Ein Frühlinostraum. Roman von Fr. Lehne. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.- I». „Was (st der Erde Glück? — Ein Schatten! Was i'. der Erde Nu hm? - Ein Traum! Du Armer, der von Schatten nur geträumt! Der Traum ist aus — allein die Nacht noch nicht!" (Grillparzer — Medca, 5. Akt.) Noch in der Stille der Nacht, als er nach Haus gekommen, schrieb Wolf an Mary; sie sollte wenigstens einen letzten Gruß von ihm haben Er schrieb „Mein süßer Liebling! Trotz Deiner Bitte schreibe ich Dir dock — zum letzten Male, mein Lieb! O, inein Märchen, warum mußte unserer Liebe das geschehen? Wir waren tvohl zu glücklich miteinander, als daß es von Dauer sein konnte! Verzeihe mir mein süßestes Herz, verzeihe mir, daß ich an Deiner Reinheit zweifeln tonnte! Aber air jenenr Tage war ich durch andere Verhältnisse ganz von Sinnen, tvar meiner klaren Vernunft wie verlustig - — jetzt kann ich inich tauni begreifen, nachdem ich ruhiger geworden bin! Ein Geständnis las,e Dir machen — nicht Tein vermeintlicher Trenbruch tvar cs, der mich Fräulein U. in die Arme trieb — nein, ei» bitteres Verhängnis brachte niich dazu: Um die Ehre meines Namens zu retten, blieb mir nur dieser eine Weg — es gab keinen anderen mehr' Eine Bitte habe ich — lasse mich wissen, was Du tun wirst — ob Du bleiben oder gehe» wirst, damit ich Dir mit meinen Gedanken folgen kann. Können wir uns nicht noch einmal sehen und ausjprechen? Du würdest mich mit dieser Gunst unbeschreiblich erfreuen! Lasse von Dir hören! — Lebe wohl, mein Süßes! Ich werde Dich nie vergesse» ! Noch einen letzten innigen Muß von Deinem Wolj." An, übernächsten Tage hatte er Marys Antwort in Händen. Sie schrieb kurz: „Warum wollen wir beide uns unnütz noch quälen, Wols, und das Herz schiver machen? Es kann nicht sein, daß tvir uns noch einmal sehen: dringe nicht in mich! Ich habe Dir alles verziehen und bitte Dich nur, mir nicht nachzuforschen! In ein paar Wochen gehe ich fort von hier — wohin, weiß ich selbst noch nicht genau! Vergiß mich, Wolf, und werde recht glücklich in Deiner Ehe! Mary." Er hatte es sich gedacht, daß sie ihm diese Bitte nicht erfüllen würde, und doch hatte er tief im Innern die leise Hoffnung nicht töten können, dieses könnte doch sein! Nun war es nichts, und ergeben legte er diesen Brief zn den übrigen. — Auch ans der Straße sah er sie nicht mehr: sie mußte jetzt einen,anderen Weg gctvählt haben. Augenscheinlich suchte sie jede Begegnung, jedes Sehen zu vermeiden.—-« Die nieiste freie.Zeit brachte er naturgemäß bei der Braut zu -mußte es tun. Er hsttte es d-urchgesetzt, daß zum Herbst geheiratet tvürde. Es ging über seine Kräfte, dies tägliche Beßammenjein mit dein ungeliebten Mädchen — in der Ehe wurde -das anders; da konnte er nach seiner Be- quemlichkeit leben, und da mußte sie sich ihm. fügen. Wie oft quälte ihn Ella durch Eifersucht, wenn er sie nicht genug geküßt oder nicht zärtlich genug war. Fräulein von Lassen war ja immer bei seinen Besuchen zugegen; aber Gabriele fand Vorwände genug, diese auf Minuten zu entfernen; dann überschüttete sie ihn mit ihrer ivilden, leidenschaftlichen Zärtlichkeit, vor der ihm graute. Gabriele tvar glücklich, ihr Ziel erreicht z» haben — der so heiß geliebte Mann ivar ihr eigen! Sie wußte, daß sie um ihn beneidet lvurde —- wenn sie mit ihm durch die Straßen ging und sie beide bewundernd angeschaut wurden, dann schlug ihr eitles Herz befriedigt höher. Ihre Liebe war aber nicht von jener tiefen Innigkeit, von jenem Aufgehen in dem Geliebten, lvie die Marys, die »nr noch in ihni lebte und mit ihm dachte— »ein, erst kam sie dann der Verlobte. Sie liebte ihn seiner männlichen Schönheit, seiner seltenen Persönlichkeit, seines Namens ivegen — nach seinen A»iichte», seinem inneren Fühlen und Denke» fragte sie iricht; das war Nebensache — der schöne Mann war ihr die Hauptsache, und den: galt ihre ganze Leidenschaft. Gar manchmal herrschte zwischen dem Brautpaar ein gereiz er Ton, trotz Wolfs Nachgiebigkeit, 'weil sie gar so wenig Rücksicht ans sei» Wesen nahm. Dann wae es ihr, als ob sie den Verlobten hassen sollte, wenn er so kühl und ruhig war; in ihrer Erregtheit hätte sie ihm dann sonst etwas antnn können. Oesters bat sie ihn, ihr zu dachten ans seiner Funggesellenzeit — sie interessiere sich riesig dafür, -einmal hinter die Kulisse» zu schauen, er hätte doch gewiß vor ihr schon manches Mädchen geküßt! Er ivußtc »icytS oarauf zu erwidern, so ivar er erstaunt über derartige Fragen. lind einmal fing sie an, daß er gar iiicht lange vor ihrer Verlobung spät abends mit einer Vertanseriii oder sonst etwas gesehen ivorden sei, ilnd wer weiß, ob nicht jetzt noch — — sie wußte ja um sein Verhältnis zu Mary, war dahintergekommen, und sie hatte eine br-ennende Eifersucht aus das schöne Mädchen. Da trat er ihr aber mit Entschiedenheit entgegen. „Aber Gabriele," sagte er, „widerstrebt es deinem weiblichen Empfinden nicht, danach zu fragen? lind wenn eS wirklich der Fall gewesen ist, so mußt du deinem Bräutigam soviel Ehrenhaftigkeit Zutrauen, daß er mit der Verlobung frühere Bezichukige» gewst hat! Ich habe dir Treue gelobt; ein Wolssdurg hält, was er verspricht und begeht kein« Schlechtigkeit." „So? Wirklich?" sagte sie spöttisch, ihn mit eigentnm- lichem Blick ansehend. „Wie meinst vu das?" fuhr er da ans. Im selben Augenblick fiel ihm der Grund seiner Verlobung ein, und ein 66 würgendes Gefühl ftien da in ih»n auf — — und eine Ahnmrg: Gabriele ivilßte um alles! O, dies Herz- und gewissenlose Weib, ihn dadurch zwingen zu wellen, ihr zu dienen! Aber sie sollte sich getäuscht haben — trug fie erst seinen Namen, dann war er der Herr. Nicht an der seiner Gattin schuldigen Rücksichr und EhrerbitUnna wollte er cs fehlen lassen — nein — aber das Herrschsiichtigc, Launenhafte ihres Wesens sollte gebrochen werden, damit er ein wenigstens erträgliches Leben hatte!---- Die Brautbesuche waren überslandc», und nun folgten die Einladungen. So sollte bei dein Justizrar tzoppc ein großes Gartenfest sein. Gabriele halte dazu ein nmnder- bareS zartdustcndes Spitzenkleid geioählt — aber der dazu passende Hut fehlte. Sie hatte sich nun einen Plan zurechtgelegt: Sie loollte ihn bei Frau Gürrdcl bestellen, Wolf sollte mit ausjuchen — bei der Gelegenheit kam er mit seiner Geliebten zusammen und sie konnte die beiden beobachten und sehen, ob das Gerücht auf Wahrheit beruhe. Run lvartetc sie auf eine passende Gelegenheit, die auch bald kam. Beiin Spazierengehen fragte sic ihn in harmlosem Tone: „Möchtest Du mir ivohl einen Gefallen tu»?"" „Gern, inein Herz, was denn?" — „Du sollst mir raten - ich bin mir nämlich noch gar nicht schlüssig, ivas ich für einen Hut zu meinem Kleide neh men soll — cs muß ekiöäs ganz 'Apartes sein -- etwas, das Aussehen erregt. Der Gedanke geht mir in» Kops herum." „Aber wer wird die Huts rage zu einer Kabinettfrage machen!" sagte Wols scherzend, „Du hast doch so viel Hüte — solche Auswabl!" „Ja, aber keinen, der zu dein Spitzenkleide paßt! Das verstehn Di» nicht, niein Freund! An einer wahrhaft eleganten Toilette muß alles miteinander harmonisch sein, wenn der Effekt nicht verloren gehen soll! Darin bin ich eben sehr peinlich. Mir soll der Ruf, die am vornehmsten gekleidete Dame der Stadt zu sein, nicht verloren gehe»! Da hast aber dafür gar keinen Sinn!" „Offen gestanden, nein! Mir ist es lvirklich gleich, wie du dich kleidest, Eli»! Du bist mir im einfachsten Kleide eben so lieb, lvic in der elegantesten Toilette!" „Leutnant Brenner bekundete stets ein lebhaftes Interesse für meine Garderobe, Schatz! Das gefiel mir sehr! .Und jetzt sollst Du mir auch etwas mit Rät und Geschmack bsi- stehen!" „Aber, Lieb, ich habe dafür »ichl das leiseste Verstand nis —" „Ach, wenn du Nur ivillst! Tu hast doch guten Geschmack! Hilf mir, bitte, aussnchen, ja?"" fragte Ella nochmals. Sie waren gerade vor dem Gündelschen Geschäft angekommcn und standen vor dem Schaufenster desselben. „Aber Ella soll ich denn da mit hinein? Ein Leutnant in einen» Modesalon! Lasse Dir doch eine Auswablsen- dnng kommen!"" sagte er erschreck, da« war ja das Geschäft, in dem Mary lvar - so konnte ec.sie doch nicht Wiede sehen - in Begleitung seiner Braut! Das >var doch unmöglich! „In einer solchen Sendung ist dock, nichts Passendes- Du zögerst, Schatz? Warum ivillst du mir nicht einmal solch eine kleine Bitte erfülle»? Oder fürchtest du dich etwa vor den kleine» Mädchen da drinnen so ist ja ivohl Euer.Ausdruck für solche Personen? Ich kann dir versichern, sie sind alle hübsch dort >m Geschäft,"" füget sie boshaft hinzu. Wolf warf einen Blick in das Gesicht seiner Braut und sah »iiver hüllte Schadenfreude darin. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: Sie >»>eist alles und will Euch beiden eine Falle legen. Für so niedrig denkend hatte er Ella dock, nicht gehalten, und ein heiliger Zorn erwachte in ihm gegen sic. Aber er bezwang sich und sagte: „Für diesmal ivill ich dir nachgcben! Lasse dir aber gesagt sein, daß dies das erste und letzte Mal geivesen ist! Ich liebe nicht, in Geschäften sozusagen als fünftes Rad an, Wn gen herum',nftehen." „Was du sagst, ist mir gleich: sei du erst init wir drin ne»,'" dachte Ella. Sie betraten den Laden, einen vornePm eingerichteten Äanin. Ein junges Mädchen fragte höflich nach ,h,-eii Wünsche». „Ich möchte Frau Gündel selbst speechen," ,'aa,e Gabriele eltvas von oben herab. „Das tut mir leid, Fr.ui Gündei ist nicht da: sie muß aber jeden Augenblick zurückkommen! Wollen gnädiges Frau lein Platz nehmen und warten?"" Und diensteifrig schob da§ junge Mädchen ihr einen Stuhl zurecht. „Ja, ich werde warten, aber im Probierziminer rnsen Sic mir so lange die Direktrice."' Wolf sah sich »nt; hier also war Marhs Wirkmigs» kreis; hier arbeitete »nd schasste sie! Widerstreitende Emp« sindnngen rangen in »einer Brust hvssentlich sah er sie - hoffentlich nichl! Ec vertiefte sich in den Anblick eines sehr ausfallenden HnteS, ganz in Feuerrot gehalten. Plötzlich schlng eine süße, ach, so lvohibekaiinle Stimme an sein Ohr, und toie elektrisiert drehte er sich herum. Da stand seine Marh vor Gabriele, deren Wünsche ertvartend. Sie Halle eine hellblaue Hcmdenbluse an und ein weißes Schürzche» vorgebuii- den Gott, tvic blaß und schmal »nd durchsichtig sah sie aus; die blauen, dnnkelumrandeten Augen blickten so schivernlütig darein, ivährcnd um den süßen Mund, den er so oft geküßt, ein bitterer, entsagungsvoller Zug lag. Er erfaßte dies alles mit einem Blick, der sehnsüchtig ihre ganze Gestalt nmschloh. Mary vermied es, ihn anzusehen: sie war ja aus das Wiedersehen vorbereitet, denn das junge Mädchen, von den« sie ge» rusen worden, hatte ihr hastig ziiaeraunl: „Fräulein Ulrich mit ihrem Bränligam ist da." Mil hochklovsendem Herzen, aber äußerlich ruhig hatte sie daü Probierziminer betreten, Gabriele höflich begrüßet'.d. Znni Glück hatte ihr Wols in diesem Augenblick den Rücken zngcdrehl und jetzt war cÄ leicht, ein Ansehen z» vermeiden. „Also, Sie haben mich hossenttich verstanden? Gut! Run machen Sie mir einige Vorschläge - zeigen Sie miv aber auch, was Sic noch haben," schloß Ella ihre Erläuterungen. „Viel haben lmr nicht vorrätig, wenigstens nichl von dem, ivas Ihren Wünschen entsprechen dürste, gnädiges Fräulein," cittgegnete sie, „am besten wäre cs, wir fertigte,» Ihnen einen Hut nach Ihren genauen Angaben an." „Darüber können wir ja noch reden: vorläufig mochie ich erst etwas sehen!" Mary öffnete verschiedene Karton- und zeigte die darin enthaltenen Hüte. Ihr Benehmen war sehr höflich, aber doch weil enlscrnt von großer Servililät, und ihre Bewegungen hatten etivas Ruhiges, Harmonisches Damenhaftes Gabriele saß ans einem kleinen Sofa, das Lorgnon vo. den Auge», mehr die junge Berkänferin, als die Hüte musternd Aber sic konnte keinen heimlichen Blick nach ihrem Vcrlobteil erhaschen, so sehr sie auch auspaßtc - Marh war ganz bei der Sache! (Fortsetzung sikglj ver 5eku»denmensch. Von Ernst Seissert »Berlin). Die Uhr auf dem Schreibtisch schätzt mit ihre» kurzen Schlügen im harten Gleichtakt die Sekunden hinweg, als wären sie ein Nichts. Und in dem Augenblick, da der Uhrschlag dein lauschenden Ohr die Sekunde «»zeigt, ist diese sckwn dahin und schnnmmt weit, unwiderbringlich loeil un Weltmeer. Mit il)r ging uns ein Sekundenteilchen des Lebens hinweg, zurück blleb von diesem riuiiendeii Trovien der Zeit allein die Erinnerung. Vielleicht. -- Man möchte ei» Schisschen kein und mit seinen Seknn- dcn eilen, man möchte den Augenblict saisen, die grausige Schnell« der Vergänglichkeit bannen! Doch das gehl nichl an, denn loa» wir balten. ist schon nicht mehr unser, es gehört läiigst dem Näch- stc». So sitzen wir an: User und sehen zu, was der Seknttdeestrom der Zeit »ins hcraiiträgt. Wer klug ist, erhascktt das, was bia kräuselnden, glitzernden Wellen mit sich reißen, dem arme» Träumer aber rinnt das Wasser durch die sckwviende Hand und er must scheu, '.. er ivohl die Sekunden auigrisf, sie aber eilen',; zerren!' Elogen - und ihm nichts brachten. bat der Mensch nicht so sehr gestrebt, immer finert best-.,,:. Äriviiln aus jedem and jedem Pulsschlag zu ziehen, früh .)twiste und baute man nach dem Zeitmaß der Tage, Wochim, Jahr.. Heute ober rechnen wir mit den Sekunden: oder vielmehr: die Sekunden rechne» mit »ns. — Ja, »ns wird von deir Sekunden diktiert, sic hetzen uns, denn wir wallen ankgreifen, alles, alles ausgreifcn, ivas uns der Strom entgegenschirniiimt. In dein Ge- vlätlMr der Sekunden rasen ivir unchcr juit nnseren hnngttgei, Hände,!, erliste», errnisen, samnicl» Strandgut, als ob tä gälte Berae zu türmen. Viele von un8 iibcrschcn dabei ganz, wie schön die Sonne aus dielen Wellen spielt. Wirklich, vom geruhigen Leben bin» wenig übrig. „Ein vlüqekschlag der Zeit könnte ungehvrt, nngeiüitzt vorbei- raniwen!" Das ist »>>>'ere Angst. — --- „Eins, »loci, drei, im Sanieschritt Fliegt die Zeit —“ Fliegen wie mit? — Nein. Wir fliegen nichl mit, iv>r werden initgerissc» Denn das Teinvo iniseres Lebenslansee ist — «7 schar', und schärfer geworden i es keuchen die Lungen, öie Maschinen, die Ferbnkcn, du' Magen vor lauter Hast, es stülpten die ÜJcütoreii vor höchster Anspanmmg, schneller geht es, sihngller —. lind das Leben ward ein maßloses Ziel. Mir scheint: einstmals war der Tag doppelt so lang „ich die Nacht auch, und bewußter hätten die Menschen gelebt. Ich glaube fast, sic vermochten auch bewußter au sterben. Jetzt reißt es uns plötzlich hinab, wie den 'Aviatiker ans chwind, Inder Hü^, der mit grausigem Aussclilag an Mutter «de ich zerspritzt, statt sriedlich lvcich und versöhnend seinen Körper in llrstoss zu betten. .... Wie nach einem Theaterstück die Dame den Abenoichlerer nachdenklich iich um schlägt und aus dein Heimgang die erlebten bimlsarbenen Stunden gedankenschwer noch einmal überschaut, so mochten nwhl einst anck: Menschen vom Lebeiisschaiispiel Abschied nehme», zu einer Zeit, in der nur» sich noch selbst das Sterbehemd wob. — Daß wir in dem Jahrhundert der Erfmduiigcn leben, hat Uns die« Unrast gebrockst. Quantitativ nehmen >mr sicher mehr in uns an als unsere Borgenerationen: es fragt sich eben nur, ob uns dadurch qualitativ nicht ein Rückschritt kam. Vielleicht haben wir ganz vergessen, daß die Materie uns dienen soll und wto nicht ihr. Sei cs aber wie es wolle, tatsächlich ist jeden Falls, daß wir wehr und mehr in einen Wettkamps mit der Sekundenschnelle hiiieingesteigert wurden und iruii mit unserem also gelinderten Leben auch »ns selbst entsprechend umsormen. In äußerlichen Erfolgen sind wir ja kolossal geworden. Ein Mann stand unter uns auf, der spielte mit Funken über die Weltnieere hinweg, so blitzesschnell, daß sie Seknnden lahm-- beinig hinterher hinke» mußten, ein anderer l-atie das Telephon erfunden, durch das ein jtnndenweiter Abstand »wische» zwei Mensche» urplötzlich zu einem Nichts znsa»nnenschlvo,id. Man uiinnit den Hörer ab n»d hat die Zeck mühelos, mit köstlicher Selbstverständlichkeit betrogen. — Drinnen im Kino rollen sich lebendige Bildet ab, viel schneller als das wirkliche Da—sein sie vorüberrauschen lassen kann. Fabelhaft wird komprimiert. An ein Telephongespräch z M alle Sinne Menden, empfindet der Seknnden- Niensch als überflüssig: wie gut kann er noch nebenbei einen Brief schreiben, sich die Schuhe ansziehen! Meder fjot er dann einige Seknnden gespart. Wohin gespart? Für was? Für wen? — Das ist ja ganz gleichgültig. Die Hauptsache ist: er hat sie gespart. Einen Frennd habe ich, der schreibt sogar während des. Telephon- gesprächö lyrische Gedichte. Wir sind auch gar nicht mehr abhängig. Ist «s Nacht, und wir treten in das dunkle Zimmer, so braucht nur unsere Hand herrisch-sieghast den Kontakt zu drehen »iid das Licht umblitzt uns, als nsttßlen wir Sonnen ausznzanbern. Ganz absonderlich markant drückt sich der Sekundeninensch im ültiiiomobilisten aus. Die schnelle Fahrt trainiert zu einem noch schnelleren Auisassen der Einzelheiten. Steine ans der Straße, entgegenkommende Geiäbrte drohe», die Umwelt zieht vorüber, per Wagen selbst bittet ständig in» Aufmerksamkeit, das alles rührt de» Sekimdeninensch nickst. Scharfäugig sitzt er am Steuerrad seines Wagens. Nicht niinder kaltblütig und scharsängig loird er auch a» dem Stenerrab seines Lebens sitzen lernen. — Es gilt immer, die nächstkoinmendc Sekunde beherrsckwnd kampsbcrcit zu empsangcu. Wenn die übernächste Sekunde den Tod bringt, soll die nächste wenigstens nicht nutzlos verlan gewesen sein. Bei stehen Sie, es gilt immer, vom Erlraki des Lebens zu kosten. Natürlich bars man als Sekimdcnmcnsch nicht an Einzelheiten kleben, vielmehr heißt es, sofort zur Erledigung neuer Ausgaben bereit sein, »venu man die erste Ausgabe gelöst hat. Wer die meisten Ausgaben löst, ist Sieger. Dies alles bewältigen, ohne in Flüchtigkeit zu verfallen, das ist ein großes Ziel, aber auch ei» schweres Problem. Mir sagte einmal ein Prototyp des Sekundenmensche»: „Wissen Sie, ich komme niir manchmal vor wie io ein Straßcnniusikant meiner Kinderjahre, der seitwärts vor sich eine Drehorgel, auf dem Kops einen Schüttelbaum, aus dem Bauch eine Pauke und unter dem Fuß di« Schlagbeckcn hatte und alles gleichzeckig in Bewegung setzte, um damit eine zum mindesten sehr laute Musik »n machen." Werde» die Sesundenmenschen mehr und besseres erzeugen als nur — Lärm? Das ist gewiß: Es bleibt bei diesem für »»sere Sinne so übcrsteigcrlen Tempo kanin Zeit noch Kraft, aus das Seelische um Uns, gar aus das in uns zu achten. Was die Mitmenschen denken Und kmvsindcn, »vird» nebensächlicher loerdcn, mehr denn je wird >»a» darauf merken, wie sie Handel». Eine ruhige, loarmherzige Anteiluahme am Mitnicnsckw» wird sich aus praktischen Gründe» verbieten. Und vielleicht muß der Sckiindenmeiisch am Schluß seines Lebens erkenilen, daß er war wie das Kind, das nicht gc»»g in die Hände nchmcii tonnte und darum alles verlor, daß er unzählige Sekunden gelebt, doch nicht eine erlebt hat. Vielleicht aber auch schasst der Sckundenmensch zehnmal so viel als der gewöhnliche Mensch, vielleicht ist er ein Bezwinger Md bringt cs sogar noch einnial fertig, die Erde schnekler kreisen »n lassen Ich muß ja auch sagen: sie dreh! sich viel zu langsam. vermischte». * D i e 2- ch ä d l i ch k e i t » » b n r ch l ä ! j i a e r Kops b e d« ck» » a e ». I»i Winter gel>«n noch weniger Dleisschen bar- bänpiig als im Sommer. Tnbei wird viel zu wenig bedacht, daß durch die Kovil cdeekuiig zum Schaden des Kopie- und paar» wncliies di« Ausdünstung verhindert lind eine gefährliche Wärme- stännng eizen^t Ivird. Wähle man wenigstens leine Kopfbedeckung nach vernlinilige» Grundsätzen, nicht »ach denen der Blöde ans. Wie verschieden diese Wärniestailiiiig je »ach Art des Materials ist, zei.ck die lolgende Zujaniineiisteilung: tlnler der leite» Mütze »Dienstmütze) betrug die Wärme 37 Grad, unter dein stellen schiuarze» Hut 33'/, Grad, unter dem Zylinder 32 Grad, unter dem weichen Filzlint 30 Grad, unter einem leichte» Clrohimt da- tzkgen nur 26Jä Grad. Tienstrnütz« (Iackitinützet, steiier Hut und Ztzlinder und niilbin die uiigecigi,eisten Kopibcdeckimgcn. Für die Geluiiderhalkuiig d«S HaarbodeuS ist es »»geniei» wichlig, daß die Ausdünstungen der Kopibanl entweichen und Lust und Licht zn- treten können. Tarnm iiwß die Haupllorderung kiir die Haarpsteg« immer lante» : Möglichst viel barbaupt gehen, zumal nn Kindes- altcr. Mütze und Hut dürse» »nr auSnabmslveile getragen werden und muffen dnrchlälstq !ür Ausdünstung«» und L»lt lei». Dte jetzt viel getragenen Gummi-, Leder- und WachStuchkappe» sind ein gesniidi-eitllcher Frevel. kt. Photographie ans M « »j ch « » h a u t I Und z>var ans der Haut lebendiger Mensche», ist die neueste Modenarrheit der Amerikaner, Ter aniertknniich« Ersinder hat nämlich ein Ber- sahren erlnnde», die Haut lebender Menschen li btempsindlich z» machen, io daß pholograpbiiche Bilder daraus abgezoae» iverden können. Diele neue» Tätowierungen taffen jetzt junge Tarne» mit Begeisterung an stch vornehin«»: wer schöne Schultern hat und sie gern zeigt, ziert lie heule unbedingt mit einer Photographie. Di« einen wählen das Bild des Gatten, die andere» das ihrer Kinder. Ti« bände der Daine» werden demnächst allgemein mit Bildern von Angetwrigen geziert iverden. Wahrscheiiilich werden a»ch di« Herren das Bild itzrcr Liebsten sich irgendwo ans die Hanl photographieren lassen, was sie unbesorgt tun können, weil diele Tätowierung vor der gewöbiilichen den Vorzug hat, daß sich dte Bilder jehr leicht wieder entternen lassen solle». ko*. Warn in lieben die Tiere das Kopskranen? Daß Tiere, »amenillch Hunde, das Kovlkranen jehr lieben, ist eine bekannie Talinche. Soweit mein« Erfahrungen reichen, schreibt Tr. Tb. Zell im „Kosnios-Sandiveiser" lStnltqartj, sind am enip- fäiiglichiien dainr die langhaarige» Hunde. Diele liebe,» es auch sehr, wenn man sic unten am Halse kraut. Ter Grund hierin« liegt selbstverständlich in dein Wolilgcwllen, das bei dem Tiere erregt wird, wenn ihm Stelle» belwndeli werde», zu denen es schlecht gelangen kann. Auch die Katze liebt das Kranen, aber, loivcck ich mir ei» Urteil darüber erlauben dari, doch weniger als der Hnnd. Mit ihrer beweglichen Pranke kann sie sich auch viel leichter leibst bearbeiten als der Hund mit seiner tolpaischigen Plote. Alle Böget, die sich überhaupt antassen lassen, scheinen auch sehr iilr das Kopf» krauen eingeiioiumeil z» fein. Besonders ist mir diele Boriiebe bei Papageie» anlgelallen. Blochten sie auch sonst noch Io lanntich iein, sobald sie hörten: „.Komm, Köpicheu kraue» I" steckte» sie lo- iort itzren Kovi durchs Guter. Bon Pferden ist es bekannt, daß sie sich gegenl itig ge»> de» Hals und andere Stelle» benage», an die sie nicht selbst heran können. Ter Grnnd ist natürlich auch in dieiein Fall der gleiche. Wie dankbar alle Tiere iür die Bejciliguiig oder wentgklens Minderimg des Hautreizes sind, ersietzt i»a» daraus, daß sie sich willig hmlegen, damit inan sie bürstet. Das tili» logar wilde Tiere häufig, ivenn der Wärter mit dem Bürst,eng kommt. Wie liebt es mit dem Kop'krancn bei den Affen'? Ich bade mich gerade darüber bei erfahrene» Praktikern eingebend erkundigt. Sie bestätigen mir, was ich selbst beodachlet batte, daß den Affe» das Kopskranen ganz kalt läßt. Ter Grnnd liegt aui der Hand. Er kann sich den Kovi selbst kraue» — ivas braucht er dam die Hand des Mcnlchcn? Niemals wird inan sehe». daß der Affe >vie der Hund, Papagei ulw. einc>n Bekannten de» Kopi yin- häll, damit man ihn krauen soll. Unser Weihnachtspreisrätsel hat bcr den Lesern der G i e ß c n e r Familie nblätter allem Anschein nach starken Anklang gesunden, denn wenn auch nur 33 richtige Lösungen eiiigingen, so erhielten wir doch eine große Anzahl von Briefen, die sich mit großer Freude über das Rätsel änhcrleil, das sehr vielen allerdings großes Kopfzerbrechen »lachte. Am heil'gen Weihnachtsabend Geht Ehristkind leis durchs Land Und spendet seine Gaben, Gar ntaiichen schönen Tand. Ee tritt in iliedre Hüllen, Ter Reichen prächtig Haus vnd teilt nach alten Titten Die Festgeschelikc aus. »8 •C' Run eilen sich die Kinder, „ Sie sreu'n sich, groß und klein. Auch in dem kalten Winter Kann heil'ge Lieb' gedeih» Sie suchen jetzt und laben Bei Hellem Kerzenschein An all den schönen Gaben Die Aeuglein lieb »nd rein. Won all den vielen Gaben Tic Weihnachtszeit beschert Möchi eine ich auch habe», Sie scheint recht viel begehrti Drum lös ick>s Weihnacktsrätsek Dem .lieben Zeitungsmann, Lös es als junges Mädel, So gitt ich» eben kann. Lang-Göns Klara Schtvinn. Jb sliätsel >var surchtbar schwer Und reizte mich trotzdem sehr, Ru« Hab ich es glücklich erdacht Und hier zu Papier gebracht. Dock sckiver ist auch in Reimen Die Worte zusammen leimen, Drum geb ick da; Dichten hier auf Und lasse der Prosa den Lanf. Grundsatz sür die Losung ist, dass man von dein luittelüen Buchstaben ,'eder Zeile ausgebt und die nächsisiebende» Buckn staben, zuerst den tinken. dann den rechten ustv. aneinander reiht. Zuletzt imis? man die Werse in folgender Reihenfolge zusammeiv- setzen: Ebisttindlrin kmn hernieder Und schmückt den Weihnachtsbaumr Mit Gaben süllr sich wieder Der Tisch bis an den Saum. Woraus da-s Herz sich freute. Was es gewünscht, erdacht. Wir sehen alles heute In überreicher Pracht. Nrvhen-Linden. Reinbold Schulte. « Jüngst webt' mir au» de» Weihnachtstisch Ein ganz verzwickter Zwiebelsisck. Macht' vor »noch»' rückwärts icki verbinde«. Es lieh fick, keine Lösung finden! Bis endlich in der Weibnacht „Ebristkindlein" mir's hat kund gemacht' Lies doch die Lettern gleicher Schritte Rach links und rechts mal aus der Mittel Stcinbach, Kr. Gießen. Marie Nanz. In der Nackt vor dem heiligen Abend. Bor Gottes Thron stehet der Engelei» Schar, Und Himmelsglanz leuchtet ans Augen »nd Haap Gott Vater teilt eben die Gaben -aus, Tic solle» sie tragen in jegliches Haus. „Doch leise! leise!" er ivarnend spricht, „Und stört mir im Schlafe die Kleinen nicht!" Ta sieb, aus der darrenden Menge tritt schnelk Vor Gott Vaters Stuhl ein kecker Gesell: „O bitte, wie können wir leise geben, Tie Goldschuhe klappern, auch wen» auf den Zehe« Wir über die holprigen Straße» dort schreiten. Ja, Gunmiiabsätze, die möcht' ich schon leiden!" Gott Vater hat da laut ausgclacht. „Du Naseweis!" hat er zu ihm gesagt, „Gut, das; du mich daran erinnert hast, Dast der Goldschuh sür Erdenstraßc» nicht paßt. Doch flieg nur getrost mit den ander» zur Erde», Für geräuschloses Tappsen soll Rat schon werden." Roch vor dem Thron sich neiget der Schwarm Jedwedes dann mit seinem Päckchen im Arm Schwebt ganz sachtchen zur Erde nieder. Jninilten das Christkind, und lieblickw Lieder Erklingen zuin Lobe des Sohnes des Herrn, Tie Schläfer, die hören'-?- im Traume so gern. Uno horch, ans der Straße, da klappert kein Sckmh, Kein Pollern störet die nächtliche Ruh: 's ist alles verivabrt mit weistsamtcveu Decke». Tas Tach und die Strafe und Gärten »nd Hecken. Und als verteilet die Gide» a'le, Eilen die Englein zur HimmclSballe. Christkindlein voran schließt die Himmelstür auf« Hinein stürme» alle in fröhlichem Lauf. Gott Water lächelnd zu Naseweis spricht: „Die Goldsckube störten die Kinder doch nicht?" Ter aber schlich in die Ecke sich sacht. Sonst hätten die aiidern ihn auSgelacht. » Lieber, guter Zeitungsmann! Hab' gerate», was ich kann. Fand auch schon nach kurzer Friste Was des Rätsels Lösung ist. Water, der bestieg indessen Pcgasnsseu sehr gemessen. Brachte auch mit Ach und Weh Bald daS Untier in die Höh: Aber schon iiach wru'gcn Schritten Hat es ih» herabgc glitten: Wiehernd stieg es bimiiielwärts Water aber sprach voll Schmerz; „Gar zu dürftig ist die Beute, Die ich diesem Scheusal beute Abgewann in hartem Ringen." Möge dock» auch diese bringe» Mir ein Buch z»m Zeitvertreib. Viele Grüße Heinrich Kneipsi. * * * Auslösung: Bon eilten» großen Buchstaben in der Mitte war jeweils ein Buchstabe links und ei» Buchstab' rechts zu nehmen und bann die Zeile derart weiter auszuzäblen. Das ergab: Christkindlein kam hernieder Und schniückt' den Weihnachtsbaum: Mit Gaben füllt sich wieder Der Tisch bis an den Saum. Worauf das .Herz sich freute. Was es gewünscht, erdacht, Wir sehen Altes beute In überreicher Pracht. ES erhielten: Heinrich Kneipp, Gieße», Wesersir. 3, GriiumS Marche»«, Klara Schwin», Lang-Göns, Volksmärchen. Alwine Adam. Gieße», Ostanlage, Bolksinärchen. Anna Jäger, Lalibach, Stcimveg 8, Andersens Märchen. R. Schulte, Großeir-Liiiden, Die Dürer Bibel. Albert Brücket, Watzenborn, Ludivtgstr. 46, Gesundbrunnen. Karl und Georg Hi»n»nlcr, Allendors a. d. Lahn, Sckpilstraße, Aus Deutschlands Urzeit. Hugo und Ottilie Rühl, Krofdorfcrstr. 32, Beycrlein: Das Jahr des Erwachens. Albert Klinket i» Lollar, Luindastraße 7, Wachsinuih: Geschichte meiner KriegSgesangeiischast in Rußland. Alben Schlavv. Staufenberg. Kipling: Im Dschnngellande r»nb daheim. Elisabeth Fischer, Gießen, Wenanlage 62, Ans der Jugendzeit. Karl Bender, Krockors Rr. >23, Jonker Hoose. * * * Die Gewinner auS Gieße» können ihre Prelle in der GeschäflS< stelle unseres Blattes abholen. Den auswärtigen Gewinnern wer> den die Preise »„gestellt. _ llrenzrätsel. In die Felder nkbc»»slehcudee ----- Figur sind die Buchstaben ___ int, b, c o, d, e e o e o c, g g, _1» h, i, 11 11, n h n n, o o o o, 1 pp irrt, s 8, n n u n, v v --------derart «inzulragen, daß dl« ________senkrechten »nd »rage rechten Reihe» gleichlautend solgeuSe» —---ergeben: ___ 1. Homerischen Helden. 2 . Rlederlänbtich« Stadt. --- 3. Veranlaßt »nelflcitS «,„e fröhliche Feier. Auslösung i» nächster Nummer. Auslösung des Bersteckrätscls in voriger Nummer» r'lrbeilsnmkeit ist die beste Lotterie. (■!. »nd Verlag der Vriill'fchen UniverdliitS-Bukh- und Ttcindrmckcrci, R. Lange, Gießen. Redakllo» t !> v a t h. —