Vkkizirrstöchtrr. Ronian von PaulGrabein. (Nachdruck verboten.) - (Fortsetzung.) Das schoß Gerda jetzt durch de» Kopf, und eine Angst packte siel nun würde sie das auch bei Heinz nicht wieder loswerden. Immer wieder, vielleicht gerade in Momenten, wenn er sich ihr lieb und zärtlich näher» wollte, wurde ihr dies Erinnern kommen, tvürde sic ihn so sehen! Ihr Mann hatte sich inzwischen seine Erregung her- untergcredet. Nun ivendete er sich seiner Fra» zu Er gewahrte noch, tvie sie mit großen Angen ans ihn sah. Da, kam er heran. „Ra, nur nicht so bange, Beb6! Ich sage dir ja ^ ick, brauch« nur die Hand auszustrecken, da Hab' ich ein anderes Engagement. Also komm, hübsch hoch tviedcr das Köpfchen!" Er sprach jetzt wieder in ganz natürlichem Ton und sehr lieb. Aber als er nun nach ihre,» Kinn greifen wollte, da entzog sie sich ihm und fragte nur, „Hast du denn schon eine Idee, tvas du annehmen willst?" i „Wein, allerdings noch nichts Bestimmtes —> aber ich habe ja früher so viel Anfragen erhalte» — ich muß mir das mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Ein paar Tage gingen dann hin. Heinz Keßler tvar bei diesem und jenem Direktor gewesen, aber die Sache ivar nicht recht vom Fleck gekommen. Ein paarmal hatte er die Herren verfehlt, oder aber man konnte ihm noch nichts Bestimmtes sagen. , Im stillen hatte er freilich ein dunkles Empfinden: man wollte nur nicht. Es war, als ob er überall, tvohin er trat, auf eine unsichtbare Mauer stieß, die vor ihm zurückwich, ihn aber nicht dnrchließ. Er verheimlichte diesen Gedanken zwar vor seiner Iran, aber er besckstiftigte ihn doch sehr, machte ihn reizbar und launisch. Die Stiminnng in der jungen Ehe war so nicht rosig. So sand auch Astrid, als sie eines Tages zu der Schwester kam. diese recht ernst vor. Sie schwankte daher eine Weile, aber schließlich kam sie doch mit der Sprache heraus. Mein Gott, die Sache stand ja mich heute morgen in allen Zeitungen, ivas sollte inan da Bersteckenspielen voreinander? Und so sagte sie den» plötzlich: ' „Aber es ist eigentlich höchst fatal für deinen Mann — jetzt diese neueste Geschichte. Was will er denn nun bloß «»fangen?" „Was für eine Geschichte denn nun wieder?" Und Gerda erschrak. i „Ja. weißt du denn etwa noch gar nichts davon? Es stand ja heute morgen schon in der Zeitung?" „Ich hal>e ja das Blatt heute noch gar nicht zur Hand genommen. Was ist denn nur passiert?" O f „Ach. nichts weiter, reg' dich nur nicht so auf, bloß —- aber, da! Lies doch selbst." Und Astrid holte aus ihrer Ledertasche ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt, das sie nun der Schwester reichte: Da las denn Gerda, „Die Ohrfeigenasfüre des temperamentvollen Künstlers, von der wir unseren Lesern vor einigen Tagen berichteten^ hat nun für diese» doch eine fatale Wendung genommen. Der Borstand des deutsch-österreichischen Bühnenvereins hat sich jetzt mit der leidigen Affäre beschäftigt, und durch seinen Beschluß ist Herr Heinz Keßler von jedem Engagement an allen Bühnen des Vereins für die Dauer von fünf Jahren ausgeschlossen worden. Man wird diese an sich ja vielleicht verständliche Maßnahme ini Interesse der Kunst freilich nur höchst bedauern können, und auch das Publikum Berlins wird einen seiner bevorzugtesten Lieblinge fortab nur sehr ungern vermissen." „Aber, mein Gott —und Gerdas Hand, die das Blatt hielt, erzitterte. „Was soll denn mm mit Heinz werden?" „Ja, daS ist's ja gerade, was ich dich fragen wollte. Ich hatte ja keine Ahnung, daß du noch so gar nichts wußtest. Sei mir nur nicht bös, Gerda." Und Astrid schmiegte sich an die Schwester. Gerda stand und atmete schwer, mit gepreßter Brust, Dann strich sie sich über die Stirn. „Fa, was nun?" * Heinz Keßler kam erst nach Haus, als Astrid schon nüeder gegangen war. Ziemlich verspätet, wie jetzt häufiger. Er pflegte früher immer pünktlich zu sein. Aber jetzt, wo er ohne Tätigkeit war, hatte er sich in einer Weinstube an einen Stammtisch hingewöhnt, wo Kollegen von ihm verkehrten, meist Junggesellen Dort verstand inan ihn, feierte ihn wegen seiner Schneidigkcit. Daß doch endlich mal einer es so 'nein Kerl von Direktor gesteckt hatte! Aber ordentlich! Das tat ihm Ivohl, schmeichelte ihm. Und er hatte eine offene Hand. En revanche ließ er manch verstaubte Flasche ausfahren. Beim blumigen, alten Rheinwein mürben dann große Worte geioechselt. Sokam's, daß er sich manchmal über seine Zeit hinaus scstsctzte. llnd so war's auch heute gewesen. „Tausendmal Pardon, Frauchen, daß ich dich warten ließ. Na, will's wenigstens versuchen, es wieder ein bißchen gntzumachen. Hier, siehst du!" und er reichte ihr einen Strauß kostbarer Iris, die er eben, vom Auto aus, gekauft hatte. „Krieg' ich nun auch Generalpardon?" Und er beugte sich zu ihr, die noch im Sessel saß, herab. Aber als ihr der Dust des schiveren Weines aus seinem Wunde entgcgenschlug, drehte sie das Gesicht zur Seite, daj er nur ihre Wange berührte. „Aha - also doch nicht so ganz gnädig!" lachte er uni wollte sie nach seiner Art einfach an sich ziehen. Ta entwand sie sich ihrn und sagte, „Ich danke dir vielmals, Heinz, für diene Blumen. Denk' auch nicht etiva, daß ich schmolle — lvege» deines Zuspät- 214 kommen?. So kleinlich bin ich nicht, obwohl icf> dich lieber nicht allzuost dort sähe, wo dn herkommft." Und ihre dunklen Nu gen blickten ihm mit leisem, traurigem Vorwurf in sein ein wenig gerötetes Gesicht. „Nein, es ist etwas anderes, Heinz, was mich ernst stimmt. Und sehr ernst allerdings." „Holla! Das klingt ja wie der reinste Trauermarsch. Was in aller Welt ist denn passiert?"' „Heinz — weißt du es denn wirklich noch nicht?" Und sie hielt ihm jetzt die Zeitung hin, die Astrid ihr dagelassen hatte. Aber er machte nur eine Bewegung der Abwehr. „Kenn" ich schon, das Geschreibsel da. Na, da du also doch schon mal darum weißt —> leider, ich hält" dir die Aufregung gern erspart — also, natürlich ist mir der Beschluß eines hochwohlweisen Bühnenvereins längst bekannt." „Fa, aber was soll denn nun bloß werden?" fragte Gerda. „Um Gottes willen, Heinz! Damit ist dir ja überhaupt jedes Auftreten, die ganze Ausübung deines Berufes unmöglich gemacht." „Oho! Warum? Nur aus den Vereinsbühnen." „Wer das sind doch, soviel ich weiß, sämtliche Bühnen Deutschlands." „Richtig, doch es gibt ja noch, ein Ausland." „Daran denkst du also! Wohl gar Amerika?" Er nickte. ,/Jch stehe bereits mit einer Agentur in Verhandlung. Wegen einer großen Tournee in den Vereinigten Staaten." Gerda verstummte. Da trat er näher zu ihr. „Na I— wäre denn das nicht mal ganz amüsant? Solche Iankeedoodle-Fahrt?" „So herumziehen, in der Fremde — wie die Zigeuner?" Das Wort rief ihr plötzlich jene erste Unterhaltung mit ihm in Erinnerung, damals auf dem Gartenfest bei Prinzeß Juliane. Wo er von sich selbst gesprochen hatte als einem Fahrenden. Damals hatte sie gelacht. Und heute? Heinz Keßler lachte auch jetzt. Behaglich lehnte er sich im Sitz zurück. „Wie die Zigeuner! Kind, was für ein Vergleich. Sag' lieber wie ein Star, wie so viele andere Bühnen-Stars. Machen sie's nicht alle so, die Kollegen von der Oper, die Geiger und sonstigen Virtuosen? Und wissen sehr, warum. Denn dies Zigeunern macht sich bezahlt. Eine Goldernte ist's, drüben überm großen Teich." Doch Gerda vermochte seine Zuversicht nicht zu teilen. „Wenn selbst — solch Vagautenleben, monatelang, vielleicht noch länger, ohne Heim, ohne Ordnung, ewig unter wildfremden Menschen, jede Nacht in einem anderen Pett — !" „Bebe, was bist du schwerfällig! Kein Tropfen Künstler- Nüt. Manch andere wäre glücklich bei dem Gedanken, mal so in die Welt 'rauszukommen." „Nein, Heinz — " und sie sah ihm ernst ins Gesicht —> „Künstlerblut, das Hab,' ich freilich nicht. Das darfst du nicht von mir erwarten. Es wäre ein schwerer Irrtum." Ihr Man» zuckte nur die Achseln. Aber seine gute Laune begann zu weichen. Er streckte, die Hände in den Hosentaschen, seine Beine weit von sich. So klopfte er taktmäßig mit den Absätzen auf dem weichen Perserteppich auf, indem er den Bewegungen seiner Fuße anscheinend interessiert folgte. Eine Pause entstand so im Gespräch, bis Gerda wieder begann, ausjshren sorgenvollen Bedenken heraus: „Selbst, wenn man es täte — “ sie würde ja, wenn es einmal fein müßte, auch dies Opfer bringen — „was wäre damit gewonnen? Eine Saison wäre untcrgebracht — was weiter? Du kannst doch nicht die ganzen fünf Jahre ist Amerika herumziehen." „Natürlich nicht — selbstverständlich." „Ja, aber was dann?" Und sie sah zu ihm hinüber. „Ja er beugte sich vor und betrachtete angelegentlich die Hellen Tuchgamaschen über seinen Lackstiefeln — „dann muß man eben seinen Weg im Inland gehen." „Im Inland? Hier in Deutschland? Aber da sind dir eben alle Theater gesperrt — noch aus Jahre hinaus." „Wer eben nur die Theater." „Ja — was denn etwa sonst noch?" „Es gibt auch noch andere Bühne», die nicht dem Verein angehören — zum Beispiel unsere großen Varietes." „Varietes!?" §,Run ja," und er sah sie jetzt an, „zum Beispiel hier in Berlin der Wintergarten! Da wird auch neben der Artistik wirklich Kunst geboten. Erste Sänger und Sängerinnen sind schon dort aufgetreten, und —" „Heinz! Du wirst doch nicht daran denken!" „Und warum nicht? Seitdem die Ivette Güilbcrt einmal den Anfang gemacht, braucht sich kein ernsthafter Künstler Mehr zu schämen, auf dem Variete aufzutrcten. Natürlich nur einem erstklassigen. Aber das versteht sich ja voir selbst." „Also du denkst wirklich daran — allen Ernstes? Hast wohl gar schon Schritte getan?" Sie blickte ihm erschrocken in die Augen, in einem plötzlichen Ahnen. Er wollte erst ihrem Blick auswcichen, aber dann hielt er ihn« stand. „Nun ja — da du mich denn fragst. Schließlich kann sich die Sache mit Amerika noch zerschlagen, und man lut überhaupt gut, immer zwei Eisen im Feuer zu haben." Gerda erblaßte. Hörbar entwich ihrer sinkenden Brust der Atem. „Also daran denkst du!" Sie sagte nichts weiter. Auch er schwieg eine Weile, wie in Verlegenheit. Obschon er jetzt so unbefangen lat, auch ihn hatte es ja einen Kämpf gekostet. Er, der Heinz Keßler, auf dem Variete, zwischen allerlei Spezialitäten — wer ihm das früher gesagt hätte! Aber was blieb ihm weiter? Er mußte eben. Und darum den Kopf hoch, doppelt hoch! Er blieb trotzdem, wer er war. Er wollte es den Kerls schon zeigen, die da dachten, ihn klein zu kriege», ihn zu Kreuz kriechen zu lassen. Und so warf er den» auch jetzt den Kops zurück. „Gerda, sieh mal," er rückte nahe heran zu ihr. „Du mußt dir die Sache doch richtig vorstellcn. Das wird eben was ganz Besonderes, was ich vorhabc. Ja, nicht etwa bloß so eine Nummer auf dem Programni — nein, eine ganz besondere Abteilung — das Hnuptstück, der Clou des Abends, lind die Presse wird es schon gehörig ins rechte Licht setzen: eine Neuheit, eine Sensation nicht nur des Wintergartens, ein Markstein in der Entwicklung des Barietös überhaupt zur Höhe wahrer, vornehmer Kunst - Heinz Keßler auf den Brettern des Wintergartens" in drei Soloszenen, kleineren Einaktern von ausgesucht literarischem Wert — ein Leckerbissen für Feinschmecker — na, und so weiter. Du weißt ja, ivie's gemacht wird. Für einen geschickten Manager werd' ich schon sorgen. Siehst du, Kind, so schaut die Sache aus. Das ist ein ander Bild, darüber läßt sich reden, nicht wahr?" Er suchte jetzt ihre Augen, ihrer Zustimmung gewiß. Sie blickte noch immer vor sich hi», einen gequälten Ausdruck im Gesicht. Wie er ihr da eben so alles auseinandersetzte, gewisser- maßen für sich selbst die Reklame entwarf — es hätte ihr innerlich einen Stoß gegeben. Gewiß, sie machten es ja wohl alle so, die vielbewunderten Größen des Tages — die Hälfte des Ruhmes war heutzutage eben die geschickte Propaganda. Wer dennoch — ! Von ihm hätte sic das lieber nicht gewußt. Daß er sie ganz offen hinter die Kulissen seines Berufes blicken ließ, es war nicht gut, nicht klug gewesen! von ihm. Immer mehr blätterte ab von dem Nimbus, der ihn einmal umwoben hatte. Und schwerer hob sich ihr nur noch die Brust. Heinz Keßler merkte, daß sie noch immer nicht überzeugt war, wenn er freilich auch ihre letzten Gedanken nicht erriet. Da neigte er sich zu ihr hin und mit einem überlegenen Lächeln ergriff er ihre Hände. „Na, laß gut sein, Kind. Wirst dich schon noch mit der Sache befreunden, wenn du erst siehst, wie sich die Presse^ das Publikum dazu stellt. Aber nun komm endlich zu Tisch. Ich habe nachgerade Hunger." Er wollte sie so bei den Händen Hochziehen, aber da kam plötzlich ein Wille über sie, in ihre jchlassen Glieder. „Heinz!" Beschwörend sah sie chm in die Augen. „Gibt es denn wirklich keinen anderen Ausweg als diesen? Was du auch sagst, cs ist und bleibt ein Herabsteigen — ein Deklassieren für dich." Und für mich, setzte sie im stiUeil hinzu. „Gibt es denn also keine andere Möglichkeit? Kvine Verständigung, keinen gütlichen Vergleich mit denr Bühnenverein? Sieh, Heinz — bitte laß mich ausredeu! — Im Grunde kann man die Leute ja verstehen. Riemer hat dich gewiß schwer gereizt, aber du — bitte, sei nicht bös —> dn hast dich dann auch schlimm fortreißen lassen. Wenn du also zum Direktor gingst, dich mit ihm nussprächst und —" „Mich entschuldigte, vor den, ganzen Personal revozierte und deprezierte — nicht wahr? So wür's recht?" — 216 — Er hatte ihre Hände erregt von sich gestoßen, und seine Rügen flammten sie an. Sie eriv-ioerte nichts, unterließ selbst das leise Neige» des Hauptes. In dem Zustand überschritt er ja zu leicht die Grenzen Ec brach trotzdeni weiter los, bitteren Hohn in der Stimme: „Ja, das könnt' euch passen! Das haben sie nur ja auch zugemutet, die hochmögenden Herren vom Bühnenverein, voran der Herr Intendant. Aber ich habe sie meine Antwort wissen lassen. Und ich sag's hier auch dir noch einmal: lieber wollt' ich sonst was tun, lieber allabendlich im Kabinett meine Mätzchen machen — als das!" Und seine Augen blitzten sie fast feindselig an. Aus Gerdas Wangen war die Farbe gewichen. So stand sie vor ihm. Und nun endlich eine Regung: „Verzeih, daß ich dir etwas zumutete, das dir so unmöglich ist. Es wird nie wieder geschehen. Tu also nur, was du für richtig halst." Sie sagte es ruhig. Aber ihr Blick glitt an ihm vorbei. Sv ging sie, ihm voraus, ins Eßzimmer hinüber. •> (Fortsetzung folgt.) Die vellchenprinzejsin. Ein Märchen von Otto Neurath. In einem märchensrohen, sonnenwarmen Lande lebte einst ein guter, treuherziger König. Sein Marmorschloß grüßte von einem hohen, rebenunirankten Berge weit hinaus in fruchtbare Täler, wo ans breiten Flüssen stattliche Scgelschisse dahinzogen und große, wohlgenährte Herde» friedlich grasten. Ueberall herrschte Fülle und Zusriedrnhcil, denn der König >var mildtätig und sorgte für die Armen seines Reiches so tresflich, daß sie niemals Not empfanden. Und doch lag ein harter Druck aus dem ganzen Lande, der keine Freude und Lust hochkommen ließ. Schuld daran war ein alter Zauberer, der den, Fürsten übel gesinnt war, weil er ihn einen Frevler und Teufelsdiener genannt hatte. Hafis, so hieß nämlich der böse Alte, hatte ihm bittere Rache geschworen und deshalb fürchtete jedermann, er könne eines Tages an dem König oder seinem Töchtcrlein den Schwur ivahrmachen. Und ihre Angst war nicht unbegründet, denn der Zauberer trachtete dem Kinde nach dem Leben und nur durch eine gütige Fee, die dem lieben Prinzeßchen wohlgesinnt war, kam noch alles zu einem guten Ende. Und das ging so. Als des Königs Blondkövichen einmal allein am Goldfisch- Weiher saß und den munterflofstgen Glitzerstschchen Brotkrumen zuwarf, näherte sich ihm HasiS, der die Gestalt einer Schlange angenommen hatte, um eS durch/eincn Biß zu vergiften. Ehe er jedoch nahe genug heranaekomnien war, schlvcbte in der säuselnden Lust ein niunterer Falter daher, der so wundervoll glänzte, als sei er auS Gold, Purpur und Edelsteinen zusammcngefügt tvorden. Jauchzend sprang das Mädchen aus und eilte so lange hinter ihm her, bis er in einem tiefen, dunklen Wald plötzlich in der Ltist verschwand. Ehe das Kind sich richtig besinnen konnte, wo es sei, trat ihm eine wunderschöne Frau entgegen, die mit ihren großen, braunen Augen das Prinzeßchen liebevoll anschaute. „Fürchte dich nicht, ich bin der Schmetterling, der dich hierher kührte. Nur uni dich vor Hafis zu schützen, brachte ich dich in diesen Wald. Hier hat sein Zauber keine Macht." Tann rief sie leise einige Worte, und sofort fuhr ein reizender Wagen vor, der von Tannenzapfen gemacht war und von sechs weihen Rehen gezogen tvurde. Tie Fee setzte sich mit der erstaunten Kleinen auf die Moospolster des schmucken Gefährts und wie der Wind ging es durch den Wald dahin. Die Fahrt dauerte so lange, daß Blondköpschen einschlief, trotz der Angst, die sein kleines Herzchen schüttelte. Als es erwachte, log es in einem Garten, in dem es blühte und duftete von Blumen aller Arten und Länder. „Sieh, hier die Blumen," sprach die gute Frau sanft, „sind alle Menschen, die ich vor der Wut des schlimmen Hafis rettete. Du bist bas letzte Menschenkind, das ich in den Garten aufnehme. Auch du tvirst dich in eine Pflanze verwandeln und wer dich pflückt, wird dich und alle anderen Seelen befreie». Nur so kann ich euch vor dem gewaltigen Zauber bewahren. Alle Jünglinge aber, denn nur solche können euch befreien, die a» anderen Blumen Wohlgefallen finden, müssen so lange bei mir bleiben und mir als Vögelein dienen, bis sie, durch dich, mit den anderen Blumen erlöst werden. Und damit dich kein Unwürdiger sindet, will ich dich in ein Veilchen verwandeln." Lächelnd legte sie ihm die Hand stuf die blonden Locken und VMrmelte: „Als Veilchen blau Blüh still im Tau , Der Sonne zugewendct Bis dich entdeckt, Im Laub versteckt. Ein Retter, gottgcsendet. Gelöst sei dann Der harte Bann Und alles Leid beendet."-- Nun blühte das Prinzeßchen also als keines Blümelein zwischen großen stolzen Blumen, und nur, wenn es sich reckte, konnte es ein kleines Stückchen Himmel sehen. Ehe die Fee tvieder fortfuhr, sprach sie mit einem bunten, flinken Vögelein, das dann augenblicklich zum Schlosse des Königs flog und so lange am Fenster pickte, bis man ihm aufmachle. Der Fürst saß weinend in feincnr Stuhl und >var nicht wenig erschrocken, als der kleine Bursche, der sich ihm keck aus die Hand gesetzt hatte, munter zu plaudern ansing: „Hbrr König, im Namen meiner gnädigen Gebieterin tue ich euch hierdurch kund und zu wissen, daß Euer Gnaden Töchtcrleiit am Leben und bei völliger Gesundheit ist. Um das Prinzeßlein jedoch vor Hafis, dem Grausamen, zu schützen, sah sich meine Herrin genötigt, es in eine Blume zu verwandeln. Ä'er die Kleine retten will, muß ein Jüngling sein und von hier aus immer nach Osten reiten, bis er in einen großen, prächtigen Garten gelangt. Pflückt er dort die richtige Blume, so ist eure Tochter frei." Nach diesen Worten flog er schnell durchs Fenster davon, denn mehr durste er nicht sagen. Der König war froh, daß seine Tochter wenigstens noch lebte und ließ in seinem ganzen Lande die Botschaft des Vogels verkünden. Er selbst fügte noch hinzu, daß er dem Befreier seines Kindes, sei es wer er sei, zum Schwiegersohn und Nachfolger machen wolle. Natürlich glaichte nun jeder schlau genug zu sein, uni das rechte Blümlein zu finden, die meisten aber fanden noch nicht einmal den Weg. Erst nach fünf Jahren kam der erste zu dem Ort, mit den Menschenbiumen. Er war bei dem Aussuchen der Pflanzen sehr vorsichtig, ging in den ganzen Garten umher und sprach vor sich hin: „Vor Rosen hüte dich, Sie stechen dich!" „Löwenzahn Rühr nicht dran!" „Flieder Ist mir zuwider." So hatte er für jede Blüte eine kurze Bemerkung. Als er schließlich zum Veilchen kam, murmelte er: „Veilchen, Veilchen, Wart noch ein Weilchen, Tu bist mir zu schlicht, i Dich mag ich nicht!" Das Veilchen weinte still für sich hin, aber er merkte cs nicht, denn er bückte sich gerade, um eine Nelke zu pflücken. In demselben Augenblick aber verwandelte er sich in einen Vogel. Nach eineni Jahr ungefähr betrat der zweite Jüngling den Garten. Es war ein stolzer übermütiger Prinz, der sich für den kliig- sten und besten Menschen hielt. Er band sein Pferd, das einen Purpursattel und goldene Zügel hatte, an einen Baum und ging geradcswegs auf eine herrliche Rose zu, die in der Mitte des Gartens blühte. Sie war so zart, als se, sie aus Sonnenstrahlen ge- tvoben, und ihr Dust war so berauschend, als seien alle Äohlge- rüche des Ostens in ihr vereinigt worden. Rasch schritt er näher und in der Eile hätte er fast das Veilchen zertreten. Kaum hatte er jedoch die Rose berührt, als auch er sich in einen Vogel verwaichelte. So ging es zehn Jahre lang. Mancher sand wohl den Garten, aber keiner wählte das Veilchen. — Eines Tages kam nun ein junger, müder Soldat des Weges daher, sab all die herrlichen Blüten und freute sich der Pracht. Das Veilchen betrachtete den schmucken Krieger mit stiller Freude, und als er sich dicht bei ihm hinstreckte, klopfte sein Herzchen, daß die Staubfäden zitierten. Ter Jüngling aber schob die Arme unter den Kopf und schlief friedlich ein. Er war nicht aus des Königs Land und so wußte er auch nicht, daß er sich hier eine Prinzessin erringen konnte. Sonst hätte er wohl nicht so ruhig dagelegeu und geschlafen. Die Sonne strayne vom Himniel herab und küßte mtt ihren goldenen Strahlen dos kleine Veilchen. Schüchtern hob es das blaue Köpfchen und hätte fast das Gesicht des Soldaten berührt, wenn es nicht noch rasch beiseite gewichen wäre. Neugierig betrachtete es den Schläser und seufzte tief aus. Seine Seufzer aber waren süßer, berauschender Dust. Ter gab dem Soldaten einen seltsamen Traum. Er sah alle Blumen auf sich zukommen und über den Eindringling schellen. Nur ein liebliches Veilchen ttal für ihn ein und bat, ihm kein Leid anzutun. Aber eine Rose fuhr es schroff an und verbat sich seine Reden. „Wenn die Königin unter euch iveilt," sagte sie, „hat ein albernes Weib aus dem Volke wie du zu schweigen." Da blickte das Blümlein betrübt zu Boden. Als die übermütigen Blumen aber ihre scharfen Gerüche ausströmen ließen, um ihn zu töten, umgab es ihn mit seinem treuen Duft so dicht, daß die giftigen Dämpfe nicht durchdringcn konnten. Als er erwachte, siel sein erster Blick auf das vor ihni blühende Weilchen, und er wußte nun auch, lvarum er von der blaueii! Blume geträumt hatte. Er wollte sich das Blümchen zum Andenken abpflücken, aber statt des Veilchens hatte er plötzlich ein Mädchen in leinen Armen, und um ihn herum tanzten viele hundert Jungfrauen und sangen. Die befreite Prinzessin aber 2 IG sank ihni um den Hals und küßte ihn. Der Soldat uw durchaus nicht dumm, aber diesen Wechsel konnte er nicht so schnell sassnr. Einer der früheren Vögel mußte ihm erst alles auftläven. Da N>ar allerdings keiner so sroh wie der Soldat. Er setzte die Jungfrau, die den Worten des Erzählers eifrig gefolgt war und den Soldaten dann und wann glücklich ansah, auf das Roß des Prinzen, der sroh war, daß er wieder auf seinen Beinen stand und nicht mehr zu piepsen brauchte. In heiterem Zuge ging es zum Schlosse des Königs, der keine beiden Kinder gerührt ans Herz drückte. Bei der Hochzeit, die kurz daraus stattsand, fuhr das junge Paar in einem prächtigen Wagen, der ganz mit Veilchen verziert war, in die Kirche. Die beiden lebten lange zufrieden beieinander. Im Volks- niunde aber hieß die Königin ihr ganzes Leben lang die „Beilchenprinzesfin". Katzenelnbogen. Bon Hans Otto Becker. Einen beträchtlichen Teil des Odenwaldes, fast das ganz« nordwestliche Viertel, nimmt die ehemalige Obergrasschaft Katzenelnbogen ein, die über die Grenzen des Gebirges hinaus noch einen großen Teil des nördlichen und westlichen Starke,iburg umfaßte 1479 fiel diese Grasscliaft »ach dem Tode ihres letzten Herrn, Philipp, zufolge Erbschaft an den, Landgrasen Heinrich III. von Hessen und gerade dieser Teil bildet das eigentliche Stammland des Großherzogtnms Hessen, da nach deni Tode Philipps des Großmütigen 1567 sein jüngster Sohn, Landgraj Georg I., das Gebiet der Obergrafschaft als Landgrasschaft Hessen-Darmstadt erhielt. Noch heute führt Hessen das Wappen von Katzenelnbogen, den roten Leoparden mit blauer Zunge, Krone und Krallen im goldenen Feld, im großen Staatswappen. Der Name Katzenelnbogen klingt etwas befremdlich und es hat deshalb nicht an Deutungsversuchen gefehlt. Die abenteuerlichste davon ist Cattimelibocus, womit der alte deutsche Bolks- stamm, die Chatten (— Hessen», und der an der Bergstraße sich stolz erhebende, heute MeliboknS gen. Berg miteinander in Verdung gebracht werden sollten, ein Unsinn von geradezu grotesker Wirkung: die Chatten, die im nördlichen Oberhessen und m Kurhessen ihre Sitze hatten, wo sie bis heute blieben, als einziger deutscher Stamm, der seit geschichtlicher Zeit seinen Wohnsitz nicht verlassen hat, haben weder mit Katzenelnbogen noch mit dem Melibokus etwas zu tun: letzterer (richtig» Matchen» verdankt seinen heutigen Namen der deutschen Pseudogelehrsamkeit früherer Jahrhunderte, die in dem Berg das Melibokon des antiken Geographen Ptolemaios finden wollte. Eine Erklärung des Namens Katzenelnbogen ist bis heute noch nicht gegeben. Das Geschlecht führte den Namen von seiner am Dörsbach gelegenen Stammburg: in jener Gegend am Rhein, der Nicdergrasschaft, gehörte den Katzenelnbogenern, z. B. St. Goar. Braubach, Rhein- fels. Interessant ist es, wie französische Schriftsteller den ihnen jedenfalls greulich klingende» Namen veränderten; der Geschichtschreiber Villehardouin nennt ihn Chassenele et de Boghe oder Chassenele en Bouche und der Italiener Ferretus Picentinns Caleinemborch. Die Grafen von Katzenelnbogen waren Gaugrasen ini Ober- Rheingau. Die wichtigsten Orte der Grasschaft waren: an der Bergstraße: Auerbach, Zwingenberg, Jugenheim, Secheim, Bickenbach, Bessungen und Darmstadt, das von Kaiser Ludwig 1330 Stadtrechte erhielt und von Gras Wilhelm II. mit Mauern und Türmen versehen ward: im Odenwald: Neunkirchen, Reinheim, Groß-Biebcrau, Kainsbach, Biensbach und vor allem Lichtenberg. In Lichtenberg, heute der Glanzpunkt des nördlichen Odenwalds, hatten die Katzenclnbogeuer ein Schloß, das bis 1815 noch in Resten stand, bis es cinstürzte. Heute noch erinnert an jene ferne Zeit bas mächtige alte Bolliverk, der einzelstehcn.de, dicke, einstöckige Turm am Südende des Schlosses und ganz geringfügige Reste der alten Burg sind auch immer noch sichtbar. Das prächtige Renaisjanceschloß, das heute den Besucher von weiter Ferne schon entzückt, erbaute Landgras Georg I. 1570 Nach ihrem Schloß zu Lichtenberg nannten sich die Grafen von Katzenelnbogen, die im 12. und 13. Jahrhundert hier residierten, auch Grase» von Lichtenberg. Dies Giaseugcschlecht trat in der Geschichte wiederholt rühmlich hervor. Gras Bertold ist bekannt als Mitbegründer des la- leinijckw» Kaisertums; er eroberte sich aul der Balkanhalbinjel ein Fürstentum uni 1211». In denl Konflikt zwisctien dem lateinischen Kaiser von Büzanz, Balduin, und dein Markgrajen Boniiaz von Montserrat unterstützte er den letzteren. Gras Diether II., sein Nesse, vereinigt den ganze» Glanz mittelalterlicher Herrlichkeit aus seiner Person. Er >var ein ritterlicher Säuger und vor allem ein kunstbegeisterter Mäzen der hö- sische Dichter. Kein Geringerer als Herr Walter von der Boqel- weide war mit ihm bcjreundet und i» einem Gedicht sagt er denk Grafen Dank sür einpfangene Wohltat. Dieses laut«« in der Uebersetzung Simrocks: > Ich bin dem Ellenbogner hold auch ohne Gab' und ohne Soldt Er ist mild, blieb es auch mir verhohlen. Erfahren's denn die Reußen und die Polen! * Das erregt mir weder Haß und Neid: Ein Meister möcht ihn besser preisen, als der Schnarrenzcr Dudelweisen, ' - schätzt' er der Werten Würdigkeit. Den edle» Stein, den Diamant, Gab mir des schönsten Ritters Han», ohne Bitte ivard er doch der meine. Jcd lobe nicht die Schönheit nach dem Scheine, milder Mann ist schön und großgezogen: Man soll nach außen Inneres kehren, so kommt das äilßerc Lob zu Ehren, n»ie des pon Katzenellenbogen. Auch Heinnch Tanuhäuscr hat die Gunst dses Grasen Diether genossen mtd klagt 1266 um dessen Tod. Wie sein Onkel Bertold, zog auch Diether in den Orient, 1219 nahm er an einem Kreuzzug und an der Belagerung von Damiette teil. Ueber seine Rückkehr berichtet uns der Kölner Scholastiker Olivcrius: Ans der Heimsahrt geriet Diether in die größte Gefahr durch einen sarazenischen Seeräuber, der in cyprischen Gewässern das Schiss Aethers übersiel und durch Feuer zerstörte: nur durch Schwimmen konnte der Gras das nackt« Leben retten. Ein Graf Diether IV. beteiligte sich an der Romsahrt König Heinrichs VII. 1310 und erhielt sür seine dem» Kaiser geleisteten treuen Dienste 1312 Stadtrecht für Lichtenberg. Um 1330 erbauten die Katzenelnbogencr in Darmstadt eure Festung und 1370 ein Schloß, wo sic nnnmelw residierten. 1403 fand in Darmstadt das bekannte Turnier statt, das von Graf Emmerich iwn Katzenelnbogen ausgeschrieben und besonders blu- ttg verlief: Zu Darmstadt in den Schranken blieben neun Hessen und siebzehn Franken. Das Katzenelnbogencr Schloß in Darmstadt ist bis aus ganz geringfügige Spuren perschivunüen; im schmalkaldischen fkrieg sprengte es der kaiserliche Feldherr Graf Büren in die Luft, der die Stadt nach heldenmütiger Gegenwehr gegen die Spanier durch List gewann. Doch damit sind lvir bereits in einer Zeit angelangt, zu der, wie schon auSgeführt, die Katzenelnbogcner ansgestorben waren. Es war ein bedeutendes Geschlecht, an das wir »ns, wenn >oir im nordwestlichen Odenwald ivandern oder loenn wir zu Hause die mittelalterlichen Sänger lesen, heute noch gem« erinnern. vstchertisch. — S it n ft Io a r t. Erstes Aprilheft 1914 (Verlag von Georg D W. Callweh. München. Vierteljährlich 4,50 Mk.ß Avenarius, „Man weiß das". Auch etwas zum Frühling. Bonus, Vaterlandsliebe und Weltsprache. Schumann. Gestern, Heute und Morgen. Liebscher. August Halm in seinen Konipositionen. Halm, Bcetho- vens „Szene am Bach". Migge, Kunst und Natur im Garten. Kuntze, Das Dozentenbaus. Die Rundsckiau enthält unter andermi Wilhelm Heinz „Bolksgunst ist wankelmütig". Berichte über Erst- aussührungen in Berlin, Wciniar, München Leopold Schmidt, Von neuen Tvirwerkcn und Zwei neue Overn. Artur Müller, Die Wa- chenbnrg Der Vertretertag der „Freideutschcn Jugend". Erwin Richter, Politik, Ideal und Charakter. Schwerter, Fortbildungs- schnlzwang? Hugo Schniidt, Von der Ostertüte. Lose Blätter: Indische und morgenländische Literatur. Bilderbeilagcn: Mediz' Baum in den Alpen, farbig. Rethels Zeichnung „Gleichnis". Max Klin- gcrs Radierung „Der Herrscher", August Brömscs Radierung „Vision des Evangelisten Johannes". Notenbeilage: Halms Bagatelle. Kopfe,Rätfel. Gnttaoercha — Junggeselle - Nachtmütze — Schwitzbad — Leithammel — Kamu.eizose — Bockbier- branerei — Treibjagd — Kinderstube — Reisedecke — Rangliste — Sternenhimmel. Aus dem en'tcii imo dem leinen der vorstehenden Wörter stutz je drei, aus jedem der übiigeu Wörter ztoci ziisammciihäugcnde Biirlislahen zu entnehmen, jo daß üch daraus ein Sprichwort ergibt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummert ERNST REIS NIL 8 8 T Deduktion: K. Neurath. — Notaliousdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Sleindruckeret, R. Lange, Gießen,