werden konnte. Ein Krieger war auf die Unterstützung des anderen angewiesen, und darum mußte Mann an Mann sich gegenseitig helfen. Auch der Verteidiger mußte in dieser Weise kämpsen, wenn er dem Swße widerstehen wollte. Mit der Einführung der Feuerwaffen dehnten sich die Fronten naturgemäß in die Breite, da es ;a darauf ankam, jedes einzelne Gewehr in Tätigkeit und dadurch zur Wirkung zu bringen. Es entstand eine Lineartaktik, in der Mann neben Mann im Gliede gestanden hat. Und hinter ihnen standen gerade so viel Leuts als schießen konnten, zwischen den Schultern der Vorderleute hindurch, oder über die knienden vorderen Glieder hinweg. Dadurch wurde nun die Front dünner, aber länger, und um diese Linie gegen den Durchbruch zu schützen, postierte man dahinter ein zweites oder ein drittes Treffen. Die Frontbreiten der linearen Taktik aber waren trotzdem nicht ausgedehnt. Bei Zorndorf standen 42000 Russen in einer Front von 3500 Mir., die 36 000 Preußen waren nur wenig breiter. Bei Leuthen hat sich die übergroße Ausdehnung des österreichischen Heeres von 80000 Mann mit der Schlachtfront von 8 Klm. empstndlich gestraft. Denn das Heer Friedrich II., das auf drei Kilometer 32 000 Mann entwickelte, griff den linken Flügel der Oesterreicher an und rollte die ganze Linie ans. Die unausgebüdeten Heere der Revolutionszeit führten das Ttraillieurgefecht ein. Die starre alte Form bei den Gegnern konnte dieser schmiegsamen breiten Linie nicht staridhalten, und die Heere des Feindes mußten cbensalls ihre Reihen öffnen und dünne Schützenlinien in Anwendung bringen. Die nachher erfolgte Einführung von gezogenen Gewehrläusen hatte auf die Ausdehnung der Schlachtfelder zunächst keinen entscheidenden Einfluß ausgeiibt. In der Schlacht von Königgrätz ständen 215 000 Oesterreicher in einer Front von 10 Klm., die Front der Preußen war zu Beginn der Schlacht nur wenig länger, und sie erreichte schließlich 15 Klm. filr 220000 Mann. Auch die Schlachten des deutsch-französischen Krieges bieten kein wesentlich verändertes Bild. Bon den Kämiyfen des russisch-ttirkischen Krieges 1877/78 lassen sich keine zweifellos zutreffenden Schlüsse ziehen, weil die bedeutsamen Kämpfe um das eingeschlossene Plewna aus- gesochtcn worden sind, und die Kräfte dabei zu ungleich waren. Erst in der neuesten Zeit ist tn Bezug auf die AusdehirnNgj der Schlachtfront ein bemerkenswerter Wandel durch die austep- ordentliche Vervollkommn:mg der Waffen eingetreten. Der russisch- japanische Krieg hat militärische Tatsachen vor Augen geführt, die alle bis dabin gültigen Regeln über die Ausdehnung der Ge- sechtssronten erschüttert haben. Um nur einige Beispiele ans dein Verlauf dieses Feldzuges herauszugreifcn, sei nur erwähnt, daß tu der Schlacht am Scha-Ho die Frontlänge der Russen Mit 200 000 Mann 55— 60 Kilometer betrug. Ihnen gegenüber standen die Japaner, etwa 170 000 Mann, in einer Ausdehnung von 60 Kilometern. Diese Schlacht ist darum für die Beurteilung der Frontbretten von Bedeutung, weil beide Gegner angrifssweise vor- gingen, so daß diese breit« Front nicht etwa durch eine verschanzt« 564 Stellung erklärt wird, und ferner, weil die Kämpfe einige Tag« lang fortgesetzt wurden, ohne daß dt« Ausdehnung der GefechtSfrvnt wesentlich verändert worden wäre. Die verschanzte Stellung der Russen bei Mukden war noch breiter. Sie war ursprilnglich nicht etwa als eine Stellung für die Schlacht gedacht, sondern man blieb einfach an jenen Punkten mit den Matzen stehen, wo dis Angriffs- und Verfolgungskrast des Feindes erlahmt war. Die Abschätzung langer Frontbreiten ergibt sich am treffendsten aus dem Beispiel, daß in der deutschen Front bei Gravelottü durchschnittlich auf jeden Kilometer 13 000 Mann, in der japanischen bei Mukden nur 2800 Mann gestanden haben. Auf derartig breiten Fronten aber ist di« Fcuerltni« niemals fast lückenlos; es ergibt sich die» schon mcs der Beschaffenheit des Geländes. Wer angreist, wird die vom Feuer des Gegners leicht bestrichenen Räume meiden, und sie besser durch Artillerie halten lassen. Was in den unbesetzten Strecken an Streitern gespart wird, das verstärkt die Summe der zurückgehaltenen Kräfte. Die Reglements- und Ausbildungsvorschriften aller Armeen aus der neuesten Zeit tragen nun den Erfahrungen in Ostasien Rechnung und nehmen schon, auf die erweiterte Ausdehnung der Gesechtsfron- t is n Bedacht. Und dah diese Vorsorge richtig und zeitgemäß war, das ergibt sich aus der Tatsache des wochenlangen harten Ringens in Nordfrankreich in der gewaltigen Frontbrefte. Lg. vermisste». »WieeinJtaliencrdiedeutschenTruppensah. Die italienischen Kriegsberichterstatter, die auf ihren Fahrten durch das nördliche Frankreich in die deutschen Linien gerieten und gefangen genommen wurden, schlldern jetzt in spaltcnlangen Briefen vie Wechselfäll« ihrer Gefangenschaft, die schließlich in Aachen ein Ende nahni. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, daß diese Italiener, di« bisher in ihren Pariser Briesen durchaus unter dem sranzöfischen Einfluß standen, bei dieser ersten näheren Berührung mit den deutschen Soldaten ganz offensichtlich ihr Urtell S indern und unseren Tapferen im.Felde mehr Gerechtigkeit wider- ahren lassen. Das ist umsomehr anzuerkennen, als sie persönlich recht unangenehme Erfahrungen machen mußten und die Fahrt im Eisenbahnwagen nach Aachen, di« sie inmitten von Turkvs zurücklegen mutzten, ihnen als einer der schlimmsten Augenblicke ihres Lebens erscheint. Carlo Scarfoglio erzählt in der „Stampa", wie er im Gespräch mit deutschen Offizieren und in fernen Erlebnissen im deutschen Laaer durchaus nicht die bei den Franzosen herrschende Meinung bestätigt gesunden habe, daß sich bei den deutschen Truppen Mizeichen der Demoralisation bemerkbar machten' beide Parteien glaubten am Vorabend eines großen Sieges zu sein, und wären eirtschlosscn, den Krieg bis aufs äußerst« zu führen. Ms Scarfoglio dre deutschen .Soldaten näher kennen gelernt hatte, schilderte er sie folgendermaßen: „Diese Soldaten sind brave Leute. DaS Leben, das sic führen, ist von einer kindlichen Einfachheit. Um einen großen Tisch sitzend, unter dem Licht von Lanrpen scherzen und lachen die Leute mft dem blonden Bart und den viereckigen Gesichtern, di« an die Wikinger erinnern, von denen sie abstammen. Sie rauchen große Pseifen oder Zigarren und Zigaretten, die sic unaufhörlich als Geschenke erhalten. Mr sehen gerade viele davon mit der Wendpost ankommen. Der Offizier, der sie verteilt, liest mft lauter Stinrme einen Namen, und der aufgerufene Soldat antwortet mit einem Scher», der den ganzen Saal in Heiterkeit versetzt. Im allgemeinen muß ich sagen, daß ich nichts von der völligen Trennung zwischen Offizier und Soldaten bemerkt habe, von der man in Frankreich fpricht: im Gegenteil herrscht eine schöne Bertraiflichkeit zwischen beni deutschen Soldaten und.seinem Offizier. Die Ausführung der Befehle ist streng, aber die Disziplin ist tvenigstens in Kricgszeften viel biegsamer, als man im Auslande glaubt. Das ist der Grund, weshalb die französischen Zeitungen unrecht haben, wenn fte von den von ihren Offizieren gepeinigten Soldaten und von Regimentern, die mit Schlägen zum Feuer geführt würden, sprechen. Ich habe nicht eine einzige Brutal,tät gesehen..." * Die „dicke Bertha". (SÖte Spitznamen entstehen.) Als das berühmte 42-Zentimeter-Geschütz, di« größte Ueber- raschung des gegenwärtigen Weltkrieges, zum erstenmal vor Lüttich in Tätigkait trat, konnte es nicht ausbleiben, daß iwn der Soldatcnhumor seinen Spitznamen beilegte. Denn berm Militär entgeht nieniand und nichts seinem Spitznamen, von, Kommißbrot, der „Kaiser-Wilhelm-Torte" über den Mottenmajor (Kammerunteroffizier) bis zum Träger der Sieglackshose oder der Sieg- lackSburen, dem General. Kaun, waren die neuen Geschütze auf dem Plan, so waren für sie schon unter den Soldaten Scherzbc- zeichnungen im Schwange wie „Jericho-Kanone", „Brummer", „faule Grete", „dicke Marie", „dicke Barbara" usw Seitdem der erste hohenzollernsche Fürst in der Mark gegen die Zwingburgen der Quitzows die bekannte „faule Grete" hatte ausfahren lassen, die freilich sehr fleißig gearbeitet, aber wegen ihrer schweren Beiveglrchkeit den angeführten Beinamen erhalten hat, müssen sich gewöhnlich alle überniäßig großen Geschütze die Bezeichnung ,,wuI.e^Grete" gefallen lassen; in Berlin hieß so bis zum Jahre 1870 dre in, Zeughaus« aufbewahrte zun, Geschlecht der Mauerbrecher gehörende große Lübecker Kartaune, jetzt gilt d« im Kastanienwäldchen aufgestellte vom Mont Balßrien bet Pari» stammende „Bullerjahn" im Berliner Bolksmunde als „faul« Grete". lBei den, Spitznamen „dicke Barbara" hat man an dm heftige Barbara zu denken, die der deutsche Artillerist, auch de»! protestantische, als seine Schutzpatronin verehrt. Nun wurde auf einmal aus Essen, der Heimat der 42er Kanons, die Mitteilung verbreitet, daß dort dieses Geschütz di« Bezeichnung „Die fleißig« Bertha" führt. Das Wort ..fleißig" sollte den direkten Goacrffatz zu der Bezeichnung „faul" in dem Spitznamen „faule Grete" darstellen, nrft dem Rainen ,Bertha" sollte Frau Bertha Krupp, die Besitzerin der grüßten Kanonengießcrei der Well, in der diese- Weltwunder geschaffen jwurde, geehrt werden. Der Soldatenhumor nahnr von dieser Benennung Notiz, aber nur zur £>älfl er.nennt seitdem das