Kinderseele. Roman von Reinhold Ort mann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 17. Kapitel. Die alte Joseph« sah mit einem Strickstrumpf am Fenster des Kinderzimmers, als Margarete die Tür öffnete. Ein Aufatmen beglückender Erleichterung hob die Brust des jungen Mädchens, als sie das Bett des Kindes leer sah. „Guten Tag, Josepha! Da bin ich wieder. — Wo ist Dita?" Die Alte lieh ihren Strumpf sinken und drehte den Kopf. „Sic ist mit der Baronesse spazieren gegangen. Vor einer Stunde schon. Ich wundere mich, dah sie noch nicht zurück sind. Es wird ja schon dunkel." „Und Sie fürchten nicht, dah sie krank werden könnte?" „Krank? Nein! Als ich hier oben mit ihr zu Mittag ah, war sie ganz lebhaft. Nicht, dah ich sagen möchte, sie wäre vergnügt gewesen — das nicht. Aber gesprochen hat sic beinahe mehr als sonst. Lauter närrisches Zeug." Margarete, die in ihrem Zimmer hastig Hut und Mantel abgelegt halte, trat wieder aus die Schwelle der Verbindungstür. „Närrisches Zeug, sagen Sie? Wovon hat sie denn gesprochen?" „Von dem See immer nur von deni See. Man sollt' es „ich, für möglich halten, wie der dem Kinde im Kopfe steckt. Ich muht' ihr wieder die Geschichte vom Hermann Kubalke erzählen, die sie doch nun schon beinahe besser weih >vie ich selber. Unb dann wollte sie durchaus wissen, toie es unter dein Eis aussieht. Seitdem sie mal ein Bild von einer Eisgraue gesehen hat, stellt sie sich das nämlich schöner vor als irgendivas auf der Welt." „Sie haben ihr Pas doch hossentlich ausgeredet, Jo- seplw? Es ist nicht gut, solche Vorstellungen in der Phan- taste eines Kindes bestehen lassen." „Waruin denn nicht, Fräulein? Eigentlich gibt es im Leben doch überhaupt nichts Schöneres als das, was wir uns im Kopse ausmalen, und inan kommt immer noch zu früh dahinter, dah es bloß Einbildungen waren." „Und wenn ihr nun eines Tages wie einst ihrem Vater in kindischer Neugier der Einsall käme, sich auf das Eis des Zackelsees zu ivagen?" „Ach, damit hat's keine Gefahr. Der kommt nie lvieder zum Stehen." „Er ist schon zum Stehen gekommen, Josepha! Seit vorgestern bereits. Der Kutscher hat mir's vorhin als Neuigkeit erzählt." Die Alte schien betroffen wie vyn einer unvermuteten, Schreckenskunde. Sie faltete über ihrem Strickstrumpf die Hände und lieh den Kopf sinken. „Alle guten Geister mögen über diesem Hause sein. Amen!" „Was sagen Sie da, Josepha? Was soll das heihen?" „Sie sind noch jung, Fräulein — und die jungen Leute von heutzutage haben nicht mehr den richtigen Glauben. Wenn Sie erst mal erlebt haben, was ich erlebt habe, werden Sie wohl auch anders darüber denken." „Es wäre also von übler Vorbedeutung, wenn der Zackelsee gefriert?" „Es ist noch immer Jammer und Unglück über Klein- Ellbach gekommen, wenn cs geschah. Das soll schon in der Familienchronik zu lesen sein, wie der alte Baron sagte — damals, als der Kubalke ertrunken war." Margarete konnte die Angst nicht mehr meistern, die ihr jetzt wie ein Alpdruck aus der Brust lag. „Wäre nur Dita erst wieder da!" sagte sie beklommen. „Es fängt bereits an zu dunkeln, und die Abendlust schadet ihr immer. „Da kommt das gnädige Fräulein mit dem Herrn Baron," berichtete die Mte, die ihr Gesicht zum Fenster gewendet hatte. „Aber Dietlinde ist nicht dabei." Auch Margarete war an das Fenster geeilt. Sie sab, wie sich Bardeleben vor dem Portal des Herrenhauses mit einem Händedruck von Jadwiga verabschiedete, um in der Richtung nach dem Wirtschastshofe weiterzugehen, während die Baronesse das Haus betrat. Ohne ein Wort zu sprechen, eilte Margarete hinaus und die Treppe hinab. Sie traf auf Jadwiga, als diese eben im Begriff war, im Vorraum des Wohnzimmers ihre Pelzmütze und ihr Jakett abzulegen. Ohne Gruß und ohne jede Anrede fragte sie mit fliegenden, Atem: „Wo ist Dita? Josepha sagt doch, sie wäre mit Ihnen gegangen." Mit einer Gebärde hochmütigen Erstaunens hatte die Baronesse den Kopf erhoben. „Sie haben eine etwas sonder-« bare Art, mich zu hesragen, Fräulein! Dicklinde muß längst wieder im Schlosse sein. Sie bat um die Erlaubnis, vorausgehen zu dürfen, als ich im Park mit dem Herrn Bardn. zusammengetroffen war. Da sie nur noch die Allee hinunterzugehen brauchte, haben wir es ihr nicht verwehrt." „Aber sie ist nicht gekommen. Sie ist — o mein Gott — mein Gott! Nur das nicht — nur nicht das!" Jetzt wich auch aus Jadwigas Wangen das Blut „Was soll das heißen, Fräulein? Was fürchten Sie für das Kind?" „Aus den See ist sie wahrscheinlich — auf das Eis. Rufen Sie den Baron — rufen Sie ihn auf der Stelle! Ich kann mich jetzt nicht damit aufhalten — ich muß fort." Sie kümmerte sich nicht darum, ob Jadwiga ihrer Weisung Folge leistete oder nicht. So, wie sie war, eilte sie in den kalten Winterabend hinaus, die endlos lange Park Allee hinab. Es war ein weiter Weg, und die schneidende Kälte packte sie bald. Aber sie wurde dessen kaum gewahr, die Erregung gab ihrem jungen Körper Kräfte, deren sie sich bis heute nie bewußt gewesen war. Die Schatten der Dunkelheit umhüllten sie dichter, als sie den Tannenhochtoald mit seinen gedrängt stehenden Stämmen erreicht hatte, und hier, wo der gebahnte Weg aufhörte, bereitete der tiefe, knirschend« 4Sk> Schnee Ihrem raschen Vorwärtskommen Hindernisse, die sie säst zur Verzweislung brachten. 2lber wie mühsam auch schon ihre Brust nach Atem rang, wie stürmisch auch ihr He" klopfte, sie kämpfte sich doch Weiter, und sie empfand es fast wie ein Wunder, als sie sich plötzlich am Rande des Waldes und an dem Seeuser sah Hier, über der weiten Fläche, lag noch eine matte Helligkeis Margarete sah, daß der Spiegel des Sees zum großen Teil mit einer weißlichgrauen, mimarbigen Eisdecke überzogen war. Nur i» der Nähe deS jenseitigen Ufers gab es eine Menge unregelmäßig geformter, tiefschwarzer Stellen, die nichts anderes als offenes Wasser sein konnten. i Das junge Mädchen hatte sich mit beiden Händen an ejnem Baumstamm fest halten müssen, weil ihr nun, da der unsinnige Lauf sein Ende erreicht hatte, die Knie plötzlich >en Dienst zu versagen drohten. Auch vor ihre Augen hatte tchs nach dem ersten raschen Blick über den See wie ein limmernder Schleier gelegt, und sse fürchtete, ohnmächtig u werden. Nur eine verzweifelte Anstrengung des Willens als ihr über die bedrohliche Schwache hinweg. Sie gewann ie Herrschaft über sich zurück, und ihr Blick wurde wieder ar. Erft svsstttch sah ste auch letzt nichts anderes, als ihr üge schon fpüher erfaßt hatte, dann aber — wahrhaftrg! — dann erspähte fix, üur noch wenig von jene» unheimlichen schwarzen Lochern getrennt, etwas Dunkles. Bewegliches, das sich anscheinend sehr langsam vorwärts brachte. Mit aller Kraft ihrer Lungen nef sie jn das Schwei- f »n des sinkenden Tages hinein': „Dita! — Dita! — Warte nf mich! — W wimitech lieber den steilen, glatten Abhang des Spensers glitt H sie hinab, und über die rügeriiche, tückische Fläche, unter der der Tod in seiner chauerllchsten Gestalt die eisigen Arme ausbreitste, eilte fu dahin, immer und immer ihre enden Rufe Ivteosrholönd: „Dita — Liebling! — Nicht ter! — Ich kymme ja zu dir — ich komme r Das Kind hältst sie gehört, und es Mußte auch ihre Stimme erkannt haben, deün es blieb zaudernd stehen. Und dflnn, als sie Margarete Mit fliegenden (Gewändern aus sich i 'ueslen sah, machte sie mit einem Ausruf kehrt und lief ihr ütgegen. Margarete ss und schwänkt«, gb . " Brust preßte, dachte überhaupt nicht mehr an dg icht, wie der Boden unter ihr knisters» igs Kind in die Arme schloß und ast >re Brust preßte. Sie dachte überhaupt nicht mehr an das orhanhensein einer Gefahr. Pun, da sse Dietsinde aefust-- dgN halt», da sse best zarjcn Körper umschlungen hielt unh r Herzens spürte, waren Angst und s«n »me gtwks nie Gewesenes, und upier n fand sie beglückt», jubelnde Worte .chlag deh jungen Herzens spürte, waren Angst pnd recken vergessen wie chwas nje Ge> ' hen und K ränkeuiossn Herzeiissreude. Fest an sse geschmiegt, ließ Dietlinde den Sturm der rtlichkeit über sich ergehen. Als nün aber Margarete fU sich fottj{||eii fo/nlfe, jieyi ferstest hlftr zst, stemmte six einer > dagegen. ,,Wenn hu nicht bei hiir bleibst," !agts sie, „ge! ch nie mehr jtqch Hamei Ich Mag nicht allein bei der Tän ileiben und h-i desst Papa." Ein seit amer, unheimlicher Laut ging in diesem Mq? ment über bin Se«, Es war wie ein dUfiibfes Pollen unI Krachen, und es kam nicht durch die Lust, sonderst aus oeö Diese Jetzt verspürte Marggreje deutlich die Bewegung der Eisdecke unter ihren Füßen, die mit einem Male elastis geworden schien »die ein Gummileppich. Da riß sse da§ fort. Ich komm und rqunt§ ihM ins Öhr: „Netst. td, leihe bei dir — immer t- immet! T ? Urtb bitte den lieben ©btt, daß et uns helf ins he nscht her Nün Am Ufer, wo sie neben ihrem Schützling ohnmächtig zusaminengebrocheü >, »börgenen MI--------- »-WMWWMWMMWWMMWwoe Mtzt- MrSte von BgrdelebSn gesunden. Auch er hatte picht W- Märtct, vhs die von ihm zusaminengeruseüen Leute Marsche yepett waren, auch er war wie ein Rasender dusch den Park Üstd den Wald züm See gestürmt. Abep er hatte ihn doch erst Weichen können, als das Lieheswerk bereits vylloracht wot- war. Die we inende Stimme seines Kindes hatte ihm d'cji 'U der Stelle gepies^it, pte ex in der Dunkesiheit sonst war neben der einigen raschen »tragen Halts. bewußtlosen giadergeknlet ragen von Tietisn „ewiesett, die ex in der elleicht sticht sogleich gesunden haste. Kr war neben der » »knitzt stpd hatte mit et , erfahren, Was sich zugi HH enige Minuten vor seiner Ankunft svs) hatten dse Heiden hä» rettende Ufer erreicht, und es mußte fast wie ein Wunder «fscheinen, daß es ihnen gelungen ivär, denn die Eisdecke hatte an vielen Stellen eine so geringe Stärke, daß Marga- retes Stiesel völlig durchnäßt ivaren von dem unter ihren behenden Schritten aufquellenden Wasser. Bardelebe» riß seine pelzgefüttert« Joppe herunter und hüllte, sie iMe ein Kind aufrichlend, Margaretes Oberkörper darin ein. Ihren Kopf aber bettete er an seiner Brust und bemühte sich, durch sanftes Reiben ihre eiskalten, bleichen Wangen zu erwärmen. ltntcc dieser Berührung schlug Margarete di» Augen auf. Ihr von dem Ohnmachtsansall verwirrter Geist wußte sich nicht sogleich zurechtzufinden, und ste schaute mit großem, erstauntem Blick in daS über sie geneigte Gesicht deS Barons. Eine Empfindung unsäglichen Wohlbehagens, ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte ihre» willenlos t» seinen Armen ruhenden Körper, und sie würde sich der traumhaften Seligkeit dieses Augenblicks vielleicht noch lauer hingegeben haben, wenn nicht der Klang seiner Stimm« ie vollends in die Wirklichkeit zurückgeführt hätte. Er fragte ste, wie sie sich fühle, fragte es in einem so weichen, zärtlichen, liebevollen Ton,, wie sie ihn von den Lippe» dieses Mannes wyhl nimmer zu hören geglaubt Halle. Aber feilte Worte hatten ihr vor allem mit voller Klarheit die Erinnerung geweckt an alles, was sie in der furchtbaren letzten Stunde erlebt. So fand ste, indem sie sich mit einer ungestümen Bewegung aufrtchtete, kein« andere Erwiderung als den angstvollen Ruf! „Dietlinde! — Wo ist Dietlinde?" Sie drückte daS Kinjd, das sich in ihre Arme geworfen, immer wieder an sich, und sie wniite nicht aufhören, es mit Liebkosungen »u überschütten. Bardeleben stand daneben und zerzauste seinen Bart. In seinem Gesicht zuckje es seltsam, tvährend er unverwandt auf Margarete blickte: aber er hatte noch imnier kein Wort deS Dankes für das, was ste getan. Eiste Weile ließ er ste gewähren, dann berührte er leicht ihre Schulter. „Glaube» Sie sich wieder kräftig genüg, Fräulein Othmgr, upi mit meiner Unterstützung den .s zum Schlosse zu machen?" ,,^h, mir jst ganz wohl. Aber Dita kann uninöglichi die lange Strecke gehen." J bückte sich und hob das Kind auf seinen linken Arm, d er Margarete den rechten därr»ichte. ollen Sie sich, bitte, auf mich stützen." h danke, denn es ist wirklich nicht nötig. Ich kann t ohne Hilfe gehen." Erinnerung, daß sie an seiner Brust geruht, daß and sie gekost hatte wie di« .Hand eines Liebendem ermtlle ste jetzt plötzlich mit heißer Beschämung, Und st IvÜrpe sich lieber mit de Pr Aufgebot thrsr lptztep Kr cif wettergeschleppt hapen, als daß sie sich noch, eit! neu fern gehängt hätte. Bardeleben drängte ihr denn apch seinen njcht weiter quf, unh sie ging in eistem kleines, Abstand hinter ihm am Seeufer hin, viS sie den biegenden Wäg erreicht hatten. ; Ein paar hundert Schritte erst hatte» sie auf ihm zu- Ückgelegt, als tönen die Knechte entgeäenkamen, die mit er Last ihrer mttgeschleppte» Leiter» und Bretter keuchend Ürch den tl«sen Schnee daherlrmteten. Es war ihnen anzumerken, wie zufrieden sie beim An» blws des Kindes darüber waren, ihr Leben nicht bei einem gefährlichen Rettungsversuche aufs Spiel setzen zu müssen. Eine Aeußerung der Freude aber oder etwas, Eine Aeußerung der Freude aber oder etwas dgs einem, Glückwiinsch ähnlich gesehen hätte, wurde nicht laut. In dem gewohnten Tone gab ejnqr yon ihnen Antwort auf en des Bqrons, indem er bericht« ‘ o schnell hsttten zür St elfe tte, baß ste nur! können, weil es te Mag. eshälb To schnell hättest zür Stelle sein hnest möglich a»tv«>en wäre, «inen eben vom Vorwerk ndesi KastschltttSn eu peiiützen. Der Wnld>v«g sretlich qs Fahrzeug UnpossteMar gewesen, und sie hätten mfeüm am Parkrand zurückgelassen. „Es ist gut," sagte Bardelehen. „Ihr habt eure Schuldigkeit gelgn, Pestte, und ich daitke euch dafür. Das weitere iöitd sich morgen finden." Die Besohlen rückten stumm an ihren Mützen. Tann kehrle der ganze Zug zu der Stelle zurück, wo der mit zwei schtverfälligeil Ackergäulest bespannte Schlitten wartete, quf dem Diellinde ügd Märaaretc Platz nehmen mußten. Den Baron sckwgiig sich aus den Brettersitz neben dem Kutschet, Und in dein flotteste» feah, der sich den schwer«« abztpinge» sieh, ging es zÜNl SchlM mm Wieder trug Vardcleben sein zitterndes Kind aus den Armen, als er die Diele des Herrenhauses betrat. Die alte Losepha, die durcheinander weinte, lachte und sinnloses Zeug schwatzte, bemühte sich vergebens, es ihm abzunehmen. Da wurde eine Tür aufgerissen, und mit einem laute» Aufschrei stürzte Jadwiga auf ihren Vetter zu. Sie ritz die jfleiiip an sjch und bedeckte ihr Gesucht mts Küssen, dann warf sie sich, nc " an Bard« Schicke mru- »wjti iun, , wvi tu; »«» wuu> s Habel Laß mich bei dir bleiben, denn jetzt weiß ich, daß ich nirgends mehr leben kann als hier!" Ihre HAnde umklammerten ihn, und ihr schönes, tränen- überströmtes Gesicht war zu dem seintgen erhoben mit einem so sehnsüchtigen, hingebenden Ausdruck, wie nur heiße, selbst- hergessene^alle Schranken niederrcißende Liebe ihn dem Antlitz eines Weibes auszudrücken vermag. Harro von Barveleben atmete schwer. Er umfaßte die Handgelenke der Aufgeregten und machte sich mit sanfter Gewalt aus ihrer Umarmung frei Dann, wandte er den Kopf gegen Margarete, die kaum drei Schritte von ihnen entfernt stand, noch mit der um ihren Oberkörper schlotternden Pelzjoppe des Gutsherrn angetan „Gewiß sollst du bleiben, liebe Jadwiga — vorausgesetzt, daß auch Dietlindes Lebensretterin einwilligt, sich tn^inem Kinde zu erhalten. Ich hoffe, daß du nicht zögern lvtrst, sie darum zu bitten." Jgbwiga machte eine Bewegung, als ob sie auf das junge Mädchen zueilen wollte. Aver Margarete wußte es zu verhindern, indem sie ein wenig zurücktrat und mit ruhiger, fester Stimm« sagt«' „Es bedarf keiner Bitte, Herr Baron! — Wenn Sie damit einverstanden sind, will ich um Dietlindes willen gern aus Klein- .Ellvach bleiben." Er ging auf sie zu und reichte ihr di« Hand. Für hinen Augenblick hatte sie die Empfindung, alb ob er ihre Finger zwischen den seinigen zermalmen wollte, und sie fühlte das Beben, das seine mächtige Gestalt durchzitterte. Aber er sprach kein Wort, und der Blick, dem ihr scheuer Augenausjchlag begegnete, schnitt ihr mit seiner düsteren Traurigkeit in die Seele. * (Fortsetzung folgt.) Dos „belgische Experiment." Aus Belgiens Geschichte und Schicksal. Bon Tr. Paul Landau. DaS belgische Experiment" — so pflegten der erste König der Belgier Leopold und sein kluger Freund und diplomatischer Helfer, Baron Stockmar, die Gründung dieses kleinen Königreiches zu n«n- ueu, das vor einein Treivierteljahrhundert als ein künstliches Ber- legenhertsgebilde geschassen wurde und nun so plötzlich von einem einzigen Windstoß des deutschen Ansturms zusammenbricht. Bon Ansang an ist diesem Staat, der ein Land ohne natürliche geographische Grenzen, eine in zwei Volksstämme gespaltene Nation ohne ein früheres selbständiges Dasein umschloß, der Untergang voraus- gesagt worden, und nur dem außerordcntlickien politischen Takt sei- ster ersten beiden Herrscher war es zuzuschreiben, daß sich diese f cburt der Not und des Zufalls so lange erhalten, ja eine blühende ntioicklung entfaltet hat. Man hatte sich endlich völlig gewöhnt an dies „Kissen", das die Reibung zwischen Deutschland und Frankreich mildern sollte, nahm seine nicht gewordene, sondern gemachte, unorganische, säst widernatürliche Gestalt als notwendig hin und vergaß, daß dies Belgien nach einem guten Wort des Kulturpsycho- loaen Hillcbraich, „ein Kartenhaus war und blieb, so lange der Gegensatz zwischen Altsrankreich und Neudeutschland nicht ausge- iragen war." Und als dieser Gegensatz nun von neuem losbrach, ba traf da« belgische Kartenhaus der erste vernichtende Stoß. Die früheren Staatsmänner des Landes von Nothomb und de Decker an. hatten stets bedacht, daß die leiseste Berührung ge- nügt, um solch ein gebrechliches Gebilde umzuwerfen. Im Augenblick, wo die belgische^ Politiker diese Vorsicht nicht mehr beobachteten, wo sie sich hineinziehen ließen in hie zermalmende Mtihle her Posirik der Großmächte, da war es um das Land geschehen. Es ist interessant, gerade jetzt sich daran zu erinnern, aus wie schwachen Füße» der belgische Staat stets gestanden, wie ihn das geringste Abweichen von dem ihm vorgezeichneten Wege in den Abgrund stürzen mußte. Die Entstehung und Geschichte des Staates zeigen uns das in jedem Augenblick, in jedem Zug mit schlagender Deutlichkeit. Das Königreich Belgien ist das erste neue Reich, das nach dem mühsam hergestellten Gleichgewicht von 1815 ins Dasein trat. Ein Kind der Juli-Revolution, wurde das neue Staatenwesen zuerst kehr schetz gugssthsn, wußte sich atzxr überrasche nd s chnell hurch- iusetzen. Das Königreich der Niederlande, das nach der Meder» Weisung aus Holland uud de» vor drr Revolution von Habsburg beherrschten belgische» Provinzen geschassen worden war, sollte Frankreich an ferner Nordostgrenzc einen widerstandsfähigen Staat entgegensetzen. Mer diese Schöpfung erwies sich als nicht lebensfähig. Zwei Drittel des südlichen Teiles hatten zwar die gleiche niederdeutsche Volkssprache wie Holland bewahrt und würden sich wohl trotz des verschiedenen Glaubens, da sie der katholischen Lehre treu geblieben waren, zu einer Einheit verfügt haben: der romanische Teil Belgiens aber, die wallonischen Provinzen, wollten sich nicht die holländische Sprache und das germanische Wesen auf- drängen lassen. Von ihnen ging der Brüsseler Aufstand aus, der der Juli-Revolution in Paris auf dem Fuße folgte und den Anfang der Losreißung Belgiens bedeutete. „Frankreich hoch! Tod den Holländern!" Unter der Devise brach der Kamps los. Er war in seiner glücklichen Durchführung ein Sieg des romanischen Elementes, so wie diesem schon im 16. Jahrhunvert die gewaltsame Trennung Belgiens vor der germanischen Reformation gelungen tmrr, und diese französisch sprechenden Wallonen, obwohl an Zähl schwächer, erstarkten nun während des Königreiches immer mehr uild mehr und führten jene Hinüberneignng zu Frankreich ganz allmählich herbei, die für Belgien so verhängnisvoll geworden ist. Das Geschick des aufständischen Belgiens wurde, zugleich mit dem des revolutionierenden Frankreich auf der Londoner Konferenz entschieden. Die Versuche des starrsinnigen holländischen Königs, die abtrünnigen Untertanen mit Waffengewalt sich zurückzugewinnen, nutzten nichts. Zweimal trat Frankreich dazwischen und befreite das Land, lieber die Grundlagen, auf denen die Exi, stenz des neuen Staates aufaebaut werden sollte, konnte man sich lange nicht einigen, bis der staatsmänntsch kluge Bülow, der Vertreter Preußens, schließlich „die ewige Neutralität" fit! diesen „Staat nach Schweizer Muster" Vorschlag Damit ivar di Lösung gefunden: mit seiner „Neutralität" sollte Belgien stehez und fallen. Tann gab es noch ein langes Streiten und Feilsch« um den Herrscher des neuen Reiches. Nachdem das holländisch: Königshaus von der Wahl ausgeschlossen ivar, scheiterte der Versuch des Königs Louis Philippe, seinen Sohn, den Herzog von 5 urs, auf den Thron zu bringen, dadurch, daß die Londone» renz allen Prinzen der fünf großen Dyüastien den Weg zu» chen Königskrone versperrte. Nun konnte England seinen Kandidaten, den Prinzen Leopold von Sachsen-Kobiirg, den Witwe, der einzigen Tochter König Georgs IV., durchsetzen, unv Frankreich wurde dadurch ausgesöhnt, daß der neue König eine Tochter Louis Philippes heiratete. Es dauerte noch einige Jahr«, bis sich alle Staaten mit dieser Neuordnung abfanden und auch Holland sich zum Frieden zwingen ließ. Erst 1839 war der Staat Belgien fertig, wie er bis vor kurzem existiert. Leopold erwies sich als esst außerordentlich kluger, seine Ziele kraftvoll verfolgender Politiker, der sich trotz der streng parlamentarischen Regierung des Lande- elnen großen Einfluß sicherte und mit klarem praktischen Mick die ÄruMinien der einzig möglichen belgischen Politik zog Das A und 0 dieser Politik war das strenge s, an der bei der Gründung aufgestellten Neutralität des Land ergab sich notwendig aus der Lage des Staates, dessen Schwäch« so zugleich seine Stärke tvurde. Aufwallungen der Äolksleidenschaft, Die z. B. zur Wiederaufnahme des Kampfes gegen Holland drängten, konnte die Regierung stets mit der Erklärung begegnen, daß Europa den Krieg nicht dulde; so hatte sich das „unartig« Min den Anordnungen drr Großmächte zu sügrn. In erster Lim» man gegen Frankreich auf der Hut fein, zumal seit Napolion . seine ehrgeizige Vormachtspolilik in Europa erfolgte. Man lehnts sich an England an, das gleichsam Patenstelle bei der Gründung vertreten hatte und in den, Lande ein Bollwerk gegen französisch« Gelüste sab: aber auch Preußen verhielt sich freundlich, da es ihm einen Grenzschutz gegen den Erbfeind ersetzte. So war „Belgien eine Existenz geschaffen, die zugleich seine Wohlfahrt und die Sicherheit der andern Staaten verbürgte." Belgien hielt sich an dies« Ausgabe, nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geiste nach, Schon 1837 klopfte Frankreich an und drängte zum Mschluß eines Zollvereins: Belgien lehnte entschieden ab. Bei dem drohenden Konflikte von 1810, als man in Paris wieder einmal nach der „Rheingrenze" schrie, bewies das eben erst endgültig in die Staatengemeinschaft aufgenommene Belgien durch seine entschlossene Neutralität einen höchst beruhigenden Enuluß und König Leopold führte die übernommene Vermittlerrolle auis Wirksamste durch. Acht Jahre später war Belgiens Haltung geradezu ausschlaggebend für Lamartine, der von der Revolution zu einen, Rau^ug gegen das Nach- S ind gevrängt werden sollte. Und als 1855 Frankreich, ja selbst and den Staat zu einem Anschluß an bas Bündnis der West- te zu überreden suchten, wies es jede Zumutung rundweg zurück. Noch entschiedener hat es sich gegen die Zichringlichkeiten Utzd die Annexionsversuche Napvleons Ix ließ deutlich durchbluten. daß er gelassene Einigung Deutschlands ... Einigung mit der Alpengrenze bezahlt hatte Aber an der festen Haltung der belgische» Regierung scheiterten all« seine .Gelüste, Bei den Anträgen eines gemeinsamen Zollvereins (1868), der dem Streben Napoleons ein Jahr darauf, sich der belgischen Eisenbahnen zu bemächtigen und so eine strategische Basis in Belgien zs gewinnen, stets puichte das Brüsseler Mbinetf ihiy svglejch 500 eine» Strich durch die Rechnung. Selbst nicht zu einer Machterwei termrg, die den bestehenden Zustand gestört hätte, lieh es sich ver seiten. Als der Kaiser während der Luxemburger Krise Belgien dre Einverleibung Luxemburgs gegen die Abtretung der „kleinen Grenze" an Frankreich Vorschlägen sieh, weigerte sich^die R-gie- rung, eine Provinz wiederzunehmen, die sie einst 'jd. schiveren Herzens herausgegeben hatte. Die härteste Probe aber bestand Bel gien und seine Neutralität 1870. Die Versuche Frankreichs, in Belgien festen Fuh zu fassen, waren ja nur.Vorsichtsmahregeln gewesen, sich für den bevorstehenden Zusammenstoß zu stärken. Nun war der Krieg da, den man seit 55 Jahren gefürchtet, und Belgien bewahrte seine Unabhängigkeit, hielt an seiner Südgrenze gute Wacht. Es zeigte im Verlauf des langen Kampfes gleiches Mitgefühl mit den Verwundeten beider Kriegführenden, ohne daß seine Gastfreundschaft für die Besiegten hem Sieger hätte verdächtig werden können. Der deutsche Reichskanzler sprach vielmehr Belgien nach dem Frieden die vollste Anerkennung für seine Haltung ivährend des Krieges aus. Seit dieser Zeit tvar Belgien vor den „Einsteckungsgelüsten" des geschwächten Frankreich sicher, aber nun lvandte sich die Angst vor einer Einmischung gegen das mächtige Deutschland, und dieser Gegensah wurde noch verstärkt durch das Anwachsen des romanischen Einslusses. Die beiden Volksstämme des kleinen Landes, Vlamen und Wallonen, die ersteren ripuarische Franken rein germanischer Rasse, die letzteren romanisierte Gallier mit leichter germanischer Mischung, sind zwar im Laufe der Jahrhunderte notdürftig zu einer Nation, eben der der „Belgier", erlvachsen und ^verwachsen, haben aber trotzdem „eine starke Verschiedenheit der Sitten, Bestrebungen, Denk- und Handelsweise, ja des ganzen Charakters bewahrt", wie ein Urteil des belgischen Historikers Vanderkindere lautet. Seit den ersten vergeblichen Versuchen, sich der Reformation gnzuschließen, wurden die zahlreicheren Vlamen tu ihrer Entwicklung gehemmt, von ihren holländischen Sprach- und Stammesgenossen getrennt und erlagen in ihrer geistigen und politischen Vereinsamung dem lebensvolleren romanischen Stamm, der sein Uebergewicht in der Gründung des belgischen Staates noch deutlicher offenbarte. Der Gegensatz zwischen den beiden Stämmen und die Unterdrückung des Vlämischen trat immer stärker hervor. Deshalb haben die Vlamen doch ein feines Gefühl für die charakterlose Abtrünnigkeit eines Poeten, der sich ganz dem romanischen Wesen ergibt, und Maeterlinck, der für sein Franzosentum und seine Deutschenfresserei jüngst so große Worte fand, ilt eine der am meisten gehaßten Persönlichkeiten in Flandern. Auch ist in jüngster ' Zeit eine rein vlämische, in vlämischer Sprache sich ausdrückende Literatur erstanden, die ihr Volkstum hoch hält und so bedeutende Dichter, wie Stijn Streuvels, Cyrill Bnysse, Guido Gezelle, hervorgebracht hat. Aber sie ist nur eine Art Dialektdichtung in der belgischen Literatur, die weit zurückstehen muß hinter der Bedeutung des französischen Schrifttums und der französischen Kultur. Was belgische Kunst und Dichtung berühmt und groß gemacht hat, das war doch letzten Endes nur ein Wleger von Paris. Eine nationale Kultur hat Belgien ebenso wenig hervorgebracht wie eine einheitliche Nation. Das bewies zur Genüge der Streit um die ^elgischeSeel e", der gerade in den letzten Jahren entbrannte. Selbst die begeistertsten Verteidiger dieses „reinen Belgiertunis", Lemonnier und Verbaeren, geben zu, daß es „seine künstlerischen Ausdrucksinittel von Frankreich entlehnen muß." Eine große Umfrage der führenden belgischen Monatsschrift aber, an der sich alle bedeutenden Belgier beteiligten, kam zu dem Ergebnis, daß es eine „belgische Seele" nicht gibt. Die tiefe unüberbrückbare Kluft zwischen den Wallonen und Vlamen, die offene Feindschaft zwischen den beiden Stämmen, trat greller als je hervor, und während einige zugestandcn, daß Belgien eine Vermittlerrolle zwischen Frankreich und Deutschland spielen könne, erniedrigten es andere, wie der einflußreiche Georges Beekhond, einfach zur französischen Provinz. Und als „französische Provinz" haben sich die führenden Kreise, das vlämische Wesen vergewaltigend, leider in den letzten Jahren Elig gefühlt. Mit dieser schroffen Parteinahme tvaren die beiden Stützpunkt des belgischen Kartenhauses erschütterte seine Neutralität rmd seme Nationalität. So wie das mühsam bewahrte Gleichgewicht ■C aU m ^ l * f ' mußte das durch 75 Jahre gemachte Experiment mißglücken. Belgien, „die französische Provinz", konnte nicht neu- tral bleiben. Belgien, das sich leidenschaftlich auf die Seite einer GrobmSchte-Gruvpc stellte, untergrub selbst die Grundlage, auf der es gesckzaffen, auf der er gediehen war. Prophezeiungen auf den Nrieg J9J4. Um Prophezeiungen ist es ein eigen Ding: man mag dar- twec denken, wie niaii nnll, tatsächlich hat die Geschichte vielen Prophezeiungen recht gegeben, und so fehlt es auch nicht an Prophezeinngen auf den Krieg des Jahres 1914. Im Jahre 1829 ließ nch Wilhelm I., der erste Kaiser des neuen Deutschen Reichs, die Znkunit tvahriagen. Tie Wahrsagerin stellte eine merkwürdige ätechnnng an: ne addierte zu der Jahreszahl 1829 die Summe ilnn eul, Ä n i n Rufern dieser Zahl und kam so zu dem Jahre „•t a ® “fm erften, >» dem Kaiser Wilhelni zu den Waste» greifen werde. Von dem Jahre der Niederiverfung des badischen Aufstandes ging sie au, die gleiche Art weiter. So kam sie diwchl Addition von 1849 plus 1 plus 8 plus 4 plus 9 zu dem Jahre 1871, in dem der Krieg gegen Frankreich abgeschlossen, tvurde und von 1871 durch Addition von 1 plus 8 pichst 7: plus 1 Ziim Todesjahre des alten Kaisers, 1888. Sie erstreckte dt« Prophezeiung aber iroch über das Lebenseiide Kaiser Wilhelms hinaus und kain durch die entsprechende Addition zu dem Jahr« 1913, in dem sich Deutschland mit allen Kräften zu verteidigen, hätte. Freilich kann man einwenden, daß wir jetzt 1914 schreiben und nicht 1913, dagegen muß man aber einräumen, daß die gegenwärtigen Ereignisse ihre entscheidenden Vorläufer im vergangenen Jahre gehabt haben. Was besonders das auslösends Ereignis des gegenwärtigen Weltkrieges angeht, so ist es mehr- sack, unter anderem durch die Pariser Wahrsagerin Frau von Thtzbes, vovausgesagt worden, und auch ein französischer Diplomat — daraus hat der Corriere vor etwa einem halben Jahro hin- gewiesen — hat bereits vor vielen Jahren dem Erzherzog Kranz Ferdinand selbst wichtige Dinge vorausgesagt. ^ Dieser Diplomat, Jules Mancini, war vor ct,va zehn Jahren Sekretär der sranzosifchen Botsclzast in Sofia. Ans Liebhaberei beschäftigte er sich mit Geheimwissenschaften und eines Tages bat ihn Fra uz Ferdinand, der damals in Sofia bei Hofe mit ihm znsammentmf, um g:ine Prophezeiung. Ter Diplomat weissagte ihm damals Folgendes: Ich sehe Ihren Einfluß und Ihre Macht ständig größer werden. Andere Herrscher hören auf Ihre Stimme . , . Ihr Heer wird immer mächtiger . , . Das Jahr 1912 ist ein Glanzpunkt ... Es hat den Glanz eines Meteors. Franz Ferdinand lachte hierüber und meinte, mit dem Jahre 1912 habe es noch gute Weile. Als aber der österreichische Thronfolger sich entfernt hatte, sagte Mancini zn den übrigen Zuhörern, er habe dem Erzherzoge nicht mitteilen wollen, daß mit dem Jahre 1913 auch das Unheil beginne. Ein dritter Hauptpnnlt des Weltkriegs, das Bündnis zwischen Frankreich rmd Rußland, kann sich recht alter Voraussagen rühmen. Bereits im 18. Jahrhundert finden sich Hinweise darauf, die übrigens nicht von Wahrsagern, sondern zuin Teil von bedeutenden Persönlichkeiten stammen. Der Herzog von Saint-Simon schreibt beispielsweise in seinen Me- nwiren gelegentlich des Besuches Peters des Großen in Parts folgende Worte nieder: „Der Zar hat eine außerordentliche Leidenschaft, sich mit Frankreich zu vereinen. Für unsern Handel und unser Ansehen ini Norden, in Deutschland und in ganz, Europa gäbe e? nichts Bessres." Etwas später — am 1. August 1778 — findet sich im Journal encylopedigue" Folgendes: „Rußland, das vor 60 Jahren noch unbekannt war, ist in diesem kurzen. Zeiträume zu einer Macht geworden, die in Europa und selbst in Asien die Vorherrschaft hat. Rußlaich muß sich an das Ausland wenden, um seinen Untertanen di« Grundlagen des Haudels am Schwarzen Meer zu verschasseu. Wer an welches Volk wird es sich vorzugsweise wenden? Peter l. kannte kein europäisches Land, mit Dem eine Verbindung ihn, vorteilhafter sein könnte, als Frankreich," Wieder einig« Jsthre später, 1790 liest nian im zweiten Bande der „Boussole nationale": Die Russen lieben nur sich selbst, sie können weder die Deutschen, noch die Holländer, noch die Engländer leiden. Nur die Franzosen gefallen ihnen, und wenn jemals Rußland und F-rankrcich ihre gegenseitigen Interessen gut verstehen, so wird dieses Bündnis zu einer allgemeinen Uin- wälzung führen, die das gegenseitige Glück dieser beiden Völker bedingt." Der napoleonische Feldzug gegen Rußland bedentete nur eine Unterbrechung dieses Bmidnisgedankens. Im Jahre 1840 schreibt «Balzac in der „Revue Parisienne" am 25, September; „Bei sich ist Rußland fast unbesieglich, außerhalb seines Landes würde cs überall geschlagen werden. Weder die Mitte noch der Süden Europas lassen sich unterwerfen. Eine Gefahr für die Welk bildete ein Bund zwischen Rußland und Frankreich. Die englische Allianz tvar ein Mittel, die russische Allianz ist ein Ziel. Außer dem Bündnis Frankreichs mit Rußland gibt nicht- Frankreich eine Politik." _ Büchertisch. — „T er Land st u r in" betitelt sich ein hier in der Bnch- drnckerei Nitschkowski erschienenes Heitchen, daS ca. 50 in Volks- melodien gehaltene Lieder enthält, die besonders iür iniiere Soldaten gecigtiet iind. Auch bei iestlichen Gelegenheiten, an! Wander- sahrten nsiv. ivird das Liederbuch, das von einem Landslurnlinan» sorgfältig für das Landstttrinbataillon Gießen znsamniengestellt wurde, ivillkommen sein. _ Logogriph. Nimm ein Getreide zur Hand, sein ,a* mußt in ,o* du verwandet» ; Siehe, nun wird es ein Held, der für die Freiheit einst starb. Auslösung in nächster Nutnmer. Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer: .liche — I-and - Nad — Eichet — Kubec — Dops — I>ach« - Vhr — Kege» — Tcunt — Lahn — Ilm — Weft — Lsabel; Albert Lortzing. Redaktion, A»g. Woeij. Rotationsdruck und Verlag der Brühlstchen liniverlitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen