Samstag, den 28 . gcbniar imHii Jf 81 1 «Tgi Ein Frühlingstraum. Noinan von Fr. Lehne. (Nachdnick verboten.) likortsetznng,) „Mary, Lieh, trage nur ructJt nach, Iva-s meine Frau vir angetan hat: sie ist ia sinnlos: ich finde keine Entschuldigung für ihr Betragen, Sei mir nicht döse drum!" Sie schüttelte den Kopf, „Nein, Wolf," sagte sic sanft, „nein — wenn es auch wehe tut! Behüt dich Gott, mein Wolf: nun kann ich nicht wieder komme»: da werden wir »ns wohl nicht wieder- sehen " Seiner nicht mehr mächtig, riß er da das zitternde Mädchen an sich und drückte einen innigen Kuh aus ihren Wund. Aengstlich sah sie sich um: es hatte sie rnemand gesehen, n„o unbeobachtet konnte sie gehen. Die Knie zitterten ihr: sie konnte kaum die Treppe hinunterkommcn. Auf der letzten Stufe nngelaugt, muhte sic sich schnell setzen: ein plötzlicher Schwindel halte sic überfallen, - (Sin lustiges Lied pfeifend, kani Wolss Bursche gerade aus der Dienerstube und blieb erschreckt stehen, wie er Marn so bleich mit geschlossenen Augen dasitzen sah, „Herr Jeses, die barmherzige Schwester was ist denn? — ich will gleich mal ransgehen —" „Nein," wehrte sic mit schwacher Stimme ab, „bitte nur ein Glas Wasser —" Er brachte sogleich das Gewünschte, und hastig trank sie. Dankend reichte sie ihm das Glas zurück und bat — „würden Sie mir vielleicht eine Droschke holen? Mir ist nicht ganz wobl!" „Sie sehen auch ganz käseweih aus! Das Kind ist wohl wieder gesund?" „Ganz noch nicht! Nicht wahr, Sie gehen — der sperr Hanplmann ivird schon nichts dagegen haben, wenn Sie auch ohne erst zu frage» gehen!" „Der nicht — aber die Madame! Na, schad't dann auch nischt!" Eilig machte er sich dann auf den Weg, Mittlcr- loeilc kam Doktor Kornelius, „Schwester Konsuelo, um Himmelswillcn — was ist denn?" rief er erschreckt aus, „wie kommen Sie hierher tvas ist? — Weih Fra» von Wolfsburg? —" „Nichts ist, sperr Doktor," sagte sic mit einem schwachen Versuch zu lächeln, „nichts. Sic liehen auf sich warten, und ich wollte unterdessen gehen. Bin aber doch etwas abgespannt und lasse mir eben einen Wagen holen: ich kam nicht bis zu jener Bank dort! Bütte, ja nichts oben davon sagen!" Erregt und ängstlich stand er neben ihr. „Machen Sie keine Geschichten, Konsuelo! Unser kleiner Patient ist außer Gefahr, und Sie werden mir krank! Nachher komme ich gleich nrit vor!" Mittlerweile kam der Wagen vorgefahreu, und er war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann ging er hinauf und sagte Bescheid, daß am Spätnachmittag Schwester Hanna kommen würde. Mit ernster Miene fügte er hinzu, daß er um Schwester Konsuelo große Angst hätte: sie lväre nicht fähig gewcieu, ;u Fuß nach Hause zugehen, halb ohuniächtig hätte er sie auf der Treppe sitzend gesunden. Mit großer Sorge horte eö Wolf und spöttisch be* merkte Elia, als der Arzt gegangen: „Auch Doktor KorneliuS scheint sich in das hübsche Lärvchen von Fräulein Winters vergafft zu haben nud von den, sanften Wesen blenden zu lassen. Wenn er wüßte, tvas für eine bewegte Vergangenheit die sogencurnte Schwester Konsuelo — welch' tönender Name! ~ hinter sich hat! — Du schweigst? Bist wohl auch über ihre Dreistigkeit erstaunt, in unser Haus zu kommen? — Was heulst du cigentüch?" „Das werde ich dir sagen, was ich beabsichligc, wem« Hasso wteder gesund ist: vorläufig habe ich keinen Sinn für ctlvaö anderes! — Was ich denke -? daß es schock eine Entweihung für Schwester Konsuelo ist, wenn du ihren Namen überh.rupt nur anssprichst —- daß du nicht Ivert bist, dem cnge.gwichcn Geschöpf die Schnhrieme» zu lösen!" Damit ging er hinaus, Gabriele ihrer ohnmächtigen Wut überlassend: seine Ruhe, die allerdings nur äußerlich war, erbitterte sie aufs äußerste Frau Doktor .Hamann war Mary beim Auskleiden behilflich. die kaum die Hände rühren konnte vor Schwäche — wie eine gebrochene Blume bing sie in dein Arm. der kleinen rundlichen Frau. „Sie armes Herzel, habe» tvohl schwere Nüchle gehabt? Dr, Kocuetius hat mir immer Bericht erstatten müssen! Aber Gott sei Dank, das Kind ist ja gerettet!" Marn nickte nur: zum Sprechen ivar sic zu schwach. Endlich konnte sie sich wohlig im Belt dehnen: das Gesichtchen war so heiß wie das Kissen, „Ah, das tut gut," sagte sie leise, tief aufatmend, „wie will ich schön schlafen." Zärtlich strich Fra» Hamann durch das geloste Haar ihres Lieblings, „Ja, schlafen Sie. tote wird Ihnen das gut tun." und sie küßte sie aus die klare Stirn, Math schloß müde die Augen und bald verkündeten ihre tiefen Atemzüge der lauschenden kleinen Frau, daß sie cingeschlafen >var. — Es war einige Tage später, Mary sah am Fenster des Wohnzimmers mit einer leichten Handarbeit beschäftigt. Es war ihr wieder so weit ganz wohl, wenn sie auch noch sehzi blaß war. Die schlaflosen Nächte und die Aufregungen der letzten Tage hatten zusammen gewirkt, daß ihre Nerven versagten, Gabrieles höhnische Worte beim Abschied hatten ihr unsägliches Weh berei et. und sic kam auch nicht davon los: es hatte sie zu sehr gekränkt, Zwec fassendes Mitleid.--*--- Aber sie sollte ihn noch früher sehen. Nach dem Abendbrot saß sie mit ihrer mütterlichen Freundin gemütlich im Wohnzimmer, als heftig geklingelt wurde. Erschreckt sahen beide auf Das Dienstmädchen trat ins Zimmer. „Ein Soldat, Frau Doktor»!" „Haben Sie nicht gesagt, daß der Herr im „Löwen" ist — r" „C ja; er will gar nicht zu ihm, er will Sie sprechen." „Nun, dann lassen Sie ihn doch eintreten und lassen ihn nicht warten," sagte sie ungeduldig, „er hat vielleicht eine Bestellung vom Stabsarzt." Sie sprang erschreckt auf, den» der Einlretende war kein anderer, als Hauptmann von Wolfsburg. Er entschuldigte sich wegen seines späten Eindringens, dann wandte er sich an Mary, die bleich und zitternd, die Hand auss Herz gepreßt, dastand. „Mein Kommen gilt Ihnen, Schwester," sagte er hastig, „Doktor Kornelius schickt mich; Sic würden sicher die Freundlichkeit haben, diese Nacht »och einmal bei meinem Kinde zu wache». Hasso verlangt nach Ihnen; ständig ruft er Sic; er ist wieder sehr krank. Ich wußte nichts anderes, ihn zn beruhigen, als daß ich ihm versprach, Sie zu holen aber Sie sind selbst leidend —" „Das ist nicht der Rede wert .Herr Hauptmann! Natürlich komme ich — in fünf Minuten bin ich wieder da!" Und sofort ging sic hinaus, sich bereit zu machen. 130 — Jetzt erst fand Frau Hamann Zeit, sich wegen der Ungeschicklichkeit des Dienstmädchens zn entschuldige». Er wehrte freundlich ab, dann sagte er: „Doktor Kornelius sagte, die Schwester war krank?" „Jawohl, Herr Hanptmann, ihre Nerven sind vollständig überanstrengt." „Und nun komme ich, sie von neuem zu anstrengendem Dienst zu rufen! Ich weiß mir aber keinen anderen Rat; an jeden Strohhalm klammert man sich!" „Hoffentlich ist es nichl für lange, Herr Hauptmann! Mein Mann hat Sorge um sie; sie ist so zarr und schwach. De» Anstrengungen ihres Berufes ist sie nicht mehr gewachsen. Wir wollen das liebe Mädchen als Tochter bei »ns behalten, so ist sie uns ans Herz gewachsen," Da trat Mary, zum Ausgehen gerüstet, ei». „So, ich bin fertig, Herr Hauptmann! Gute Nacht, liebstes Tantchen!" wandte sic sich au Frau.Hamann, sie zum Abschied küssend. --- Unterwegs sagte Wolf: „Wie danke ich dir, Mary, daß du trotz alledem noch in mein Haus kommen willst — daß du so groß denkst, mein Lieb! Ich ging selbst, damit du auch ja zu Hasso kommst, der immer »ach dir verlangt hat. Und du armes Herz opferst dich, wo du selbst leidend bist!-- Ach, Mary," stöhnte er, „wenn mir der Junge genommen würde, ich habe so wenig Hoffnung; der Arzt sieht zu ernst aus!" „Armer Wolf!" sagte sie mitleidig, nach seiner Hand fassend und dieselbe beruhigend drückend, „armer Wots! Fasse dich doch; denke nicht gleich das Schlimmste; wir haben ihn doch schon einmal durchgebracht!" Sic glaubte aber selbst nicht so recht, was sie sagte. Es war ihr zu Mute, als laste ein schwerer Stein auf ihrer Brust, daß sie nicht ordentlich atmen konnte, — ,,Du Gute, Einzige! Bete du sür uns, Mary, ich kann es nicht mehr! Zu viel habe ich ertragen müssen! - - Seit du mir deine Schicksale erzählt hast, habe ich keine Ruhe und mache mir die bittersten Vorwürfe, Deine Worte ver- folgen niich Tag und Nacht — dazu die Sorge um Hasso! Immer muß ich mir das Bild deines, meines Kindes vergegenwärtigen! Wie reich war ich — zwei so herrliche Knaben — und morgen vielleicht schon keine» mehr!" „Wolf, so lange Leben ist, ist Hoffnung! Sei ein Man» und Kopf hoch!" Kräftig drückte sie seine Hand, mit innigem Blick in sein Auge sehend. (Fortsetzung folgt.) 3',ii Uo eiste g. Von T h. C c l l a r i» s. lFortsetzung.) Nachtrag zu „M ein Kinderland". Fünszebn Jahre hat mein Vater als Geistlicher und einziger Lehrer für die Kinder von ti—14 Jahren in Busenborn zngebracht. Viel zu lange, in Anbetracht des ToppelamteS und dcS sür einen Haushalt mit fünf Lindern unzureichenden Gehaltes! Scho» oft halle er sich vergeblich um eine bessere Stelle gcuieldet, und als er 1856 endlich versetzt wurde, war es mit sehr mäßiger Aufbesserung. Die Ursache dieser geflissentlichen Zurücksetzung wirst ein scharfes Licht aus die politychen Zustände jener Zeit: Das war eine Zeit, in welcher die Menschheit nicht satt, sondern voll Sehnsucht war! Und auch das Herz meines Vaters hatte für die Ideale der Viirschenschast geglüht, welcher er als Student beigetreten war. Das letztere hatte genügt, um seinen Name» an „daS schwarze Brett" zu bringen, obgleich er sich als Geistlicher jeder öisentlichen politische» Kundgebung enthielt. Zu dem schon vorhandenen Uebcl- wollen ihm gegenüber kam als weitere Belastung sein Verkehr mit einem Jugendfreund — des einzigen, der ihm als Pfarrer in einenr nur eine Biertelstundc von uns entfernten Ort — in leicht erreichbarer Nähe ivohnte, und der nebst seiner Frau treue Nachbarschaft mit de» Ellern hielt —. Wenn irgendwo, so lernt man in einer Einsamkeit wie die, in wclckeer sie lebten, seine Freunde schätzen l Für n»S Geschwister war das Ehepaar, das unser verstorbenes Schwesterchen über die Tause gehoben halte, Petter und Gut und stand uns nahe wie Onkel und Tante. Dieser Pfarrer war als potitisch freisinnig bekannt! Aber wMichcrnlich hat er nie größere Freiheiten «»gestrebt, als sie dem Volk nach 1870, das er noch erlebte, zuteil geworden sind. Er ersehnte, wie die Besten jener Zeit, ein geeintes, großes, starkes deutsches Vaterland; ei» Wunsch, dessen Erfüllung »och in den sechziger Jahren in so weiter Ferne zu liegen schien, daß der bayerische Patriot Brater*) seiner jungen Tochter im Jahre 1884 Siehe „Paniine Brater" von Agnes Sapper. 191 lim Geburtslage schreiben konnte: „Er wünsche ihr, so lange ge und und froh zu leben, bis das deutsche V>rterlaub stark unv geachtet im Bunde der Völker dastüude." Brater batte keine Ahnung davon, dag er seinem Kind dainit nur lioch sechs Jahre zu leben wünschlr! Er selbst, der seine Lebenskraft in der Vorarbeit für den großen Gedanken, tue in der gewaltigen Zeit von 1870/71 im ganzen Volke zündete, aufgerieben hatte, starb an der Schwelle der neuen Zeit, im Jahre 1869. Z» den Rechten, die der Freund meines Vaters im politischen Leben erstrebte, gehörte auch das der freien Rede, und als kinderloser, nicht unvermögender Maua nahm er sich dasselbe schon in einer höchst nnsreien Zeit vorweg. Natürlich wurde er darob von der anr Ruder stehenden, reaktionären Partei als Revolutionär angesehen, ging aber, in seiner unbekümmerten, selbstbewußten Art, trotzdem unbehelligter seines Weges weiter als andere Diener von Staat und Kirche, die Rücksicht walten ließen. Zu den Tatsachen: der einstigen Zugehörigkeit zur Burschenschaft und des Verkehrs mit einem sreigrsinnlen Freund kam als Ilrsache der- Zurücksetzung meines Vaters eine dritte, die uns heutigen Menschen geradezu lächerlich erscheint. Es ivar das Tragen eines anrüchig gewordenen Hutes, denn in jener Zeit tmirden nicht nicht nur Menschen, sondern auch Hüte auf den Index gesetzt. Mein Vater ahnte nicht, daß aus seiner bis dahin durchaus iohalen Kopfbedeckung ein Hcckerhut geworden war, den» in der .'Abgeschiedenheit seines Törfleins, in die wöchentlich nur zweimal Zeitungen kamen, blieb ihm das, was in dce Welt draußen geschah, oft lange verborge». Und wenn er es gcimißt hätte, hätte es ihrn in Busenborn doch an der Gelegenheit gefehlt, sich eineil änderen Hut zu kaufen! Er setzte also ahnungslos seinen in Verruf geratenen Hut aus, «nd als er damit nach Schotten kam, wollte es sein Unstern, daß ein einflußreicher Beamter am Fenster stand und ihn erblickte: „Dem Pfarrer bringe ich auch noch den Hut vom Kops", sagte er »cnd schickte seinen Bericht an die hohe Behörde z» Darmstadt. Zu alledeni kam die Tatsache, daß mein Vater durch seine Heirat mit einer als freisinnig bekannten Familie in Verbindung getreten war. Und tatsächlich waren aus der Familie meiner Mutter Männer hervorgegangen, die, wenn sie das Wort Vaterland anssprachen, das Land, „soweit die deutsche Zunge klingt", meinten, das sic gerne groß und mächtig gesehen hätten, und nicht nur das, ivas zwischen den hessischen Grenzpsählen lag: und die als Bürger desselben freie Menschen innerhalb gesetzlicher Schranken sein wollten. Solche Leute nannte man unruhige Köpfe. Die Zeit des ersten Anstoßes, den der erste dieser Leute, der Bruder des Vaters inciner Mutter, erregt hatte, lag zwar schon luctt tzurück: am Beginne des Jahrhunderts, aber der hohe Idealismus, den er damals in jungen Menschen geweckt hat, ist unter den: Druck der Zeiten nicht erloschen. Er l>at loeiter geglüht und sich von Geschlecht zu Geschlecht sortgepslanzt, bis er im Jahre 1870 in hohen Flamme» ausschlagen durfte. Um diesen Mann — der 1784 in Grünberg als Sohn des Pfarrers Christoph Welcker geboren war, jedoch seine Kindheit und erste Jugend vom zweiten Lebensjahr an in Oberoslciden verlebt hatte, wohin sein Vater versetzt wurden war — näher zu kennzeichnen, lasse ich einem anderen, einem Unparteiischen, das Wort. In „Karl Fallen und die Gießener Schroarzcn" von Hermann Haupt heißt es Seite 6: „Friedrich Gottlieb Welcker, der später berühmt gcivvrdene Philologe und Archäologe, war seit dem Jahre 1804" — also niit zwanzig Jahren — „als Lehrer am Gießener Gymnasium und als Privat- dozenr der Philologie tätig. Von feurigem Temperamente, eine durch und durch künstlerische Natur, dabei ein Forscher ersten Ranges und ein Charakter von fleckenloser Reinheit, war Welcker so ganz dazu geschaffen, die Herzen seiner Schüler, der Gymnasiasten wie der Sttidenien, zu erobern und sie für ideelle Auslastungen zu gewinnen." Während in der traurigen Zeit des Napoleonischcn Rheiik- bundes die ganze übrige Gießener Dozentenschaft ihren Frieden init dem französischen Regime geniacht hatte, betrachtete es Welcker als eine seiner Hauptaufgaben, in seinen Schülern deutsch-vaterländische Gesinnung wachzuruse». Den .Heldenmut der gegen Napoleon sich erhebenden Spanier ließ er seine Primaner in ihren Schulaufsätzen mit der Gefügigkeit der Deutschen vergleichen und sic ihr Urteil darüber abgeben, welches Verhalten das rühmlichere sei. Und als dann endlich die Stunde der Befreiung Deutschlands vom französischen Joche schlug, da waren es in erster Linie Welckers Schüler, die die Bildung eines freiwilligen hessischen Jägerkorps durchsetzten, mit dem Welcker selbst als Jägerleutnant ins Feld zog." * Im Jahre 1815/16 hielt Welcker, der nach einem mehrjährigen Ansenthalt in Roin, seit Oktober 180!) ordentlicher Professor in Gießen war — also von seinem 25. Jahr an — Vorlesungen „über die wichtigsten Verhandlungen und Verhältnisse unserer Tage". Darüber heißt es bei Haupt, Seite 17: „Nach den in den Akten der Mainzer Zentral - Untersuchungskoinmission erhaltenen Auszügen aus Welckers beschlagnabmtein Kollegicnhest nulsaßteu die Vorlesungen die Abschnitte Rcligioii, Sittlichkeit, Volksgeist, öffentliche Meinung, Erziehung und Unterricht. Es gereicht Welcker reicht zur Unchre, wenn der Untersuchungsrichter eine nahe Verwandtschaft der Tendenz von Welckers .Vorlesungen mit Zichtes Reden an die deutsche Nation beststellt. Weiter heißt es Seile 18: „I» der Tat scheint Welcker in feinen Vorlesungen die regierenden Kreise sehr nachdrücklich au ihre Pilicht, Religiosität und Sittlichkeit zu fördern, erinnert zu haben; geschähe das nicht, so sei die Weich,mg der Volkskreise znin Rcpnblikanisonis vorausznschcn." Und ferner ans der Seite 22: „Tie Mainzer Zcntralunter-- suchungskonimissioir hat bei ihrer Untersuchung gegen Welcker auch den Aufsätzen seiner Primaner nachgcspürt und uns so ein ünßcrst wert volles Qnellemiialcrial für die Kenntnis des in dein Kreise von Welckers Schülern herrschenden Uaterländi- schcn Geistes erhalten." Daß Welckers Stellung in Gießen durch die Bebandlimg die er erfuhr und durch ein Zerwürfnis mit dem französisch gesinnten Professor Crome immer unhaltbarer churde, läßt sich begreifen. Sein Benehmen gegen den letzteren, den er und feine Schüler wegen dessen nndentscher Gesinnung verachtete», trug ihm einen Verweis vom Ministerium ein: und daraushin nahnr er seinen Abschied, den die hessische Behörde ihnr bereitwillig erteilte, „indem sie ihn zwar als einen kenntnisreichen Mann, aber auch als unruhigen Kops erkannt hätte". Nachdem Welcker von 1816—19 an der Universität Güttingen gewirkt hatte, nahm er einen Ruf nach Bonn an, wo er nach einer langen Berufstätigkeit und rrach einigen wegen seiner Erblindung in der Zurückgezogenheit verlebten Jahren im November 1868 starb. Wie er im ganzen Vaterland und darüber hinausin hohen Ehren stand, geht aus dcnr Bericht seines Biographie: R. Kekule über die Feier seines jünszigjährigen Profefforjnbi- läums inc Jahre 1859 hervor. Die Besten seiner Zeit haben ^ ihn geehrt: Dichter und Denker, Fürsten und die preußischen Prinzen, deren Lehrer er gewesen war, Universitäten, Akademien, Künstlerkreise und das archäologische Institut in Rom. Gustav Freitag kam im Namen des Herzogs Ernst von Sachsen- Koburg-Gotha und die Stadt Bonn schickte ihre geistlichen und weltlichen Vertreter. ES war der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Bonn, der ihn ani frühen Morgen zuerst begrüßte und der ernsten, feierlichen Stimmung des Jubilars mit den: Spruch: „Herr, ich bin zu gering aller der Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knecht getan hast", einen würdigen Ausdruck lieh. Er hat dann seiner — da es ein Sonntag war — auch in der Predigt vor versammelter Gemeinde gedacht. — — Während der Gelehrte Gottlieb Welcker — dessen gut vaterländische, sittlich religiöse Art hauptsächlich die Seelen der sich für akademische Berussarten vorbereitende Jngcnd beeinflußte, icm durch diese als ein Segensstrom mit verborgenen Quellen in die Volksseele Übcrzuffießen — in weiten Kreisen fremd blieb, fand dessen Bruder Karl Theodor grade mitten im Volk seine begeisterten Anhänger. Auch er war Universitätslehrer gewesen, zuletzt in Freiburg iin Brcisgan, bis er im Jahr 1832 gemein- x {am mit Rotteck, seinem Mitarbeiter am Staatslexikon — dessen Drucklegung 1834 begann — aus politischen Gründen seines Amtes enthoben wurde. Zu gleiche Zeit wurde die Universität bis ans weiteres geschlossen. Man kann Welcker nicht den Vorwurf ersparen, daß sein allzu impulsives Temperament diese gewaltsamen Maßregeln hatte herbeiführen helfen. Von da an widniete er sich ganz "der Arbeit am StaatSlexiko» und dem politischen Leben, in dessen Dienst er Rede und Schrift stellte. Als Mitglied des Parlamentes zu Frankfurt und der hauptsächlich von nnb aus süddeutschen Kainmermitgliedern gewählten Siebenerkommission, die beauftragt war, Vorschläge über eine an- gemessciie Nativualvertretung vorztibereiten und die Grundlagen für eine neue Verfassung zu beraten, steht sein Name im Buche der deutschen Geschichte. Bon seinen Zeitgenossen ist er als feuriger Redner und als ein Mann, der die Kraft seiner temperamentvollen Persönlichkeit einsctzte, um dein Volk aus gesetzlichem Weg zu den ihm gebührenden Rechten zu verhelfen, gefeiert worden. Wenn er und seine Gesinirungsgcnossen auch nicht erreichten, was und >vie sie es wollten, so ist ihre Wirksamkeit doch nicht ohne Frucht geblieben. Sie war ein Samenkorn für die Zukunft! — Und ein Volk, das in der Geschichte die Lehre sür Gegenwart und Zukunft sucht und findet, wird bestrebt sein, das Andenken solcher Männer dem dunklen Strom der Vergessenheit zu entreißen. In den» Sinne ist Professor Wild ans Heidelberg zur Zeit noch tnit einer Biographie K. Th. Welckers beschäftigt, zu welcher ihm dessen 1911 verstorbene Tochter wertvolles Ma terial in Briefen und Schriften zur Verfügung gestellt hat. Als die Regierungen um Länder und Krone» bangten, waren ihnen Männer wie Welcker als Vermittler zwischen sich und dem revolutionierenden Volk willkommene Werkzenge. Sobald aber die Ruhe leidlich hergestellt war uich di« reakftonäre Partei wieder obenauf kam, wurden sie unbequem. Infolgedessen tvurdc K. Th. Welcker frühe mit einem anständigen Ruhegehalt und wohltöncndeu Titel pensioniert. In seiner schönen, zu Neuenheim gehörigen Billa, Alehidcl- becg gegenüber, hat er noch lange die Muße gefunden bei privat- niffensck-aftlicher Betätigung und immer regeln Anteil an der Entwicklung deS politischen Treibens, seinen Erinnerungen zu leben. -- Auch die beiden andere» Brüder Welcker, Ludwig, Hof- gcrichtsadvokat in Gießen, und als jüngster Ernst, der Bette 182 meiner Mutter, standen den l-rrden vorgmärmten «u großdentscher Gelinnuttg nicht nach. Es hat inick gefreut, in dem bereits angeführten Werk von Haupt über studentische Berbindnngc». auch dein Name» meines Gcrin-atcr als dem eiiteS sittlich und ivissenschastlich hochstrebend« Studenten und Mitbegründers einer Verbindung init hoben, idealen Tendenzen hänsig z» begegnen Auch als einer der hessischen Studenten, welche am IH. Oktober 1817 die Wartburgseicr inchgemacht habe», ist er da genannt. Wenn er trohdcin. nachdem er seine Stadien beendet hatte, zneist dee Adinnkl und sehr frühe der Nachfolger seines Vat.ne. - der selbst der 'Nachfolger seines Schwiegervaters genasen war Äus der zioar änsterst beschwerlichen, aber auch gut dotlert.n Pfarrstelle zu Oberoflcide» wurde, so hotte er das wohl mehr dem Protektorat des Hauses Solms-Bcaunfels, welckrern das Reckt znstand, eine» Pfarrer jüc diese stelle zn prjsentieren, als dem Wohlwollen seiner hessischen Behörden zn verdanke».-- Ich habe olle diese hier genannten Männer gekannt. Friedrich Gottlieb zwar nur ans Briescn an nieine Mutter, die ein sächlich zum Meihnachtsscst gnkommendes Geschenk begleiteten, später auch an» Briefen a» mich selbst. „WaS man so kennen heisst", denir ich lvar bei ihren Lebzeiten noch» zu unreif, »m v!on ihrer Best dentung einen »achballigen Eindruck gewinnen zu können Ihre wissenschaftliche Pedcnlnng besonders die des Ar- clräologeu Welcher entzieht sich auch beute noch nieiner sclbst ständigen Beurteilung. Ick beurteile sie nach dem Eindruck, den sie ans die wissenschaftlich gebildeten Leute seiner Zeit und auf die Schüler, die zu seinen ,'süssen gesessen haben, gemacht hat, und nach der Wertschätzung, welche die Gelebrtenwelt noch immer seinen Werken zollt. Allein darüber, was die Brüder Welcher als religiös sittliche Menschen und begeisterte Patrioten gcivcsen sind, habe ich nur dock längst ein eigenes Urteil gebildet. Und wenn ich ihre vergilb!«» Briefe lese oder das was über sie und andere Zeit- und Gesinnungsgenossen gedruckt ivorde» ist, so tritt mir ans diesen Zeilen ein .Idealismus entgegen, demgegenüber nur auch unsere heutige besser« Jugend verstandeskühl und arm an Idealen erscheint: und es will mir scheinen, da st der seelischen Entivickeinng junger Mensche» die Zeiten der Sehnsucht sörderlicher sind als die der Erfüllung. Im November lttltt hat inan Friedrich Gottlieb Melcker an seinem Geburtshaus i» Griinberg eine Gedenklalcl geletzt: »nd dieselbe Universität, a» n>elck>er ihm seiner Zeit der Stnbi vor die Türe geletzt worden war, von der aus ivahrchchcinlicki auch der Anstost zur Beschlagnahme seiner Briese und Schriften ausging, die ihn drei Jahre nach seinem Weggang ans Gießen, in seiner ersten Boniier Zeit traf und tief erbitterte - damals wurden auch die Schriftliclckettcn Ernst Moritz Arndts und Karl Theodor Wclckcrs mit Beschlagnahme belegt —, dieselbe Universität hat zu der Feier im Herbst 1910 einen ihrer Professoren »ach Grünbecg in Ober- desse» gesandt, um „dcni bedeutenden Gelehrten und hervorragenden Sohn .Hessens" die Gedächtnisrede zn halten. So korrigiert die Geschichte das Tu» der Menschen! Als die Schildbürger ans der Erde lagen und ihre Beine verloren hatte», kam ein Frenider und frt*lnn mit dem Stock an! sie los. Ta fanden sie ans einmal ihre Beirre »'jeder und wnstten nicht wie? Als aber Deutschland im Jahre 1870 von seine'» Erbfeind bedroht wnrde, wartete es nicht die ihm zngedachlc» Schläge ab, sondern !ani ihnen zrlvor, indem es i>n F-enrdeSliind cinmarschierle und damit verhütete, daß deutsches Land zum Kriegsschauplatz gemacht wurde. Die Franzosen hatte» es böse mit Dentsclüand vör- gebadt, aber es ist ihi» alles zum Guten ansgeschlage». Wie vst hatten sich bis dabin Deirtsäre im Bruderkrieg gegenüber gestanden: „nd einig Ivaren sie nie geivesc»! Aber damals geschah das Wunderbare, hast Aildeittschland wie ein Mann anf- stand! llnb die Franzosen waren es, die ihm 'zu dem verkolfe» batten, toonach dir Besten sich so lange geselmt hatten: zu seiner Einheit. ^ Wie Sturmesbrau'c» die Spreu wcgsegt, v siel in jene: grossen Zeit alles llngeiniide, Kleinliche und Elgc.iiüchtige von der Boiks- leele ab! Und mit de» Tränen, die Deutsche um ihre gesallcnen Helden weinte», mischte» sich' die FrendenlräneEüber das erstandene, geeinte Reich. Das sind längst bekannte Tatsachen, die man sich ledoch immer iviedcc ins Gedächtnis zurückrufen soll! Aber mel» Vater hat sic nicht mechr erlebt. Er hat nicht erlebt, dast Bl»v von seinem Blut in Heister Feldschlamt des Reiches !Fau batte kitten Helsen: Und nicht, dast die Brust seines Sohnes, aus dev cs geflossen war, mit des deutschen Kriegers hohem Ehrenzeichen: dem eisernen Kreuz, geschmückt wurde: und nicht, dast dieser Sohn nach seiner Wiederherstellung noch einuml hinaus zog nach Frankreich und im Sommer 1871 mit dem siegreiche» Heer wohlbehalten in Gießen einzog. Als ich im Bharz 1871 die Siegesfeier in Heidelberg mit erlebte, stand — beim Geläute aller Glocken, bei dem Glanz der Illumination und unter der Begeisterung einer lvogeiidcn Menschenmenge — das Bild des Vaters vor meiner Seele, der seit drei Jahre» ,»> Bogelsberg unter den Friedhosslinden schlief. Und mit Jahren meines Lebens hält« ich ihm eine Sttinde bes lwben Wonnernlisll>es erkaufen mögen, der in jenen iounderbaren Vo» Grihlingslagen tausend und abertausend deutsche Herzen erfüllte. Fortsetzung folgt. 1 PtrmilAi«». kos. Ein n euer Riesen tun ncl. Die italienische StaatS- bahnvcttvalliing plant den Ban elncs Riesent.innels von 19 Klm, Lange, der den Apennln nördlich von Genua durchbrechen und eine günstigere Eisenbahnverviirdnrig zwischen dieser Stadt und der Po Ebene schassen soll, so dast sich die Fabridauer der Schnellzüge Genna -Mailand von 3 auf 2 Stunden verkürzt. Unr die Schwierigkeiten zu vermeiden, bei denen man beim Ban der ältere» von Genua nach Norden fül>ce»den Strecken, der Heide» Giovi-Linien, insolge des tonigcii Gebirges zn kämpft» Halle, wird, wie ivir in den „Technischen Monatsheften" (Stuttgarts lesen, der neue Tunnel ein gekrümmtes Traed erhalle»,' so dast er der ganzen Länge nach durch gutes Gestein führt. Die Bauzeit wird ans 8 10 Jahre geschätzt. kos. E i ir Vierfüßler in S ch l a n g c n j o r in ist die Erzschleiche. Mit seinen toinzigen, rückgebildete» Füstckx» kommt uns das Tier so unmöglich und so ungewöhnlich vor, als Ivöre es ein Versehen der Natur, das uns daran erinnert, dast wir rroch nritten drin stecken im allgeuieinen Werdegang der Formen, deren Wechsel uns so gern als etwa Gewesenes, llebcrwundeficS er- sclreint. ttwei ivenig voneinander verschiedene Arten der Erz- schtciche, die eine irr den tvestlichen, die andere mehr in den östlichen Miticlmecrländern heimisch, gelangen regelmäßig aus unsere» Tierinarkt. Die äußere Form erinnert .stark an die Blindschleiche, von der sie sich aus den ersten Blick hauplsachlich durch den Besitz der vier winzigen, »irr dreizehigcn Bcinchen und durch eine schöne Längsstreisnng nrttcrschcidct. Der llnterschie) von der ihr im allgemeinen ähnlichen IöhanniSechse beslech — abgesehen von der bcirächllichen Größe (ettoa 3b Ztni.i der Erz- schleiche und ihrer Zeichnung — aus der bei unserem Tiere e»t> sclneden stärkeren Bcrkümmernng der Glledinasteir. Die Gebrauchs söbigkeit der Beincken ist so gering, dast sie allein kaum ans- reichcn, den langen Walzenlcib bei langlamem Kriechen zu sör- denr „nd dast, besonders inr rasche» Lauf, die Fortbewegung eine dnichans schlgrigcnähnliche ist, wenn auch die Gchbewegnngen der Beine nur selten unterbleiben. * Seine Definition. Willh: „Papa, ivaS ist eigentlich ein Sklave der Mode?" Papa: „Ein Mann, der eine Frau „nd ein paar crivachsene Töchter hat, mein Sohn." * Eri» nli g n n g. Er: „Ich ioerde niemals heiraten, eb« ich eine Frau finde, die »rein direktes Gegenteil ist." — Sie (er^ nrntigendl: „Aber, liebe» Freund, es gibt doch so viele hlibzch« und kluge junge Mädchen in Ihrer Bekanntschaft!" ttöiligrpromenade. wla» dari dte eluzeluen Wörter und Silben unr in der Welse niileinander verbinde», dast man — wie der itviiig a»1 dem Schachbrett — stet- von einer» ,.elü an-:, an! ein bcnachbarles übergeht. stre doch rast ein den gt tust drarrl gel vo du st vec der der hält last nicht kühl stiegt ent schw vo btzuur merkt die so dir an g°l so ner der wohn; da kt k>« iveg doch brust dl« in von der wenn fühlst nicht tust ast i- btt ! dle Anflösuiig in nächster Nummer. Auslösung des Leiterrätsels in voriger Nummer. Plalnr, Narnnr, Ethik: Spanieu, Amertka. Redaktion: !t. N « urash. — R«tattc>nsd»uch und Perlag der Brühl'lchen lliiiversttäts-Bnch- und Tteindrcickerei, R. Lange, Gießen.