Kinderseele. Roman Utm Reinhold Ortinann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ja, um alles in der Welt, Mädel, wie stellst du dir denn eigentlich den iveiteren Verlauf der Dinge vor? Du hast keine Stellung mehr, und du sagst selbst, daß du auch keine Hoffnung hast, wieder eine zu finde». Und darüber, inwieweit du auf inich rechnen kannst, machst du dir doch vermutlich auch keine Illusionen mehr. Was soll also aus der Geschichte werden?" Regine antwortete nicht Erst nach einer kleinen Weile streckte sie ihre Hand aus. „Gut, gib mir das Geld, Botho! Ich nehme es für dich in Verwahrung." „Oho, Kindchen, so war es nicht gemeint. Wenn du's im Ernste verschmähst, verwahre ich mir's schon lieber selbst." „Nun wohl, so gib es mir für meinen eigenen Gebrauch. Ich habe vielleicht die Möglichkeit, mir damit eine Existenz zu begründen." Die freigebige Anwandlung schien ihn schon wieder zu gereuen. Aber vor diesem Mädchen, das ihm alles geopfert hatte, schämte er sich denn doch kein Anerbieten zurück- »»ziehen. Er gab ihr die scheine und lehnte sich, ivieder von dem unheimlichen, rasselnden Husten erschüttert, aufs neue uriick Mit geschossenen Augen lag er da, erschöpft von er Anstrengung und von den, Schmerz, der ivie mit scharfen Messern seine Brust zerriß. Regine >var neben ihn getreten und sah mit ernstem, fast sinsterem Blick auf ihn herab. Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter. „Du mußt mir ein Besprechen geben. Botho!" Widerwillig hob er die Lider und drehte ihr sein Gesicht zu. „schon wieder? Es ist eigentlich merkwürdig, daß du meiner Versprechungen noch nicht überdrüssig geworden bist, kleine Regine!" „Diesmal handelt sich's um eines, das du leicht genug halten kannst, und das du auch unbedingt halten mußt." „Na also: scheß los! Ich bin heute >o nachgiebig ge- stimint wie kaum je in meinem Leben." - „Du ivirst heute nicht ausgehen, weder im Verlauf des Tages noch am Abend, und du wirst mir erlauben, einen Arzt zu schicken." „Den Arzt meinetwegen. Was aber den Stubenarrest betrifft — Mädel, du hast ja keine Ahnung, was du mir damit zumutest. Soll ich etwa hier in der Einsamkeit dieses Loches nach allen, Regeln der Wissenschaft verrückt lvcrden?" „Nein. Du sollst auch nicht einsam sein. Ich gehe jetzt, um noch einige Stellenvermittler aufzusuchen Am Nachmittag aber komme ich wieder. Und dann wifl ich dir gerne Gesellschaft leisten, bis du eingeschlafen hist, oder bis du dich nicht mehr vor dem Alleinsein fürchtest." „Das ist sehr gut und lieb von dir, Kind! Und icnter solcher Voraussetzung verspreche ich dir unbedenklich alles, was du verlangst. Leicht wäre mir das Ausgehen ja heute auch sicherlich nicht geworden, denn diese Influenza, oder was es nun sonst ist, scheint sich mit jeder Viertelstunde großartiger auszuwachsen. Du kommst also bestimmt wieder?" „Sobald es mir möglich ist. — Hast du sonst noch einen Wunsch, Botho?" „Nein. Das heißt — wenn du eine Flasche Wein mitbringen wolltest — Burgunder oder sonst was Feuriges. Es ist das Beste gegen das Fieber. Ich glaube nämlich im Ernst, daß ich ein bißchen Fieber habe." Die trockene Hitze seiner ihr zum Abschied gereichten Hand hätte ihr ohnedies verraten, daß es so war. Aber sie äußerte sich nicht darüber, sondern begnügte sich mit der Zusage, seinem Wunsch zu ivillfahre». Bis auf den Gang hinaus verfolgte sie der beängstigende Klang seines Hustens, und sie eilte mit raschen Schritten die Treppe hinab, als könne sie nicht schnell genug aus dem Machtbereich dieses quälenden Verfolgers fliehen. Unausyaltsam rannen ihr unter dem Schleier die Dränen über die Wangen, als sie durch die winterlichen Straßen der geschäftigen, unbarmherzigen Stadt lief, die ein Dorado scheint für die Glücklichen und eine Hölle für die Elenden und Verlassenen. Sie hatte ja nur wenig Hoffnung, zu finden, was sie suchte, denn seit acht Dagen war sie schon an unzähligen Stellen mit einem bedauernden Achselzucken abgefertigt worden. Sie bog eben um die Ecke der Friedrichstraße, da >var es ihr, als hätte hinter ihr jemand halblaut ihren Vornamen genannt; aber sie wußte ja, daß es in der Riesenstadt niemand gab, der sie so hätte anreden können, und sie drehte sich deshalb gar nicht um, sondern beschleunigte nur halb unwillkürlich ihren Schritt. Da klang es wieder, und diesmal hart an ihrer Seite, wie in beklommener Bitte: „Regine! Liebe Regine!" Wie sie nun erschrocken ausschaute, sah sie in ei» wohlbekanntes, trauriges Gesicht. „Rudolf! Mein Gott, du bist's?" Sie hatte stehen bleiben müssen, denn die Bestürzung über diese Begegnung machte sie schwindeln. Davon, daß ihr ehemaliger Verlobter in Berlin sei, hatte sie ja nichts gewußt. Und wenn sie cs geivußt hätte, würde sie doch niemals mit der Möglichkeit gerechnet haben, dag er sie bei einem zufälligen Zusaminentrefsen anvoden werde. Der frühere Buchhalter in Reinswaldau fand nur mühsam das erste Wort. Er war gewiß kein schöner Mann, aber er hatte ein gutes, treuherziges Gesicht, und er. sah in diesem Augenblick sicherlich nicht aus wie einer, der noch nachträglich Gericht halten will über eine treulose Ver- räterin. „Entschuldige, daß ich dich aufhalte," brachte er endlich unsicher hercms. „Aber ich sah, daß du iveinst, und wenn ich dir vielleicht mit irgeno etwas behilflich sein könnte —" 490 , Nein — nein, mir Min «niemand Helsen. Und er ist Attchsam Von dir — von Ihnen, daß Sie y" Die Vorübergehenden fingen cm, auf die beiden aufmerksam zu werden, und diese Wahrnehmung gab Rudolf Brehmer den Mut, ihren Arm zu nehmen und die Willen, lose sanft mit sich hinwegzuziehen, „Was ist grausam, liebe Regine? Daß. ich dich nicht weinen sehen rann, yhne dir meinen Beistand anzubieten? Stehst du, es ist ja heute nicht das erste Mgl, daß ich dir hl Berlin begegne, und daß ich dir ein Stück Weges nod>- gegangen bin. Daß du hier bist, weiß ich schon seit einer ganzen Reihe von Wochen, Einer meiner früheren Kollegen hat es mir aus Reinswaldqu geschrieben." Dast eS ihr Vater gechefen w!ar, der ihm sein kummervolles Herz ausgeschüttet hatte, verschwieg er ihr aus natürlichem Zartgefühl, denn er wußte Wohl, daß es ihr wehtun müsse, diesen Namen ans seinem Munde zu hören, „Du mußt nicht denken, Regine," fuhr er fort, „daß , mich aufdränaen oder dir irgendwie zur Last falle» will, aS geschehen jst, ist geschehen. Und ich weiß wohl, daß dir meine Gesellschaft nicht angenehm sein kann, jetzt, wo du einen anderen lieb hast, Auer, siehst hu, wir können doch denken, das nstt unserer Verlobung wäre nie gewesen, und ich wäre nur ein guter alter Freund, vor dem man keine Geheimnisse zu haben braucht. So verzweifelt wie damals K leiner ersten Ueberraschuug bin ich ja heute nickt mehr, und nach würde ich mich wohl auch ganz dqMit abs- ln, wenn ichnnr wenigstens die Beruhigung hätte, daß rtt wirklich glücklich geworden hist," Während sie ganz sachte ihren Arm aus dem seinige» i, sagte sie: „Mas ist sehr aut von dir, Rudolf! Denn entlich müßtest du dich doch freuen, mich unglücklich zrl sehen." „Freuen? O Regine, kannst du mir das antun, so von mir zu denken? Siehst du, es gab ja ein paar Tage, wo ich h«n — den änderen ganz gut hatte umbrsngen können, wenn ich die Natur für solche Gewalttaten hätte. Aber daS ist nun ganz und gar vorbei. Und wenn ich nur wüßte, daß fr htch glücklich macht, dann — dann würde ich ebenso gerne ihm helfen, wie ich dir helfen möchte," ine Stimme hatte doch ein wenig gezittert, während 2 ; aber Anteil- ......... WWWWWW . ihre e, verlassene Seele es jetzt in sich aufnahm wie ein Ver- cachtender den ersten, heiß ersehnten Tropfen, ,,Zch danke dir, Rudolf! Und wir haben es doch so ig um dich verdient." „Äch, das last nur. Wir wollen jetzt nicht mehr von diesen allen Geschickten reden. Darf ich fragen, wie es dir hier in Berlin geht? Dein — der Herr v, ReibUitz hat wohl eine mite Stellung^ „Rein, Er hat noch keine finden könne». Und seine Gesundheit ist augenblicklich so angegriffen, daß er auch nicht im Ernst daran denken kann, eine zu suchen," „Das ist schlimm. Es handelt sich doch nicht um etwas Bedenkliches," „Ich weiß nicht. Eben wollte ich einen Arzt bitten, ihn zu besuchen. Von dem werde ich es dann erfahren," Daß sie es verhältnismäßig ruhig sagte, konnte sich ihr Begleiter nur als einen Beweis für die Ungefährljichikeit der Krankheit deuten, urch so glaubte er bet diesem Gegenstand nicht länger verweilen zu müssen, „Und du selbst? Dir geht es hoffentlich gut?" Es bedeutete keine Demütigung für Regine, als sie ihn: wahrheitsgetreu berichtete, wie fnrchibar schwer der Kampf f is Dasein sei, den sie hiex in der fremden, mitleidlosen adt zu führen hatte, und je rückhaltsloser sie sich all ihre mMernisse und Sorgen vom Herzen sprach, desto voll- Widiger vergaß sie, vor wem es geschah, Rudolf Brehmer hatte ihr aufmerksam zuaehört, und als ts nun an ihm war, zu reden, da sprach er so unbe- saIlgen und sachlich, als wäre „das mit ihrer Verlobung" wirklich niemals gewesen, „Nun mache ich mir aber ernst licke Vorwürfe, daß ich nicht schon bei einer früheren Be wen ch jetzt sätig bi». Wir suchen näinuch schon seit Wochen nach ftnem tüchtigen und vertrauenswürdigen Fräulein für das Lager Und die Beaufsichtigung der Expedition, Die nötigen Fach- kenntntsic sind leicht zu erlverbeii, und wenn du willst, könnt- test du schon morgen eintreten." morgen .. ie ir* Jt “* - ein guter Mensch. Rudolf, Regine sah ihn groß an. Sie hatte ihn früher immev gefunden. IN diesem Angeniblick fand sie es nichts 4 sie Und vergessen werde ich dir das nie, Mer daß ich es nicht annehMen kann, das stehst du doch wohl ein Ai „Aber warum denn nicht? Etwa, weil es dasselbe HauS ist, In dem auch ich tätig bin? Wenn es das ist, darfst du ganz ruhig sein. Ich habe mit dem Lager und der Expedition per» sönlich nicht das geringste zu tun, und es wäre sehr wohl möglichckaß wir einander wochenlang gar nicht zu Gesicht bekämen. Daß ich mich dir nicht aufdrängen werde, habe ich dir ja schon vorhin gesagt." Da fühlte sie, daß sie ihm einen großen Schmerz zu, fügen würde, wenn sie sein Anerbieten ausschlug, und mit einem Lächeln, dem ersten, das seit langer Zeit über ihr einst so fröhliches Gesicht ging, streckte sie ihni ihre Hand entgegen. „Ich nehme es an, Rudolf! Und ich werde mir gewiß alle Mühe geben, mich deiner Empfehlung wert zu zeigen." Er nickte mir und behielt ihre Hand nicht länger in der seinen, als es geschehen mußte. Dann verabredeten sie daS Nähere wegen ihrer morgigen Vorstellung bei dem Evef der Firma, und Rudolf Brehmer empfahl sich unter höflichem Lüften seines Hutes mit einem freundlichen Wunsche für die baldige Wiederherstellung des Herrn v. Ueibnitz. 16. Kapitel. Ganz allein war Margarete am Vormittag im Schlitte» nach Waldenburg gefahren, um einige Besorgungen zu machen. Sie war von Jadwiga in Fornc einer höflichen Bitte darum ersucht worden; aber sic hatte sich nur ungern ent» schlossen, den Auftrag zu übernehmen, denn sie war in ernst« sicher Sorge um Dietlinde, Irgend jesnand mußte dem Kinde in der Frühe de- heutigen Tages von der bevorstehenden Veränderung gesprochen haben, und die Wirkung war noch weit stärker gewesen, als Margarete es gefürchtet hatte- Totenblaß und am ganzen Leibe zitternd war die Kleine zu ihr ins Ziim- mer gestürzt und hatte sich wie in Todesangst an sie Mlammert, ohne im Uebermaß ihres Schmerzes aüch nur ein Wort herausbringen zu können, Margarete hatte allegetan, was in ihren Kräften stand, um die Aufgeregte zü trösten, und ihr selber war das Herz wohl kaum weniger schwer gewesen als dem verzweifenden Kinde, Erst nachdem sie immer und immer wieder versichert hatte, daß sie in einigen Stupden zurück sein werde, hatte Dietlinde sich bewege» lassen, sie freizugeoen und dem Rufe Jadwigas Folge zü leisten. Gesprochen aber hatte sie auch jetzt nicht, und jbr Aussehen hatte Margarete »nt so beklemmender Angst erjülft, daß sie nahe daran gewesen svar, noch jetzt die beabsichttgie Fahrt aufzugeben. Aber sie war einem unmutigen Blrck Jgd- F oigas begegnet, und sie hatte sich nicht abermals einem uij- reundlichen Wort görade aus diesem Munde autzsetze» wollen. So war sie mjt kummervoller Seele gegängen. Während sie jetzt durch die scharfe Kälte des FrosttageS dahinfuhr, zermarterte sie ihr Gehirn unablässig mit dem peinigenden Gedanken, ob sic denn auch wirklich recht getan habe, auf Kosten dieses armen, früh geprüften Kinderherzens der vermeintlichen Stimme ihres Gewissens zu gehorchen. Es war eine nutzlose Selbstqual, die sie sich mit diesen Grübeleien bereitete. Denn an dem, was einmal geschehen war, hält« ja alle Reue nichts mehr zu ändern vermochr, Zn den vier Tagen, die seit ihrer Unterredung mit dem Baratt verflossen waren, hatte sie bereits alle Vorkehrungen für eine baldige Abreise getroffen und batte sich nach verschiedenen Richtungen hin bemüht, eine andere Stellung zu finden. Sie durste wohl nicht zweifeln, daß auch von Seiten BardelebenZ oder Jadwigas ähnliche Schrille getan worden waren, wenn man ihr auch bisher keine Mitteilung darüber gemacht hatte. Den Baron hatte sie während dieser vier Tage überhaupt nur ein paarmal flüchtig zu Gesicht bekomme», denn sie nahm alle ihre Mahlzeiten mit Dietlinde oben im Kindcr- zimmer ein. Ein stummer, höflicher Gruß, oder einige freundliche, nichtssagende Worte, das war alles, was ihr bei den wenigen zusälligen Begegnungen von ihm zuteil geworden war. Sein Benehmen mußte ihr Beweis genug dafür sein, daß er nicht mehr daran dachte, ihre» Entschluß zu erschüttern. Sie war trotz der Pelzhüllen halb erstarrt, als sie in S aldeubura den offenen Schlitten verließ, den» yas min on seit Wochen anhaltende Frostwetter hatte sich während 461 Ket letzten Tag« »u einer grimmigen Kälte gesteigert^Von dem Wunsche getrieben, so bald alS möglich wieder auf Kletn- Ellbach »u fein, beeilt« sie sich, ihre Besorgungen zu machen. Aber als Ne dann in das Hotel zurückkehrt«, wo der Bards- lebensche Kut eher auSzuspannen pflegt«, teilte ihr der Mann mit, daß er den Pferoen notwendig noch Ruhe gönnen müsse, und dag darum vor Avlaus einer Stunde kaum an die Heim- tzqh-rt zu denken sei. _ (Fortsetzung folgt.) Artilleristische Ueberraschungen im Arlege. Zu den größten und furchtbarsten Ueberraschungen, di« unfern so selbstgewissen Feinden in diesem Kriege bereitet! erden, gehört die ungeheure Wucht und Wirkung unserer «schütze, und besonders haben die neuen Kruppschen Be« aaerungs-Mörser sich als würdige Nachfolger jenes „Ge- chleckts der Mauerbrecher" erwiesen, das zu Anfang des i». Jahrhunderts den deutschen Waffen so großen Ruhm verlieh In dem ewigen Wettlauf zwischen Befestigungskunst und Belagerungsgeschütz bat unsere Artillerie augenscheinlich einen gewaltigen Vorsprung gewonnen: die als uneinnehmbar gepriesenen Wunder der neuesten Festungen werden wertlos vor der ehernen Macht dieser Kanonen, und wieder einmal wirft eine kühne artilleristische Neuerung alle Be- echnungen und Hoffnungeil über den Hausen. Das ist öfters i geivesen im Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Schon die riegsmaschtnen der alten Babylonier triumphierten über este Mauern und hohe Türme, und die Kunst der Kinder ' iraels, die bereits unter König llsia Maschinen hatten „zu aeßen mit Pfeilen und großen Steinen", mußte vpr den avylonischen Geschützen verblassen. Die Griechen und Römer Karten dann wesentliche Neuerungen in dieser Hinsicht ein, und zwar war es, wie neuere Untersuchungen erwiesen haben, da« mechanische Prinzip der Torsionselastizität, das sic zum Schrecken ihrer Feinde zur Anwendung brachten. Die einfachste Ausnutzung dieser Methode waren die Schleudermaschinen mit einem oder mehreren Hebeln, die der Lagerwitz „Onager", d. h. Waldesel, nannte. Wie dies Tier nach der Sage mit seinen Hufen große Steine gegen seine Vev- folger schleudern sollte, so warfen diese Geschütz« Steinkugeln Von ^ Pfund 300 und mehr Meter weit. Man hat in neuest zum wissenschaftlichen Studium einen solchen alten ,, Waldesel" rekonstruiert und z. B. festgestellt, daß . 88 Zentimeter lange Pfeil« bis zu mehr als halber durch einen 3 Zentimeter starken, «isenbeschlagenen «schleudert werben. Mit dieser ihrer antiken Artillerie, zu der die merkwürdigsten und wunderlich aeformtesten Apparate gehörten, haben dl« Römer in allen Teilen der Welt den Trotz hervopragender Festungen gebrochen, und schon das Auffahren ihr«s GeschÜtzparkeS genügt« bisweilen, um die BelagLrten zur Ergebung zu zwingen. Im Mittelalter ging diese Technik verloren. Anstelle der TorsionSelastizität trat nun die Ausnutzung des Gegengewichts, durch die nur recht lumpe Maschinen konstruiert werden konnten. Aber der e» indcrische Menschengeist drohte auch damals bereits mit urchtbareren Schrecken. Eine der schlimmsten Ueberra- 1 chungcn, di« die Kriegsgeschichte kennt, haben die Bvzan- tiner den Riesenflotten der Araber bereitet, die als das seebeherrschende Volk im 9. und 10. Jahrhundert vor Konstan- tinopel erschienen. Mehrere Flotten wurden in langjährigen Kämpfen durch eine neue eigenartige Angrissswafse vernicki« tet, durch das sog. griechische Feuer. Ein Gemisch von Pech, Erdöl, Schwefel und Salpeter wurde unter Donner und feurigem Rauch aus metallenen Rohren auf bi« Feinde geschleudert und so alles in Brand gesetzt. Man hat mit Recht in diesem griechischen Feuer den Vorläufer des Schießpulvers gesehen. Als aber die Entdeckung des deutschen Mönchs der Menschheit wirklich eine neue Waffe in die Hand gab, da wußte man sie durch Jahrhunderte noch nicht zu nutzen. Die schwerfälligen Kriegsmaschinen blieben weiter im Gebrauch, denn bei den mit Pulver geladenen Kanonen fürchtete man zuerst mehr das Geräusch als die Wirkung. Selbst die bronzenen Geschütze des 15. Jahrhunderts haben noch nicht viel Schaden angerichtet, und auch was von der „faulen Grete" auf märkischem Boden gefabelt wird, hat per wissenschaftlichen Forschung nicht Stand gehalten. Nur selten gelang eS damals, mit dem Geschütz eine so breite Bresche zu schießen, daß der Sturm durch sie gewagt werden könnt«. Erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts trat der große Umschwung ein. Als die Riesenmauern der Feste Landstuhl unter dem Feuer der Kanonen in Trümmer sanken und den letzten großen Vertreter d«s Rittertums, den edlen Franz von Sickingen, unter sich begruben, da war wieder einmal «ine große Ueberraschung in der Kriegsgeschichte gelungen.. Die festesten Mauern hielten nun dem Geschütz nicht mehr Stand: man mußte sie durch angeschüttete Erd« verstärken! und ging so zu Wällen und Bastionen Über, die eine ganz neue Methode der Befestigungskunst beraufsührten. Seitden^ tobt der Kampf zwischen Kanone und Festung bis auf den heutigen Tna, und gleich zu Anfang traten als die gefähv- lichsteu Feinoe der neuen Befestigungen die M o r s e r hervor, efne Erfindung des Beit Wolf v. Senfftenherg 1570, dir «tn Jahrhundert Alleinbesitz der deutschen Artillerie war, „Sie mögen wohl der Welt Schrecken genannt werden," schreibt Senfftenbera von ihnen, „denn damit gibt man allem schweren Geschütz Urlaub. Und kann mit Worten ntt beschrieben noch ausgesprochen werden die Nutzbarkeiten, so. darinnen verborgen liegen". Von Ludwig XIV. weiter aus- gebildet, wurden sie dann besonders zum Bombenwurf be- nutzt, wobei die Geschpsse die starken Decken der Blockhäuser; uhd Kasematten durchschlugen und durch ihre Sprengladung W irkten. Eine Weitersubrung des Gedankens war die Bom- e n k a n o n e, die der französische General Pairhans erfand und die den Heeren Napoleons so manchen Vorteil verschaffte. Schon Friedrich der Große hatte auf ein brauchbares Feldgeschütz großen Wert gelegt und jene von seinen Feinden so gefürchteten „Brummer" verwendet, schwere Zwölfpfün- der, die sich in der Schlacht bei Leuthen besonders bewahrten. Eine artilleristische Ueberraschung, mit der die Engländer! zuerst aufwarteten, war die von dem Kapitän Congreve zu», erst 1804 zu einer brauchbaren Waffe auSgestaltete Kriegsrakete, mit der die englischen Schiffe 1806 Boulogne und 1607 Kopenhagen mörderisch beschossen. Während die fran- » en Mitrailleusen 1870 versagten, hat die Firma Krupp nfang an für wirksame Ueberraschungen unserer Feinds gesorgt. Die 1861 zuerst in Preußen einaeführten Hinterladungsgeschütze bewährten sich 1864 vortrefflich gegen: die Düppeler Schanzen, sowie 1866 das Zündnadelgewehp zu den Erfolgen gegen die Oesterreicher wesentlich beitrugt Krupp hat auch schon 1870 ein Ballongeschütz konstruiert, das gegen die aus dem belagerten Paris entsandten Ballons verwendet wurde und als ältester Versuch der Art in unserer Zeit des Luftkrieges bedeutsam bleibt. Tom Attins. Durch unseren Sieg über englische Kavallerie ist es sichergestellt, daß England sich verpflichtet hat, ein Larcd- Heer Frankreich zu Hilfe zu senden. Man weiß von beul englischen Soldaten, schlechthin „Tom Atkins" genannt tn England selbst sehr wenig. Das englische Heer kampsr auf fernen Schauplätzen, „bald nahe am Pol, bald in tropischer Sonne . England hat niemals das Bedürfnis emp- ftlnden, ein stehendes Heer zum Schutz der heimatlichen: Insel zu halten. Daher ist England die einzige der europäischen Großmächte, bei der die allgemeine Wehrpflicht Nicht eingestthrt ist. Die Soldaten werden nur auf eine bestimmte Reihe von Jahren angeworben, und zwar für einen Sold, der nicht groß genug ist, um heimische, gut bezahlte Arbeiter oder Handwerker anzulocken. Dagegen ist die Aussicht, in fremdem Lande ein Abenteurerleben- wenn auch in strenger Militärdisziplin, zu führen, verlockend für all« Arten von Menschen in ungesicherter bürgerlicher Stellung, für alle Subjekte, die mit Polizei und Gerichten in Konflikt geraten sind, oder ihrer Charakteranlage wegen in solche Konflikte zu geraten fürchten. DaS englische Heer zieht Leute an, wie sie zu allen Zeiten in Söldnerheeren mitMannhaftigkeit undTovesverachtnng,aber ohne Begeisterung für eine große Sache und ohne Liebe zu ber Fahne, unter der sie stehen, gekämpft haben. Für die „Witwe in Windsor", wie Kipling die Königin nennt, Ar deren Ehre in England über 50 Jahre die Nationalhymne fli: „God save the queen" abgeändert war, haben diesg Soldaten in allen Weltteilen gefochten. Mit StoL läßt der imperialistischste englische Dichter in seinen „Soldatenliedern" ben Trotz singen: „Einen Streit mit der Witloe von Windsor Hat mancher sich gut überlegt, Tenn ihr Vorpostenstand ist zur See und zu Land, - Wo man unsere Trommeln schlägt." Mer der Refrain dieser Strophen lautet recht resigniert! „Arme Teufel, — wir sind's, die man schlägt," — 492 — Was Wunder, daß sie nicht den Wunsch haben, in Europa zu vleiben, und der Dichter gewiß aus alter Herze» spricht: „Schafft mich östlich nur von Suez, alles andre ist mir Wurst, Wo die 10 Gebote nichts gelten und ein Mann sich holt 'nen Durst", zunial das Bedürfnis, „seine:, Durst zu stillen", b. h die Trunksucht, nicht nur englisches Nationattaster, sondern insbesondere das seines Heeres ist. Zu dieser aus den niedersten Volksschichten hervorge- aangenen Soldateska gesellt sich so mancher Mutter Sohn aus gutem Hause, der sein Geld verspielt oder verludert und nichts gelernt hat, um sich eine Existenz auf bürgerlicher Basis zu gründen. So hat das englische Heer einen der französischen Fremdenlegion verwandten Charakter. Kipling nennt es auch „Die Legion Verlorener, die Kohorte, die verflucht ist/', und er läßt einen solchen armen Teufel aus gutem! Hause, der als gemeiner Soldat Dienst tun muß, den traurigen Refrain anstimmen: , Wir sind arme kleine Lämmer, und kein Stall in der Näh', Wir sind schwarze Schafe, verirrt im Schnee, Gemeine Soldaten aus vornehmem Haus, Fuhren zur Hölle in Saus und in Braus, Gott, Hab' Erbarmen und hilf uns heraus." Die Munition und ihr Ersatz im §elde. Eine Truppe, deren Schießbedars im Gefechte sich erschöpft, ist nicht nur nicht mehr »um Angriff und demnach zum Srsolge fähig, sie wird wehrlos und ist dem Verderben, der Vernichtung durch den Feind vreisgegeben. Die Jnsanterie und die Kavallerie befördern den Schießbedars teils am Körper, teils wird er ihnen in besonderen Wagen, auch in Kolonnen zusammengefügt, nach- aesiihrt. Die Artillerie sördert einen Teil deS Schießbedarfes mit ihrer Masse zugleich, aber auch für sie bestehen besondere Forma- twnen, die d,c Munition enthalten und sie für die Truppe bereit stellen sollen. Der Munitionsersaß für die kämpfende Truppe ist eine der wichtigsten und schwierigsten Aufgaben der Kriegführung. Es bat sich diese Schwierigkeit mit der Einführung det schnell- schiegeiwen Waffen sehr gesteigert, und es gehört zu den niemals schwindenden Sorgen der Führer aller Grade, mit der vorhandenen und im Gefechte erreichbaren Munition so hauszuhalten, daß ein „Verschießen" der kämpfenden Truppen nicht eintrete, lieber den Munmonsersatz bei der Jnsanterie sind die Zahlen dir vorhandenen Patronen in keiner Armee bekannt. Man weiß nup, daß der Mann teils in den Patronentaschen, teils i» eigenen kleinen Behältnissen, im Tornister und in den Taschen der Bekleidungsstücke so viel Patronen bei sich hat, als es nur möglich ist, ohne ihn übermäßig zu belasten. Die Hauptmunition stihren die Patronenwagen, die zum Gesechtsterrain der Truppe gehören und ihr unmittelbar bis zur Entwicklung in die Feuerlinte durch jedes Terrain zu folgen vermögen. Vor dem Gefechte werden gewöhnlich die Patronenwagen entleert und deren Inhalt an die Mannschaften verteilt. Diese sollen sie dann in Brotbeuteln, Rock- und Hofen- taschen unterbringen und ebenso die im Tornister mitgcfübrte Munition aus diesen herausnehmen. In der Verteidigung legt man die Patronen in die Schützengräben bereit und macht für sie durch kurze Erdarbeiten in einzelnen Abschnitte» kleine Erdnischen zurecht. Jede Abteilung, die nach vorwärts in die Feuerlinie einrückt, bringt frische Patronen mit. Die einzelnen Mteilungcn verständigen sich in der Feuerlinie darüber, ob ctloa bei einer Mangel an Munition eingetreten ist. In solchen Fällen findet ein Ausgleich der Muni- tionsvorräte innerhalb der Feucrlinic statt. Die gefüllten Patronenwage, r einer jeden Konipagnie solle» möglichst nahe hinter die fechtende Truppe zu gelangen trachten, sie nehmen dort gedeckte Ausstellung. Wenn aber eine Deckung nicht zu erzielen ist, so müssen die Patronenwagen ohne jede Rücksicht aus etwaige Verluste an die Truppe Herangehen. Denn die Hauptsache ist ja, daß die Feuer- ltnie ihre dringend erforderliche Nahrung finde und jederzeit mit Patronen in ausreichendem Maße versorgt sei. Jeder Kompagnie- Patronenwagen muß auch auf Verlangen anderen als der eigenen Abteilung Patronen verabfolgen; ihm folgen in angemessenen Ent- sernungen Jnfanterie-Munitionskoloiincn, die durch die höhere Führung dirigiert und in Marsch gesetzt werden. Ein großer Verbraucher an Munition im modernen Kriege sind die Maschinen-» Gewehre geworden Ihre Ausgabe ist, die unmittelbare Unterstützung des Feuerkanipses der Infanterie. Sie werde» daher beim Gefecht zunächst nur zum Kamps bereit gestellt, und ihr Einsatz erfolgt erst auf Befehl des^Truppe,Führers, dem sie, wie die ganze Gefecht vorhandene Summe der Streitkräste, unterstellt sind. Wohl stihren die Maschinengewehre keine lang dauernden Feuerkamp,e, den,, sie sollen nur entscheidende Momente ausnntzen, aber eben tu diesen Zertabschnitte» verschießen sie sehr viel Munition. So muß denn die Truppe,rsührung im heutigen Kriege auch für das Vorhandensein und rechtzeitige Heranführen dieses Schieß- bedarses ausreichende Sorge tragen. Jeder Artillerieführer ist dazu verpflichtet, dauernd für die Regelung des Munitionsersatzes z» lorgen^ Der Bedarf an Munition wird in erster Linie aus den sog. „Stafieln", zunächst aus den leichten Munitionskolonnen entnommen. Da die Protzen der Geschütze und die mitgesührtc» Mu- nitiouswageii der Staffel gewöhnlich in Deckung „ach rückwärts gebracht werden, so muß bei der Einnahme einer Feuerstellung vorher die Munition aus den Geschützprotzen teilweise oder ganz entleert, aus den Munition^wageuprotze» aber immer herausgenommen werden. Für die Kavallerie kommt Munition nur im Gefecht zu Fuß in Betracht. Auch sie führt Munition bei sich. Bei allen Waffen aber zeigt sich nach de» Erfahrungen der letzten Kriege trotz aller sorgsamer Aufmerksamkeit immer wieder die Notwendigkeit, daß die Truppen im Besitze reichhaltig bemessener und vorhandener Munition davor bewahrt werden müssen, mit diesem kostbaren Gute etwa Verschwendung zu treiben. Es ist Sache der Führer, auf Grund der schon im Frieden eingeübten Feuerdiszi- vlin die Truppe vor der Katastrophe des Verschießens zu bewahren. Frerlich muß dabei der Gemütszustand der schießenden Truppen rn Betracht gezogen werden, weil ja die Nervosität in der Feuer- lrnie manchen Schützen dazn verleiten könnte, zwecklos und zu viel zu schießen. Diesen Ucbclstände» zu begegnen ist Pflicht der Unter» fitover, die ihre Leute gerade in solchen entscheidenden Monieuten fest in der Hand haben müssen. vermischte». . ^^.?"iesse, die Jahrhunderte dauern. Vom alten Reichsgericht in Wetzlar hat man uns erzählt, daß dort Prozesse jahrhundertelang geführt wurden Aber auch noch rn neuerer Zeit, da der Schlendrian des heiligen römischen Reichs deutscher Nation längst versunken ist, haben Prozesse länger als ein halbes Jahrtausend gedauert. Ein solcher Streitfall war der zwischen den Grasen von Revers und einigen Einwohnern von Donzp. Der Prozeß begann im Jahre 1210 und wurde erst 184« endgültig entschieden, hat also 638 Jahre geschwebt. Merkwürdiger- tveise ganz die gleich« Zestjpaun: nahm >in anderer Prozeß in Anspruch, den die Bürger von Campan und Bagneres miteinander auSsochten. Er begann im Jahre 1294 und das Urteil wurde erst im Jahre 1892 gesprochen. Das kleine Oertchen Campan ist überhaupt ei» „Prozeßhansl" gewesen, denn es führte noch einen anderen Prozeß, der ebenfalls viele Jahrhunderte dauerte, an dessen Durchfecht,rng zahlreiche Rechtsanwälte ihr ganzes Leben lang arbeiteten und bei den, die Parteien unendlich viel mehr Geld verloren, als die Sache ihnen einbrachte. Bei den russischen Gerichten schwebt iwch jetzt ein Prozeß, der seit mehr als fü»s Jahrhunderten zwischen einem hoben Adelige,, und Burgeni des Ortes Kamictz Podolzk wegen Grenzstreitigkeitcn geführt toird. Ein Alter von 200 Jahren erreichte ein Prozeß, der um dir Hinterlassenschaft des ungarischen Bischofs Demetra geführt wurde. Der hohe Geistliche hintcrließ seiner Familie gewaltige Besitzungen, aber bei seinem Tode in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Güter von Türken überflutet, und es dauert« längere Zeit, bevor die politischen Verhältnisse soweit geklärt waren, daß Ansprüche daraus erhoben ,Verden konnten Unterdessen war die Zahl der Erbberechtigten auf tausend angeivachsen, und da sich diese im Jahre 1768 nicht einigen konnten, kam es zu einem Prozeß, ber erst 1890 entschieden wurde. Damals erhielt jeder der „glücklichen Erben" 20 Mark. Den iveitaus größten Teil der Erbschaft, die ursprünglich vier Millionen wert ivar, hatten diaProzeßkosten nuh die Rvchtsanwalthonorare verstchlungeln., * Irre geworden. Richter: „Also wollen Sie gestehen, daß Sie das Fahrrad gestohlen haben?" Angeklagter: „Nciir, nach dem. Ums der Verteidiger sagte, glaube ich nicht, daß ich es gewesen bin!" __ Rösselsprung. f et» | jiir vergeht schei so dl- mir heute abend srennd kleines «in I di« vereint ist tob o 1 über neu eh' det zu noch gib der 1 der kleines 1 spät ] über Hand der es Auflösung in nächster Nummer. Auflösniig des Zitatenrälfels tu letzter Nu,inner t Nicht mit zu hasse», »ist zu lieben bin ich da. Redaktion : Aug. G o e tz. — Rolattonsdriick »nd Verlag der Bri'chl'sche» Uinversiläts-Buch- und Stemdruckeret, R. Lange, Gieße».