tt. 2W Drittes Blatt |64- Jahrgang NMk| mit »«rnatnne brt SwmtagS. Die „»ietzener werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, d«; „ilreirb!«« für den Kreis Sietzen" zweimal wöchenttich. Die „landsirlschastlichen Sell- fragen" erschemen manallich zweimal. C üger General-Anzeiger für Gderhessen Samstag, Oktober Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität?»Buch» und Eteindruckerei. R. Lange, Gieße». Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- siraße 7, Expedition und Verlag: Redaktion: e-dI12. Tel.-Adr.:AnzeigerGießew Rnegsbriese ans dem Osten. Km vafcrtm jpsm Oftherre entftmdbeu Kriegsberrchterstatt« gi»berechti«ter Rachdrnck, anch «nSzn^weise, verboten.) ,.Q«rrt«re . Vrn»»«e-Oh«rkomm a ndo O-st, 10. Okt. I« ak>vrschö«sten Schlaf, nacktdem es sogar gelungen I st, den Ofen zu Heizen, liege ich in einem rrrtirrgen Bett. >as nur den eisen Dehler Hut, keine Matratze zu besitzen!, Mr kamen vom Schlachtfeld und waren müde, so daß aucl> -nie Besichtianng des neuen Quartiers unterblieben war. LlStzkich wache ich auf, weil mir Heller Lichtschein in die ■äugen fällt, außerdem brütlt jemand „Wer da!" Dian gibt in solchen Momenten kaum gescherte Antworten. Meistens wird man grob. Was ich tat Bot mir stand ent Landsturmmann mit aufgepflanztem T eS «ng e weh r, grüßte mikit ärisch und swcpe: „Ach so!" Die Aloen waren nämlich offen und Licht im Haus, und da in Siallupörven «u den leeren Häusern geplündert wird, kam ich nein. Die Fenster find auch besetzt." Wir »ertrugen uns natürlich wieder, und da ich noch was »an Kognak in der Feldfvasche hatte, wärmten wir uns beide. <88 war der erste Nachtfrost eingetreten, und die «Schichte mit dem Ofen schien einen Haken zu habeu. Er Seannte, aber wärmer wurde es trotzdem nicht. Ich gab das Schlichen ans und knipste das elektrische Nicht an. Der Kommandant von Stallüpönen, ein außer- oadentvch «ebenswärdiger und dabei energischer Herr, hatte das Werk von ein paar Soldaten, die früher Monteure waren, in Ordmirmg bringen, hatte Kohlen crnfahverr laßen und in der Stadt, in der es kein Petroleum, nichts! Ehbaoes und kaum Trinkbares gab, arbeitete das elek- tiäsche Licht ausgezeichnet. Jedenfalls wcrven die Zimnier »orlrefslich heK. Was man da sah, hätte aber besser in Dunkelheit bleiben können. Die ganze Wohnimg, die in shver Anlage und ihrer Ausstattung für den Geschmack und den Sinn ihres Inhabers sprach, war eine Art Müllhausen. Im Speisezimmer stand der Tisch OaÜt 1 mit den kostbaren Porwella ntellern, auf denen Reste tum den verschiedensten Mahlzeiten lagen, ei» paar Bilder waren aus dem Rahmen geschnitten, andere lagen in den mächtigen Haufen von Jettschristen. Packpapier, Manuskripten, Briefen, der den gröfjexen Test des Salons ausfüllteu. Die Türen zum Büfett waren eingeschlagen, der Schreibtisch erbrochen, ein paar Bronzefigureu waren niederträchtig verstümmelt. Ein Merkwürdiger Geruch lag über dem aKem. Es war das typische Bild unserer Quartiere in den ver. fafperten Wohnungen und Städten. Man sucht dann Ord- nnng Da wachen «rnd richtet sich in de» fremden Stuben' «NU so gui es geht Es ist ein unheimliches Gefühl, in tzoemdc Wetten so rief dabei bkckst» Ml müssen, ohne jede Absicht Einblick in die Falten eines Ehelebens zu bekoni- rührende Kleinigkeiten Ml sehen, die der Besitzer kaum besten Frennd, wie viel weniger dem Fremden gczcrgl Da Ist «et» Btedbef fRnbrrWJb einer Madels von acht Jahren an der Wand. Ich rännre Berge von Papier zurück, um den Schreibtisch benutzen zu können Natürlich lege ich die Briese ungelesen weiter, auf einen fällt rwch ein Blick. Eine steile Kiräerhand: „Mein lieber Pappi!" Ick, muß doch zu Ende lesen, de» Kinderbrief, imb ich sehe dabei dies« Wirtschaft, wie sie vorher war. Zwischen dem Briefplunder liegt cti»e Nande Locke Frauenhaar, sie ist aus einem Paket gefallen, das noch hcckb mit blauem Band verschnürt ist, „Briese aus der Brautzeit". Aus dem Boden zertreten und beschmutzt Kegen tzofi Blätter aus dem Gafibuch. Daum dcrrf man ja wohl lesenl Es muß «in sehr gastfreundliches und liebenswürdiges Haus gewesen sorn, mein Quartier. Biel« Fremde, die dem Be- russstande des Hausherrn «vrgehörten, haben ihre Eintragung gemacht, weil sie ein, zwei Nächte ausgenommen wurden. Launige Verse aus dem Jahre 1tz05, Eintragungen von sehr lustigen Familien tagen. Auf dem Gang finde ich noch zufällig das letzte Blatt. Eine Eintragung vom 17. Juli mit Druck für die Aufnahme und dem Versprechen, im Mai 1915 wiederzukehren. Dann mit scharfer Schrift: „Durch! In herzlichster Dankbarkeit für im so liebevolle Ausnahme der Einquartierung. P., Kriegsgerichtsrat bei der Kavalleriedivision." Uno die Schlnßeintragung: „Ach, daß es immer so bliebe! Gott schütze HauS und Bewohner! Mit Gl»tt für König und Bater- wie der alle Zritz seme Siege meldele. Heute trägt der Telegraph im Sturmwind unsere Sie-- gesnachrichten vom Großen Hauptquartier durch ganz Deutschland, und d« Zeitung ist der natürliche Bore unseres Schlachtenruhms. Zur Zeit des allen Fritz gab es keinen Telegraphen, und die Zeitungen erschienen nicht so regelmäßig und nicht so schnell, als daß sie immer die ersten Verkünder der Siegesberichte hätten sein können. Viel langsamer kamen die Mellungen des großen Königs von seinen Taten in die Hauptstadi und brauchten von dort erst wieder viel Zeit, um in alle Ecken und Winkel des Preußenlandes zu dringen. Aber dafür hatte die Verkündigung der Siegesbotschaft einen feierlicheren Charakter, vollzog sich in einer dramatischeren Form und lebhafteren aufregenderen Bildern. Nach gewonnener Bataille fertigte der alte Fritz gewöhnlich noch svät abends, unter niederem Banerndach bei spärlichem Licht oder gar im Freren auf einem Prellstein sitzend, Adjutanten oder auch uur Plagen mit Briefen ab, in denen er die gute Nachricht in aller Eile flüchtig hinkritzelte. Nur selten zog der Sie- gesdow mit so viel Feierlichkeit in Berlin ein, als der Uebev- dringer der ersten großen Siegesnachricht, die der junge König nach Hause schickte. „24 Trompeter schmetterten den Jubelrus des ersten großen Sieges der preußischen Waffen durch die hellen breiten Straßen der neuen Stadt," erzählt Alexis in seinem „Cabanis". „Der Staub saß fingerdick auf den hohen Stieseln des Kuriers, den sie nach dem Schloß einholten: sein Hub war mit Tangerreis, der ganze Mann mit Bändern und Kränzen überworfen. Wie flog er keck im Sattel, wie glänzten die Augen über den von der Sonne hochgebräunten. Backen! An jeder Ecke nickte er alten Bekannten zu, wer von ihm angesehen wurde, fühlte sich glücklich, er hätte heut Er- laud! KriSgSschaupÜch Stallüpönen 7, 8. 14. F., Feld- divisionspsarver der Kavalleriedivisio,,." Da hatten die „Quartiere" begonnen. Die Russen lzaben ihre Eintragungen mehr an den Möbeln und den Geldkassetten, von denen sie eine gesprengt hatten, geinacht. In anderen Quarfieren waren die Spuren der russ- schen Gäste vor uns nock, deutlicher. In einem fietnen Nest fand ich russische Depeschen und einen angejangenen Brief auf dem Tisch, der als Schreibgelrgenheit an das Fenster geschoben worden war. Die typische Wendung, die. die Russen ja bei jeder Ankunft in einer ostpreußischen Stadt zuerst gebrauchten, stand auch gleich in den Anfangszeilen des nicht beendeten Schreibens. es ist nicht mehr weit von Berlin, Liebling, und da schicke ich dir schönere Dinge als von hier. Der Feldzug ist bald aus. Noch vor Weihnachten sehen wir uns wieder. Peter hat sich das Geovgskreuz geholt, er ist ein verdammter Schlingel. . Inzwischen mich das Dröhnen der deutschen Geschütze den Briefschreiber Hinausgetrieben haben. In einem kleinen Pfarrhaus, in dem ich lag, fand ich wahrscheinlich abgeschriebene Dokumente aus der Datcrren- zeit, die 1656 über Masuren gekommen war. Es können aber auch Auszüge aus eimm Buch sein. Mich ergriff nur fbie Aehnlichkeit der Erscheinungen damals und jetzt. Nach der Schlacht bei Proscken 1656, 8. Oktober, waren die vereinigten Polen und Tataren in Ostpreußen eingefallen. Ich habe mir aus den umfangreichen Aufzeichnungen oder Auszügen nur ein paar Daten abgeschrieben. Die Stadt Lyck wurde völlig und ganz zerstört, daß nicht ein Stein bei dem andern verblieben ist. Im Amt Lyck wurden 67 Dörfer, ein Flecken, drei Kirchen, drei Hospitäler eingeäschert, 2800 Personen fortgeführt und über 200 getötet. In K a l i - nowen wurden 800 Menschen niedergeschlagen oder fvrt- geschleppt. Die Stadt O letz ko wurde völlig in Asche gelegt. Im Amte Polommen raubten die Tataren alles, Bialla zerstörten sie, Drigallen ging in Flammen auf. In Neuhof verpesteten die Leichen der ermordeten Bewohner nwnatelcmg die Luft. In Gilgenburg wurde die gesamte Einwohnerschaft in der Kirche nieder gehauen. Es wurden in Ostpreußen 13 Städte, 248 Flecken und Dörfer, 37 Kirchen eingeäschert, 23 000 Menschen getötej, 4000 verschleppt. Gerade das lustige und fröhliche Masuren hat es am schwersten gehabt zu jeder Zeit. Es gibt auch andere Quartiere. Wir kommen mit unseren Wagen irgend an einen Gutshof, in dem sich Offiziere einqucrrttert haben. Wir besitzen Rum und die besitzen Kohlsuppe urü> heißes Wasser. Eine Zusammenstellung, die sich zu einem ausgezeichneten Abendbrot verbindet. In dem schönen großen Salon nebenan sind mächtige Strohschütten, gestern schlief hier ein Zug, heute find sie weiter. Der Flügel ist so gut wie gar nicht verstimmt. Irgendein Kollege phantasiert Wagner. Der nkächsige Kack>elofen saust und glüht. Es kommen lustige Lieder. Der rote Scrrafan. „... Jugend kehrt nicht wieder, ist sie einmal vorbei..Das Petroleum ist auägefaarott, Kerzen kommen auf den Tisch Jemand fragt ganz unvermittelt: „Ob wir Weihnachten schon zu Hause sind?" Jeder holt irgend etwas Besonderes, ein Päckchen Scho- totobe, eine Flasche Rotwein, eine eigentlich aufzuhebende Dose Sardinen. Es klopft, ein Koloiinenfiihrer fragt, ob es von hier nach Dinglcruken oder Blindgallen oder Rissanitzen gehe. Man wärmt schnell einen Teller der berühmten Suppe. „Wie stets im Zentrum?" „Gut." „Bei uns ging's ausgezeichnet, als ich nun wieder wsg ging." „Weih jemand der Herren was vom linken Flügel?" Das ist 150 Kllometer von hier, man weiß gar nichts. Der Wind geht über den Gutshof und streicht über die Dachrinnen. Wan lehnt nnt den Händen am Ofen. In einem Großvater-Sessel schläft ein blutjunger LeutnaM, so fest, daß er nicht mehr aufzubekommen ist, als ynr die Betten aufsucheu wollen, soweit sie vorhanden sind. An den Hoftüren klappert es. Man sieht hinaus, da stehen ein paar Fohlen. Man hat Pferd uno Rindvieh heute vormittag aus den Ställen getrieben. Zuchtbullen darunter im Werte von 15000 Mark. Nun kommen die Fohlen frierend zurück. Die kleinen pusseligen Diesjährigen, die am Tage so neugierig und lustig sind. Sie werden untergebracht. Der Himmel ist sternenklar. Die Wafferlachen haben einen hauchfeinen Ueberzug. Der Atem steht weiß in der Lust. Am andern Morgen irm 6 Uhr ist an ein paar Büschen und Bäumen Rauhreif. Mittags schlagt bann das Wetter um. Wir gehen in neues Quartier, vielmehr in unser Stadtquartier, das wir wieder einnehmen. Meine Stube ist inzwischen znm Zeiiungsladen geworden. Es ist so famos, ,Hne jede Bitte auf srnchibarcii Boden fällt. Nur bitte ich zu entschuldigen, daß ich auf. die Anfragen nicht antworten kann. Die Gelegenheit zum Schreiben ist schwierig, und es >väre viel zu Vielau he- aniworten. Man hätte heute morgen das Gesicht eines pvmmerjchen Grenadiers sehen sollen, dem ich Zeftimgen und Wurst aus Rügenwalde gab. „Siehste, Kamerad! Rn? Ponrmern! Das sind unsere Leute! Unsere Leute!" sagt er zu den Kameraderl. Uebrigens sollten die Zeitungen isicht zu alt sein. Außerdem kann ich eine regelmäßige Berterlimg, um die einige baten, nicht übernehmen. Aber auch nur ein solch Gesicht von heute morgen macht den Oktobertag freundlicher. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. wie GstenSe belagert wurde. Ostende ist heute ein Mitelpunv der Krieqs erei gn i ße . den. Schon einmal hat es eine große Rolle auf dein europäischen Krieqsthealer gespielt: das war vor gut dreihundert Jahren, wäh rend des Freiheitskampfes der Holländer gegen die Spanier. Es war ein kühnes Wagnis, als sich Philipps II. Statthalter, der Erzherzog Albrechi, im Frühiahr 1601 zur Belagerung der Festung rüstete, die damals eines der stärksten Bollwerke der jungen holländischen Generalstaaten bildete. Mit einem Heer von 16000 Mann rückte er von Süden heran, während die durch die Engländer verstärkte Besatzung von 7000 Mann unter dem Besehle des hol ländischen Generals Charles van der Noot stand. Die Holländer hatten, wie schon so oft, wieder ihre Teiche durchbrochen, so daß Ostende, vom Wasser vollkommen umgeben, gleichsam eine befestigte Insel schien. Um sie eittstand nun ein Ringen, das geradezu als Gegenstück zu der Belagerung Antwerpens durch die Deutsck»ei> bezeichnet werden kann: diese dauerte dank unserer modernen Bela- gerungsgesckyitze volle zwölf Tage — jene zog sich über dreiund- einvicriel Jahr dahin und hat »ach zeitgenössischen Angaben beün'n PaNeien über 100 000 Mann gekostet, von denen allerdings die große Anzahl nicht den Waffen, sondern schweren Kricgsscnchen erlag. Auf beiden Seiten wurden alle Mittel der damaligen Kricgs- wissenschast ins Feld geführt: berühmte Feldoberstei,, jugendliche Osfizierc, Ingenieure und Acrzte, Kanoniere und Matrosen kamen sowohl in das spanische Lager, wie in die von der Seeseite stets' mit frischen Truppen, Kriegsmaterial und Lebensmitteln versorgte Festung, um hier als aus „een arademia oste hooge schote" das Kriegshandlverk zu lernen und „een meester van cunbacht" zu werden. Zuweilen schien es — wie Block in seiner Geschichte der ■ Niederlande erzählt —< eher ein Jahrmarkt als eine Brlagerang zu sein, denn auch Frauen und Kinder kamen übers Meer aus England und Spainen her, um chre Verwandten bei den Truppen zu besuchen, und maucher deutsche Fürst zeigt,' sich nrct grohcmi Gefolge in der belagerten Festung und im spanischen Lager. Als während des Sommers 1601 die Pest in der Stadt ausbrach, knüpfte General Berc, der erst kurz Anvor mit 3000 Mann! die Besatzung verstärkt hatte, Berhandlnngen an, und schon verbreitete sich durch ganz Flandern die Nachricht vom Falle Ostendes. Da kamen ihm fünf Kompagnien frischer Fußtruppen zu Hilfe und er brach die Verhandlungen wieder ab. Erzherzog Albrccht war empört und ließ stürmen; doch die Spanier wurden, obgleich sie Philipps II. Tochter, die nnt Albrecht vermählte Infantin Jsa- bella, versönlich anseucrie, geschlagen und verloren 800 Mann, während die Verteidiger nur 40 Tote hatten. Bon fitzt ab zog sich die Belagerung in die Länge, zu,aal aus beiden Seiten Geldnot herrschte. Als der Zugang zu dem am Flüßchen Jperlee gelegenen Hasen durch die Spanier unsicher gemacht wurde, gruben die Ostender ein neues Fahrwasser, um die Verbindung der Stadt mit dem Meere zu erhalten. Doch mit der Zeit wurde ei» Wall nach dem andern durch das Geschützjeuer der Spanier unbrauchbar gemacht, durch deren Minen zerstört: die Graben füllten sich mit Schutt. Brandkugeln und feurige Pfeile, Bomben und glühende Kugeln zerstörten die Häuser der Stadt. Vorübergehend schien eine Meuterei im spanischen Heere Ostende zu retten, doch als im Sommer 1603 der energische, kaum 30 Jahre alte Italiener Ambrosro Spinola den Oberbefehl der Belagerung übernahm, schwand diese Hoffnung wieder. Da rückte Moritz von Oranten zum Ersatz heran. Die Spanier hatten vor Ostende ein holländisches Schifserboot gekapert und dessen gesamte Besatzung ausgeknüpst. Als Erzherzog Albrecht mit Moritz ü-ber den Austausch von Gefangenen, die diesev aus dem Ilbmarsch gemacht hatte, verhandeln wollte, ließ Moritz ihm sagen, zuerst müsse das Wiedervergeltungsrecht geübt werden. So wurden am 20. September von 200 Gefangenen 12 durch das Los zum Galgen verurtellt, 11 wurden gehängt und nur einer erhielt infolge der Fürbitte eines jungen Mädchens Gnade. Zugleich drohte der Psinz von Oranien, für jeden Hingerichteten Kriegsgefangenen in Zukunft zwei Spanier hängen zu lassen. Erz- obernngen machen können, lvenn er seinen Borteil verstand. Ern Jubelrus schallte durch die ganze ©tobt und der Name eines dürssigen schlesischen Dorfes: Mollwitz jolfte von heut an unsterblich werden." Gewöhnlich hatte der Adjutant oder Page nur ein paar blasende Postillione vor sich, die en unterwegs ausgegriffen und die ihm nun als Bvrtrah dienen mußten. Kaum aber ertönte das Helle Horngeschmetter an den Toren, da liefen auch schon die Berliner zusammen, groß und klein, Männer und Frauen, vornehme Herren und gewöhnliche Arbeiter und setzten ihre Beine so rasch wir inög- lich in Bewegung, um jubelnd und jauchzend mit dem vom Slraßenkot bespritzten Siegesbolen gleichen Schritt zu halten, der sein übermüdetes Pfird mit den Sporen zu letzte« Krastanstrengung sortriß. Immer mehr schwoll der Zug an, immer lauter wurden die Rnie und Schreie, bis der ganze Zug vor der Kommandantur Haft machte. Hier sprang der Reiter vom Pferde und stürzte zum Kommandanten hinein, um ihm den inhaltsschweren Brief des Königs zu übergeben, während alles in höchster Spannung harrte, llud dann kam der Kommandant mit freudestrahlendem Antlitz heraus und rief der Menge zu: „Unser allergnädigfter König hat einen glänzenden Sieg errungen!" Darauf folgte die Verlesung des Schreibens. Die Meldungen Friedrichs waren zumeist sehr kurz gehalten; ohne jede Ruhmredigkeit gaben sie in knapper schlagender Form die Tasiachen: ,Lch habe die Oesterreicher geschlagen. Ich habe viele Kriegsgefangene gemacht. Singet das Te Deum laudamus." Bisweilen schickte der König den Adjutanten mit dem ersten Brief auch nicht an den Kommandanten, sondern an seinen Minister, an die Königin, an seine Schwester, und die Neuigkeit wurde dann vom Schloß aus möglichst rasch im Volke kund getan. Die seierliche Mitteilung des Mollwitzer Sieges an das Auswärsige Amt lautet: „Ta es Gott gcksallcn. Meine Waffen dergestalt zu segnen, daß ich den 10. auf dem Marsche nach Ohl-ru bei dem anderthalb Mecken davon gelegenen Dorfe Mollwitz nach einer vierstündigen hitzigen Bataille die Armee des Feldmarschalls v. Neivverg, vhnerachtet diestlbe an die 6000 Dlann wenigstens stärker gewesen und fast dreimal soviel Cavallerre gehabt als die weinige, gänzlich in die Flucht zu schlagen, so daß sie sich mit Conrusivn und Hinterlassung von 4 Canvnen, vieler Equipage der Cavallerie und des Chamv de bataille nach der Gegend von Neiße retiriren müssen, so sollet Ihr von diesem glücklichen Evenement Meinen an denen culswärtigen Höfen subsistirenden Ministris Bart geben." Ueber Hohenfriedberg meldet er an den Minister Podewils: .Ich berichte Ihnen in drei Worten, daß tmr soeben einen: vollständigen Sieg über ptn Feind davongetragen haben. Wir haben 5000 Gefangene gemacht. Oesterreicher und Sachsen zusammen haben 3000—4000 Mann an Toten und Verwundeten aus dem Schlachtselde gelassen. Lassen Sie tebaitnieren ulw , wie sich das schickt." Den Sieg bei Senile» verNftrdet er öec Schloester Milbe lmiue: „Wir haben soeben dir Oesterreicher volllländig geschlagen. Ich marschiere morgen nach Breslau, um die Stadt zurückzuerobern. Wir haben eine wundervolle Menge von Fahnen und Kanonen und viele Gesängen«. Wir haben im goN^ irwr 2000 Mann Tote und Bernmnüete: ich schätze den Verlust der Feinde aut über 10000 Mann." ^ In dieser Form sind alle Berichte des Komgs abgefaßt. Nach Eintreffen der Sieqesnachricht strömte die Menge in die Kirchen, die die Zahl der Andächsigen gar nicht taffer» konnten. Während von den Wüllen die Feuerschlünde ihren wuchtigen Siegesrus ertönen ließen, hielten die llleistlichen die Siegesprediglen, die in einem feierlichen Dank an Gott ausklangen, und die Gemeinde sang srorruue Lieder. Herzog Wrecht war in grober Not uni» schulte Spruola dem Ora- urer entgegen, der ihn jedoch entscheidend schlug Aber anstatt jetzt Otzcnde M entsetzen, belagerte der Prinz die Stadt Slnis an der ser-ländischen Küste, die auch am 16. August 1604 in seine Hände siel. Erst jetzt wollte er auf Ostende losmanchiercn, doch waren dessen Tage schon gezählt. Me Stadt kapitulierte am 22. September 1604, nachdem sie drei Jahre und 80 Tage von den Spaniern belagert worden war. Spinola gewährte der tapferen Besatzung freien Abzug mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen nach der nächsten holländischen Festung Von der Stadt und ihrem blühenden Hafen war nur ein Schutthaufen geblieben, denn alle Einwohner waren inzwischen nach Sluis gezogen, wo Moritz von Dramen auch die Besatzung nicht alb Besiegte, sondern als Sieger empfing. Dem Heere Albrechts hatte aber die Belagerung nach einer bei eiueni gefallenen Spanier gefundenen Aufstellung 72 000 Mann gekostet, also über zweimal soviel als den Holländern. Gietzener Strafkammer. § Gieße», 16, Oktober, Bier Monate Gefängnis «hielt der Schreincrlehrling Wilhelm U. aus Psnngstadt, der als Zwangszögling des Ohlystists in Lanterbach nntergebracht war, dort entlief, um angeblich nach Hanse z» ivander», sich aber in Lanzenhain des Verbrechens »ach § 176' St -G,-B. schuldig machte und verhaftet wurde. Unterbrochen werden mußte die Verhandlung gegen den otetiach vorbestraften Korbmacher Karl St. ans Stumpertxnrod, dem eine Reihe von Einbruchsdiebstählcn zur Last gelegt wird. Es sollen wettere Zengen geladen und die Verhandlung am 20. l. M., vormittags 8'/. Uhr, fortgesetzt werden. Märlte. Stießen, 17. Ott Marktbericht, Auk den, lientigen Wochenmarkte kostete: Butter das Pfund 1,16—1 ,20 Mk.: Hühnereier 1 Stück 11—12 Bsg., 2 Stück 00 Psg.: Enteneier 1 St. 0 Psg., s2 St. 00 Psg.; Gänseeier 1 St. 0-0 Big.. 2 Sk. 00 Psg.: »äse »das Stück 10—12 Psg., Kasematte 2 Stück b—8 Psg,: Tauben das Paar 1,00—1,40 Mk., Hühner das Stück 1,50—8,00 Mk., Hahnen das Stück 1,50— 3,00 Mk., Enten das Stück 3,00—4,00 Mk., Gänse das VD.70-75 Psg.: Welsche4—»Mk.: Ochsenstcisch dasPsd. 88-96 Pig'. Rindfleisch das Piund 90—94 Psg., Kuhfleisch 80 Psg., Schweinefleisch das Pfund 70-86—96 Psg., Kalbfleisch dasVId. 80-8t Psg.. Hammelfleisch das Pfund 70—98 Plg.: Kartoffeln das Psnnd 3 Psg», Weißkraut das Stück 8—15 Psg.: Zwiebeln der Ztr. 8,00-10,00 Mk.: Milch das Liter 22 Psg.: Aepiel der Zentner 8—15 Dkk.: Birnen das Pfund 8—15 Big., Nüsse 100 Stück 40—00 Pkg., Zwetschen der Ztr. 10—12 Mark. — Marktzeit von 8 bis 2 Uhr. Uirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde. Sonntag, dem 18. Oktober, 19. nach Trinitatis. , Gottesdienst. r ' 3n der Stadttirche. Vormittags 9'/. Uhr: Psarrer v. Schlosser. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche sür die Matthäusgemeinde, Psarrer v. Schlosser. Abends 5 Uhr: Psarrer Schwabe. Beichte und heiliges Abendmahl für Matthäus- und Markus- aememde gemeinsam. Anmeldung vorher bet dem Psarrer jeder Gemeinde erbeten. Mttivoch, den 21. Oktober, abends 8 Uhr! Kriegsbitstunde. Psarrer Schwabe. 3n der Jehanneskirche. Vormittags 9 1 /, Uhr: Pfarrer B e ch t o l s h e i in e r. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche flir die Lukasgemeinde. Psarrer BechtolSheimer. Abend« 5 Uhr: Pfarrer A »s f« l d. Beicht« und heiliger Abendmahl für die Lukas- und Johannes- gememde gememsam. Anmeldungen vorher bei dem Psarrer jeder Gemeinde erdetem Abends 7 1 /, Uhr: Bereinigung der konfirniierttn männlichen Jngetch der Johannesgerneinde im Johannessaal und der konfir- ^mierten weiblichen Jugend im Lukassaal. vibellrSitzchen fiir Schüler höherer Lehranstalten. Für die jüngere Abteilung jeden Mittwoch von 6—7 ilhr, sür die ältere Abteilung jeden Sanistag von 6—7 Uhr im Johannessaal. Sibelkränzchen sür Mädchen aus der Zshannesgemeinde. Jeden Dienstag von 6-7 Uhr im Johannessaal. Wartburg-Verein (viezftraße 15). Dienstag: Bibelstunde. Donnerstag: Lcseabend. Sonnlag: Vortragsabend. Evangelischer Sotte^>ienft. »iirchberg: Sonntag, den 18. Oktober, vorniittagS 10 Uhr; Ernte-Tanklest. Kollekte für Ostpreußen und Elsaß-Lothringen. Heil. Abendmabl für Danbringc» und Rnttershansen. Lollar : Mittwoch, den 21 . Oft , abends 8Uhr: KriegSbetstnnde. Daubringen: Donnerstag, den 22. Oktober, abends 8 Uhr: Kriegsgebeilltliide. Dekan Gußmann. rlatholische Gemeinde. Sotterdienst. Samstag, den 17. Oktober: Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit zur bell. Beichte. Sonntag, den 18. Okt., 20. Sonntag nach Pfingsten; Vormittags von 6 1 /, Uhr an: Gelegenheit zur hl. Beichte. , um 7 Uhr: Die erste hl. Messe. , »in 8 Ilhr: Austeilung der hl. Rommuuion , um 9 Uhr: Hochamt mit Predigt. „ um 11 Uhr: Hl. Melle mit Predigt. Militärgottesdienst. Nachmittags um 6 Uhr: Christenlehre: darauf Rosenkranz- Andacht mit Segen. Montag, Dienstag. Mittwoch, Donnerslaq, Freitag und Samstag, abends um 6'/, Uhr, ist Rosenkranz-Andacht mit Segen. viaspora-Gotterdienst. In Lich »nt 9 1 /, Uhr. Amtlicher Teil. Bekanntmachung. Vom Ersatz-Bataillon Jnsanterie-Reginicnts Nr. 116 wird am Montag, den 19. und Dienstag, den 20. Oktober 1914, nördlich Großen-Buseck vom „Alte Berg" aus in der Richtung auf Treis a. d. Lda. Schießen mit scharfer Munition abgehalten. Als Gesahrgegend kommt inbetracht das Gelände nördlich der Straße Großen-Buseck—Beuern und die Waldsläche zwischen Ben- ern, Climbach, Treis lLnmda), Tanbringen, Alten-Buseck und Großen-Buseck. Das gefährdete Gelände darf von vormittags 8 Uhr bis nachmittags 6 Uhr nicht betreten werden. Für die Absperrung der Zusahrtstraßen und Hauptwege sorgt das Bataillon. Den Anweisungen der ausgestellten Posten ist Folge zu leisten. Dies wird zur Beachtung öffentlich bekannt gegeben. Gießen, den 14. Oktober 1914. Großherzogliches Kreisamt Gießen. I. B.: Hechler. Bekanntmachung der für die ausgetsobenen Landsturmpflichtigen geltenden Bestimmungen. 1. Für die ausgehobenen Laichsturmpflichtigen gelten vom Tage der Aushebung an die für di« Mannschaften der Landwehr (Seaoehr) bestehenden Besttmnrmigeu. 2. Die ausgrhobcnen Landstwrmpffichtigen treten in die Kontrolle der BezirksseLdinebel des DauMUchldeamts Gießen, des Meldeamts Alsfeld oder der Bezirkskon-pagnie Schotten. Sie find vernichtet, jede Aufenthalts per änderurm innerhalb 48 Stunden ihrer Kontrollstelle antzuzeigen und sich beim Verziehen in einen anderen Koutrollbezirk bei der dortigen Kontrollstelle innerhalb 48 Stunden mitzumelden. Die Meldungen können mündlich oder schriitlick durch den zur Meldung Verpflichteten selbst erfolge Bei schriftlichen. Meldungen ist Datum und Ort der Geburt, so,o« der frühere Wohnort und der Wohnort, für den die Anmeldung ersolgt, genau anzugeben. Zuwiderhandlungen werden nach den Militargesetzen bestraft. 3. Tie nächsten inilitärischen Vorgesetzten der ansgebildeten Landstnnnpflichtigen sind die Feldwebel -des Hanpttneldeamts, des Meldeamts oder der Bezirkskompagnie und der Bezirkskommandcur. sowie deren Stellvertreter. Tic 'Mannschaften haben dienstliche,. Befehlen ilrrcr Vorgesetzten, öffentlichen 'Aufforderungen und Gestellungsbefehlen unbedingt Folge zu leisten. Im dtcnstlichen Ver. kehr mit den Vorgesetzten sind sic der militärischen Disziplin unterUwrscu. 4. Bei Anbringung dienstlicher Gesuche und Besäpverden smd die ausgehobenen Landsttirinpslickstigen verpflichtet, den vorge- schricbcncn Dienstweg einMhalten Gesuche sl»d an deir Bezrrks- feldwebel der Kontrollstelle zu richten, Bescluveideii dem Bezirk», konnnandenr vvrtzutragcn: richtet sich die Bescl/werde gegen diesen, so ist sie bei dem Bezirksadjntanten anzubrrngen. Di« Beschwerde darf erst fern folgenden Tage oder nari> Berbüßamg einer etwa verhängten Strafe erhoben und muß innerhalb einer Frist von 5 Tagen migebracht tverdcn. ' 5. lieber etwa stattfindende Kontrollversammlungen ergeht besonderer sBcsehl. 6. Ansgehobcue Laudsturmpflickttge können ungehindert per- reisen, haben jedoch der Kontrollstelle den Antritt der Reise und die Rückkehr zu melden, sobald die Reise länger als 48 Stunden dauert. Bei ,eder Abmeldung Mir Reise hat der Betreffende an- zngebm, durch welche dritte Person wahrend seiner Abwesenheit etwaige Befehle an ihn befördert werden können. Er bleibt icboch der Militärbehörde gegenüber allein dafür verantwortlich, daß ihnr jeder Befehl richtig zugeht. 7. Ein Ueberttitl vom ersten zum zweiten An Prebet sowie em Ausscheiden aus dem Landsturm findet bis zur Auflösung des Landsturms nicht statt. 8. Die vorstehenden Bestimmungen gelten sür die ausgebobenen Landslurmpslichtigen bi? zur Auflösung des Landsturms. Weitere Auskünfte werden durch die Bürgermeistereien und die B^rrks- fcidwcbel erteilt. Naumann, Oberstleutnant und Bezirkskowwandenr. An den Oberbürflrrmrister der Stadt Giehen und an die Grohh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Obige Bekanntmachung wollen Sie in geeignet erichemender Weile den Laichsturmpflichtigen bekannt geben und ihnen aut Ansorderu jEinsicht gestatten. Gießen, den 15. Oktober 1914. Großherzogliches Kreisamt Gießen. I. B.: Hechler. Bekanntmachung. Gus Grund deS Art. 129 b II. 2 der Städteordnung wird hierdurch aus Antrag und im Einvernehmen mit der Lager- und Garnst sonkommandantur zu Gießen folgende Anordnung erlassen: 1. Das Betteten des Kriegsgefangenenlagers ist llnbefugtrn verboten. 2. Zivilpersonen ist es verboten, von den parallel dem Lager führenden öffentlichen Wegen in der Richtung nach der Umzäunung des Lagers zu abzu,v«ich«n und sich dem Zaun irgendwie zu nähern. 3. Jedes Stehenbleiben am Eingang des Gesaugeuenlagers ist verboten. 4. Den Weisungen der mit dem Aussichtsdirnst in der Umgebung des Gefangenenlagers beauftragten Mtlftärpersoneu und SchuÄeute ist unweigerlich Folge zu leisten. Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnung werdcu mtt Geldstrafe bis zu 90 Mark, welche im Falle der Uneinbringlichkeit in tzaststtase umgcwandelt wird, bestraft. Gießen, den 14. Oktober 1914. Grvßherzvgliches Polizeiautt Gieße«. H e m m e r d e. 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