Kinderseele. Koman von Reinhold Ortmann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) r ~' „Von einem Schrei? Das ist seltsam. Was für ein Schrei war das?" „Er klang wie ein Anskreischen der Angst oder des Entsetzens oder des furchtbarsten körperlichen Schmerzes. Und er kam aus dem Munde einer Frau." „So waren Sie die einzige im Hause, die etwas Derartiges gehört hat. Aber fahren Sie, bitte, fort." „Ich war munter geworden und lauschte. Weil aber jetzt alles still blieb, glaubte ich, daß ein lebhafter Traum mich getäuscht habe, und schlief, von der Müdigkeit überwältigt, fast sogleich wieder ein." „Und woraus schließen Sie jetzt, daß es etwas anderes gewesen sei als ein Traum?" „Daraus, Herr Baron, daß, ich doch nicht, toie Sie vnnehmen, die einzige gewesen bin, die diesen Schrei gehört hat." „Wer außer Ihnen will ihn vernommen haben?" „Dietlinde, Herr v. Bardeleben!" Er beugte sich vor, und sie sah, daß sein Gesicht ganz fahl geworden war. „Dietlinde? —i Und das — das erfahre ich erst heute?" i „Auch ich weiß es erst seit diesem Abend. Me Kleine hat bisher zu niemandein davon gesprochen. Sie würde toohl auch toeiter geschwiegen haben, wenn ich sie nicht direkt gefragt hätte. Da konnte sie ihr Geheimnis nicht langer bewahren, denn ich bin überzeugt, daß sie lieber sterbeni würde, ehe sie mich belöge." „Verzeihen Sie, aber alles, was Sie mir da erzählen, sind für mich Rätsel — nichts pls Rätsel. Wie kamen Sie denn gerade heute dazu, Metlinde zu befragen?" „Weil ich an diesem Nachmittag erfahren hatte, daß man einen — einen schrecklichen Verdacht hegt in Bezug twf den Tod der Frau Baronin." „Bon wem haben Sie das erfahren?" „Von dem Herrn Oberleutnant Rasmussen, der hierher gekommen war und mich um eine Unterredung bitten ließ." „Was? Hier ist er gewesen — hier im Hause? Das hat er gewagt? Und um Sie zu sprechen?" "Das beweist mehr Wut, als ich meinem Herrn Schwager zugetraut hätte." „®et Herr Oberleutnant wußte wohl, daß er Sie nicht hntreffen würde. Er wär, wie es schien, Wer alles sehr genau unterrichtet." „Darf ich erfahren, was er Ihnen gesagt hat?" „M) kann es nicht wiederholen, Herr Baron, denn es war so unsinnig, daß ich zuerst allen Ernstes an deM Verstand des Herrn Rasmussen zweifelte." „Dann ist wohl kein besonderer Scharfsinn nötig, es zu erraten. Er hält mich für den Mörder seiner Schwester t—t ist es nicht so, Fräulein Otbmar?" Sie senkte den Kopf und schwieg. „Auf diese Mitteilung meines Schwagers hin also kam Ihnen der Gedanke, Metlinde auszufragen? — Eigentlich, mein liebes Fräulein, ist mir das noch nicht ganz klar." „Der Gedanke kam mir auch nicht sogleich. Aber ich war sehr bestürzt und aufgeregt über das, >vas ich gehört hatte, und ich bemühte mich, mir alle Eindrücke jener Nacht ins Gedächtnis zurüctzurufen. Da fiel mir auch etwas ein, was ich fast vergessen hatte. Me Verbindungstür zwischen meinem Zimmer und dem Gemach Metlindes hatte tveit offen gestanden, uird als mich der Schrei aufschreckte, war es mir gewesen, als sähe ich etwas Weißes. Bewegliches an der Türöffnung vorübergleiten. Ich hatte den Namen Met- lindes gerufen, aber keine Antivort erhalte». Und dann, wie ich schon sagte, war ich fast sogleich wieder eingeschläfen. Nun aber kam mir nicht nur bas wieder in den Sinn, sondern auch mancherlei Auffälliges in dem späteren Benehnren des Kindes. Da hielt ich es für meine Pflicht, sie zu befragen." „So toäre also glücklich auch das arme Kind mit in den Höllensabbat hineingezogen, der mich umspukt!" Er hatte es in grimmig bitterem Tone gesprochen, und Margarete war bis in die Stirn hinauf errötet. „Me Kleine hat selbstverständlich keine Ahnung, Herr Baron, weshalb ich sie gefragt, ob sie in jener Nacht ihr Bett verlassen habe. Wer wenn ich trotzdem etwas Unrechtes getan habe, so bitte ich um Verzeihung." Er winkte beschwichtigend mit der Hand. „Ich wollte Ahnen keinen Vorwurf machen. Erzählen Sie nur weiter!" „Metlinde bejahte ohne weiteres meine Frage und erzählte mir alles, was sie erlebt und gesehen." „Gesehen — sagen Sie? Gesehen? Das können doch nur Hirngespinste sein. Mnn wenn sie nicht etwa ihre Stube verlassen hat, was könnte sie dann gesehen haben?" „Darf ich wiederholen, was ich aus ihrem Münde erfahren habe?" „Selbstverständlich! Darum sind Sie doch gekommen." „Sie sagt, daß sie nicht habe schlafen können, und daß sie von einer schrecklichen Angst ergriffen worden sei, als sie nebenan heftige, streitende Stimmen gehört habe, die Stimme ihrer Mama und — und die Ihrige, Herr Baron! Zuletzt habe sie es nicht mehr in ihrem Bett ausgehalten und sei leise aufgestanden, um sich an die Tür zu schleichen, die in das Ankleidezimmer der Frau Baronin führt. Da habe sie durch das Schlüsselloch gespäht und habe durch die offenen Verbindungstüren der hellerleuchteten Gemächer deutlich bis in das Arbeitszimmer sehen können —" „Wetter! Weiter!" „Sie hat nichts von dem verstanden, was dort ge- sprachen ttmrbe; aber ,fle toiCC ttmfyr genommen Hab ein daß wre Mama plötzlich zu Boden glitt, genau so, wie sie es schon früher einmal bet einem Krankheitsfall der Frau Baronin gesehen hatte. Gerade vor dem Schreibtisch hätte sie jaus dem Teppich gelegen, und Sie, Herr Baron, hätten sie iausgehoben, nm sie zu dem Ruhebett zu tragen. Sie hätten sich dann überall n,»gesehen, als ob Sie nach etwas sucht- ten — „Es sind wirklich nicht bloß Phantasien, die Ihnen das Mnd erzählt hat," fiel er ein. „Fa, ich suchte nach einem Belebungsmittel für die Ohnmächtige. Erst, als ich keines fand, lief ich hinaus, um ein weibliches Wesen zll ihrem Beistand *u holen, denn ich fürchtete, es würde zn lange währen, bis auf mein Klingeln eines erschiene." „Auch daß. Sie das Zimmer verließen, hat Dietlinde gesehen. Und dann —>" Sie brach erschrocken ab, denn er stand plötzlich in seiner ganzen Reckengröße dicht neben ihrem Stuhl, und sie sah bas Zucken seiner Gesichtsmuskeln, als er sich herqbUeigte, um beinahe flüsternd zu fragen: „Und dann? Jä, was dann? Das eben ist's, was hier über Leben und Sterben entscheidet." Es war vorbei mit seiner Kraft, sich zu bezwiügen —i ganz und gar vorbei I Den sie in diesem Augenblick vor sich hatte, war nicht mehr der vornehm beherrschte Kavalier, sondern es war ein gehetzter, gepeinigter, von den grausamste» Seelenqualen halb gebrochener Mensch — ein Unglücklicher, dem ihre ganze Seele zuslog in heiß über- strömendem Mitgefühl. „Und dann, Herr Baron," sagte sie mit bebender Stimme, indem sie sich ebenfalls erhob, „sprang Ihre Frau Gemahlin aus — 1 fast in demselben Augenblick, wo sich die Tür hinter Ihnen geschlossen hatte, und trat in ihr Schlafzimmer. Lassen Sic mich Dietlindes eigene Worte wiederhole», denn ich habe sie mir so fest eingeprägt, daß ich sie wahrscheinlich mein Leben laug nicht mehr vergessen werde: „Dann war cs so, als ob die Mama etwas vergessen hätte. Sie ging noch einmal in Papas Arbeitszimmer zurück und nahm etwas vom' Schreibtisch. Als sie damit i» das Ankleidezimmer kam, konnte ich sehen, daß es ein kleines Glas war. Sie hatte ihr Gesicht nach mir gedreht, und sie lachte. Dann führte sie das Glas an den Mund und trank daraus. Aber wie sie es eben wieder auf den Tisch gesetzt hatte, neben dem sie stand, schrie sie ganz laut auf und faßte sich mit beiden Händen an den Hals und an die Brust. Daun fiel sie mit einemmale um, aber ganz anders als vorher, und mit dem Kovf gerade auf die Kante von dem Stuhr daß ich es deutlich hören konnte, wie sie anfschlug. Ich wollte mich schreien, aber ich konnte nicht. Und dann hörte ich, tvie man mich rief und mich fragte, ob ich wach tväre. Da schlich ich nach meinem' Bett zurtick und horchte bloß noch. Aber es dauerte noch eine lange Weile, bis ich wieder hörte, daß nebenan gesprochen wurde. Es war der Papa, und er rief: „Irma! Irma! Was ist dir?" Aber dann hörte ich, daß Josepha auch dabei war, gnd da dachte ich, nun wiirden sie der Mama getviß Helsen, und kroch ganz unter mein Deckbett, weil ich nichts mehr hören wollte." Das hat Ihr Kind gesehen, Herr Baron! Uno nun — nun ist doch alles klar?" Sie hatte hastig, fast überstürzt gesprochen, als könne sie die Worte, die ihm Erlösung bringen sollten, nicht schnell genug über die Lippen bringen, und sie war ganz außer Atem, als sie geendet. Bardeleben hatte die Hand über die -luge» gelegt, und dumpf, wie in hoffnungsloser Verzweiflung, kam es aus seiner Brust: „Fa, nun ist alles klar. Gehen Sie! Lassen ein I" wie betäubt, sah sie ihn a». Mer sie ing nicht. Und als sie erkannte, daß er nicht willens war, dr etwas Weiteres zu sage», hatte sie den Mut zu fragen, Habe ich ein Unrecht damit begangen, daß ich es Ihnen! erzählte?" Langsam ließ er den Arm herabsinken und schüttelte den Kopf. „Rein. Mer den Herren vom Gericht gelte ich trotzdem sitr den Mörder meiner Fra», tvenn sie auch einstweilen noch nicht den Mut haben, eS mir ins Gesicht zu sagen oder mich verhaften zu lassen. Mein Schwager Ras- musse» hat ihnen jedenfalls erzählt, daß ich diese Frau seit Jahren gepeinigt habe, und daß ich ein Interesse daran hatte, mir durch ihren Tod beizeiten den Besitz ihres Vermögens zu sichern. Solche Dinge tviegen schwer, wenn es Sie mich alles an jeder anderen Erklärung für ihr gewaltsames Ende fehlte Margaretes Glieder zitierten, und sie fühlte ihre Brust wie von einem eisernen Bande umschnurt. „Mer diese Ervas mein Verhalte» bestimmt? Natürlich werde ich mich entschieden gegen die Anschuldigung verwahren, ein gemeiner Giftmörder zu sein: darüber hinaus aber werde ich! kein Wort zu meiner Verteidigung verlieren. Nicht weil ich zu stolz dazu bin, sondern weil es nicht der Mühe wert ist. Ob mich die Welt dieser Schandtat verdächtigt oder nicht —* was bedeutet es neben der Anklage, die mein eigenes! Gewissen gegen mich erhebt!" „Ihr eigenes —" „Ich bin erstaunt, daß Sie, die Kluge, Feinfühlige, das nicht verstehen. Nun, vielleicht sträuben Sie sich auch nur oagegem es zu verstehen, weil Sie Mitleid mit mir haben." „Oh, Herr Baron!" „Verleugnen Sie dies Mitleid nicht, denn cs macht S hnen wahrhaftig keine Schande. Sie haben mtr's zu deut- ch verrate», als daß ich Ihrer Mlengnnng Glauben schenken würde. Daß es mir wohl tut, daß ich Ihnen dafür von! Herzen dankbar bin — ich denke, die Art, wie ich zu Ihnen spreche, ist Beweis genug dafür. Von allem, was Mensche» mir bis beute Gutes' getan haben, ist dies das allerbeste. Ich kaun'S Ihnen nicht lohnen; aber Wesen vvn Ihrer Art Pflegen zum Glück ja auch nicht mit Belohnungen zu rechnen." „Lassen Sie uns nicht von mir spreche»," bat sie leite.- ihr glühendes Antlitz zur Seite tvendeud. „Und wenn Sie —i wenn Sie wirklich gut von mir denken, so lassen Sie mich nicht in dieser Qual. Was sollte Ihr Gewissen Ihnen zum Vorwurf machen, daß Sie sich darum eine so furchtbare Buße auferlegen müßten? Um' Ihres Kindes willeß beschwöre ich Äe — „Nichts von dem Kinde! Ihm gegenüber habe ich mein« Rechte längst verwirkt. Erinnern Sie sich der Stunde, da! es sich mit Entsetzen von mir abwandte? Seit denc heutigen Abend weiß ich ja nun auch, warum es geschah. Mer wenn ich das auch nicht erfahren hätte, ich würde mir doch richtig! gedeutet haben, tvas halb instinktiv in dem jungen Herzen vorging. In de» Augen meines Kindes war ich der Mörder seiner Mutter schon, als ich es noch vor keinem anderen zu sein glaubte, als vor mir selbsts." „Herr v. Bardcleben —" „Warum starren Sie mich so entsetzt an? Haben Sitz denn während dieser ganzen zwei Monate nicht ein einzigess Mal gemerkt, wie es um mich stand? Nein, ich habe meiner Frau nicht nach dem Leben getrachtet, und ich habe meins — 627 — ! )'and nicht gegen sie erhoben. Aber ich babe gewußt, daß sio rank, daß sie herzleidend war und daß sie geschont werden Mußte. Ich hätte dessen eingedenk sein müssen, als sie mir an jenem Abend entgegentrat und tm Ton der Gebieterin von mir verlangte, ich solle einein Schurken gewissermaßen Abbitte leisten, solle ihn auch Weiter in meinem Hause dub- ben. Ich hätte sie mit milden Worten von der Unmöglichkeit ihrer Zumutung überzeugen sollen, ich hätte schweigen müssen — oder — ah, was weiß ich, was ich hätte tun sollen! Nur das eine durfte ich nicht, was ich wirklich getan habe. Ich! durfte nicht in loderndem Zorn auffahren und ihr nicht mit harter Rede verbieten, sich eines Unwürdigen, eines Elenden Vnzunehmen. Das, Fräulein Margarete, das war mein .Verschulden." v ! (Fortsetzung solgtl Kämpfe in der Nacht. In der Riesenschlacht auf den Feldern Nordsrankreichs werden Von den Franzosen die heftigen Nachtangriffe der Deutschen als besonders gefährlich empfunden, und wirklich scheinen sich diese Kämpfe im Dunkeln als ein wichtiges Mittel zu erweisen, um die volle Kraft des Feuers zu vermeiden, über die der Feind bei Tageslicht verfügen wücke, um sich dadurch leichter dem Gegner zu nähern und große Opfer zu vermeiden. In den Kriegen des Altertums und des Mittelalters, in denen im Nahkampf von Mann gegen Mann die Entscheidung fiel, haben die nächtlichen Uebersälle »ine große Rolle gespielt: ntan benutzte die Dunkelheit und die Verwirrung des Feindes, um ihni schwere Schäden beizubringen und ihn in regellose Flucht zu treiben. Je größer die Leere wurden, je gröber die Entfernungen waren, auf denen sie sich mit weittragenden Waffen eutgegenstande», desto mehr verlor her Nachtkampf an Bedeutung. Friedrich der Große, dem doch bei Hochkirch durch einen nächtlichen Uebersall eine der schwersten Schlappen bei- K iebracht wurde, die er je erlitten, war ein entschiedener Gegner sieser Gefechtsart, von der er sich keine nachhaltigen Erfolge ver- . „Was mich betrifft," so schreibt er, „so habe ich den Ent- gesaßt, niemals hei Nacht anzugreise», und zwar wegen »er Verwirrung, die inmitten der Finsternis entsteht: außerdem »edars die Mehrzahl der Soldaten der beständigen Aufsicht von seiten der Offiziere, da sie ihre Schuldigkeit einzig aus Furcht vor Strafe tun." Bei dem Söldnerwesen, mit dem auch der große König noch zum Teil zu rechnen hatte, wurde ja des Nachts eine besonders günstige Gelegenheit zum Desertieren geboten. Wellingion hielt einen Nachtkampf nur nach genauen Erkundungen füv möglich. „Ich habe mich überzeugt," erklärte er, „daß mau den abwartenden und verschanzten Gegner nicht nachts angreifen darf. Wenn man seine Stellung nicht am Tage genau studiert hat. Uebri- aens gelingen solche nächtlichen Uebersälle auch geübten Truppen nur selten." Im Kriege von 1870 wurden durch nächtliche Än- arisfe einige bedeutende Vorteile errungen. So gelang es z. B. in her Schlacht bei Le Mans, den Feind zu werfen. Die Deutschen Nahmen in der Dunkelheit wichtige Punkte ein und hielten dabei zwischen ihren Truppenteilen durch Trommelschlag und Hurrarufen Fühlung. Unter den modernen Heerführern ist besonders der russische General Gurko für das Abhalten von Nachtmanövern »ingetreten, denn die Gewöhnung der Truppen an solch nächtlicho Unternehmungen ist von hoher Wichtigkeit. Seine Vorbereitungen trugen im russisch-türkischen Kriege gute Früchte. Gurko vermochte öfters Stellungen, die er bei Tage unter großen Verlusten bestürmt und gleichsam für den Nachtangriff reif gemacht hatte, nach Anbruch der Dunkelheit ohne beträchtliche neue Verluste zu nehmen. Wer Einllbung ist zu solchen Taten notwendig und vor allem eiserne Manneszucht bei dem angreifenden Truppenkörper. Die Nacht ist im allgemeinen keines Menschen Freund: jedenfalls ist sie nur der Bundesgenosse des Starken. Wenn die Nachtangriffe einem Deere etwas Ungewohntes sind, dann werden die Gemüter dadurch besonders erregt, die Nerven gereizt, und der Boden zu Zuchtlosigkeiten und Paniken ist vorbereitet. Aber auch bei dem angegriffenen Teil sind gute Nerven in der Nacht der wichtigste Faktor. Häufige Nachtangriffe des Feindes lösen im Lager eine solche Angst und Unruhe aus, daß bisweilen schon eine Kleinigkeit genügt, um ein Chaos zu entfesseln. Ein Beispiel für solche Verwirrung bietet aus dem Kriege von 1866 die Kavallerie-Division des Fürsten zu Tburn und Taxis, die zwischen Fulda und Bischofsheim nachts einige von Wilderern Zerrührende Schüsse hörte. Daraufhin setzten sich die Wteilungen in kopfloser Furcht in Galopp und legten mehrere Kilometer in hastiger Flucht zurück, pis sie Wllrzburg erreichten. Im russisch-türkischen Kriege genügten einige von den Russen losgelassene Raketen, uni das türkische Lager zu alarmieren: die Pferde rissen sich von den Halstern los, und es entstand ein unbeschreiblicher Wirrwarr. Die Weite und die Klarheit des modernen Schlachtfeldes, die durch die große Tragfähigkeit der Gewehre und den schwachen Rauch des Pulvers hervorgerusen wird, begünstigt nunmehr dre Nachtgefechte wieder: gver bei einem solchen Angriff muß alles bis aufs kleinste vor- ved»cht und vorbereitet sein, und an die Truppe werden die höchsten Anforderungen gestellt. Dicht aufgeschlossen, lautlos, jedes Klappern, redes Aufblitzcn elektrischer Taschenlampen, jedes leiseste Geräusch vermeidend, so rücken die Reihen vor. Selbstleuchtende Komvasse, weiße Bänder, Mehl-, Gips- oder Papierstreifen, zum Feinde abgeblendete Laternen und Richtposten sind die Wegweiser. Pürscht man sich nicht in vielen kleinen Kolonnen heran, sondern: geht man in Linie vor, so müssen sich die Mannschaften, um die Fühlung nicht zu verlieren, an den Händen halten, und dabei macht sich jede kleine Schwankung in der Marschrichtung empfindlich bemerkbar, kann jedes unbedeutende Hindernis im Gelände schwere Störungen verursachen. Ist die Trupp« an per Stelle angelangk, die durch die Erkundung als die vorderste erreichbare Linie angegeben wurde, dann vollzieht sich der Aufmarsch zur Feuereröffi- nung. Die Artillerie wird versuchen, sich schon bei Tage auf dre Stellung des Feindes einzuschießen und das Feuer während der Nacht sortzusetzen. Der Feind wird, wenn er den Angriff bemerkt, mrt elektrischen Scheinwerfern arbeiten. Kommen die Angreifer zufällig in den Lichtkegel der feindlichen Beleuchtungskörper, so müssen sie regungslos verharren. Fällt der Lichtschein dauernd auf sie, dann bleibt nichts anderes übrig, als die Bortelle deef Nachtangriffes aufzugeben und zum Stürm wie bei Tageslicht vorzugehen. _ yreresbezeichnlingen. In unseren Tagen, da nach Wallensteins Wort Mars di« Stunde regiert, schwirren militärische Namen und Bezeichnungen durch alle Gespräche, und da mag man wohl fragen, wie dis Benennungen der verschiedenen Truppengattungen entstanden sind. Nur gering ist dabei die Zahl der deutschen Wörter, da ja! das moderne Kriegswesen seinen Ursprung mehr in West- und Südeuropa hat. Italien, Spanien und Frankreich haben vor aller« Taufpaten gestanden. Wenn wir auch von Fußvolk und Reitern: sprechen, so wiegen doch immer noch vor und werden amtlich angewandt die Namen: Infanterie und Kavallerie, wozu dann die Artillerie konimt. Aus dem Spanischm infanteria stammend, das selber als Wleitung von infantes „Edelknaben, Knaben^ Soldaten zu Fuß" eine Schar solcher bedeutet und uns auf unser deutsches „Knappe" hinweist, das ja auch nichts als eine Nebenform von „Knabe" ist, wurde Infanterie im ersten Viertel des Iff. Jahrhunderts unter verschickenen Formen in die deutsche Sprache ausgenommen: so lesen wir in der Schrift „Ein new Klaglied, Deutsche Michel genannt" 1617 Jnfanterey, in Wall- hauscns Kriegsmanual vom Ja^e 1616 Infanteria und Enfan- terie und in Georg Henischs „Teutschen Sprach und Weißheit" Fanterie, was wieder an das französische santassin, der Jnfan- terist erinnert: im deutsche:« Sprachgebrauche sindet sich daS Wort Infanterist für Fußsoldat zuerst 1801 bei I. H. Campe. Schon früher, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts! drang bei uns das Wort Kavallerie ein: hier haben wir nicht erst nötig, eine besondere Wwandlung der ursprünglichen! Wortbedeutung wie bei Infanterie vorzunehmen, denn das Grundwort ist das italienische cavallo (mittellat. caballus) „Pferd"; das davon abgeleitete Wort „Kavallerist" sührt Adelung in seinem Wörterbuche 1775 an. Mehr Kopfzerbrechen hat den Sprachforschern das Wort „Artillerie" gemacht. Da es schon vor der Benutzung des Pulvers zur Bezeichnung des Kriegsmaschinenwesens angewendet wurde und das üblichste Geschütz der Bogm (arcus: war, wollen einige das Wort zusammensetzen aus arcuS und telum (Geschoß), andere sehen in ihm die Kunst des Lebens, die „ars tollendi". Beide Erllärungen scheinen uns gleich unmöglich: bas Wort „ars" wird schon in der Artillerie stecken> oder vielmehr das abgeleitete articula, so daß das Wort ursprünglich ein Kunststück, dann das Erzeugnis eines solchen: ein Kunst- werk, eine Maschine und schließlich in eingeschränkter Bedeutung eine Kriegsmaschine bedeutet, worauf es seine Bedeutung wieder ausdehnt und zur Gesamtheit der Kriegsmaschinen, zum gesamten technischen Kriegswesen oder der dieses betreibender Truppe wird. An die Artillerie schließen wir Wohl mit Fug die Bezeichnungen sür die verschiedenen Gattungen der Infanterie, da sie ja nach den Waffen genannt werden: auch hier wieder finden wir ausländische Bezeichnungen: in dem schon einmal genannten Kriegs- manual Wallhausens aus dem Jahre 1616 wirk» die mit Schießpulver gefüllte Kugel als Granate angeführt: der Name stammt von dem italienischen granata oder granada, das sich schon im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts sindet, während das Wort ins. Französische als gränade überging: von hier aus hat es Archen- holtz in seiner bekannten Geschichte des Siebenjährigen Krieges als Grenade übernommen. Nach Flenüngs „Teutschem Soldat" ist sie „wegen der Aehnlichkeft mit den Granatäpfeln also ge- nennet". ‘ • Ter französischen Form aber verdanken wir den Grenadier, der, „in Teutschland erst 1683 aufgekommen", eigentlich ein Werfer von Handgranaten ist, 1694 in Joh. Christoph Nehrings Manuale als Granadierer, «n Flemings teutschem Soldaten auch noch in der Form Granadier austritt, später aber die noch heute geltende Bedeutung „Fußsoldat von ausgesuchter Größe" erhält. Ihm zur Seite tritt der zuerst in Deutschland 1703 in Christian Weises Zeitungs-Lexikon erscheinende „F ü s i l i e r", der Mit der Bajonettflinte bewaffnete Fußsoldat; auch sein Name ist aus Frankreich gekommen und stammt von dem fusil „Flinte', 628 o Wir möchten gleich hin zu fügen. daß Minte-schreßpulver mit langem Rohre zuerst in Schottelrus' „Aussührlichm Arbeit von der teutschen Haubtsvrack-e" angeführt wird und aus das althochdeutsche flins „Feuerstein" zurückgeht. Der Name kam auf, nachdem das Schießgewehr, das man sonst mittels eines mit einer Lunte versehenen Rades losgebrannt hatte, mit einem Steinschlosse ver- K t worden war, in das ein Feuerstein eingefügt wurde; diese j. Erfindung wurde um 1.630 gemacht. Die Muskete, nach der Unsere Musketiere ihren Namen haben, wrrd schon 1675 in Fischarts „Garaantua" erwähnt; auch sie stammt cms Italien, Spanien »nb Frankreich (mousiquet) und geht auf da- mittellateinische musc(h>ta „Wurfgeschoß, Bolzen" zurück. Ganz am Anfang der Entwicklungsreihe aber steht die Musca lmouche', „Fliege", nach der der „muscetus" genannt ist, eine „kleine Art zur Betz« dienender Sperber", dessen Brust gesprenkelt, gleichsam mit wie Fliegen au-sehender Flecken gezeichnet ist; wie der Stoßvogel, der Sperber, soll die Muskete auf den Feind dringen. Auch Terzerol und Falkonet sind ursprünglich Raubvögelnamen. Igum Schluß ein kurzes Wort über unsere Pionier«, die 1684 Rehring als „Schantzgräber" verdeutscht: sie haben ihre Bezeichnung vom französischen pionnier überkommen, der wieder auf französisch Pion, „Fußgänger", vom lateinischen pes zurückgeht. Eigenartig ist, daß im alten Latein pcdo „Plattfuß" bedeutet, das Wort im Mittellatein aber die Bedeutung „Fußsoldat" erhalten hat. _ vermischte«. * Der „Schutzgei st" von Meckel n. Mecheln ist zwar von den deutschen Truppen beseht, aber die Belvobner sind glücks- ltch, denn sie haben ihren „Schudgetst" gerettet. Op-Stg- noorke, die am eifersüchtigsten bewachte Reliauie der Stadt. Ov-Sianoorke, eine lebensgroße Holzpuppe in der Tracht des 1(5. Jahrhunderts, ist das Abbild deS berühmten Zwerges und Spaßmachers Klaasken, das bei jedem großen Fest in Mecheln aus dem Dachfenster des Rathauses gehängt wird und das Zeichen zur tollsten Lustigkeit gibt. Dies« Puppe ist Jahrhunderte lang der .Gegenstand einer heftigen Eifersucht zwischen Mecheln und Antwerpen gewesen, denn.die Leut« von Mecheln haben die kostbare Puppe den Äntwerpenern eigentlich gestohlen. Klaasken war ein Antwerpener Spaßmacher, der in den humoristischen Redeschlachten des 16. Jahrhunderts alle Mechelner Hanswllrste aus dem Felde schlug und die Bewohner des alten Erzbischossitzes weidlich zum Narren hatte und ärgerte. Er vcranlaßte sie nämlich, eiligst zum Löschen eines Feuers aufzubrechen, das den Turm der St. Romuald-Kathedrale ergriffen habe. Und als die — gewiß nicht mehr ganz nüchternen — Mechelner mit Spritzen und Wassereimern anrückten, da sahen sie, daß es nur der Mond war, dev glutrot hinter der Kirche stand und dessen Flammenschein von ihnen für eine Feuersbrunst angesehen >r>orden war. Ms vier Jahre nach dieser Blamage der Mechelner der nächste komische Feldzug zwischen den Nebenbuhlerstätten.ausgetragen wurde, da ivar der große Klaasken leider tot, aber die Antwerpener trösteten sich, indem sie des berühmten Hanswurst Bild reich geschmückt unter «rnem Triuinphbogen aufhängten. Wieder waren die Mechelner dre Angeführten, und nun heckten sie in ihrem Zorn eine Verschwörung aus, die darin gipfelte, daß sie die Puppe stahlen. Seit jener Zeit ist „Op-Signoorke" im Besitz der Mechelner geblieben, und da sie fürchteten, in diesen Kriegszeiten könnten die Anttver- pener ihr teures Wahrzeichen ihnen wieder tvegnehmen, haben sie es an einem geheimen sicheren Ort vorläufig versteckt. * Was russische Verwundet« berichten. Einen Besuch in einem Moskauer Hospital schildert Stephan Graham in der „Times". Die Asyle für Obdachlose sowie viele Schulen und Kirchen sind für die Verwundeten eingerichtet. Jeden Tag kommen etwa 5000 Verwundete nach Moskau, und man hat bereits darauf vorbereitet, daß die Stadt im Laufe des Krieges zur Aufnahme einer Million gerüstet sein soll. Kein Anblick ist in den Straßen häufiger als das langsame Hingleiten der zu Zweien zusammengekoppelten Straßenbahnwagen, die voll von Verwundeten sind. In dem ersten Wagen, der durchsichtige Fenster hat, liegen di« Leichtverwundeten, im zweiten, der mit undurchsichtigem Glas verkleidet ist, befinden sich in zwei Reihen übereinander ein Dutzend oder 20 Betten, in denen die Schwerverwundeten liegen. Eins der riesigen Asyle für Obdachlos«, ein großer Bau in der Nähe der Riazansky-Station, ist voll von Verwundeten. Mer man findet brer kein trauriges und trübes Mld, sondern die meisten sind außer Bett, lachen uno plaudern, spielen Karten und sind vergirügt. Sie sind ganz erfüllt von den Kriegseindrücken, die sie aus Deutschland mitgebracht habe», und erzählen sogleich, etwa auf folgende Weise: „Deutschland ist ein schönes Land, kein Vergleich mit unsereni armseligen Dörfern; Steinhäuser, Ziegelhäuser, drei Stockwerk«, feine Teppiche, Stühle, Grammophone. Jedes Haus hat ein Grammophon, und wir haben bald gelernt, wie sie in Gang zu bringen sind. Eines Tages war ich gerade in ein Hau? gekommen und hatte ein Grammophon in Gang gesetzt, als ein Offizier seinen Kopf durch das zerbrochene Fenster steckt und sagt: „Hör sofort mit der Musik auf!" Ich wußte nicht, Ivi« nian das Ding zum Auf- hören bringen bannte, rmd so haue ich grade mitten in die Platt« htnein und sie springt jn Stücke über das ganze Zimmer. Dann haben fie Geigen, und in jedem Haus gibt es eine große schwarz« Kiste mit einem Deckel lKlavier), und wenn inan den Deckel aufs macht, und mit der Hand draufschlägt, dann geht das immer so» „Bir, bir, bir, bo, bo, bo!" Zu essen gibt es Schweine, so viel man will. Wir hatten jeden Tag gebratenes Schiveiueslcisch. Hunderte, Tausende von Schweinen. Wir fingen sie und brachten ne inS Lager." Di« Verwundeten zeigten mich zahlreiche „Trophäen", die sie aus Deutschland geraubt haben: Uhren, Ring«, Gewehre; erner zeigte ein Armband. viichertisch. — Hausandachten für die Kriegszeit, von Prof, O. Sch tan. Mlen den Vielen, di« in dieser ernsten großen Zerf nach innerer Wegweisung und frommer Erhebung suchen, können diese Andachten anf's wärmste empfohlen werden. Schlicht, ksar und warm, wie sie sind, bieten sie gerade das was wir zur persönlich«» Erbauung und zur Vertiefung der häuslichen Gemeinschaft brauchen. Der Preis von 20 Pfa. ist so mäßig, daß auch geringer Bemittelte sich das Büchlein anschassen können. Unseren Buchhandlungen kann ich nur raten, sich davon einen größeren Vorrat anzulegen. 0. S ch l o s s e r. — Den im Gea-Berlag G. m. h. H., Berlin W. 35, frühe« erschienenen Karten von dm Kriegs: chauplätzen ist jetzt dt« von Prof. W. Liebenow bearbeitete „KrtegSkarte von Wx ttel- europa" im Maßstabe 1: 2 000 000 nachgefolgt. Die Kart« umfaßt in ihrer Ausdehnung die Gebiete zwtschm Dover-Orleauj rnr Westm und Grodno-Brest im Ostm, Toulon im Südm, bis Helstngfors im Norden. Die Karte zeigt vielfarbig die einzelnen Staatmgebilde, während die Festungen und Forts der Feind« und Nmtralm durch ein scharfes Rot gekennzeichnet werde». Als Ergänzung der Hauptkarte tverden außerhalb des Kartenbildes drei Nebenkarten gebracht, die in größerem Maßstabe die Britischen Inseln, das europäische Rußland sowie Frankreich ge- schlossm zctgm. Die Karte tlt etwa 104:80 Zentimeter groß »mb trotz außerordentlich reicher Beschriftung leicht lesbar und verständlich. Zu dem billigen Preise von 1 Mk. kann sie empfohlen t»erden. — Ernst von Bergmann, „Kriegsbriefe 1866, 1870'21 und 1877", Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig, 3 Mk. Es ist mit Dank zu begrüßm, daß die Kriegsbrrefe Ernst von Bergmanns als Sonderausgabe veröffentlicht werden. Dreimal ist Emst von Bergmann mit in den Krieg gezogen, 1866, 1870/21 und 1872. Unter dem frischen Eindruck des Tages schrieb ex nicht nur über persönliche Erlebnisse, sondem allgemeine B«>- trachtungm über Krieg nick Frieden, über Land und Leute, über Glück und Leid, die so packmd und schön sind, daß ein jeder, der sie in die Hand nimmt, aufs tiefste ergriffen unrd. Seme Brief« in klassischer Fomi geschrieben, zeickmen das lebmdigste Bild jener Tage, sie sind auch heute noch „aktuell", dmn sie berichten aus Luneville, Baccarat, Adeaux u, a., den Schlachtfeldem unserer jüngstm Erfolge, _ Lchach-Aussabe. Schwarz. »bcdefgh Weib. Weiß setzt »nt dem ziveiten Zuge Matt. Mflösung in nächster Nummer. Auslösung des Rätsels in voriger Nummert Molch, Dolch, Strolch. Redaktion: Aug. G o e tz. — Rotationsdruck und Verlag der BrÜhl'scheu UnloersitütS-Buch- und Stsindruckerel, A. Lauge, Gießen,