Bffijirratödjtrr. Roma» von Paul Grabein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Gerda antwortete nicht gleich. Im ersten Impuls hatte es sie freudig durchfahren: die Anerkennung gerade vie in jedem." Wieder wollte es in ihr auswallcn in heimlicher Freude. Doch abermals unlcrdrückte sie das und legte einen ironischen Zweifel in ihren Ton. „Sie batten also Heinz Keßler für einen solchen Geulte man?" Seine Hand, die er aus die Maucrbrüstung gelegt hatte, hob sich ein wenig. „lim das ivirklich beurteilen zu können, kenne ich diesen Herrn doch zu wenig. Aber ich möchte es ihm zutrauen. Schon seiner ganzen Herkunft nach." Gerda horchte auf. „Wieso das?" „Nun, es ist schon etwas dran an dem Gerede, von dem Ihr Fräulein Schivester neulich sprach. Keßler ist in der Tat Militär gewesen. Allerdings nur sehr kurze Zeit. Er stand als Avantageur bei den Darmstädtcr Dragonern, bekannt lich einem sehr exklusiven Regiment. Aber schon als Fähnrich hat er seinen Abschied genommen, nehmen müssen. Wegen eines Sturzes vom Pferde." „Das ist ja in der Tat ganz interessant." Gerda sagte es leichthin, aber es klang jetzt doch etwas wärmer. Es entging ihm nicht, und mit einem langen, stillen Blick sah er sie an. Dann richtete er sich von der Mauerbrüstung auf. Gerdas Auge suchte ihn, aber ein wenig unsicher. „Sic wollen weiter?" „Ja." „Was haben Sie heute abend vor?" „Ich gehe heim - arbeiten. Was soll man sonst anfangen?" Und er reichte ihr die Hand hinauf. Es war wie ein geheimes Bitte» in ihrem leisen Gegendruck. Aber er schien cs nicht z» gewahren. Er legte nur noch grüßend die Rechte an die Mütze und ging dann. Gerda blickte Kyllburg nach, als er langsam die Straße binabschrilt, die einförmige, nüchterne Straße — gradlinig »nd trist, ivie es sein Weg durchs Leben fortab sein wurde, llnd eine Trauer um ihn kam über sie. Gesenkten Hauptes saß sie so, bis die Dunkelheit sie ins Haus trieb. Drinnen, mit dem hellen Licht, drängten sich ihr andere Gedanken empor: seltsam treibend und doch auch Widerstand herausfordernd. An das, ivas Walter Kyllburg eben über Keßler gesagt, mußte sie denken, in einem fort. ES >var, als ob er nun zu ihnen gehörte, zu ihrem Lebcnskreise, und sie sich nicht mehr deklassierte. Das hob Schranken ans, vor denen ihre Gedanken bisher immer Halt gemacht hatte». Aber dann regte sich doch wieder der alte Stolz in ihr. Gegen den allzu verwöhnten Künstler und Fra >e»bcsieger. Sie da auch mittun? Wenn auch nur in Gedanken - - nein, dessen sollte er sich nicht rühmen dürfen! Und so nahm sie denn ein Buch und zivang sich in eine ganz andere Gedankenwelt hinein. Aber doch slog ihr Blick von Zeit zu Zeit auf die Uhr an bfcr Wand. Ob denn dav Theater noch nicht bald aus war uüd sic Näheres erfuhr von Astrid? 174 Endlich kamen Mutter und Tochter heim, und die beiden Mädchen gingen hinauf in ihr Zimmer. Astrid machte ihrer Begeisterung während des Ausklcidens Lust: „Wunderbar war's, geradezu wunderbar! Du hast was versäumt, sag' ich dir, Geröa. Ich Hab' ja noch nie einen Othello ivie den Kehlers gesehen. Ga" modern hat er ihn gespielt, weiht du: nicht der wilde Kulissenreißer mit dem obligaten Gestöhne und Zähneknirschen, io 'ue schwarze Bestie im Venezianerkostüm — nein, ganz der vornehme Maure, von hoher Kultur. Ein ganz moderner Mensch, beherrscht, ja kalt — aber doch merkte man, wie's unter dieser kühlen Oberfläche brennendheiß brodelte. Und dann die Momente, wo's lichterloh losbrach. Diese Töne, dieses Spiel — es schüttelte einen bis in die Zähne. Herrgott, ist das ein Mensch, dieser Keßler! Glatt zum Verlieben — aber auch zum Fürchten." Und so schwärmte Astrid noch lange, selbst als sie schon unter der Bettdecke lag. Gerda hörte alles mit an. Wohl freute es sie. Aber sie wartete doch eigentlich noch auf etwas anderes. Woran Astrid in ihrer Kunstbegeisterung offenbar jetzt gar nicht dachte und wonach sie nicht fragen mochte. So blieb ihre Spannung ungelöst. Ja, die jüngere Schwester drehte jetzt das Licht ctus und kuschelte sich wohlig unter der Bettdecke zurecht. „Na, nun aber gut' Nacht! Ich bin mordsmüde — von all der Seelenmotion." Da gab Gerda dem Drängen in ihr nach. „Nur eins noch, Astrid — wie war er denn sonst? Hat er wieder so viel nach unserer Loge gesehen?" „Ach ja — richtig!" Und matt hörte an einem Rascheln, wie sich Astrid ihr noch einmal zukehrte. „Im Anfang hat er sofort wieder 'rübergeguckt. Aber als er, anstatt deiner, Mama erspähte, da verließ ihn alsbald das Fieber. Auf meine Person legt er offenbar weniger Wert, behufs Kunstbegeiste- rung. Kannst dir also getrost gratulieren zu dieser neuesten Eroberung. — Na, nun aber definitiv gute Nacht!" Und sie Ivars sich wieder auf die andere Seite. Bald klangen die Atemzüge einer Schlafenden zu Gerdas Lager herüber. Sie selber lag noch lange wach. Und jetzt, wo sie sich ganz allein, ganz unbeachtet wußte, jetzt genoß ihre Phaw- tasie den Anblick seines Spiels nach, wie ihn die Schwester geschildert; jetzt empfand sie wieder mit leisem Erschauern den Eindruck seiner Mannespersönlichkeit. Und wieder kam es über sie, jenes dunkle Erschrecken vor sich selber, vor Tiefen ihrer Natur, die sich wie mit einem Schlage geöffnet hatten — ein Erschrecken, dem sich doch ein Sehnen gesellte. Sich selber zum Schutze wollte sie sich da die Unterhaltung heute abend wieder in Erinnerung rufen. Die ernsten, hoffnungslosen Worte, die sie über sich zu Walter Kyllburg gesprochen hatte, den Anblick seiner stillen Entsagung, der sie so mit Trauer erfüllt hatte — aber es gelang ihr nicht. Der Freund war ihr in dieser Stunde so fern. Sie fühlte ihn nicht mehr, sondern nur das ausgestörte Pulsen ihres jungen, nach dem Leben fiebernden Blutes. Am andern Mittag kam Astrid von ihrem Ausgang ganz aufgeregt ins Haus gestürzt und zu den Schwestern ins Zimmer. .Linder, eine große Neuigkeit! Ich komme eben von Landrats. Die waren doch gestern abend mit aus dem Schloß zu dem Essen, das zu Ehren von Keßlers Abschiedsvorstellung veranstaltet worden ist. Da ist's feierlich beschlossen worden: Es gibt einen Ricsenrummel — eine Gartengesellschast bei Prinzeß Juliane! Ein Wohltätigkeitsfest für irgendwelche Ueberschwemmten oder Abgebrannten — ja, in Konstantino- pel, glaub' ich! Na, ist ja auch schließlich egal; die Hauptsache ist: auch Keßler ist von der Prinzeß für die Sache gewonnen. Um ihn herum ist ja eigentlich auch die ganze Chose arrangiert. Er wird sprechen und zur Laute singen — das kann er nämlich auch. Und wir, Gerda und ich, sollen mit verkaufen! Ist das nicht famos? Ja, tvenn wir unsere gute July nicht hätten! Die sorgt doch noch dafür, daß in unserem Dorf wenigstens ab tind zu mal 'n bißchen Betrieb ist." Und ausgelassen wirbelte die Jüngste im Zimmer herum, während sie ihre Sachen achtlos hinwarf, hierhin und dahin, wo es grade traf. Heinz Keßler würde kommen, sie würde ihn also kennen lernen — in aller gesellschaftlichen Form. Und Gerdas Antlitz, dasjieute ein wenig blaß war, färbte sich mit einem wärmeren Schein. „Ich denke, sein Aufenthalt hier soll mit dem gestrigen Gastspiel endigen?" warf sie nun ein. „Er ist doch, wie in den Zeitungen stand, für die nächste Woche für Hamburg verpflichtet?" „Gewiß, aber er konimt eben extra am Sontitag 'rüber. Du, er kommt, mischt sich huldvollst unters Volk, wird mit uns tanzen, — na, was sagst du nun?" Und sie gab neckend der Schwester einen kleinen Schubs. Aber Gerda bewahrte äußerlich ihre Ruhe. „Was iveiter? Als ob tnau nicht schon mit ganz andern Leuten getanzt hätte?" ' „Ach du! — Verstell' dich doch nicht so. Ich iveiß doch ganz genau, wie es um dich steht. Gestern abeno, vorm Einschlafen, deine Frage — ich bin doch nicht sanst geklapst! Also, mir brauchst du dieses Theater wirklich nicht vorzn-: machen, teure Schwesterseele." Und sie umfing übermütig die andere. Aber Gerda machte sich schnell frei. „Laß doch die Dummheiten. Sag' lieber, wie soll das mit uns werden, mit dem Verkaufen?" „Ist schon alles bestimmt: du Blumen, zusammen mit Tilly Brencken, und ich mit Ellen Sekt — bei Frau vo» Brandy in der Bude." Und sie berichtete eifrig das weitere von dem Festprogramm. Der große Tag kam dann heran. Es war ein linder« noch ganz sommerlicher Abend. Alles was zur Ellcrstedter Gesellschaft gehörte, war heute im Schloßpark vereint, der übersät war von bunten Lampions. Auf dem großen Rasen- roudell zwischen den beiden Schloßslügeln waren die Er- irtschungs- und Verkaufszelte ausgeschlagcn. Hier Ivogte oas Hatchtgedränqe des festlichen Treibens, aber auch in den dunkleren Alleen und zwischen den Bosketts des altertümlichen Parks, noch aus der Rokokozeit her, schimmerten helle Sommertoiletten und glitzernde Uniformen aus. In dem Sektkiosk, unter dem Protektorat der tnuiH teren Frau von Brandy, hatten die beiden jugendfrischen Verkäuferinnen reichlich zu tun. Jeder nahm gern ein Glas des perlenden Schaumweines. Die Herren drängten sich vor dem Zelt. Gerda trat auch einen Augenblick an den Stand heran, wo Astrid verkaufte. Lustig wies diese auf ihre Gäste. „Der Laden ist voll. Geschäft geht glänzend! Wie stcht's bei dir?" „Danke, kann auch nicht klagen. Hab' meinen Korb eben zum dritten Mal gefüllt." Und sie hatte alsbald von neuem zu tun, denn die um-j stehenden Herren beeilten sich nun auch, dem schönen Mädchen die Rosen abzunehmen. „Ah, sieh da, Herr Petersen! Auch da? Habe Sie schon lange schmerzlich vermißt unter meinen Kunden. Wollen Sie mich nicht auch in Nahrung setzen?" lFoctsetzung folgt.) 3m vo elsberg. Von T h. C c l l a r i u s. Ein Abschied. lFortsetzung.) Nachdem die Schule aus war, was im Sommerhalbjahr schon um zehn Uhr der Fall war, fanden sich auch Kinder bei den Auswanderer ein. Sie fehlen so se.ten dort, wo elivas Außergewöhnliches geschieht und am wenigsten an Orlen, wo das Alltagsleben nicht oft davon unterbrochen wird. — Die Dorfkinder folgen nicht nur den Wandermusikanten und Hochzeitszügen, sondern sie begleiten auch jeden Leichenzug zum Friedhos, noch ehe sie zu den Sängern der Sterbelieder gehören, um dort entweder bloß neugierig oder mit den ersten Fragen über das dunkle Rätsel voui Leben und Sterben in der Seele deni Zugrabelegen zuzuschaueu. Im Hause der Auswand, ^r fehlten sie also ebensalls nicht, und sie schienen nicht gewillt, den Platz zu räumen, ehe das Schauspiel zu Ende war, aber um nicht überall im Wege zu stehen, drückten sie sich bescheiden an den Wänden herum. Tie beiden jüngsten Töchter der Witwe schluchzten am heftigsten, als ihre „Kameradinnen", die Mitkonsirmierten, mit welchen sie die Freuden ihres seitherigen Lebens geteilt hatten, zum Lebcwohlsagen kamen. Doch Kinderschmerzen und Aprilschauer gehen meist schnell vorüber! Das durste man auch von dem Schmer» dieser Vierzehn- und Sechzehnjährigen anuehmen! Aber still und traurig stand Ami,*) die älteste der Schwestern, daneben, *) Ami, ein im VogelSberg gebräuchlicher, aus Anna Maria gebildeter Namen. 175 Tie trug ben Kops mit dem welligen Blondhaar wie unter einer schweren Last gesenkt, und aus ihren treuherzig blickenden blauen Augen löste sich kaum eine Träne. Sie Halle in der letzlvergangenen Zeit schon so viel geweint, aber nun blieb ihrein schweren Herzen die Erleichterung durch Tränenskröme versagt! Nnd ein ähnlicher Ausdruck von verhaltenem Schmerz — den der Vogelsberger Brast nennt — stand in den Zügen _bcs jungen Burschen geichrieben, der schon lange in einer Ecke der Stube stand und das stille, traurige Mädchen unverwandt anslarrte. Am Abend vorher war er ums Haus geschlichen, und Ami, die gesühlt halte, dah er komme» müsse, war zu ihm in den Gras- garten gegangen; und er hatte sie in die Anne geschlossen, als ob er sie für immer dort festhalten wolle: und unter Küssen, heißen Tränen und Versicherungen unverbrüchlicher Liebe hatten sie Abschied voneinander genommen, einen Abschied, der durch keine Hoffnung auf die Zukunft gemildert wurde. Bald würde sich Land und Meer zwischen sie legen! Und der vermögende Bauernsohn besaß nicht die Macht, die Geliebte zurückzuhalten, weil er ihr die Türe des Hauses — dessen Erbe zu sein er bestimmt war — nicht öffnen durfte. Denn noch gehörte es seinen Eltern, die ihr den Eintritt darin verwehrlen. Wenn er sie trotzdem geheiratet hätte, hätte er sein Elternhaus mit leeren Händen verlassen müssen, und die Armut wäre ihr beiderseitiges Los gewesen; Unter solchen Umständen hätte auch Amis Mutter die Einwilligung zur Heirat nicht gegeben. Ami, freilich, wäre dem Geliebten auch in das bescheidenste Heim glückselig gesolgt, wenn sie nur der Eltern Segen mit hinein hätte nehmen dürfen! Doch als Ursache des Zerwürfnisses wollte sie nicht zwischen ihm und seiner Familie stehen, und ebensowenig hätte sie als ungern Geduldete in dem stattlichen Bauernhaus mit leben wollen. * Das Leben der Bauersleute wird ohnedies dadurch erschwert, das; die jungen Leute mit dem Eintritt in den Ehestand nicht selbständig tverden, sondern unter den Willen und die Ersahrung der Eltern gestellt bleiben, in deren Haus sie einheiraten. Ja es kommt nicht selten vor, daß vier Generationen, also tvie es in dem bekannten Gedicht heißt: „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind," unter einem Dach zusammen Hausen. Wenn trotzdem das Leben in vielen dieser Faniilien geradezu vorbildlich geführt wird, ergibt sich daraus ein hoher Begriff von den Charaktereigenschaften ihrer Glieder. Für Ami wäre das Eheleben eine Kette von Leiden und Demütigungen geworden, wenn sie sich die Stellung als Schwiegertochter bei den Eltern des Liebsten hätte erzwingen können und mögen. Und auch er, den sie liebte, wäre dabei seines Lebens nicht froh geworden. Das wußte sie! Das durfte nicht sein! Und so war das Ende vom Lied gekonimen! eines Liedes, das im Glücksgesühl der ersten Liebe jubelnd wie Lerchensang zum Himmel emvorgestiegen und unter Kampf und Leid — und dennoch ohne Bitterkeit — wie ein schönes, schwermütiges Volkslied verklungen war. Und deshalb schaute der junge Bursche das Mädchen an, wie man in das stille Antlitz eines geliebten Toten blickt: so langte es noch möglich ist, aber durchdrungen von der Unabwendbarkeit eines Geschickes, das sich vollzogen hat. * Dann kam der Leitertvagen, auf welchem die Auswanderer mit ihrer Habe und einigen ihrer nächsten Freunde und Verwandten, die ihnen noch ein Stückchen das Geleite geben wollten, Platz fanden. Als kr durch die lange Hauptstraße fuhr, flogen die Fenster aus, oder die Leute stairden vor den Türen, und es war ein Grüßen und Winken, bis er aller Blicken entschwunden war. Nur aus einem ansehnlichen Haus war niemand vor die Türe gekommen, und kein Fenster war ausgeslogen! Aber hinter dem geschlossenen Fenster hatte dennoch eine Frau dem Wagen nachgesehen und zwar mit gemischten Gefühlen. Die Oberhand hatte jedenfalls ein Gefühl der Erleichterung gehabt! aber ein unter der Mühe und Unerbittlichkeit des Lebens noch nicht ganz erstorbener Klang aus der eigenen Jugendzeit ließ sie das Leid ihres Sohnes verstehen, der heule das Opfer seiner Liebeshossnungen halte bringen müssen. Und welcher ^Mutter ginge das Herzeleid ihres Kindes nicht nahe? — Als ihr Sohn heute früh nicht mit hinaus aufs Feld gegangen war, hatten sie und ihr Mann getan, als merkten sie es nicht; und auch jetzt ging sie ihm nicht nach, als sie ihn mit müden, schweren Schritten in die Scheuer gehen sah. Wie hätte sie ihn trösten können? Diesen einen Tag mochte er frei haben, um sein «ntschnmndenes Glück zu beweinen! Gegen das sanfte, fleißige Mädchen zwar, das eben die Heimat verließ, hätten sie und ihr Mann nichts einzuwenden gehabt und es gerne als Schwiegertochter begrüßt, wenn es vermögend gewesen wäre! Und trickst purer Bauernstolz und niedrige Habgier, die in jeder Verbindung mit einem weniger bemittelten Teil eine Mißheirat sehen, hatte bei ihrer Weigerung im Vordergrund gestanden, sondern die Berücksichtigung gegebener Verhältnisse. Ihr Sohn hatte einst bei der Uebernahme des Gutes nicht nur ihnen, den Eltern, einen Auszug, d. h. einen Teil des Besitzes, zur Nutznießung zu überlassen, sonder» auch vor allen Dingen seinen beiden Schwestern ihr Erbteil abzngeben oder auszuzahlen. Dasselbe würde anderen Bauernhöfen zugute kommen, in welche die Mädchen einheirateten, aber das eigene Gut müßte verarmen, wie ein Körper, dem mehr Blut entzogen wird, als er entbehren kann, wenn ihni durch das Heiratsgut der Sohnesfrau nicht neue Lebensqnellen zu- sließen würden. Das war unanfechtbare Bauernlogik! Und man kann den Bauern die Zähigkeit, mit der sie an deni durch die eigene und der Vorfahren Lebensarbeit errungenen Besitz hängen, kaum verargen, denn durch Bauernarbeit kommt niemand schnell zum Wohlstand, wie es im Geschästsleben wohl manchmal der Fall ist. Langsam, fast unmerklich wie das Werden und Wachsen in der Natur, geht es in dieser natürlichsten aller Berussarten damit voran, besonders dort, wo die Natur nicht allzu verschwenderisch ihre Gaben austeilt: und an allem, was sich die Menschen unter viel Mühe und allerlei Hemmungen errungen haben, hängen sie am meisten. Aus all diesen Gründen hatte die Frau bei dem Kämpfen ihres Sohnes inn sein Liebesglück immer, wenn auch mit schwerem Mutterherzen, aus der Seite ihres Mannes gestanden, der es ihm unerbittlich verweigerte. Nun würde endlich wieder Frieden im Hans einziehen: und ihr Sohn, der „aus Heu und auf Stroh" seinen Schmerz ausweinte, würde sich in das Unabänderliche zu finden wissen ! Doch warum hatte der junge Bauernsohn — nach dem vergeblichen Versuch, das von Gott geschassene, ewige Naturrecht des Herzens den aus menschlicher Not und Konvenienzen entstandenen Rechten und Bräuchen der Welt gegenüber zu behaupten — nicht den Mut seiner Liebe gehabt? Warum, hatte er, der so innig zu lieben verstand, nicht alles verlassen, um deni Weibe anzuhangen, das er mehr als alles liebte? Um das zu verstehen, muß man die Menschen verstehen lernen, die dies Gebirge bevölkern: Das sind keine Himmelsstürmer, denn sie wachsen auf in dem Gefühl der Abhängigkeit von höheren Mächten. Sie pflügen und säen, aber sie wissen, daß der ErsolZ ihrer Arbeit davon abhängt, ob Unwetter und Hagelschlag ihre Saaten verschonen, ob der Himmel mit Sonnenschein und Regen zur rechten Zeit ihr Werk segnen wird. Und auch der Eltern Wille ist für sie eine Macht, von der sie sich abhängig fühlen, bis sie selbst an deren Stelle stehen. Auf der heimischen Scholle, zu deren Bebauung der junge Bauernsohn vorgebildet wurde, ist der Ort, wo er zum Mann witrd und sich sicher fühlt, aber jenseits derselben sängt sür ihn die Fremde an, die das Elend ist: denn es fehlt ihm jede Vorbedingung zu einem Sichdurchsetzen in der Welt, wenn das Schicksal ihn von seiner Scholle vertreibt. Draußen auf den einsamen Tristen, wo die Vogelsberger Bauern schon als Knaben das Vieh gehütet haben, und wo sie noch als Männer das Hirtenamt ausüben, wenn die Feldarbeit nicht drängt, kommen sie dazu, über Gott nnd die Welt und das Leben nachzudenken: und mancher wird dabei zu einem weisen Mann und bäuerlichen Naturphilosophen: und andere werden inmitten einer Gebirgsnatur mit vorwiegend ernstem, ja oft melancholischem Charakter zu innerlich tief angelegten Menschen, aber nicht zu solchen, die entschlossen alles Hinweisen, um eines zu erringen; die des nicht achten, was sie bei ihrem Ansturm gegen das Hergebrachte unter ihre Füße treten. Elternwille, Heimat und Vätererbe, an dies alles fühlt sich der junge Bauer durch das Gewissen so fest gebunden wie der Fürstensohn und Erbe eines Thrones. Beide haben als Knaben schon gewußt, wo es ihnen bestimmt ist, als Männer zu stehen; und beider Erziehung hat unter dem Gesichtspunkt gestanden, sie zur Uebernahme ihres Bätererbes geschickt zu mdchen; und wo die Forderungen des Herzens nicht in Einklang zu bringen sind mit den Forderungen ihrer Lebensstellung, entstehen die gleichen tragischen Konflikte im Bauernhaus wie rm Fürstenschloß. * Wie das Leben des jungen Bauernsohnes, der sein Lieb mußte ziehen lassen, weiter verlief, bleibt verschleiert wie die Schicksale derer, die nicht aus der großen Menge hervorragen. Es lassen sich nur Schlüsse vom Allgemeinen auf das Besondere ziehen. Wenn Zeit und Arbeit an dem unglücklich Liebenden ihre heilende Kraft bewiesen haben, wird er an seinem Vätererbe, für dessen sicheren Bestand er sein Herzensglück dahingeben mußte, um so fester hangen und es eines Tages sür seine Pslicht halten, seinem Haus eine junge Bäuerin und damit seiner alternden Mutter die nötige Stütze zuzusühren. Alle erdenklichen Rücksichten und Erwägungen werden seine Wahl leiten; nur sein Herz wird wenig dabei mitzusprechen haben! Die also Erwählte wird seinen Ellern willkommen sein, und sie wird ihm Kinder schenken, die er mit aller Innigkeit liebt, deren sein Herz fähig ist. Und wenn beide Ehegarten gutartig sind, werden durch die Lebensgemeinschaft her Ehe mit der Zeit auch ihre Herzen einander näher kommen. So mag es sich im besten Fall gestalten I Volles, tiefes Herzensglück, das in dieser unvollkommenen Welt überhaupt ein seltenes Kräutlein ist, ist gewiß am seltensten dort anzutrefsen, wo die Rücksichten aus Stand und Vermögen hei der Wahl der Ehegatten ausschlaggebend waren. Wenn dann die Zeit gekommen ist, wo der junge Bauer an seines Vaters Stelle über Haus und Hof zu gebieten hat, wird er — gegebenen Falles — an seinem herangewachsenen Sohn handeln, wie es 176 sein Vater an ihm getan hat und auch von diesem das Opfer verlangen, wie er selbst es einst^ bringen mußte. Das Leid der unglücklichen Liebe war in dem Dorf an der Moder Nichts Seltenes. Es man seinen Schatten über daS ganze Leben mancher davon Betroffenen, denn die VogclSbergcr sind nicht leichtlebig. Wie ihr Gebirge, nachdem es die blumenreichen Wiesen- gründe mit den murmelnden Bächen hinter sich gelassen bat. mit dem Zug stiller Schwermut zu seiner Bollendnng ausstcigt. so bergen auch sic — wenn ihnen das Leben die große Euttäuschurzg gebracht bat — einen melancholischen Ernst iui tiefsten .Herzensgrund ; und alle Freudenblumen. die ihnen noch blühen, gleichen den blassen, dürftigen Blümlein, die zwischen dem Gestein aus den Oedlandstrichen ihrer Heimat tvachscn. Und weil Liebe und Leid io oft miteinander verbunden sind, klingen die schönsten und tiefsten Volkslieder so voll Schwermut über Höhen und Täler unseres deutschen Vaterlandes. (Fortsetzung folgt.) Theateraaentni und ihre Nniffe. Der englische Musikschriststeller Claude T r e v o r hat es sich zur Ausgabe gemacht, die Mitzstände im Berufe der Tbeater- agcnten zu studieren und entwirft nun in der Daily Mail ein wenig erfreuliches Bild von dem Berhältnis der Opcrnkünstlec zu Manchen ihrer Agenten. Trevor hat die meisten seiner Beobachtungen in Mailand, dem „Stimmemnarkt" des italienischen Opernwesens, gesammelt, hat als junger Mensch, ebenfalls in Mailand, gleiche Erfahrungen gemacht und meint, daß nach seiner Kenntnis der Tinge die gleiche» Mißständc ivohl in allen Musikstädten Europas und Amerikas wiederkehrcn. Die großen und angesehenen Agenten, die mit strenger Gewissenhaftigkeit ihren schwierigen irnd aufreibenden Berus versehen, haben bitter darunter zu leiden, daß sich nur allzu viel Elemente zur Tätigkeit eines Thealeragcntcn drängen: Elemente, die das Anfeben des Berufes schwer beeinträchtigen und die Künstler nur zum Gegenstand einer oft geradezu betrügerischen Ausbeutung macken. Reben den jtvemgenbekannten unbedingt ehrenhaften Agenten gibt es Hunderte, die sich von keinen Skrupeln beschwert fühlen. Sie greifen zu Kniffen, die, wie durchsichtig sie auch sind, von den leichtenthusiasmierten Sängern und «ängerinnen in Augenblicken der Notlage nicht erkannt werden. „Ich tvill nur einen dieser Kniffe erzählen, mit dem kürzlich einer jener „Herren" eine Menge Geld „verdient" hat. Natürlich ivird zu solchen Raub zllgcn die geeignete Zeit gewählt: der Schluß der Saison, wenn das Gespenst der Engagenrentslosigkeit festere Formen annimmt und das Portemonnaie inimer dünner wird. Da eröfsnete in Mailand Herr A. seine Agentur, sorgte durch geschickte Reklame und Mittelmänner dckfür, daß inan in Tbeaterkreiscn erfuhr, er fer der Agent eines großen amerikanischen Impresarios, der drei Gesellschaften zu einer „Tournee durch die Vereinigten Staaten" zusammenstelle: lind alsbald war das Bureau des Herrn Agenten von ungezählten Hunderten von Sängern und Sängerinnen belagert, von Künstlern, die mit irdischen Glücksgütcrn nicht gesegnet waren und mit klopfendem Herzen ans die glänzenden amerikanischen Engagements warteten. Allein ehe man Vorsingen durfte. Mutzten 30 Frs. Subskription bezahlt werden: der Abon- nementSpreis für ein von Herrn A. herausgcgebencS Theaterblatt, ferner 2 Frs. für die Begleitung während des Vorsingens. Mehr braucht Wohl kaum erzählt zu werden: eines schönen Tages, als die Brieftasche des Herrn Agenten genügend gespickt und geschwellt war, toaren die Pforten deS Bureaus geschlossen und der Mann abgcrvist, höchstwahrscheinlich, um m anderen Musikstädte» seinen Kniff zu wiederholen." Die „Theaterzeitschrift" ist überhaupt ein beliebtes Mittel solcher Herren, um sich ein ansehnliches Einkommen zu schaffen. Be, ihnen wird ein engagementsuchender Kiinstler niemals zum Vorsingen kommen, so lange er nicht sein Abonnement angemeldet und bezahlt hat. Die Verträge, die mit unerfahrenen oder in Notlage befindlichen jungen Künstlern und Künstlerinnen geschlossen werden, enthalten fast immer Bestiminungen, über deren Tragweite die oft in geschäftlichen Dingen »oenig unterrichteten Sänger — besonders Anfänger — sich selten klar iverdcn. Dann werden kurze Saisonengagements abgeschlossen, bei Gagen, die kaum zur Bestreitung des Lebensunterhaltes in den teuren Orten reichen. Tie Sängerin aber, die von diesen Lebensverhältnissen im fernen Auslande wohlweislich nichts erfuhr, sitzt dann nach vier Wochen engagemcntslos in der Fremde: und mutz mit einem Male bemerke», daß stc nicht die Rückfahrt erhält. Tenn davon steht nichts im Vertrag, und die Kalse zur Hinfahrt drückte man ihr beiin Abschluß des Vertrages wortlos mit der Miene der Selbstverständlichkeit in die Hand. vermischte». Ir»». Ei» iieucr St» »e sa v pa rat ist in jüngster Zeit bei niederen Wirbeltieren entdeckt und untersucht worbe». Tteler Sinnesavparat ist nicht aus der Kürperobecstach« lokalisiert und kann soinil keine Erregungen von der A»ß nwelt aulnehmen. Er liegt vielmehr in dem lewen Kanal, der das Rückenmark durchzieht. tm Zentrolkanal. Dort wurde er bei», Lanzctlsischchen, dem 'Ihnen der Wirbeltiere, und de» niedrig siebenden Neunaugen gesunden. Sein tan ist etwa folgender: In der Wand der Nücken- markrohreS stecken zahlreiche Sinnerzeste», die mit einem empfindlichen, Druckreize nulnebmendeu Sinneslortsatz in den Zeiitralkanal vorragc», ivährcnd vom anderen Ende der Zellci, aus Nerven- iaie>», di« die Emvstndung z» anderen Zenlren leite», abgeben. 3», Zentralkana! aber ist bei bc» Neunaugen ein iadenaitiges Gebilde straff anSgcipannt. Alan nimmt mm an, daß bei einer Bieainig des sich schlangelnd bewegenden Körpers der Faden auf d e ElnneSwrtfätze drücke. Dabei luüsfe» bei jeder Lage ander« livitsätzc in Betracht kommen, also auch aiidere Zelle» und Neroen- ialern erregt ivirdeii. To kann jede Krümmung, jed» Lage- veräiidernug v» emcc bestimm!«» «teste registriert iverde». Der ganze Apparat also dient asten, Anscheine nach zur Regelung der Äcivegnnge». Da beim LavzeUfnchche» der Faden fehlt. ist an- uinebniei!, daß dort die Lageverändernnaen in anderer, einiacherer Weise ans die Tianeszeste» üve>trage» werden. Dr. St. * Fachmännische Erkundigung. Ein Trupp von Besuchern wird von den Führern durch da§ Britische Museum ge- sübrt, und der Cieerone erläutert gerade den andächtig Zuhörenden die Schönheit eines „sterbenden Kentauren", als plötzlich ein Schweinezüchter aus Sniithiield mit lebhaftem Interesse an ihn die Frage richtet: „Sagen Sie mal, wie wurde eigentlich dieses Wesen ernährt, bekam es Schinken mit Ei oder Heu?" * Vorsichtig. „Haben Sie je eine Ehe ins Auge gefaßt?" fragt der junge Mann den alten, hartgesottenen Junggesellen. „Gewiß. mein Junge," erklärte der Junggeselle langsam, „aber stets aus sicherer Entfernung." _ vüchertlsch. — Die deutsche Prinzessin. Der Verfasser des soeben erschienenen Romans von Georg Hirschfeld ist durch fein* Dramen „Agnes Jordan", „Die Mutter" u. a. schnell berühmt geworden. Inzwischen Hai er sick> auch als guter, dichterisch hochstehender Erzähler erwiesen und bat in iminer reicher werdender Sckiasscnskrast soinen eigenen S'il gesunken. Er charakterisier! fein und uuansdri, glich »d hebt gerade die Unter ehmnnge menschlichen Gesühiswbcns mu lichcrcr uunst heraus D,e e Vorzüge zeig! auch sein neuer Roman. Ein Problem, das mir „Untertanen" seit Jahrhunderten vor uns sehe», ohne ihm gls Menschen aus den Grund kommen zu wollen, d:ckt dieser Roman auf Zwei Welten scheidet das Leben des Fürsten: die seines individuellen Daseins, das aus denselben Wagschalen der Qual und Lust liegt, wie das unsrige, und die seiner nach außen wirkenden Existenz, ein seltsames, immer wiederholtes Opfer an den lügnerischen Moloch „Macht". Die Handlung spielt an zwei Fürstciihöscn. Das bunte, interessante Leben der verschiedenartigsten Menschen, die ineisterhasie Zeichnung, die Frische und Abwechselung sesfeln den Leser. Dem Inhalt habe» die Verleger, Gebrüder Enoch, Hamburg, daS äußere Gewand Ivürdig angepafti. Preis geheftet 4 Mk., gebunden 3 Mk. — Halt, steh still mein Freund, das neue'e Bäich» chen der „Lebensfreude", erscheint bei flüchtigeni Hinblick für unsere rastlos vortvärts drängende Zeit wenig am Platz. Und doch - gerade dieses ewige Hasten und Vlnkzcbren der geistigen und körperlichen Kräfte nackt einem vielfach nebelhaften Ziel fordert dringend einen Mahnruf zum Besinnen aus de» eigentlickw» Zweck des Lebens. Das neue Büchlein erhebt seine Stimme und fordert auf, über die Zukunft nicht die Gegenwart zu vergessen, Solcher mahnender Bücher bedarf imsere Zeit (Preis 1 Mark, P. I. Tanger, Verlag.) _ Buchstabenrätsel. a, ab, am, ch, di, k, kr. In, na, ». orh, pf, pf, ra, ral, son, n. AuS vorstehenden Silben »nd Dncbstaben losten lünk Wörter gebildet und derart untercinander geletzt iverde», daß die Anfangs« buchstabcn von oben »ach »nte» und die Endbuchstaben von »men nach oben gelesen, den Namen eines volkstümliche» Gelehrten ergeben. Es bedeute» aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Stadt ln Ungarn. 2. Gedtrae mit grotzein Mineralreichlum, 3. Griechische Göttin. 4. Berg im Fichtelgebirge. 5. Entsteht bei übertriebener Heiterkeit. Auflösung in imchster Nummer. Auslösung des magischen Dreiecks in Voriger Nnmtklerl N 13 L K E F, S A U LAR K U E Redaktion: K. Benrath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universttäis-Bnch- »nd Steindruckerel, R. Lang«, Gießen.