Dkkixirrstöchter. Ronian von Paul Grabetn. (Nachdruck verboten.) (Fvrtse-img.t Sie blickte einem, mit spitzem Mündchen zierlich geblase« neu Rauchringe nach, aber beobachtete.dabei doch unter den halbgesenkten Wimpern hervor Gerda.'Indessen blieb diese ganz ruhig. Statt ihrer lieg sich drüben Edith vernehmen: „Zigaretten? Gin höchst unpassendes Viclliebchrn-E)e- schcnk. üorrektcriveise darf ein Herr einer Dame doch nur Blumen schicke». Jedes andere Geschenk ist eine Taktlosigq keit — verletzend für die Dame. Wie konntest du nur an- nkhmen!" „Pah. ivenn ich nach deinem Sittenlodex leben ivollte, liebste Edith, dann tonnte ich nur schon von vornherein auf jedes Vergnügen verzichten. Fallt mir ja aber gar nicht ein. Was sang' ich mit Blumen an, die morgen welk sind? Warum soll ich da i» aller Welt nicht eine Aufmerksamkeit praktischer Art annehmen? Ob nun Pralinecs oder Ziga-s rette» — das ist doch wohl ziemlich schnurz. Und gegen Pra-, linees hat selbst Mama nichts einz»wendent Pctersen hat Gerda doch schon oft genug welch« geselstckt." „Und tvoher wußte er denn, das; du die Queen vor-, ziehst ?" forschte jetzt doch auch Gerda, „hast es ihm am Ende wobt selber gesagt'?" „Gewiß Hab' ich's!" „Mein Gott, Mädchen, — bist du denn von allen Be^ griffen verlassen'?" empörte sich Edith ihrerseits. „Nicht im mindesten, mein Herzchen. Aber tvenn mich jemand osfcn fragt, lvoinit er niir eine kleine Freude ninchen würde, warum soll ich's ihn, da nicht ruhig sagen? Ist das denn ein Unglück ?" „Unschicklich ist und bleibt cs," entschied Edith. Gerda aber sagte, indem sie langsam wieder ihr Buch durchblätterte: „Na — jedenfalls rat' ich dir dringend: Laß Papa nichts von der Schachtel da sehen." Aber Astrid lachte nur. „Kinder, habt euch dock nicht so! Ihr seid mitunter komische Leurche». Macht euch doch das Leben nicht selber mit Gewalt schwer. Es gibt euch ja doch keiner 'nen roten Heller dafür." lind mit philosophischer Gelassenheit rauchte sie weiter. Einige Minuten gingen so im Schivrigen dahin. Aber da horchten die Drei plötzlich auf. Bon drinnen aus den Wolmräumen des Hauses klang eine Unterhaltung herüber, die immer lebhafter wurde, und nun hörte» sie deutlich eine kiese laute Maunesstimme: „Ja, du lieber Gott, was sollt' ich denn machen? Ich mußte das Pferd dock haben. Mit dem Emir tan» ich docki unmöglich meine Abteilung vorführen. Ter alte Verbrecher schmeißt mir womöglich die aanre Besichtigung um. Und du weißt doch, was diesmal auf dem Spiel steht: schneideich schlecht ab, dann kann ich mir getrost den Zvlinder kaufen. Und wo bleibt Ihr dann alle, du anti> die Mädels?" „Papa! Also doch schon da!" Und Astrid griff rasch »ach ihrer Zigarettenschachtel. Drinnen ii» .Hause aber vernahm man jetzt die Antwort der Mutter: „Ich und die Kinder! Ja, lvcnn du nach uns nur eiwas eher gefragt hättest, ehe tm deinen Pferdekauf vornahmst. Der .herbst steht vor der Tür — wovon nun unsere Mnler-t garderobc bezahlen?" „Na, mein Gehalt ist doch auch noch da!" Aber cs klang nicht mehr ganz so sicher. „Dein Gehalt! Als ob du nicht selber tvüßtest, daß das so glatt draufgeht für den Haushalt." Eine Pause, dann aber tvieder die verärgerte Stimme des Vaters: „Sv werden die Kerls mit der Bezahlung für eure Sachen eben gefälligst tvarten bis-zuni Januar, de» nächste» Zinsen — ich kann's doch nicht ändern. Was sein muß, muß sein. Und damit basta!" Laut hörte man drinnen eine Tür Zuschlägen. Dann wurde es still. Auch die drei Mädchen verharrten in Schweigen. Auf Ediths Mienen lag ein trüber Ernst. Wie ein Ahnen künftiger Dinge. Vielleicht war das auch ihre Zus kunft. Ihre Gltern halten einst aus Liebe gel>eiratet — sic wußte es von der Mutter selbst und nun dieser Ton zwischen ihnen! Es war ja nicht das erste Mal, daß sie unfreiwillig Zeuge» einer solchen Auseinandersetzung wurden. Eine Erinnerung stieg plötzlich in Edith auf. Etwas, was ihnen Tante Albertuie, die Stistsdame ans Preetz, einmal erzählt hatte. In den ersten Zeiten seiner jungen Ehe hatte der Oberstleutnant seine kleine Frau so manchmal, lvenn sie müde von einer Gcscllschast nach Haus kam, auf seinen Armen die Treppe hinaufgctragen, in zärtlicher Sorge und ritterlicher Liebe. Und jetzt —! War das der Liebe Los? Immer, unausbleiblich? Um Gerdas seingcschnittcnen Mund spielte ein bitterer Zug. War das nicht schrecklich? Daß sich zwei Mensche», zwoi an sich hochgesinnte Menschen, so anfallen mußten — unter dem Truck der Verhältnisse? Die Mutter tat ihr leid, aber der Vater auch. Was mochte alles voraufgegangen sein, ehe er bis zu dieser Rauheit der einst angebeteten Frau gegenüber gekommen war. . Sie sah in, Geiste wieder Walter .unllbnrg vor sich, gestern abend. Mit seiner leidenschaftliche» Hingabe —• bereit, alles für sie hinzuopfcrn. Der arme, gute Junge! Und doch — wäre sie gestern nicht die Vernünftige geblieben — auch ihnen wäre das sicher einmal besckiedcn gewesen. Ist die Sorg? erst im .Hans, fliegt die Liebe zum Schornstein hinaus. Ein abgedroschenes Wort, aber nur allzu wahr. Wozu also da erst dieser Umweg voller Qualen und Enttäuschungen? Dann dock, lieber gleich an das Ziel, zu dein man doch kam, so oder io: einer Ehe ohne alle Illusionen, 160 — aus reiner Vernunft! Aber dafür ivenigsteus auch ohne Sors gen, ohne all dies Widerlvärttge. Und mit einem Seufzer griff sie wieder nach ihrem Buche. Nur Astrid mit ihrem glücklichen Temperament lieh fich ihr seelisches Gleichgewicht nicht stören. Mit einem Blick auf die nachdenkliche» Gesichter der beiden älteren Schwestern sagte fie: „Mnder, nehmt doch so was bloß nicht zu tragisch! So'n bißchen Zanken gehört doch nun mal zum heil'gen Ehestand." Gelassen langte sie nach einer neuen Zigarette. Der Papa war ja nun lvieder außer Sicht. — Gerda kani mit ihrem Buche heute nicht weit. Eine große Unruhe ivar in ihr. Mit geschlossenen Augen lehnte sie ui ihrem Stnhl. Sie hatte drunten eben die Hausglocke läuten hören, vom Kirchturm schlug es gerade elf. Sie wußte, das war Walter Kyllburg. Um diese Stunde meldete er sich immer unten beim Vater. Ihre Gedanken waren bei ihm. Nun tat er da seine Pflicht, seine» Dienst, heute wie alle Tage, trotzdem ihm das Beste am Dasein zerstört war. Und so würde es weitergehen. Immer .immer. Die Maschine des Lebens dreht sich ab, fühllos, mechanisch. Fragt nicht nach unseren Wünschen. Ob wir unglücklich und elend sind. Walter! In Gedanken sagte sie seinen Namen vor sich hin, mit einer traurigen Zärtlichkeit. Und sie fühlte wieder seine Lippen, seine Umarmung. Heißer merkte sie das Blut durch ihren Körper pulsieren. Es war das erstemal, daß ein Mann sie^eküßt hatte. Sie war immer stolz und unnahbar gewesen. Selbst in den schwärmerischen Backsischjahren, wo fast alle ihre Altersgenossinnen eine Liebelei hatten mit irgendeinem halbreife» Jungen, hatte sie nicht die leiseste Annäherung an sich geduldet. Ganz im Gegensatz zu Astrid, die lachend gar kein Hehl aus ihren zahlreichen „Episoden" jener Zeit niachte. Darum hatte jetzt bei Gerda diese erste Berührung eines Mannes in ihrem Wesen gezündet. Und das glühte heute noch nach. Ei» dunkles Sehne» nach Zärtlichkeit >var in ihr. Warum mußte sie ihn gesunden haben — nur um ihn gleich lvieder zu verlieren? Und allerlei törichte Gedanken trieben mit ihr ein quälendes Spiel. Warum mußte denn alles vorbei sein? Wenn freilich auch an einen Bund fürs Leben nicht zu denken >var, was hinderte sie beide, das Glück einer heimlichen Liebe zu genießen? Einen zartseligen, flüchtigen Sommertraum, den früh genug der Herbstreif zum Sterben bringen würde. Ihre junge Brust hob sich schneller. Das wenigstens einmal gehabt haben, und ivenn auch nur eine kurze Spanne lang — dann ertrug sich nachher vielleicht eher das andere: das nüchterne, kühle Dahinlebe» mit einem ungeliebten Manne. Und ihr Sehnen ries laut nach dem Freunde. Aber dann fuhr sie empor aus ihren verlorenen Träumen, wie erschreckt über sich selber. Wohin verirrte sie sich? Nein, solch heimliches Spiel wäre ihrer nicht würdig. Und des Geliebten auch nicht. Seine grade, ehrliche Natur würde darunter genau so leiden, wie sie selber mit ihrem Stolze. Die brauchte sich ja gar nicht erst den Gedanken an ihren Vater zu Hilfe zu rufen, um sich selber das Wort zu gehen: Nie werde ich etwas tun, das ich nicht vor aller Welt ossen verantworte» kann. Also fort mit solchen Träumen, fest der harten Notwendigkeit ins Gesicht geblickt: das gestern lvar das erste und letzte Mal, daß sie sich von Walter Kyllburgs Liebe umfangen ließ. Von nun ab durste er nur wieder ihr guter Kamerad sein — nichts weiter. Und sie erhob sich, ging hinein in die Wohnräuine, um sich zu schaffe» zu machen, sich abznlenken von nutzlosem Grübeln und Wünschen. Im Eckzimmer fand sie die Mutter am Nähtisch über ihren Rechnungen und Wirtschaftsbüchern. Aus dem etwas hageren Gesicht, das aber doch die Spuren einstiger Anmut auswies, brannten die Wangen noch in innerster Erregung. Da kam ein Mitleid über Gerda. Still trat sie zn der Mutter hin und legte ihr den Arm um die Schulter. Frau von Henning zuckte zusammen. Nun erkannte sie Gerda. „Du hast gehört vorhin?" Di« Tochter nickte nur leise. Um den Mund der Mutter grub sich da der scharfe Zug noch tiefer. „So lerne wenigstens, mein Kind, aus unserem Unglück das eine: Die Liebe allein tut's nicht in der Ehe." „Ich weiß es, Mama." Der schmerzdnrchwehte Ton ließ die Mutter aufsehcn und lenkte sie von dem eigenen Kummer ab. Sie verstand plötzlich, und ihr Auge suchte das des Mädchens. „Kyllburg hat gestern abend mit dir gesprochen?" „Ja." Kurz klang es; aber Gerdas Rechte, die sich auf das Tischchen stützte, zitterte leise. „Mein armes Kind!" Und Iran von Henning legte den Arm um den schlanken Leib neben ihr. So war denn auch für die Tochter dre bitter« Stunde gekommen, wo es hieß, Abschied nehmen von seinen Illusionen. Nur gar so früh schon. Wie gern hätte sie ihr noch ein paar Jahre gegönnt, voll harmlosen Jngendsroh- sinnes. Andererseits freilich — wenn man es recht erwog — es war vielleicht auch wieder gut so. Die Gefahr mit Kyll-, bürg, die sie manchmal mit heimlicher Sorge erfüllt hatte« >var ja nun vorüber. Es war ja gerade genug an eine« solchen Liebestorheit. Die arme Edith gab ja das lehrreiche Exenipel für ihre Schwestern — lvas für ein Glück, daß Gerda wenigstens verständiger gewesen ivar. Und Frau von Henning atmete erleichtert aus. Ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung. Wo sich freundlichere Ausblicke boten, nicht bloß für ihr Kind — nein, vielleicht für sie alle. Denn wenn erst eine der Töchter versorgt war, so fühlte» die andern hier fich doch etwas minder beengt; man brauchte nicht ganz so ängstlich mehr zu rechne» vielleicht würde es dann auch einmal noch wieder besser zwischen ihr und ihrem Manne, daß solche Austritte, ivie der heute wieder, nicht mehr nötig waren. Und di« Mutter gab diesen geheimen Hoffnungen Ausdruck: „Es ist lieb und verständig von dir, mein Rind, daß du die Sache so tapfer durchgekämpst hast. Kyllburg ist ja ein vortrefflicher Mensch, mir außerordentlich sympathisch, aber auch er ivird einsehen, daß es so das beste ist, und daß er deinem wahren Glücke nicht im Wege stehen darf." Durch Gerda ging ein Bewegen „Du meinst ijjerrn Petersen?" Die Mutter nickte nur. Gerda verharrte eine Weile, ohne sich zn rühren, di« Angen vor sich aus das Tischchen geheftet. Nun aber sagte sie: „Bitte, Mama, tu mir den Gefallen — sprich mir nicht so oft mehr davon. Ich sagte es auch schon zu den Schwestern: ihr könntet sonst am Ende das gerade Gegenteil von dem erreichen, was ihr wollt." lind sie trat ein wenig von der Mutter zurück. Eine kleine Stille, dann forschte Iran von Henning nicht ohne geheinie Sorge: „Fällt dir denn der Gedanke so schwer?" Ter Blick Gerdas tras die Mutter mit stillem Vorwurf. „Gestern l;abe ich Walter Kyllburg mein Nein gesprochen, soll ich da heute oder morgen Herrn Petersen mein Ja sagen'?" „Natürlich nicht. Kind — so meint' ich das ja auch nicht — nur raten möcht' sch dir, aus mütterlicher Sorge — " „Ja — ja — ich weiß! Eine glänzende Partie, geradezu ein Glück für mich, das nubemittelle Mädchen mit den großen Ansprüchen. Das oder eine Freistelle im Stift, wie Tante Albertine, meine Anivartschasten an die Zukunft! Ich bin ja nicht blind, Mama. Ich sehe alles schon selber, es bleibt mir eigentlich nur das eine. Aber es eilt ja doch nicht so — ich komme ja wohl noch früh genug zu diesem Gluck!" Die Frau Oberstleutnant hörte die Bitterkeit in Gerdas Worten. „Nun gut, es treibt dich ja auch keiner — nur eins solltest du wenigstens beachten." „Und was?" „Du solltest Petersen nicht gar so kühl behandeln. Bei all seiner Neigung, es gibt ja doch schließlich Grenzen." lieber Gerdas schönes Gesicht flog eS hin, stolz und gleichgültig. „Wenn ich ihm nicht gefalle, wie ich einmal bin — nu» gut, so läßt er s." lFortsctzung folgt.) 161 - Der Grenzftreit. Von Emil Ludwig. Die Tessiner sind ei» dunkles Volk. Nicht mehr Schweizer Und noch nicht Italiener, Frei von der nüchternen Ehrlichkeit und dem harten Schweigen des zentralen Schweizers, ober auch fern von der reizenden Redseligkeit des Lbcr- Italieners. Nur wenn sie toll, lvenn sie ganz verbohrt werde», oder wenn sie die Leidenschaft der Liebe oder des Hasses verriickt macht, dann erkennt man sie ganz. Tas Messer, das tmmer locker unter dem ledernen Gürtel steckt, dringt rasch herviov; denn wenn er heiß ivird, dann brennt der Tessiner gleich, wie nur irgend ein Sizilianer. Zuweilen schlägt die Tollheit gleich zuruck auf ihn. Dann sieht man Dämonie aus seiner Stille brechen. Der Bauer, dessen Tod aus sinnloser Passion — und doch ohne Kamps und Feind — ich nun erzähle,^ will, schien recht gemischt, recht ein Tessiner. Niedrig die Stirne, aber wetterlcuchtend das dunkle Auge, von schwerem Gang, aber mit überraschend schnellen Geste»! so still, so jäh kannte ich ihn schon eine Weile, und so traf ich ihn an jenem Abend plötzlich, als ich nach Hause kam, auf meinem Grund. Zufall hatte mich an die Ufer dieses glänzenden Sees geführt, Narrheit, Laune, Träumerei hielt mich dort fest. Hochsüber den, «ce, dort wo ein Felsen vorspringt und seinen steilen Absturz dem Wasser zukchrt, stand, iveitab von allen Mederlassungen, das Haus aus groben Steinen uralt, um- wuck)ert vom Lorbeer. Und dasür, daß es alles besaß-, was auch die reichste Villa entbehren mußte, entbehrte es alles, was noch das kleinste Bauernhaus im Dorf besitzt. Um Wildheit, Einsamkeit und Stille zu erobern, mußte der romantische Bewohner auf Wasser, Wege und alle Mittel der Kultur verzichten Tas ging nun wohl eine Weile; bis der Augenblick kam, da aus den« Abenteuer ein Zustand wünschenswerter Dauer werden wollte, und nun kam hie Reihe der Konzessionen. Die Kultivierung einer Waldeinsamkeit, der Ausbau einer romantischen Szenerie in eine praktische ist eine kleine Komödie für sich, und ich bin gewiß, man hat sie schon geschrieben. Hier aber wurde schon der erste Schritt verhängnisvoll, und der ironische Aspekt verivandclte sich rasch in einen tragischen. > Ich hatte eben, ein paar hundert Meter lang, eine schmale Röhre in den Boden des Waldes senken lassen, um Wasser aus dem Bache herzuziehcn, mit dessen schönem Rauschen ich mich bisher begnügt. Ein Bauer hatte mir das Recht verbriest, ich fühlte mich mit meinem! Wasser legitim, wie ein Staatsbeamter. Daß ich Grenzen hatte, wußte ich kaum, das wußte nur das Grundbuch. Als ich das Stückchen Wald gekauft, hatte mir der „Sekretär" des Dorfes, zu dem mein Grund gehörte, meine Grenzen angezeigt, ohne irgend mein Interesse zu erregen. Was taten sie mir, ich hatte ja keinen sichtbaren Nachbarn und vollends dieser Sekretär, als Bote des Gesetzes, machte den Eindruck nicht eben ernster, denn bei ihin war der Zustand absoluter Trunkenheit endemisch geworden. Aber in einer Ecke des Waldstückes, das nun vor Gott und den Menschen mein geworden, ragte ein Felsen in die Lust. Bis dahin hatte ich ihn immer nur um seiner wilden Klippensorm bewundert, wie trotzig er ausstieg mit seiner überhängenden Spitze; nun war mir eingefallen, auch ihn zu nutzen. Wollte ick) mein Wasser zu kräftigem Strahle zwingen, so sah ich bald, ein Reservoir von gutem Zenient mußte gebaut — und konnte nirgends besser gebaut werden als über dieser Felsenspitze. Dann sammelte sich, was ich dem Bach entzog, und suhr in sechs, acht Meter langer Röhre den Fels hinab, die »rast verdoppelnd. Tann wollte ich de» Hahn in meiner Klausse öffnen und eines Strahles mich freuen, als käme das Wasser vom Hebewerk der Hauptstadt. Bon jener Felsenseite her kam ich heim, und oben auf dein Felsen stand der Bauer neben dem neuen, wohlgesorm- ten Bassin und schrie. Ich fiel aus den Wolken: Also auch hier gab es Grenzen? Allmählich hatte ich deri Dialekt verstehen lernen und konnte nun entziffern, >vas der brüllende Bauer von mir wollte: Der Wald neben dem meinen wäre von altersher sein Wald, und mein Bassin stünde aus seinem Grunde. Er würde die Röhre zerstören und aus der Stadt müsse der Advokat herbei; ich loürde morgen vor Gericht geschleift und säße übermorgen hinter Schloß unp Riegel. Ich hörte eine Weile, dann trat ich aus ihn zu und bot Ihm eine Zigarette. Er schrie, er nähme nichts von mir, steckte die Zigarette rin und kehrte wieder zur Grenze, zum lA>vokalen und zum Gefängnis zurück. Ich sagte: „Holt doch morgen den Sekretär, morgen ist Sonnabend, da ist er vielleicht nicht sehr betrunken. Er mag messen und entscheiden." Plötzlich, als hätte ich den dens ex machina angerufen, wurde der Bauer für zwei Augenblicke still. Tan» nickte er lebhaft und schrie von neuem: „Ter wird's Ihnen schon zeigen! Da werden Sie's höre»! Die elende Grube hier von Zement, die ist meine! Da hat kein Mensch sonst ein Recht darüber!" Der Sekretär war wirklich weniger voll als sonst, als er abu andern Morgen mit dem Bauern vor meiner Klause erschien. Er schleppte zwei große Rollen, in denen waren gewiß die langen Metcrschlangen verborgen, er schleppte einen Triangel und einen Sextanten und drei Rollen Schnur und einen Pfahl und eine riesige verrostete Kapselstange obendrein. War das,ein Hexenmeister oder der Packträger eines umziehenden Landmchsers? Wir setzten uns an den runden Mühlstein, der vor der Tür als Tisch iinprovisiert war. Zuerst gab es, in riesigen Gläsern, den stärksten Korn, den ich im Hause hielt, seit ich im Walde ein Weltmann zu werden unternomnien und alle Weile Maurer und Gärtner bei mir sab. Der Bauer schob den Korn in den Hals und schrie: „Ich werd's ihm schon zeigen! Das Ding da ist meine! Da hat kein Menschlein Recht nicht draus!" Und füllte und trank aufs neue. Ter Sekretär mit seinen e wig vorglotzenden Augen, gluckste und ries: „Dazu haben wir die Gerechtigkeit! Da ivird keinem was geschenkt und keinem was genommen! Die Gerechtigkeit, sag ich," und er schlug mit der Faust auf die Hornige Platte, daß die Bauerngläser hüpften, „da derzu bat sie nämlich die Binde! Und da derzu Hab ich nämlich die Rolle und die Stange und die Karte!" Und mit kürzen Rucken öffnete er seine alte Kapsel, rollte die Karte aus und legte Steine auf beide Enden. Dann zog er aus der Brust ein schmieriges Papier und ivickelte umständlich daraus ein seines Millimetermaß. Dann maß er das Stück von der Hausecke bis zum Grenzstrich und zählte 26 Millimeter Der Felsen stand nicht auf der Karte. Der Bauer lachte und schlug auf die Karte und schrie: „Ich werd's ihm zeigen! Da gibts nichts! Das Ding da ist meine!" Indessen maß ich nach, cS waren 26. Millimeter, das hieß in der Wirklichkeit 26 Meter. Aber der Bauer maß nach und schrie: „Was? 26? Das ist gelogen!" Der Sekretär fuhr ihn an und gluckste: er säße da jiir die Gerechtigkeit, da gäb' es keinen Zweifel, und es find 26. Und dann sah er feierlich im Kreise umher, als ob er ini Gemeinderat säße und fragte uns, ob wir's anerkennen. Der Bauer knurrte und gab nach. Mit vielen Flüchen stampfte der Sekretär am Felsen vorbei, hinauf, um aus das kleine Plateau zu gelangen. Breitbeinig, wie er dann oben stand, seine Winkel und Schnüre und Stangen in den Händen, sah er aus, als sollte er sein Urteil sprechen über die Qualität des Zementes; so wie ei» Friedensrichter. Er wurde nicht müde das Bassin an-, zustaunen und zu preisen, denn der Maurer, der es gemacht, war sein Bruder, und wenn sie sich auch baßten und prügelten, einer trat doch für die Arbeit des-anoern ein. „Vorwärts!", rief ich, „sangt endlich an. Wir können nicht ewig hier oben stehen!" Der Bauer schrie, und der Sekretär gluckste. Zwischen dem Felsen und dem Hause stand eine Kastanie, groß und dicht belaubt, und da vollends das Plateau höher lag als der First des Hauses, war an ein horizontales Messen nicht zu denken. Wir mußten von dev äußersten, dem Hause abgewandten Ecke des Bassins bis zum Vorsprung des Felsens messen. Der stand mit seiner steilen Seite frei, und wir »ahmen die lange Stange und machten an ihrem Ende die Schnur mit dem Senkblei fest. Dann maße» wir die Stange nach; es waren ganz deutlich 5 Meter und 30 Zentimeter. Tas Senkblei aber blieb dort unten, wo es aufgestoßen, zwischen zwei Steinen liegen, und oben legten wir die Stange sest, die nun aussah wie eine Angelrute. Der Bauer schrie und der Sekretär gluckste. Wir stolperten alle drei wieder »ach unten und maßen nun horizontal die Strecke vom Senkblei bis zur Ecke des Hauses. Unter hundert Flüchen und Widersprüchen war cs endlich klar und anerkannt: das ivaren noch 20 Meter und ei» halber. Ich mußte lachen. Ich war einer Gefahr entgangen, die ich nicht kannte, ich war der Reiter auf deni Bodensee.- „25 Meter 80!" ries ich. „Das Bassin ist mein! Und jetzt trinkt noch eins und geht nach Hause!" Ter Sekretär hatte umständlich angefangen zu addieren, und bestätigte schließ- lich, nach längeren schriftlichen Versuchen: 20'/- Meter und 5 Meter 30, das waren wirklich noch nicht 26 Meter, und die hatte ich frei. Aber der Bauer schrie: „Betrug! Falsch gemessen! Ich werde euch lehren! Das Diug da ist meine, oa gibt cs nischt!" Der Sekretär war froh, nach allem Klettern und Messen nun endlich seine drei Franken verdient zu haben und schwor, kein Mensch brächte ihn mehr hinauf, er hätte gemessen, und jetzt wäre eö klar. l Aber der Bauer begann vollends zu kochen: „Was!" schrie er. „Ihr Fremden, ihr glaubt, ihr braucht bloß ins Land kommen — und baut euch eure Dinger aus Zement, mitten in unsern Wald? Das wollen wir sehen! Der Advokat muß kommen! Das Gericht muß kommen! Denn das ist meine, da hat kein Mensch kein Recht draus!" Wie er einen Augenblick ruhig war, ging ich hin und sagte freundlich: „Was Ivollt ihr denn mit dem halben Meter? Da wächst doch noch nicht einmal ein Strauch! Das Bassin ist mein, loir haben's doch eben zusammen gemessen. Mer ich will euch die zwei Quadratmeter zusammen ab- kauscn und bezahlen, als ob's euer wäre! Da habt ihr 'nens halben Marengo!" Das- ivar inehr als der doppelte Wert des Grundes^ ich dachte, ich hätte mir einen Freund erkauft. -Aber der Bauer wurde nur wütender: „Was?" schrie er, „wollen Sie mich bestechen? Mein Recht will ich haben! Mein Land will ich haben! lind N>enn Sie mir tausend Franken geben: der Grund, den Sie mir da ansgegraben haben wegen Ihrer elenden Wassergrube, der ist ineine!" Er nahm das Maß und die Stange und stolperte wieder nach oben..Der Sekretär, der längst wieder saß und trank, ivinkte mir, als wollte er nckr sagen: Laßt ihn nur gehen, den Verrückten! Aber ich rief: „.Heh! llntenbleiben! Ihr könnt euch Hals und Beine brechen! Vorsicht da oben!" Und ich schrie aus Leibcökrästen, obwohl doch der Bauer ganz nahe blieb. „Der Felsen bröckelt! Laßt doch daS! Ihr habt doch vorhin genau mitgemefsen! Jcki ivill's ja kaufen!" Der Bauer mußte schon oben sein, man hörte es rascheln. Plötzlich stand er an der Felsenspitze. Mit seiner Stange in Händen, schwarz gegen den wolkenlosen hiinmel ragend, glich er einem rasenden (sötte. Er horte nicht auf zu drohen und zu schreien: „Ihr Schufte! JhrLügncr! Euch wird man es lehren! Falsch messen! Das kenn' ich, ihr Schufte, ihr Lügner!", und er spannte das Maß bis zur Ielsenspitze, auf deren Ende ec mit einem Fuße trat. Es schien, er wollte das Maß mit einem Stein beschweren. Der Sekretär grinste. Ich war aufgesprungen und rief: „Wahnsinn! Mensch! Vorsicht! Zurück!", und wollte hinauf, so rasch es eben ging. Aber große Steine hielten inich auf, denn der Wütende hatte alles zerstampft und gelockert, und ich mußte acht geben, nicht ins Geröll zu rutschen, tzch kletterte aus allen Vieren hoch, die großen Farren wie Ruder brauchend. ES waren noch zehn Schritt bis zu dem streitigen Plateau. Plötzlich — Steine bröckelten — stürzten — das Blöken von einem Stier — ein Aufprall — ein Stcinsturz — Ich stand erstarrt. Während ich wieder nach unten eilte, hörte ich »och den glucksenden Sekretär und unterschied genau, daß er die dicken Gläser vom Tisch geworfen hatte. Als ich am Fuße des Felsens ankam, stand er schon bei dem Bewußtlosen. Den Sturz hätte er am Ende mit ein paar Rippcnbrüchen überwunden. Aber ihm war ein Fels- stnck nachgefalle», cs mußte unmittelbar hinter der bröckelnden Svitze besessen haben und ihm »achgebrochen sein. Das hatte die Wirbelsäule zerschlage». Er selber lag klotzig wie ein Stein, er gab keinen Laut, aber er röchelte. Als wir ihn auf niein Bett geschleppt hatten, seufzte er einmal sehr tief auf, — und verschied. Der Sekretär, der in den letzten Minuten nüchternes geworden >var, hatte noch immer sein Schlucken: „Die Gerechtigkeit ist blind, ich hab's inrmer gesagt! Dazu trügt sie nämlich die Binde! llnd dazu trag' ich mein Maß und meine Karte!" Er schluckte immerfort, setzt loiinte inan es für Weinen nehmen. „Gerechtigkeit muß eben sein auf der Welt! ü Meter 30, — Sie haben's doch gesehen — !" Ich dachte: Gerechtigkeit! vermlschtes. Kt. Der Nährwert der Sonnenstrahlen. Ein französischer Arzt, Miramond de la Roqnette, soll, wie das „Journal de Geneve" berichtet, jüngst der Variier Akademie der Wissen- schahe» Bericht über Versuch« abgestatiet haben, die etwas fastnacht- mäbig ai,mute» : Wie grob ist der Nährwerl der Sonnenstrahlen t io wagte Tr. Mirainond de la Roquelte, und uni diese schwerwiegende Frage beantworten zu können, begab er sich nach Algier, um dort zunächst durch Tierversuche der Löiung seiner Ausgabe näher zu kommen. Dort stestle er nun eine Reih« von Meerschweinchen in gläsernen Käfigen im Freien ani. Zur Winterszeit bekam jedes täglich 4 Gramm Daser au! 100 <3ramm seines Körpergewichtes : im Frühling setzte der Gelehrte die tägliche Nahrung aus 3 Gramm herab, und während der Zeit der größte» Hitze bekam jedes Mcerschiveinchcn nur noch 2 Gramm Haler ans 100 Gramm seines Körpergenüchtes. Das merkwürdige Ergebnis soll nun das gewesen sein, daß die Meerschweinchen durchaus nicht abnahmcn, wie man erwarten sollte: im Gegenteil, sie gediehen vortresflich und behielien ihre Körperfülle bel. '31 IS einzige Erklärung — so sagt der sranzönsche Gelehrte — bleibt die Annahme übrig, daß die durch die Sonnenstrahien dem Körper zugesührt« ArbeitSkrast de» Auslall an Nahrimgsstossen erlegt bat, imd er veriveist aus die Bewohner heißer Länder, deren Mäßigkeit im Esse» allgeniet» bekannt ist. Icos. Mit der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Amseln hat sich kürzlich die sächsische Zweite Kammer aus Anlaß eines Gesetzentwurfes eingehend beschäftigt. ES nmß als cr- nfiesen angesehen werden, daß die Amseln nicht die harmlosen Vögel sind, als die sie meist hingestellt werden, besonders in der Nachbarscimst der Städte zeigen sie gefährliche Eiitartriilgserschel- inmgen. Großen Schaden richlc» sie in Obst- und Beerenpslan- zungen an, am schwersten aber ist der gegen sie erhobene Vorwurf der Nesträuberei. Bei der Aussprache wurden sehr verschiedene Meinungen laut, eins aber steht doch fest, daß die Amseln eine Gefahr für den Obstbau bedeuten und ohne Ziveiscl oft auch räuberische Neigungen zeigen. Der Regierungsvertreter, der aus seiner Snmvathie für den Vogel keinen Hehl machte, niußte scstflcllen, daß die Ainseln i» Gegenden, in denen große Obst- und Bcerenplaniagen bestehen, wirtschaftliche Schädigungen verursachen, die sür das Land schwer ins Gewicht falle». Eine Ausrottung der Amseln durch das neue Gesetz ist nickt geplant. Der Abschuß wird nur aus Ansuchen und »ach Prüfung der Vcrechtigung gestattet werden, und die sächsische Regierung will dafür sorge», daß kein Mißbrauch mit den Äestinliuimge» des neuen Gesetzes getrieben wird, und daß keine unnötige Schießerei um sich 'greift. Mit dieser Erklärung kann jeder Vogelfreund einverstanden sein. * DaS Wichtigste. Der Lehrer erläutert die zehn Gebote und fragt dann, um Gedächtnis und Ausmerksamkcit der Schüler zu erproben : „Und iver von Euch kann mir jetzt eilt Gebot nennen, das nur vier Worte hat?" — Sofort streckt sich ein Finger. „Nun?" — Der Schüler: „Betreten des Rasens verboten!" vüchertisch. — A c u e Frauenkleidung und Frauenkultur. Organ des Deutschen Verbandes sür Neue Fraueiikleidung und Frauenkiiltiir. Schristlcitung: Clara Sander, Else Wirminghaus, beide in Köln. Verlag der El. Braunschcn Hosbuchdruckerci in Karlsruhe. Jährlich t0 Hefte in Hoch Quart mit zahlreichen Abbildungen und Zeichnungen auf Kunstdriickpapicr, sonne Schnittmiisterbogen. Preis fürs Jahr 6 Mk. — Das Jugend-Moden-Albu>n für 1914 verbunden mit reichhaltigem Wäschebnch ist zum Preise von 60 Pf. im Verlag der Jiilernaliaiialc» Schnittmaniisaktur in Dresden soeben erschienen. Es ist in seiner äußeren wie inneren Ausstattung als eine vorzügliche Leistung der deutschen Mode-Lileratur zu bezeichnen. Entzückende Kindergestalten, die bei allem modischen Schick sich in reizvoller Natürlichkeit darbiete», beleben die Seiten deS Albums. Für alle Altersklassen sind die Modelle vertreten und keiner Mutter wird cs schwer fallen, sür ihre Lieblinge die rechte Kteidung danach zu wählen und in sparsamer Weis« selbst zu schneidern, denn sür alle Vorlagen sind die vorzüglichen Favorit- Scknitle.erhältlick. (Zu beziehen durch die Internationale Schuill- »lauufaktiir, Dresden N. 8, Nordstr. 29/31.) palindrom Mancher der Schisser fand plötzlich durch mich sein Grab in den Wogen Rückwärts gelesen jedoch ivnrd' ich ihm einstens geschenkt. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung der Schach-Nusgabe in voriger Nummer: Weiß. Sckivari. 1. -»8 Beliebig. 2. I) od. 8und Malt. Redaktion: K. Neurat h. — Notatpmsdcuck und Derlaa der Brühl'schen klniversttäts-Buck. ,n>d Steindruckerei. R. Lanae. Gießen»