Kinderseele. Roman von Rcinhold Drtmantt (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Aber jeder andere an Ihrer Stelle würde wahrschetn- ltch das gleiche getan haben. Sie konnten —" Ec ließ sie nicht «usreden. „Wenn ich meine Fran geliebt hätte, wenn sie mir nicht wie eine Fremde gewesen wäre und wie eine drückende Last auf meinem Leben —> dann würde ich in jenler Stunde sicherlich anders gedacht und gehandelt haben. Nicht meines Jähzorns klage ich wich a», sondern der schmachvollen Lüge, die meine Ehe fast seit ihrem Anbeginn gewesen ist, und der ich längst hätte ein Ende machen müssen. Es kommt jetzt nicht mehr darauf an, wer von uns beiden für diese Luge verantwortlich zu machen war, es handelt sich nur noch darum, daß sie daran sterben muhte. Oder daß sie daran sterben wollte, was ja für mich noch tausendmal schlimmer ist." Jetzt begriff Margarete freilich, was in seiner Seel« Vorging, und sie wußte, daß sie ihn von diesem Augenblick än geliebt haben würde, wenn nicht schon längst all ihr Fühlen und Denken nur noch Liebe gewesen wäre. Sie verstand alles, sie sah, haß die schlimmste Gefahr, die ihn bedrohte, nicht von außen kam, sondern aus der erbarmungslosen Selbstqual, in der er sich verzehrte. Mit der impulsiven Entschlossenheit des liebenden Weibes wandte sie sich darum gegen diese Gefahr. „Noch ist nicht bewiesen, daß der Tod der Baronin ein freiwilliger war. Ein unglücklicher Zufall kann seine Hand im Spiele gehabt haben. Es kann auch das Verbrechen eines anderen gewesen sein, dem sie zum Opfer siel." Bardeleben sah sie traurig an und bewegte verneinend den Kopf. „Sie meinen es gut, aber mit Dietlindes Erzäh- tung ist für mich auch der letzte Zweifel gefallen. Urteilen Sie doch selbst! Ehe ich am Abend noch einmal nach dem Wirtschaftshofe hinuberging — Sie werden sich ja vielleicht erinnern, daß Sie mir auf der Treppe begegneten — hatte ich aus einer von dem Diener herausgebrachten, noch mit dem Originalverschlutz der Fabrik versehenen Kognakflasche mit eigenen Händen die Karaffe auf meinem Schreibtisch gefüllt. Es ist doch wohl absolut sicher, bah zu solcher Stunde außer meiner Frau niemand mehr jene Zimmer betreten hat. Als ich dann später zurückrehrte, füllte ich aus der Karaffe eines der beiden Gläser und hätte es geleert, wenn ich nicht durch den Eintritt und die Anrede meiner Frau daran gehindert worden wäre. Wie sich die Dinge cheiter zugetragen haben, wissen Sie aus der Erzühlustg Meines Kindes. Der Anfall, der mich veranlaßte, nach dem Mädchen zu laufen, mag ja wohl erheuchelt gewesen sein/ hie Verzweiffnng aber, die die Unglückliche tr-irb, unmittelbar nach meiner Entfernung das tödliche Gift in das erste beste Getränk zn schütten, das ihr zur Hand war, fft sicherlich nicht erheuchelt gewesen. (Sin fremdes Verschulden ist da ebenso vollständig ausgeschlossen wie ein unglücklicher Zufall. Schuldig ist nur der, der sich anklagen muß, der Urheber ihrer Verzweiflung gewesen zu sein. Und seinen Namen brauche ich Ihnen jetzt ja nicht mehr zu neunen." Margarete sah keine Möglichkeit mehr, ihn *n einer anderen Auffassung zu überreden, und dabei dachte sie plötzlich au die kleine Szene zwischen der Barvniu und Reibnitz, deren unfreiwillige Zeugin sie unten im Speisezimmer gewesen war. „Was Sie sich da zum Borwurf machen," sagte sie, „ist doch nur eine Angelegenheit Ihres eigenen Gewissens. Es hat jedenfalls nichts zu schassen mit dem schrecklichen Verdacht, von dem Sie sich bedroht sehen. Gegen diesen Verdacht aber müssen Sie sich wehren mit allen Mitteln, die Ihnen zu Gebote stehen. Sie müssen es, Herr Baron f „Nun, wir werden ja sehen," entgegnete er, wie wenn er damit allen weiteren Vorstellungen ein Ende machen wolle. „Aufs Blutgerüst öder ins Zuchthaus wird man mich ja vermutlich nicht schicken, auch wem, ich mich durch die Verweigerung irgendwelcher Auskünfte über das Elend meines Ehelebens vorläustg noch verdächtiger machen sollte, als ich es schon bin. Das Kind aber muß aus dem Spiel bleiben. Wollen Sie mir einen neuen Beweis Ihrer opferwilligen Güte geben, so kann es auf bessere Weise geschehen als durch den Versuch eines Beistandes, der mir wahrscheinlich nicht das geringste nützen würde. Es liegt mir daran, die Kleine vor jeder Berührung mit den Dingen bewahrt zu sehen, die sich in der nächsten Zeit hier ereignen könnten, und ich mache Ihnen darum den Vorschlag, sobald als möglich, am liebsten schon morgen, mit dem Kinde abzureisen. Irgendwohin, au die Riviera, nach Italien — oder wohin Sie sonst wollen. Auch Sie müssen sich ja wie erlöst fühlen, wenn Sie das Dach dieses Hauses nicht mehr über Ihrem Kopfe wissen." „Nein," hauchte sie mit zitternder Stimme. „Ich hoffe. Sie werden das nicht im Ernst von mir verlangen." .Fürchten Sie die Strapazen der Reise? Oder die Last der Verantwortung? Sie können ja Joseph« mitnehmen, falls die Herren vom Gericht in der Entfernung dieser wich- ttgen Zeugin nicht etwa einen Berdünkelungsversnch erblicken sollten." „Nicht deshalb bitte ich Sie, bleiben zu dürfen, Herr Baron. Ich werde Dietlinde auch hier zu schützen wissen vor jeder Berührung mit Dingen, die ihre kindliche Unbefangenheit gefährden könnten. Ich verspreche Ihnen heilig, daß ich sie hüten will zn jeder Stunde, daß nichts Häßliches ihr nahe kommen soll. Und wenn Sie daran zweifeln, daß ich dies Versprechen zu erfüllen vermag, so ist doch auch noch das gnädige Fräulein da, Um —" Er streckte ihr den Brief Jadwigas entgegen, den er mit raschem Griff vom Schreibtisch ausgenommen hatte. „ßejeH Sie!" sagte er, da sie betroffen zaudette. „Ich ersuche Siel darum," 630 — Ms sie die Hand mit dem Blatte Mieder sinken ließ, lag der Ausdruck eines auS den edelsten und reinsten Empfindungen geborenen Entschlusses wie ein verklärendes Leuchten über ihrem schönen, ernsten Gesicht. „So will ich die Vev- antwortung allein auf mich nehmen. Ich bin stark genug, sie zu tragen. Vertrauen Sie die Unschuld Ihres Kindes ohne Sorge meinem Schutz an, Herr Baron! Nur lassen Sie Mich hier!" „Aber warum wollen Sie durchaus hier bleiben — Warum?" ^Meil ich jetzt an keinem anderen Ort sein könnte, weil ich fern von hier vergehen müßte vor Sorge und HerzenÄ- angst." Er stand neben ihr und sah auf sie herab. „Vor Herzensangst? Um wen, Margarete?" Sie hob ihre Augen zu ihm empor mit dem klaren Blick einer reinen, starken Seele, eines liebenden Herzens. Da neigte Harro v. Bardeleben sein Haupt und küßte Mit bebenden Lippen leise wie in Ehrfurcht ihre weiße Stirn. ,/So bleibe bei mir, Margarete! Und sei mein guter Engel, Wie du bis heute meines armen Kindes Schutzgeist gewesen bist!" * Margarete stieg die Wendeltreppe empor wie im Traum. In ihrem Kopfe war kaum ein klarer Gedanke und sicherlich tichts, das einem verlockenden, glückdurchsonnten Zukunfts- itlde ähnlich gesehen hätte. In ihrer Seele aber war eine östliche, himmlische Ruhe, ein Gefühl, als seien Leid und stot nun für immer abgetan, als könne ihr das Leben keine Dualen und keine Schrecknisse mehr bringen nach diesem lugenblick. vo ich weiß, daß er der Mama damals nichts getan hat, jetzt brauche ich mich ja nicht mehr vor dem Papa zu fürchten." „Dazu hättest du niemals Ursache gehabt, Dita; aber i mmer, immer hättest du Ursache gehabt, ihn zu lieben, denn r ist so gut —s er ist der edelste, der beste aller Menschen." „Aber wenn er der Allerbeste ist, dann mußt du ihn doch auch lieb haben. Sage mir, liebe, liebe Margarete: hast du den Papa auch lieb? Während ihr die heißen Tränen einer unnennbaren Glückseligkeit über die Mangen rannen, hauchte das junge Mädchen, das Gesicht in dem Kissen verbergend: ,,Ja, Dita, ia! Viel tausendmal miehr, als du es fassen und begreifen kannst!" 28 . Kapitel. Verlegen war Rudolf Brehmer auf der Schwelle des 5 leinen Einzelzimmers stehen geblieben, dessen Tür ihm die Krankenschwester mit dem stillen, sanften Diakonissengesicht ßeöffnet hatte. „Er scheint zu schlafen," flüsterte er. „Da darf ich ihn doch wohl nicht stören?" Aber so behutsam leise er auch gesprochen hatte, der E riche Patient auf der schmalen, eisernen Lagerstätte mußte doch gehört haben; denn die Lider hoben sich langsam »r die tief in ihren Höhlen liegenden Augen. „Täusche ich mich nicht?" sagte er heiser. .„Sie sind wirklich Auf den Fußspitzen war der Buchhalter an daS Bett getreten, während die Schwester hinter ihm die Tür ins Schloß dritche kleiden will. „Daß ich s „Nein, nick willst, lieber al Dietlinde „Ja, Herr v. Reibnttz, ich bin Rudolf Brehmer, de« ehenrslige Bräutigam Regines. Me find doch nicht böse darüber, daß ich komme?" Der Gefragte verzog die blaffen Lippen. Aber es wa« nur noch wie ein Schatten seines alten fpöttischen Lächelns. Matt streckte er dem ersichtlich noch immer mit einer starken Befangenheit Mmpfenden seine abgezehrte Hand entgegen. „Wenn inan auf dem letzten Loche pfeift, mein lieber Herr Brehmer, muh man sich das Bösefein schon cchgewöhnen. Es ist sehr nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich glaube, Sie sind einer der gutmütigsten Menschen mif diefer miserablen Erde." Der Buchhalter wurde rot. „Oh, Herr v. Reibnttz, Sie machen sich lustig über mich!" „Ach nee, mein Bester! Danach ist mir eigentlich nicht zumut. — Aber warum ist denn Regine nicht mit Ihnen gekommen? Na, Sie brauchen nicht so zu tun. Ich weiß ja, baß Sie in ihrem Geschäft arbeitet. Sie ist eine viel zu redliche Seele, als daß fte's hätte verschweigen können. Und wenn Sie sich durch die Unwiderstehlichkeit Ihres guten Herzens das Mädel zurückgewinnen können — mir macht'S reinen Kummer mehr. Darauf können Sie sich verlassen." Rudolf Brehnrer schaute vor sich nieder und drehte feinen Hut zwischen den Ungern. Zu antworten braucht« er nicht, ein heftiger und doch unheimlich kraftloser Husten des Patienten machte für die Dauer von Minuten rede weiter« Unterhaltung unmöglich. Aber der Besuch mußte Reibnttz doch zur Gesprächigkeit gestimmt haben, denn sobald er nur notdürftig wieder zu Atem gekommen war, begann er aufs neue: „Es ist mir sogar lieb, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, nochmal miH Ihnen zu reden. Wenn man hier so liegt und hustet und weiter nichts zu tun hat, als zu horchen, ob nicht schon eil» gewisser Knochenfinger an die Tür klopft, da macht man sich so allerlei Gedanken. Und die erfreulichsten sind es geradg nicht — das dürfen Sie mir schon glauben. Das mit der Regine — na, ich will mich nicht reinwaschen, wenn ich's auch vielleicht nicht ganz so schlimm mit ihr im Sinne hatte, wie es nach Ihren Begriffen scheinen mag." ,^Jch bitte, Herr v. Reibnitz, Sie hatten gewiß zuletzt die besten Absichten und —" „Na, nun könnte ich Ihnen ja vielleicht zurückgeben, was Sie vorhin über das Lustigmachen fügten. Die besters Absichten, wenn man dabei von einem Todeskandidaten spricht! Es ist beinahe komisch, mein Lieber! Nee, von Absichten irgendwelcher Art ist da keine Rede inehr. Aber einen Munsch hätte ich freilich, den Wunsch, das Mädel gut aufgehoben zu wissen, noch ehe — na, Sie wissen schon, waH rch meine." e-Sie halten sich für kränker als Sie sind, Herr v. Reibe nitz. Bei Ihrer Jugend und bei der sorgfältigen Pflege hie« im Krankenhause—" „Lassen Sie nur, Verehrtester! Wissen Sie, wie mast meine Krankheit nennt? Galoppierende Schwindsucht! Wirklich ein hübscher Name. Es liegt so was Schneidiges darist und so was erquickend Unzweideutiges. Bei mir scheint de« Galopp sogar noch cm bißchen schneller zu gehen als sonst wohl. Manchmal ist mir's, als könnt' ich nur noch um eist paar Nasenlangen vom Ziel entfernt sein. Wenn Sie also was Gutes mft der Regine Vorhaben, so machen Sie mir lieber gleich auf der Stelle die Freude, es mich wessen zu lassen. Bet Leuten, die es so eilig haben wie ich, ist mast nie sicher, ob man sie noch mal erwifcht." „Herr v. Reibnitz —: es ftrt mir auftichtig weh, wenn ich Sie so sprechen höre. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen baldige und volle Genesung. Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung ist, so gebe ich Ihnen gerne die Bersichei rung, daß Regine niemals verlassen sein wird, solange sie es nicht verschmäht, meine Freundschaftsdienste anzunehmen." „Daß soll ein Wort sein, Herr Brehmer — geben Sie mir Are Hand darauf! Wenn Sie nur vorläufig ihr guter Freund bleiben wollen — da? wettere findet sich nachher schon ganz von selbst. Aber Sie sehen aus, als ob Me auch Ihrerseits was auf dem Herzen hätten. Schießen f te nur loS, wenn es so ist. Irgend was Besonderes dürfen ie freilich von mir nicht mehr verlangen." (Fortsetzung folgt-! »81 — rronftantinopeler Stimmungen. Bon Georg Kletbömsr. K o n st a n t i n o p e l, im September. Konstantin»pel im Freudentaumel! Und heute nun schon den Hostien Tag. Eben noch zieht an meinem Hause ein Menschenzug wrüber; sie folgen einem Trommler und drei Fackelträgern und ingen dazu türkische Nationallieder. Das ist Nur ein kleiner Zug, wnn wir leben im stillen Winkel der groben Stadt. Drinnen in *n Hauptstraßen Stambuls, auch drüben jenseits des Goldenen jorns in Pera, da sind diese Kundgebungen Eindrucksvoller. Da lebt man vor den vielen Fahnen oft nichts von den Straßen, lnd da alle südlichen Völker Freude an Lichtern haben, so wird iien roub rt schlicht gehenI Deutschland, Oesterreich, Rumänien, Bulgarien, Türkei: da ist Rußland rings erngesckstos- sen. Wohin soll es noch? Blecht ihm nur der Weg m dre Lust! Lieber Alter! Deine Vorstellung von der geographischen Lage der Staaten tut einem Sebutmeister allerdings tveh, aber für deine gute Gesinnung Deutschland gegenüber trotzdem: Bravo! Die Tertvische, die Mönche des Islam, sagen zu uns: „Wir beten für Deutschlands Sieg!" Ein ergenarttger Gedanke sür den, der den seltsamen religiösen Hebungen in ihren Klöstern beigewvhnt hat! Nicht im Kloster in Perm, das durch Baedekers Empfehlung zum Sammelpunkt der Durchreisenden und bei den Derwischen ein Geschäftsunternebmen geworden ist: aber wenn wir ln einem versteckten Winkel der großen Stadt in ein Tekke (Kloster) gingen, da.fiel uns sofort die Welt ab, in der wir lebten, und eine ganz andere Welt, die des alten echten Islam, tat sich uns auf. Orientalisch die Umgebung, orientalisch die Gesänge, orientalisch die Tanzbewegungen, die sich steigern bis zum Hellen Wahnsinn! Orientalisch dieser Kickt, überhaupt dieses ganze Empfinden, und in dieser Umgebung Mrd für Deutschlands Sieg gebetet! Für Deutschland, das Land modernsten Denkens, das Land, das den Willen hat, moderne Kultur mit Macht zu verbreiten auch im Land dieser Derwische! Zwei Gegensätze, und nur in einem übereinstimmend: in der echten, wahrhaften Grundlage ihrer Kultur! _ Reitertod. Bon Waldemar Bonsels, Bor wenigen Tagen habe ich die Nachricht erhalten, daß eftrer meiner Freunde, der als Offizier der Reckerei deit großen Feldzug gegen Frankreich mitgemacht hat, schwer verwundet in einem Münchener Lazarett läge. Er erzählte mir kurz vor seinem Tode diese Einzelheiten, Ich wckl sie dem Dunkel entreißen, in das sein reiches Herz mit vielen tausend anderen in diesen leuchtenden Lebens- und Sterbenstagen gesunken ist. „Niemand begreift dies glühknde Etwas," sagte er zu mir, „das die Menschen Krieg nennen und in Friedenszeiten fürchten wie Kinder etwa den Teufel oder irgend ein anderes Gespenst, das sie aber niemals erleben, und dessen Begriff deshalb sür sie in gleichem Maße leer wie düster geworden ist. Auch wir vom Beruf der Waffen haben es nicht gewußt, denn die Phantasie reicht nicht auch dies grausige Hochgericht der schrecklichsten Mmschentat zu ermessen. Vernähe möchte ich sagen: Wenn wir Menschen den Krieg wahrhaftig begreisen könnten, so würden wir niemals einein führen." Sein bleiches Gesicht bewegte sich nicht in der starren, weißen Umrahmung der Verbände und die Augen des Sprechenden waren immer aus einen Punkt gerichtet. Es erschien mir, als läge dieser Punkt in unabsehbarer Weite, in Fernen, in die meine gesunden! Augen niemals reichen würden. Aber mir war unter den eintönigen Lauten, die wie verstehbare Seufzer aus den farblosen Lippen hervorkamen, als würde auch für mich und auch sür Euch, die Ihr jetzt meinen Worten lauscht, einmal die Stunde kommen, m der wir solche Fernen zu sehen vermögen. Ich wünsche wir, mein Herz möchte einst in gleicher Bereitschaft einer heldenhaften Freude des Abschieds schlagen. Mein Freund fuhr fort, die inhaltlose Geschichte seines gewaltigen Erlebnisses zu erzählen: „Morgens die Trompete, die Frisch«, der stählerne Himmel, die unbeschreibliche Erinnerung an unerhörte Ereignisse, die uns weckten! Ich meine oft, ich habe in Wochen Jahrhunderte durchlebt! Als rauschten mft dem erlöschenden Odem der Sterbenden auf den Schlachtfeldern die Lebensjahre ihrer jungen Leiber an uns vorüber, alle jene Jahre gesunden Daseins, die sie dem Vaterland darreichen. Welche Gaben! Glaub' mir, die Dichter der alten Völker haben recht, ivenn sie weinende Götter auf die Schlachtfelder niedersteigen lassen. Aber Furcht, Beklemmung, auch nur Sorge, wir haben sie nicht gekannt. Weit eher in den Ansenblicken, als wir wußten daß es galt hinauszuzieben, als im dichtesten Eisenhagel. Ich sage dir, der Krieg ist ein Glück für uns Kämpfende, ein niegeahntes, heftiges, glühendes Glück. Ihr lebt euer langes, stilles Leben dahin, als tränkt ihr einen Becher der Genüsse und der Qualen langsam, Schluck für Schluck, zwischen langer Ruhe und toter Zcft einmal wieder von Herzen genießend, aber wir stürzen ihn brennend vor Lebenswollust auf einmal herab und stoßen mft dem Tod wie mit einem Bruder an. Das ist ein herrliches, helles Gelage, Freund! Aber ich wollte dar ja erzählen, wie es zuging, als es mich ereilte. Warte, ick werde mich besinnen. Wrr rftten, natürlich, so ziemlich schon seit der Frühe, es galt, die englische Armee zu umzingeln." Einen Augenblick kam ein Lächeln der Erinnerung rn seine Züge. „Weißt du," sagte er, „das konnte auch der beste General nicht voraussehen, daß die Englärrder so rasch . . . nurt, ihr wißt es ja, Soll ich die armen Kerle lästern? Aber wenn sie nur so lange Stand gehalten hätten, wie man es selbst von schlechten Soldaten, deren Flucht man voraussieht, im allgemeinen erwartet, wrr hätten sie alle gehabt. Prachtvoll ist es, so mit dem Pferd zu verlvachsen, erst fehl bem Errege weiß ich, was rechte Gemeinschaft von Tier und merter ist. Man kommt sich oft abends auf ebener Erde wie eirt entwuTjeUet Bäum vor. Nun, du nullst sicher wissen, wie es mir geschah, aber so ernstlich ich mich besinne, ich erimrere mich nur, daß mir plötzlich zu Mute war, als hätte ich keinen Kontakt mehr mft dem Pferd. Der Gaul ist demoliert, denke ich, wo will er bötrt hin. Aber dann sah ich, daß der Hunmel herunterkam, er dreht« sich um die Erde, wie eure Hand um einen Ball, der Acker versank/ der Wald. Ich habe oft gehört, daß es Verwundeten dunkel vor den Augen werden sollf ich sah nur Licht, ein unerhört grelles, schneidendes Licht, das mich von oben bis witen ansstftlte, und dann vernahm ich ein sehr hohes, schmerzt,aft gellendes Stngmi und Schwirren und weiß genau, daß mein letzter Gedanke war» „Nur nrcht fallen, es wird vorübergehen! Aber da muß ich längst am Boden gelegen haben." „ Ge schwieg ritte Weile. Dann sagte er leise mit einem unbv- schrriblichen Lächeln: „Schmerzen? Vielleicht habe ich geschrieen, gewimmert, was weiß ich. Mein Schmerz ist, dabei gewesen zu sein und nichts getan zu haben, nichts mehr geben zu könne»». Oft denke ich, wenn ich hier zur Decke starrft: Draußen auf bellt blauen, wogenden Gebäuden des Meeres, ttef unter seiner kältest Decke, hoch in den Lüsten, überall sind sie am Werk, frisch, wild., selig. Alle noch in jenem Glücksrausch der Tat befangen, dem ich die schönsten Stunden meines ganzen Lebens verdanke. Ja, ich möchte gesund werden, aber nur >um dieses alles noch einmal zu erleben, glühender noch, noch viel hingedender. Ich habe noch nichts getan. Du siehst, nicht einmal etwas Rechtes zu erzählest habe ich." f ch wandte mich ab. Ich sah im Geist das wächserne Gesicht, essen Kinn und Wangen der Bartwuchs graue Schattest legte, und aus dem der Jugendglanz eines ewigen Jünglingch, allers leuchtete, und zum ersten Mal begriff ich den Krieg. „Du hast alles gesagt," antwortete ich, und er lächelte stol», als glaube er mir, und als beglückte es ihn, daß daS Unattssvrechliche in mein Herz gesunken war. Jetzt schläft er mit Tausenden im Schatten der heimatliche» Erde und unaufhörlich gebt mir durch die erschütterten Sinns sein Wort: „Ich sah nur Licht." vüchertisch. — Flemmings Karte für das türkisch« Inter» essengebiet nick die Grenzgebiete mft Rußland, BatkaNftra- ten, Großbritannien, Italien und Persien. Maßstab 1:10 Mtll. Preis 1 Mk. Der stattlichen Reibe von Karten für die Schauplätze der einzelnen politischen Vorgänge ist von der Firm» Carl Flenrmirrg, A.-G., Berlin und Glogau mrn auch rin weiteres Blatt binzugefügt worden: Eine Karte für das türkische Interessengebiet. Dre Karte zerfällt in 4 Teile: 1. eine lieber- srchl über die gesamten hier in Betracht kommenden Ländergebie» von ?lden im Süden, Moskau im Norden, Britisch-Jndien im Osten und Gibraltar im Westen. 2. Karte des Schwarzen Meeres mit der angrenzenden Türkei, Rußland, Rumänien und Bulgarien. 3. Karte von Aegypten, dem Roten Meer, Palästina Arabien, Persien und der angrenzenden Türkei. 4. Karte des Aegäischen Meeres, Bosporus, Marrnara-Meei und Dardanellen mft der angrenzenden Türkei und Griechenland u>ft> 5. Soeziap- kartvns der Straße der Dardanellen, des Bosporus und von Kvnstanttrwpel, — Auch diese Karte ist vorzüglich beschriftet, außerordentlich übersichtlich und für die kommenden Errigzftss« ein unentbehrlicher Führer. Sie ist ausschließlich drrrch den Buchhandel, nicht durch den Verlag, zu beziehen. Arithmsgriph. 1 S 5 7 N weidllcker Vornamen. 2 8 l 9 12 3 deutscher Dichter. 3 9 2 12 österreichischer Feldherr. 4 9 19 10 II 1 rin Gebäck. 5 12 12 Nebenfluß der Donau. 8 2 1 3 II 12 eine Münze. 7 2 9 8 11 1 5 Volksstamm ln Ostafrika. 8 9 1 9 7 Sladl in Ungarn. 9 12 8 2 5 1 1 9 eine Insel. 10 11 5 I 11 Werkzeug. 11 2 1 II ein Vogel. 12 11 2 12 9 2 6 II schmackhafter Fisch. 123456789 10 11 12 Stadl am Rhein. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummert Weiß. Schwarz. 1) Ta2 — a7 Qk5 n. e 6 am besten. 2) T a7 — e7 f und Matt.