Kinderseele. Kommt von Reinhold Dctmantt (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Bardeleben fuhr sich über Augen und Stirn. „Einer von uitö ist in diesem Augenblick ohne Frage verrückt. Bielleicht sind wirs beide. Wovon reden wir denn eigentlich)? Sagtest dil nicht, Irma sei gezwungen worden, mich zu heiraten? Und sie habe nicht mich geliebt, sondern einen anderen?" „So sagte ich, und ich kann nicht glauben, daß es etwas ganz Neues für dich gewesen sei." „Etwas ganz Neues - verlaß dich darauf. Wie ich auch in meiner Erinnerung suche, ich kann nichts finden, das wie ein Widerstreben deiner Schwester gegen unser Verlöbnis und gegen unsere Heirat ausgesehen hätte. Eine leidenschaftliche Liebe- haben wir uns ja beide nicht vorgeheuchelt, das gebe ich w. Und daß die Familie hüben und drüben alles tat, um die Partie zustande zu bringen, ist mlir natürlich nicht entgangen. jAn die Möglichkeit eines Zwanges aber habe ich nie gedacht. Mein Herz war frei, und Fräulein Ras- inussen gefiel znir als hübsches und kluges Mädchen nickst weniger, als .mir vielleicht auch irgend ein anderes hübsches und kluges Mädchen gefallen hätte. Als wir erst verlobt waren, redete ich mir sogar ein, sie wirklich lieb zu haben, und ich hatte jedenfalls den rschtschaffenen Willen, sie so glücklich zu machen, als ich eben konnte. Fl)re Kälte hielt rch für nichts anderes als für eine Besonderheit ihres Temperaments, uitd ich meinte, in der Ehe würde sich das schon verlieren." Er schien das alles mehr für sich selber als für den anderen zu sprechen, denn er blickte unverwandt vor sich ? ,in, und die einzelnen Sähe kamen langsam, wie wenn er ie nack» und nach ans der Tiefe seines Gedächtnisses heraufholen müsse. L Run aber fiel ihm Rasmussen ins Wort. „Das alles mag inehr j,der weniger richtig sein. Rur solltest du nicht vergessen, wie damals die Dinge für dich oder für deinen Vater lagen. Flein-Ellbach ivar bis übers Dach mit Hypotheken belastet, und in Wahrheit ivar kaum noch ein Halm aus dent Felde euer Eigentum. Mein Vater hätte nur seine Hand anszustrecken brauchen, um zu nehmen, ivas ihin längst gehörte." i t Bardeleben nickte. „DaS könnte stimmen. Aber ivas soll es beweisen?" „Es soll beweisen, daß du sehr triftige Gründe hattest, dem Fräulein,Rasmussen vor irgend einem anderen hübschen und Augen Mädchen den Vorzug zu geben. Es soll beweisen, daß die Heirat von deiner Seite oder von seiten deines Vaters nichts weiter war als eine gewöhnliche Spekulation." „Von seiten meines Vaters — vielleicht. Aber ich sehe keinen Anlaß, ihn oder mich noch weiter vor dir zu recht- fertigen. Wir sind es doch jedenfalls nicht gewesen, die einen Zwang auf die Tochter des Herrn Kommerzienrats geübt haben." „Nein. Und es war wohl auch kein Zwang im brutalen Sinne des Wortes. Meine Dante war eine so kluge Frv«s ich mit der ganzen In- brtlnst meiner Seele ersehnt hatte. ihre Herzen flogen sich wie zwei Feuerbrände entgegen." „Sehr schön! Und warum habe» sie sich nicht geheiratet?" - 4«fl — „An eine Einwilligung meines Katers war n icht KN denken. Ms Irma nur 6ne zaghafte Mbeutung wagte, gab es eine Szene, die uns für fern Lehen das' Schlimmste befürchten ließ. Ta gaben sich Heßmer und meine Schwestep das Versprechen, zu warten. Und mein armer Freund ging auf ein Jahr nach den Vereinigten Staaten. Ais er wchdet- kain, war Irma trotz meiner verzweifelten Bitten und Vorstellungen dem aus sie geübten Druck unterlegen und führte deinen Namen." „Ein richtiger Roman also! Nur eines ist mir dabei nickt ganz verständlich. Wenn dir so viel daran gelegen war, diese verhaßte Heirat zu hintertreMn, warum kamst HU dann nicht KU mir, um mich aufzuklären? Ich denke, irgend ein Tag vor meiner Hochzeit wäre dazu viel besser gewählt gewesen qls der heutige." „Wan hatte mir von der Verlobung erst Mitteilung gemacht, als sie bereits zur vollendeten Tatsache geworden war, und ich mußte, wie gesagt, für das Leben meines Vaters fürchten, wenn sie gelöst worden wäre." „Ach so! — Aber der Roman ist. noch nicht aus, und ich kann dir's ersparen, mir glich das letzte Kapitel zu erzählen. Dein Abgott Heßmer starb durch eigene Hand. Es muß. so im dritten oder vierten Monat meiner Ehe gewesen sein nicht wahr?" < Der Oberleutnant neigte den Kops. „Irma hatte ihm in esnem Briefe ihre Verheiratung mitgeteilt, und er hatte ihr nicht darauf geantwortet. Ein paar Wochen später kehrte er nach Deutschland zurück — wie mich, ein zufälliges Zusammentreffen mit ihm erkennen ließ, ein innerlich gebrochener Mann. Er vermied es geflissentlich, Meiner Schwe- S zu begegnen, bis ein unglückseliger Zufall gögen seinen ihren Willen diese Begegnung dennoch herbeiführte. In einer Gesellschaft, zu der auch er geladen war, sahen sie sich wieder." l. „Ich sage dir ja, daß ich das Schlußkapitel kenne, denn ich habe es ahnungslos miterlebt. Es war in einer Soiree beim IieaierungKptäsidenten, wo ich zum ersten Male in ifteiuefn Leben den Namen Heßmer vernahm, und wo ich den Mann spielen hörte. Ich erinnere mich noch recht aut, vaß mir der Vortrag besser gefiel als der Vortragende, dessen düstere Allüren mir herzlich affektiert und abgeschmackt vor- kamen. Es ist sogar möglich paß ich damals etwas' Derartiges auch gegen Irma geäußert habe. Zwei Tage später las ich daun in der Zeitung, er habe sich erschossen. Davon Wer, daß sein Selbstmord in irgend einem Zusammenhänge stehen könne mit meiner Frau, habe ich mir bis heute nichts träumen lassen." „Willst du den Brief lesen, den er mir in der Nacht vor fernem Tode geschrieben?" .Bardeleben machte eine ungestüm abwehrende Bewe- ß „Was kümmert mich im Grunde diese ganze, Lber- te Geschichte! Drage ich etwa die Verantwortung da- ah deine Schwester den Mann verriet? Bin ich schuld aran, daß er schwächlich genug war, um eines treulosen ejbes willen fein angeblich so kostbares Leben htnzu- tjm?" Dspbert Rasmussens Augen öffneten sich weit in gren- Kenlosem Erstaune». „Ist das alles, was du darauf zu sagen hast? So ungeheuerlich ist die Brutalität deines Her- ssns, daß dtzr das Martvrium meiner unglücklichen Schmeer nichts weiter bedeutet als eine überspannte Laune?" Batzdeleben erhob sich langsatst und trat aus den Oberleutnant KU. „Daß wir uns ein für allemal recht verstehest, mein Herr Schwager: wenn hier vost einem Mtläger und einem Angeklagten die Red« sein soll, so ist es wohl vor allem notwendig, daß wir die Rolle» tauschen. Ich will nicht erörtern, ob es pietätvoll und brüderlich gehandelt war, Mir über einem kaum geschlosfenen Grabe diese Enthüllungen Ku machen, denn das magst du mit deinem eigenen Gewissen abmachen. Eines aber will ich dir sagen, das näm- ljch, daß ihr alle miteinairder, dein Vater, deine Schwester o du, — daß ihr eines schuldlosen Mannes und eines noch lldtoscren Kindes Leben von GrUnd aus verdorben habt, ^ auf euer Haupt die Verantwortung fällt für all das nd, all die Schmach und all die Gewissensqnal, die eurer Ügensaat entsprossen ist." „Uns willst du Borwürfe machen — du uns?" „Ha — euch! Schande über dich, Oberleutnant Ras- mussen, haß du mich zwingst, den Aulläger einer Toten zu Machen! Der du bist jä gekommen, um Wahrheit zu schassen. Und Wahrheit sollst du haben. Nein, ich habe nichts von fltim Zwang« gewußt und nichts von der Liebschaft mit diesem Musikanten. Ich hWe mein Weib vom Page der Hochzeit tan in Ehren gehalten, wie sich's geziemt, Und ich? bin ihr niemals zu nahe getreten, weder mit einem Work noch mit einem Blick. Geduldig und hoffnungsvoll habe ich während der ersten Monate, die von Rechts wegen hätten di« glücklichsten meines Lebens sein sollen, um ihre Liebe geworben Bis dann der Tag gekommen ist, an dem ihr« Gleichgültigkeit zur unverholenen Mneigung wurde, ihre Kälte zu offenkundigein Haß. Es ist möglich, daß dieser Tag derselbe war, an dem dieser Heßmer seinem Leben ein Ende machte — ich weiß es nicht mehr; aber es wird wohl ungefähr stimmen. Was mein Leben von da an gewesen ist, will ich keinem Todfeind wünschen — nicht etiimäs dir. Und wenn ich ihr heute verzeihe, was sie mir in unablässigem Bemühen angetan hat — eines kann ihr nur der da oben verzeihen, ihren Haß nämlich gegen das eigene Fletsch und Blut, gegen das Kind, das sie doch unter ihrem Herzen getragen." „Das ist nicht wahr!" brauste Rasmussen auf. „Das ist Verleumdung!" „Ah, was kannst denn du davon wissen — du leichtgläubiger Phantast und ewig unfertiger Knabe! Ich sage dir, daß sie dies unglückselige Geschöpf gehaßt hat, weil es In ihre» Augen nur mein Geschöpf war, nicht auch das ihre. Sie hat getan, was sie konnte, Dietlindes Kindheit zu ver- gifte», und weil ihr das nicht genug lvar, bat sie Nickt ac« ruht, bis es ihr gelungen war, auch mir das Herz vteseH Kindes zu entfremde». Ihr Werk und das eure ist es, wenn ich heute ein «Infamer Mann bin — ein Manu ohne Zukunft. Denn die Vergangenheit hat meine Zukunft aufgezehrt — tch habe nichts mehr zu erwarten." In dem bis dahin so eisernen Gesicht des Oberleut- nafits zucktp es. Es war, als ob ihn unter dem Sturm dieser f ede feine bisherige Sicherheit verlassen hätte. „Wenn deist «wissen in Wahrheit so rein isst Harro — " Da fuhr der Baron noch einmal nach ihm herum, und das Weiße in seinen Augen war plötzlich mit Blut unterlaufe». „Und wenn es nicht rein isst wenn auch das Schlimmste noch über mich hereinbrechen mußte, das einen Mann treffen kann — wer anders trägt die Schuld daran als sie und als du und als die ganze verdammte Sippe, die dies Lügenspiel angezettelt?" „Ich verstehe dich nicht mehr. Was soll denn bas heißen?" „Ah, maS kümmert es mich, ob du's verstehst oder niciill Genug und übergenug an dem Atem, den ich bereits an d'ichj verschwendet habe! Ob du mich jetzt noch stir eine» kkomödZ anten hältst oder meinetwegen für einen Mörder — wir gilt «S gleich. Dein Weg und inein Weg — sie sind heute zunt letzten Male begegnet." „Das hcjßt: es ist dein Wunsch, daß unsere Beztehün- gen auch äußerlich gelöst werden?" „Ja — ja — ja! Ich will nichts mehr mit dir zu schaftey haben. Ich habe einen Ekel und ein Grauen vor allem, tvas den Namen Rasmussen trägt." „Du wirrst nie inehr ^zwungen sei», einen, h«r den; Name» Rasmussen trägst unter deinem Dache zu sehen. Gute Nacht!" s Noch eine Minute lang wurde das Ausstößen secues Stockes vernehmlich, dann war es um Harro v. Bardeleheit „z still, uiid er fühlte wie eine zermalmende Lg st das htveige» des Dodes, das Über dem Klein-Ellbacher Herren^ hause lag. (Fortsetzung folgstl Zrau Geheimrats Töchter. Bon Max Kretzer, Frau Verivitivete Geheimrat halte eigentlich vier Töchter, aber man sprach fast immer mir von dreien, obwohl bekannilt, ein vierblätintges Kleeblatt seltener und daher auch mehr geh ist. Hier war eS aber anders, weil die Masse eS bringen ml» >oas dahin auS-ulege» ist, daß Frau Gehotmrat am liebsten drei Töchter auf einmal los geworden wäre. Eine saftige Wie: mit fa»t,t drciblätteolgen Kleeblättern ladet eben mehr juin wellen ein, denn da braucht man nur zuzugreifen und eins. Und was für ein schönes Kleeblatt war das! st... dichtete, die zweite malte und die dritte aügte. Es tvar ein fchöih geistiges Trio, wie es ini Buch« steyl. und es konnte sich auch äußerlich sehen lassen. Thea, dt« Schrift!« blond imd fest wie eine Friesin, Märry, die eS konnte erin, war blauäugig- iandschaftertn (Manch- 4«7 Wo! walle sie auch Porträts, die aber in ihrer rosigen Färbung iiinner an eint» Sonnenuntergang erinnerten , war brünett, schlank Und rassig, und Linda, die Musikalische, die ins Rotblonde ging, worüber sie sich imnier ärgerte, weil sie den Mangel an Augenbrauen daraus zurücksührte, war klein, «erlich und ätherisch, init einein Worte: „lind", wie ihr Name. Außerdem war sic durch das viele Geigen schon stark nervös geworden Die vierte und jüngste, die den gewöhnlichen Namen ?luna führte, zählte nicht Urit, wcil sie durchaus nichts Schöngeistiges an sich Halle und gar keinen Sinn für das gesellschostliche Aus- jchwärmen ihrer drei Schwestern besaß. Tenn das Trio war immer Unterwegs, was noch so eine Gewohnheit lvar aus der Zeit, als der Gcheimrat noch lebte und man ein richtiges Haus machte mit Leutnant-, Referendaren und sonstigenr jungen Männer- zubehör, wobei das hübsche Kleeblatt immer in die hefte Beleuchtung gerückt wurde. Damals war Anna, von der Mama Tritten gegenüber stets Annr genannt, noch ein Backfisch, kam also noch weniger in Betracht als heute. Es kamen die Jahre, wo man sich mehr einricküen mußte und das Trio älter wurde: Anna natürlich auch, aber sie blieb doch immer die jüngste und war um diese Zeit Ungesähr in dem Alter, das das Trio tvieder herbeisehnte, das aber nicht mehr zurttckkchrte. Denn die Zeit ist eine unbarmherzige Dame, die sich durchaus wicht nötigen läßt. Man wird es daher erklärlich finden, wenn die Frau Geheimrat, obwohl sie für jede ihrer Töchter dieselbe Liebe empfand, mit der jüngsten immer etwas zurückhielt, sobald neue junge Herren, die sür den Verlobungsring reif waren, in die Erscheinung traten, denn die älteren gingen vor, sck>on iveil ihre Talente mehr bezaubern tonnten. Sie kannten eben die Welt und die Herren, die sich um die eleganten jungen Mädels, die so klug über Literatur, Malerei Und Musik sprechen konnten, einsach rissen Und aus Bällen, fünf Uhr-Tees uno Bazaren bewundernd zu ihnen ausblickten. Und nun gar erst beim two-step, beim Tango Und bei dem Versuch, es durch geschmeidiges Gliederverrenken den tiesstehenden Pariser Apachen meickzzutun! Tic Mama, noch verjüngt, mit einem seidene» beinahe durchsichtigen Schrittklcide angetan, saß, mit der goldenen Lorgnette bewaffnet, stets dabei und Musterte all die noch aussichtsvoll erscheinenden Two-step-, Tango- und Avachentänzcr und war sofort bereit, ihnen die größten Avancen zu Mächen, falls sie sich ernstlich nähern sollten. Einer »rußte doch endlich einmal anbeitzen. Sie machten auch ihre Besuche, ließen sich wiederholt cinladen, aßen Und tranken, denn das Essen war stets vorzüglich (weil die Jüngste es kochte), flirteten wie die verliebtesten Täuberiche und blieben dann eines Tages wieder fort. Unter allen möglichen Entschuldigungen blieben He fort: der eine mußte schnell nach Indien reisen, der andere wurde nach Afrika kommandiert und der dritte bekam in noch sehr jungen Jahren die Gicht. „Ihr müßt nicht soviel dichten, malen und geigen, damit arault ihr sie alle weg", sagte die Jüngste mit ihrer Trockenheit, die immer mehr an die Küche als an den Salon erinnerte. „Etwas läßt man sich ja davon gefalle», aber ivcnn sich so ein Mann vorstellt, daß ihm das in der Ehe den ganzen Tag über passieren könnte, dann denkt er: „nee iS besser"." Ha, da hatten sie es, — eS war heraus! Wer lächelt« immer so niederträchtig, wenn Thea ein Gedicht oder eine kleine Novelle vorlas, ivobei die Herren furchtbar dumme Gesichter machten? Wer verschluckte stets ein Lachen, sobald Märry ihre „Naturstudien" zeigte, in denen die Kohlrübenselder und Hyazinthenbeete stark vorherrschten? Und Iver hielt sich immer die Ohren zu, wenn Linda darauf loS geigte d Märry dabei die falschen Tasten griff? Die freche Küchen- llr»e war cs, die sich wunder rtivas auf ihr Kochen einbildeto d so lat, ais wenn das ganze Leben davon abhtnae. Würde man es später vielleicht nötig haben, wie sie, in der Kücke mit einer Latzschürze zn stehen Und in die Töpfe zu gucken? Das mußte einfach die Köchin besorgen, die dafür bezahlt bekam. Denn die Ehe war nur ein rosiges Paradies, in dem man genügend Zeit zum dichten, malen und geigen hatte. Mio tanzte man einen wilden Ringelreigen um di« Uebeliäten» und bömbardierte sie alsdann mit sämtlichen vorhandenen Sofakissen, so daß Anna unter diesem Ansturm schwor, auf und davon z Stellung als Stütze anzunehisteN. Das wäre nicht auszudenken gewesen. Denn wer sollte die KW . . Und das Haus bewachen, wenn der gesellige Rummei lockte? Man begann also die Solide mit dem Stumpfnäschen ganz ge- 'örtg abzuknutschen, denn schließlich tvar sie doch ein liebes Hausen, dessen Schnurren man nicht übel nehmen konnte. gehen und eine ürichterlich und strtschast führen Einmal hatte nian wieder drei Herren ausaegabelt, die zueinander zu passen schienen, wie die drei unvergleichlichen Schwestern, Mit der Zeit wurden die Herren unmer „gesetztes", denn wich die Poesie, die Malerei und die Musik toaren gereisteü geworden. Thea laS jetzt nur tragische Sachen vor, Märry wies besonder« auf die Schönheit ihrer Herbstlandschaften hin, und Linda geigte, daß man hätte heulen können. Auch die Frau Geheimrat ließ daS grüne Unterkleid weg und ging nur noch in undurchsichtigem Schwarz. Anna, genannt Anni, aber lachte noch mehr an der unrichtigen Stelle. Natürlich konnte man sie nicht verstecken und Mußte sie den Herren gleich beim Empfang vorstellen, bevor sie sich lvteder rückwärts konzentrierte, damit der Braten auch rechtzeitig auf den Tisch komme. Da aber geschah etwas Entsetzliches. „Wenn ich mir alles so recht bedenke, dann habe ich mindestens sckzon sür sechsnnddrcißig Verehrer von Euch gekocht", platzte es dem Schreckenskinde heraus, als sie die neue Garnitur erblickte, die mit ihren angcräucherten Nasen und gelichtete» Scheiteln einen stark komischen Eindruck aus sie machte. Zum Glück stimmte Linda ihre Geige schon so laut, daß die Herren die Ohren bei der Musik hatten. Aber Frau Geheimrat war doch außer sich. Damit man derartigen Redensarten der lieben Ungezogenen ein sür allemal keine Beachtung schenke, gab sie dem männlichen Trio vertraulich zu verstehen, daß Anni leider in gewisser Beziehung ein wenig „zurückgeblieben" sei, wobei sie natürlich nach dem Kopf deutete und nicht nach den Füßen. Die Herren hätten fiel aber auch verstanden, wenn sie auf die Füße gezeigt hätte, den st Fräulein Anna trug keine Halbschuhc und keine Florstrümpfe, nicht einmal im Winter, ließ auch die Konturen ihrer Beine nicht sehen, müßte also nicht ganz normal sein. Tie Zurückgesetzte schnappte das auf und schwor fürchterliche Racki«. An diesem Abend lobte jeder der Herren das Essen über de» Klee und aß sür zwei. Ass das männliche Trio dann abermals geladen war, klagte Anna über so furchtbare Kopfschmerzen und „geistige" Benommenheit, daß die Äeltcste sie in der Küche vertreten mußte. Man kann sich denken, was daraus wurde, wen.ii! man erwägt, daß die Frau Geheimrat, die früher ohne Köchtrr niemals fertig geworden war, von Bewunderung erfüllt über diese poetisch« Entsagung, sie frei schalten und walten ließ. Natürlich kam das Essen kalt auf den Trsch. Ter Fisch war ungesalzen; was ihnr aber daran fehlte, hatte der Braten dreimal zuviel bekommest, Tie Herren wurden ganz schweigsam. Um so Munterer und gesünder wurde aber plötzlich Anni: ,,Aha, heule hast du gekocht, Thea, das merkt man. Dichten kannst du besser." Die Herren hätten zwar losplatzen inögen, toaren aber einsichtsvoll genug, mit Todesmüt ihren guten Appetit zu beweisen und die arm? Zurückgeblieben« ob ihres Zustandes tief zu bedauern. Das nächste Mal Machte sich Märry an die Kochkunst, erstens weil die Jüngste wiederum enj» setzlfchc Kopfschnicrzcn heuchelte, und zweitens, weil sie bewegjen wollte, daß sie mehr davon verstehe, als Thea. Diesmal war der! Fisch viermal gesalzen und die Hühner total nüchtern. Außerdem waren die Kartoffeln zn Brei gekocht. Jeder der Herren üß nur für einen halben, Anna aber sagte ganz unvermittelt: „Märrß, die Farben kannst du sehr schön mischen." Das Mädchen für alles,: das austrug, lachte dazu noch dämlicher, als das vorige Mal, Am Sonntag nach vierzehn Tagen (diesmal hatte man Mittagsgäste) kam Linda an die Reihe. Eine ganze Woche lang Hais« sie das Kochbuch studiert, denn da nun die Jüngste behauptete, dsn Krampt in den Fingern zu haben, wollte sie dsn Versuch machet«, den guten Rus der Familie wieder herzustellen. Diesmal mußtest die drei Verehrer bis drei Uhr warten, bevor rnnii die Suppe zu sehen bekam, obwohl man eine Stunde früher geladen war. Linda hatte in der Küche soviel Kostproben veranstaltet, daß das meiste geschmacklos geblieben war, und das übrige keinen Geschmack hatw, Es fehlte an allem etwas, man wußte nur nicht recht was. Besonders die Speise hätte einer Erklärung und GebrauchsanWeM sung bedurft. „Geigst Du uns nachher wieder etwas vor, Linda?" fragte die Jüngste ganz duckmäuserig. Die Herren blickten auf die Teller und dachten an ihr liebes Restaurant, tranken dafür aber voll Löwenmut der Frau Geheimrat mit einem verständnisvollen Blick auf den Plagegeist zu. Als man befürchtete, daß auch diese drei aussichtsvollen Be» ehrer allmählich auf „Urlaub" gehen könnten, drang man in ty| beleidigte Schwester, doch wieder vernünftig zu werden und das Küchenzepler aufs neue zu führen, denn dann würde alles wievH gut weiden. Wußte Man doch, daß die Herren sie nicht ganz ernst nahmen. > So kam denn jener denkwürdige Sonntagabend, der datz Schrecklichste brachte. Tllles war ganz gut gegangen. Schon die kräftige Tassenbouillon erweckte die alten Ennnerunaen an diese» gastfreie HauS: die Herren schwelgten beim Vorgericht, ünd setz« von ihnen aß lvteder für zwei, has letzte Pech des Hauses vergessend. Da sagte Anna freudestrahlend: „Heute habe rch wieher gekocht." Tie Herren durchfuhr «in Todesschreck, und wie auf Kommando ließen sie Messer und Gabel fallen. Aller Appetit war ihnen vergangen: denn gerade beute früh Hatten sie in dek Zeitung gelesen, daß eine geistig beschränkte Köchin das ganze Essen vergiftet habe, lvas nicht gleich zn merken gewesen sei. Und da diese Einbildung sie vollkommen beherrschte, und einer dem andern diesen Gedanken überdies noch durch einen langest Blick suggerierte, so empfanden sie insgesamt ein Zittern vor dem nahen Tode. Sie wurden bis zur Beleidigung schweigsam. ließen sich zwar poch nösigen, aßen aber wenig oder gar nickt«. Test Schreck hatte sie gesätUgt.. Tic Iran Geheimrat legte sich dies nach ihrer Art aus, wobei sie Wohl daS richtige traf: die drei schöst- aetstiaen Schwestern jedoch schoben dieses vlötzliche Versagen aut da« Konto der schwesterlichen Vorwitzigkeit. Man wollte eben von deren Kochkunst nichts mehr wissen, denn die Liebe der drei Herren hatte sie schon verivöhnt. Man zerbrach sich erst gründlich den Kopf, als der Assessor plötzlich nach Rasibor versetzt wurde, der Obe» leutnant a. T. schrieb, er müsse nach Brasilien geben, und der Brückenbauingenteur zu seinem kranken Pater nach dem Elsaß mutzte. ES war also wieder nichts. Man Mußte den Sommer ab- warten, bi? das Strandkorbidyll in Swtncmünd« begann. 46a Eines Sonntag nachmittags, als das schöne Trio gähnend hrririnfaß und rs sehr ilawvoeilig fand, schleppte Anna einen jungen, frischen und sehr patent aussehenden Mann ins Hans, den sie ihrer Man« als ihren heimlich Verlobten borstellte, und der nun gekommen war, ernstlich um ihre Hand anzuhalten. Es war ein Bankbeamter, den sie sich heimlich gekapert hatte, während die andern aus den großen Flirt ausgingen und sich wenig oder gar nicht um sie bekümmerten, „Wir sind schon ganz einig, liebste Mama," bat sie und siel der guten Alten um den Hals, „ec weiß, daß ich außer meiner Kochkunst keine besonderen Talente habe, aber denk' nur, er schwärmt so selzr für cuttes Essen, Zein Vater hat nämlich ein großes Hotel in Magdeburg, Uebrigens spielt er etwas Klavier, singt ganz hübsch und macht auch ganz nette Scherzgedichte, Seine Eltern wissen schon Bescheid, , , Herrieh, steht doch nicht da wie die Wachspuppcn, ihr drei Grazien, Gratuliert »ns lieber. Die Liebe geht doch nun einmal durch den Magen." Frau Gehemrrat seufzte „indpachte nach all den Enttäiusclmngen bei sich: sie hat wohl nicht ganz Unrecht, Dann streckte sie dem jungen Mann dir Hand entgegen, DaS schöne Trio aber starrte den Eindringling wie ein kleines Wundertier an: noch mehr aber bestaunten sie diesen Frechdachs von Schtvester. Man hatte doch gewiß genug Angelaugen aus die Herren ausgeworfen, aber so etwas von Glück beim Fischen war doch einzig. Wie hatte die das bloß gemacht?! _ Der Alpinismus. Wir entnehmen dies« hübsche Plauderei dem von dem bekannten Schriftsteller A. Fendrich zusammengestellten, anziehenden Büchlein „Der Sport, der Mensch und der Sportsmensch" (Stutt- gart, Franckh'sche Kerlagshandlung), Er nimmt unter allen Sportsarten die eigentümlichste Stellung ein. Die Möglichkeit des Zpiels, die her den meisten Sports gegeben ist, bei ihm völlig ausgeschlossen. Er ist ein ernster Sport und inmitten der tieffarbigen Blumcnpracht eines Berghangs kann dir der Tod über die Schultern sehen. Er ist aber auch der Sport des jaUchzelchen Glücks und einer so reinen Sieger- sreude, wie er in den Mederungen der Spielplätze nie und nimmer empfunden werden kann. Seine Satzungen sind ungeschrieben, aber darum nid# wenig er vorhanden. Sie leben in der Brust eines jeden echten Bergsteigers, wie die Gesetze des weidgerochtn Jagens «n Herzen eines jeden ehrlichen Jägersmannes. Das sind aber nur die Satzungen des Herzens. Das Vcrl>alten in den tausend Gefahre» der Berge muß studiert, erlernt, erfahren sein. Ein sportliches Training gibt es nicht: denn Rekords sind so gut wie ausgeschlossen. Das Training liegt in der von selbst zutage tretenden steigenden Leistungsfähigkeit, wenn nian einmal die gestreifte Llbendhose mit der Gamslederneu vertauscht hat und mit Pickel und Seil und Rucksack dem Sckmellzug entstiegen ist, der einen bis an den Fuß der freien Höhen gebracht. Und mit der wachsenden Leistungsfähigkeit wachsen auch die Ausgaben. Alle Tendenzen in der Richtung des sportlichen Kräftemessens, wie sie in hen komisch-wichtigen Vermerken der Hüttenbücher: „Auf die Spitz« hin und zurück in 6 Stunden 37 Minuten, alles ohne Kletterschuhe!" und ähnlichen die Welt wenig interessierenden Feststellungen ihren Ausdruck ftnden, alle diese Versuche, die Berge zu Klettergerüsten zu erniedrigen, haben ihren Widerstand in der stets wachsenden Zahl von Hochtourilteu geftrnden, denen ihr Wandern und Ringen in den Bergen zu eiltet Feier geworden ist. Der Gegner der Alpinisten im sportlichen Kanrpf ist eben nicht der Mensch, der es „nicht so gut, oder ebensogut oder besser kann", sondern der Fels, der Schnee, der Gletscher, der Sturm, Und nicht nur, weil dies« Gegnerschaft zu einer sürchterlichen werden kann, wenn die Elementar Mächte, einzeln oder vereinigt, in ihrer ganzen Gewalt auf dem Kampfplatz erscheinen, sondern chtch deswegen, Iveil der Alpinist die größten Möglichkeiten sportlicher Ringens, die aröstten Verschiedenheiten bewußten Genusses, die höchsten Wahrscheinlichkeiten reicher Ausbeute hat, deshalb ist der Alpinismus der größte, schönste und edelste Sport, Und mit wie geringen Mitteln rückt der Hochlourist seinenl Gegner zu Leibe; seinem Gegner, der ein Freund und gebefreudiger Mücksspender ist, solange ihn der Mensch bel>errscht, und der aus hundert Schalen den Tod krcvenzt, sobald der Mensch schwach wird. Der Pickel als Armverlängerung, die Nagelschube und die Steigeise» als Wehr gegen trügerisch'» Fels oder glashartes Eis, das Seil als Hilfe gegen Metscherspalteu und zur llebcrwindung grift- loser Wände und zuguterletzt der getreue Rucksack, iu dem mau all das Seinige mit sich aus dem Rücken trägt, das ist die Ausrüstung des Bergsteigers, mit der er seine schönsten Siege erringt und seine zumeist einsame Zwiesprache mil den Bergen hält. Denn die Berge sprechen zu dem, der den Simr für ihre Sprache Hai, und nicht umsonst nennt sie Rnskin „sermons in stone". Ja, sie haben ihre Sprache, ihre stumme gewaltige Sprache, die wilden Zacken und stolzen Schneehörner, die massigen Türme und die weißen Dome, die sich wie Urweltskathedraleii zum .Himmel ringen. Und die Lawinen lzalten dem sichergebvrgeiieu Alpeuwanderer ihre gewaltigen Reden und wie au den Pfeifen einer Riesenorgcl spielt der Sturm sein Lied dazu, Ja, schön ist's da droben, wenn kein Mensch mit vorlauten Redensarten und einer gekauften Spielhahnfeder am Hut die wilde königliche Bergeinsamkeit stört. Höchstens ein unbekannter Gefährte kontmt uns von oben her entgegen und seine Schwergenagelten klingen auf dem harten Gestein, Es gibt nicht viel schönere Begegnungen im Leben, als solche einsamen zwischen zwei rechten Bergsteigern, die sich kur, und freundlich grüßen und nach einem knappen Diskurs wieder ein jeder seines Weges weitergehen. Der Alpinismus hat zu all seinen rcick>en Genußmöglich- keiten noch die, daß er ein Sport für säst alle Mer bis an die Grenze des Greisentums ist. Es gibt vielerlei Berge in der großen Alpeuwelt und für allerhand Geschmäcke und Herzen, Auch wenn die Zeit vorüber ist, wo man mit Pickel und Seil die höchsten Höhen erobern durfte, bietet kein Sport ein solckies Genieße» im Zurückschauen und Erinnern wie der Alpinismus, Und für den, der noch tiefer schürfen wiU, ist er nicht nur ei» Sport.^sondern auch ein reiches Gebiet für Kunst und Wissensckwft, Kein Sport verfügt über eine ähnlich geregelte und umfassende § ereinstätigkeit, und die 150 000 Mitglieder des Deutschen und esterreichischen Mpenvereins aUein sind eine beredte Sprache für das, was der Alpinismus den Deutschen genwrden ist. _ koa. vermischtes. kos. Mittelalterliche Lebensireude. Mit größter Prachtentsaltung seierte das lebenslrohe Mittelalter seine Feste. Lamprecht, geiiannt der Pfaffe, der ums JahrllSO da« Alexander, lted, nach der sranzöstschen Dichtung des Alberich von „Bisenzuiz, schrieb, gedenkt «ine« Hochz-ilssesles» da» 30 voste Tag« währte und 300 Mundschenken in Atem hielt! Die Zahl der Gäste, die mit Troß und vielen Dieiiern kamen, war jo groß, daß Zelte aui dem Anger vor der Stadt errichtet werden mußlen. Welch sarbeq- prächtig wechselnd Bild, so lesen wir in der volksiümllchen geschichtlichen Monatsschrift »Zeiten und Völker' (Stuttgarts, mag dg« gewesen sein, die bunten, lustig im Winde statternde» Fähnlein, die blanken Rüstungen und Wavvenschilde, die vrachtvollen Gewandungen der Edeldamen! Allenthalben Musik, Pleisen und Trommeln I Schaulustige gaffen oder drängen nach den Buden, wo Tand und andere begehrte Dinge locken, sahnende Leute ihre Künste zeigen. Vor allem aber seffeln ritterliche Spiele, in denen edle Kämpen, Minnepsänder aus den Helmen, ilire Krall und Ge< wandlheit messen, um abends sieggekrönl den Lohn der Dame ihres Herzens zu empfangen. So endet Jrohsinu jeden Tag; der Abeud aber ladet Ritter und Damen zum lestlichen Mahle, während aus den Gassen Troßbuden »hola suoter" oder »hola trank und kllchen- spise" rusen, wenn man nicht schnest genug bediente. Welche gewaltige Mengen wurden da vertilgt I Weiß doch der Psaffe Lamp- recht zu berichten, daß täglich außer Fischen, Wildpret und Geflügel 30 Rinder, 10 Stück Sommervieh, 100 Widder und 30 Malter seinen Mehle» zur Speisung all der Gäste dienten, — item des trunkes »it vcrgeszen, eya l * Die Patriotin. Hausfrau: „Was, Lina, die groß« Blutwurst haben Sie Ihrem Soldaten gegeben?" Köchin: „Ja, Madame, mein Wehrbeitrag!" * G r o ße En t t ä u schu n g. „Warum so verzweifelt?" „Ach, ein Fehlschlag nach dem andern trifft mich heute! . . . Zuletzt habe ich uoch '» leeres Portemonimie gesunden!" Silbenrätsel. a, a, a, bi, chen, di, el, gel, bar, he, feu, kir, wo, ni, p, p, r, ra, ra, rob, rat, sen, n, um. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen acht Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß dieAnsangs- buchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen den Namen eines dramatischen Dichters ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter solgender: 1. Stadt in Westsalen. 2. Sagenhafte Wesen. 3. Italienischen Bildhauer. 4. Ein Musikinstrument. 5. Berg in Armenien. 8. Eine» Schwärmer, 7. Portugiesische Insei. 8. Griechische Göttin. Auslösung in nächster Nummer. Anflösimg des magischen Quadrats in voriger Numnier: It A 1 R L A D I" A R U |T| II A !« N Redaktion: K Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universtläls-Buch- und Steindruckerei, R> Laug«, Gieß«»