Gkkizierstöchter. Sionmn von Paul Grab ein. (Nachdruck Verbolm.) (Fortsetzung.) So sa^ er denn nun neben ihr. Sehr nahe bei ihr. Ihr Nock, den chrc Hand wieder frcigegeben hatte, streifte seine Rechte. Leise durchrieselte es ihn, und sein Mick überflog aus dein Dunkel ihres Schattens her, in dem er selber saß, ihre schlanke Gestalt in dem weiften Geivand, das im Schein des Mondes hell leuchtete, und jede Linie ltar erkennen lieft. Es lag etwas so Weiches, Hiugegebenes in ihrer gan^rr Haltung. Und wieder war das Schweigen um sie, lange Zeit. Bis er deutlich das tiefe Atmen ihrer jungen Brust ver-l nahm und nun einen ganz, ganz leisen, unbewußten Laut von ihren Lippen. Wie ein Sehnen aus innerster Seele heraus. Da litt es ihn nicht länger mehr so. „Fräulein Gerda!" „In?" Langsam fand sie sich ans ihren Gedanken ttneder zurück und sah nun zu ihm nieder, der sie mit einem seltsam ernsten, säst innigen Arcsdrnck anblickte, und jetzt sprach - langsam, zögernd: „Sie sind nicht glücklich, Fräulein Gerda." „Glücklich? Ist das überhaupt jemand? Sind Sie's etiva?" „dkein —" er stockte und holte dann tief Atem i— „doch ich könnte es mir denken. Ich hoffe es zu werden. Aber bleiben lvir bet Ihnen, Fräulein tzkcrda. Wie ich Sie eben so sah ich musste unwillkürlich au einen armen, gefangenen, lleiiien Vogel denken, der sehninchts- voll die Schwingen hebt in feinem »käsig — hatte ich recht gesehen?" Sie neigte das Haupt mit einer müden Betvegnng „Bielleicht sa." Ein Schtveigen, dann bengie er sich naher zn ihr, „Fränlein Gerda — ich glaube Sie zu verstehen. Sie sichten sich einsam, nicht immer verstanden. Sie tmbe» Sehnsucht — Sehnsucht uach jenenr letzten, tiefsten Bors stehen, rvie es eben nur —" Sie horchte plötzlich auf mit einem geheimen (Sh> schrecken Diese Worte! lind das leise Beben in seiner Stimme — mein Gott, er rvürde doch nicht —? Aber da streckten sich schon seine Hände nach den ihren aus, die ihr im Schost ruhten, und tief neigte er den Kopf über ihr« Hände, die er jetzt ergriff und preßte, toährend er schloß: „Sie müssen j«u schon längst gesehen habe», wie es um mich siebt — ich - Hab' dich lieb, Gerda — unsagbar lieb " Und da brannten auch schon seine Küsse auf Ihrer Hand. Linen Moment verharrte sie, ohne sich zu regen. So bestürzt war sie von dem Unerwarteten Nein, das- hatte ste nicht geahnt — das nicht. Wohl, daß er sie sehr gern mochte, aber doch nur als guter Freund. Er war ja immer so beherrscht gewesen, so korrekt. Aber so — das ? Und flo merkte, wie ihr eigenes Herz schlug Ganz anfgestöct. „Du antwortest mir nicht? — Gerda!" Run blickte sie zu ihm nieder, der mit bangem Zittern ihrer Antwort harrte. Und da fühlte sie eS mit etneni Male: auch sic war ihm gut, ja schon immer. Ein so schönes, geheimes Verstehen ivar das zwischen ihnen beiden, vom ersten Tage an. Eine niiansaesprochen«, treue Kamerckb-i skhast. Sie wußte, er ivürde alles für sie tim, sein Leben für sie einsetzen, ohne Besinnen, lind sie? Er tat ihr so wohl — der einzige, der sie hier verstand. Gin so seinach lieber Mensch — 'und plötzlich neigte ste sich über ihn. Wortlos berührte sic kein Haupt, das ihr noch immer ent-j gegeuge,leigt ivar, mit ihren Lippen. Da giwll cs i» ihul -empor in stummem Jubel. Sein Mund suchte den ihren und fand ihn für einige glückliche Augenblicke. Bis sie sich wieder besann. Leise drängten ihre Hände sein Antlitz von dem ihren. Aber er, noch immer trunken von seinem Glück, griff «ach diesen schlankeii, kühl?» Fingern icttb bedeckte sto unr seinen zärtlichen Küssen. „Morgen sprech' ich ja mit deinem Baker '" Es war tvje eine Entschuldigung für sein Stürnnsch- sein, ein Bitten um Gewährung. Doch sie entzog ihm jetzt mit einer entschlossenen lvegung mich die Hände. Ihr Batcr — das Wort hatte slr wieder ganz sich znrückgegeben. Auch der letzte Hauch jene» flüchtigen Seligkeitsraujches war nun verflossen, lind sie ricbtete sich aus. „Mit »reinem Batcr? — Nein, «ein!" Auch Walter Kpllbnrg hob den Kopf. Mit einenr Blick tiefsten Staunens. „Aber Liebste - es ist dock' nur selbstverständlich, bofs ich keinen Augenblick zögere/' Sie antwortete nicht gleich. Aber er sah im Schein des Mondlichts ihr Antlitz und das schmerzhafte Bewegen, das über dies blasse, schöne tzkestcht glitt. „cklerda!" Ganz -erschrocken klmrg es zn ihr hin. Da sagte sie nach -einem tiefen Atemzug«: „Es hilft ja alles nichts — wir müssen doch vernünftig sein, Walter." .vernünftig? Mein Lieb, ich versteh' dich nicht!" Sie sah zu ihm herab. Noch nie hatte er in ihren ‘Huatv einen so tiefen, wehen Ernst gesehen Es schnitt ihm plötzlich ins Herz. So blickte ste ihn an und schwieg Da drängte er geguält: „Sprich doch!" Es zuckte um ibre Lippen. „Muß denn erst ausgesprochen werden, was ja so selbst verständlich ist und doch so hMlchf—'so grausam häßlich?" 14 « „Gerda!" Wie im Fieber schüttelte es ihn plötzlich, Heist und lall zugleich — „du meinst — dein Vater würde mir seine Einwilligung nicht geben 1 — weil, weil — ich nichts Hab' als meinen Zuschuß —>>' Er stöckle, aber seine Augen beschworen sie. Sie blickte vor sich hin. Konnte ihr das wenigstens nicht erspart bleiben? Cr deutete jedoch ihr Schweigen anders, glaubte er sich ja doch ans richtigem Wege nut seinem Vcrinnten, und lebhaft, voll neuem Hoffen, rief er ihr zu: „Nein, ich kann es mir nicht denken, Liebste. Dein Vater wird so hart nicht sein. Warum sollte er dir versi weigern, lvas er deiner Schwester Edith zugeitanden hat? Achim v. Bütow hat ja doch auch nichts als seine Zulage, und trotzdem „Du irrst, Walter, nicht mein Vater — ich selber will Du irrst, Walter, nicht mein Pater — ich selber will es nicht." .„Wie — du?' Er starrte sie an. Fassungslos. Blaß leuchtete ihr schönes Antlitz zu ihm herüber, aber mit dem Ausdruck eines festen Entschlusses. Da sagte er noch einmal: „Du, Gerda? lind hast doch eben — " Sie nickte langsam, und sprach mm mit einer per-, änderten, traurig müden Stimme: „Ja, ich Hab' dich lieb, Walter. Und trotzdem! Bitte, denke einmal ganz ruhig über alles nach. Tn sprichst eben von Edith und Achim. Ja, sag': Ist denn das ein Glück, so verlobt zu sein, zehn, vielleicht zwölf Jahre lang? Bis man alt und müde geworden ist? Edith ist nur zu stolz, um es sich anmerken zu lassen. Mer ich, ich kenne sie. Ich weiß, wie cs oftmals in ihr anssieht, trotz aller Be-> herrschnng. Und nachher die Ehe, wemr inan sich endlich gesunden hat, nach all dein Warten. Das Best« ist hin, die Jugend. Kann die vorzeitig gealterte Iran deni Manne, der- selber noch i» voller .Kirnst steht, wirklich ein Glück bedeuten?" „Gerda, Geliebte!" Aber sie entzog sich seinen Händen. „Rein, nein, Walter — ich weist das besser. Und dann»' — es gibt eben keine andern Möglichkeiten. Du weißt es ja doch, mein Vater hat selber nichts als das Kornmißver-, mögen — gibt er uns Töchtern die Aussteuer, so hat er und Mania selber keinen Pfennig mehr hinter sich; also, es bleibt uns nichts weiter, Malter, als vernünftig zu sein —< zu entsagen." Herb klang das Wort iu die Stille. Und abermals grijf Kyllburg etwas kalt ans Herz. Doch im nächsten Augenblick schüttelte er das wieder ab. „Entsagen? Nein, niemals! Ich kann nicht leben ohne dich. Kämpfen will ich um dich, Opfer bringen, jedes - aber haben muß ich dich. Erringen will ich mir dich." Sie blickte aus ihn nieder mit einem wehmütigen Lächeln. „dklles Känipfen, Opferbringen — was soll es uns nützen, Walter? Kannst die uns damit das vorgeschriebene Bermögen schaffen? Nein, nein Und traurig schüttelte sie das schöne Haupt. Da rang sich ein dumpfer Laut von seiner Brust, ein, letzter Entschluß. „So wcrd' ich den bunten Rock ansziehen, mir eine Zivilstcllnng suchen, die uns beide ernährt." In ihre Augen trat eine stille Zärtlichkeit. „Lieber du! Täusch' dich doch nicht. Was willst du als ehemaliger Ossizier ansangen? Ohne Vorkenntnisse, ohne Erfahrungen lvas bliebe dir, als der Agent, der Wcin-- reisende?" Er zuckte zusammen. „Nicht wahr, nun siehst du es selber ein — es geht eben nicht." „Doch, doch! Auch das, wenn es sein mühte, für dich!" Und abermals streckte er die Arme nach ihr aus. Ta duldete sic cs, daß er sic nrnsing. Aber sie selber legte ihm die kühlen Hände ans die Stirn. „Walter, mein lieber Walter, du bist jetzt wie im Fieber, liin so mehr muß ich die Vernunft behalten für uns beide, ltnd darum, noch einmal, zum letztenmal es kann nicht sein, lvir müssen entsagen." Er erwidertenichts mehr. Das Haupt sank ihm plötzlich kraftlos nieder in ihren Schoß. Sie ließ ihn eine Weile so verharre», doch dann fühlte er den sausten Druck ihrer Hände. Slum», ging Walter neben Gerda durch das Waldi dnnkes, dorthin, lvo die roten Lampions lustig glühten, von Ivo ihnen frohes Lachen und Scherzen entgeg«'nitaAg —« das Leben. Das bunte, lustige Leben. Wie mit bleierne» Mißen ging er. Schon waren si« den anderen nahe. Da fühlte er plötzlich ihre Hand, oie nach der seinen suchte und sie nun preßte. Ein stnlNmesj letztes Lebewohl. Es würgte ihm in der Kehle, und noch einmal, alles' andere vergessend, riß er sie an sich, noch ein letztes Mal fühlte er ihren Mund mit seinem leisen Zucken — daun gab er sie frei. Wenige Schritte noch, und sie iraten lviedcr zu den übrigen in den Lichtkreis der Lampions. * Es war am anderen Vormittag. Die drei Schwestern! saßen in der schattigen Loggia des Henningschcn Hauses. Edith mit einer Handarbeit, Gerda über einem Buche, Astrid in süßem Nichtstun, nur tun» Ranch ihrer Zigarette nach! sehend, die sie, bequem in de» Trinniphstuhl geräkelt, vor sich hinranchte. Ein eigentlich verbotener Genuß. Der Vater war kein Freund von solchen Extravaganzen. Am wenigste» bei jungen Mädchen. Aber der war ja noch inr Dienst. Also alles sicher. Und Astrid griff nnvedenllich von neuem iu die große s-chachtel neben sich. Von ihrem Buche anfseheud, in dem sie nur zerstreut las, folgte Gerda der Bewegung der Schwester. Ihr Auge erkannte die Etikettierung bet Schachtel. „Queen?" Erstaunt sali sie zu Astrid hin. „Du bist ja mächtig nobel." Sie kannte doch das beschränkte Taschengeld der Jüngsten. Aber diese lacht« belustigt. „Denkst du etwa, ich ivär' so dumm, mein.bißchen Geld so wegznwerfen?" „Nicht gekauft? Also geschenkt?" Astrid tat statt jeder Antwort nur nickend den ersten Zug. „Geschenkt? Bo» wem denn?" Eine kurze Pause, dann die Antwort: „Born großen Klaus." „Mas? Von Pctersen?" Sie nannten KlanS' Pctcrsei» unter sich scherzend Wohl so. Und noch entrüsteter kam ein Echo drüben von Edith» „Du läßt dir Zigaretten schenken? Von Herren?" Aber die weißblonde Astrid beivahrtc ihre Rithe. „Man immer gemütlich, Herrschaften. Habe schliehlichl doch auch etwas Kinderstube — wenn vielleicht auch nur mangelhaft. Also, die Zigaretten sind allerdings von Herrn Pctersen, aber trotzdem ganz einwandsrei — ein Vielliebcheu nämlich, liebste Edith. Gestern von besagtem Herr» verloren und heule in aller Herrgottsfrühe schon von ihm durch seinen Diener mir überreicht. Eine Originalpackung, hundert Stück — doch kolossal nett von ihm, nicht?" (Fortsetzung folgt.) Sinf nftc Glutin. Von Hugo W o l f g a n g Philipp. J»> Kamin knisterten und knatterten die Hokzschefle. Die roten Reflexe der tanzenden Flannnen huschte» Und sprangen hier und dort über den mit schweren Teppichen belegten Fußboden, über einige Möbelstücke, die sich scheu in die dinckeln-- dcn Ecken drückten, und ivarsen hin und nsteder einen roten Schein über daS schioarzjeidene Kleid der Iran Rätin, die sinnend in einem Lehnstuhl >aß und in die flackernde Glut starrte, Ter Abend begann bereits über das Land zn dnnkrl», ohne daß es so eigentlich recht Tag geivesen war. Ter Himnicl war vom frühen Morgen an mit sclpveren Schneetoolketr verhangen gewesen, die der Erde keine Helligkeit und keine Freude gönnten. Seit ein paar Stnitde» hatten sic begonnen, sich ihrer, schiveren, Last zu entledigen. Schtver und gleichmäßig sanken die Flocken nieder, legten sich lveich und voll ans alle Dinge draußen und dämpsten die Geräusche der Straße. Die beiden Mcnsckreu, die sich in den Ranni befanden, die alte Iran Rätin und ibre Gesellschafterin, hingen schweigend ihren Gedanken nach. Die Rätin >oar eine noch schölle alte Dame mit einem jugendlich lebhafte» Gesicht, dessen frische Farben besonders »Ute > strichen wurden durch da- schneeioeiße Haar, bae es »mrahinte. Wen», jetzt auch ctioas wie Ruhe unb Glück über den Zügen lag, so verrieten doch ein vnar ernste Linien an den Muirdwinkes», daß anch ihrem Leben die großen Enttäuschungen und echte Schmerzen nicht erspart geblieben loaren. Ter Frieden, den ff« ensmaoe- nigeii geilen, die sie min schon beinahe auswendig wuhte, z»»l vierten Male vorzulesen. Sic nahm das Blatt a»iS den Händett der allen Tame »nd las, sich ein toenig mit dem Brief an das Fenster tocndcnd: „Hamburg, den 12, Januckr Lieb- Freundin! Ich bi» gestern nach Tentschland zurückgekchrt. Das Heiniweh hat niich dock» endlich gevackt mit solcher Gewalt, dah es mich nicht mehr drüben hielt, Ach bi» nwrge» in „»serer .Heiinalsiadt nnd würde Dich sehr gern besuche», wen» es Dir reri)t ist. Den», anher Dir »verde Ich ia auch kaum nock> Belauittc aniresfe», »nserc Angeiit^ -sreiittde sind ja längst ft, alle Welt zerstreut, oder, Ivas noch wahrscheinlicher ist, tot. Vierzig Jahre ist eine lange Zeit »nd ich fürchte beinahe, unser Städtchen wiederzusehcn! Wer erlebte in nnscrcin Alter noch gern große Enttäuschungen? Umsomehr aber freue ich mich aus das Wiedersehen mit dir. Also Ido», cs Dir recht ist, bin ich morgen »achinittag bei Dir! In alter Freundschaft, Dein Arnold Fels," Das junge Mädchen reichte de» Brief zurück »ud die alte Dame bedankte sich mehrfach. Dann versank sic abermals in Träunie», Nach einer geranmen Meile unterbrach dic Räli» das Schwor- gen und meinte: „Wissen Sie übrigens, liebes Fräulein, wer der Herr ist, der niich heule bestickten wird?" „Nein, Frau Rätin, wie sollte ich? Wer ist er den», loenn mail frage» darf?" Das Fräulein lieh ihre Arbeit in den Schoh sinken nnd sah zn der alten Dame hinüber, dic vergnügt in sich hinein kicherte, als sie »ui, erwiderte, „Tenlm Sie sich, es ist mein Liebster! Sie brauchen mich nicht so ungläubig anzusehcn: «S ist wirklich, wie ich Ihnen sage," Sie »oiirde plötzlich ernst, als sie sortftihr: „Freilich, von Heine »nd gestern stgnimt diese Liebe nicht. Sie ist ein ivenig alleren Datums. Lassen Sie mich Nachdenken . . . Sie ist , . . ja, ganz richtig , . es muh im nächsten Monat zwcinndvierzig Jahre werden, das, >vir »ns heimlich verlobten, Sie staune»? Ach ja, die Zjkft fliegt schnell vorüber und sie bringt nicht immer die Erfüllung unserer Wünsche," Die alte Tame blickte »»jeder sinnend in das slnckcr»»dc Feuer »nd iviegte leise das sckiieewcihe Haupt, „Warum haben Sie sich dein, nicht geheiratet?" »oaglc das Fräulein nach einer Weile leise zn kragen, da sie iühlle, dah die alte Dann gern ihr .Herz von versunkene» Geschichten erleichtern »vollte, die durch den Brief wieder mit aller Lebhaftigkeit heranfbcschware», ivorden loaren. „Tas Lebe», nimmt nicht immer Rücksicht auf das Glück turnt » Menschen. Mir hatten »ins auf einem Ball kennen gelernt. Ich war damals ackstzehn Jahre, er ctioa ein Jahr älter. Wir hatten de» ganzen Abend »liteinandcr getanzt. Er »var übrigens rin »vundcrvoller Tänzer nnd, das können Sic mir glauben, ich war auch ein wenig besser auf den Beinen als heute. Was Wunder also, dah wir uns zufällig — ach Gott, wie geschickt iveih »ia», dock, immer in jungen Jahren den Zufall zn regieren — in den nächsten Tagen auf der Promenade trafen. Jene Zeit war vielleicht die glücklichste in meinem Leben, Beide waren wir zn schüchtern, um osten miteinander über nuiere Liebe zn reden, und so verlegten wir denn alle unsere Zärtlichkeiten, die der Mund nickst zn »vrechen wagte, in unsere Blicke, unsere Be rührungc», unsere Händedrücke, Und dann kam ganz plötzlich »nd nnvcriuftttkt der Frühling, ach, ei», ganz wundervoller Frühling, Mi», unb wen» wir beiden inngci, Leutchen bis dabin ver schöntt geschwieaen hatten, nun lernten »vir ganz von selbst von Unserer Liebe sprechen. Und selbstverständlich schworen wir uns «ich, wie sich das bei einem io junge» Liebespaare von selbst v>r»lcht, ewige Treue, Er hat sie auch gehalten bis aus den heutigen Tag — ich habe sie gebrochen — mußte sie brechen , . ." Tie alte Danic, die erst, mitten in ihren jungen Erinnernngat wieder lebend, lebhaft, ja ein »venig lächelnd erzählt hatte, war letzt doch bewegt geworden und versank plötzlich in nachdenkliches Schweigen In, Kamin brache,, ein paar brennende Scheite znsammc», und krailend drängle sich der Holzstoß ineinander. Ein heller Licht-- schein huschte durch das Zimmer und dunkelte allmählich Ivicdcr ein, Tie alte Tame nahnr stockend und leise wieder ihre Erzählung aus: „Arnold Halle bei meinen Eltern um meine Hand angehalten. Olnvohl ich mir aber eigentlich hätte sage» können, dah »rein« Eltern ihre Einwilligung nicht geben ivürden — nicht geben könnten, -- so steckte doch auch in mir, »vie in den meisten fflfit- scheu, ein Stückchen Vogelstrauh-Politik, Ich hatte die Hossnnng nicht anfgegeben und erwartete ein Wunder, Dann aber, als mein Vater zu spreche», begann, erst ein ivenig stockend, dann aber klar und bestin,mt, da sank mein Mut, mein Herz schien sttllznftchen, und che er noch den erste», Satz zu Ende gebracht hatte, wuhte ich i», voraus jedes Wort, das er sagen würde. Und das schlimmste toar wohl, dah er recht hatte, Tenn wie hätte» Arnold und ich einen Hausstand begründen wollen? Er besah nur eine toenig einträgliche Stellung als Ingenieur und hatte überdies noch sein« alte Mutter zn ernähren Mein Vater aber, der seinen grohcik Haushalt — wir waren fünf Geschwister — mit seinem XScamtciu- geholt bestreiten muhte, konnte mir nichts mit in die Ehe geben. In jenem Moment sah ich mit eisiger Klarheft, dah ivir anf- ktiiander verzichten muhte». Der schöne Traum toar zu Ende. Man tröstete uns mit Phrasen, die keiner recht glaubte »nd die selbst wir kaum mit einem Funken von Hossnnng erwärmen konnten, Wir sollten ivarte», bis die Verhältnisse günstiger lägen. Aber wann hätte das wohl sein können? Doch immerhin bot mir das in meinem Schmerze eine schwache Sttltze, Aber dann kam der Herbst und diese letzte schivache Sttltze brach. Mein Vater beganii zu kränkeln und starb," Tas junge Mädchen, das lebhaft der Erzählung der alten Frau gelauscht hatte, stieß unwillkürlich einen Ausruf des Bedauerns aus, „Ja, mein liebes Fräulein Werder, da toar der schöne Traun»» endgültig zn Ende, Meines Vaters Krankheit »nd Tod hatten die wenigen Ersparnisse meiner Eltern anfgezehrt und die, gering« Witwenpcnsion, die meine Mutter bezog, wollte trotz der Etw- schränkilngen im Haushalte nicht reiche», Ta toar cs lote eine Erlösung, als ein Jugendfreund, mein! späterer Mann, in unser Städtchen zurückkehrte »ich uni meine Hand anhielt. Wenn ich auch keine eigentliche Liebe damals zn ihm enipfand, so mochte ich ihn doch recht gerne und schähtc ihn wegen seiner Gradhcit, seines Fleißes und seiner hohen Fähtg-- kcften sehr als Menschen, All das hätte mich ztvar nicht zun Heirat bestimme» können, wenn ich nicht »ist Recht gehofft hätte, das Los der Meinen dadurch verbessern zn können, tlnd so brachte ick» denn das Opfer Ich sollte es getvih nicht zn betreuen haben; denn mein Man» war der rücksichtsvollste mft» ausmerksamste Gatte, den man sich denken konnte, Tazi, »vor er ein tüchtiger Arzt, der in der ganzen Stadt hoch geachtet und beliebt war. „Und der Herr Fels ist damals nach Amerika gegangen?" fragte das Fräulein, das sich nun den übrigen Teil der Erzählung glaubte ergänzen zn können, „Nicht sofort, erst ein Jahr später, als seine Mutter gestorben war. Als kr dps Land verlassen hatte und ich hoffen durfte, dah er, fern von mir, leichter eine andere Lebensgefährtin linde» würde, da wurde ich allmählich ruhiger nnd znfriedciwrl und fand mich mit dem! Leben ab. Dazu kam, dah ich von Tag zn Tag mehr die edlen Eigenschaften meines Mannes schätzen und bewundern lernte, sodah unsere Ehe allinählich in der ganzcn Stadt äks eine außerordentlich glückliche angetehcn wurde. Und das war sic am Ende wohl auch: denn wenn ihr auch die groben Leidenschaften fehlte», so wurde sie doch durchwärmt von einem reinen Feuer des Wohlwollens und der Hochachtung, das viel- leick't ansdnnernder w>,r, als so häufig die toildcn Flanimen einer stürmischen Liebe, die mir gar zn oft ein Strohsener sind, das rasch niederbrennt." „Und in der ganzen Zeit haben Sie nichts mehr von Ihrem früheren Verlobten gehört?" „O doch! Tie erste Zeit schrieb er ab nnd zu: später allerdings seltener. Ten letzten Bries erhielt ich vor drei Jahren, als er mir feilt Beileid über das Mlcbcn Mcmcs lieben Mannes ansdrückte. Immerhin schrieb er doch so oft, dah wir n»S hier ein ungefähres Bild seines dortigen Lebens machen konnten. In den ersten Jahren schtng er sich mit vielem Flcißc schleckst >»»d recht dnrck', Tann aber wußte er sich in einem groben Betriebe durch »eine Tüchtigteit zu einer ersten Stellnng ciiiporzuarbeiteu, so das, er cs mit den Jahre», wenn auch nicht gterade zu Reich- tui», doch zu einem gewissen Wvhlstaud gebracht haben nu>h, Ten Frauen scistint er aber ans de», Wege gegangen zu sein, sonst wühle ich es mir nicht z» erklären, dah er imvermählt gc> blieben ist, Tenn daß er bei seiner Schönheit den Frauen nicht gesallcn hal>cn sollle, scheint mir ausgeschlossen z» lein Besitzt er doch alles, was uns äußerlich» an einen Manu sessel», kam,, eine arolie schlanke Fianr, einen leichten elastischen Gang, Men-» 148 bnibi- Zähne, dunkle Augen »,ü» reichc's duitkles Haar, das sich au! natürlich« Weise leicht wellt „Dach", unterbrach sic die Dame selbst, „was soll ich ih» Ihnen beschreiben? Sie werden ihn ja selbst heute sehen." ... ^^ In diesem Augenblick kungelte es. Du: beiden Frauen must- ten unwillkürlich lachen, lueit der Besuch genau abgcvastt kam, ,aie jtuiand auf dem Theater imch seinem Stichwart erscheint. „Das n'ird er gcwis; sein!" sagte das Fräulein ausstchmd und ihre Handarbeit zusanmtenrafscud. ..... „Wissen Sic, liebes Fräulein," sagte die Riitiu, ..ich tun ordentlich bewegt! Denken Sie sich, vierzig Jahre haben wir uns nicht gesehen. Ich glaubte die alten Dinge verstaubt mib vergessen, und jeht must ich mit Beschämung und Aufregimg erkennen, das; liian seine Jugcild doch nicht vergessen kann." Das Dienstmädchen trat herein mit einenr silbernen Tablett, auf dem eine Besuchskarte lag. „Ich lasse den Herrn bitten, Martha." Die Rätin steht lebhaft auf, um dein Besucher entgegen z» gehen. Sic ist mit einen« Schlage verjüngt, ihre Bewegungen sind elastisch, nab «in fast jugendliches Feuer belebt ihre Augen. Ta öffnet sieb auch schon die Tür. Sie stutzt. Die vom Alter gebeugte Greiscngestalt eines Mannes, mit schneeivcilzam: Bart iiiid kahlcin Schädel, kommt mit unsicher tappenden Schritten herciii. Auch der alte Mann stutzt jetzt und bleibt zweifelnd stellen: denn auch die Rätin hat sich, ohne es zu toisseu, nicht miicher verändert, als ihr Jugendfreund. Eine ganz« Weile sehen sie sich besremdct n», endlich erst finden sie »ach und »ach aus den verwitterten Zügen die aileu bckannieu Linien heraiis. Da geht über beide Gesichter ein Strahl der Freude, sic bcgriitzcn sich lebhaft und drücken sich herzlich und langr die Hände. Tann setzen sie sich beide vor dein Kamin und fragen hastig nach diesem lind jenen«. Aber es lag in ihrer Hast etwas Nnnatürliches und Absicmr- liches, als ob sie etwas Hütten in sich übcrtönen wollen, das allmählich iii ihnen (mit wurde. Sie waren enttäuscht und tvoliic» cs nickt tvahr haluui. Sie hatten sich das Wiedersehen ganz, ganz anders gedacht und jedes stellte im Stillen fest, da st sein Gegenüber doch toeit mehr gealtert sei, als man hätte erwarten sollen. Aber selbst diese Veränderungen im Aeusteren tvaren vielleicht nicht einmal das Traurigste an dcni Wiedersehen, als vielmehr diejenigen im Jiiilcr». Wo tvar die stürmische Liebe geblieben? Waren demi das nicht mehr dieselben Herzen von damals? Hatten auch sie sich veränberi und tvaren alt und müde geworden? Nur die Erinnerungen, in denen sie schöpften, sie waren, wen» auch schon ein nvnig nachgcdunkelt, doch noch voll sanfter und frischer Farben. Aber auch sie konnten den Mistkiaug nicht besei tigen, der in diesrs Wiedersehen hineinklang. So war das Gespräch sehr bald inS Stocken gerate», und erst jetzt »icrkie die Rätin, dgst ihre Gesellschasierin sich still- schioeigend zurückgczi>geu hatte, wodurch es nicht einmal möglich nun, ein allgemeines nichtssagendes Gespräch i» Gang zu bringen. So scksties denn allmählich die Unterhalt»»,« ein. Die beide» alten Leutchen starrten gemeinsam in de» Kamin, in dem die .Holzscheite aur Verglühen umreu. Jeder hing tiwhl seinen eigenen Gedanken nach und dachte au die hosjimnastvse, endgiliig verlorene Jugendzeit zurück. Sie hatten einst geglaubt, sie seien vom Schicksal für einander bestimmt gewesen: aber das Schicksal hatte eS anders gewollt. lind nn» erst toar cs vorbei, endgültig vorbei. Dichter und dichter wob die Dämmerung ihre duukie» Schleier tmb noch fiel dransten der schwere Schnee. Das Feuer im Stamm ivar niedergebranut. Es lunrbc kühl Bn Zimmer, uitd fast zu gleicher Zeit schaiidcrie» die beiden alten Lentchc» fröstelnd zusamneeu. Ta richtete sich die Rätin ans und drückte aus die elektrische Klingel. „Gilädige Frau?" hauchie das leise einirrtende Stubenmädchen. „Legen Sic doch »och einige Scheite in den Kainin, Mart im. Es ist kalt sgcwordrn und die paar Funken da wärmen nicht mehr — sie tverden überdies bald verlöschen." Das Mädchen ging geräuschlos ivieder fort. Abtä die gesprochenen Worte haittn eignen Nachhall, als ob sie ein cigcnes Leben und eine tiefere Bedeutting hätten annehme» ü-olien, ES tvar, als ob sie sich hätten emporrichten wollen im Zimmer zu einein greifbaren Stnnbol. Das süblteu die beiden Menschen ganz plötzlich zu gleicher Zeit. Bedeutungsvoll sah der Greis die Greisin an Dann wiederholte er mit zitternden Lippen leise und melancholisch: ..Die paar Fuilken tvänncn nicht mehr.....»je werden überdies bald verlöschen . . . kos. A lnmin in >n und die Pflanzen. Aluminium gehört tüchi zu den unbedingt notwendige» Nährstosscn der Pflanze, und toir finden es auch verhälttiismäfng selten (geringe Mengen z. B. bei maiichen Flechten und .Hülsenfrüchtleei». Nur einige, Bärlappe lmd die Aciicheere, eutbalteu ansehnlichere Mengen essig- oder tveinsaurcn Attimininins, so datz ihr Saft beizende Wirkmig hat, und in Rmetika kennt matt sogen. AlttininiilMs bäume, i» deren Blättern die Tonerde sogar in gröstercn Brocke» abgelagert ist. Nenerdingö tourden nun, wie ivir im „Skosmos- .Handweiser" (Stuttgart) lesen, von I. SzücS Versuche darüber angestellt, tvic Alinnininin auf die Pfiaiizeiizclle »virkt: sie haben z» dem interessanten Ergebnis geführt, dast das Plasma unter seiner Eimvirknng erstarrt, ohne indes — und das ist das wiclx- ttgste — abgctötct zu werden In diesen« erstarrten Zustand Ist das .Plasma mit allen Jnhaltskörpcrn vollkommen unbeweglich, Wird dir Tonerde aber wieder ausgewaschen, so erhält oas Plasma seine ursprüngliche Aktivität tvieder zurück. Diese Eimvirknng der Tonerde findet überall statt, ausgtr in znckerhcktigen Zelle»! Zucker verhindert also die Gerinnung des Plasmas. * Die Vorbedingung. Lehrer in der Sonntagsschnlei „Nun. Harry, was müssen wir tun, bevor »ns unsere Sünden vergeben werden?" — Harry: „Mir müssen sündigen." * Der Aufsatz. Der Lehrer befiehlt den Kindern, beiin Klasscnanssatz einmal ganz natürlich z» schreiben, ohne grosten Zwang und Anstrengung, „tvie es in ihnen ist". — Daraus gibt Johnny folgendes Schriftstück ab: „Wir sollen schreiben, wie es ick uns ist. In mir ist meine Lunge, mein.Herz, meine Leber, zwei Aepset, ein Stück Pudding, zwei Schokoiadcnkeksc und das Mittagessen." * Tüchtige Gondolieri. Schauplatz der Szene ist die Riva dcgli schiavoni in Venedig. Ein Fremder fragt den Gondoliere, wie lange es dauert, bis er ihn zum Lido binnberrndert, Gondoliere: „Ein Stündchen, Herr, mit einem Gondoliere! Vtbcw wenn tvir zweie nehmen, sind ivir in 'ner halben Sinnbc drüben." Fremder: „lind vier Gondolieri, tvie lange dann?" Gondolicrel „O! Dann sind toir eher drüben als toir absahren!" vüchertisch. — D ie Schaub ü(»ne, herauSgegebcn von Siegfried Jacobs ob n enthält in der Rümmer 10 ihres zehnte» Jahrgangs: Bahra Dorskirchlcin. Von Stefan Grostmann. —Erlebnis. Von Peicr ?iltc»berg. — Casard und Eanards. Von S. I. — Der einsame Weg. Von Alfred Polgar. — Dresdens Thealer« »Zaire. Bon Ebrislian Gaebde. — Bunte Perücke». Von Bindex. — Eifersucht. Von Roda Roda. — Antworten. — Home, sweet Home. Von Theobald Tiger. — Die Augen der Liebe. Von Jolian Bojer. - Tggcbnch (Roda Roda: Der Fall Falls. Von Peter Panter. — Ein Reqnici». Von Felix Braun. - Ans der Praxis. — ,,D er Kunstfrcn n d". die Zeitschrift drrBereiniguiiq der Kunslf'.enirze, bring, in ihren« socbc» r schienen n, rci' geschmückten Mäczhest einen guten Aussatz über Karl Spitzweg: auch der übrige Inhalt der Riimmer ist aus die Winleipoesie dieses Rttiters gestininit. »irich Rauscher plaudert über die Romauiik clsässischer Siädtche», Heinrich Spiero wandert durch verschoiicne Gasse» des äliesteii Berlins, Eberhard Buckmer macht uns mit den Sentimentalitäten und den harmlosen Belustigungen des Berliner Volks thcatcrs bekannt und Robert Breuer tviil anregen, nneder einmal Raabe und Bogumil Goltz zu lesen. Schach-Ausgabe. Von I. Jesperse». Sct'ivarz. Aiiflösiing sn nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Spargel llpar, gcl, Gelds. Redaktion: lk. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Unlvkrsttäts-Vuch- und Slefn&vucfmi, R. Lange, Gießen»