Ein Friihlingstraum. Roman von Fr. Lehne. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wols schwieg einen Augenblick, ehe er mit müder Stimme sagte — „Wie das gekommen ist? Man muß doch als verniiitftiger Mensch mal daran denken, einen Hausstand zu gründen — und schließlich sehnt man sich doch nach einem eigenen Heim!" ,.— Und da sind Sie in der Wahl einer für Tie passen- den Lebensgefährtin just aus Fräulein lllrich verfallen? In der Tat — Wölschen, halten Tic es mtr zu gute — es ist wahre innige Teilnahme, nicht müßige Neugierde, die aus mir spricht — na kürz, eine Frage — Ihre Liebe war es doch nie — es war wohl mehr Muß? Seien Sic offen gegen mich, hatten wobl Schulden, hni?" fragte Strachwitz in herzlichem Ton. „Ich wußte mir nicht anders zu helfen," murmelte Wolf mit halberstickter Stimme. „Aber Mensch — waren Sie denn des Kuckucks? Mein Kredit ist doch auch der Ihre —" rief Srrachwitz erregt aus — „haben Sie denn gar nicht an Ihren Freund gedacht?" „Das habe ich! Habe sogar darauf gefußt — hat mir aber nichts genützt — sie wallten mich — mich! Detlev, wenn ich Ihnen etwas wert bin, dann fragen Sie mich nie wieder darnach!--Eigentlich habe ich gar keinen Grund, Ntich zu beklagen; was wi.l ich mehr? Meine Braut ist schön, reich —" fügte er in verändertem, lustig klingendem Tone hinzu. Aufmertsam schaute Slrachwitz seinen Kameraden an; dann sagte er kopfschüttelnd! „Wissen Sie, Wölschen, Sie gefallen mir gar nicht! Ich kann Ihnen nicht in dem landläufigen Sinne gratulieren--aber Glück im Sinne des Wortes wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen." Und mit beküinmerter Miene schüttelte er ihm die .Hand. — — „Sagen Sie, wie sind Sie denn mit dem kleinen Mädchen auseinander gekommen? Sie weiß doch sicherlich auch davon!" Aufgeregt durchmaß Wolf das Zimmer. „Strachwitz, daß Sie mich danach fragen! Dieses Mädchen — o dieses Mädchen — Sie wissen ja, lvie teuer sie mir war — und dann so an mir zu handeln —" in hastigen Worten erzählte er dem Freunde die Begebenheit aus dein Friedhof — „und ans Marys Treue hätte ich Häuser gebaut!" Weil der Schein gegen sic war, verloben Sie sich Hals über Kopf mit einer andern, ohne dem armen Mädchen Gelegenheit zur Rechtfertigung zu geben? Wolf, Wols. das hätte ich nicht von Ihnen gedaclst — ein Mädchen wie Mary Winters lügt nicht — ich wäre sofort zu ihr geeilt und hätte Aufklärung verlangt." „Strachwitz, ich kenne Sie nicht wieder! Jetzt reden Sie so warm für Mary, während Sie mich früher nicht genug warnen konnten vor ihr? — Jetzt haben Sie mehr Zutrauen zu ibr, als ich selbst zju dem Liebsten, tvas ich besaß — gerade, als ob Sie wüßten, daß sie schuldlos ist! Spricht denn aber nicht alles von ihrer Untreue? Sie schreibt mtr ab und ist doch am selben Ort mit einem andern?" „Und könnte dieser andere nicht ein Verwandter, vielleicht gar — ein Bruder sein?" fragte Strachwitz bedeus tungsvoll. Aufgeregt sprang Wolf auf. „Das ist Unmöglich," rief er aus, ,,sie hat mir nie gesagt, daß sie einen Bruder hat!" „ — Vielleicht hat sie Grund, sich seiner zu schämen — ?" „Mensch, spannen Sie mich doch nicht auf die Folter; Sie wissen etivas, haben Sie doch Mitleid, sagen Sie — f" und auss höchste erregt faßte Wolf den Freund heftig am Arm. „Erst seien Sic ganz ruhig! So — Wolfsburg — vernünftig sei»! Also, die Kleine hat Ihnen nur wenig über ihre Familie gesagt, was aber alles seine Richtigkeit hat! — Aus leicht begreiflichen Gründen hat sie Ihnen aber verschwiegen, daß sie einen Bruder besitzt, der ein sehr gut veranlagter, aber leichtsinniger Mensch ist! Er hat anfangs Medizin studiert, dann hat er umaesattelt, weil ihm dieses Studium nicht behagte, und so wnvde er Kaufmann. In denk Geschäfte, das ihn migesteklt hatte, unterschlug er eine Summe Geldes, wofür er zwei Jahre im Gefängnis sitzen mußte! Jetzt ist er Clown in einem Zirkus in H. Da begreifen Sie wohl leicht, daß das arme Mädchen sich geschämt hat, Ihnen das zu sagen!" „Und das ist alles wahr, wirklich wahr?"' fragte Wolf mit tonloser Stimme. Dann nahm er Marys Brief unter dem Buche hervor, „hier — vorhin kurz, ehe Sie erschienen, bekam ich diesen Brief — ich habe ihn noch nicht gelesen!" „Dann tun Sie es jejjt und zögern nicht länger!" Wolf drehte den Brief in der Hand; dann schüttelte er den Kopf — „erst sagen Sie wir, woher Sie das alles so genau wissen — sie hat Ihnen wohl aufgetragen, mir das zu erzählen. Sie gebeten, ein gut Wort für sic einzulegen?" „Sie sind nicht gescheit, Wolfsburg," sagte Strackwitz ärgerlich, „Sie sollten sich schämen! Ganz genau wissen Sie doch, daß ich soeben erst aus H, gekommen bin! Also, mit meinem Vetter besuchte ich gestern abend den Zirkus 3t'., der sich dort aufhält, und wir besichtigten natürlich auch den Marstall. Dort siel mir ein junger, ungewöhnlich hübscher Mensch auf, dessen Gesicht mich sofort an die klein«; Winters erinnerte. Er interessierte inich und ich wußte mich ihm zu nähern; es war nicht schwer, da er mit einer kleinen allerliebsten Ballettratte riesig vergnügt plauderte. Sie kennen mich ja, Wölschen, ich erfuhr ba.d von den beiden, was ich wissen ivollte — die Kleine machte gar kein Hehl aus seiner Vergangenheit und renommierte mit seiner Herkunft — der süße Boy wäre mit einem der ershen russischen Fürstengeschlechter mütterlicherseits verwandt usw,, kurz, ich kannte jene Angabe schon von Ihnen her >— 62 natürlich kombinierte ich und zog nähere Erkundigungen cm, in denk Gedanken an Tie." Während Strachwitz sprach, saß Wols da, den Kops tu die Hand gestützt urid vor sich hinstarrend — es machte säst den Eindruck, als hörte er nichts. „Wölfchen, wollen Sie nicht jetzt endlich den Brief lesen?" mahnte Strachwitz. „Nebrigcus muß ich gehen, habe gar keine Zeit; ich wollte nur nach Ihnen sehen" „Wenn das alles wahr ist, wie habe ich da meinen Liebling gekränkt," sagte Wolf mit leiser Stimme. Er öffnete den Brief und überflog seinen Inhalt. Dann lachte er ta aus >— „hier, Strachwitz, lesen Sie, und sehen Sie, was ich für ein schlechter Kerl bin!" Damit gab er dem Freunde das Briesolatt, dessen Schrift durch Tränenspuren schwer leserlich geworden war, und warf den Kops auf die Arme, wobei ein mühsam unterdrücktes Schluchzen-seinen Körper erschütterte. Strachwitz las und blickte daun mitleidig auf ihn; zärtlich strich er über Wolfs lockiges Haar. „Armer Kerl — es geht jedem im Leben etwas quer; suchen Sie zu überwinden, und nehmen Sie die Sache nicht so tragisch," sagte er. „Jetzt muß ich aber gehen — vielleicht komme ich nachher noch mal mit vor." Er ging, weil er wußte, daß für den geliebten Kameraden Alleinsein jetzt das beste war. „Armer Junge," murmelte er beim Fortgehen, „wie tut er mir leid! Also auch das noch! Hab mir's doch beinahe gedacht! Und das Mädchen, wie wird sie es überwinden? Weiß der Kuckuck, warum ich sie auch so gern haben muß!" — Wolf hatte kaum gehört, daß Strachwitz gegangen war; er lag noch immer so da. Endlich richtete er sich auf. Er griff wieder nach dem Briefe, den der Freund aus den Tisch gelegt hatte, und las ihn nochmals durch. „Arme, kleine Maus, kannst du mir denn verzeihen? Wie konnte ich nur einen Augenblick an dir zweifeln? Nein, dieses holde Gesicht kann nicht lügen; Strachwitz hat recht! Wenn ich dich hoch nur einmal noch sprechen könnte!" Mary schrieb ihm in ihrer feinen, etwas flüchtigen Schrift: „Mein lieber Wolf! Darf ich Dich noch so nennen? Dies eine Mal gestatte es mir noch und höre meine Rechtfertigung an! — Wie hast Du nnr doch weh getan mit Deinen Zeilen! Ich konnte kaum glauben, daß Tu es warst, der mir so harte Worte geschrieben. Was Hab' ich Dir getan, daß Du mir so begegnest! Du weißt ja doch, wie unsäglich ich Dich liebe. — Beiseite werfen willst Du mich wie ein Spiel- »eng, an dem man seine Launen befriedigt hat! Ich >oar Deine Geliebte, Fräulein Ulrich aber wird Deine Frau sein! Ja, ich weiß, daß Du mit ihr verlobt bist, trotzdem Du mir so oft sagtest, Du mögest sie nicht leiden! Wolf, ich will Dir keine Vorwürfe machen; Du wußtest ja, was Du tatest! Ich habe Dir ja auch immer schon gesagt, daß es mit uns beiden doch nichts werden könnte — ich passe nicht zu Dir, dem glänzenden Offizier. — Du hättest mir aber vorher sagen sollen, daß es ein Ende hat zwischen uns beiden — Du brauchtest mich nicht mit jener brutalen Tatsache zu überraschen und mir noch dazu den Vorwurf der Untreue zu machen, der mir das Herz zerrissen hat! — — Gar seltsam, das glaube ich, mußte Dir mein Verweilen auf dem Friedhof erscheinen, weil ich Dir abgeschrieben — jedoch die Verhältnisse nötigten mich zu jener Heimlichkeit, da ick nicht den Mut zur Wahrheit fand. Doch so groß mußte doch Dein Vertrauen sein,^nich nicht ungehört zu verurteilen! So höre, Wolf! Von meiner Familie habe ich mit Dir gesprochen, hatte Dir allerdings verschwiegen, daß ich noch einen Bruder habe, der aber nicht gut geraten, der sogar int Gefängnis gewesen ist! — Vor ein paar Tagen nun bekam ich nach langer Zeit den ersten Bries wieder von ihm, worin er mir mitteiltc, daß er mich not-- wendig besuchen müßte. Was sollte ich tun? Mir ahnte nichts Gutes! In die Wohnung konnte ich nicht mit ihm gehen — mir hätte ja dqch keiner geglaubt, daß es mein Bruder ist. So ging ich ,nit ihm nach dem Friedhof, da wir dort am sichersten waren. Er war sehr niedergeschlagen, bat mich um Geld, das ihm dazu helfen sollte, wieder ein ordentlicher Mensch zu werde» — sein Leben als Clown in dem Zirkus X. ekelte ihn au! Was anderes hätte er nicht werden können; trotz seiner Bemühungen hätte ihn keiner nach der langen Hast anstellen wollen. Er tat mir leid — er ist ja mein Bruder — ich sagt« ihm meine Hilfe zu, wenn er mir verspräche, inich nicht wieder aufzusuche» und sich wirklich zu bessern! Am anderen Morgen schickte ich ihm mein Sparkassenbuch, und er reiste sofort wieder ab. Das >var alles! — Wie ostj atte ich angesetzt. Dir von Feodor zu sagen, und doch rächte ich es nicht fersig — so schämte ich mich! Auch wollte ich die Stunden unseres Beisammenseins nicht mit so bitteren Erinnerungen trüben; daher unterließ ich es. Das ist meine ganze Schuld! — J!ch hoffe, daß Du mir glauben wirst, Wolf! Mache aber keinen Versuch der Annäherung; ich kann Dich nicht mehr sehen! Tu bist nicht mehr frei — Du gehörst einer andern! Ich will Dich nicht dazu verleite», etwas LU tun, was sich mit Deiner Pflicht als Bräutigam nicht verträgt. Für die Stunden des Glückes, die Du mir bereitet hast, danke ich Dir! Sie werden in meinem künftigen einsamen Leben der einzige Lichtblick sein! Jeden Tag, niein Wolf, will ich den lieben Gott bitten, daß Du recht glücklich werden mögest. Lebe wohl, mein Wolf, und Gott behüte Dich! Mary!."' Ties erschüttert legte Wols den Brief wieder hin. „Mein armes Märchen." Er barg sein Antlitz in den Händen, und schwere heiße Tropfen lösten sich aus seinen Auge». Er mußte weinen — er könnte nicht anders; das Hem war ihm zu schwer — so nahm er Abschied von seinem Glück und seiner Liebe. Sorgfältig verschloß er den Brief und das Bild, nachdem er es noch einmal a» seine Lippen gedrückt hatte; daun nahm er die wissenschaftliche Arbeit wieder vor, mit der er sich in seiner freien Zeit beschäftigte. Er Ivollte schreiben —, um die Gedanken abzulenken — um zu vergessen! — — So fand ihn Strachwitz, der nach zwei Stunden Ivieder vorsprach. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen; er mußte sehen, was Wolf trieb. „Das ist recht, Wölfchen," sagte er, „Arbeit hilft über alles hinweg! Kommen Sie jetzt, wir bumnieln ein wenig nach dem Waldschloß, dort lassen Sie uns ein lvenig plaudern!" „Letzteres ja — bei mir! Erstereö nicht," versetzte Wolf, „vergessen Sie nicht, daß meine Braut Anspruch auf nicine freie Zeit hat! — —i Sie haben Marys Brief gelesen? —- alles — loas sagen Sie nun zu dem mocalpredigcnden Freund?" fragte er leise. Strachwitz legte ihm die Hand auf die Schulter — „Was ich dazu sage? daß er doch auch ein Mensch i,st — und wenn einer ein Mädel gern hat — zum Kuckuck — na — da ist alles zu verzeihen! — Uebrigens scheint der Bruder ein ganz gehöriger Leichtfuß zu sein ! Da hat er dein Mädel die sauer verdienten Groschen abgeschwaht und verbringt sie sicher in leichter Gesellschaft! De» Eindruck machte er! — Er sagte mir auch erst, daß er hier gewesen, als er hörte, daß ich von hier wäre! Ich möchte sein schönes Schwesterlein grüßen, die da und da wäre! Ich solle sie von ihrer Schwerfälligkeit kurieren, iinmer und ewig Hüte zu garnieren — wo sie bei ihrer Schönheit ganz andere Ehan- cen haben könnte! Tann brauche sic nicht so kümmerlich ihr Leben zu fristen usw. Ein Valentin ist er nicht! — Ich könnte Ihnen noch mehr von ihm sagen! Schade, daß er so leichi- sertig ist — scheint ein begabter Mensch zu sein! — Mir tut die arme Kleine leid! Warnen Sie sie doch vor dem sauberen Mosjöh". Strachwitz sprach und erzählte von allem möglichen, um den Freund abzulenken von den Gedanken, die er durch jene unbedacht getane Bemerkung heraufbo- schworen hatte. Wolf war sehr still; hin und ivieder zwang er sich zu einem Lächeln. — — Es wurde Zeit, zur Braut zu gehen; es waren verschiedene Gäste zuni Abendbrot geladen, und er mußte pünktlich sein. Er sagte dies dem Freunde, vertauschte die bequeme Litewka mit dem Wassen- rock, und beide verließen das Haus. (Fortsetzung jolgt s Der Anfang des winterfel-zuges M4. Von Brünne bis Etoges. (29. Januar bis 14. Februar.) Bon Tr. Kurt Haack. Wollte man in Napoleons Kainvt und Unterliegen vor 100 Jahren eine Tragödie „ach aristokratischen Gesetzen sehen, so müßte der erste Teil des Wintcrseldzuges als das letzte retardierende Moment vor der Katastrophe erscheinen. Das »st eine Situation der höchsten Spannung, der leidenschasrlichsten Erregung voll. Schon hat sich der grausige Ring der tragischen Notwendigkeit um das Schicksal des Helden geschlossen, keine Rettung scheint mehr möglich, kein Ausweg, da rafft er sich noch öS dninal mit oller Statt cinyot, sicht glänzend, groß, gebietend da, ein Wetterleuchten des Sieges umglüht ihn mit der Gloriole des Lichtes, bis dann der Blitz ihn zerschmettert, ihn in Nacht Vnd Nichts schleudert . . . Völlig verzweiselt schien Napoleons Lage zu Beginn des neuen Jahres, Ter Weltbcherrscher war ganz aut Frankreich zurückgedrängt; sein Reich, sein Leer waren erschöpft; kaum lOOOOO Mann noch standen von Lolland bis zum Jura im Felde, um dem Einbruch des Feindes zu wehren. Er konnte dem sicheren Untergang allein dadurch entgehen, das; die Verbündeten ihn, Zeit liehen, und das taten sie. Nur widerwillig entschloh sich Kaiser Franz Joses von Oesterreich, der seinem Schwiegersohn den Thron erhallen wollte, überhaupt zum Einmarsch in Frankreich, und der Feldzugsplan, den man schlichlich durchsetzte, trug ganz das Gepräge jener uralten Strategie der Winkelzüge und Ermattung des Gegners, die ii» 18. Jahrhundert gegolten und der Fürst Schwarzenberg, der Oberbefehlshaber, noch huldigte, I» einer fast komischen Scheu vor dem modernen Tä- monen des Krieges und in Ueberschätzung seiner Kräfte wollten die Verbündeten mit ihren 300 000 Mann Napoleon, der kaurn über ein Drittel meist junger, ungeübter Truppen verfügte, nicht direkt angreisc», sondern die Hauptarmee begnügte sich damit, durch die Schweiz zu marschieren und nach geringfügigen Gesechten mit dem schwachen Korps Morticrs lbei Bar-sur-Aube am 24. Januar) das berühmte, angeblich unangreisbare Plateau von Langres zu besetzen. Hier glaubten die gelehrten Strategen den „Rubicon" erreicht zu haben, den man nicht überschreiten dürfe, und erklärten die militärischen Ausgaben für „gelöst": jetzt habe die Diplomatie das Wort, Blücher erhielt mit der ehemaligen schlesischen Armee die wichtige und schwierige Ausgabe, als „Beobachtungskorps des Oberrheins" den Feind zu beschästigen und den rechten Flügel der Hauptarmee zu decken. Damit Ivar dem feurigen Marschall Vorwärts trotz der „angelegten Fesseln", über die Gncisenau stöhnte, doch eine gewisse Freiheit der Initiative gegeben, die er nach Kräften auochrtztc, Ueberraschend schnell vollzog sich Blüchers Vormarsch jenseits des Rheines: mit einer erstaunlichen Kühnheit durchstich er den Festungsgürtel Frankreichs, suchte vergeblich Napoleons Marschällc zur Schlacht zu zwingen, und vereinigte sich schließ- lich mit der Hauptarmce, um diese womöglich zu einem Vor marsch gegen Paris sortzureihc», die einzige strategische Operation, in der er und seine beiden genialen strategischen Berater Gncisenau und Elausewitz das Radikalmittel der Vernichtung des Feindes sahen. Als Napoleon am 25 . Januar endlich selbst in Ehülons bei seinem Heere eintraf, hatie Blücher die Schmarzen- bergsche Stellung sogar schon überholt und begann sich vor ihren rechten Flügel zu schieben. Mit aller Macht drängte er vorwärts, i,Paris hat den Kops verloren", schieb er an den mächtigen Berater seines Königs, Knesebeck, der gerade damals in einer Tenkschist den Marsch gegen Paris dringend widerriet: „lassen wir es nicht zu sich selbst kommen: frisch daraus los!" Er Er wünschte nichts sehnlicher, als das; sich Napoleon gegen ihn Wende: „Tut er es, so kann uns nichts Wünschenswerteres begegnen; dann erhalten wir Paris ohne Schwertschlag," Jni Haupt - guartier von Langres aber, wo unterdessen die drei verbündeten Herrscher mit ihrem Gefolge von Kriegstheoreiikrrn und Diplomaten eingetrosscn toarcu, galten der preußisch? Feldherr und die Seinen für „Exaltierte" und „exzentrische Heißsporne", Die feinen Gespinste der Diplomatie, die neben Metternich besonders der englische Minister Castlercagh immer fester knüpfte, drohten den letzten Soldatenmut zu umgarnen und zu ersticken. Ter kluge Schwedenkronprinz Bernadotte fischte dabei im Trüben und suchte mit des Zaren Hilfe den Thron Napoleons sich zu sichern, während Kaiser Franz für seinen Schwiegersohn und die Engländer für die Bourbonen eintraten und über diesem Gezänk beinahe die ganz? Allianz in die Brüche ging. Man verteilte schon des Löwen Fell und sollte doch noch recht kräftig seine Tatze fühlen, Blücher, der sich ungeduldig wie eine Vorhut vor die Front des Hauptheeres geschoben hatte, traf der erste Prankenschlag, Bei Brienne griff ihn der Kaiser am 29, Januar an, und zum erstenmal stand der grimmigste Feind des Korsen dem Gegner, der 10 000 Mann stärker war > persönlich gegenüber. Das Glück des kurzen Wintertages schien den Preußen günstig; aber in der Dunkelheit machte Napoleon einen neuen überraschenden Angriff, worauf sich Blücher nach Mitternacht schloeren Herzens zum Abzug entschlichen muhte und aut den Höhen von Trannes eine sichere Stellung einnahm, Ter Kaiser folgte am 30, Januar bis La Rochiere und sah sich im dichten Nebel plötzlich dem Feinde gegenüber, aber keinem geschlagenen, sondern einem schlacht- bereit aufgestellten. Unschlüssig blieb er am 31, stehen: er brauchte unbedingt einen Sieg, um seine höchst bedenkliche Lage zu bessern, und doch erkannte er die ungeheure Ueberlegcnheit des Feindes, Nicht nur Blücher, sondern Schwarzenberg mit seinem ganzen Heer stand ihm gegenüber, und am Abend des 31. Januar waren Mehr als 125 000 Mann zum konzentrischen Angrisf um die 40000 Mann starke eigentümliche Hakenstellung der Franzosen versammelt. Ein einziges festes Znpacken, «in Schlichen des Rings, und Napoleons Heer war vernichtet, der Krieg zu Ende, Wenn Schwarzenberg diese Gelegenheit tatenlos und ungenützt vorübcrgehen ließ, so gehorchte er dabei der Politik seines Kaisers, der Napoleon retten wollte. Das Einzige, was er aus das heilige Drängen Blüchers hin zulich, war, das; er den, preußische» General „nach eigner Disposition" den Anglist gestattete und ihn» zioei seiner Korps zur Verfügung stellte. Ans diese Weise,konnte ein endgültiger, ein tödlicher Schlag gegen den Feind nicht gejührt werden, Ter Feldmarschall eröilnete am !, Februar mit 16 000 Mann die Schlacht bei La R o t Ii i £ r e im dich:en Schneegestöber mit einem Frontalangri's, In hartnäckigem Ringen um mehrere Dörfer auf ungenrein schrvicligern Gelände, bei einem Unwetter, das grade noch die Hand vor Augen erkenrien ließ, verzehrten sich die Kräfte ohne Erfolg im furchtbaren Nahkampfe, und erst die Bayern unter Wiede brachten arn Nachmittag die siegreiche EntMeidung dieses blutigen Wintectages. Tie Franzosen zogen sich in fluchtähnlichcr Verwirrung arrf Brienne zurück, Blücher aber konnte seinen Sieg, diesen heiß ersehnten Triumph über den Korsen, nicht au-nutzen; in ohnmächtigem Grimme mußte er den Rückzug drilbeu, den er mit geringen frischen Kräften, mit einem Zuzug von der Hauptarmee in wilde Panik hätte verwandeln können. Mit dem letzten Schub des Tages war seine Rolle als Schlachtenlenker ausgespielt, und Schwarzenberg, der Zauderer und Tatlose, gebot wieder unumschränkt, Ter Gewinn dieses ersten Sieges über Napoleon auf „Frankreichs heiliger Erde" lag so weniger auf militärischem als auf moralischem Gebiet, Dem geschlagenen Kaiser begegneten nun die eigenen Untertanen mit eisiger Kälte und Haß, Blücher aber hielt nun Napoleon sür vernichtet: „Ter große Schlag ist geschehen," jubelte er: „gestern habe ich dcrr Kaiser Napoleon auls .Haupt geschlagen. Wir dürfen einem baldigen Frieden cntgegen- sehcn, denn er kann uns nicht mehr die Stirn bieten," In diesem Freudenrausch, der ihn den Sieg stark überschätzen ließ, lvar er glücklich, das; in dem Kriegsrat arn 2 . Februar die schon oft erwogene Trennung der beiden Armeen endgültig beschlossen lvurde. Verpslcgnngsschwierigkciten, die ja tatsächlich irr dem ausgcsogencn Land bei der furchtbaren Witterung bestanden, boten den Vorwand. In Wirklichkeit rvollte Schivarzenberg den lästigen Dränger und Ruhestörer los rverden; Blücher aber begann nun energisch den Bormarsch auf Paris, In völlige Sicherheit gewiegt, marschierten die einzelnen Korps der etroa 50 000 Mann starken Armee, von einander getrennt, ohne rechte Verbindung und schlecht mit Nach- richten versehen; vor den Toren der Hauptstadt Frankreichs erwartete man den ersten großen Widerstand, Ta fuhr mitten unter diese zerstreuten Truppen rvie ein Blitz aus heiterm Himmel — Napoleon, Nach dem Schlage von La Rochiere hatte der Kaiser selbst einen Augenblick an seinem Stern gezweiselt, Damals gab er seinem Abgesandten Caulaincourt, der ihrl ber dem am 3, Februar erössneten Kongreß von C l> ü t i l l o n vertrat, die Vollmacht, Frieder! um jeden Preis zrr schließen. Aber als sich der Gesandte am 9, Februar die definitive llnterlchrist dafür holen wollte, fand er den Kaiser ganz anderen Sinnes, fieberhaft angespannt, über Karten gebeugt. Sein Genie hatte ihm noch einmal einen Ausweg gezeigt, und es sollte sich so glänzend bewähren wie nur in den höchsten Ruhmestagcn seiner Jugend, „Jetzt nichts von Friede!" stieß er schroff hervor; „jetzt handelt's sich um ganz andere Dinge Ich bin soeben dabei, Blücher zu schlagen," Dem Worte folgt die Tat auf dem Fuße. Napoleon hatte zunächst mit seiner geschwächten Armee nicht an einen Angriff auf das schlesische Heer denken können; er wollte nur Paris sichern und sich zu diesem Zweck mit Macdonald vev- einigcn. Da erkannte sein scharfes Feldherrnauge die durch die Zersplitterung des Feindes so günstige Lage, und mit unerreichter Schnelle, Klarheit und Energie wußte er allen Nutzen daraus zu ziehen. In meisterhaften Eilmärschen warf er sich nacheinander auf die einzelnen Korps, vernichtete zuerst am k0, Februar bei C h a m p a u b e r t das kleine russische Korps Olsrrwicss, besiegte daun anr l l, bei Montmirail Sacken und schlug am 12, den zu Hilfe kommenden Borck bei Chäteau Thierry, Blücher, der das Furchtbare nun ahnte und ungeduldig auf einen Angrisf wartete, trat anr 13, Februar von Vauchamps aus den Marsch nach Etoges an, um Sacken und Borck zu entsetzen. Es kam auf diesem weiten Weg zu ungeheuer blutigen Kämpfen mit Napoleons Garden, die die Preußen immer mehr znrückdrängte». Aber vor dem Schicksal des völligen Aufgeriebcnrverdens bewahrte die Truppen ihre eiserne Tiszivlin und Tapferkeit, die selbst der mit Lob karge englische Begleiter Blüchers Hudson Lowe mit höchster Bewunderung anerkannte. Doch hatte die schlesische Armee gegen 15 000 Mann verloren, befand sich in einem Zustand tiefster Erschöpfung und ivar von Paris wieder so weit entfernt wie nach La Rochiere, Tie Schuld an dieser gewaltigen Niederlage ist 'nur zum kleineren Teil in Blüchers Ueberschätzung seines Sieges, in dem falschen Gefühl der Sicherheit zu suchen, das durch Schwarzenbergs Schlaffheit noch verstärkt worden war; eher schon in dem Mangel an Aufklärung urrd sodann in einer Kette unglücklicher Umstände, die die an und sür sich berechtigten .Handlungen der Unterführer in Mißgriffe verkehrten. Vor allem aber darf man den Grund in der unwiderstehlichen, auch die größten Hindernisse überwindenden Macht des Genies erblicken, durch die Napoleon noch einmal ein viel bewundertes und stets chewunde- l>4 rungswnrdiges Muster« und Meisterwerk der Strategie vollbittdte. Sttahlend erheb sich wieder das Gestirn des Kaiserreiches: neue Truvven und neue Hilfstruppen flössen ihm zu. Das Volk erhob sich für ihn; der Sieg schien wieder an s«»e Fahnen gesestelt, und bald tollte er auch »och iveiterc Erfolge gegen die Hauptarmee erringen. _ vom Luftschiff bombardiert. Eine» interessanten Einblick in die moralischen Wirkungen eines Lustschifsangrisses aus ein feindliches Lager gewährt eine Erinnerung aus dem Tripolis Kriege, die der bekannte englische Kiicgskorrespondent Seppings Wright im Strand Magazine ver- össcutlicht. Ter Engländer besand sich in der Wüste im türkiich- arabilclnni Lager bei Seni Beni Adam; cs war ein glühend heißer Tag, und eine schwüle Müdigkeit lastete über den Weiten. Fern am Horizonte, hinter Ai» Zara sah man die Linien der icnlic- nischen Truppen sich dunkel von dem goldenen Sande abl>eben. Tie Türken und Araber waren bisher in den Kämpfen erfolgreich gewesen, aber heute lag der Schatten einer dumpfe» Sorge unausgesprochen über allen Gemütern. Wie entstehen im Kriege Gerüchte, woher kommen sie? Einer rannte es den, anderen zu, ohne dass einer zu sagen gewusst hätte, woher die Kunde kam: der Feind will uns mit Luflschissen angreifen.' Immer wieder ging der Blick hinüber in die Richtung von Tripolis, die ungewisse Ertvartung dämpfte das Geplauder, und dann plötzlich sah man es: dort unten, am Horizonte, in dem kickten Blau der Atmosphäre tauchte über der Stadt Tripolis ein dunllcr Fleck aus. über dem cs wie ein mattes silbernes Schimmern lag. Es sah aus, wie ein emporstcigcnder Mond, aber nicht lange währte diese freundliche Augentäuschung: ein paar Sekunden später machte das Ting eine Wendung, und man erkannte das langgestreckte Profil eines Lenkballons. Eine Weile schien das Fahrzeug wie beioegungSlos in der Lust zu liegen, dann glitt schnell ein zweites empor, und nun sah man die beiden Lustkreuzer in sicheren und ruhigen Windungen zu gröberen.Höhen sich empor- schraubcn. Wie wirkte nun dieses Zeichen eines neuartigen nnab- wehrbaren Angriffes auf die Truppen, die ohne ein Mittel der Verteidigung die Heiden unerreichbaren Feinde ruhig durch die Lüste heianziehcn sahen? In den beiden Lagern tvar natürlich alles sofort aus den Beinen, niemand blieb im Zelte, und alles beobachtete die nrajestätisch heranziehenden italienischen Lnstkreuzer. Tie Araber, die von der Gefahr nichts ahnten und nur das ungewohnte Phänomen bestaunten, eilten hin und her, tauschten fröhliche Rufe, erschienen säst als Kinder, die für ihre Neugier eine danlbare Beute gefunden haben. Ganz anders aber war die pspchologische Wirkung aus jene, die wußten, welche Gefahr diese Angreifer in den Lütten mit sich brachten, die Wirkung bei den Türke». Der Engländer berichtet, wie sich seiner ein unwiderstehliches Gefühl der Beklemmung bcniächtigte, und nicht anders erging es den türkischen Truppen: hier hörte man keine Rufe, altes blickte nur stumm mit toeitcn Augen zu den beiden Lust- schisseii enipor, die immer höher am Horizonte emvorsticgen und dann, tvic nach cinenr plötzlichen Entschlüsse, in ruhiger, grader Linie unaufhaltsam dem Lager näherstrebtcn. „Wir standen da wie Menschen, die durch einen grausen Zauber zu Stein verwandelt sind, deutlich veruahmen unsere Ohren das schrille Surren der .Motorc. Tic ungewisse bange Spannung wurde säst unerträglich, als die Luitschissc ganz langsam. ihrem Schatten folgend, über nns hinzogen, es war uns, als fühlten wir die Last dieser Riesensahrzeuge aus unseren Gehirnen, dieser Augenblick war wirk lick, graueuhasl. Ich blickte empor und irgendwie tvirkten die Rundungen der Hüllen in dieser Sekunde aus mich wie etwas Grausames, wie ein Hohn auf unsere Hilflosigkeit. Jetzt muhte es kommen. Ich atmete tief, tvic ein Taucher, bevor er in die Fluten hinabgleitet, ich sah neben mir Soldaten, und in ihren starren, weit anfgerissencn Augen las ich, dab sie dasselbe empfanden wie ich Tri, plötzlich, ertönte ein seltsames vibrierendes Geräusch, ein surrendes Summen zischte durch die Stille, wurde lauter, wuchs und wuck»s, und einen Augenblick später erschütterte, kaum 60 Meter von ains, eine beitigc Explosion den Erdboden." Mit der Sekunde der Explosion aber vollzieht sich etlvas Merkwürdiges: die Spannung ist gebrochen, endlich hat das Schicksal sein Antlitz enthüllt, und die Wirkung tvar nun nicht etwa eine Panik, sondern ringSilni ein Ansaline» tiefer Erleichterung. Ter Zauber tvar gebrochen, „wie Schulkinder liefen wir alle blindlings aul lie Stelle der Erplosim ; um die Wirkung zu betrachten" Bei der benachbarten Infanterie waren durch einen zweiten Bomben- wun 8 c^ol.a:en aus der Stelle getötet und 30 zum Teil lebens- gesährlicki verwundet worden, aber der plötzlich auskommcnda starke 3Lind vcianlaßle die Führer der Luftkreuzer, das Bombardement nicht sortzusctzeu, sie slcucricn zur Stadt zurück, und so blieb das Lager vor der Vernichtung bewahrt. die Nache eines ananntlschen Nönkqs. Tie entsetzliche Rachetat eines Königs ans Hinterindien, die an grausiger Furchtbarkeit wohl nirgends ihresgleichen finden dürste, erzählt ein Hauptmann der französischen .Kolonialtruppen Paul Gauthier in einem Aufsätze des Wide World Magazine. Ganthier besand sich mit einer Truppe im dichtesten Tschunael von Annam am Nam-Olhan Fluß in Jndocklhina Eines Nachts erwachte er von einem entsetzlichen Gebrüll der Tiger, die zahl- reich in den Wäldern hausten. Er glaubte schon, das Lager sei von den llnticren nbcrsallen: aber als er aufiprang sah dr alles ruhig in den, weiten Feucrkreis, den die Soldaten vorsichtig um sich geschlossen. Tas Wutgebrüll der Tiger wuctzs jedoch immer stärker an, und nun drangen auch gellende Nolschreic von Menschen durch die unheimliche Nacht. In schrecklicher Todesnot schrien und heulten da Unglückliche in markerschütiernder Meise, bis schließlich all die Schreie und all dal Brüllen erstarb. Am andern Morgen inachtc sich der Hanptmann aut den Weg nach der Stelle, von der diese Laute des Grauens gekommen waren, und nun bot sich ihm ein Anblick dar, tvie er ihn so scheußlich noch nie gesehen „Ter Bo^en von Blut gerötet, loar weich und naß, obwohl es seit zwei Monaten nicht geregnet hatte. Große Lachen von Blut hotten sich gesammelt, und darin lagen menschliche Ueberreste, fleischlose Kopse, zersetzte Arme und Beine Lumpen von Kleidern hingen noch um diese gespenstischen Stücke, die die gesältigten Bestien zurückgelasscn hatten. Raben und Geier hielten ihre Nachernte an dem Aas. Meine Aufmerksamkeit wurde sogleich von der merkwürdigen Stellung der einzelnen Körper gefesselt, die völlig zerfleischt noch an den Baumstämmen lehnten, und bald entdeckten wir, daß die Unglücklichen angebunden gewesen waren, und fanden noch mehr blutgetränkte Stricke." Tief erschüttert gruben die sranzösitchen Soldaten den Opscrn dieser geheimnisvollen Tragödie das Grab: doch als sie die traurigen Reste zur letzten Ruhe bestallen wollten, fanden sie auch einen durch Prankenschläge der Tiere wenig verletzten Körper, bei» nur beide HGnde fehlten; sic mußten ihm mit einem scharfen Instrument abgeschlagen sein. Schon lag der Leib auf dem großen Knochenhaufen; da ries einer: „Ter Mann lebt und atmet!" Und wirklich kam der Unglückliche wieder zur Besinnung, um nun als einzig Ueberlebender das Rätsel dieses grausigen Vorganges zu enthüllen, in einer Erzählung, die den Zuhörern Mark und Bein erstarren ließ „Ihr habt gewiß gehört," so be- richlete er, „von dem Kriege, der zwischen Prinz Ong Kco und Prinz Ouanh Ten wütete nach deni Tode ihres Vaters, des Königs von Lang Del. Ter Herrscher hatte seinen zweiten Sohn O.uanh Ten zu seinem Nachiolgcr eingesetzt, überredet durch die Mutter des jüngeren Prinzen, die den alten König dann vergiftete, um ihren Sobn auf dem Thron zu sehen. Ong Keo aber erkannte des Bruders Herrschaft nicht an, und so kam es zu einem Kriege, in dem der Aeltcre schließlich unterlag »nd mit seinen Helfern gefangen genonnnen wurde. Quanh Ten nahm nun eine grausame Rache. Der Prinz wurde geinartert, »nd als dann sein Körper nur noch eine einzige Wunde war, gepfählt, woraus man den zerfleischten Leib den hungrigen Hunden vorwars. Uns aber, seinen treuesten Anhängern, tvar ein säst noch furchtbareres Schicksal zugedacht. Eine starke Mannschaft führte »ns nach dem Wato von Dang-Hon, der tvegcn der Zahl und Wildheit seiner Tiger besonders gefürchtet ist. Hier band ncan uns an Bäumen fest und schlug »ns die Hände ab, um jede Flucht unmöglich zu machen. Es war Mitlag, als man unS so zurücllicß. Wir litten Todesqualen durch unsere blutigen Armstümpfe, und wimmerten nur in de» ersten Stunden, dann hört« man lautes Stöhnen, Berzweislungsschreic und hie und da ein Todesröcheln Als die Nacht hereinbrach, halle» die Tiger uns schon gewittert, und ihr Gebrüll antwortete nun unserem Geschrei. Sie schienen unsere Rufe zu fürchten, den» sic stürzten nicht gleich auf uns. Ich vergaß sogar die Schmerzen meiner Wunden in der entsetzlichen Angst vor de» Klanen der Bestien, die ich schon in mein Fleisch eingegrabcn fühlte. Einige wurden wahnsinnig vor Furcht und ahmten das Gebrüll der Tiger nach: sie heulten so schrecklich wie die Untiere, die dadurch beunruhigt für einige Zeit schwiegen Aber cs war nur ein kurzer Aufschub. Nachdeni der erste den Sprung gegen den nächsten Mann gewagt hatte, begannen alle das Blutbad und sielen über uns her. Ich bekam einen furchtbaren Schlag mit der Pranke und verlor dann die Besinnung. Bon diesem Augen- blick an erinnere ich mich an nichts mehr." Der Unglückliche, der allein der Rache des Königs Qnanh Teu entgangen war, starb fünf Tage darr ch an seinen Wunden. vrksteckrätsel. Man suche ein Sprlcbwoet, deüe» einzelne Silbe» in lolgenden Wörter» verdeckt stnd, wie die Silbe .an" in .Wanderer", Weizengarbe — Locbbeitel — Balsam — Eitelkeit — Kriegslist — Tienstaa — Heugabel — Sai»metn>«st« — Solothurn - Gnksverwaller — Riesengebirge. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des N liels in voriger Nummer» Mescl, Wiesel. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brnhbschen Uiiioersitäls-Bnch- und Stcindruckerei, R. Lange, Gießen.