Dkfisierstöchter. Roman von Paul Gr ab ein. (Nachdruck verboten.) g, (Fortsetzung.) Die Schwester brachte eine große Neuigkeit von Haus mit Achim, Ediths Verlobter, hatte durch Verwendung wohlwollender Vorgesetzter eine sehr ehrenvolle Dienststellung im Auslano bekommen, als Instrukteur in der türkischen Armee, mit dem Range eines Hauptmanns, bei einem recht ansehnlichen Gehalt. So konnten denn, durch diesen unvorhergesehenen Glückssall, die Verlobten schon setzt heiraten. Denn, wenn Achim nach drei Jahren wieder ln preußisch»« Dienste zurücktreten tvürde, war ihm ja auch hier der Rang eines Hauptmanns, seinem Dicnstalter nach, ewiß. Edith war so einsach glücklich. Die drei Jahre in er Fremde inachten ihr nichts. Würde sie doch endlßch mit Achim vereint sein So sollte denn baldigst die Hochzeit gefeiert werden, denn Achim mußt« seine Stellung in kürzester .Frist antreten. Diese frohe Botschaft Astrids brachte in Gerdas verdüsterte Seele wieder etwas Lichp. Uebcrhaupt war die Anwesenheit ihrer Schwester für sie eine Wohltat. Sie zog sie von sich selbst ab. Den ganzen Tag war sie ja mit Astrid unterwegs, bei ihren Einkäufen, bei der Schneiderin, beim Photographieren, beim Warenhausbummel — und abends ivar Klaus der Dritte im Bunde. Ihr Mann war t a durch sein allabendliches Austreten hinlänglich entschul- igt. lind es war Gerda nur lieb. So trug nichts einen Mißton in ihr Zusammensein, bei dein sie wenigstens für Stunden ihr Leid vergaß. Auch heute abend waren sie so miteinander gewesen, atten im Eispalast gemeinschaftlich gegessen und dem unten Treiben druntn in der Eisarena zuaeschaut. Dann hatten Pcdersens Gerda heinigefahren, und diese stieg nun allein die Treppen zu ihrer Wohnung empor. Es war erst kurz nach elf und Heinz noch nicht zu Hause. So wollte sie denn, nachdem Jean ihr beim Ablegen behilflich gewesen, in ihr Schlaszimnier treten, als sie im Borübergehcn am Spiegel der Garderobe auf der Präsenticrschale einen Brief bemerkte. Sie griff danach und sah nach der Aufschrift. Für sie, und sie öffnete. Eine unbekannte Frauculpindschrist — aber kaum hatte fie einige Worte gelesen, da verfärbte sie sich. Doch im nächsten Moment faltete sie den Brief mit schneller Fassung zusammen — Jean stand ja noch hinter ihr. Und sie ging an ihm vorbei in ihr Zimmer. Dort stürzten sich ihre Augen auf die Schrift. Sie las: „Sehr verehrte Frau! Sie werden sich wundern, diese Zeilen von einer Ihnen Gänzlich Unbekannten zu erhalten, aber der Inhalt meines Schreibens wird meinen ungewöhnlichen Schritt rechtfertigen. Ich habe Ihnen eine Sic angehende wichtige Mtt- teilung zu machen. Ihr Mann hintergeht Sie schon seit langem mit Fräulein Molnar. Es ist im ganzen Theater ein öffentliches Geheimnis: nur Sie allein wissen offenbar nichts davon. Darum halte ich es für meine Pflicht, Sic davon in Kenntnis zu setzen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das tut, betrogen zu werden in voller Ahnuirgslosigkeit. Wir Frauen müssen daher zusaminenhalten in solchen Fällen. Verzeihen Sie mir, sehr verehrte Frau, wenn lch Sie mit dieser Nachricht beunruhige, aber cs ist zu Ihrem Besten. Hochachtungsvoll eine Kollcgenfrau." Gerda lvar jeder Blntstropsen aus dem Antlitz ge- wichm. Eiskalt Ware» ihre Glieder. So blickte sie unverwandt auf das Schreiben in ihrer Hand. Also das war es. Nu» verstand sie mit einem Mal alles: fein ganz verwandeltes Wesen gegen sie, das keinen Versuch der Annäherung mehr machte, und sein ständiges Fernbleiben. Betrogen! Schmählich verletzt in ihrer Frauen- chre. Und es schüttelte sie plötzlich >vie ein wilder Krampf. Das ihr — ihr! Ihre Rechte, die den Brief noch immer hielt, ballte ihn zu einein Knäuel und schleuderte ihn zu Boden, in »lnaussprechticheni Abscheu. Doch nach diesem ersten leideuschafklicheu Ausbruch ard sie ruhiger. Die Ucbcrlegung kehrte ihr zurück. Sie hob den Brief »vieder aus und glättet« ihn. Und» wie so ihr Auge die Zeilen noch einmal durchging, glaubt« sie zu sehen, daß die Schristzügc etwas Gekünsteltes hatten. Offenbar war die Handschrift verstellt. Da ließ sie dasj Schreiben aus ihren Fingern auf den Tisch gleiten wie etwas Widerwärtiges. Warum nicht osfeu, mit vollem Rainen, wenn es Wahrheit war — und so offenkundig, wie da behauptet ivurde? Wer sich hinter Anonymität versteckte, hatte wohl eben das Licht zu scheue». Und Gerdas Miene >vard verächtlich. Ein Moment aus ihrer Mädchcnzeit siel ihr plötzlich ein. Da war auch einmal a» den Vater ein solcher Brief gekommen, mit allerlei Klatsch über die Frau eines seiner Hauptleute. Aber er hatte cinfack» das Schreibe» schweigend zerrissen und ins Feuer geworfen. Daran mußte sie jetzt denken, und es kam alsbald über sie. Eine vornehme Regung und zugleich wie eine Beschämung: Sic, die Tochter, verurteilte auf eine solche bloße Deuunzialiv» hin? Als ob sie nicht wüßte, daß beim Theater Klatsch und Mißgunst üppiger wucherten als sonst irgendwo! Wenn nun alles nur eine boshafte Anzettelung war, von irgendeiner räukevolleu Person, die der Molnar Ungelegen- beiten bereiten wollte? 24ö Und schon griff Gerda nach dem Briese, um es zu'machen wie einst ihr Vater. Aber da zögerte sie doch wieder. Jener .Abend siel ihr ein, bei Laruns. Hätte sie denn nicht mib eigenen Augen gesehen? So schwankte sie, bis sie doch einen Entschluß faßte: Mein, sie wolltemicht urteilen, nicht verurteilen, ehe sie Heinz selber gehört hatte. Aber den Brief hier vernichtete sie doch nicht. War er eine Verleumdung, dann konnte er Heinz vielleicht eine Handhabe bieten, um dem Täter auf die Spur zu kommen und ihm sein Handwerk zu legen. Und sie barg den Brief in ihrem Gürtel. Endlich hörte Gerda ihren Mann kommen. Sie ging schnell und öffnete eigenhändig, ehe Jean von hinten aus dem Dienerzimmer kam. Heinz war erstaunt. „Du? Ist Jean denn nicht mehr aus?" „Doch, aber ich muß dich einen Augenblick sprechen — ganz ohne Zeugen." „Nanu, was gibt's denn?" Die Brauen hochgezogen, sah er zu ihr hin, während er den Pelz ablegte. „Nicht hier — bitte drinnen, in deinem Zimmer." „Gut, gut. Aber die Chose wird ja immer geheimnisvoller," Sie erwiderte nichts, sondern ging ihm voraus. Als sie drinnen allein waren, bei verschlossener Tür, und er Licht gemacht hatte, trat sic vor ihn hin und gab ihm den Brief. „Hier — lies das." Er nahm das Schreiben. Ihre Augen hingen an ihm. Nun ein Aufzucken in seinen Schläfen, und em Aufstampfen des Fußes. „Lumperei, erbärmliche!" Es wollte sich ihr ein Stein von der Brust wälzen. „Alles Lüge, — Heinz — nicht wahr?" Seine Stirn faltete sich schiver. Er hob die Augen nicht von dem Brief, und so antwortete er endlich langsam: „Das will ich damit nicht gesagt haben." ^Also doch wahr?" Wie ein Schrei drang es plötzlich durch den stillen Raum. „Ja!" Und er legte jetzt den Brief mit einem entschlossenen Griff zusammen. Seine Augen richteten sich auf sie, mit einem Ausdruck des Trotzes. Gerda stand eine Weile, wie betäubt von einer unerhörten Mißhandlung. Nicht anders, als ob seine Faust sie ins Antlitz getroffen hätte. Der Anblick weckte ihm da Mitleid und ein Schuld-! gefiihl. „Gerda —'", und er hob leise nach ihr die Hand. Aber da schreckte sie zusammen wie vor der Berührung eines Bresthaften; ihr Blick traf ihn mit eisiger Kälte, »nb nun kehrte sie sich von ihm ab. Sie verließ ohne ein Wort das Zimmer. Heinz Keßler blieb unbeweglich, Gr starrte finster vor sich hin, die Arme verschränkt. Bis eS an die Tür klopfte. Nun gab er sich wieder Haltung. Jean kam und wollte melden, daß aufgetragen sei. Aber Keßler winkte ihm schon beim ersten Wort ab. „Der gnädigen Frau ist nicht gut — und ich habe! schon etwas genomrnen. Lassen Sie also nur wieder ab^, tragen. Nur ein Glas Wein bringen Sie mir her." So saß Heinz Keßler eine geraume Zeit allein in seinem Zimmer, den Kops in die Hand gestützt. Heinz Keßler ging in das gemeinschaftliche Schlaft zimmer hinüber. Gerda war auch hier nicht. So weilte sie wohl noch drüben in ihrem Zimmer. Langsam, wie zögernd, begann er sich! zu entkleiden. Aber dann wars er doch noch einmal die seidene Joppe seines Pyjama über Und schritt durch die Räume bis zu ihrem Zimmer. Er drückte aus die Klinke, aber die Tür öffnete sich nicht —| zugeschlossen von drinnen. Abermals ein Stutzen bei ihm, dann rief er halblaut ihren Namen. Ein leises Geräusch drinnen, das Knistern ihrer Ge- ivänder — aber für ihn keine Antwort. Da kehrte er kurz um. Dumps flog hinter ihm die Tür inS Schloß. » Gerda verbrachte die Nacht auf ihrem Zimmer in ihren Kleidern. So erwartete sie das Anbrechen des Morgens. Da toürde sie handeln. Klar sah sie jeden Schritt vor sich. Endlich war die späte Winterdammerung da. liehen nächtig und fröstelnd machte sie sich nun ein wenig im Fremdenzimmer zurecht, und bald nach acht verließ si« schon das Haus. Sie fuhr zu Petersens ins Hotel. Astrid lag noch in tiesem Schlaf, als nebenan im Salon das Stubenmädchen anklopste und ihr den Besuch der Schwester meldete. Eilends sprang sie aus dem Bett, schlüpfte er in die notwendigsten Hüllen und kam nun iw ihrer Matinee in den Salon, wo Gerda wartete. Ganz! erschrocken rief sie nach dem ersten Blick aus das ühe.r-i wachte Gesicht der Schwester: „Mein Gott, was ist denn geschehen?" Da gab ihr Gerda mit starrer Ruhe Antwort: „Ich bin fortgegangen von meinem Manne," ^ Sie erzählte ihr, was geschehen war. „Aber das ist ja schrecklich, Gerda I" Astrid schmiegte sich an die Schwester mit herzlichste« Teilnahme. Dann sagte sie: „Nun willst du einstweilen hier bei uns bleiben, nicht wahr? Ich halte es ja auch für richtiger so, bis du dt« Sache verwunden hast. Aber wie macht man das nun ans besten mit Heinz . meinst du, daß zunächst vielleicht! einmal Klaus zu ihm geht?" Gerda, die wieder wie teilnahmlos vor sich hingeblickt hatte, sah jetzt auf: „Was soll Klaus da?" „Nun, ich dachte nur so — daß sich doch mal einer von un? mit ihm ausspricht." „Aussprechen? Wozu das? Mr wissen doch beide seit gestern abend, woran wir miteinander sind." „Gerda! Du denkst doch nicht etwa —,?" * „Gewiß denke ich daran. Nach dem, was geschehen^ gibt es für eine Fra», die sich achtet, nur diesen einen Weg." „Scheiden willst du dich also lassen?" Astrid machte eine Gebärde des Erschreckens. Dann griff sie nach der Hand der Schwester. „Gerda, ich bitte dich inständigst, tu keinen übereilten Schritt!" Aber die junge Frau machte sich frei. „Ich habe eine lange Nacht hinter mir, ohne eine Ai!i« nute Schlaf. Da Hab' ich Zeit genug gehabt, alles zu über-, denken. Und mein Entschluß ist gefaßt — unwiderruflich: ich fahre nach Hause zurück, noch heute." „Um Gottes willen, Gerda! Das wäre ja der volle, unheilbare Bruch zwischen dir und deinem Männe. Da» darfst du nicht! Höre auf mich." Doch Gerda beharrte auf ihrem Entschluß. „Ich fahre mit dem nächsten Zuge. Ich bi» nur Herste-- kommen, um dir das Geschehene mitzuteilen. Und noch ein« Bitte Hab' ich an dich. Ich bin von Haus weggegangen, wit du mich vier siehst. Bitte, geh' nachher — nach elf, wo Heinz ja immer schon aus dem Haus ist — zu mir, u(nä pack mir zusammen, >vas ich für die nächste Zeit brauche. Willst du mir den Wunsch erfüllen?" „Natürlich, Gerda. Aber — ich kann's ja* noch immer nicht fassen!" , Gerda fuhr in festem Entschluß fort: „Wenn ich nicht irre, geht der Zug, mit dem ihr damals nach Haus suhrt, etwa um diese Zeit. Vielleicht bekomm' ich ihn also noch. Habt Ihr nicht ein Kursbuch da?" „Ja, ich glaube — es ist wohl drinnen bei Klaus." „So tu mir den Gefallen und sieh gleich einmal nach." „Wenn du denn mit aller Gewalt willst —" und Astrid! ging bekümmert zu ihrem Mann ins Schlafzimmer. (Fortsetzung folgt.) Alt-Siehen. Bon Oberbibliothekar Dr. Karl Ebel. (Fortsetzung.) In der chronologischen Reihenfolge mache ich jetzt einen kleinen Sprung bis in die Zeit der Romantik. Damals studierte in Gießen ein junger Mediziner, C. Fenner mit Name», den die Stadt zu einem Gedicht in zwei Gesängen begeisterte. Es erschien 1818 in Kommission bei G. F. Heyer, dem bekannten Gießenee Buchhändler. Im Vorwort sagt der Verfasser: „Nicht mit Unrecht muß Gieße» und seine Umgebungen in gewisser Hinsicht jeden, Forscher de« Geschichte seines Vaterlandes und jedem Freunde der Natur einige 247 Aufmerksamkeit abgelviunen. Obgleich die Stadt an sich, hinsichtlich ihrer Schönheit in einem generellen Sinne dieses nicht allein bewirken könnte, so besitzt sie doch, wenn man anderes Schöne und Gute berücksichtigt, manche-, das deinjenigen, welcher nur diese Seite hervorhebt, nicht entgehen kann, und manches Merkwürdige, manches, was den Einwohner interessiert, und was er und andere lieben." Es ist, wie gesagt, die Zeit nach den Befreiungskriegen, in der die Romantik blühte. Gott, Liebe, Vaterland, Natur, siird die Gegenstände der Dichtung. To beginnt auch unser Dichter seinen Hymnus, den er in klassisches Geivand Neidet, mit dem Lobe der Natur. Aus vappelumsäumter Straße schreitet er von der Höhe herab der Stadt zu, die im Morgcnlichte vor ihm liegt, so, wie sie uns das Reinermannsche gleichzeitige Bild zeigt: „Gleich Athen begrüßen uns Deine freundlichen Blicke Zieht uns abwärts zu Dir Vieles versprechender Sinn." Er begrüßt den „graulichen Stadtturm", die Lahn, die Auen von Herden belebt, den dunkeln Wald, die kunstvoll angelegten Gärten. Dann umfängt ihn mit lebhaftem Verkehr die Stadt selbst, pnd er gelangt zu den Hauptgebäuden, den: Schloß und dem Kolkegienhaus. Was er von dem geselligen Gießen rühmt, will im als Probe hierhcrsetzen. „Auch an geselligen Freuden sind Gießens Bewohner zu schätzen, Liebe und trauter Verein knüpfet sie fest in ein Band. Alle die Grazien der Freude», sie herrschen in jeglichem Zirkel, Eunomia, Dike traulich mit Euphrosyne, Die Charitinnen aller geselligen Freud" und des Schönen Sinnreich bedeutungsvoll alle zusammen vereint. Durch anmutige,, Putz toelleisern die Schönen zusammen. Nicht das Schöne bedarf — Häßlich's bedarf nur des Schmucks. Hier lustwandeln frohe, das Fr eye liebende Gruppen Auf beschattetem Weg traulich herum um die Stadt: Liebliche Schur, erfreuend das Herz am erquickenden Abend, Höhest du nur den Reiz Gießens, der gastlichen Stadt! Du nur allein bist immer ein ungeahneter Zeuge, Wie das vertrauliche Herz gern sich dem andern ergiebt. Gruppen ziehen auch dort zu der nahcgelegenen Villa, Buschegarten man nennt diesen so lieblichen Ort. .Allen den labenden Necktar kredenzet dort Ganymedes: Aus geschlungenem Pfad toandern die Nymphen dahin. Nicht so freu',, sich entzückt des Apolls die parnassischen Felsen, Wenn der liebliche Gott singend auf ihnen erscheint. Dreißig Jahre später besteigt abermals ein Musensohn, Alois enningcr gen. Alois der Taunide (der Taunusgeborene!), oktor der Philosophie, den Pegasus und singt in Versen, die an chönhcit denen der Friederike Kempner den Rang streitig machen, das Lob der Musenstadt. Als Proben seiner „Kunst" hier nur ein paar Strophen. DieNizederLahn. Silbern liegt des Mondes Helle Auf dem schönen Thal der Lahn, Und es wiegt auf dunkler Weile Sich ein schilfgeslochtner Kahn. , Eine Jungfrau sitzt am Steuer, Ihr Gesicht ist reizend blaß: Doch ihr Auge glänzt voll Feuer Djurch den Schleier, grün und naß, / undsoweitcr. Der Philosophenwald. Stiller Wald der Philosophen, Kühler trauter Schattengang, ' Lieblingsauseiithalt der Zofen, Dir auch weiht sich mein Gesang! Und ihr zürnt wohl nicht, ihr Bäume, Tiefe Denker Nur gewöhnt: Daß ein Säuger bunter Träume »Hier einnial ein Liedchen stöhnt! In solchen gutgenieinten Versen werden Ocrtlichkeiten der Stadt und der weiteren Umgebung, aber auch Sagen und Ereignisse der hessischen Geschichte geschildert. Doch würde es zu weit führen, wollte ich hier nicht von weiteren Proben absehen. Zuäu Schlüsse möchte ich eines Mannes gedenken, dessen Lob Gießens höchst ernsthaft genommen zu werden verdient. Ich meine Karl Renatus Freiherr,, v. Tcnckenberg. I» einer Zeit, da alte, die unsere Stadt kennen lernten, nur Schlimmes von ihr, ihren Festungswerke», ihren Gassen, ihren Bürgern, Professoren Und Studenten zu berichten wissen, nimmt er. der die schönsten Gegenden Deutschlands und Italiens gesehen hat, in Gießen seinen Wohnsitz und behält ihn bei, als nichts mehr seinen Weggang hindert. Ihn fesselt an Gießen der Zauber, der scher dem akademischen iLeben liegt, der Verkehr mit gleick>gcsi,»,tcn Männern der Wissenschaft, der stille Frieden der Kleinstadt, und nicht zu», wenigsten die Anmut der Umgebung. Er pflegte zu sagen, daß er nur die Gegend von Biebrich am Rhein und von Neapel derjenigen von Gießen vorziehe. Tasür erklärten ihn die Zeitgenossen für verrückt. Aber Butte, der uns dieses Verdikt berichtet, muß zugebe», daß Eenckenbcrgs Urteil „die volle Ueberzeugung des doch immer viel gereisten Mannes" enthielt, „wie man dieses schon einigermaßen bamus schließen kann, daß er bei der großen Wahl, die ihm zu Gebo! stand, vorzugsweise gerade den Ork zü seinem Aufenthalt tvählte, an welchen ihn doch eben lange Zeit kein besonderes Verhältnis fesselt." Butte sucht dann die Gründe für Sencken- bergs Vorliebe aUein in dem Umgang, den er hier gesunden hatte. Aber dem steht Senckenbergs eigenes Zeugnis entgegen. In einer Sammlung lateinischer und griechischer Gedichte, die er 1785 unter dem Pseudonym Polydorus Nenieaeus U. d. T. Larmina varia selecta latina et graeca herausgab, findet sich ein an seinen Bruder gerichtetes Gedicht, aus den, ich einige Verse mitteile. 8unt, quibus aurioeri placeant, scio litora llheni. Prae cunctis, rapickusve Ister, vel naviker Albis. At mihi prae multis regio gratissima, Lanus Parvaque qliam Viseca rigant, habitata colono Hassiaco, eulmen Taunus qua quercifer altum Elevat, et densis assuevit condere nimbis. Qua tollit veteres Cleiberga ad sidera muros, Qua Fezbergiacae cernuntur relliquiae arcis, Et Koenigsbergae candentia moenia late, Conditaque in summa, Solmana palatia rupe, Et navis cui forma dedit sua nomina monsque, Teutonicorum equitum sacra domus alta conortis. Hos inter montes media in convalle patenti Qissa jacet, dives pratis atque ubere terrae, Circuitu non ampla quidem, sed amoena virenti Pfanilie atque auras Korea purgante salubris ... Gegenüber anderen, so meint Senckenberg in diesen Versen, denen die Rheinufer, die Donau oder die Elbe besser gefallen, ftnde e r am anziehendsten die von Lahn und Wieseck betvässert« Gegend. Im offenen Tal zwischen Gleiberg, Vetzberg. Königsberg, Hohensolms und dem Schisfenberg, „dem seine Gestalt den Namen gab," liegt Gießen, reich an Wiesen und fruchtbarem Land, nicht groß an Umfang, aber lieblich in grüner Ebene und gesund, weil der Nordwind die Lüste reinigt. . . Den Schluß des Gedichtes bildet dann ein Lob des angenehmen Lebens in dieser Stadt und der Wunsch, os möge ihm vergönnt sein, dort seinq Tage zu beschließen. Man sieht, es ist hier, wie in fast allen erwähnten Beschreibungen, übrigens auch in denen, die ich der Kürze halber nichih herangezogen habe, die Umgegend, deren Schönheit Lob gezollt wird. I n der Stadt sind es in der Regel nur einige hervor- vorragende Bauwerke, meist öffentliche, die rühmend genannt werden. Nur einer, Dieterich, spricht ausdrücklich auch von den Privathäusern der Bürger. „De Häuser der Stadt Gießen," sagt er, „geben keinen spanischen Ueberm'ut oder italienische Pracht zu erkennen, sondern sind niedrig, von Holz, mit Leimen und Kalk beworfen Und mit Ziegeln gedeckt, haben aber doch wegen der alten Bauart ihr Ansehen. Dies gereicht auch der .Stadt so wenig zur Unehre, als es Wittenberg dazu gereichte, welches. . . bevor es eine Universität worden, leimerne und mit Stroh gedeckte Häuser hatte. . ." Wir können uns aber auch von .Gießen versprechen, daß es schön wird, wenn die Einwohner fort fahren: teils neue Häuser zu bauen, teils die alten zu verbessern. Das war 1613. 1750 bestätigt Rambach, daß man die von Aeterich gewünschten Fortschritte beinerken könne. Sehen wir nun zu, was wir vom alten Gießen noch wisset können. Von der alten Burg, einer an der Stelle deS jetzt Färber Wallenfelsischen Grundstückes und seiner Nachbarschaft gelegenen Wasserburg, sah Winkelmann noch die Mauern mit dem Umgang und den Schießlöchern. Wahrscheinlich >var dies der östliche Teil der Umfassungsmauer, der vor der Hinterfront unserer Stadlkirche Herzog. Sichtbar sind heute noch Teile der West- und Nordmauer, auf denen das alte Wallenfelsische Wohnhaus steht. Dessen N o r d- westecke bildete zugleich die der Burg, über deren Süd westecke sich das Pfarrhaus der Matthäusgemeinde erhebt. De nördliche Umfassungsmauer setzte sich nach dem Ergebnis der Ausgrabungen des Jahres 1908 vom Wallenfelsischen Hause in der Richtung cr«f das Hostor fort, wo sie mit der östlichen zusammenstieß. Diese lies imrch den Stall, wo sie noch gesunden wird, unter dem früher Knollschen Hause hin und traf in dem Nollschen Höschen am Burggraben aus die vom Pfarrhaus kommende Südmauer. So entstand ein annähernd regelmäßiges Reck>teck. Der Bergfrit ist mit großer Wahrscheinlichkeit in dem ganz von mächtigen Steinen und Mauerresten angesüllten vorderen Teil des Wallenfelsischen Hofes zwischen Eingaugstor und Stall zu suchen. Als äußere Umfassung der Burg nimmt Freiherr G. Schenk zu Schweinsberg eine eirunde Mauer an, die im Westen und Norden dem Lauf des Stadtgrabens folgt, im Osten hart an der Rückseite der Stadb- kirche vorbei durch den Turm hindurch und dann, die Kirchstraße überschreitend, hinter den Häusern des Marktplatzes bis zur Gasse „am Burggraben" zieht. Dort wendet sie sich im Bogen üm das „Cafe Ebel" herum zum Stadtbach. Die Eingangstvre der Burg besanden sich im Zuge der Kirchstraße, das äußere neben dem Turm, das innere an der Ecke der Zigarrenfabrik Noll. Gelegentliche Mauerfunde und die gerade Richtung der Hinterfronten der Marktplatzhäuscr, zwischen denen und der Umfassungsmauer der Burggraben zog, bestätigen rm allgemeine» die Schenksche Annahme. (Schluß folgt.) 248 vermischte«. — Der Roman von Tampico. Die mexikanische Häsenstodt Tampico, die so plötzlich in den Vordergrund der politischen Ereignisse in dem unglücklichen Mexiko gerückt ist, ist ein lebendes Beispiel für die Romanlik modernen industriellen Aufschwunges. Ein ausgezeichneler natürlicher Wasserweg, der durch das Herz einer der fruchtbarsten Regionen der Erde führt, gab der Stadt von Ansang an den Vorteil, den Handel und den Verkehr des Staates Tamaulapas aus sich zu lenken. Die Unternehmungen weitblickender Eisenbahnspekulantcn brachten schnell den Beweis dasür, ivic klug es war, die Stadt durch einen Sckicuenstrang mit dem Hinterland zu verbinden, von den, mit Recht so vieles erhofft wurde. Aber der große Aufschwung Tampicos kam im Zusammenhang mit den Pciroleumbohrungcn und dem Petroleuni« Handel. Seit 10 oder 12 Jahren begannen die Bohrungen, die die besten Ergebnisse hatten, und sofort tauchten auch die Kapitalisten aus, die die große Zukunst dieses Teiles von Mexiko erkannten und bereit waren, ihr Geld dort anzulegen. Wie groß dieses Verttaucn war und ivie großzügig die Kapitalisten vor- gingen, erhellt vielleicht ani dcutlichsten aus der Tatsache, daß im Lause der letzten Jahre in Tampico und seineni Hinterland nicht weniger als rund eine Milliarde Mark investiert wurde. Im Vordergrund stehen dabei wohl die Amerikaner, jedoch im scharfen Wettbewerb mit den Briten, deren Interessen in jener Gegend aus über 300 Millionen Mark beziffert werden. Obgleich der größte Teil dieses Milliardcnscgens in Schürf- und Bohruugs- rechten, sowie in Landpachtungen angelegt wurde, konnte naturgemäß ein gewaltiger Aufschwung des Handels und der Industrie nicht ausbleiben. Nur ein Beispiel: Noch 1907 betrug die Petro- leumerute rund eine Million Fässer: 1913 war die Ziffer bereits mis 16 Millionen emporgeschnellt. Und dabei rst die Aus- nutzuna der mexikanischen Petroleumschätze noch in ihren An sängen ’ > empicos Zukunft ist unlösbar mit der Weitereutivicklung der Pcnroleumindustrie verknüpft, aber die Stadt verfügt noch über andere unabsehbare Hilfsauellcn. Sie liegt et>va 6 englische Meilen von der Mündung des Panueoslusses entfernt: an einer Stelle, wo Schiffe von mehr als 7 Metern Tiefgang Einfahrt haben Das weiter südlicher liegende Tuxpaii dielet größerelh f chifsen nicht entfernt die gleichen Möglichkeiten. Der Hase» von ampieo ist wettergeschützt, und so konnte es nicht ausbleiben, daß er in kurzer Zeit den größten Teil des Küsteuhandels an sich zog. Die schnell zunehmende Bevölkerung der Stadt enthält eine rnverhältnismäßig hohe Anzahl englisch sprechender Einwohner: n der Tat ist der Prozentsatz ansässiger Amerikaner und Engländer nirgends so groß wie in dieser Gegend Mexikos. Ueber den Hasen von Tampico läuft der ganze Export der Nachbar- f egenden, die ungewöhnlich fruchtbar sind und Zucker, Kaffee, autschuk, Kupfer und Erze aussühren Die günstigen Bodenverhältnisse machen für die nächsten Jahre das Aufblühen eines großen Obst- und Gcmüsehandels zur Sicherheit. Hierbei kommt die Schiffbarkeit der Wasserwege der Stadt zugute — »eiltUten für Dramatiker. Auch die deutschen Verleger könnten von Herrn Charles Frohman, dem bekannten englisch-amerikantschen Impresario, manches lernen, Herr Frohman ist nicht nur ein glänzender Geschäftsmann, er kennt auch die menschliche Seele und, — was noch mehr besagen will, — die Seele der Dichter und speziell der Dramatiker. Seit langem hat der großzügige Impresario die Beobachtung gemacht," daß die erfolgreichsten dramatischen Schriftsteller stets dazu neigen, dasselbe Stück Widder zu schreiben oder zu variieren, solange sie nicht ihrem Leben mit dramatischer Gewaltsamkeit eine Kursänderung auszwingen. Die größte Gefahr für den Dramatiker ist anscheinend der große Kassenerfolg: jo länger der Dichter aus ihn warten mußte, um so verheerender wirkt er, wenn er kommt: die errungene finanzielle Unabhängigkeit, die gesicherte Position, die Anerkennung und die plötzlich erwachte Höflichkeit der Theaterdirektoren — das alles kommt zusammen, uni den Dichter in einen Zustand behaglicher Zufriedenheit zu versetzen, die Freuden des Heims und der Familie dürfen zum erstenmal sorgenfrei genossen werden, mit Frau und wenn möglich mit den Kindern können zum erstenmal große Reisen unternommen werden, kurz alles verlockt zu behaglichem Genießen. Zur Sorglosigkeit kommt die Gewohnheit, und das Ende zst, daß der Dramatiker aufhört, in die Welt zu blicken, daß er anshört, dramatisch zu erleben und daß er nur aus einem geipissen Pslichtgesühl heraus sozusagen literarisch Konflikte konstruiert, die er dann in die Form eines Schauspiels gießt, ohne selbst diese Konflikte bis zur Neige durchgekostet zu haben. Charles Frohman hat im Interesse der Dichter gegen diese Gefahr und gegen diese „ikrankheit der modernen Dramatiker" eine Heilkur ersonnen, die Heiskur für Dramatiker. Sie ist radikal und doch nicht allzu schmerzlich: und mit Geld und guten Worten hat der kluge Impresario bisher rwch immer seine Patienten gerettet. Sein Verfahren besteht einfach darin, daß er die Dichter dazu bringt, aus einige Zeit, aus sechs Monate, besser aber auf ein ganzes Jahr, die Freüden der Daheim und die stillen Genüsse des Familienlebens zu entbehren. ?lllein sollen sie hinausziehen in fremde Welten, den Blick wieder von sich hinaus in die Menschheit richten, neue £ Verhältnisse, neue Menschen sehen: uitd dann wird das Auge des Dichters schon das übrige hm Und auch neue Konflikt« erfassen und gestalten können. Das erste Experiment wurde mit denl bekannten englischen Dramatiker Somerset Maugham unternommen: der Dramatiker verließ Heim und F-amilic nnl» zog ans ein Jahr nach Canada. lind die Frucht war ein Drama: „Das gelobte Land", das in Eanada spielt und in New Bork einen Ri.senersolg gehabt hat. Der zweite Patient war Sir I. M. Barric, der ebenfalls nach Amerika expediert wurde: und wieder endete es mit einem vallen dramatischen Heilerfolg. Nun schickt Frohman den amerikanische» Dramatiker Willie C o l lier aus seiner amerikanischen Heimat nach London, ans ein Jahr — und gewiß wird auch hier poetische Genesung solgen. * Der Vorsichtige. „Ach, ich vergaß noch zu ermähnen, daß ich Ihnen den Anzug, den ich bestellt habe, erst am 30. April bezahlen kann." „Das niacht nichts, .Herr." „Gut. Wann soll ach dann zur Anprobe kommen?" „Am 1. Mai, Herr!" Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachverein». * Die Fremdwörter und der gute Ton. Wer vor 60, 70 Jahren durchaus ans Büchern lernen ivollte, ivie er sich zu be» nehnaen habe, lauste sich ei» „Koinpiinaeiatierbuch". Heute ist dieser srenadländischc Bnchiiicl abgeschafft. Wir uenneaxBüchcr dieser Art etwa: „Handbuch der seinen Lebensart» oder „Anstandsbnch" oder „Der gute Ton". Aber auch in ihrem Innern zeigen diese Bücher, daß das Frenidwort eine schwere Niederlage ei litten hat. Ina Gegensatz zu dem Kompliment,erbucka vergangener Tage belehren sie ihre Leser, daß es ein Zeichen seiner Lebensart ist, dcntsckaem Worte die Ehre zu geben. So schreibt I. von Wedel! in ihrem vielgelesenem Buche „Wie soll ich mach benehmenk": „Auch wende »an» kein Fremdivorl für das an, avas gut deutsch ausgedrückt werden kann. Dieses Wort gilt für alle, die ihre llnterhaltng mit Fatalitäten stall Mißgeschicke», mit Evenlualitäle» statt Möglichkeiten spicken n»d dadurch de» Widerspruch dcnlsch Tcnkeiider „provozieaen" Bis zur Milte des vorige» Jahrhunderts galt es als fein, solche fremden Wörter einstleste» z» lnsieai. Man zeigte dadurch seine Bildiiiig. Heule ist es gottlob anders. Ta schämen wir liiis »iiserer guten denlschen. lresicudeii, kernigen Wörter laicht mehr/ Tie achte Auflage des „Giilcai Tones in allen Lebenslageia" voai Fraiaz Ebhardt rcchlsertigtc »och eiaigehciid beit Gebrauch von Tischkarten in sronzösischer Sprache: die sechzehnte Auflage lehrt uns, daß inan heule seine Ebre darein letzt, die Speise» de,ätsch z» be- »eimen. Mil Recht: Kaiser u»d Köaiige sangei, hier mib da schon damit an Snack das nicht vornehme Leut«? Wieder ei» anderer Anstaiidsbiich sagt dem Leser, der Besnchskarteii abgebeu will: „Die sraiizösischeii Bezeichn,iiagei, in den Ecken sind mit Recht veraltet und abgetan, man findet sie höchstens »och bei sehr eiiigesieischie» Kleinstädtern." U A. z. n. ist zwar clivas länger als p. p. e , ivird aber doch leichter verstanden. Sehr qnt sagt das Buch der Koiislanze vo» Franken: „Sei vorsichtig in der Ainveiidnng vo» Frenidwörlern. Das beste ist ei» reines, schönes Deausch " Wir freiten uns dieser Zeichen der Zeit, wen» avir auch »aeiaien, daß jeden denlschen Mann und jede deutsche Frau vor allen Dinge» das Herz antreibe» »ailßie, das heimische Wort den, frenadei, vorzuzietzen. M Rau (Zwickau). Schach-Ausgabe. E-i-warz. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Gleichklang-Eharade i» voriger Nuuuueri Goldgräber. Redaktion: K. N«a,rath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fche» UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, (SieB«v