Weiber-Kegiment. Roman von Oskar Klaußmaun. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Graf Klinker hielt sich mit Werner in der Nähe der Eingangstür auf und nahm immer wieder Gelegenheit, ihn den erscheinenden Damen und Herren, die dicht hintereinander ankamen, vorzustellen. Zehn Minuten nach acht Uhr war der Saal gefüllt. ,Lch muß meine Bratsche holen und noch etwas stimmen", erklärte Graf Klinter; „ich wirke im Orchester mit, und das muß bereits sitzen, wenn die erste Nummer beginnt. Suchen Sie sich einen Platz im Saale, wo es Ihnen beliebt. Wir haben keine numerierten Plätze, da wir ^a auch keine Billette verkaufen, sondern nur geladene Gälte haben." Zwanzig Minuten nach acht klopfte Frau Barbara energisch mit den, Taktstock auf das vor ihr stehende Pult und gab das Zeichen für den Frauenchor zum Einsatz der ersten Programmnummer: „Ständchen von Franz Schachert". Verdienter, stürmischer Beifall folgte der sehr präzisen Aufführung. Nach Frau Barbara trat Hüttendirektor Grau an das Dirigentenpult, und das Orchester spielte die „Fidelio"- Ouvertüre (Leonore III). Darm folgte eine kurze Pause, während deren sich der Männerchor auf der Bühne versammelte. Wiederum kam Schubert zu Gehör, und zwar der vierstimmige Männerchor: „Nachtgesang im Walde". Dann folgte eine grössere Pause, während deren Graf Klinter Werner aussuchte und ihn bat, mit ihm in das Künstlcr- zimmer hinter der Bühne zu kommen. Hier fanden sie Dora Buchwald in leicht begreiflicher Erregung, denn die nächste Nummer des Programms war die Arie der Rezia, die sie unter Begleitung Werners singen sollte. Die Erregung gab Dora lebhafte Farben, und sie sah in der großen Gesellsck>aftstoilette geradezu entzückend aus. Ihre Erregung fiel Graf Klinter auf, und er fragte sie direkt: ,,s>abe» Sie etwas Kulissenfieber, gnädiges Fräulein?" „Offen gesagt: ja und ziemlich stark. Es bemächtigt sich meiner immer eine große Unruhe, lvenn ich öffentlich auftreKn soll, und sie erreicht ihren höchsten Grad in dem Augenblick, in dem ich ansangen soll zu singen. Wenn ich erst meine stimme höre, dann werde ich allmählich wieder ruhig." „Sie müssen gar nicht an den Augenblick des Auftritts! denken. Sie sind ja auch so sicher, daß Sie wirklich keine Angst zu haben brauchen. Nun, lieber Herr Kollege, wte gefällt Ihnen die Stimmung hier?" „Ich bin entzückt", entgegucte Werner; „ich habe mit wirklichem Erstaunen die Andacht bewundert, mit der alle Welt den Vorführungen lauscht," „Ich sagte es Ihnen ja vorher," bemerkte Graf Klinter, „cs liegt Schtvuirg in diesen Veranstaltungen, und unser Publikum ist sehr aufnahmefähig, allerdings auch etwas kritisch und verwöhnt, denn wir haben zeitweise hier hervorragende Künstler selbst aus Berlin, weil wir nicht auf die Kosten zu sehen brauchen." Graf Klinter blickte auf die llhr und sagte: „Ich muß auf die Bühne zum Annoncieren. Machen Sie sich bereit. Sie führen das gnädige Fräulein auf dos Podium." Dora wurde plötzlich gairz blaß, so daß Werner sie mit Besorgnis betrachtete. " Graf Klinter stieg rasch die wenigen Stufen zur Bühne empor und trat bis an den Rand des Podiums. „Fräulein Buchmald wird die Freundlichkeit haben, uns die große Arie der Rezia aus dem zweiten Akt des „Oberon" zu fingen. Die Begleitung hat in letzter Stunde freundlichst Herr Bergrat Spaltung übernommen." Dan» wendete er sich nack der Treppe, an deren Fuß Werner und Dora standen, uno winkte ihnen. Doras Hand zitterte auf dem Arme Werners, als sie die Treppe emporstieg. „Mut, Mut!" rief ihr Werner halblaut zu: „es ist gleich vorüber. Nur mutig eingesetzt!" Jetzt stand er mit Dora oben aus dem Podium, trat init ihr bis an beit Rand und verbeugte sich mit ihr zusammen. Ziemlich lauter Beifall erklang, denn Dora war eine beliebte Vortragskraft im Musikverein. Dora arrangierte noch rasch die Schleppe ihres Kleides, nahm ihr Notenblatt zur Hand, und Werner setzte sich an den prachtvollen Flügel. Die Unruhe Doras schien ihn einen Augenblick aii- gesteckt zu haben. Dann gab er sich einen Ruck und griff in die Taften. „Jetzt!" rief er Dora zu. „Ozean, du Ungeheuer! Schlangeugleich - Hältst du umschlungen rund die ganze Welt. Dem Auge bist ein Anblick voll Größe du, Wenn friedlich in des Morgens Licht du schläfst." Doras Stimme klang etwas unsicher und nicht ganz klar, die Erregung schien ihr in der Kehle zu sitzen. Werner begleitete stärker und lauter, als es zuerst seine Absicht gewesen >var, um Doras Stimme Halt zu geben und etwaige Unreinheiten zu verschleiern. Diese Begleitung machte Dora offenbar sicher. „Rascher!" rief Werner halblaut der Sängerin zu. „Doch wenn in Wut du dich erhebst, o Meer, Und schlingst die Knoten uin dein O.pfer her. Malmend das mächtige Schiff, als wär's ein Rohr, Tann, Ozean, stellst du ein Schreckbild vor!" Die ganze Fülle ihrer Stimmenkraft legte Dora in diese Stelle und hob sich damit selbst zu Sicherheit und Schwung empor. Sie sang glockenhell und kräftig; jede Unsicherheit war geschwunden. Werner wußte, die Sängerin brauchte jetzt reine Stütze mehr an der Begleitung; er 310 schmiegte sich mit dieser jetzt dem Gesänge an und wurde immer diskreter. Dre Begleitung erstarb fast, und die Stimme allein klang hell und klirr: „Wolkenlos strahlt jetzt die Sonne Auf die Purpurwellen nieder. Wie ein Held nach Schlachtenwonne Im Triumph sein Zelt sucht wieder." „Das wird ein glänzender Erfolge" sagie sich Werner; „wenn die Stimme nur aushält." Er begann wieder vorsichtig mit der Begleitung zu stützen, als die Stelle kam: „Heil! Es ist ein Boot, ein Schiff Und ruhig segelt es seinen Pfad Ungestört durch das Riss." Aber Dora hatte anscheinend nur die Kräfte für den Schluß gespart. Ihre Stimme klang frisch bis zu den letzten Noten: „Hüon — mein Hüon — mein Gatte Rettung, sie naht!" Die letzten Töne der Begleitung verschlang der dröhnende Beifall, der den Saal erbeben machte. Das war! nichts Gemachtes, das war die Begeisterung, die von der Sängerin und dem Begleiter ans die Hörer übergegangen war. Dora war bescheiden zurückgetreten, und Werner hatte sich erhoben, um ihr den Arm zu reichen. Aber mit erneuter Gewalt setzte der Beifall ein. Dora mußte vortreten, und dem Impulse der Dankbarkeit folgend, ergriff sie Werners Hand und führte ihn mit an den Rand des Bühnenpvdiums. Werner fühlte, daß er durch die überraschende Art und Weise, wie ihn Dora an ihren: Erfolge teilnehmen ließ, verlegen wurde. Er reichte Dora den Arm, um sie von der Bühne nach dem Künstlerzimmer hinunterzusühren; aber er mußte noch einmal mit ihr nach vorn kommen, um zu danken. Dann waren sie über die Treppe in dem kleinen Künstlcrzimmer und allein. Sie befanden sich beide in einem Zustande der Erregung, der das ruhige Denken völlig ausschaltete. Der frenetische Beifall hatte beide aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Dora fühlte die freudige Erleichterung, die man nach einem schweren Werk empfindet, an das man mit Bangen und Zagen gegangen ist. Ihr Gesicht strahlte, ihre Augen leuchteten, ihre Brust wogte, glühende Nöte bedeckte Gesicht und Hals. „Ich danke Ihnen," sagte sie und reichte, immer noch dem raschen Impulse folgend, Werner beide Hände. Sie erschien ihm so schön, so begehrenswert in diesem Augenblick, wie noch nie ein Weib bisher. Auch in seinen Augen leuchtete es auf, er fühlte das Dröhnen des anfster- genden Blutes in seinem Kopfe. Rasch und feurig küßte er beide Hände Doras; er drückte sie und fühlte einen leichten Gegendruck. Dann ließ er plötzlich Doras Hände sinken, trat zurück, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als sei er aus einem Traume erwacht, und sagte halblaut: „Es war wunderschön, Sic haben herrlich gesungen!" Die Tür wurde aufgerisscn, und herein trat Gehcimrat Kersten, immer noch mit der Stahlbrille auf der Nase. „Mädel," sagte er, in seiner freudigen Erregung burschikos werdend, „du hast gesungen wie eine Göttin, und Sie haben die Begleitung ausgezeichnet gemacht." Dann kamen Graf Klinter und Frau Glover, zuletzt Frau Schottelius mit einer gewaltigen Pelzboa, denn die vorsorgliche Tante sah nichts, als daß Tora sehr erhitzt und erregt war, und fürchtete eine Erkältung. Werner entzog sich allen Lobsprüchen und verließ das Zimmer. Graf Klinter folgte ihni. „Ich habe eine Höllenangst ausgestanden," sagte er, „als Fräulein Buchwald einsetzte. Ich dachte, sic würde umwerfen, so erregt war sie. Sie konnten ihr leichenblasses Gesicht nicht sehen, aber ich beobachtete es genau. Sie haben ihr durch Ihre kraftvolle Begleitung einen großen Dienst erwiesen und Mit großer Geschicklichkeit sie zur Sicherheit und Stimmreinheit gebracht. Ich gratuliere Ihnen zu dem Erfolg, der Ihnen allerdings noch manche Pflicht als Begleiter im Mu- stkverern auferlegen wird. Sie haben angeborene Anlagen zum Liedcrbegleiten. Das ist nämlich nicht eine Kunst, die man erlernen sann, sondern wirkliche Anlage. Erheben Sie pur nicht Prot est, ich will Ihnen damit keine Schmeichelei sagen, und Anlagen sind ja schließlich nicht das Verdienst irgend eines Mannes. Kommen Sie jetzt in den Saal zurück. Es wird ein Männerchor verzapft, dann kommt das Orchester wieder dran, und den Schluß bildet eine Gesamtleistung des gemischten Chors und des Orchesters: „Einleitung und erster Chor des Oratoriums Paulus". Es wird dann an kleinen Tischen gegessen: ich werde Ihnen einen Platz besorgen." „Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein lieber Graf, aber bitte, tun Sie es nicht; ich will fort. Die Elektrische geht nur noch eine halbe Stunde. — Nein, nein, ich erhebe Protest dagegen: Sie wollen mich mit Ihrem Automobil nach Hause fahren! Ich werde nicht dulden, daß Sic in der Nacht noch den Umweg machen, und ich will es Ihnen nur gestehen: ich bin etwas sehr abgespannt, stecke in Berechnungen für neue Walzenstraßen und will morgen früh fertig werden. Ich werde kein Aussehen machen und mich ohne Abschied drücken. Ich bin mit Ihnen gekommen, und Sie haben mich eingeführt: ich brauche mich also nur bei Ihnen zu verabschieden. Wenn das Orchester mit der Einleitung zum „Paulus" fertig ist, verschwinde ich, und bin in einer halben Stunde im Bett. Einige Minuten später hoffe ich zu schlafen wie Gott in Frankreich." ,-Jch habe es nicht so gut wie Sie," sagte Gras Klinter lachend: „ich bin Adjutant der Frau Barbara Glover und muß ihr bis zum letzten Augenblick zur Verfügung stehen. Das ist kein leichter Dienst; man wird von ihr fortwährend hin und her gejagt. Aber es ist doch wieder ein Vergnügen, 8 r die intelligente und zielbewußte Frau tätig zu sein, ann sehen wir uns wieder?" „Morgen früh werden Sie nicht allzuzeitig aufstehen, Herr Graf, aber übermorgen früh um siebe» könnten wir uns auf einem Morgenritt treffen. Ich möchte mir einmal die Gegend südlich von Dasburg ansehen. Wenn es Ihnen recht ist, bin ich um sieben vor Ihrer Tür, und Sie haben vielleicht die Freundlichkeit und erklären mir die Lage der Werke, die sich südlich von Dasburg befinden." „Abgemacht!" sagte Graf Klinter. „Also übermorgen früh um sieben Uhr. Ihre Anwesenheit ist mir sogar sehr angenehm. Südlich von Dasburg liegen die Kiesgruben der Frau Barbara Glover. Sie will sie neu verpachten und hat mich gebeten, diese Gruben einmal zu besichtigen. Es ist mir sehr lieb, wenn ich Sie mit dabei habe; vier Augen sehen mehr als zwei. Auf Wiedersehen!" Graf Klinter eilte auf seinen Platz im Orchester. Tora stand bereits wieder bei den Svpranstimmcn aus der Bühne, die jetzt mit Sängerinnen und Sängern dicht gefüllt war. Drei Viertelstunden später befand sich Werner in sei- neni Arbeitszimmer in der Villa, die er bcivohnte. Der letzte Nachtwagen der elektrischen Straßenbahn hatte ihn vor der Türe abgesetzt, und Werner hätte jetzt zur Ruhe gehen können, wenn ihm dies möglich gewesen wäre. Mitternacht mar längst vorbei, als er inimer noch in seinem Arbeitszimmer auf und abschritt, und erst nach ein Uhr nachts suchte er sein Bett aus, ohne jedoch sofort einschla- sen zu können. Der Sturm, der in ihm tobte, das Gemisch von heftigen, sich widersprechenden Gefühle» in ihm ließen tyn erst wirklich zur Ruhe kommen, als der Tag graute. (Fortsetzung folgt.) Der Blinde am Meer. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. «'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Endlich hob das Mädchen wieder an: „In dem Garten will ich Ordnung schaffen. Und abends sitzen nnr still auf der Steinbank vor der Tür und lauschen dem Meere, und dn gibst dann deine Seele aus, Seede." Sie faltete die Hände vor ihrer Brust und neigte ihr Haupt und ahnte nicht, welch hehres Bild der Schönheit sie war — unb Seede Bahlsen konnte es nicht sehen. — Aber der hagere Bursche, der oben am Damme hockte, und dessen dunkle Augen wie die eines Luchses funkelten, blickte begehrlich nach Arda ^ Jetzt reckte er sich und stand geräuschvoll auf und schritt den Deich' herab. Die beiden fuhren erschrocken zusammen uird Arda erbleichte. „Petrow Ttlander," stieß st« hervor. Sre fühlte, wie SeedeS Körper ein Zittern durchlief, und ft« sah, wie sich seine sehntM Gestalt rech« zuch jvix er dann sei» 811 Gefühl aufs höchste spannte, um des Finnländers Nähe zu taxieren. Petrow verglich mit absichtlicher Verächtlichkeit beide Hände in seine Hosentaschen, schob die kurze Stummelpfeife aus dem rechten Mundwinkel in den linken und trat dicht zu dem Paar. „Was feiert Ihr denn da für Andachtsstunden vor diesem ücndigen Wrack, he?" Er betrachtete unter breitem, häßlichem Lachen das Haus und begann dann: „Goddam, im Dach ein Leck am airdern, da kannstc Luft schnappen, so viel du willst, Arda — und die Sonne kann rein. Ach so, die kann he arm lütt Deuwel nich sehen — de arm lütt Jong mutt in'n Dustern sitten, für nix un wedder nix." Er lachte häßlich aus und strich dabei Arda mit kühnem Griff die blonden Haarsträhnen, die im Wind« spielten, aus dem Antlitz. Ilber Arda stieß ihn zurück, bleich vor Scham und Zorn. »Jgitiait — Petrow — pfui," rief sie und zog Seedc am Arm fort, und flehend sagte sie §u ihm: „Schwelg, mein armer, lieber Seede, dieser Mensch ist keines deiner Worte wert." lind der Fiune lachte roh und schrie: „Mit seinen Märlein kann er auch bei mir nichts richten — und daß du nur es weißt, Arda Jaski: Ruhe sollst du vor mir nicht haben — und diesen blinden Märchenmann will ich dir versalzen." Aber der mitleidige Seewind trug die harten Worte ostwärts, so daß sic die beiden nicht erreichten, und Petrow stand allein am Häuschen und fluchte vor Wut, denn er fühlte, daß er hier unterlegen war. Er bog in die Hafenstraße ein und mischte sich unter die dort hantierenden Fischer. Aber niemand achtete seiner. — Da schleuderte er lässigen Schritts zur Hascnkantine und lud den Schisfseigner Thedje, den er an einem Anlegegehöst traf, zu einem Glas Punsch ein. „Hast du denn noch Geld, Petrow?" fragte der Schiffer. „Mehr als genug, Alter. — Hast du Begehr nach meinem Silber, so komm." Und er nahm von dem schmalen Schenklisch den speckigen Lederbecher und rasselte verführerisch mit den Würfeln. Solvey, der alte Branntweinschenk, mischte den Korn mit heißem Wasser und setzte die dampfenden Gläser vor die beiden Gäste. Thedje ergrifs den Knobelbecher und schüttete ihn bedächtig aus. „Drei — sieben —neun Augen," zählte er aus. „Das war schlecht, Thedje. — Sieh, so wird es besser," lachte Petrow und rollte blitzschnell die Würfel über den Tisch. „Na?" „Vierzehn," sagte gelassen der Schiffseigner. „Du zahlst den Punsch." „Stimmt. — Und was gilts jetzt?" „Den Beutel mit Silber — sind siebzig Taler, gute preußische," antwortete lauernd Petrow. „Was soll ich dagegen setzen, du. — So viel Geld habe ich nicht bei mrr." „Ist nicht vonnöten. — Dir gehört draußen an der Dünen- straße die alte Holzbude — setz' sie dagegen." „Du alberner Fratz, die ist keine dreißig wert." „Für mich doch, ich will Grundbesitzer werden." Und er lachte dröhnend auf. „Meinetwegen. — Ich fange an." Die Würfel klapperten über die Platte. Gespannt beugten sich die beiden über den Tisch. „Fünf — acht — vierzehn." Mit hastigem Griff packte Petrotv die Würfel, warf sie in den Becher, und weit ausholend, schüttete er den Becher aus und wie von ungefähr stieß er an Thedies Grogglas, so daß di« weiße Flüssigkeit diesem über die Knie lief. lind während der Schiffer fluchend auffprang, drehte Petrow einen Würfel, der nur ein Auge zeigte, auf die sechs und brachte so seine Zahl auf fünfzehn. „Fünfzehn, Thedje," rief er jubelnd, „die Bude ist mein!" „Und die Hose ist kaput," wetterte der ?llte, „hätte ich doch nie mit dir gewürfelt." „Die Hose zahl ich dir. — Hier, mit drei Talern ist sie doppelt bezahlt, und wenn du willst!, bring ich dir die nächste Woche eine neue mit von St. Pauli." „Tanke, die krieg ich hier besser." „Mir auch recht. — Und nun verschreib mir die Holzbude." Und mit großen, ungelenken Buchstaben bekannte der Schiffseigner, daß das Haus Dünenstraße 43 c mit Garten rechtmäßig in den Besitz von Petrow Tikander übergegangen sei. — Und der Kantinenwirt mußte gls Zeuge ebenfalls seinen Namen unter das Papier setzen. Währenddessen waren Seede Bahlsen und Arda Jaski durch das Dort gegangen. Die Häuser waren schmuck und schlank und die.Gassen boten Mit ihren Giebelbauten, die alle gelbrot ober blau angestrichen und ein jedes von einem schmalen Borgärtchen geziert waren, einen freundlichen Anblick. Die Maisonne strahlte warm hernieder, und die Stachelbeersträucher sonnten stolz ihre hellgrünen Blättchen in den blinkenden Strahlen. Vor den Tür*» chßen .die Frauen und besserten Netze aut, oder sie schassten im Garten. Und für alle hatte Arda ein sxeundliches Wort, und sie nannte Seede die Namen der Nachbarn, die sie grüßte. Und Seede nickte ihnen zu, ihnen, die er noch nie gesehen. Fast am Ende des Dorfes stand das Haus der Mutter Bahlsen, in dein sie bis zu ihrem Tode wohnen durfte, dann fiel es an fremde Erben. Wie aflr Häjuser, zeigte auch dieses den Giebel nach der Straße. In dem schmalen Garten davor sproßte das erste srische Grün. Die Fensterscheiben erglänzten in her Morgensonne wie große, strahlenden Äugen, als wollten sic Kunde geben von dem stillen Glück, das im Hause wohnte. Die alte Bahlsen, Seedes Großmutter, saß in einem riesigen Lehnstuhl. Ihre Beine waren mit wollenen Tüchern umschlungen und lagen hoch. Trotz der Schmerzen, die die Gicht ihr bereiten mochte, zeigte ihr Gesicht doch einen friedlichen Ausdruck. Sie hatte die Händ« gefaltet und lauschte dm Worten eines altm Mannes, der neben ihr aus einem Holzsessel saß. „Mir wäre es schon recht, Hinrich Bahrd Ohlsm, wenn wir in den Sommermonaten noch ein paar Mark dazu verdienten. Die beiden Hinterstuben sind sauber und die Betten gut." „Na, also, Mutter Bahlsen. Das dmk ich auch. Und Arda Jaskr ist flink und wird die Herrschaften schon versorgen. Ich will Euch also mit auf die Liste schreiben." Und dann verabschiedete sich der alte, biedere Hafenmeister. Unter der Haustür traf er Seede und Acka. Er nickte ihnen zu und sagte: „Ich habe eine Nmigkeit gebracht, Mutter Bahlsm wird sie Euch erzählen." „Das flang wie Hinrich Bahrd Ohlsen," sagte Seede. „Er war es auch. Was mag der gewollt haben?" Sie traten in das Wohnzimmer zur altm Bahlsen. Die ergrifs Seedes beide Hände und tzvg tjhn zu sich nieder, und fi« strich ihm das Haar aus der Stirne und schaute ihn lange an. Dann bat sic die beidm, sich zu setzen. „Ihr müßt Hinrich Bahrd Ohlsen getrossm haben?" „Ja, Mutter." „Er erzählte: Gestern abend hat die Gemeinde Sitzung gehabt, und da ist Ohlsen zum Obermann für di« Badeverwaltung gewählt worden. Weil eS aber im vorigm Jahre an Wohnungen für die Fremden gefehlt hat, sucht er nun solche. Da hat er gemeint, wir hätten zwei sauber« Stuben, und ob wir sie vermieten wollten im Sommer? Da könntm wir Geld verdienen." „Und was hast du gesagt, Mutter?" fragte Seede. „Ich habe ja gesagt." Arda sprang auf. „Das ist Hut Mutter, das ist gut. Und ich will die Fremdm versorgen." „Das weiß ich, mein Kind. Und Seede, was sagst du dazu?" „Ich freue mich ja auch, Mutter, daß etwas mehr Geld in das Haus kommen soll, denn ich schäme mich, daß ich so wenig verdiene." „Aber Seede, hu großer, dummer Junge," ries die alte Bahlsen und liebkoste ihren Enkel. Seede fuhr fort: „Hast du aber auch bedacht, Mutter, daß dann die Ruhe aus dem Hause gejagt wird? Und daß dann Arda nicht mehr so viel Zeit hat, dich zu pflegen?" „Ach, sorg« dich nicht um mich, mein Junge. Wir wollen es das eine Jahr versuchen, und hak es Uns nicht gefallen, sq tuen wir es nächstes Jahr nicht wieder." Und damit >oar di« Sache erledigt. Arda ging nach der Küche, um für den Mittag zu schaffen, Seede aber blieb neben der Großmutter sitzen. Nach langem Schweigen begann endlich die alte Bahlsen l „Du gefällst mir heute nicht, Seede. Du siehst so sorgenvoll und vergrämt aus, und mir scheint es, du hast sogar geweint. — Hast du wieder über dein Leid gegrübelt?" „Manchmal packt's mich an, Mutter, und der Schmerz über meine Blindheit ivill mich gasend machen. Aber das ist es nicht allein. Auch Arda macht mir Sorgen." „Was ist mit Arda, Seede?" „Ich weiß es nicht, Mutter. Sie ist lieb und gut zu mir und vermag mich immer zu trösten, wenn ich über mehr Leid klage. Und heute früh hat sie mir so schön von unserer Zukunft: erzählt. Und wir haben vor dem-Haus gestanden an der Dünenstraße. wo wir wohnen wollen, wenn wir verheiratet sind." „Nun? Weshalb dann die Sorge um Arda?" Da beugte sich Seede nieder und sagte leiser: „Arda ist zu schön. Alle Burschen im Orte sagen es." „Aber alle haben dick» gern Und keiner mißgönnt dir dag Mädchen." „Einer doch, Mutter. Petrow TUander." Die alte Frau sank in sich zusammen, und wäre Seede Bahssen nicht blind gewesen, so hätte er gesehen, wie sich Mutter DghlsenS Antlitz vor Angst verzerrte. Sie schwieg, bis sie sich vollständig wieder in der Gewalt hatte, dann sagte sie: „Hör«, mein Jungs. Dein Vater war Steuermann auf der Schonerbrigg Sturmvogel. Das weißt du längst. Deine Mutter war eine Helgoländerin und heglesietc ihren Mann auf vielen seiner Fahrten, bis sie in der SÜdsee vom Fieber dahingerafft wurde. Ganz gebrochen kehrte dein Pater zurück. Er brachte nur dich mit, ein Knäblein von 312 kaum einem Jahr, — und du ttwrjl blind. Bis zu deinem fünften Jahr habe ich dich gehegt und gepflegt, dann nahm dich dein Vater wieder fort und brachte dich nach Hamburg in eine Blindenanstalt. Aber ich hatte mich so an ein lebendes Wesen gewöhnt, für das ich schaffen und sorgen konnte, daß ich mich ,n Sehnsucht verzehrte. Dein guter Vater hat das bald erkannt. Mit ihm auf der Brigg fuhr ern Obermaat, ein wilder, leidenschaftlicher Mann. Cr war ein Pole und hieß Jaski. Er lernte in Döse ein wunderbar schönes Mädchen kennen, das führte er heim. Aber in der furchtbaren Sturmnacht 1887, als dre Brigg im Kanal leck wurde, versank Jaski in den Fluten. Sein Weib starb vor Gram, und dein Vater, der damals gerettet wurde, brachte mir das Polen-- kind — Arda Jaski. Und er sagten Das Mädchen ist ein Engel, wie sein« Mutter. Aber in ihni schlummert auch di« wilde Leidenschaft des Vaters. Wache, dag diese niemals geweckt werde. Und ich habe treulich gewacht bis auf den heutigen Tag, und kann deinem Vater, der ja ain Tage deiner Rückkehr aus Hamburg vom Fockmast erschlagen wurde, einst gute Rechenschaft ablegen. „Ja, das kannst du, Mutter. Uich jener Petrol» Tikander soll sich hüten, Arda zu nahe zu kommen." „Er brachte gestern einen Korb Krabben und sang ein fremdes Lied, Und Arda bat ihn, ihr das Lied zu lernen. Sollte das Polenblut in dem Mädchen erwachen? Sollte der wilde Pctrow mit seinen wüsten Augen Arda umgarnen?" Die Alle stöhnte bei diesem Gedanken auf, dann rief sie auS: „Nein, das ist nicht möglich. Arda hat nichts von ihrem Bäte« wie die Augen, und sie liebt dich treu und Heist." In diesem -lugenblick ging Arda an der Flurtür vorüber und sie sang leise: Finnisches Mädel, lebe wohl Meere trennen unser Glück. Und am fernen Seegestade Denk ich gern an dich zurück. _ (Fortsetzung folgt.) Der Pips. Bon Fritz Müller. Am Ende von so und so viel Jahren hatte ich mir ein Stückchen Land erschrieben. War die Frage, was machen >mr damit? Ich ging »u einem Sachverständigen und fragte ihn: ..Was kann man alles mit einem Stückchen Land niachen?" Er dachte ein wenig nach uich sagte: „O, sehr viele«." „Was, »um Beispiel ?" „Zum Beispiel verpachten, beackern, bebauen —" „Meine Frau sagt was von Hühnern, bitte?" „Hühner? Ja, Hühner kann man auch drauf haben." „Wieviele?" „Soviel Sie wollen." Ich unterbreitete dieses Gutachten »reiner Frau. Sie war seyr befriedigt. Dann schlugen ivir in Bücherir nach. Da stand es: ,Ein gutes Huhn legt an zweihundert Eicv km Jahr — ' „Groswrtig," sapte meine Frau, „rechne mal aus, bitte, tztveihnndert mal dreihundert, wieviel macht das?" „Zweihundert ma! dreihundert macht sechzigtausend,," sagte ich erstaunt. ' „Scchzigtausend' Wundervoll, stell' dir dies mal vor: sech — zig — tau — send!" „Sechzigtausend tvas?" „Eier, Eier, sechzigtausend Eier, ivas denn sonst!' „Um Gotteswillen, du willst doch keine dreihundert Hühner — " „Natürlich toill ich Du hast doch eben selbst gesagt, man könne soviel Hühner halten, ivie man will. Gut, ich will dreihundert." „Aber —" „Und weistt du, tvas die Eier gegenwärtig kosten? Zwölf Psennige das Stück, mein Lieber — tvas macht das also, bitte, sechzigtausend mal zwölf Pfennige?" „Macht siebenhundertzti-anzigtaitsend Pfennig oder siebentau- sendzweihundcrt Mark — aber —" „Siebentausend.iwcihutidert Mark, mm sag' mal selber, ist bas nicht ei» schöner Reingewinn — du?" „Reingewinn? Und was die Hühner fressen? Meinst du vielleicht, die Hühner leben von der —" „Bitte, das weis; ich noch von der Zeit, da ich bei Onkel Theodor in den Ferien nun: Die Hühner suchen sich ihre Nahrung selber durch Scharren auf dem .Boden und dtircl, —" „Und die Beaufsichtigung der Hühner?" „Das mach' ich selbst, verstehst du." Wenn meine Frau „verstehst du" sagt, dann ist die Geschichte im allgemeinen erledigt. Im besonderen aber erlaubte ich mir dennoch einzuwendenden: &' c Anschassungskosten, liebe Fine?" Anschassungskosten? Tie — die sind Meine Sache sind die Hühner, verstehst du.' Ich mache absichtlich kein Fragezeichen hinter das „verstehst du", denn wem, meine Frau „verstehst du" sagt, so ist das keine Frage, sondern «in Beschluß. „Wenn aber deipe Hühner eitlen Pips bekommen?" Hici ist das Fragezeichen rrchtig. „Pips — Pips, tvas soll denn das nun wieder sein!" „Hier steht es, bitte: .Eine der hänsigsten Krankheiten, welch« die Hühner befällt, ist der sogenannte Pips —' —" „Sogenannt — sogenannt! Du siehst also, es ist gar kein« richtige Krankheit sondern nur eine sogenannte." „— ist der sogenannte Pips, der in einem Bläschen auf der Zungenhaut besteht, wobei die Hühner nicht Nwhr fresse» können und oft massenhaft dahmster —" „Lai, gut sein — meine Hühner kriegen keinen Pips,* „Aber lvie willst du es verhindern, dag — " „Kriegen keinen Pips, verstehst du." „Wenn sie aber nun doch einen Pips —" „Laß mich mit deinem Pips in Ruh', ich weiß nicht, wa- du immer hast mit deinem Pips." „I ch habe keinen Pips, deine Hühner haben einen —" „M eine Hühner hätten einen Pips? Bitte, zeig nnl doch mal meine Hühner mit dem Pips, ja!" „Aber Fine —" „Keine Ausflüchte, bitte — zeig' — mir — mei — ne Hüh — ner mit dem Pips!!" „Nun sei doch so gut, Fine — " „Also nimmst du den Pips zurück?" „?lber ich kann doch nicht etwas zurücknehmen, was —* „Also gut, ich nchm den Pips zurück uich — " „Den Pips von meinen dreihundert Hühnern?!" „Jawohl — jawohl ich nehme sämtliche dreihundert Pips« von deinen —" „Fritz, du machst dich lustig über mich?!" „Ucber dich? Fällt mir gar nicht ein — nur über den Pips von deinen dreihundert —" „Das ist dasselbe, red' dich nicht hinaus!" „Erlaube mal, der Pips und du, das ist doch nicht daS glei —" „Schon gut, schon gut — ich will dir etwas sagen — l»enn man ans ein solch geringes Verständnis stößt, vergeht einem alle Lust, für siebeniauscndztveihunderl Mark Neingcwinu im Jahre für die Fanrilic herbeizuschasfen —" Aber Fine — „Gib dir keine Müh«, ich bin fest entschlossen, überhaupt keine Hühner sür dos Grundstück anzuschasfcn — das hat man nun davon, wenn man sich plagt — mit dreihundert Hühnern plagt — gahraus, jahrein mit dreihundert Hühnern plagt —" „Aber Fine —" , .... „— und wer ist schuld daran — ich frage dich, wer schuld daran ist — niemand anders als du mit deiner — deiner ewigen — deiner ewigen —" >, — Pipserei," ergänzte ich melancholisch. Schach-Ansgabe. Do» G. B. Dalle. Weiß seist mit den; dritten Zuge MaU. Auflösung in nächster Nummer. sind deine Sache. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Harder- — IVrosev — A'ercn« — Vheoüor — Kinn — Roffonf Miller wurzer. Redaktion R Neurath. — Rotationsdruck und Derlag der Brühl'ichen Unioersitäts-Buch- und Steindruckeret, N, Lang«, Ließet