Wnlier-Krgiment. Lionian von Oskar Kl außmann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Dora errötete, wohl über den Lobspruch Und nickte zustimmend, als Graf Klinter sagte: „Die Begleitung war aber auch ebenso diskret wie geschickt. Warten Sie nur, mein werter Herr, Sie werden im Musikverein gewaltig mit Ihrer Begleitkunst hergenonr- me» werden. Sie werden wahrscheinlich sogar morgen noch anderweitig aushelsen müssen." „Dazu werde ich mich schiver ohne Probe entschließen", meinte Werner. „Ach, es handelt sich ja nur um Kleinigkeiten, um einfache Lieder von Schubert. Die Hauptsache ist die große Arie, mit der morgen das gnädige Fräulein den Vogel abschießen wird. Mir ist um den Erfolg jetzt gar nicht mehr bange. Mich entschuldigen die Herrschaften, ich nmß nach meinem Bureau. Ich habe hier auch nichts mehr zu besorgen." Graf Klinter empfahl sich sehr eilig, und Werner blieb mit den Damen allein. „Wann befehlen Sie die nächste llebung?" fragte er ganz dienstlich Dora. „Die Arie ist sehr anstrengend," erklärte Dora, „ich möchte indes noch einmal proben. Es ist mir sehr peinlich, Ihre Zeit derart in Anspruch zu nehmen." „Bitte, bestimmen Sie nur, ich stehe jederzeit zur Verfügung. So viel ist augenblicklich nicht auf dem Werk zu tun, daß ich nicht ein paar Stunden erübrigen könnte. Wenn cs Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, proben wir heute abend iwch einmal und dann nwrgen vormittag, noch besser aber in den frühen Morgenstunden. Sie haben dann Zeit, um Ihre Stimme bis zum Abend auszuruhen, und die beiden Proben werden das Zusammenspiel sehr fördern. Sie bedürfen keiner Probe mehr, soweit es sich um die Gesangspartie handelt, denn die beherrschen Sie vollständig in korrektest - t Weise. Es handelt sich eben nur noch um das Neben der gemeinsamen Einsätze und der Ucbergänge. Wann befehlen Sie heute abend?" Auf Doras Stirn erschien ein leichter Schatten, ihre Brauen zogen sich etwas ärgerlich zusammen. Werner ivar doch gar zu dienstlich, und zwar bei einer Gelegenheit, >vo es sich nicht uin den Dienst handelte. „Sie sind sehr freundlich, Herr Bergrat," entgegnete sie, sich zur Liebenswürdigkeit zwingend: „wenn Sie schon die große Güte haben wollen, noch zweimal mit mir zu proben, so würde ich bitten, heute abend um acht und morgen früh vielleicht um acht. Ich weiß, daß Sie sehr zeitig aufstehen." Werner erhob sich und wiederholte: „Heute abend um acht und morgen um acht." Dann wandte er sich zum Gehen, und Frau Schotte« lius sagte etwas erstaunt: „Sie trinken doch wenigstens ein« Tasse Kaffee mit uns?" Aber Werner erklärte: „Ich muß nach dem Bureau, ich habe eine Berechnung fertig zu machen, und möchte bitten, mich zu entschuldigen." Dora klingelte und befahl, das Automobil für Werner bereitzuhalten. Fünf Minuten später fuhr er ab. Frau Schottelius schien ärgerlich. „Er hat es ja fürchterlich eilig. Will er damit Diensteifer zeigen? Ich weiß nicht, er ist so kurz und gemessen, als erwiese er Dir eine Gnade." „Nicht doch, Tante," antwortete Dora etwas ärgerlich: „ich verstehe ihn sehr ivohl. Er will eine scharfe Grenze zwischen allen privaten und dienstlichen Dingen uns gegenüber ziehen. Er will es mich nicht fühlen lassen, daß er mir irgendeinen Gefallen erweist, sondern stellt sich ganz und gar auf den Standpunkt einer gewissen Pflichterfüllung. Wenn er anders wäre, würde er weder dir noch nur recht sein." Tante Schottelius war es gewöhnt, das letzte Wort zu haben, und in der Regel war dieses letzte Wort eine kleine Bosheit. Deshalb sagte sie auch ruhig und doch, wie sie wußte, Dora damit treffend: „Du findest alles richtig, was der Mann macht." Dann verließ Frau Schottelius, als ob nichts vor- gefallcn wäre, das Zimmer. 4. Kapitel. Hin und her, aber immer nach gleicher Richtung, gehen die Teile einer Maschine, eines mechanischen Werkes, denen der Menschengeist die Bahn vorgeschriebe» hat. Aber einzelne Teile dieses Menschcnwerkes werden gezwungen, einen andern Weg zu gehen, anders zu laufen als die Hauptteile. Durch Hebel und Verbindungsstücke, die mit ihren Enden oder Stiften in Schlitzen oder Nuten laufen, wird ein Teil der Maschine veranlaßt, in anderem Tempo oder nach anderer Richtung zu gehen. Dieser Teil ist „zwangsläufig", wie der Techniker sagt: er läuft einem Zwange solgend und nicht nach dem Gesetz wie die anderen Teile der Maschine. Dora hatte sich, soweit es ihr möglich war, durch populäre und leichter verständliche Werke auch mit dem Maschinenwesen vertraut zu machen gesuckit. Sie kannte den Ausdruck „zwangsläufig" genau, und wußte, >vas er bedeutet. Ja, es gab in ihrem Innern, in ihrem Fühlen und Denken auch etlvas Zwangläufiges. Ihre Gedanken gingen in gewissen Augenblicken einen absonderlichen Weg. selbst wenn sie es nicht wollte. Tante Schottelius hatte es gesagt: „Du findest alles richtig, lvas der Mann macht!" Geheimrat Kersten behauptete immer, Tante Schottelius sei eine Schwätzerin, die nicht weiter sehen könne als ihre Nasenspitze reiche. Aber er kannte diese Frau nicht genügend! sie war auch bösartig und intrigant. Sie hatte Zeit ihreä Lebens in kleinen Verhältnissen zugebrachl und war dit 302 Witwe eines Steuerkontrolleurs. Sie war herrschsüchtig und hatte nie Gelegenheit gehabt, diese Neigung zu betätigen. Ta wurde sie plötzlich als Gardedame zu Dora Buchwald beruscn und kam in Verhältnisse, wie sie sich früher gar nicht hatte träumen lassen. Dora Buchwald war wirklich etwas wie eine kleine Königin, und wenn man sie so nannte, so beging man keine Ilcbcrtrcibnng. Viele tausend Arbeiter, viele hundert Bcainte waren ihr untergeben: Hunderte von Geschäftsleuten und Industriellen anderer Art verdienten an ihr Geld »nd richteten sich nach ihr. Aber auch die Fernstehenden beugten sich vor dem vielen Gelde. DaS Bernlögen steckte ja vor allem i» den Werken, aber cs betrug doch mehr als zwanzig Millionen. Selbst auf die KreisverwaltuiP halte dieses Ver- mögen, hatten die Werke, hatte die Besitzerin indirekt Ein- sluß. Dora und ihre Werke stellten einen Faktor dar, mit dem selbst die Behörden sorgfältig in gewissen Augenblicken rechnen mußten. Und nun war Frau Schottelius gewissermaßen die „Königin-Mutter". Auch vor ihr beugte sich alle Welt, und das gefiel der eitlen »nd herrschsüchtigen Frau. Die kleinen Sorgen des Lebens waren von ihr abgefallen. Sie brauchte nicht mehr mit ihrer kleinen Pension zu rechnen. Das alles hörte mit einem Schlage aus, wenn Dora heiratete. Dan» brauchte sie keine Gardedame niehr, danil verschivand Frau Schottelins gewissermaßen wieder in der Versenkung. Sie zog sich in ihr mitteldeutsches .Heimatstädtchen zurück, und wenn ihr Dora auch gewiß eine anständige Rente aussetzte, so hielt das zukünftige Leben doch gar keinen Vergleich mit dcni jetzigen aus. Imponieren konnte die Frau Steuerkontrollern: dann niemand in dem kleinen Orte, wenn sie auch viel Geld hatte, »nd die einzige Herrschaft, die sic ausüben konnte, erstreckte sich vielleicht auf ihr Dienstmädchen. Frau Schottelins hatte also alle Veranlassung, zu verhindern, daß Dora Buchwald heiratete, oder mußte zum mindesten versuchen, diese Heirat möglichst iveit hinauszuschicben. Bisher hatte sie irgendwelche Furcht wegen einer Verhei ratung Doras nicht gehabt. Die erste gefährliche Person, die für sie erschien, war Werner Spalding. Er war der erste Mann, für den Dora sich lebhaft interessiert hatte: sic hatte ja sogar versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Sie hatte ihn in Heldenhafter Pose gesehen, die selbst der Tante imponierte, und Frau Schottelins wußte, daß schon der flüchtige Eindruck, den Werner vor einem Jahre auf Dora gemacht hatte, bei dieser sehr nachhaltig gewesen war. Dadurch, daß Dora sich damit einverstanden erklärte, Spalding zu engagieren, bewies sie, welches Interesse noch immer bei ihr vorhanden war. Wenn sich Frau Schottelins daher nicht zur Wehr setzte, war sie innerhalb weniger Monate abgetakelt und kehrte in ihre kleine Heimatstadt zurück, Dora heiratete. Es lag also in ihrem Interesse, diese Heirat womöglich zu verhindern. Aber cs kam doch noch etwas anderes dazu, was Frau Schottelins gegen die eigene Nichte gehässig machte. Frau Schottelins hatte einen einzigen Sohn, einen harmlosen, gutmütigen Landpastor, und selbstverständlich hatte sic daran gedacht, wie praktisch und hübsch es wäre, wenn Tora diesen Landpastor, ihren Vetter, heiraten würde. Dann blieb das große Vermögen in der Familie, und lvcn» der Sohn der Frau Schottelins auch die Bnchwaldschcn Werke nicht leiten konnte, so war ihm doch das Vermögen zu gönnen, wenn die Buchwaldsche Hinterlassenschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Tante Schottelins hatte Dora auch vorsichtige Andeutungen betreffs einer Heirat mit dem Sohne gemacht. Aber schon diese Andeutungen genügten, um Dora in Harnisch zu bringen. Sie machte der Tante eine Szene, die erste unangenehme, die Frau Schottelius mit ihr hatte, »nd erklärte ihr kategorisch, wenn sie noch einmal von diesem törichten Heiratsprojekt rede, müsse sie sofort das Haus verlassen. Das wollte natürlich Frau Schottelins nicht, denn die Vorteile, die das Bleiben für sie und auch indirekt fü« den Sohn brachte, waren zu groß. Aber sie war erbittert gegen Tora und deren Hochmut. Wiar denn ihr Sohn nicht gut genug, war er nicht ein angesehener, akademisch gebildeter Mann? Was war denn der Vater Doras gewesen? Ein halbgebildeter Techniker, der unter Benutzung der günstigen kimstände und der gewaltigen Entlvicklung der Industrie das Rieseuvermögen geschasscn hatte. Auf wen wartete Dora denn? Auf einen Prinzen? Vielleicht hatte Tante Schottelius auch noch die Hoffnung, daß Tora doch noch einmal, nur um unter die Haube zn kommen, ihren Sohn nehmen würde, wenn alle anderen HciratSprojcktc in die Brüche gingen, und daß das geschähe dafür wollte Frau Schottelius sorgen. Sie haßte alle Freier, nicht nur, weil sie durch diese um die Stellung kam, sondern sie sah gewissermaßen in jedem Manne, der sich Dora näherte, einen Räuber, der ihren Sohn um das Vermögen Doras bestahl. Welch eine Gegnerin und Intrigantin Tora beständig um sich hatte, ahnte sie nicht. Sie kannte wohl die unangenehmen Charaktereigenschaften der absonderlichen Frau, die ihre Tante war. Aber sie mußte diese Absonderlichkeiten ertragen, sic brauchte die Tante, und nur wenn sic heiratete, erhielt sic die Selbständigkeit, die sie jetzt so sehr vermißte. Solange die Eltern und die Brüder lebten, hatte Dora eigentlich nie aus Heiraten gedacht. Als junges Mädchen schivürmte sie für die Kunst. Ihre Mutter hatte ihr zuliebe säst zwei Jahre in Leipzig verbracht, als Dora dort Gesang studierte. In Leipzig war cs natürlich auch amüsanter, als auf dein vereinsamten Schlosse im Jndustriebezirk, wo es säst gar. nichts von all den Dingen gab, die eine Frau interessieren. Daun kam aber das Unglück über das Haus Buchwald. Erst starb die Mutter, kurze Zeit darauf der Vater. Dorg und ihre beiden Brüder erörterten dann ganz ernsthast und geschäftsmäßig die Frage der Verheiratung. Tie beiden Brüder »rollten vom Heiraten nichts wissen. Sie hatten ihre Schwester lieb, wenn auch in ihrer Weise, und wollten mit ihr znsammenleben. „Dil bist für uns >vic Mutter und Frau," sagten sie zu Dora, „du sorgst für uiis in allen hanSivirlschaftlichcn Beziehungen,-wie dies nur eine Frau kann. Weshalb wollen >vir es besser haben? Wir ivisscn nicht, lvas ivir eintauschen. Wir müssen die Werke heraufbringen, uud haben mindestens zehn, fünfzehn Jahre hart zu arbeiten, bis die Werke auf der Höhe sind, die wir erreichen wollen. Dann können »ui« vielleicht an eine Heirat denken." Da die Brüder um DoraS ivillcn nicht heiraten ivollten, konnte Dora auch nicht daran denken, sie zu verlassen. Der letzte Rest von Familiensinn und Familienzusammcnhangj wäre auch geschivunden, loenn sic geheiratet hätte und sort- gegangen iväre. Die Brüder sorgten auch dafür, daß sich niemand mit Heiratsabsichten Tora nähern konnte. Sie lvachten mit großer Sorgfalt über sie, und wenn ein Mann nur im entferntesten Miene machte, sich um ToraS Hand! zii bewerben, dann nahmen das die Brüder übel, dann scheuchten sic den Mann fort, selbst durch brüskes Verhalten, und Dora warnten sie: „Der Ivill dein Geld und nichts anderes, das ist ein Mitgistjäger!" Nur einem ihrer Freunde gestatteten sie den beständigen Verkehr im Hause: das tvar Graf Klinter. Ter üriippel schien ihnen ungefährlich, und sie wußte», daß Dora für ihn nichts empfand. Tie Brüder Doras fanden einen plötzlichen, uucrwar- teteu Tod. Nachdem das erste Jahr der schwersteil Trauer vorüber >var, mußte Tora klihl und geschästsinäßigl die Frage erwägen, ob sie niit Hilfe des Geheimrats Kerstew die Werke weiter leiten, oder ob sie sich von allem zurückziehen sollte. Sie hatte in der Tat an die Gründung eine« Attieugesellschast gedacht; denn daß der richtige Mann, den sie liebte, uud der ihr aus selbstloser Neigung nahte, der! Mann, der auch gleichzeitig befähigt war, die Leitung der ausgedehnten Werke zu übernehmen, jemals erscheinen würde, das glaubte sie nicht. Vielleicht erhoffte sie es: aber die Erfüllung dieser Hofsnung schien iveuig ivahrschcinlich. Sic wußte, daß das Geld, das große, riesige Vermögen, das sie besaß, insofern verhängnisvoll für sie ivurde, als sie nicht an die Aufrichtigkeit der Neigung eines Mannes! glauben konnte. „Er ivill dein. Geld, er will sich hier in das warme Nest setzen," das war der erste Gedanke, der immer wieder bei ihr austauchte, »vcnn sich ihr ein Mann näherte. In solchen Augenblicken hörte sie ihre Brüder wieder reden, uud sie wußte es: das Mißtrauen, das die Brüder in sie gelegt hatten, würde sic nie verlassen. Es gab auch in Saarkirchest und Umgegend keinen Manu, der nach Stellung uud Qualitäten sich zum Gatten für Tora geeignet hätte. Aus Reisen halte man nur fläche tigc Bekanntschaften gemacht, zumal als Tora mit Dante Schottelius allein reiste uud verpflichtet war, zurückgezogen zu leben. (Fortsetzung folgt.) — 303 Der Nachtmensch. Von Max Kretzer. Otto Butterteich, einziger Hinterbliebener Sohn des verstorbenen Konlervensabrikanten August Buttcrteich, hatte täglich vierzig Mark 'iu verzehren, rein zu verzehren, denn für Wohnung, Kleidung ufw. orgte die ihrer Gesundheit wegen stets im Süden weilende Witwe eines Erzeugers noch, weil sie sich das teure Leben dieses Prackst- vrlchens noch lange erhalten wollte. Dafür sorgte überdies Otto schon von selbst, indem er cs so einzurichten wußte, daß von den vierzig Mark kein Pfennig übrig blieb. Das war Ehrensache. Otto Buttcrteich war nämlich ein Nachtmensch, wozu ihn schon, wie er durcharis ernst meitlte, die Stunde seiner Geburt, nämlich die mitternächtliche, gemacht habe. Er würde es also ftir eine direkte Fälschung der Tatsachen halten, wenn man behaupten wollte, er habe vor fünsnnddreißig Jahre» das Licht des Tages erblickt, — ergo habe ihn gleich nach der Geburt die Nacht unter ihre Fittiche genommen. Es ist erklärlich, dass die häusliche Umgebung eitles derartigen Nachtmenschen es nicht leicht hat, mit ihm fertig zu werden, weil der Anachronismus eine völlige Umkrcmpelung der Verhältnisse bedingt. Als die Märthrcrin Numero eins, eine alleinstehende, würdige Danie, nach dreijähriger Ausdauer das Zeitliche gesegnet hatte (leider muhte sie am Tage begraben werden, was ihr Mieter geradezu als einen störenden Eingriff in sein Lebenspro- gramm betrachtete), sah sich Buttertcich genötigt, seinen Wigwam wo anders aufzuschlagen. Kaum hatte er, es war im Winter, am frühen Abend, seine schweren Koffer und Kisten zu der verwitweten Frau Bergwerksingenieur Gnadenast, bei der er die drei möblierten Vorderzimmer gemietet hatte, transportieren lassen, als auch schon der Konflikt begann. „Ich bitte um den Morgenkaffee," sagte er zum Mädchen, das sein Klingeln herbeigernfcn hatte. Die breitgcsichtige Pomnierin glaubte ihn nicht richtig verstanden zu haben. Jedenfalls zog sie es vor, nutzt erst zufragen, sondern die Lösung des Rätsels ihrer Herrin zu überlassen. Frau Bergtverksingenieur, eine noch gut aussehende, etwas stark von sich eingenommene Dame, trat in die Erscheinung. „Ter Herr wünschen über den Morgenkaffee zu sprechen?" — „Im Gegenteil, meine Verehrteste, •— ich möchte ihn gern haben. Es ist bereits sieben Uhr morgens." Frau Gnadenast fuhr ein wenig zurück. „Der Herr wollten wohl „abends" sagen . . .— „Nein, nein, verehrte Frau Doktor, morgens, morgens. Für mich ist es erst morgens. An diese Zeiteinteilung werden Sie sich gewöhnen müssen, es ist übrigens heute ausnahmsweise spät geworden. Sonst bin ich ei» Frühaussteher. Tja." Frau Gnadenast glaubte, daß er seinen Scherz mit ihr treibe, und so sagte sic entgegenkommend: „O, das tut nichts. Meine Tochter muß auch schon sehr früh heraus. Sie brauchen also nur zu bestellen. Der Kaffee wird Ihnen auf die Minute vorgesetzt." Es lag nur zu nahe, daß Otto Butterteich, der in seiner eigenen Zeitrechnung lebte, das falsch ansfatzte: „So so. Ihr Fräulein Tochter geht nachts ihrer Beichäitigung nach?" äußerte er sich lebhaft. „DaS interessiert mich sehr. Was treibt sie denn? Was für einen Dienst hat sie? Tanzt sie? Ist sie Kassiererin? Vielleicht Büscttdame?" — „Aber erlauben Sie mal!" unterbrach ihn die Frau Berglverksingenieur ganz entrüstet. Otto Buttertcich, mit seinem Verstände vorübergehend an das Tageslicht gerückt, bat um Verzeihung, als er erfuhr, dass Fräulein Lucie Gnadenast schon morgens früh um sieben Uhr — nach richtiger Zeit — von Hause fort müsse, da sie einen weiten Weg habe bis zu denr Fabrikkontor, wo sie Korrespondentin in Englisch und Französisch sei. „Ta haben wir ja einen ganz verrückten Menschen bekommen," sagte Frau Gnadenast ein paar Tage später gegen Abend zu ihrer Tochter, die hinten im Wohnzimmer vor dem NutzbaumtrumeaU stand, ihren Sanimethut, an dem sie Aendernng vorgenommen hatte, ausprobierte und dabei ihre stramme Figur unwillkürlich recken muhte. Draußen in der Fabrik hatte man englische Tischzeit, und so kam Lucie gewöhnlich gegen 6 Uhr nach Hause. „Das sind noch nickst die schlechtesten, Maina," gab sic zurück, ohne den Anblick ihres gesunden Spiegelbildes zu unterbrochen. -„Die schlimmsten sind die dösigen, die wie die Hammel durchs Leben trotten. Was macht er denn so Verrücktes, wie?" „Die Nacht zum Tage." „Weiter nichts?" „Na hör mal, das ist doch gerade genug. Ein Bummelank erster Güte. Vor sechs Uhr morgens kommt er selten nach Hause. Dann schläst er, nachmittags um sechs Uhr trinkt er seinen Morgenkaffee und nimmt die übrigen Mahlzeiten ganz nach der Tageseinteilung «in. Aus das peinlichste, genau nach der Stunde. Er nennt sich mit Stolz Nachtmensch, eck könne gar nicht mehr anders leben." „Das ist ja großartig," warf Lucie lachend ein. i,Wers so haben kann! Was muß der alles zu sehen kriegen. Ich wollte, ich könnte auch mal so eine Nacht durchbummcln. Das wäre doch wieder mal etwas anderes. Seit einem Jahr habe ich keinen Ball mehr mitgemacht . . . Papa machte das übrigens auch manchmal. Das sei notwendig, um den Geist wieder einmal anfzufrischc», meinte er." „Mal, aber doch nicht immer . . . Na, ich werde das vier Wochen mit ansehen und ihm dann einfach sagen, daß w i r Tagesmenschen sind. Das wird er dann hoffentlich schon verstehen. Man wUl doch von seinen Vorderzimmern auch 'was haben. Leute ohne Berus sind mir übrigens ein Greuel." ..Im Gegenteil, — ich finde, daß man sich eines solchen Menschen erbarmeir muß. Man müßte versuchen, ihn wieder zu einer geregelten Lebensführung j» bringen. Wenn sch nur wüßte, ob er es mir danken würde." Lucie zählte bereits fünfundzwanzig Jahre, sah aber frisch wie eine Zwanzigjährige aus. Erfahrung hatte sie allerdings tvic eine Dreißigjährige, die Ohren und Augen nicht umsonst offen hält, und die Furcht vor dem Ungeheuer Berlin längst verloren hat. Gestern abend, als Herr Buttcrteich bereits auf dem Wege war, sein Frühstück irgendwo einzunehmen, hatte sie sich seine Häuslichkeit vorne angesehen und dabei auch seine Photographien verschiedener Jahrgänge betrachtet. Der letzte Jahrgang interessierte sie natürlich am meisten. Gar kein übler Mann, das mußte sie sich sagen. Sie hatte sich einen vertrunkenen Kerl mit verquolleneiil Augen vorgestellt, und sah nun einen Menschen mit offenem Gesicht und merkwürdig hübschen Augen, die ihr allerdings etwas aufgerissen vorkamen. Etwas Neigung zum Fettansatz schien ja vorhanden zu sein, das kam aber jedenfalls von dem vielen Sitzen und vom Biere. So etwas ließ sich immer eher wegbringen als anbringen, und für die mageren Männer hatte sie nie etwas übrig gehabt. Ausschlaggebend waren der slotte Schnurbart unter der kühnsprechenden Nase und das üppige gekräuselte Haar über der sorgenlos gebauten Stirn. „Herr Butterteich, Sie scheinen nicht ganz „ohne" zu sein. Sie müßten eigentlich daran glauben", sprach die gedankenvolle Lucie ganz bewußt Vor sich hin. Der Name war allerdings nicht herausfordernd zum Kampfe, aber mit dem ihrigen konnte sie auch keinen Staat machen. Die ersten vier Wochen bekamen die beiden Damen ihren Mieter gar nicht zu sehen, was eine Folge der verschiedenen Lebensweise war. Wenn bei Gnadenasts die Sonne unterging, ging sie bei Butterteich auf. Eines Morgens, um sieben llhi? als Lucie wie gewöhnlich sortging, begegnete sie auf der Treppe einem Herrn, dessen Gesicht ihr bekannt Vorkam, obwohl er den Kragen des Pelzpaletots über die Ohren geschlagen hatte und den Zylinder etwas schief in die Stirn gerückt trug. Er schwankte bedenklich, und da er noch den freien Ton in der soeben verlassenen letzten Nacht-Bar in Gedanken hatte, so hielt er einen kleinen Flirt auf der stillen Treppe mit der ihm unbekannten Schönen für erlaubt, was er durch ein paar ganz kecke Redensarten andeutete. Er siel aber gründlich ab, indem er die Worte zu hören bekam: „Bitte sehr, Herr Sonnenfeind, — bringen Sie Ihre Belästigungeil >vo anders an." Diese Bezeichnung blieb auf Otto Buttcrteich sitzen, denn sie erschien ihm als eine unverdiente, obendrein ganz vertrauliche Kränkung. Er. der ausgesprochene Typ des Berliner Nachtmenschen, der während zehn Stunden iin elektrischen Lichte förmlich schwamm und in deti Ballhäusern manchmal tausend geschminkte Sonnest leuchten sah, sollte ein Feind des göttlichen Lichtes sein? Diese kecke Feindin mitßte er scststellcn. Ganz gegen seine Geivohnheit legte er sich nicht gleich schlafen, sondern wusch sich die Augen mit kaltem Wasser, zündete sich eine frische Zigarre an und wartete das Erscheinen seiner verehrten Wirtin ab, die ihn erstaunt fragte, ob er schon ausgehen wolle. Worauf Herr Bntterteich ganz entrüstet erwiderte, daß es ja „Abend" und er soeben erst nach Hatise gekommen sei. „Sie sind krank, mein Herr," sagte Frau Gnadenast ebenso ärgerlich als mutig. „Denn Sie leiden an einer fixen Idee. Wenn das so ^weitergeht, werden wir noch mondsüchtig, natürlich am Tage. Schon vorhin sagte meine Tochter, ehe sie ging: „Es ist jetzt Abend und bald kommt der Sonnenfcind nach Hanse". „Ei, ei, so eine hübsche Tochter haben Sie?" Weiter sagte Buttertcich nichts, denn er wußte Bescheid. Es war wohl bloß nicht Zufall, daß er Lucie des Morgens jetzt häufiger begegnete. Als das wieder einmal geschah, war er so verwegen, ihr seine Begleitung anzutragen. „Haben Sic noch nicht genug von dem nächtlichen! Berlin?" sprach sie ohne Zaudern. „Es gibt nichts mehr, es ist alles zu. Schämen Sie sich denn nicht? Sehen Sie sich »uv einmal im Spiegel an, adieu." Otto Butterteich fand diese Behandlung unerhört. Ter Mann mit vierzig Mark täglicher Verzehrung regte sich iu ihm. So blieb er denn an ihrer Seite und schwor, sie in einem Auto bis zu der Fabrik zu fahren. „Ist noch so viel übrig geblieben?" spottete Lucie. „Wenn Sie allein fahre» wollen, puinpc ich Ihnen. Pfui, Sie duften ja nach Alkohol. Wer wird Sie jemals heiraten." Das war der Gipfelpunkt für Butterteich., „Ich denke. Sie," stieß er grimniig hervor. — „Ich? Dann müssen Sie noch einmal geboren werden." Sie beschleunigte ihre Schritte. „So hören Sie doch, mein verehrtes Fräulein," sagte Butterteich ganz aufsässig, „ich will mich ja auch schäme». Weshalb sind Sie kein» Nachtinenschin? Dann würden Sie mich schon mehr schätzen lernen." Lucie lachte. „Ich danke. Sie sind ein Unglückswurm. Wenn Hie so sortwirtschaften mit Ihrer Gesundheit, sterben Sie bald." Bnttep- teich stöhnte. „Dann retten Sie mich doch. Das ist der seligste Wunsch meiner Mama, sie würde Sie segnen." Lucie lachte wieotp. „Ich bin doch keine Heilanstalt für Trinker." Butterteich stöhnte noch lauter, immer gleichen Schrittes niit ihr. „Sic verkennen mich total, ich amüsiere mich ja nur. Ich kann nicht mehr inst 30 « Tageslicht blicken, das ist das Schreckliche. Ich führe eben das Leben eines besseren Nachtwächters. Kommen Sie einmal zwischen vier und fünf ins Casä Bauer, meinetwegen vom Ball, das ist doch nicht schlimm." Lucie war so gerannt, daß sie stehen blieb, »nr Atem zu schöpfen. „Essen Sie da immer Ihr Abendbrots frühmorgens? Es ist aut, ich werde dort Nacht-Kassiererin werden, ganz im Ernst. Dann können Sie sich dort gleich häuslich einrichten." Husch, war sie fort in die Elektrische. „Denken Sie nur, was in meine Tochter gefahren ist," sagte Frau Guadenast am anderen Tage nachmittags, als Butterteich, ohne es zu merken, eine Stunde früher aufgestandcn war. Der Wecker hatte nämlich um 5 Uhr bereits gerasselt, was ihm auch gar nicht ausgefallen war, da die Wanduhr dieselbe Zeit zeigte. „Sie will ihre Stellung kündigen, um Nacht-Kassiererin im Cafe Bauer zu iverden, weil Sie es so gewünscht haben." Butterteich sah sie blöde an. „Ich? Sie ist wohl toU geworden? .Halten Sie sie um Himmels Willen davon ab. Ihre Tochter ist zu schön dazu." Er empfand schon eifersüchtige Regung, obgleich er bei sich dachte: Sie liebt mich, keine Frage. Was mußte er sür ein Kerl sein, daß sie solch ein Opfer bringen wollte! „Hat er was gemerkt mit dem Wecker, Emilie?" fragte Lucie das Mädchen noch am selben Abend. „Nicht? Dann ist's gut. Morgen früh machen Sie das wieder 'so. Sobald er schläft, schleichen Sie sich hinein. Immer nur eine Stunde zurück, damit er sich daran gewöhnt. Und vergessen Sie nur nicht beim Regulator dasselbe —. Den Herrn loerden wir schon kriegeil." Sie hatte gelesen, daß man Trunkenbolden immer kleinere Schnavs- flaschen gab, ohne daß sie es merkten, und so hoffte sie, auf ähnliche Weise den Nachtinenschen wieder ans Tageslicht zu gewöhnen. Diese Erziehungsmethode half, denn sobald Otto Buttcrteich einmal munter war und sich die Augen gerieben hatte, glaubte er etwas von seinem „Tage" zu versäumen, wenn er sich nicht rasch zum „Morgenkaffee" rüste. Selbst als er den „Irrtum", den er sich selbst zuschricb, entdeckte, wunderte er sich, wie ausgeschlasen er eigentlich wa« Da er auf diese Art seine nächtliche Fahrt früher begann, so war es auch erklärlich, daß er früher ermüdete und auch zeitiger als sonst nach Hause kam. Als er nach acht Tagen, gleich nach dem Aufstehen, die dichten Vorhänge auseinander streifte und helles Sonnenlicht mif der Straß« erblickte, wurde er doch etwas stutzig, obgleich es nahe lag, daß er zunächst an die Mitternachtssonne dachte. Aber die gab es doch in Berlin nicht. Sämtliche 'Uhren zeigten auf zwölf. Er faßte sich an seinen Kops, der übrigens ziemlich klar (war. So im Tran konnte er doch nicht gewesen sein, daß er diesmal den Wecker auf Mittag 'den richtiggehenden) gestellt haben konnte. Dieses 'geisterhafte Eingreifen in sein streng geregeltes Dasein mußte aufgeklärt werden. Da es Sonntag war, jo machte er rasch sorgfältig Toilette, um die Damen Guadenast würdevoll vor Gericht zu empfangen. > - > „Wollen Sie Schlittschuhlaufen gehen, Herr Buttertcich?" fragte Lucie keck. „Sehen Sie doch nur diesen herrlichen Wiuter- tag," Und sie drehte das elektrische Licht aus und zog die Fenster- Vorhänge im Salon Iveit auseinander, daß das weiße Licht breit hereinflntete. „Und wie frisch und »runter Sie aussehen, wie nen geboren. Es freut mich, Sie gerettet zu haben. Ist das Leben am Tage nicht viel schöner?" Otto Buttcrteich sah ein, daß er hier einem stärkeren Geiste unterlegen war, nämlich der Klugheit eines intelligenten Weibes. Es blieb ihni wohl nichts anderes übrig, als seiner Mama den Gefallen zu tun, und zu heiraten. „Dann darf ich die Damen wohl bitten, mit mir zusammen bei Kemvinski zu Mittag zu speisen, damit wir dieses Wunder würdig feiern," sagte er kurz entschlossen. „Am Tag e", betonte Lucie und sah ihn dabei ganz verwirrend an. „Natürlich, ich muß Ihnen doch einmal gründlich in die Augen schauen können." Fra» verwitwete Jngeuieur hatte so die Empfindung, als müsse sie die beiden jetzt allein lassen. Und das tat sie auch. Gott sei dank war es Heller lichter Tag. Wie rasch sich doch diese niodernen Menschen fanden, ohne viel Ansingen icnd ewige Schtvüre. Hübsch praktisch und vernünftig. Es war eine ganz verdrehte Zeit, — das hatte die aufgeweckte Lucie soeben auch mit den Uhren bewieset!. _ vermischte». kf. Der neue ö » t der Schauspielerin. 60 000 Mark iit die runde Summe, die Fräulein Bcrty, die reizende Pariser Diva, jährlich sür ihre Hüte anSgibt. Zu dieser Summe gelangt man durch eine cinlachc Rechnung. Dian vervieliacht »ämllch den Preis eines Hutes, den eine Schauspielerin, die etwas Selbstachtung hat, tragen kann, sagen wir 160 Mk., mit der Zahl der Tage im Jahre. Denn Fräulein Berti, hat eine» neuen Hut sür seden^ag, den Gott iverden läßt. „Was lür einen entzückenden Hut sie aushaben/ sagte ein galanter Verehrer eines Abends zu der Schauspielerin. 'Aber Fräulein Berty antwortete verächtlich: .Was? Dieses alte Ding? Der ist ja längst aus der Mode. Den habe ich sa schon heute morgen getragen, und jetzt tkt es 6 Uhr abends I' * Schmeichelhafter Vergleich. Madame: „Mit dieser Gans bin ich gründlich angeführt wurden: die ist alt und zäh« und sah so frisch und jung aus." — Köchin (die der Madame gerne Schmeicheleien sagt): „O, Madame, auf das Aeußere kann man nicht imnicr gehen! . . . Sie Hetzen auch bedeutend jünger aus, wie Sie in Wirklichkeit sind." * Heimweh. „Nu, Willem, was machst du sür 'n Gesicht, wie wenn es ans Sterben ginge?" <— „Ach, Aujust, ich sage dir, wich freut gar nichts mehr, ich glaube, ich muß mich wieder einmal einsperrcn lassen." * In der Kunstausstellung. Er: „Ich möchte wvhl wissen, was dieses Gemälde bedeuten soll! Der Jüngling und das Mädchen scheinen einander etwas Hübsches zu erzählen." —‘ Sie: „O, siehst du denn nicht? Er hat sie gerade gebeten, ihn zu heiraten, und sie nimmt seinen Antrag an." — Er: „Ach! Wie passend ist der Titel!" — Sie: „Wo denn? Ich sehe ihn nicht." — Er: „Nun, die Karte da unten mit dem Worte „Verlaust". * Ein teures Geschenk. „Sieh doch, Männchen, da? schöne Schlummerkissen, das ich da für 08 Psg. im Ausverkauf erstanden habe! Gefällt cs dir nicht?!" — „Ausgezeichnet/ liebe Frau! Nur solltest du eine weitere Füllung hineinstopfen und einen anderen Uebcrzug drüber machen!" * Schnell u m g e st i m m t. Gatte: „Das Gulasch kann kein Mensch essen, so verpfeffert ist es!" — Frau: „Nun, desto besser schmeckt's Bier nachher — willst du nicht heute mal wieder in deine Stammkneipe geben?" — Gatte (besänftigt): „Wenn du erlaubst, recht gern — das Gulasch schmeckt übrigens vorzüglich!" Sprachecke der Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. ' Zur Studentensprache. Jugend ha! keine Tugend, und sie erlaubt sich auch in sprachlichen Dingen manche — mau verzeihe das harte Wort! — Torheit. Die neueste Untugend der Studenten ist die, den Studenten — oder vielinehr den stud. an den Nagel zu hängen »nd sich nur »och sur. Müller, theol. Schulze, phil. Weber, med. Schreiner zu nennen. Hat'S der Schöpfer des .Ober' ihnen angetan, der de» Oberkellner ans Svarscimkeits- gründcn halbierte ? Meine» auch sie, ma» müsse de» „alten Herrn" die Däuser spare», indem man ein paar Bnchilabe» iveniger drucken läßt, als bisher? Ach, was ich mir da'ür koole! Anderswo geht'S doch z» Tür uud Fenster hinaus. — Nein, nur eine Diode ist'-, die aber natürlich wie alle Moden bald Schicke machen wird. Uiiter juris Müller und philosophiae Weber kann man sich aber ivlrklich nichts Rechtes vorstelleii. — Und >vie Hallen die Stndeiiten anderseits ai» althergebrachieii Anitsde»isch fest l Wie merkt nian in ihren Todcsaiizeigen und Ei»iadu»gei> noch immer die Herrschast des gioßen Papierenen, de? Kanzlei- gewaltigen! „lknteriertigte ersüllt hicrimt die traurige Pflicht" — so beginnt jede Todesanzeige. Selbst unsere österreichischen Brüder iverden gern zugebeii, daß das bei ihnen noch weil verbreitete „der Untersertigle" fein schönes Deutsch ist; im Reiche kommt es wohl sonst kaum »och vor, nur bei den Studenten. Und jede Anzeige geht lueitet: „ . . . von dem nin .... erlolglen Ableben .... geziemend in Kenntnis zu setzen." Wie ein Al>- kiatich einer Anzeige vor 100 Jahren I Wie Inbenb ist's da, unter de» Anzeigen so eine frische Gebnrtsai,zeige zu lcseii im (Seift der Gegenwart: „Hciite kani ein Jiinge an. Dankbar sroh zeigen wir's an."—Auch die Einladungen der stndeiilischen Perbindungeil sind so zopsig. „Zn ihrem am .... slalisindendein Stistungs'cste . . . " Wer denkt lei diesem Toniast nicht an Gelier ? „Teteml' (verhält ete m GemütesI Welche Verbindung macht ben Anfang, beherzt und frisch alte Zöpse abzuschneiden? Wülfing »mb Deinhardt (Jena). Kryptogramm. Mein Vetter ist clit Dilettant, Er nimmt die Geige gern zur Hand; Selbst Orgel spielt er gar nicht selten Und möchte gern als Künstler gelten. Doch sehlt ihm jegliche Bravour: Ein Tonkunst-Gigerl ist er iiur, Ihm sehlt die Seele, das Genie. — So lernt ihr meinen Vetter kennen. Wer kaiin mir seinen Namen nennen k Auflösung in nächster, Nummer Auslösung des magischen Dreiecks in voriger Nummert K K E T A R E N I ENG T I A Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Vertan der Rrübllchen Universitäts-Buck»- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen