Ein Frühlingstraum. Roman von Fr. Lehne. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „So, mein Herz, jetzt bist du im Sichern — jetzt fürchtest du dich nicht mehr, nicht wahr?" fragte er liebreich. „Nein, Wolf! Aber du — du bist ja ganz durchnäht," sagte sie erschrocken. „Das tut nichts," lächelte er, den Rock wieder anziehend, „es wäre schlimm, wenn ein Soldat nicht einmal ein wenig Regen vertragen könnte!" „Wollen Sie sich nicht setzen?" fragte der Alte. Er trat näher auf Wols zu und sah ihn prüfend an. „Sie waren gestern abend schon hier?" „Ja," entgegnete der Angeredete, mit einer leichten Verlegenheit kämpfend, „ja — ich weiß, ich bin Ihnen Aufklärung über unser seltsames Erscheinen an diesem Orte schuldig. Wir beide" — er deutete auf Mary dabei, — „wir beide haben uns lieb, können uns aber nur an einem dritten Orte sprechen, da die junge Dame Dame ganz allein steht!" „Und da haben Sie nun den Friedhof dazu erwählt? Sonderbare Wahl!" „Es blieb uns nichts weiter übrig," sagte Mary leise. „Wo anders wird man so gesehen — " „Ach und Sie haben Grund, das zu fürchten, Fräulein?" fragte der Alte, sie groß ansehend. Wolf war dieses Benehmen, sehr unangenehm: jedoch konnte er weiter nichts dagegen tun, da jener im Rechte war. Darum sagte er ruhig: „Ich sehe, daß Sie — rind mit Recht - höchst verwundert über uns sind. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie unS ohne Besorgnis Ihre Gastsreundschast gebe» können — die Dame ist meine Braut! Sind Sie nun zusriedengestelkk?" „Ja, ja," entgegnete der Alte — „es wäre aber nichts Neues, wenn eSl anders wäre! So junge Dinger lassen sich leicht von der Uniform blenden, und die Herren Leutnants nehmen es auch nicht so genau! — Aber Ihnen glaube ich; ich habe schon vieles von Ihnen gehört; Sie sind doch der Leutnant von Wolfsburg?" „Sie kennen mich?" fragte Wolf verwundert. Der Alte nickte. „Ja, setzen Sie sich nur erst — da aufs Sosa neben Ihre Braut. Zittern Sie nur nicht so, Fräulein, Sie sind beim, alte» Berger gut aufgehoben; und das Gewitter tut uns auch nichts, wenn es der liebe — „Nun müssen wir aber gehen," sagte Wolf, „es wird Zeit." Frau Berger holte ein warmes Tuch, das sie sorglich um Marys Schulter legte; sie wollte es nicht, aber Wolf redete zu, da sie zu leicht gekleidet war. „Nun unseren Dank, Ihr guten Leute," und herzlich drückte Wolf deren Hände. „Keine Ursache, Herr Leutnant," wehrte Berger ab, „wir haben es gern getan! — Und wenn Sie sich mal wieder mit Ihrer Braut treffen wollen, so kommen Sie nur ruhig rein zu uns — es ist vielleicht besser für euch junges Blut; man soll sich nicht unnütz in Versuchung führen!" Wolf wollte etwas sagen — „ich weiß schon, Herr Leutnant; wir alten Leute sind verschwiegen; wir sprechen über nichts; da können Sie ganz unbesorgt sein; unser Wilhelm erfährt auch nichts! — Sie, Herr Leutnant, wissen ja auch, was Recht und Unrecht ist und das schöne Fräulein sicher auch — kein Minder, wenn die Ihnen gefällt; der muß man ja gut sein!" Sie verabschiedeten sich von Frau Berger; er ging mit ihnen bis zur Pforte, um sie zu schließen. „Ich danke Ihnen nochmals," sagte Mary, „das Tuch bringe ich Ihnen morgen mittag zurück." „Nein, Märchen, das hat Zeit bis zuin Abend, da bringen wir es zusammen: nicht wahr, lieber Berger, wir dürfen doch kommen? — Schön! — Also gute Nacht, und grüßen Sie Ihre Frau von uns." „Gute Nacht, Fräulein, gute Nacht, Herr Leutnant!" Hinter ihnen ivurde die Pforte geschlossen. Es war kiihl geworden, und die Straße war noch naß voni Regen. Aber der Himmel war klar, und die Sterne leuchteten freundlich auf die beiden Menschenkinder herab, die eng aneinandergeschmiegt ihren Weg gingen. Endlich mußten sie sich trennen; innig küßten sie sich. „Auf morgen, Geliebte! Schlafe süß! Komm gut heim!" Damit bog er in eine Seitenstraße. — 7-- 4. Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, Als heimliche Liebe, von der niemand was weiß. Volkslied. So verlebten die beiden glückliche Tage; ihre Zusammenkünfte, die fast allabendlich stattfanden, beschlossen sie oft im Hause des Friedhofwärters auf Marys Wunsch. Sie wollte nicht immer gar zu lange mit dem Geliebten allein sein; es tviderstrebte ihrem feinen Empfinden, sich nie die erste beste mit ihm zu treffen — und doch konnte ie nicht anders — wie mit höherer Gewalt zog es sie zu ihm hn, und schluchzend vor innerer Glückseligkeit hing sie dann «st an seinem Halse, in halbgestammelte» Worten ihm hre Liebe sagend. Ein solcher Ausbruch ihrer sonst so keusche» mädchenhaften Natrir entzückte ihn aufs höchste; er fühlte und wußte genau, daß cs ihr innigstes Empfinden war — er batte ihre Seele wachgeküßt zum Leben. Mit Ungeduld sehnte er Heu Tag herbei, der sie zu seinem Weibe nrachen würde. Wenn er auch den, geliebten SolVaten- stande entsagen nmßte — dieses Mädchen war so mit seinem Inneren verwachsen, daß er sich ein Leben ohne st« überhaupt nicht mehr denken konnte. So schön sie war> so klug war sie auch; sie verstand so auf sein Denken undi Fühlen einzugehen, das ihr gleichsam mit dem seinigen verschmelzend, ohne daß es vieler Worte bedurft hätte. Sein ganzes reiches Empfinden, das er niemals in Kleinigkeiten zersplittert hatte, gehörte ihr — sie war sein einziger Gedanke. Es war, als ob der sonst so ruhige Mann von einem Taumel erfaßt wäre, der ihn unfähig zu etwas anderenr machte. Mit Ungeduld sehnte er den Mittag herbei — dann sah er sie wenigstens, sie konnten einen stummen Gruß miteinander tauschen — mit noch größerer Ungeduld aber den Abend, wo er sie an sein Herz drückeit konnte — und die Abende zählte er zu den verlorenen, an denen er verhindert war, mit ihr zusammen zu sein. Dann schrieb er ihr noch lange Briefe, damit sie doch etwas entschädigt werden möchte. — Detlev von Strachwitz war der einzige außer Berger, der um seine Liebe wußte. Er war ihm ja auch Bertrauenl schuldig, und er freute sich, jemand zu haben, dem er wenigstens etwas sein Herz ausschütten konnte, sonst drohte ihm das Glücksgesühl die Brust zu sprengen. — Ungefähr eine Woche nach der ersten Zusammenkunft mit Mary hatte ihn Strachwitz eines Vormittags nach dein Dienst ausgesucht. Nach seinem üblichen Stöhnen über die hohen Treppen und »ach dem üblichen Kognak ging er geradewegs aufs Ziel los: ' „Man sieht Sie ja gar nicht mehr, he? — Haben wohl meinen Rat betreffs der Kleinen befolgt und haben selbst« verständlich reüssiert? Wie steht's denn?" „Bitte, Strachwitz, nicht in dem Ton reden, bitte ferirer keine Ihrer so beliebten Bemerkungen machen, dann will ich erzählen!" „Da beginnen Sie also — ich bin wirklich neugierig." Wolf berichtete nun, daß er geschrieben; wie er voller Ungeduld ihre Antwort erwartet und dann endlich von ihrem ersten Begegnen. Aus seiner Stimme zitterte seine innere Erregung, und säst gerührt hörte ihm Strachwitz zu, der unter seine« leichten frivolen Außenseite ein selten treues, gutes und aufrichtiges Herz barg. Ihm war es neu, den sonst so zurückhaltenden Kameraden so erregt zu sehen. „Also auf dem Friedhof treffen Sie sich," schüttelt« Strachwitz den Kops, „sonderbarer Ort, brr —" „Sie sind noch nicht dort gewesen, Strachwitz, sonst würden Sie sich nicht so darüber wundern. Glauben Sie denn, wir sitzen mitten zwischen Gräbern? Nein, es ist so friedlich und still dort — die Hälfte des Friedhofes ist ein richtiger Park mit schattigen Wegen und blühenden Büfchenl Und wir wollen doch nicht gesehen werden —" „Bezweifle ich nicht! Also daun von Herzen Glück! Mögen Sie nie enttäuscht werden, Wolfsburg — es sollte mir leid tunt" „Das ist unmöglich! Mein Märchen ist so schön, so gut und so klug —" „Das sagen alle Verliebten! — Wissen Sie etwas! Näheres über seine Familienherkuuft?" ,/Viel nicht!" Und Wolf erzählte ihm das Wenigs das er von Mary wußte. (Fortsetzung solgtk 3um Tage von vriare. 14. Januar 1871. , Erlebnisse eines Veteranen der 8. Kompagnie des Iw« santeric-Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 während seiner französischen Gefangenschaft in der Zeit vom 15. Januar bis 1. März 1871. — Nach eigenhändigen Aufzeichnungen herausgegeben von Oberst z. D. Weimer in Nidda. An einem Nachmittag des Monats August vorigen Jahres unternahm ich mit mehreren mir befreundeten Herren der tzip- werbe- und höheren Bürgerschule zu Nidda einen Ausflug nach der hart südöstlich des Tones Glauberg gelegenen Bergkuppe gleichen Namens. Von Station Stockbeim führt der Weg, gröUenteils schmaler Fußpfad, über die ehemalige Zuaerfahnk, >/« Stundt steil aufivärts durch Buchwald auf das Plateau der Kuppe (270 Meter), die durch ein vollständige-) System von keitisch-gcnnänischen Rmgipäslen und der lirmmelsl teilweise freigesegltzn Burgruine ^Glauburg" für den Forscher und Historiker eine reiche Fülle von Material bietet. Unser Führer bei Erkundung der Ringivälle war ein schlichter Schlossermeister aus Glauberg, Johannes May, genannt daö i,Glau beiger Schlosserche", «in noch rüstiger Veteran der Feldzüge bon 1866 und 1870/71, der trotz seines einen etjvas gelähmten Beines sich noch als tüchtiger Fußgänger ernstes und bezüglich seiner geistigen Frische geradezu unsere Bewunderung erregte Dieser Mann kann tatsächlich als ein Unikum unter der dortigen Bevölkerung angesprochen werden. Seit mehr als 80 Jahren — war er doch schon Führer de« Hessischen „Schliei- wann", Kofrats Kosler — gilt sein Studium während seiner freien Zeit den Glauberger Ringwällen, von denen er in grobem Maßstabe auf grobem Zeichenpapier, ins Einzelne gehende übersichtliche Und saubere Federzeichnungen und Skizzen angefcrtigt hat. Herr Gewerbelehrer Endres hat hiervon mehrere photographische Aufnahmen gemocht. Auch hat May ein eigenhändig in Kunsh- schmiedcarbctt ausgeführtcs Denkmal zur Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg auf dem Südwestabhang des Glaubergs ausgestellt. Von hier aus hat man eine prachtvolle Aussicht in das mittlere Nidder- und untere Seemenbachtal. — Doch das ist's nicht, wovon ich erzählen wollte, auch nicht von den umfassenden schriftstellerischen Arbeiten des Veteranen May. In 5 Bänden, von ihm selber sauber geschrieben, hat er eine große Anzahl von Aussätzen teils religiösen, teils patriotischen, teils geschichtlichen Und nnlitärischen Inhalts mit massenhast eingeflochtcnen, kürzeren oder längeren, auf die jedesmaligen Abschnitte in Prosa bezüglichen Er dichten niedergelegl. Ueberhaupt ist May eine poelisch veranlagte Natur, was auch in seiner Prosa deutlich hervortriU. Für heute mögen uns seine Erlebnisse während seiner Gefangenschaft beschäftigen, die er im Band V seiner Schriften eingehend erzählt und denen sch auszugsweise, das wissenswerteste entnehmend, folge. In der Nacht vom 11. auf den 12. Fanuar 1871 erkrankte May auf Vorposten in den Weinbergen bei Briare unter Erscheinungen, die aus Blattern (Pocken, französisch petites vöroles) hindeuteten und die auch am 13. ^um Ausbruch kamen. Nach ärztlicher Feststellung der Krankheit lourde .er dem Krankenhaus in Briare zugeführt, in dem er einige erkrankte Regiments- und 2-Kompagnickameraden mit einer Anzahl Franzosen antraf. „Am Morgen des 14., erzählt May, vernahmen wir das Geknatter der Gcivehre und den Geschützdonner. Abends erklärten uns Unsere Pfleger (Franzosen), daß die Kameraden „parti" (fort) wären. Des nächsten Tages in der Frühe kamen die Franktireurs ins Spital. Diese, mitunter noch Knaben, waren freche Gesellen. Dann erschien ein französischer Offizier in Begleitung eines Schweizers. Er ainy von Lager zu Lager, jedem den gespannten Revolver aus die Brust richtend. — Der Schweizer forderte uns auf, wenn wir Waffen verborgen hätten, solches zu sagen, wir sähen jo selbst, wie schlimm es um uns stände. Wir wurden ko einige Tage von diesen Helden belästigt, deren einzige Tapferkeit darin bestand, daß sie uns die Bajonette auf die Brust setzten und murmelten: „Prißche kabul" (Prussien caput!). Sie hatten trotz ihrer großen Ueberinacht (11 000 —12 000 gegen 800 Man») die Unserem (Detachement Gras Rantzan) entivische» lassen, worüber ihnen nach Aussage der zweiten Schwester, der „mischant General Garibaldi die Kövse abzusäbeln drohte." Welch abenteuerliche Gerüchte unter den Lazarettkranken im Umlauf waren, die sich allerdings auf lügenhafte französische Berichte stützten, mag folgendes zeigen. May erzählt weiter: „Später gab mir ein Krankenwärter den kleinen Mvnitour (mo- niteur), wo ich herauszisfette, daß Garibaldi auf Münich (München) zu marschieren im Begriffe sei, um sich daselbst mit den befreiten „Prißonje" (prisonniers, Gefangenen) zu vereinigen und dann tveiter operieren wolle. — Sein Deldenzug fand aber, wie bekannt, einen schmählichen Abschluß: er mußte in die Schweiz retirieren. —" „Tie Aufwartung und Pflege war den Verhältnissen gemäß, so ziemlich. Tie beiden Schwestern waren höchst lobenswert. Ein altes Mütterchen, obgleich mit der Reinlichkeit nicht so ganz genau, tat unS samaritische Dienste. Der maire, sowie der Pfarrer besuchten uns jeden Tag und erfreuten uns mit kleinen Geschenken, so auch Dr. Köhler (damals hessischer Feldasjistenz- arzt und zurückgclassen für die hessischen Verwundeten, z. Z. Geheimer Mcdizinalrat in Ossenbach a. M.), stets in Begleitung eines uns unbekannt gebliebenen Herrn (es war dies Herr! Maurer, Direktor der Knopssabrik des Herrn Babdroße, ein geborener Tarmstädter, seit über 30 Jahren damals in Frankreich und bekannt durch seine Briefe eines nicht ausgewiesenen Deutschen). Ter französische Arzt achtete uns kaum. Ein Sergeantmajor (Feldwebel), der bald starb, schickte uns in der Irre (Fieber) vst Kleinigkeiten. Mit den Soldaten der Allema (d'Allmagne) hatte er es stets gern zu tun. — Das ganze Krankenhaus glich aber sonst einer Stätte des Todes. Einer von den Unseren er- zäblte abends noch, des Morgens war er tot. Ein anderer, auch der Unseren, wollte nicht sterben, er trank in der Fieberhitze Urin aus deni Zimmettovi. Die Aufwärter scheuten sich ihm zu nähern, aber die Schwestern taten ihre voj-e Pflicht. Auch ihn erlöste der Tod baldigst von seinen Qualen (Typhus). Kurz vor unserer Abführung bekam einer der Unseren — wir wußten nicht, war er katholisch oder evangelisch — die letzte Oelung. — Die Leichen wurden bei der Beerdigung aus Bretter gelegt wir aber ließen von dem Geld, was unsere Verstorbenen bei sich fühlten und wir noch beifügten, von dem Schreiner und Totengräber, der ein armer Mann war, Kasten machen. Nach dem Gefecht vom I. Januar 1871 wurden aus dem Lazarett zu Briare in französische Gefangenschaft abgeführt von den Verwundeten: ein Korporal und vier Mann, von den Kranken ein Mann. Nach dem Gefecht am 14. Januar 1871 würden aus demselben Lazarett in französische Gesangenschast zehn Kranke, aus dem zu Gien süns Kranke, sämtlich vom 2. Infanterie-Regiment, ab- gesührt. Ferner ans letzterem Lazarett noch drei kranke Chevaux- lcgers vom 2. Reiter-Regiment. Unter den 10 Kranken des Lazaretts zu Briare befand sich auch der Musketier Johannes May, der hierüber folgendes berichtet: „In mitternächtiger Stunde öffnete sich das Tor des Krankenhauses (Lazaretts, ein Fabrikraum der vorerwähnten Babedroße-- schen Knopffabrik). Herein trat ein Offizier nebst einem Soldaten aus dem Elsaß und der französische Arzt. Der Arzt untersucht« uns und erklärte alle zehn für transportfähig, obgleich die Pocken von uns noch nicht alle abgesallen waren. Der Soldat sagte uns, daß wir als Gefangene abgeführt würden, wir bekämen es aber gut und sollten uns zum Abzug vorbereilen. Hernach kam der Maire, der uns durchaus nicht sortsühren lassen wollte. Doch alles, auch das Einreden des Pfarrers, welcher sich gleichfalls einsand. hals nichts. Ter Arzt gab nicht nach. Es fand sich alsdann auch noch Dr. Köhler nebst dein vorerwähnten Herrn (Maurer) ein. Wir packten unsere Sachen. Die Schwestern versahen uns mit frischer Wäsche, alsdann gaben wir allen unseren Wohltätern die Hände und wurden mittelst eine» Wagens abgesührt. Aus der Straße angekommen erwartete uns schon das wütende Volk. In Bonny (Dorf südöstlich Briare) stieg die Wut aufs höchste. Eine Kompagnie Franktireurs war im Begriff uns aufzuspießen. Doch die uns bedeckenden Soldaten erklärten, indem sie die Patronen einschoben, erst müßten sie salle», wir sollten nur keine Asnlgkjt haben. Im kritischsten Augenblick stürzte ein Sergeanttnajor herbei, entriß einem der Unholde das Gewehr und schlug dermaßen aus sie los, daß sie rasch auseinander stoben. Doch immer wieder drangen srische Bolkshanfen wütend aus uns ein. Nur mit Mühe gelang es einem mit vielen Orden geschmückte» französischen und einem elsässischen Offizier, die Mord- bruk mit dem Degen zurückzuhalten. Erst die Erklärung, sie sollten an die französische» Gefangenen in Deutschland denken, es ginge alsdann Auge um Auge und Zahn um Zahn, wirkte etwas beruhigend. Unter ähnlichen Verhältnissen gelangten wir weiter nach Revers. Hier kamen wir in einen schauderhaften Käsig." (Die Beschreibung dieses Gefängnisses namentlich was die ekelerregenden Abortverhältnisse anlangt, kann hier wegbleiben.) — Interessant sind die folgenden Mitteilungen: „Auch Gambetta in Begleitung etlicher Madams beehrte uns mit einem Besuch, der uns trotz Versprechens keine Besserung brachte. Traurig hin- brütend lagen wir da, ohne Feuer, ohne alles: unsere Lage schien verzweiselt. — Durch einen Gendarmen wurden wir einzeln in verschiedenen Zeitabschnitten abgeführt. Ich lourde in «in Gemach gewiesen, in dem ein Offizier saß. Freundlich lud er mich zum Sitzen ein, dann stellte er folgende Fragen: Wie alt sind Sie? Was haben Sie für einen Berus? Welcher Konsession gehören Sie an? Leben Vater und Mutter noch? Haben Sie Geschwister? Haben Sie den Feldzug von 1866 mitgemacht? Sind Sie jetzt gern mit Preußen gegangen? Wollen Sie «epen französisch« Offiziere, deren Angehörige sie gern in die Heimat wünschten, ausgewechselt werden? Meine Antwort und die auch aller meiner Gefährten war: „Ich will die Gefangenschaft vorziehen." Darauf erklärte er, wir kämen in eine wunderschöne Gegend, wo jetzt schon die Bäume blühten, und wir bekämen es über die Maßen gut, Dieses soeben geschilderte Vorkommnis hing mit einem anderen eng zusammen, nämlich: es ging das Gerücht, die Unseren sollten Franktireurs erschossen haben. Als Gegendruck sollten nun wir erschossen werden. Bei der Abstimmung hierüber erklärte sich die Mehrheit für Erschießen. Bloß ein Gegner trat aus und sagt«: „Wir dürsen einem so rohen Gebaren nicht nachahmen, es ist keiner edlen Nation würdig, zudem sind diese hier auch Kranke." Ob diese Abstimmung in Wirklichkeit auch stattgcfunden halte oder uns bloß so vorgercdet wurde, ebenso ob ein Hauptmann von den Unseren Franktireurs hatte erschießen lassen (ist geschehen), dieses weiß ich nicht: ich weiß aber, daß der Mazor Hofsmann (Kommandeur des 2. Bataillons) einmal alle Gefangenen, welche wir milsührten, freiließ, wo viele dankend vor ihm niedersielen und die Füße küßten, dann voll Freude die Holzschuhe in dis Hände »ahmen und eilig wegliefen. Nachdem wir noch etliche Tage in dem scheußlichen Nest zugebracht hatten, erschien d« Nachts ein Gendarm und führte uns ab. Wir konnten kaum noch gehen. Unvergeßlich bleibt mir diese traurige Zeit. So erwachte ich eines Nachts, das Nachtlichtchen, ein Lopirituslämochen, war erloschen. Mich überfiel ein bangendes Gesübl, die Stirn wurde heiß, ich glaubte mich dem Wahnsinn nahe, schob das Kopfkissen, den Tornister, weg, und legte den Kopf auf die kalten Steinplatten, zu Gott stehend, er möge mir den Verstand erhalten. Von dem Gendarmen wurden wir auf den Bahnhof geleitet. Hier ange- kommen wurden wir an den Haaren gezupft und mußten, um die Mützen zu behalten, diese in die Hand nehmen. Voller Wut wurden wir gekratzt und in das Gesicht gespuckt, öis endlich ein 24 — Elsässer Kürassier und eine Anzahl Marincsoldaten erschien, um uns in Schutz zu nehmen. Unter gleichen Verhältnissen gelangten wir nach Limoges, wo die Frau des Arrcsthausausschers eine gute Deutsche war. Wir verbrachten unsere Zeit während des dortigen Ansenthalts in ihrer Wohnung. Nachts kamen wir in einen groben Saal, wo wir in Gemeinschaft mit den Franzosen aus dem Futzboden lagerten. So ging es immer weiter von Arresthans zu Arrestbaus. Einmal hatten wir auch einen sihr guten Aufseher: wir hatten ein gewärmtes Gemach, erhielten Kost niit etwas Fleisch. So kamen wir mit der Bahn unter Bedeckung der Gendarmen immer weiter. Nach Passieren eines groben Tunnels sahen tvir jenseits desselben keinen Schnee mehr. Aus den Wiesen weideten Pferde, Rindvieh, Esel und Ziege». Endlich gelangten wir nach Bordeaux." (Fortsetzung folgt.) Zur Ehrenrettung der Fleischkost. Bon Dr. Ludwig Hirsch stei » , Spezialarzt für Stosswechselkrankheite». „Eines scknckt sich nicht für alle", — dieser Satz gilt nirgends mehr als in der Frage einer zweckmäßigen menschlichen Ernährung. Der Mensch weib sich in wunderbarer Weise den verschiedenen Lebensbedingungen anzupnssen: er hat sich in den Eiswüslen der Polargegendcn angesiedelt, er trotzt der glühenden Sonne d. s " Aequators und findet noch in der Dürre der Sandselder Afrikas die Wege, ein kärgliches Dasein zu fristen. Niemand wird aber voraussctzen, dah der Bewohner der Tropen, dem mit den Strahlen der sengenden Sonne imendliche Energieniengen ziiströmen, dieselben Mittel ju seiner Erhaltung braucht, wie der Nordländer, der gezimingen ist, seinen Körper gegen eine Auhentemperatur von 30 und mehr Grad unten Null aus 37 Grad Wärnie ani- zuheizen. , Auch für den Kulturmenschen bedingt die Verschiedenheit der Lebensforinen Unterschiede in der Ernährung, und es ist vergebene Hofsnuny, selbst für die Bewohner desselben Breitengrades eine Nornialdrät ausstellen zu können. Der kindliche Körper, der vor allen Dingen die Aufgabe hat, zu wachsen, Körpersubstanz an- »usetzcn, braucht eine andere Ernährung als der der Erwachsenen: der Landmann, der den ganzen Tag in freier Lust schwere körperliche Arbeit verrichtet, andere als der Kaufmann der Großstadt, der selbst de» Weg zu seinem Schreibtisch noch im Wagen zurück- legt. Das Ddaß an Körperarbeit, das ein Mensch zu leisten hat, ist, neben den klimatischen Verhältnissen, in der Hauptsache bestimmend für die Ernährung des Erwachsenen, das ist die Grunid- tatsache, deren Kenntnis wir vor allen Dingen den bahnbrechenden Arbeiten Rubners, des um die Ernährtingsforschung hochverdienten Berliner Hvgienikers, verdanken. Man hat den menschlichen Körper häiifig mit einem Ofen verglichen, der durch die Nahimngsstoffe geheizt wird. Wenn nur von diesem Gesichtspunkte ansgehen, wird dasjenige Nahrungsmittel das ivcrtvollste sein, das die größten Wärmemengen liefert; die Kvhle tvird am teuersten bezahlt, die den größten Heizeffekt gibt. Die Hanvtnahrung des Menschen, Brot, Kartoffeln, Reis, zum größten Teil aus Stärkemehl bestehende Stoffe, werden nun ,m Körper nur bei starker körperlicher Arbeit gut verbraucht, sonst aber als Fett anggsetzt oder, wie bei 'der Zuckerkrankheit, unvcrbrannt wieder ausgeschieden. Im Gegensatz hierzu haben wir ini Fleisch, wie in den Eiweihsubstanzen überhaupt, Brennmaterial, das ohne körperliche Arbeit, bei völliger Ruhe schon in geringen Quantitäten große Wärmemengen liefert und an Heizwert die Stärke uni etwa 26 Phoz. übertrifst, das außerdem imstande ist, den Körper in gutem Ernährunriszustande zu erhallen, und das schließlich noch den nicht zu unterschätzenden Vorzug hat, gut zu schmecken, die Tätigkeit der Verdauungsorgane anzuregen. Für den Stadtbewohner, den Kopfarbeiter, daö gewaltige Heer der Bücher- »nd Schreibtisckmienschen, ist der Fleischgenuß — wir können mit gutem Genüssen sagen — unentbehrlich. Seine schivächv- ren Verdauungsorgane können nicht die großen Brot- und Ge- müsemengcn bewältigen, mit denen der muskelkräftige sehnig« Landarbeiter spielend fertig wird. Er braucht eine Nahrung, die, schon in kleinen Mengen genossen, es ihm ermöglicht, seine — vorwiegend geistige — Arbeit zu verrichten, seinen Körperbestand zu erhalten, den regelmäßige» Ablauf aller Funktionen zu geivähr- leiste». Alle diese Vorzüge finden sich in der Fleischkost vereinigt. Hat aber der Fletschgenuß nur Vorzüge? Haben die Vegs- tarier so völlig unrecht, iwnn sie vor den Gefahren übertriebenen Fleischgenusses tvarnen? Ist es wirklich gleichgültig, wenn, wie llatistisch erwiesen ist, in Deutschland der Flcisckwerbrauch, auf den Kops der Bevölkerung berechnet, in den letzten Jahren auf mehr als das Dreifache gestiegen ist? Stärkemehl, Zucker, Fette verbrennen im Körper zu Kohlensäure und Wasser, die fast völlig durch Lunge und Haut entfernt toerden können. Alle.Eiweißsubstanzen, und mit ihnen das Fleisch, hinterlassen aber nnvrrbrenn- liclx Rückstände, zumeist Säuren, die vorlviegend durch die Nieren, zum Teil auch durch die Darmdrüsen auSgeschieden werden müssen. Fleischgenuß bedeutet also Nierenbelastung, und je mehr Fleisch lemand genießt, um so größere Mengen von Schwefelsäure, Phosphorsäure, Harnsäure bildet sich in seinem Körper: diese müssen, hauptsächlich auf dem Nicrenwege, wieder entfernt toerden. Di« Grenze, bis zu der eine Ausfichaidung dieser schädlichen Stoff« möglich ist, wird, wie mir langjährige Untersuckmngen gezeigt haben ■ häufig genug überschritten, sodaß es zur Anhäufung von Nahe rungsschlackcn aller Art, zu Zuständen von Säurevergistuntz, nere vösen und anderen Krankheitszuständen kommt, deren Beseitigung unter Umständen Jahre erfordert. Fleischkost ist also ftir den Stadtbewohner mit seiner geringen körperlichen Betätigung, der herabgesetzten Leistung seiner Vere dauungsorgane notwendig, aber sie ist ein notwendiges Uebel, und die kleinste Fleischmenge, mit der ein Mensch seinen Körper und Kräftebesiand erhalten kann, stellt die bestmögliche Lebens- bedingung fiir ihn dar imb gewährt ihm zugleich den größten Schutz vor Erkrankungen._ vermischte». k(. Gin n n v e r k ä u i l i ch e r Riesen diamant. Ein Engländer namens Bowker hat jüngst das unerhörte Glück gehabt, tn Transvaal einen Riefendiainanten zu finden und ist nun, wie man denken konnte, ein geinachter Mann. Hat er doch nichts weiter nötig, als feinen kostbaren Fund lnr ein paar Milliönchen zn verkaufen, um alsdann von den Zinsen leben zu können. To dachte Bowker auch, als er mit (einem Riefendiainanten In London ankam und ihn verkauken wollte. Allein vorläufig hat er noch keinen Käufer für den prachtvollen Stein geknnden, alle Juwelier«, denen er ihn vorgelegt hat, äußern sich bewundernd über da» Prachtstück, allein mit dieser Bewunderung ist Herrn Bowker nicht gedient, vielniche iväre thm bar Geld lieber: aber so viel Geld, wie der Diamant wert ist, will kein Jnwcller daran wagen. In Paris und der Diamantenstadt Amsterdam hat Bowker die gleiche Erfadrinig geniacht, »nd ivenn mm nicht ein indischer Rabob oder ein amerikanifcher Erzmilliardär helsend einspringe», steht er vor den beiden Plöglichkeiten, seinen kostbaren Diainanten zu behalten oder ihn in mehrere leichter verkäustiche Stücke z» zerlegen und fo gewissermaßen „auf Abbruch' zu verkansen. * Einfaches Mittel „Ich möchte so gern zu meine« Mutter zurück," sagte der bettelnde Vagabund, „sie hat mein Gesicht 10 Jahre lang nicht gesehen." „Das glaube ich gern," sagt« der Herr ungerührt, „aber warum ivaschen Sie sich's nicht einmal?." vüchertisch. — Sechs Stunden von Poi»dain. Di« bekannt« .Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens" erzählt folgende nette Geschichte: Die preußische Gardelandwebr stellte tn, dentsch- französilchen Kriege ollers die Ebrenwachen beim König und teiin Generalstabe und vertrieb sich in den Mußestunden aern die Zelt durch tdeatralische Vorstellungen. Auch Molt'« wohnte mit seiner llnigebnng eines Abend» einer solchen Aufführung bei, unterhielt sich köstlich und ließ sich schließlich einen Unterocfizier vorstellen, der ln einer Perlon Dichter, Hauvldarsleller »nd Regisseur war. In streng dlensilicher Haltung, die Hände an den Hosennädten, «rat der Man» mit ernstem Gesichlsansdrnck an de» General geian. »Ihre Porstesinng war sehr nett. Wie heißen Sie denn?" fragt« Mollke gütig. — „Zu Besehl, Exzellenz . . Schulze." — »Wo sind Sie denn her?' — „Sechs Stunden von Potsdam, Exzellenz,' lautete die Antwort. Moltke lächelte »nd fragte iveiter im Potsdamer Dialekt: »So . . sechs Stunden von Potsdam t Wie fiee&l den» bei Rest t“ — »Berlin, wenn Sie et noch »ich kennen sollten, Exzellenz!' Der Feldherr nnd sein ganzer großer Generalstab brachen t» lautes Lachen an» über die mit „nerschütterltch dienstlichem Ernst abgegebene Antivort des militärischen Komikers, Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer> Öofsnung ketml, ein schwaches Hälinchen, Auch a»k kahler Fellenwand; Hoffninig lenchlet unter Träne», Wie im Wasier der Demant, R.dokiio..: ff. °° e ur ,, h - Rotationsdruck und Verlag der «rühl'ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lang» Gieße»