Dkkizierstöchter. Roman von Paul Grabetn. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Klftlburg hatte unwillkürlich eine Bewegung gemacht, ülS ob er aufbrechen wollte. Nun blieb -er auf feinem Sessel. Aber er saß vornübergebeugt, ohne Gerda anzu- sehen, und drehte den Säbel zwischen den Handflächen. Wovon nur zu ihr sprechen? Diese Situation war ja. kaum zu ertragen. Und er griff nach irgendeinem Thema. „Haben Sie die neue Sezessron schon gesehen, gnädige Frau?" „Nein, ich war noch nicht da." „So — noch nicht — aber vielleicht die Kollektivausq stellung jetzt bei Schulte — von dem Russen, dem — wie heißt er nur gleich?" Sie verneinte wieder. „Ich bin nirgends mehr hingekommen." Und ihre Hände rollten das Heft, das sie hielten, zusammen. Eine Bewegung, in der ihre qualvolle Beklemm jmiitg einen Ausweg suchte. Hierauf wieder das drückende Schweigen und das peinliche Suchen bei ihm nach einem neuen Gesprächsstoff. Aber da setzte er plötzlich mit leisem Klirren den Säbel aus den Teppich. „Nein — ich kann nicht heucheln vor Ihnen, ich mag nicht! Gerda, nur eine Frage: Ist es wahr, wirklich wahr, daß Sie sich trennen werden von Ihrem Manne?" Und seine Augen suchten ihren Blick mit einem Aus-j druck nicht mehr zu bezwingender Spannung. Gerda Keßler erblaßte jäh. „Wer hat Ihnen das gesagt?" „Jeinand — ich darf ihn nacht nennen — ja auch ganz gleich — sagen Sie mir nur: Ist es so?" Sie saß vor ihm, ihre Hände preßten das gerollte Journalhest krampfhaft zusammen. Und dann kam ihre Antwort, aber mit einem so fremden Ton. War sie es wirklich, die das sprach? „Nein — ein leeres Gerede. An dem nichts ist — nichts!" Sie sah ihn dabei nicht an. Zhr Blick war starr geradeaus gerichtet, auf das Muster dort an der Tapete, da über dem kleinen Zierschränkchen. So fügte sie nun noch niit fester Stimme hinzu: „Und wenn Sie es wirklich freundschaftlich meinen mit mir, so treten Sie diesem Gerede entgegen — wo Sie ihm auch begegnen." Sie sagte es und schwieg. Einen Moment blieb es lautlos im Zimmer. Dann hörte sie ihn sagen: „Es soll geschehen." Eine Weile saß auch er nun, ohne zu reden. Aber sie fühlte mit eigenster Qual, was in ihm vovging. Dann sagte er wieder: „Ich weiß, was Sie wünschen, Gerda, und Sie haben recht: Sie inllssen zur Ruh' kommen — ganz zur Ruh'. Sie werden mir nicht wieder begegnen." Der Plan, mit dem er im stillen schon seit Wochen umging, wurde zum festen Entschluß in dieser Minute. Und »nn, wo er wußte, es gab kein Hoffen mehr für sie und ihn, sie war ihm endgültig verloren — nun kam ein« große, klare Ruhe über ihn, die ihn über alle kleinen Bedenken hinweghob, die ihm die Sicherheit ihr gegenüber voll wiedergab. Und er sah sie jetzt an. „Nur eins müssen Sie mir versprechen, Gerda: sollte einmal die Stunde koiümen, wo Sie einen Freund brauchen, einen treu ergebenen Freund, der nichts will als Ihr Bestes — Sie sollen wissen, Sie können auf mich zählen, was es auch sei!" Auch sie kehrte ihm das Antlitz zu. Sie fühlte, wie er es meinte. Da reichte sie ihm die Hand. ,Haben Sie Dank für Ihre Treue." Noch einmal beugte er sich über diese liebe Hand, dann richtete er sich kurz auf. „Sie wollen nun gehen?" Sie fragte es, und ihre Stimme war tonlos. Er bejahte stumm, die Lippen einen Moment fest aufeinandergepreßt. Nun griff er nach dem Helm uit» den Handschuhen auf dem Tischchen neben sich und stand auf. „Entschuldigen Sie mich bitte bei Ihrer Frau Schwester». Aber ich habe noch einen anderen Besuch zu machen." j Ein schweigendes Zustimmen bet ihr. Und sie senkt« die Lider. , „Also dann —" Es war, als schwebte ihm noch ein letztes Lebewohl auf den Lippen; aber als sie wieder aufsah, war er schon an der Tür. Nun schloß sie sich hinter ihm. Gerda war es, als müsse sie aufspringen, ihn noch einmal zurückrufen. Sie fühlte vlützlich mit hellseherischer Kraft: sie würde ihn nie Wieoersehen — nie! Aber sie regte sich nicht. Nur ihre Hände krampsten sich ineinander. * Heinz Keßler trat ans Fenster. Er schob den Vorhang beiseite und öffnete einen Flügel. Ein warmer Sonnentag. Fast schon Frühlingslust. Und tief atmete er den wü^ig- srischen Hauch ein. Das schlug von Halensee herüber, Waldlust! Und er sah plötzlich die grünen Havelberge vor sich, den Sonnenglanz auf dem dunkelblauen Wasserspiegel. Mit einer lebhaften Bewegung drehte er sich da um, ins Zimmer hinein, wo Gerda auf der Chaiselongue ruhte. Wie so oft jetzt. Sie fühlte sich immer so matt. Ihre ganz« frühere Frische war dahin. „Wie wär's, Gerda, wenn wir einmal wieder hinausführe» ins Freie? Wir sind eigentlich schon eine ganz« Ewigkeit nicht mehr draußen gewesen." 200 Me junge Frair schüttelte müde den Kopf. „Fahr du, Hein-, aber laß mich hier. Mr ist am wöhlsten, wenn ich hier still! liegen kann." Seine eben noch belebte Miene zeigte starke Enttäuschung. Langsam schloß er wieder das Fenster. Dabei sagte er: „Dann bist du gewiß auch für heute abend nicht aufgelegt. Wir hatten »ns das mal ganz nett gedacht, Frerichs und Hüttmauns —" es waren alte Bekannte von ihm •—i „mit unseren Frauen zusammen im Kaiserhof »nt Nacht zu essen, und nachher noch ein bißchen ins Kabarett zu gehen." „Nein, Heinz — sei mir nicht böse, aber ich bin wirklich Ö imstande. Denk' an neulich — ich verderbe euch allen das Vergnügen." Er erwiderte nichts. Mer in seinem Gesicht war genug »u lesen. Und sie konnte es ihm nicht verdenken. Fühlte sie doch nur zu gut, wie chm das kehlte. Er brauchte nun einmal solche Anregungen. Tie würoe ihm zu Gefallen ja auch mitgegangen sein, aber sie konnte wirklich nicht. Sie kämpfte mit aller Kraft an gegen dieses Versagen ihrer Nerven, aber vergeblich. Die körperliche Schlaffheit machte alle ihre Energie zuschanden. Aber sie wollte nicht, daß er so .darunter litt, und darum bat sie jetzt: „Heinz, komm einmal her, bitte." Er kam, aber langsam nur, immer noch Schatten auf der Stirn. Sie nahm seine Hand, als er nun bei ihr stand. „Geh doch, jetzt und auch heute abend. Ich bitte dich! »rnMch darum. Es bedrückt mich wie eine Schuld, daß ich> so gar nicht mehr mit kann und dir bloß noch wie eine Last anhänge." Er machte eine halbe Bewegung. „Ja, ja — es ist so, Heinz. Ich! weiß es wohl. Und darum tu mir den Gefallen, geh du wenigstens aus dem Haus. Ich verdenke es dir ganz gewiß nicht."« Ihr Zureden klärte seine Miene wieder auf. Er setzte sich zu ihr auf das Lager. * 1 „Wie gut du bist!" Und er strich ihr Mer die Wangen. Rückte ihr auch die Kissen zurecht, daß sie bequemer lag. Sie dankte ihm mit einem Lächeln. Wer in diesem stillen Lächeln lag all das Weh, das nie mehr stumm wurde in ihr. Und sie empfand auch die Tragik dieses Augenblicks. Da mühte er sich!, zart und gujt zu ihr zu sein; ober es! war eben ein Mühen. Er fühlte wohl, genau so wie sie selber, sie konnten einander nichts mehr Vortäuschen, mit «och so viel bester Absicht — was da einmal zerstört war, öS ging nicht mehr zu heilen. „Was bas nur sein mag mit dir?" Heinz sagte es nun. Wer mehr, um nur etwas zu sprechen. „Ich werde einmal zum Doktor schicken." „Vkein, keinen Arzt!" bat sie. Wohl hatte sie selber schon Ufanchmal gedacht, es waren da so allerlei Symptome —■ aber sie mochte nicht darMer reden. Und so fügte sie denn »u seiner Beruhigung hinzu: „Es wird schon von selber wieder werden. Laß es nur erst wieder Frühling, Sommer sein, jym Winter Hab ich manchmal, auch früher schon, solche An- Wandlungen gehabt. Mir fehlt eben die Sonne." Die sagte es nur so hin, aber er griff es' gern auf. „Ja, das mag es vielleicht fein. Wir hatten ja auch »inen geradezu abscheulichen Mnter. Immer grau und trübe." i : Gerda lächelte wieder ihr stilles Lächeln und! nickte leise. Und nun drückte sie seine Hand: „Also nutz du den ersten fchjönen Tag aus, Heinz. Fahr in den Grunewald, rasch eh' die Sonne weggeht." Da zog er die Uhr. „Allerdings, es lohnte sich noch —; auch zu Pferd. Wo ! »u doch nicht mitwillst, Wenn ich mir den Gaul gleich be-> telle — also, ich soll wirklich ?" „Ja, wirklich! Telephonier' nur sofort den Tattersall an" „Gut, io reit' ich aus!" Er küßte ihr dankb'ar die HaUd und ging davon, mit nun wieder belebter Haltung. Gerda blickte ihm nach'. Reiten — wie gern hatte sie das früher auch getan! Nun war ihr selbst das gleichgültig geworden. Gab es überhaupt noch etwas, das! ihr Freude machte? * „Du, Klaus, kommt da. nicht Kyllburg?" Und Astrid machte ihren Mann auf einen Offizier aufmerksam, der eben in den Nebensaal eingetreten war. Sie befanden sich in der „Traube", wo sie heute einmal nach allerlei Besorgungen in der Stadt ihr Mittagsmahl ein- nahmen. Klaus Petersen blickte hinüber. „Ja, du scheinst recht zu haben." „So hol' ihn doch her! Da können wir ihn ja gleich mal fragen." Ihr Gatte ging und kam in der Tat mit Kyllburg wieder. Wer es war etwas Befangenes in seinem Wesen, und er sagte bereits bei der Begrüßung: „Sie müssen mich aber gleich wieder enffchnldigen, meine gnädige Frau. Ich sagte es eben schon Ihrem Herrn Gemahl, ich wollte mich eigentlich nur nach einem Bekannten umsehen, mit dem ich hier sonst zu essen pflege. Wer heut Mutz ich gleich wieder fort." „Na, einen Moment werden Sie doch wenigstens für uns haben, nachdem Sie schon neulich so ausgertssen sind. Warten Sie nur!" Und Astrid drohte ihm scherzend. Kyllburg lächelte etwas gezwungen. „Ja, ich bedarf freilich! Ihrer Nachsicht, meine gnädige Frau. Doch ich hoffe auf einen Generalpardon." Klaus Petersen hatte dem Gast inzwischen ein Glas Wein eingeschenkt und trank ihm nun zu. Auch Astrid nippte an ihrem Römer, dann aber wandte sie sich wieder an Kyllburg: ( „Sagen Sie, ist es denn wirklich wahr? Sie wollen nach Afrika? Wir trafen vor ein paar Tagen Geheimrat Linden aus dem Kolonialamt, und der erzählte uns davon. Sie wollten hinaus." Kyllburg bejahte. Seine Züge waren wieder ernst. „Aber wie kommen Sie denn nur darauf? Zur Schutztruppe!" Er ging nur auf das letzte Wort ein. „Doch nicht zur Schutztruppe. Da hMen Sie Linden wohl nicht ganz richtig verstanden, gnädige Frau. Mein Gesuch — denn nur um ein solches handelt es ftch ja einst- weilen erst —> geht auf Uebernahmle in die Verwaltung!. Als stellbertretender Bezirkshauptmann zunächst. Doch müßte natürlich erst eine Einarbeitung beim Gouvernement vorangehen; in Dar-es-Salam vermutlich." „Also, Sic wollen wirklich raus!" staunte Astrid und wiederholte noch einmal die Frage von vorhin. „Mer wie sind Sie denn bloß daraus gekommen?" „Gott, meine gnädige Frau —" er zuckte die Achseln und sagte es so leicht hin—„wie das so geht. Ich habe mich im Grunde schon lange init dem Gedanken getragen So ganz im stillen. Es liegt ja schließlich auch nahe. Wer weiß, wie's einem mal glückt. Und so langsam die Ochsentour mitmachen, bis man dann glücklich beim Major und Bezirksofsizier landet — ich weiß nichitz da ziehe ich mt«! doch schließlich so was vor. Man kann da wirklich noch etwas leisten." > „Da haben Sie so unrecht nicht," stimmte Petersen zu. „Mer, wann geht's denn nun raus?" „Ein paar Monate wird's unter allen Umstände» wohl noch dauern. Ich habe zwar gute Empfehlungen, doch bis! das so seinen Jnstanzweg geht —" „Ja, ja," nickte Klaus, und sie sprachen noch ein paar Worte weiter darüber. Dann erhob sich Kyllburg. „Es tut mir leid, meine Herrschaften, aber, wie gesagt, nieine Zeit ist herum." „Wie schade!" Astrid rief es. „Ich hätte so gern noch Näheres von Ihnen gehört. Wissen Sie was? Kommdn Sie heute nachmittag zu Mir zum Tee. Gerda ist auch da. Di» wird es ja gleichfalls riesig interessieren." (Fortsetzung folgt.) Die Entstehung der Mhlingsschwermut. Ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Natnrgefühls. Von Dr. Paul Landau. Der Begriff der , Früblingsschwermut", einer melancholischen Stimmung, die im Frühmhr besonders heftig auftritt, ist der modernen Psychologie und Psychiatrie als eine nervös-pathologische Erscheinung bekannt. Jedoch nicht nur als ein fest umgrenzte» Krankheitsbild, sondern auch als ein allgemeines, dem gesunde» 267 «. E durchmiS nicht fremdes Gefühl zeigt sich dies Phiinomen; ist sogar zn einem wichtigen Zug in dem Frühlingsempfinden keuschen unserer Tage geworden. In den Jubel über das »erwachen der Natur, in das Glück des jungen, überall keimenden und sprießenden Lebens mischte sich eine säst unbewußt« Trübung und Dämpfung, eine schnierzlickw Sehnsucht, eine müde Dumpfheit, eine Depression, in die man sich sogar mit einer gewissen Lust vergraben und vertiefen kann; jedenfalls entwickelt sich so eine Gemütslage, die dadurch charakterisiert wird, daß für sie keine bestimmten Gründe vorhanden sind, daß sie inhaltsleer und gestaltlos, gleichsam aus dem Nuyts, emporwächst und nur in der Jahreszeit ihre seelischen Wurzeln hat. Traurige Menschen hat es freilich auch im Frühling gegeben, so lange die Welt steht. Immerhin galt es doch als etwas sonderbares und Auffälliges im deutschen Mittelalter, wenn einet im ,,wonniglichen Maien" ein trauriges Gesicht machte. Im Winter, in der freude- und lichtlosen, kalten und öden Zeit, da war das ,Greinen und Klagen am Platz, aber im Lenz? Reinmar von Zweier fragt gelegentlich solch einen Narren, der in der Maienwonne und unter der bunten Blütenpracht weint, ganz geradezu, «b er von Sinnen sei. Frühling und Freude gehören nun einmal zusammen, so wie Frühling und Liebe. Wer jedoch kein Lieb hat, der empfindet doppelt schwer sein Leid, wenn alles in der Natur von Wonne und Glück widerhallt. „Es mahnen mich die lichten Tage meiner alten sehnenden Klage", sing Meinloh von Sevelingen oder ein anderer: „O weh! daß mir bei lichten wonniglichen Tagen kein Sommer an dem Kerzen wird". Er muß die schöne Zeit ungenutzt verstreichen lassen, deshalb meint er: „Der Mat hat mannig- falte Blüte, so Hab ich Sorge mannigfalt." Diesen Gegensatz zwischen Natur und Herz, diese Qual des Entbehrenden mitten in all der Schönheit hat wohl am ergreifendsten der kaiserliche Minne- jänger Heinrich ausgedrückt in leidenschaftlichem Pathos: „Ich klage Dir, Maien, ich klage Dir, Sommerwonne, Ich klage Dir, lichte Heide breit. Ich klage Dir, Augen brechender Klee, Ich klage Dir, grüner Wald, ich klage Dir, Sonne, Ich klage Dir, Venus, sehenendes Leid, Daß mir die Liebe tut so weh!" Es ist gewiß keine Frühlingsschwermut im modernen Sinne, die zu solchen Ausbrüchen des Schmerzes im Minnegesang führt. Aber daß der Unglückliche sein Leid besonders stark fühlt, wenn die Welt, gleichsam ihm zum Hohne, ihr FesttagsNeid anlegt, hat natürlich einen Keim zu allgemeinerer Melancholie ins menschliche Herz gelegt. Selbst ohne bestimmten Anlaß zum Kummer wird in sensiblen Naturen dieser Kontrast zur Landschaft, und damit ein Gefühl des Fremd- und Verlassenseins in der so ganz anders gestimmten Welt austauchen. Wenn auch im Mittelalter sich derartig ungewisse Zwielichtstimmungeu der Seele noch nicht hervorwagten. so bringt doch das religiöse Element, das in der Lyrik, der eigentlichen Bekenntnispocsie, immer stärker sich regt, bereits eine viel schwärmerische unklarere Schwermut in das Frühlingsgesühl. Der Mai ist zwar gekommen, so trauern geistliche Lieder des 14. und 16. Jahrhunderts, und die Natur hat Freude: wo aber bleibt für die Seele der „geistliche Maien" und wo die „ewige Freude"? ÄuS der irdischen Herrlichkeit des Lenzes sehnte sich der Fromme nach dem himnilischen Paradies, in dem erst „der wahre Frühling" anbricht. Diese dunkel getragene Melodie steigern Poeten des 17. Jahrhunderts zu schiuchzenden Tränenaricn. Friedrich von Spce, der liebliche Sänger frühlingshaster Anmut, wagt bei den reizenden Natitrbildern, die seine Verse malen, nicht zu verweilen. Immer wieder richtet sich sein klagender Blick voll Verlangen auf Christus: nach ihm girrt seine Sehnsucht, wie der Tßuber nach dem „Turkeltäubelein". „Was nützet mir dann schöne Zeit, Was Schein und Glanz der Sonne? Was Bäum', gar lieblich ausgebreit'? Was Klang der klaren Brunnen? . .< Nur ich, o Jesu, bin allein Mit stetem Leid umgeben. Nur ich muß stets in Schmerzen sein> Weil nit mit Dir kann leben . . Alles jubiliert und freut sich: „Nur Pein und Qual Bei mir zumal Hat überhand genommen." Ebenso findet Angelus Silesius' „Geistliche Seelenlust" im irdischen Frühling kein Genügen und wendet sich in unbefriedigter Trauer zu jenem seligen Jenseits-Glück, das nicht den Fluch der Vergänglichkeit und des Todes auch in der höchsten Blüte in sich trägt. Die Dichter sehen nur als echter Kinder des Barocks, das so gern in einem Stilleben blühender Blumen den Totenschädel aufstellt, im erwachenden Leben schon das künftige Sterben; aus denl „Paradies der Erdenlust" droht bereit? mit hohlem Grinsen „Ter Sünde Schädelstätte". Besonders der Könlgsberger Dichterkreis ergeht sich in solch pessimistischen Betrachtungen, die über menschliche Schwachheit jammern. Tie«! und Pflanzen sind glücklich im Lenz, meint Robert Rvberthin. „Ein jedes Tier kann sattsamlich Sein Herzbegebren stillen. Der Mensch allein verwirret sich *- In wandelbare Grillen. Der Mensch, der keinen Augenblick An einem Wunsch kann klebe». Wirbt nur um einen Mörderstrick Und töd't sein eigen Leben." Solch mürrischem Gejammer, das aus einer unsreien Zeit und persönlichem Mißgeschick der arg geplagten Menschen nach dem 30jährigen Kriege hervorbrach, machte der neue Geist eines feierlichen Pathos, den Klopsdock in die Achtung einführte, mit einem Schlage ein Ende. Durch seine Hymnenhast großartige „Frühlingsfeier" entdeckt der Schöpfer des „Messias" in dem! in Gewitter und Sturm über Id'ie Erde rasenden Frühling ein ganz neues religiöses Gefühl heiligen Grauens und anbetender Verehrung, das wie Werther und Lotte Tausende mitempfanden. Seine Nachahmer suchen das Erhabene und Strenge der Früh- lingsnatur auf, und ein Uz ruft sich selbst, wenn er ins Tändelnde und Idyllische verfällt, streng zum Ernst zurück. Die sentimentale Note wird immer stärker and macht Ewald Kleists berühmten „Frühling" zu einem eher traurigen als fröhlichen Gedicht, in dem die Sehnsucht nach Frieden und Stille alle Hellen Töne dämpft und ein Seufzer nach der letzten Ruhe melancholisch am Schluß steht. Gewaltsam muß sich der schwermütige Hauptmann dazu zwingen, den Frühling mit helleren Augen anzublicken, Und er bricht dann in Berse aus, wie: „Wohin verführt Mich der Schmerz? Weicht, weicht ihr traurigen Lieder!" Die Empfindsamkeit weckt ja überhaupt grade im Frühling trübe Gedanken. Das alte Minnesinger-Gefühl von der Qual der Sehnsucht, die in der Zeit der Erfüllung und der Freude in der Natu» um so schmerzhafter ausbricht, lebt hier in einer viel innerlicheren und gesteigerten Form wieder auf. Der srllh dem Tode geweiht« Dölty ist der bezeichnendste Sänger dieser empfindsamen Frühlingsschwermut. „Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blockt Und sein schjirmmerndes Licht über den Rasen geult. Und die Nachtigall flötet, Wandle ich traurig von Busch zu Busch. Ueberhüllet von Laub, girret ein Taube,ipaar Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich, Suche dunkle Schatten auf Und die einsame Träne rinnt." „Hölty, dein Freund, der Frühling ist gekommen! Klagend irrt er im Haine, Dich zu finden," hat Lenau an seinem Grabe gesungen, und wirklich hat Hölty di» Wonne und Wehmut des Lenzes so rein ausgckostet, wie kein Dichter vor ihm. Seine Melancholie wird aus der Einsamkeit des unruhigen Blutes geboren: sie ist aber nicht etwa gegenstandslos, sondern wurzelt in einem sehneirden Liebesempstnden, wie es platter Und derber sein Haingenosse Miller, der „Sicgwart"- Tichter und eigentliche Herold der Empfindsamkeit, ausdrückt; „Mer ich wandelte traurig einher, Fühlte die Frieden des Frühlings nicht mehr> Blickte darnieder, Blumen und Lieder Waren dem liebenden Jüngling zuwider." Immer blasser und matter wird dies Gefühl her Matthik» son und den Nachfahren des Göttinger Musenalmanachs. Ausgelöst in sanfte Müdigkeit, von geheimem Sehnen die Brust er- süllt, versenkt sich die Seele in den Frühling: die Träne bebt, PhiloMele klagt. Unter schweigenden Cypressen will der Liebende mit der Gesiebten ruhen, „allein geehrt von der Freunde Tränen, bis Elysiums stille Hütten uns umpfahen." Das Empfinden ist bereits so aller wirklichen Elemente entkleidet, daß der Dichte» erstaunt fragt: ,, . . . Warum flieht mich der Natur Sanftes Gefühl? Ist »»schmackhaft jede schuldlos« Sonst gewünschte Freude? Was entbebt die Träne? Und wann fühlte Je dies geheime Sehnen die volle Brust?" Um die moderne Frühlingssehnspcht entstehen zu lassen, mußte sich aber mit diesem Ueberschwang der abklingenden Sentimentalität noch die Mystische Dumpfheit der Romantik verbinden. Das unklare Empfinden von einer heiligen Weihestimde der Natur. da nach Novalis „ein neues Reich beginnt: Der lockre Staub wird zum Gesträuch, der Baum ninimt tierische Gebärden, bah Tier soll gar zum Menschen werden," zwingt den Mensche» hinein in die Allgeivalt der Schöpfung, macht den Frühling zu einem „wunderbaren Traum von Liebe, Gegenliebe, heiligem Leben". Dieser Pantheismus umfängt die Seele mit einem unbewußten, aus nichts Bestimmtes gerichteten Trauergesühl. Eh ist nicht mehr enttäuschte Liebe oder Bewußtsein der Sündhaftigkeit und Vergänglichkeit, nicht Verlassenheit oder Sehnsucht, sondern ein völlig iithaltsleeres, ein geradezu körperliches Gefühl, 268 Wohl tuit ruerst ganz deutlich und klar ausgesprochen lvird es von dein als Dichter ganz unbedeutenden, als Goethes Freund aber noch heute fortlebmden Nikolaus Meyer, der in dem Musenalmanach von Vermehren 1803 ein Gedicht „Frühling" veröffentlichte, das beginnt: „Der Frühting ist gekonlmen Herunter zum waltenden See: Doch will mir alles nicht frommen. Es ist mir im Herzen so lveh!" Der Refrain kehrt dann immer wieder, in den lebten Strophen als beständige Frage: „O sagt mir, gaukelnd: Wellen Auf sanft sich kräuselndem See, O sagt, ihr gaukelnd:» Wellen, Warm» mir im Herzen so Iveh?" Der einst so geliebte Frühling wird ltu» den Dichtern zu einer nnsaßlichcn Qual. Das düstere Grauen, das ern Tiea und Brentano der geivaltigen Mutter Erde gegenüber empfanden, Schcllings Wehrus über den stummen Gram im Antlitz der Welt, sie gipfeln in dem Vers Justinus Kerners: „Schmerz ist der .Grundton der Natur!" Auch die Dichter, die die heitersten Frühlingslieder singen können, werden plötzlich von diesem Weh überfallen. Eichendorff muh ohne allen Grund bitterlich toeinen in der Frühiingsmondnacht und Lenau schildert „des holden Frühlings Todesstunde". Statt eines Blühens ist er ihm ein Welken: >,Doch lääzelnd stirbt der holde Lenz dahin. Sein Herzblut still verströmend, seine Rosen". Heine aber sieht in „des Frühlings trauriger Lust" eine bacchantische Raserei, eine krankhafte Verzückung, einen grausigen Wahn, der den Sinn düster verwirrt: „Ernst ist der Frühling, seine Traume Sind traurig: jede Blume schaut .Von Schmerz bewegt, es bebt geheime Wehmut im Nachtigallenlaut!" Ueberall blickt uns nun die Frühlingsschivermut mit traurigen Augen auS Gedichten und Aeusterungen der Menschen des 19 Jahrhunderts entgegen, jene vage trübe Stimmung, von der Otto Ludtvig sagt: „Ick, bin nicht froh, nicht traurig, gesund nicht Und nicht krank." Ja, sogar der Lenz selbst leidet an Frühlings- Melancholie, wenn ihn die moderne Lyrik malt, etwa in dem Gedicht Schaukals: „Frühling, wie bist du überall, Du Fremdling mit den blassen Wangew Mit Schritten ohne Widerhall In süßer Traurigkeit gegangen!" vermochte». ■— Das Salz. Die Bedeutung .des Salzes für unsere Nahrung ist heute allgemein anerkannt. Eine schmackhafte Kost kann nach dem landläufigen Urteil eines gewissen Kochsalzzusatzes ticht entraten. Und doch gibt es Völker, die dieses Würz- und Vennßmittel gar nicht kennen und es geradezu verabscheuen. Lei den unzivilisierten .Eskimos ist, so schreibt der Führer der kanadischen Nordpolexpedition Stefansson nach einem Berichte hierüber in der „Medizinischen Klinik", die Abneigung .gegen bas Salz so ausgeprägt, das der leiseste Salzgeschmack in Speisen, den wir noch gar nicht wahrnehmen könnten, diesen Leuten schon Unbehagen verursachen würde. Und hier war es, so erzählt Stefansson, wo ich den eigentlichen Wert des Salzes kennen lernte. Die Eskimos sind nämlich ungeheuerliche Fresser uird können einen als Gäste geradezu arm essen. Besonders die „Blonden Eskimos" am Coronation Golf haben mir damit arg zugesetzt. Ich machte mir daher ihren Widerwillen gegen Salz gehörig zunutze. Kam nämlich eine .Schar dieser Fresser zu mir und machte Miene, bei mir Mahlzeiten zu wollen, so hatte ich nichts weiter zu tun, als den Speisen das kleinste bißchen Salz hinzuzutun. Da schüttelten sie sich wie im Fieber und liefen davon. So wurde ich sie los, ohne direkt das Gastrecht gegen sie zu verletze». Es war höchst lustig, zu sehen, wie solch em Gast, Ivenn er das Salz schmeckte, sich plötzlich besann, daß er nach Hause müsse, wo seine Sguaw mit dem Mittagessen auf ihn warte. — Stefansson selbst lernte auf seinen Fahrten auf den Salzgcnuß ganz verzichten .Freilich ist eS nach seinen Erfahrungen mindestens ebenso schwer, .sich den Salzgenns; wie das Rauchen abzugewöhnen. Ist man allerdings erst einmal einen Monat ohne Salz ausgekonnnen, so empfindet man den drängenden Hunger danach gar nicht mehr. Ja, nesh längerer Zeit der Abgewöhnung macht man plötzlich die Entdeckung, daß Speisen weit besser schmecken, wenn sie kein Salz enthalten, und daß in Salzwasser gekochtes Fleisch einem direkt zuwider ist. * Unbedacht. Ei» Mann, der in London lebt, begegnet zufällig dem Geistlichen seines Heimatdorses und fragt ihn nach verschiedenen alten Bekannten aus. „Und der alte Mr. Jones? Haben Sie ihn kürzlich gesehen?" Der Geistliche schüttelt den Kopf. „Ich iverde ihn nie Wiedersehen," sagt er ernst, „Mr. Jones ist zum Himmel gefahren!" * Ja so! „Warum wollen Sie gehen, Minna?" „Es iS mir zuviel Arbeit, Madam, ich bin's gewohnt, daß sich die Frach mehr betätigt — aber Sie lassen sich ja bedienen, als wenn Sie früher selber Dienslbote gewesen wären." Spracheckc der Allgemeine» Deutschen rprachvereinr. ' Kosewörter. Scho» in de» geschichtliw fite uns erreichbaren ältesten Zeiteti unseres Volkstums sehen tvir, ivie an Stelle der polleu Personenname» gern tztosenamen eintrcten: man denke ctit den Westgotenbischos, der den Nanren Wtilfila inhrte, eine Kose- forni ztt dent Pollnamen mit Wulf <— Wollt, an Wulshart u. a. Rach netteren Untersttchungeti haben aüe Misere Kosesormen ihren Ursvrtmg bei dielen Eigentiattteti. Auch Gattungsnamen gewinnen so eben eltvaS den Eigennamen PertvandteS. Der Mensch ruckt sich auch getvallige Naturerscheinttngen durch derartige Sprach» sormen nnetidlich näher und verkehrt mit ihnen wie mit (eines- gleichen. So nennt der Schweizer einen mächtigen Berg ein Bergti »nb ein schweres Donnerwetter ein Wetterli, und der Ortler, der höchste Berg der österreichis den Alpen, heißt eigentlich Ortle, d. h. Spitzlet». Wir sehen bei jeder Bolkslprache eine aus« gesprochette Vorltebe für solche Kosetvörter, dt« immer etwas Trauliches, Gemütliches an sich traget!. Matt denke nur an Kosewörter wie alemannisch: Bubi, Aetth Tierli, österreichisch Dtendl, Schna ahtiost, schleiße Madel, Gänteblientel, moscllränktsch Bttem- cher, Gtckelcher, westiälisch BäckskeS, Engelkes n. a. Daher liebt« auch die deutsche BergntannSsprache Ausdrücke tote Nestlein, Klüst- letn ü. a. So nennt der Bergmann Körnchen von edlem Metall Aeuglein, eine kleine Sanduhr Sandseigerlein, eine Spreize, an der die Fahrt, d. h. die Leiter, mittels eiserner Bänder befestigt wird, Frosches, das Hans, in dent ein Bergjimge ans das Schlagen der Uhr acht geben inußle, damit rechtzetttg Schicht gemacht wurde, Horchhäuscl u. ä. Auch die bekannten Harzer .Bogethaisel' mit ihren Kanarienvögeln gehören hierher. Imme (Essen). Glückauf in die Welt! Wandervogellied von Cäsar Flaischlen. lieber die Berge mit fliegenden Fahne», flammende Sonne im blanen Gezett, jubelt der Frühling tute Glockengeläute sieghast sein Helles Glückauil in die Welt Und wir horchen und wir greisen Rock und Ranzel von der Wand, Stock und Slurmhut, Band und Schleifen» und mit Lauteu gehi's und Psetse», hollahe! ius grüne Land. Jugend des Jahres und Jugend des Leben?, srende-geflügeli und Frohmttt-geschwellt... wo ivir.hinkonuneti, da siehe» die Leute, sreusti sich und grüßen: Glückaus in die Well! Und so liegt vor uns das Leben sestlich-schöu und krait-gestinunt, und wir jauchzen ihm entgegen, und zu Sonne ivird und Segen, was es gibt und was es nimmt. Und tvemi wir selber einst seßyast geworden, die Liebste geholt und ein Hans uns bestellt, stehen auch ivir dann und grüßen die Jugend, die so vorbeiziehl: Glückaus in die Welt! Magischer Sahlenquadrat. ^ , In die Felder uebensteheuden QuadraD sollen die Ziffern 81 258 613 917 vietmal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in >eder der senkrechten, wagerechten und Diagonalreihen stets 1899 beträgt. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Logogriphs in voriger Nummert Flamme, La nt in. Redaktion: K. Neuratb. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'Ichen Universtläls-Bnch- und Steindruckerei, SR. Laug«, (Stetten,