Weiber-Krgiment. Roman von Oskar Klaußmann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 8. Kapitel. Nach vierzehn Tagen jging alles schon luteb-er seinen gewohnten Gang im Generalbureau. Täglich kam Werner zu bestimmter Zeit nach Saarkirchen gefahren und fand auf dem Schreibtische entweder dro bereits vorbereiteten Sachen sowie die Rapporte der verschiedenen Werke, oder er nahm von den einzelnen Ressortchefs des Generalbnreaus Vorträge entgegen. Die Buchwaldschen Werke waren in starker Entwicklung und gutem Vorwärtsschreiten begriffen. Bei allen Betriebssührern macht« sich der Wunsch geltend. Neues zu schaffen, zu vergrößern, auszubauen. Das erforderte Mittel und, da so vielfache Neuerungen eingeführt werden sollten, ganz ungeheure Mittel. Es war »vichtig, diese Entlvicklung nicht zu rapid und allgemein eintreteu zu lassen, sondern etwas zu bremse» und ein gemäßigtes und dadurch gesünderes Tempo des Fortschritts für die Werke cinzuschlageu. Es handelte sich da um außerordentlich Nächtige, eventuell kostspielige Angelegenheiten, und immer wieder mußte Werner Dora ausführlichen Vortrag halten und darauf Hinweisen, daß eine Ueberau streng ung in Bezug auf Geldausgaben nicht angängig sei. Dora sah das ein; sie billigte alle Vorschläge Werners, der jetzt auch seine eigenen Reformen betreffend die Theresieu-Hütte zu- rückstcllte. Es gab vielleicht dringendere Sachen zu tun, besonders betreffs der Kohlengruben. Man mußte diese nicht nur soweit bringen, daß sie für die Werke genügend Kohle lieferten, sondern daß auch durch Verkauf von Kohle Kapitalien herangcschasft wurden. Dora war stets von drei bis vier Uhr in ihrem Zimmer anwesend und saß an dem Schreibtisch, über deni das Bild ihres Vaters hing. Eben hatte WernÄ: lvieder Feinen Bortrag bei Dora beendet, und nach einigem Ätachdenken erklärte ihm die Chefin: „Ich sehe es ein, daß mir einen Teil der Projekte, hie von Len Werken kommen, zurückstellen und daß wir auf Erschließung neuer Kohlenfelder alle vorhandenen Mittel verwenden müssen. Auch meine eigenen Projekte muß ich aufschieben. Ich weiß nicht, ob Geheimrat Kersten schon mit Ihnen darüber gesprochen hat: Ich Ivollte eine Mädchen- Fortbildungsschule gründen, vor aller» eine Hanshaltungs- Und Nähschule. Es ist erschreckend, ivie wenig die jungen Mädchen, wenn sie heiraten, von der Hauswirtschaft verstehen. Sie gehen mit jungen Jahren in den Dienst der Industrie, heiraten darrir, ohne eine Ahnung davon zu haben, ivie inan nur eine Suppe kocht, verstehen nichts vom Eiu- kaufen, von der Wirtschaft, verstehen es nicht, für den Mann das Essen zu bereiten und das Heim behaglich zu gestalte», und ivie man Kinder erzieht, davon fehlen ihnen alle Begriffe. Diese Mädcheu Fortbildungsschule hat mir sehr am Herzen gelegen. Jetzt aber werde ich natürlich den Plan aufgeben." i „Sie verzeihen, gnädiges Fräulein," entgegnete Werner, „es ist nicht nötig, daß Sie diesen Plan zurückstellen. Herr Geheimrat Kersten hat mir vor zwei Monaten von Ihren Absichten erzählt, und ich erioartete schon seit einigen Wochen diesbezügliche Aufträge von Ihnen. Ihr Plan läßt sich sehr leicht verwirklichen. Wir haben eine Kleinkinderbewahranstalt, in ivelcher vormittags und nachmittags, wenn die Mütter in der Industrie beschäftigt sind, die Kinder unter Aufsicht abgewartet und erzogen werden. Auf diesem Gelände läßt sich durch einen Erweiterungsbau mit Leichtigkeit die Mädchen-Fortbildungsschule unterbringen. Die Kosten sind wirklich im Verhältnis zu dem, ivas geleistet werden kann und soll, sehr gering. Ich habe unseri» Werk-Architekten veranlaßt, ein paar Skizzen und einen Kostenanschlag zu machen, und wir werden mit der SumUie von hunderttaufend Mark reichlich auskommen. Diese Ausgabe für soziale Zwecke ist nicht zu hoch und kann unbedenklich geleistet werden. Es bedarf nur eines Befehls von Ihnen, gnädiges Fräulein, und die Haushaltungsschule kann zu Winter bereits in volle Tätigkeit treten." Dora schien freudig überrascht; ihr Gesicht strahlte lvieder in dem bezaubernden Lächeln und zeigte jene Lieblichkeit und Liebenswürdigkeit, welche jetzt noch mehr als früher Werner entzückte. > Sie reichte ihm mit einem kräftigen Drucke die Hand. „Ich danke Ihnen recht sehr," sagte sie, „ich danke Ihnen herzlich, daß Sie sich für mein Projekt interessiert haben. Ich weiß, wie Sie mit Arbeiten überlastet sind, und doch haben Sie noch Zeit gefunden, um sich auch ucit meiner Idee zu beschäftigen. Sie haben mir eine große Freude gemacht. Wie haben Sie sich die Erweiterung der Bauten für die Kleinkiudcrschulc gedacht?" „Gnädiges Fräulein, das könnte ich Ihnen am besten und deutlichsten an Ort und Stelle erklären. Sie brauchen nur zu bestimmen, wann Sie das Terrain besuchen wollen. Ich werde mich dann mit den fertigen Skizzen eiufiuden, und werde diese an Ort und Stelle erklären." „Ja, lvarum zögern?" meinte Dora. „Erlaubt es Ihr« Zeit, daß nur sofort hinfahren?" „Selbstverständlich!" erklärte Werner. Dora klingelte und befahl dem eintretenden Burcau- diener, ihr Auto Vorfahren zu lassen. „Sie entschuldigen mich noch, gnädiges Fräulein, für einen Augenblick. Ich habe nur ein paar dringliche Unterschriften in meinem Zimmer zu leisten und stehe dann ganz zur Verfügung." Nach fünf Minuten stand das Auto vor der Tür; nach weiteren zehn Minuten hatte Werner feine llnterschristen geleistet und stieg mit Dora tu den Kraftwagen. 346 „Nach bet' Theresicn-Hütte!" befahl er dem Chausscur. „Ich habe i» meinem Bnrcan Die SkizKen liegen. Wh springe nur rasch einmal hinauf, um sie zu holen, und dann können wir weiter nach der Kleinkinderschule fahren." Eine Unterhaltung war bei ber schnellen Fahrt nicht gut möglich. Vor bem Tore des großen Wertplatzcs ber There- sien-Hütte hielt bas Auto. Werner sprang eilig ab unb kehrte nach wenigen Minuten mit einer Rolle Zeichnungen und einer Mappe zurück. Nach einer weiteren Viertelstunbc war bie Kleinlinberschule erreicht, die in Dorotheenhof neben ber Arbeiterkolonie, Ivelchc zur Buchwald-Grube gehörte, unb hinter ber Eisenbahnstation Buchwalb lag, errichtet war. Das Auto hielt vor bem großen Spielplatz, auf bem die Wärterinnen unb Lehrerinnen mit ben kleinen Pfleglingen Ringeltänze unb Spiele aufführten. Die Hausmutter, bie Leiterin ber Kleinkinberschule, erschien eilfertig, um Mel- bung zu erstatten. Dora sagte ihr aber, sie wolle nicht bie Schule besichtigen, sonbern käme wegen neuer Bauprojekte, uuo bat bie Hausmutter, sich nicht von der Arbeit abhalten zu lassen. Werner rollte bie Kartenskizzen auseinander, hielt mit Tora bas widerspenstige Watmanu-Papier fest, bas sich immer wieber zusammcnrollen wollte, unb erklärte, wie leicht bie Ausführung ber Baupläne sei, wenn man ben einen' Scitensliigel verlängerte unb auf bie bisherigen, nur aus einem Stockwerk besteheuben Gebäulichkeiten noch ein zweites Stockwerk aussetzte. Es entstauben dadurch Räume für eine zweite Kiuder- schule, unb zwar Platz für Haushaltungsuuterricht, für Näh- Unterricht unb Schneiderei, aber auch für Unterricht im Gartenbau. Ein Obstgarten war bereits Vorhänden. Eine Wiese, bie sich neben hem Spielplatz erstreckte unb auch noch Buchwalbsches Eigentum war, konnte mit in bie Um- Mauerung einbezogen werben unb gab einen zweiten großartigen Spielplatz auch für die Schülerinnen ber Fortbildungsschule, wenigstens in ben Freipausen'. Dora war von ben Plänen ganz begeistert. „Wir wollen keine Zeit verlieren," sagte sie, unb ihr Gesicht glühte vor Eifer unb freudiger Erregung, „wir wollen sofort mit der Bauausführung beginnen." „Sie brauchen nur Ihren Namen, gnädiges Fräulein, unter die Pläne und unter den Kostenanschlag zu setzen, und mit der Ausführung kann morgen früh begonnen werden." Es stand in der Nähe eine Holzbank mit einem Holztisch für die Kleinen. Tora nahm hier Platz, und unterschrieb mit dem Füllfederhalter, bert ihr Werner reichte, sowohl die Zeichnung wie die Papiere. „Bitte noch das Datum hinzuschreiben," sagte Werner, und Tora erfüllte seinen Wunsch. „Es soll mit möglichster Beschleunigung gebaut werden," bemerkte Dora noch bittend. „Selbstverständlich!" erklärte Werner, und als sic ihm noch einmal die .Hand zum Danke reichte, konnte er nicht umhin, diese Hand zu küssen. Während Werner die Zeichnungen znsammeurollte, nickte Dora einem kleinen Mädchen zu, das sich von seinen Spiel- kamerabinuen losgemacht hatte und in bie Nghe bes Tisches gekommen war. Es war ein entzückendes kleines Geschöpf von vier bis fünf' Jahren, mit einem zarten Engels- gesichtchen, umrahmt von goldblonden Locken, und aus dem Gesicht schwebte ein schelmisches Lächeln, nicht ganz sicher, denn die Nähe der fremden Personen, welche die Kleine betrachtete», machte sie wohl etwas.scheu. „Sehen Sie doch dieses allerliebste Kind!" meinte Tora, auf das kleine Mädchen weisend. „Komm' mal her!" ries Werner freundlich der Kleinen zu. Aber diese schien nicht geneigt, der Aufforderung Folge zu leisten, hatte lvohl auch etwas Lust zum Necken und Scherzen. Sie lief davon und sah sich mit schelmischem Lächeln lvieder nach Werner und Tora um. Werner lief auf die Kleine zu, um sie zu Haschen. Mit dein Jnstillkt des Kindes suchte die Kleine aber Schutz bei Dora, indem sie in einem großen Bogen ans diese zulief und sich all ihrem Kleide festhielt. Tora beugte sich zu dem lliinde herab, lvährend Werner ebenfalls nähertrat. „Wie heißt du denn?" fragte Dora. „Marie", antwortete die kleine, und das Gemisch von Unsicherheit unb Schelmerei in dem Gesicht des lieblichen Kindes lvirkte noch entzückender als vorhin. Auch Werner hatte sich zu dem Kinde niedergebeugt und kniete neben Dora. „Wer bin ich denn?" fragte Werner. „Du bist der Bergrat", sagte Mariechci?. „So du kennst mich?" fragte Werner erstannk. „Ja, du fährst immer im Tanto", antwortete Ma« riechen. „Und wer bin ich denn?" fragte Dora. Mariechen lächelte schelmisch, dann hob sie die kleine rechte Hand und wies, nicht mit dem Zeige-, sondern miti dem Mittelfinger, erst aus Dora und dann auf den Bcrgrat und sagte: „Du bist die Frau von dem Bcrgrat!" Im nächsten Augenblick geschah etlvas, gegen den Willen Werners, plötzlich, wie ein Naturereignis. Werner hörte eine Stimme, und das ivar die seine, und diese Stimme sagte: „Ach nein, mein liebes Kind, so leicht gibt es den Himmel nicht aus Erden!" Unmittelbar darauf fühlte Werner ein Brausen in seinen Ohren, und das leidenschaftliche Bedürfnis, sich selbst in das Gesicht zu schlagen oder in irgendein Mauseloch zu kriechen, das sich in der Nähe befand. Aber cs war zu spät, er hatte diese törichten Worte gesprochen. Er hatte gesprochen? Nein, nicht er, etwas anderes. Fremdes in seinem Innern: ein zweites Ich, ein Narr, der plump und unvorsichtig alle selbstgezogenen Schranken durchbrach, alle Pläiie über den Haufen warf, eine unerträgliche, sonderbare Situation schuf. Dora erhob sich. Ihr Gesicht war blutrot. Sie sagte der Kleinen: „Geh zu den andern zurück und spiele weiter." . Dann schritt Dora dem Tore und dem Auto zu, und Werner folgte stumm und geradezu fassungslos. Er fühlte, wie er abwechselnd rot und blaß tvurde ob seiner Taktlosigkeit. Er setzte sich neben Dora in den Krastivagen und besohl dem Chauffeur: „Nach der Theresicn-Hütte!" Ohne ein Wort zu sprechen, saß er neben Dora. Bov dem Tore der Theresicn-Hütte stieg er ab und verbeugte sich vor Dora, die noch einen Augenblick zögerte, ihm aber daun die Hand reichte und sagte: „Also cs bleibt dabei: es >vird morgen angcsangcu, und der Bau wird so rasch wie möglich betriebene Sie machest mir Mitteilung, wann sich die Fertigstellung der neuen Anstalt sicher bestimmen läßt. Ich iverde mich unterdes um das Engagement der Lehrerinnen bekümmern." Sie nickte ihm noch einmal zu, daun fuhr ihr Auto rasch davon. Werner ging nach seinem Bureau, tvarf die Rolle mit den Zeichnungen auf den Tisch und setzte sich auf seinen Schrcibstuhl lvic ein Mann, der einen schweren Schlag cr-t halten hat. „Plump und taktlos! Plump und taktlos!" So schrie eine Stimme in ihm. Hatte er nicht genau dasselbe getan ivie sein berühmter Herr Vorgänger? In plumper, inltloser Weise hatte er sich der Chefin der Werke anf- gedrängt, in einer Art und Weitst, die ihn tief hcrabsetzeit mußte in den Augen dieses mißtrauischen Mädchens. Alle guten Vorsätze, alte Absichten, alle festen Entschlüsse, sie waren in einem einzigen Augenblicke davougcslogeu Ivie Spreu vor dem Winde. Es war eine regelrechte Liebeserklärung, die er mit den wenigen Worten, an das kleine Mädchen gerichtet, der neben ihm knienden Dora machte. Ja, wenn er ein freier Mann gewesen wäre, und Tora nicht seine Chefin, nicht die reiche Erbin! Dann wäre seine Bemerkung durchaus nicht unpassend, dann wäre sic vielleicht ein geschickter Husarenstreich gewesen, wie man solche auch in der Liebe auwendct, und wie sie die Frauen recht gern haben. Es war ein klippc und klare Liebeserklärung, angebracht im unglücklichsten Moment und au falscher Stelle. Was sollte nun geschehen? Wenn Werner zu dem verzweifeltsten Mittel griff, wenn er sich totschoß — und er hatte große Lust dazu — schaffte er feine Taktlosigkeit doch nicht aus der Welt. Die war nun einmal geschehen, und mit der vollendeten Tatsache mußte er rechnen. Was nun? Hier war er fertig, in Dasburg und Umgegend hatte er keine Chancen mehr für die Zukunft. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Best des Jahres abzusitzen, sich mög» 347 llchst reserviert und vorsichtig zu betrogen und selbst vor Ablauf von neun Monaten zu erklären, daß er nicht weiter in der Stellung bleiben wolle, wenn das nicht so wie so von der ander» Seite geschah. Aber man hatte sich dann wenigstens gegenseitig gekündigt, und die Blamage, daß man ihn sortjagte >vie seinen Vorgänger, hatte er sich gespart. Es. tvar doch recht klug von ihm gewesen, daß er sich die Probezeit ausbedang. Wie ein Alp würde auf all seinem Tun und Lassen von seht ab der Gedaitbe liegen, da/ßs er ging und gehen mußte, ivenn seine Zeit abgelaufen war. Konnte er irgend etwas tun, um leine Taktlosigkeit wieder gutzumachen? Dazu gab es wohl keine Möglichkeit. Er konnte sich natürlich nicht bei Dora entschuldigen. Das hätte di« Sache noch verschliminert und wäre von ihr als eine plumpe Annäherung und Taktlosigkeit empfunden worden. Dem Geheimrat konnte er sich nicht anvertrauen, der war verreist, und brieflich kann man solche Sachen nicht erledigen. Selbst an seinen Freund, den Grafen Klinter, konnte er sich nicht wenden, denn er hätte ihm auch nicht ratest können. Außerdem war Graf Klinter seit einigen Tagen ebenfalls verreist. Es kamen Briefe zur Unterschrift. Werner verrichtete feinen Dienst und ging nach Schluß der Bureaustunden nach Hanse, > tFortsetzung folgt.) Der Blinde am Meer. Roman von Karl Böttcher - Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Aber seine Gedanken fanden nicht Rast, so sehr er sie auch schall. Er sah Ärda vor sich, — nun schon in vielen Bildern: wie sie gestern abend Seedes Erzählung lauschte, wie sie ihm die Pforte öffnete, er sah ihren biegsamen Leib an seinem Bett und sah sie in ihrer rührenden Liebe, als sie Seede gn sich zog und ihm die quälenden Sorgen von der Stirn küßte. Und immer war sie schön, — schön und rein. Und ein neuer Gedanke schlich in seine Seele, der flüsterte: „Und sie ist nicht dein." Nene jpraiig ans »nd verdeckte mit der Hand seine .Augen. Er schämte sich dieses Gedankens. Er entnahm seinen, Kosscr eine Kassette und erschloß sie und entnahm ihr «in Bild. Das stellte er vor sich aus den Schreibtisch. Es war die Photographie einer Frau. „Auch sic ist schön," sagten seine Lippen, aber sein Herz ächzte: „Aber sie hat dich verraten." Er stöhnte ans und stützte seine Arme aus die Knie und den Kops in beide Hände, und er blickte lange, lange Zeit auf das Bild. Arda trat in das Zimmer und sah ihn so sitzen, und ihr Herz, das Herz eines Weibes, wußte sofort um seinen großen Kummer. Sie verharrte einige Augenblicke schweigend, und als er sich nicht rührte, fragte sie weich: „Herr Brian, wollen Sic jetzt essen?" Rene richtete sich auf und sein Anlitz zeigte ein verzerrtes Lächeln, als er sagte: „Ja, ich will essen." Dann lachte er laut aus: „O, eisernes Gesetz. Mir wollen vergehen vor Jammer, das Hirn will zerspringen, das Herz blutet, aber wir essen, wir essen." Und da Arda voll Interesse auf das Bild blickte, ries er höhnisch: „Sie ist schön, was?" „Sic ist schön, und sie muß gut sein." Da packte er voll Zorn das Bild und schleuderte es in den Kosser und ries barsch: „Bringen Sie das Essen." Arda ging zur Tür, doch an der Tür wandte sie sich und blickte scheu zu Rene, und als dieser sie nicht beqchtcte, sagte sie zaghaft: „Wir dachten, Seede und ich, Sie würden mit uns essen?" x Rene sah ihre dunklen Augen mit fast angstvoller Spannung stuf sich gerichtet, und unter diesem Blick schwand sein Groll. Er trat zu Arda und reichte ihr beide Hände und sagte: -„Seien Sie mir nicht böse, Fräulein Arda. Nehmen Sie Rücksicht auf einen kranken Mann. Ich habe schlimme Tage hinter nur, die meine Seele zermürbten und mir den Glauben an die Menschen stahlen, nein, zerschlugen, mit Keulen zerschlugen. Aber vielleicht gibt es für mich noch ei» Gesunden, hier unter starken Menschen, am Meere, in freier Lust, und vielleicht helfen Sie mir, Sie und Herr Bahlsen." Arda entzog ihm sauft ihre .Hände, und sie glättete ihre Schürze mit mädchenhafter Scham. Aber dann schaute sic ihm mit freieni Blick in die Augen »ich .sagte: „Wer wirklich gut ist, kann den Glauben an die Menschheit nicht verlieren, lveil er die Menschen verstehen wird in all ihrem Denken und Tun. Denn zum Verstehen gehört vor allem ein Wollen, und dies findet nur ein guter Mensch, dessen Herz die Liebe regiert. Ich bi» ein armes, dpinmes Mädchen, Herr Brian, aber Seede, mein Seede hat mich solche Gedanken gelehrt. Seede weiß alles, er findet von allem, lvas geschieht, die Ursache, denn er hat das große, das tiefe Wollen gefunden, die Welt und die Menschen zu verstehen, und darum lieben ihn alle Menschen, die ihn kennen, und er hat nur einen.Feind, Und den hat er um meinetwillen." Arda hatte immer lauter und eindringlicher gesprochen, nur bei den letzten .Worten umschleierte eine tiefe Traurigkeit ihre Stimme. Rene aber wurde klar, welch große Seelen in diesen beiden schlichten Menschen wohnten und welch hehre Liebe sie verband. Sein Kummer, seine Seelennot kam ihm so unsagbar klein vor, in ihm erwachte ein grenzenloses Vertrauen zu diesen beiden Mensche», ihm ward zumute wie einem Kranken, Ivelcher zu einen: berühmten Arzte konimt, der mit sicherem Blick die Krankheit erkennt und die Gegenmittel anordnet. Voll fröhlicher Hoffnung sagte er: „Ich will versuchen, das Wollen, die Menschen zu verstehen, zu finden, und ich bitte Sie, mein Pfadfinder zu sein. Sie und Seede Bahlsen, dann will ich versuchen, auch die Menschen zu verstehen, die mir wchegetan, vielleicht, daß es dann besser mit mir wird." Arda sagte: „Nun Glück zu, Herr Brian," und sie verlieh das Zimmer, und Rene hörte im Garten Teller klappern und all die Geräusche, die beini Zurichten einer Tafel entstehen. Dann beugte sich Arda zum Fenster herein und rief: „DaS Tischlein deck dich ist bereit, Herr Brian." Und Rene trat mit Seede Bahlsen fast zu gleicher Zeit in den Garten. Rene schüttelte dem Blinden die Hand und führte ihn zur Laube, wo gedeckt ivar. „Haben die Kleinen Sie gut nach Haufe gebracht, Herr Bahlsen?" „Ja, das taten sie. Aber sie waren nicht zufrieden mit mir. Ich sollte ihnen erzählen, doch ich mußte immer ivieder an Ihr Wort denken: Wonach der Mensch strebt, das hält er für sein Glück. Ich habe auch ein Streben, ein Ziel, das ich für das höchste Glück auf Erden halte, und ich meine, es ist cs auch, und bliebe mir die Erftillung versagt, sch kann mir das nicht ausdenken." Er seufzte tief auf und tastete nach Ardas Hand, und Rene wußte, was sein höchstes Ziel .und sein heißes Streben ivar. Arda legte vor, nachdem man die Bickbeerensuppe gegessen hatte, einem jeden eine gebackene Scholle, und dann Pumpernickel und Trockenkäse und frische, goldgelbe Butter. Und Rene aß mit Appetit, und vergaß seine Herzensnot. Er war aufgeräumt und erzählte den lauschenden Nordcn- kindern aus seinem Leben und von der großen Berliner Welt und von seinen Fahrten nach den Kunst- und Sonnenländerir. Ardas Augen hingen an seinen Lippen, und dann schaute sie in weite Fernen, und .giuc leise Sehnsucht, die noch ver- träunit in ihrer Seele ruhte, wurde wach, eine Sehnsucht nach Hohem, Herrlichem, eine Sehnsucht, die die Seele erklingen läßt in märchenhaften Tönen, sanft und weihevoll, und den Alltag zum Feiertag stimmt. Sie mußte ihre Gedanken niit Gewalt in ihre alten Bahnen zwingen — und Nun dachte ste an das Meer, an ihr Meer, und sie sagte: „Wie schön ist doch die Welt allerorten, wie wunderlherrlich muß es doch sein in diesen Ländern des ewig sonnen- strahlendcn Himmels und der milden, dustenden Winde. Wie gerne würde ich die Rebenberge sehen und in den Palmenhainen träumen." Aber dann straffte sie ihren Körper und rief fest Und wuchtig: z.Doch was sind blaue Sec» und Zephirwinde gegen nnser Meer mit den grünpläischernden Wellen, was sind Rom und Bosporus gegen unsere Buchten und Risse? — Klägliche Machwerke, dis den Menschen zum Weichling machen, die keine stählernen Muskeln erzeugen, die keinen Kamps kennen, kein Ringen des Mcnschen- leibcs mit höllenwütendeii Wasscrbergcn." Und sie breitete die Arme aus und rief: „O, du mein Meer, du elviges Wasser." Rene stand auf. Ein tiefes Verstehen erfaßte ihn. Solche Menschen sind die Friesen, solche Menschen sind die Halligleute. Sie führen mit dem Meere durch Jahrhunderte erbitterten Kampf, oft um einen Quadratmeter öden Landes. Und dieser Kamps uni Herd und Scholle macht ihn stark, und er liebt das Meer mit großem, treuem Herzen und kämpft doch Mit ihm. Und zieht er in die Fremde, so wird er krank und die Sehnsucht ist stärker als sei» Wille, und dann ist er wieder an feinem Meere i An alles das dachte Rene. Er hatte diese Menschen, nie verstehen können, er hatte in dieser piebe cnvas nniiatürlichos gefunden, und nun er diese Menschen kennen lernte, fühlte er: Es uiuhie so sein. ! Arda räuinte das Geschirr ab imd auch Seede ging ins Haus. Er hatte ivenig gesprochen, doch man sah cs ihn, an, dal, viele Gedanken sein Herz bewegten. Am Nachmittage ruhte Rene am Strande und schaute stundenlang dem Wellenspiel zu. Das Meer hat seine Lau»«». Jetzt hat es langrllckige. wuchtige Wogen, die wie ein grünes Gebirge, das plötzlich slüssig ge- 348 worden ist, erscheinen, un» oas nun dahinrollt und harrt, bis eine Allmachtshand es Uneber erstarren läßt. Jetzt iiberziehts sich mit weitzem Gischt, und seine Wellen spitzen sich, und sie tanzen aus und nieder und sehen aus, wie Rokokodämchen, die im Menuett sich drehen und mit gespreizten Ungern die Röckchen halten und die weißen Spitzen perleii und rauschen lassen. Und ein kurzer, scharfer Wind bläst die ganze Herrlichkeit zusammen und die Weilchen fliehen mit rauschenden Sprüngen auseinander, und mm ist Platz für einen nesigen Wellenberg, der mit majestätischer Ruhe dahergcrollt kommt und ein gähnendes Tal bar sich hertreibt. Doch auch er zerfließt und uiuß neuen Wassersormen werchen, denn das Meer ist ein ewiger Wechsel. Anr Abend pilgerte Rene heani. Er fand in seinem Zimmer sür sich allein gedeckt., Er strich etliche Brote und aß und ging dabei in seinem Zimmer aus und ab. Das Alleinsein stimmte ihn trübe, Und er durchspähte den Garten nach Arda und Scede, Aber alles war still. Da verli.'tz er das Haus, denn er hoffte, sie am Freimast zu finden. Die Däuimerung hing in den Gassen und verlieh ihnen, die so schon so still, einen düsteren Frieden. Das kleine Hotel an der Hauptstraße schaute mit toten, finsteren Augen ans die Fischerhütten, Erst in drei Wochen sollte es eröffnet werden. Das Fischerdorf, das am sonnenhellen Vormittage heiteren Frieden aluiete, ersähen jetzt starr und öde, Rene fröstelte es. Da sah er den kleinen Rasenplatz, und am Freimast rehntq Seed« Bahlsen, und Arda saß neben ihm aus einer Fisch- toune. i Und im Kreise hockten und lehnten die Fischer, uird sie rauchten ihre Tonpseisen oder kauten gemächlich an ihn: Tabak, Bon scrn sah das aus wie eine Totenversammlung, Er trat hinzu, aber nur wenige drehten auch nur den Kops nach ihm. Keiner sagte ein Wort, selbst Seede schwieg. Rach geraumer Zeit forderte ein junger Bursch den Blinden aus: „Seede Bahlsen, erzähle uns etwas," Seede schüttelte sein Haupt, und niemand wiederholt« die Bitte, So schlviegen sie lvciter. Endlich sagte ein alter Fischer breit und gemächlich: „Der Reichskanzler will gehen." „Da kommt eben ei» anderer," äußerte sein Nachbar wichtig, und etliche nickten. Beisall. Und der alte Fischer berichtete weiter: „Der Kaiser läßt ihn aber nicht," „Da mag er eben bleiben," sagte der Nachbar, So ward die Politik, die eine ganze Welt in Atem hält, hier abgetan. Wieder langes Schweigen, Da trat der Hasenmeister hinzu Und sagte: „Petrolo Tikander hat sich heute vormittag anheuern lassen." Rene sann »ach, Petrviv Tikander? War das nicht der Bursche, der ihn gestern abend an sein Quartier gesührt hatte, und toar es nicht derselbe, der gestern abend Seche und Arda geschmäht? Er blickte nach de» beiden und sah, tvie Arda ihren Kops gehoben hatte sund wie an Zug inneren Friedens ihr: Antlitz verklärte, Scede aber hatte die Hände gefaltet und senkte di« Augen zu Boden, Reite dachte: „Ob er betet?" Ei» Bursche fragte de» Hafenmeister: „Was fällt Petrow ein? Er Iwt doch noch Geld in Fülle, und solange noch ein Groschen in seinem Beutel sitzt, rührt er keinen Finger." „Er ist ein Tagedieb," wart ein anderer ern. Und der Hasenmeister berichtete weiter: „Er hatte den ganzen Vormittag gespielt init dem Schisser und dem Steward von der Schonerbrigg, die sestgemacht hatte, und er hat alles verloren. Und ivcil die einen Mann brauchen, ist er am Abend mit weg- gefahren," „Wohin die Fahrt?" fragte einer, „Zuerst Nach Hamburg, und dann nach England." „Warum verkaufte er das Haus nicht, das er gestern von Thedje gewonnen?" Arda war aufgesprungen und griff den Frager hart an. „Welches Daus, Uwe?" Alles Blut war aus ihrem Antlitz entloichen, „Das halbverfallene, draußen an der Dünenstraße, kennst du es Nicht?" ' i Arda taumelte zurück, „Und ob ich es kenne," würgte sie hervor. Sie rüttelte Scede und führte ihn hinlveg, hinüber nach dem Damme, der im Finstern lag, und dort siel fic nieder und klagte: „Unser Haus, Seede, — unser Haus, Petrow hat !unser Haus, das mit dem kleinen Gärtchen und den grünen Fensterläden^ Und er ist fort und kommt vielleicht me wieder," Und Seede tröstete sie mit seiner weichen, milden Stimme, Rcne war ihnen nachgcgangen und setzte sich stumm an ihr« Seite, als müßte das so sein. Und Ardas Klage schnitt ihni ins Herz, Zweier Mensche« ganzes Hoffen, ein Berg von Zukunststräumen war zerfallen, stlnd Rene suchte nach Worten -des Trostes und er sagte Ardas eigene Worte am Vormittag: „Man muß das Wollen haben, die Menschen zu verstehen, und dann ivird man Trost Und Vergebung sinden," Und Arda nickte stumm und hörte aus zu klagen. So saßen die drei Und schtoiegen. Und die Mrereswcllen rauschten dumpfe Lieder, und sie rüttelten in wildem Zorn am Damm« und machten ihn zittern, und auf ihrem Rücken saßen lvilde Windgesellen, die heulten und schrien in schrillen, pfeifenden Tönen, Dann erhob sich Seede und zog auch Arda mit empor und er sagte: „Heute nacht gibts Sturmflut, laßt uns heim- gehen," Uird Rcne schloß sich den beiden an. und schweigend schritten sie durch die stillen Gassen nach ihrem Hause, (Fortsetzung folgt,) Vermischte». ' Eine Geiahr sür den Heri ugslang. Sehr beunruhigende Mitteilungen über eine schwere Krisis in, iranzösisckien HeringSsang, der sür manche Gebiete eine wichtige Indnslrie ist, werden von der Handelskannncr von Bo»logne-su»Mcr gemacht. Ans Grund der Statistiken steht lest, daß die Zahl der gefangenen Heringe sich in den letzten Jahre» aiißerordentlich verringert hat; sie betrug iui Jahre 1307 noch 27 415 803 Stiict und war im Jahre 1913 ans eine Gesamtmenge von 2 615 030 znrückgegaugeu. Es scheint, daß dieser anftcrordentliche Mangel a» Heringen, der sür dieHeriugsiu- dustrie eine so schwere Gelalir bedeutet, durch das Erscheine» zahlloser Scharen von Seehund«» veranlaßt ivordeu ist, die die Heringe jagen und vernichten und zu gleicher Zeit uuler den ausgestellten Netzen und Jischereiapparateu einen beträchtlichen Schadeii anrich- ten. Man null jetzt Prämien aus di« Erlegung der Seehunde setze,,, um dadurch die Zahl dieser schädlichen Heringssresser »ach Möglichkeit zu ver>Niger». * Die Praktikerin, Junge Mutter: „Aber, Marie, wie können Sie denn Babys Bad richtig stellen, wenn Sie kein Thermometer brauchen?" Marie: „Beunruhigen Sie sich nicht- Madam ! Wenn Baby blau wird, Ms zu kalt, und ivenn Baby rot wird, dann Ms zu warm!" * Stadt und Land., „Was ziehen Sie vor — das Leben auf dem Lande oder in der Stadt?" „Das kommt ganz darauf an, ob ich wehr in der Laune bin, von einer Kuh oder voll einem Auto attackiert zu werden," * Falsch verbunden, „Annie, hast du je eine» Aiitrag erhalten?" „Einmal ja, meine Liebe, Ein Herr bat mjch um meine Hand per Telephon, aber er war falsch verbunden , , ." Sprachecke de; Allgemeinen Deutschen Sprachverein;. * Komisch. Kaum ein anderes Fremdwort ivird so viel falsch angeivcndet ivie das kleine „komisch'. Da fliegt beispielsweise ein Lustschiss i» großer Ruhe und Sicherheit über »nS: schon finde,l das einige Menschen „sehr komisch'. Ein ernstes Bild erregt asisei- tiges Aussehen. Es wird über das Für und Wider gestritten, und ich höre: .Komisch, daß der Meister das gerade aul diese Art dargc- steflt hat.' I» beiden Fällen—aus tausend Beispielen sind nur diese zwei herausgegriffen—fragte ich mich: „Wo steckt dem, da das Scherz- und Spaßhafte, was ist denn lustig dabei?' lind dan» siel es inir ei», daß das deutsche Volk wieder bei Freindeu Anleihen macht, obgleich ihn, unsere Sprach« lreffeidere Ausdrücke zur Verfügung stellt. Die Menschen lachen über etwas und sinden das „komisch', also spaßhast-sie sinden aber auch etwas mcrkivürdig >,nd nenne» das wieder „komisch". Ist das nun nicht komisch? Ob inan nicht doch allmählich ansangen wird, über den Sinn der Worte nachzudenken? _ Cybulla (Leipzig). Gleichklang-Räisel. Ein Neutrum, aus Brettern, schließt abends nian spät. Damit uns kein Fre,ndling belästigt: Als MaSculinuur hats nur ein Brett, Doch daS ist solide besestigt. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummer» Der ew'ge» Satzung folget die Natur: Nach üpp'gein Blüh'n ein laugsanies Entfärben: Vo,i Widerstand und Ausruhr keine Spur: Schön wie im Lebe», ist sie auch im Sterben. lind wer das schauet alles recht und klar, Dem kau» kein Zweckel koinme» und kein Neuen; Dem ist des Glücks Geheimnis offenbar: Zufrieden leben und den Tod nicht scheuen. I. G. Seid^ Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdnick und Verlag der Brübl'schen llniversitätS-Buch» und Steindruckerei. R, Langes QHe&at