Okkizierstöchtrr. Roman von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Mein Kind, cs mag schwer sei», aber unmöglich ist iS nicht. Ich habe so manche Frau gelaunt, die darüber hinweggcloinmeu ist." „Aber ich nicht, Mutter! Wo einmal mein Vertrauen getäuscht worden ist, so schmählich — da kann ich nicht vergessen. Verleihen vielleicht, aber nicht vergessen! Versteh' das wohl. Und was soll so etwas, so ein getttteteS „Glück", das jeden Augenblick in Scherben zu fallen droht'?' Die Mutter schüttelte den Kopf und sagte ernst: „Es hält schon, Gerda — wenn man nur den festen Willen hat." „Aber ich Hab' ihn nicht. Und will ihn nicht haben! Wie soll ich neben einem Manne hinleben, den ich nicht mehr achten kann?' Da erhob sich aukh Frau von Henning. ,,D» bist wohl noch zu aufgeregt. Wir wollen lieber einstweilen nicht mehr darüber reden. Nur das noch —> vorhin "kam dies Telegramm hier." Und sie reichte es der Tochter hin, die nun las: „Hatte wichtige Unterredung mit Heinz. Bitte nichts unternehmen, mein Kommen abivarten. Tresse heute abend »och dort ein Astrid." Gerda blickte eine Weile stumni auf das Papier. Auch sie las da allerlei zwischen den Zeilen. Doch nun reichte sie der Mutter die Depesche zurück. „Es ändert nichts an meinem Entschluß." * Astrid kam wirklich noch mit dem letzten Zuge. Sie berichtete in Anwesenheit der Mutter und Ediths — Gerda selber wollte es so — von ihrer Aussprache niit Heinz. Als sie zu Ende war, fragte Frau von Henning mit ernstem Nachdruck Gerda, die neben ihnen saß, die Hände fest ineinander verschränkt: „Run, Gerda, was sagst du hierzu?" „Ec- mag schon alles so sein, wie er sagt — an den Tatsachen ändert es nichts." „DaS weiß ich doch nicht! Freilich, !vas geschehen ist, läßt sich nicht ändern; aber wieder gutmachen läßt es sich. Und oein Mann — das muß ich anerkennen — bietet dir dazu bereitwilligst die Hand, trotz deiner Flucht. Mehr kann man eigentlich billigcrweise nicht von ihm verlangen." Und auch Astrid stimmte der Mutter bei. „Wirklich, Gerda! Es tut ihm aufrichtig leid. Es war ihm ja deutlich anzumerken. Glaub mir's, Heinz ist kein schlechter Mensch. Stur eben sehr impulsiv, im Guten wie rm Bösen — eben eine echte Künstlernatur. Aber es läßt sich schon ganz gut auskommen mit ihm. Wenn man ihn uuv richtig nimmt." So redeten sie ihr zu, nur Edith schwieg. Da stanlds Gerda endlich auf, niit einem gequälten Ausdruck. „Ihr versteht ja alle nicht, worauf es ankommt." Und sie ging aus dem Zimmer. Schweigend folgte ihr Edith nach. Am anderen Morgen fand sich Astrid schon früh wieder bei der Schwester ein. Sie setzte sich zu Geicha auf den Bettrand. In herzlicher Weise sprach sie nock) einmal auf sie ei», daß sie heute alles ruhiger anseheu möchte. Da nahm Gerda ihre Hand. „Ich danke dir, Astrid. Du meinst es so gut, hast dich so bemüht um mich — aber du siehst den Hauptpunkt nicht. Gewiß, ich könnte Heinz verzeihen; ich bin ja nicht klein« lich. Obgleich ich nie ganz darüber hinwegkäme, daß er so schwach gewesen ist. Aber was wäre damit geholfen? Gerad« das, was .Heinz dir da offenbart hat, es zeigt ja so klaü und deutlich den unheilbaren Riß zwischen uns. Das, was ich von ihm innerlich erhosft habe, das wird er mir immer schuldig bleiben. Und das wieder, was er von mir verürngt, das kann ich ihm nun einmal nicht geben. Also würde er nie in Wahrheil zufrieden sein mit inir, und dieses Ent« bohren würde ihn über kurz oder lang wieder den Weg führen, den er jetzt gegangen ist. Was sollen wir aber das alles noch einmal durchmachen? Ist es denn nicht besser i lieber jetzt schon das, was doch kommen muß?' „Gerda, du bist unbarmherzig, gegen dich und Heinz. Das ist ja zum Erschrecken!" „Nicht uulmrmherzig — nur klar." Da gab Astrid es auf, ihr beizukommen. Sehr traurig ging sie wieder. Gegen Abend kam der Oberstleutnant von seinem Jagd- ausflug zurück. Frau von Henning empfing ihn zunächst allein und bereitete ihn aus alles vor. Möglichst vorsichtig. Aber dennoch geriet er in große Erregung und verlang«« Gerda sofort zu sprechen. „Das sind ja nette Geschichten!" empfing er die Tochter, als sie nun bei ihm eintrit. Er war noch im Jagdanzug, wie er gekommen war. „Tein Mann ist ja —" Doch er besann sich und bohrte nur die Fäuste in die Taschen seiner Lodenjoppe. Dann sah er Gerda an, zornig und streng: „Aber auch du — einfach daoonzulaufen! Dos hätte ich nicht erwartet von dir!" „Vater — ich hatte sonst niemand, wo ich Schutz suchen konnte." Ihr Blick stimmte ihn milder. „Nun, war es denn überhaupt so unbedingt nötig, daß du Dritte in die Sache hincinzogst? Solche Angelegenheiten — wenn sie eben schon einmal Vorkommen — werden am besten zwischen Mann und Frau allem abgemacht." „Da hast du recht, Vater. Solange es eben noch etwas zu hoffen gibt." 258 Der Oberstleutnant stutzte. „Was soll denn das heißen? Wie ich von Mama hörte, ist dein Mann bereit, alles wieder gutzumachen?" „Das ivohl, aber hier geht nichts wieder gutzumachen." „Wie?" „Nein, Vater. Unsere Ehe ist zerstört von Grund ans — jeder Versuch, sic wieder anfznbauen, würde hoffnungslos scheitern." „Unsinn! DaS sind Redensarten — Uebertreibungen." Als er das blasse Gesicht der Tochter sah, räusperte er sich gewaltsam. „Ich meine du mußt dir die Sache nun nicht gar zu sehr zu Herzen nehmen. Ihr Frauen mögt ja so was natürlich schwerer verwinden. Aber schließlich — ps Mßt sich wohl darüber wegkommen." „Es ist ja nicht das," und Gerda sagte dem Vater, was sie heute morgen der Schwester erklärt hatte: Heinz und sie waren zu verschiedene Naturen — da klaffte der Riß, der unheilbar war. Und so schloß sie: „Siehst du, Vater r—- das ist es. Und darum ist jeder Versuch aussichtslos. Wir finden uns nicht mehr zueinander." Nun wurde Joachim von Henning still, und danni sagt« er: „Hm, das ist ja freilich sehr traurig — meine arme Tochter! Daß es so steht, so — das hätte ich trotz allem nicht geglaubt. Wenn auch die äußeren Verhältnisse dir viel Dimmer brachten, ich hatte wenigstens immer ge-j glaubt, daß es sonst bei euch stimmt. Mer nun auch das noch — I" Und er senkte tiesbekümmert seinen Kopf. Da trat Gerda näher zu ihm. „Nicht wahr, nun verstehst du es, Vater, daß ich nicht wieder zurückkehren kann zu meinem Manne?" „Scheidung? — Nein!" Der Oberstleutnant hob entschlossen wieder den Kopf und griff nun nach Gerdas! Händen. „Mpin armes Kind, ich hätte dir ja einmal ein anderes Los gewünscht — daß auch du nun das kennen lernen mußt!" Es klang wie ein eigener alter Schmerz aus seiner Stimme, und mitleidsvoll drückten seine großen, schweren Hände ihre zarten Finger. „Aber was hilst's? So ist nun einmal das Leben. Wir müssen hinnehmen, was uns das Schicksal bringt, ohne Murren. Auch du, meine Tochter, mußt das nun lernen." Da zuckten ihre Hände, die er noch immer hielt, erschrocken auf. „Wie? Ich soll weiter so leben mit ihm?" Joachim von Henning nickte nur ernst. „Aber das ist ja unmöglich!" „Warum unmöglich?" „Ich liebe ihn nicht mehr! Ich —" Sie konnte es vor dem Vater ja nicht aussprechen, nicht enthüllen, das verzweiflungsvolle Aufbüunien ihrer Frauenscham: eine eheliche Gemeinschaft ohne Liebe — war denn das nicht das Furchtbarste? Einfach —? Sie mochte das entsetzliche Wort gar nicht ausdenken. Mer der Oberstleutnant umspannte ihre fiebernden Hände, die sich ihm entwinden wollten, mit-festem Druck. „Es ist nicht leicht, Gerda, ich weiß es wohl. Aber was Tausende von Frauen vor dir gekonnt haben und nach dir können werden, auch du wirst es können." „Nein — ich kann nicht!" Wie ein irrer Aufschrei klang das. Da sah ihr der Vater mit tiefem Ernst ins Gesicht. „Sagt das m e i n e Tochter?" Ohne zu antworten starrte sie an ihm vorbei, mit einem Ausdruck völliger Verzweiflung. „Gerda —" sehr eindringlich sagte es der Oberstleutnant — „daß du dich so getäuscht hast in dir und deinem Manne, das ist ein schweres Unglück. Ich gäbe was darum, könnte ich's ungeschehen machen! Aber es ist nun einmal geschehen, du hast dem Mann, den du dir gewählt hast, vor Gott und den Menschen Treue gelobt, du mußt sie ihm nun auch wüten." Sie machte unwillkürlich eine Bewegung, doch nur noch matt. „Ich weiß wohl, man denkt heutzutage vielfach anders arüber. Die Eben werden gelöst, wie sie geschlossen wer- rn — leichtfertig, ohne sittliche Verantwortung. Aber, soll ich das auch an meinem eigenen Kinde erleben?" Er suchte die Antwort in ihren Augen. Doch sie wichen ihm aus. Da gab er plötzlich ihre Hände frei. „Dann — wärst du meine Tochter nicht mehr. Also wähle!" Keine Regung an Gerda, aber der letzte Blntstrovfen war aus ihren Wangen gewichen. Schwer lastend stand so das Schweigen zwischen ihnen. Dem großen Manne ward die Stirne feucht. Er tastete mit unsicheren Händen an seiner Jagdjoppe herum, fand endlich das Taschentuch und fuhr sich damit an die Schläfe: „Gerda —" und in der sonst so festen Stimme war ein leises Zittern — „du weißt, ich habe dir damals aufs ernsteste abgeraten, als du mir von deiner Wahl sprachst. Ich habe ja alles kommen sehen. Aber heute — heute sage ich dir hier, au dieser selben Stelle: dein Platz ist neben deinem Manne! Du hast es so gewollt, nun mußt du auch ausharren. Hätte ich einen Sohn, und es wäre Krieg, er stände vor dem Feinde, irgendwo auf einem verlorenen Posten — Gerda, müßt' ich ihm nicht zurufen: Halt aus, mein Sohn, bis zum letzten! Die Pflicht über alles. Und du, Gerda — bist ineine Tochter1" Da ging es wie ein Erschüttern durch ihre Gestalt. 'Noch immer starrten ihre Augen so vor sich hin, ins Weite. Aber es trat jetzt in sie ein Ausdruck, als sähen sie da hinten in der Ferne langsam etwas versinken. Etwas, das ihr letztes Hassen gewesen war. Und nun wandte sie den Kopf dem Oberstleutnant zu, „Sei ohne Sorge, Vater — au'ch ich werde meine Pflicht tun." „Mein Kind, mein tapferes Kind!" Er schloß sie tiefbewegt in seine Arme. Gerda ließ es geschehen, aber in ihr brannte es. Run schickte sie der eigene Vater, bei dem sie Schutz gesucht, wieder von sich zurück in die Gefangenschaft. Die Gefangenschaft, aus der es kein Entrinnen mehr gab — bis zum Ende. Der Oberstleutnant hatte noch immer seine Arme um ihre Schultern liegen. So fragte er: „Also ich kann deinem Manne dann telegraphieren: du kämst zurück. Und wann?"" Ihre Brust hob sich schwer. Dann sagte sie: „Gleich — morgen. Denn heut ist es ja wohl schon zu spät." „Recht so, mein Kind. Nur tapfer weiter so!" Gerda erwiderte nichts. Aber als sie dann mit dem Vater zu den anderen hinüberging, da stand ein müder, weher Zug in ihrem Antlitz. Der wich nun nicht mehr von dort. * , In aller Frühe des nächsten Tages brach Gerda schon auf. Sie machte den Abschied von den Ihren so kurz wie ncöglich. Auch der Oberstleutnant sorgte dafür, daß keine Sentimentalität auskam. Er lieble das nicht. Aber dennoch hatte Gerda ein seltsames Gefühl, als sie nun das Haus verließ. So dunkel und bang, als wäre es das letztemal -6 als würde sic das alles nie Wiedersehen. Sie kämpfte tapfer dagegen an. Ja, als sie jetzt, vors Haus tretend, den wohlbekannten Krümperwagen sab, der sie so manch liebes Mal frliher befördert hatte, da ries sie sogar mit einem schwachen Versuch, zu scherzen, zu Mutter und Schwester an der Haustür zurück: „Wahrhaftig immer noch die Rammsnase und die alte Walküre! Die feiern! nächstens wohl ihr sünfundzwanzigjährigcs Dienstjubiläum?" Aber als dann, schon am Wagen, noch einmal des Vaters brauner Hühnerhund, der Wodan, zu ihr kam und. sie mit leisem Wedeln ansah, da fühlte sic plötzlich etwas! heiß in ihr aufsteigen. Rasch schwang sie sich hinauf und verbarg sich in dem Wagen, dessen Vorhänge hcruntergelassen waren, tief in der Ecke. Fest preßte sie die Lider auf die brennenden Augen. So sah sie nicht, wie hinter dem Fenster seines Arbeits-- zimmers der Vater ihr nachblickte beim Abfahrcn, und noch stehen blieb, lange, mit tiefgcsenktem Kopse, als der Wagen schon längst verschwunden loar. (Fortsetzung folgt.) 3m vogelsberg. Von T h. C e l l a r i u s. (Fortsetzung.) Abcrglailbc» im Vogclsbcrg. Der G e s a n! In denr Dorf an der Nidder lebte in der ersten Halste der sechziger Jahre noch der alte Schwcinchirte, der den Aerzte» 26 Ö — tn9 Handwerk pfuschte, indem er sich bemühte, die Leute auf eine besondere Art zu kurieren, nämlich ohne die Anwendung rgend eines der Materie ungehörigen Heilmittels — nur durch den.Geist. Er besprach oder beschwor jegliches Uebel durch eine Zauber- ormel, die er einst als freies Geschenk von einem älteren Be- chwörer überkommen hatte. Wer im Besitz einer solchen Formel war, durste sie nur an einen einzigen Menschen, ein Sonntagskind, wcitergeben, sonst wäre ihre Kraft gebrochen worden, und ohne Entgelt zu verlangen, mußte er damit gegen die Leiden von Mensch und Tier zu Felde ziehen. Wenn jemand an einem hartnäckigen Uebel litt, bekam .er den Rat/ es sich vom Hirten besprechen zu lassen; und die Bauersleute hatten einen starken Glauben an die Wirkung seines „Gcsans" und gaben ihm, nachdem sie desselben teilhaftig geworden waren, freiwillig, je nach Vermögen, etwas aus der Räucherkammer oder Milch, Butter und dergleichen mehr, was der arme Hirte auch annehmen durste, ohne die Kraft seiner Formel zu gefährden. Allein, mit derselben .Bereitwilligkeit wie die Reichen behandelte er auch die Armen, von welchen er wußte, daß sie ihni nichts geben konnten. Da trug cs sich in tieser Winterszeit zu, daß Emma, des Pfarrers älteste Tochter, sich den Fuß verstauchte und sich infolgedessen lange sehr ruhig halten mußte. Das war eine um so schwerere Geduldsprobe für das zwar erwachsene, aber noch blut- lunge Mädchen, weil darin auch der Verzicht auf alle Winter- freudcn lag: sowohl auf diejenigen, zu welchen es seine jüngeren Geschwister fast täglich mit kleine» Handschlitten auszichen sah, als auch auf die Wanderungen über den Schnee, aus welchem Millionen Sternlein funkelten, und durch die bereisten Wälder. Eis und Schnee hatte zu jener Zeit dem Bogelsberg noch jeder Winter in Hülle und Fülle gebracht! Das hatte dazu gehört, wie die Sonnenglut, unter welcher die Bauersleute ihre Felder und Wiesen abernteten, zum Sommer. Als Emmas Stillcsitzen und -liegen in der winterlichen Dorseinsamkeit schon lange gedauert hatte und ihr Fuß trotz ärztlicher Behandlung immer noch nicht besser werden wollte, sagte des Schweinehirten Weib, das als Mutter eines Sohnes, der Knecht im Pfarrhof tvar, zuweilen dort vorsprach, zur Psarr- Magd: „Wenn euer Fräulein, anstatt de Dokter zu brauche, mein Mann hält' rufe lasse, kennt se schon läng wieder Hippe Un springe." Das war auch die Ansicht der Pfarrmagd, welche sie Emma nicht verhehlte: und diese beschloß, sich Bet nächster Gelegenheit den Hirten kommen zu lassen und zwar einesteils, weil sie sich einen Spaß davon versprach, anderseits um den Beweis von der Wirkungslosigkeit des Besprechens zu erbringen und damit gegen den Merglauben ihrer Dorfgenossen zu Felde zu ziehen. Die Spukgeschichten, die sie von klein auf in den Bauernstuben erlauscht hatte, waren zwar nicht ohne Wirkung aut ihre Phantasie geblieben, so daß sie sich als Kind auf nächtlichen Wegen durch Wald und Heide dicht an den Vater angeschmiegt hatte, in der Furcht, besonders an den als „Wanerwegen" verrufenen Stellen, zwischen Büschen, Felsen und knorrigen Bäumen einen der Unholden auftauchen zu sehen, von welchen sic gehört hatte. Beim hellen Licht des Tages erschien bereu Existenz ihr allerdings grade so fragwürdig wie die der Märchengestalten pus ihren Büchern! Und jetzt, als erwachsenes Mädchen, fiel es ihr nicht mehr ein, an das bis ins Wunderbare gesteigerte Können einzelner Personen — fei es im guten oder bösen — zu glauben und dies um so weniger, als sie von den Einwirkungen der Hypnose noch nichts wußte. Dazu kam, daß sie, was das Besprechen anlangt, schon ihre Erfahrung geniacht hatte, als sie noch ein kleines Mädchen und bei den Großeltern zu Besuch war. Damals waren ihre Hände durch viele Warzen verunstaltet gewesen und ihre jugendliche Tante hatte sie zu einer Frau geführt, die in dem Rus stand, durch eine Besprechung von allerlei Gebrechen befreien zu können. Diese hatte dann auch ihr möglichstes getan. Um die Warzen durch das Murnieln ihrer Zauberformel, durch Streichen und Bespeien der damit bedeckten Däiche zum Abgang zu bewegen. Das letztere war der Kleinen sehr unangenehm gewesen, allein die Warzen hatte es keineswegs geniert.' Die waren geblieben, bis sic durch eine vom Freund und Hausarzt der Großeltern ver- ordnete Kur vertrieben wurden. Er hatte zu ihr gesagt: „Wenn am Abend in der Gesindestube das Licht brennt — es war ein Oellicht ohne Zylinder, wie sie damals in Küchen, Gesinde- und Bauernstuben allgemein im Gebrauch tvaren — „tauche einen kleinen Draht in das Oel und mache ihn am Licht heiß. Damit tupfe auf der Warze herum, bis du einen leisen Stich spürst: und so mache es an jedem Abend mit jeder Warze. Du wirst fehen, das halten sie nicht lauge aus!" Nach gewissenhafter Befolgung dieses Rates war Emma auch bald die Warzenplagc los geworden. Und nun schickte sie sich an, des alten Hirten Können auf, die Probe zu stellen. Lln einem schönen Wintermorgen, als die Eltern über Land gegangen waren, ließ sie ihn durch seinen Sohn holen. Das war nicht in der Ordnmig! Denn wenn auch ihre Eltern mit ihm, als dem Hüter des Borstenviehes, in geschäftlicher Verbindung Händen, und wenn er auch, so ost ein Schwein geschlachtet worden war, das Recht hatte, zu konttnen, um sich eine Wurstsuppe, einen Fuß des während des Sommers von chm gehüteten Tieres Und eine Wurst zu holen, so gehörte er doch in seiner Eigen- schast als Wunderdoktor licht ins Pfarrhaus. Allein, indenl es sich hier unr eine wahre Begebenheit handelt, müsfen die dabet beteiligten Menschen erscheinen, wie sie waren, und nicht wie sie hätten sein sollen. Zu Emmas einziger Entschuldigung mag dienen, daß nian zu jener Zeit in allen auf das religiöse Gebiet Übergreisenden Dingen — wozu auch das Besprechen von Gebresten bei Mensch und Tier gehörte — viel harmloser war als später. Der uralt« Streit für oder wider den Glauben an Gottes Dasein — der durch L. A. Feuerbach und I. D. Strauß neu angefacht, die führenden Geister erregte und nach und nach dazu führte, daß viele Menschen sich dem Materialismus zuwandten, während andere sich um so bewußter dem Gottsuchen und -glauben Hingaben — hatte damals die breiten Volksschichten iwch nicht so stark durchdrungen, wie es in den folgenden Jahrzehnten geschah und am wenigsten in weltfernen Gegenden. Der Christenglauben galt hier noch im allgemeinen als das Feststehende. In ihm fanden auch noch im allgemeinen als das Feststehende. In ihm fanden auch die Vogelsberger Halt und Trost für Leben und Sterben. Aber daneben trieb der Aberglauben: Der aus dem Urgrund der Menschheit erwachsene Baum, an dessen Zweigen nicht sowohl die schlimmen Früchte der Hexenverfolgungen gereist waren als auch tiefsinnige Mären und Sagen, immer noch seine Blüten. Jedoch, indem Glaube und Aberglauben, ohne die Gewissen zu beunruhigen, nebeneinander bestanden, ließen es auch die Seelsorger der Gemeinden — ohne allzuviel gegen den letzteren zu eifern — bestehen, wohl wissend, daß di« Ausrottung kindisch phantastischer Vorstellungen über den Zusammenhang der sinnlichen Welt mit der übersinnlichen —. die besonders in entlegenen Gegenden — sei es in Gebirgen oder auf 'Inseln im Meer — noch tief im Volksgemüt steckten —, nicht die Sache einzelner Personen, sondern ganzer Zeitperioden sein würde. Und nun noch einmal zurück in das Pfarrhaus, in welchem der alte Hirte erschien, um im guten Glauben an die Heilkraft seiner Besprechung ein Verfahren zu beginnen, das die genaue Wiederholung des bereits beschriebenen war. Wenn ein großer Maler mit cingetreten wäre, könnte man vielleicht in irgend einer Gemäldegalerie ein Genrebild finden, das folgende Szene darstellt: Inmitten eines einfachen Zimmers sitzt ein junges Mädchen, das seinen Fuß einem vor ihm knieenden, alten Mann hinhält, in dessen Acußerem der Kamps mit Wind und Wetter unter einem rauhen Klima seine Spuren hinterlassen hat, und der in seiner grotesken Häßlichkeit einen malerischen Gegensatz zu des Mägdleins blühender Jugend bildet. So wie sich der Blick des Alten fest auf den leidenden Fuh richtet, scheinen cs auch seine Gedanken zu tun, und seine rechte Hand hält er erhoben, uni ini nächsten Augenblick den Fuß heilkräftig zu berühren. Fünf Kinder, Buben und Mädchen in verschiedenen Mters- stufen. Umstehen die beiden Hauptpersonen und schauen dem eigenartigen Borgang gespannt und doch mit ganz verschiedenarttgem Ausdruck in den jungen Gesichtern zu: die beiden größten Knaben schon mit überlegenem Spott: das kleinste Mädchen bange Ml eines der älteren Geschwister angeschmiegt. Als der Wunderdoktor gegangen war, badete Emma ihren Fuß Und entfernte damit die äußeren Spuren der erlittenen Behandlung. Es ist ungewiß, ob darin die Ursache zu suchen ist, daß auch dieser Gesan wirkungslos an ihr abprallte, oder ob es einen tiefer liegenden Grund hatte! Des Schweinehirten Weib nahm das letztere an, als es zur Pfarrmagd sagte: „Euer Fräulein hat keinen Glauben an den Gesan gehabt, sonst hatte ihr Fuß nach drei Tagen besser werden müssen! Wer den Glauben nicht hat, dem ist nicht zu helfen!" wie Veracruz genommen wurde. Erst jetzt bringt der Kabel aus dem so schnell von den Amerikanern überwälttgten Veracruz die genaueren Einzelbeiten der Umstände, unter denen Onkel Sams Marinesoldaten die Stadt besetzten und nicht ohne Blutvergießen an die Stelle der mexikanischen Trikolore das Sternenbanner setzten. Noch am Morgen des entscheidenden Dienstags wußte Veracruz nichts von dem Schicksal, das ihm bevorstand. Aber eine dumpfe Ahnung nahender schwerer Ereignisse lag über der Stadt, und die vielen Leute die von der Hasenseite aus die amerikanischen Schifse beobachteten, verfolgten mit einer Mischung naiver Neugier Und banger Ungewißheit den Verkehr zwischen der Flotte und dem amerikanischen Konsulat. Noch wußte die Menge nichts davon, daß Admiral Fletcher entschlossen war, die Verhängung der Blockade mit der Besetzung des Zollamtes zu eröffnen, und daß im Aufträge des Admirals der amerikanische Konsul den Militärkommandanten General Maas und den Bürgermeister Diaz aufgesordert hatte, „im Namen der Humanität" — unter Androhung eines Bombardements — die Stadt zu übergeben. Träge schien der Vormittag verstreichen zu wollen. Und aus der kleinen Insel San Juan d'Ulloa Ivogten die Kronen der Kokospalmen 260 L- fut Morgenwinde. Wrd'S etwas geben? Was führen die Yankees, die „GrirrgoS" im Schilde? Schon droht« der Eifer der Schwäher am Strande zu erlahmen, als plötzlich, ohne Warnung, ohne Uebergang, das Bild sich veränderte und die lässige Neugier zur höchsten Spannung wandelte. Es war 11 Uhr, als jäh von der Seite des Transportschifses > Prairie" ein Dutzend bemannter Boote hervorschoß und im Tageslichte Gewehrläufe blitzten. Die kleinen Fahrzeuge nahmen sofort ihren Kurs aus die Landungsbrücke, wo die mexikanischen Zuschauer sich drängten und noch immer nicht an den Ernst der Situation glauben wollten. Als die Boote anlegten und die 250 Amerikaner, nicht ohne Aufwendmrg turnerischer Anstrengungen, ans Land sprangen, tönte ihnen ans der Bolks- rnrngc heiteres Gelächter entgegen: man amüsierte sich köstlich über die Springerkünste der neuen Gäste. Aber schnell sollte diese harmlos behagliche Stimutunq enden. Noch war kein Widerstand erfolgt, noch war kein Schuß gefallen: jetzt aber sah man auf den Dächern der Hau: er an der Wasserfronl Metall anfblitzen, sah über den Mauern und zwischen Fensterrahmen ciuzeltre Ge- wrhrläuse auftauchen, und als die Amerikaner sich in Richtung auf das Zollhaus in Bewegung setzten, ward aus der Operetten- strmmung jäh Ernst. Nach den ersten Schritten blitzte es an einem Häuserdache auf, dann an drei, vier anderen Stellen, und einen Augenblick später war das Schießen allgemein geworden. Die Amerikaner antworteten sofort: und wenige Sekunden später fiel der Baß der Kanonen ein. Als nran sah, daß Widerstand geleistet werden sollte, begann die „Prairie" zu feuern, um die Mexikaner, Soldaten wie bewaffnete Bürger, zu verscheuchen. Aber es war Umsonst: die Landungstruppen muhten zum schnellen Angriff schreiten. Noch war nieinand gefallen. Dann sah man zwei Amerikaner getroffen niedersinke», die Erregung unter den Gelandeten flammte auf, Und im nächsten Augenblick stürmten die Truppen vor. Fünf Mirmten später waren die Dächer der Nächstliegenden Häuser gesäubert, die Schützen mit dem Bajonett zum Schwelgen gebracht, die ersten Menschenopfer dieses „friedlichen Krieges" gefallen. Ein paar mit der Waffe in der Hand überwältigte Bürger wurden als Gefangene aügciührt: und nun erfolgte owre weiteren Zwischenfall die Besetzung des Zollhauses. Fast güte Beamten hatten bereits die Flucht ergr s en. Inzwischen waren an anderen Stellen weitere Matrosen gelandet: und als die Mittagsstunde schlug, waren nicht nur das Zollamt, sonder» auch das Postamt, der Bahnhof, das Rathairs und alle wichtigen Gebäude an der Hasenseite in de» Händen der Amerikaner. Dres war der Augenblick, in dem der einzige Versuch eines organisierten Widerstandes einsetztc. Man sah Bauden von Mexikanern in westlicher Richtung die Stadt verlassen: und wenige Minmen später war ihre Absicht ossenkundig geworden. Es war der Versuch eines Umgehungsmanövers, um die ainerikanischcn Truppen im Bahnhofsgebäude abzuschueiden. Bon der Flotte aus ward die Bewegung rechtzeitig beobachtet, und nun säten die Geschütze der „Prairie" Tod und Verderben in die kleine Schar. Es währte nur wenige Minuten, dann war die Truppe ausgelöst und der einzige Versuch eines einheitlichen militärischen Widerstandes erledigt. Aber das Schiehen von den Häuserdächern schwieg darum noch nicht. Es waren nicht nur Bürger, die hier in patriotischer Hitze mit dem Schießprügel hantierten: am Tage vorher waren mit der Bahn aus dem Inneren allerlei abenteuerliche Elemente eingetrosscn, die im Falle eines aincrikanischen Uebcrsalles ein svenig Lorbeer ernten und wohl noch mehr im Trüben fischen wollten. Bon den Stadtteilen aus, die von de» Eroberern noch nicht besetzt waren, ünterhiclten sie ein lebhaftes aber'schlecht- gezieltes Feuer aus die Matrosen, Ivo immer ein Trupv auftauchte. ES war umsonst, daß der amerikanische Admiral einen Parlamentär mit weißer Flagge sandte, um die Stadtbehörde trufznsovdenr, für die Einstellung dieser Schieherei zu sorgen, widrigenfalls man Veracruz mit den schweren Schisssgeschützen boinbardieren werde. Der General Maas war bereits verschwun- n, der Bürgermeister außerstande, etwas zu tun, und so begann nn das Bombardement. Vom Hafen aus sandten die Schisse ngs der Straßen ihre Geschosse, einzelne Gebäude, von denen aus besonder? fleihig geschossen wurde, wurden unter Granat- feuer genommen, und bald war Ruhe geschaffen. Tie Hafenfront der Stadt bietet nun freilich einen wüsten Anblick, denn viele Gebäude haben hier unter dem Geschützsencr mehr oder nnndcr schwer leiden müssen. Als am nächsten Morgen aus den noch unbesetzten Stadtteilen wiederum Gewehrschüsse freien, wurde mit Hilfe von gelandeten Verstärkungen — gegen 3ü0G Mann — die ganze Stadt besetzt und alle Dächer abgesucht. Gegen 300 Gefangene führte nran ab, in Baracken und z. T. an Bord der amerikanischen Schiffe. Als am nächsten Tage die ganze Stadt in amerikanischen Händen >oar, war von mexikanischer Seite nicht bin einziger Kanonenschuß gefalle a. Vermischte«. * Lin Menschenleben in Zahlen. Einen eigenartig«, Einfall hat ein Mann, der soeben in einer Stadt des westlichen Frankreich. im Alter von 77 Jahren gestorben ist, mit eherner Konsequent sein ganzes Leben lang durchgeiührt. Mit 18 Jahren begann er auf Heller und Pfennig alle Ausgaben aniznschreiben, di» er für seines Leibes Notdnrsl und Nahrung machen mn&te, und er hat über ein halbes Jahrhundert Zahl an Zahl gereiht und als gründlicher Statistiker Iristcinatisch geordnet. Tie Ergebnisse, die der Ganlois ,nitteilt, sind recht interessant. Während der 58 Jahre hat er 628713 Zigarren geraucht, vo» denen ihm 41692 von Freunden geschenkt wurden; für die übrigen 585621 hat er nicht weniger als 36895 Fr. 33 E. nnsgeqeben. Gewiß eine ganz statilichc Leistinrgl In derselben Zeit hat er sich 86 Paar Hosen machen lassen oder neu gekauft und dafür 2314 Fr. 25 E bezahlt; 75 Jaketts und Westen haben ihn 3954 Fr. qekostcl, 63 Paar Stiesel 1653 Fr. 75 C. Ter Wackere hat 366 Hemden und .Vorhenrden" gebraucht und 354 Stehkragen, die ihn 1329 Fr. 25 E gekostet hatten. Für Omnibus »nd Straßenbahnen hat er 2324 Fr 50 E. notiert. Rach seine»! Ausgabenbuch hat er in 15 Jahren 28875 Glas Bier, darunter 2344 Halbe getrunken, und für leses Bier wie für 46363 Schnäpse trat er 27640 Fr. zahle» müsse», und dazu 3234 Fr. Trinkgelder. B. — Englische „Strafporto marke n". Eine neue Gabe beschert der englische Generalpostnrcister den Briefmarkensammlern. Bisher wurde in England Nachporto oder „Strafporto" — der Name ist ja nicht unberechtigt, da der Empfänger nicht etwa allxin das fehlende Porto, sondern das Doppelte entrichten muß, also gleichsam für die Unachtsamkeit des Absenders „bestraft" wird — nicht anders wie in Deutschland erhoben: ein Blaustiftschnörkel aus dem ungenügend frankierten Brief mußte als Quittung für das entrichtete Mehrporto genügen. Dem.Beispiel Frankreichs und der Vereinigten Staaten folgend gibt die englische Postverwaltung nunmehr regelrechte Nachportornarken heraus; sie werden von der Post auf die ungenügend frankierten Sendungen: ausgeklebt und der Enipfänger wird fortan, wenn er Markcnfreund ist, wenigstens eine Entschädigung sür das unliebsame Nachzahlen von Porto haben . Di« neuen Marken, sind von G. W. Eve entworfen urrd unterscheiden sich von allen anderen britischen Marken dadurch, daß sie kein Herrscherporträt tragen. Statt des Bildnisses des Königs Georg zeigen die Marken einen Wappcnschmuck, in dem die Rose, die Distel und das Kleeblatt anftauchen, die Wahrzeichen Englands, Schottlands und Irlands. Dabei tragen sie keine Landesbezeichnung. Zur Ausgabe gelangen einstweilen V» d, 1 d, 2 d und öd Marken. Bücherüsch. — Neuerscheinungen der Universal-Biblio- thek. Nr. 5661. 5662. Uefccr das Dirigieren. — Bert ch t über eine in München zu errichtende deutsche Musikschule. Von R. Wagner. Herausg. u. eingel. von G. R. Kruse. In Lewen 80 Psg. — Nr. 5663. Rösickcs Geist von Georg Hirsdifeld. Komödie üt drei Aufzügen. — Nr. 5664. Litixuspflänzchen und andere Novellen. Von Emma Haushofer-Merk. Inhalt: Lnxuspslänzchen. Bergwcg. Liebhabcr- theatcr. Ein Weihnachtsabend. — Nr. 5665. Vier Schwänke. Von Earl von Zeska. Inhalt: Graf Ladislaus. Original-Sketch in einem Auszug. Fritzcheu Lux und Komvanie. Schivank in einem Auszug. Samuel Pech. Detektiv-Sketch in einem Auszug. Aber Anna! Original-Sketch in einem Auszug. — Nr. 5666—5670. Mhdame Bovarh. Bon Gust Flauheit. Aus d. Franzöf. übers, v. Hcdda Eulenberg. In Leinen 1,50 Mark. ttreuzrätsel. I» die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben c c, e e e e eeeeee, hh, i _____ i i i, k k, 1 1 1 1, m m m, n n, _ _ c o, p p, r r r, g s s, t t 11, u n derart einzntragen, daß di« --senkrechten und wagerechten J Reihen gleichlautend folgende» ergeben: 1. Geschenk der Erde. 2. Ei» Längenmaß. 3. Deutsches Land. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung deS Logogrrvbs in voriger Nummer: Wand, Wind. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Vertag der Bruhl'schen UnioersitälS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,