Ltt. lZ5 Swetter Blatt m. Jahrgang Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntag?. Die „Sietzcner Zamilienblättei" werden dem »Anzeiger' «ierma! wöchentlich beigetegt, da? ^«reirdlLtt für den Urei; Sichen" zweimal wöchentlich. Die „candwinlchaftllchen Seitfragen" erscheinen monatlich zweimal. Gietzener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhesfen Sreitag, \2. Juni Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuld straße 7. Expedition und Verlag: e=s|^51. Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen. Die Gewinnung der Lahn für die 5tadt Gießen. Hauptversammlung des Bürgrrvereins Gießen. Gießen, 11. Juni 1914. Im großen Saale des Cafs Ebel hielt der hiesige Bürgerverein heute abend seine Hauptversammlung ab. Der von dem Vorsitzenden, Lehrer Valentin Müller, erstattete Jahresbericht gab Zeugnis davon, daß der Verein auch in dein abgelausenen Vercinsjahr nach Kräften bemüht war, die Interessen der Bewohner zu wahren und das Wohl der Stadt zu fördern. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Es wurden 9 Vorstandssitzungen und 5 Bürgerversammlungen abgehalten. Ten Verkehrsverhältnissen wurde besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Eine besondere Freude war es für den Vcreinsvorstand, daß er an dem Vertreter unserer Stadt in der Zweiten Kammer, dem Landtagsabge- ordnetcn Professor U r st a d t, einen so warmen Fürsprecher unserer Wünsche hatte. Seine Eisenbahnetatsrede ist ein Beweis, daß die Interessen unserer Stadt an ihm einen wachsamen Vertreter haben. Ueber Umfang und Ziele der jetzt ins Leben getretenen Gewerbeausstellung wurden die Mff- gliedcr und weitere Kreise der Bürgerschaft in einer Versammlung von sachkundiger Seite unterrichtet. Der Frage des Zusammenschlusses der Bürgervereine in den Orten unserer Umgebung trat man näher und regte eine Arbeitsgemeinschaft der einzelnen Bezirksvereine unserer Stadt an, deren Zustandekommen sicher einen Segen für unsere Stadt in sich schließt. Eine Versammlung, in der über Treuhand- gesellschastcn und .tzvvothekcnnot gesprochen werden sollte, mußte wegen Verhinderung des Reserenten ausfallen. Finanzamtmann Meyer Mainz hielt einen Vortrag über den Wchrbcitrag. lieber die Jugendpflege saßt der Vorstand seine Ansicht dahin zusammen, daß diese nicht bloß die Fürsorge der Heranwachsenden männlichen Jugend umfassen, sondern vielleicht in erhöhtem Maße die körperliche und sittliche Kräftigung der weiblichen Jugend sich zur Aufgabe machen soll. Die am 11. November 1913 in einer außerordentlichen Hauptversammlung ausgestellte Wahlliste hat, wie der Ausgang der Wahlen dies bewies, bei der Bürgergesellscl-ast großen Anklang gefunden. Bei der bevorstehenden Neuwahl wird es sich der Verein zur Aufgabe machen, in gleich ruhiger und sachlicher Weise wie seither zu handeln. Dem von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig gewählten neuen Oberbürgermeister Keller bringt der Verein volles Vertrauen entgegen und hat Veranlassung genommen, ihm bei seinem Amtsantritt durch den Vorstand die Glückwünsche des Vereins zu übernritteln. Die in der Lesehalle am Neuwegertov ausgestellte und einem jeden zugängliche Büchersammlung des Vereins ist durch eine Anzahl von Schriften und Werken gefördert worden. Stadtverordneter Simon stiftete ein wertvolles Werk über die Studienreise der deutschen Gartenbau- gesellschast nach England, wosür ihm der Vorsitzende den Dank des Vereins aussprach. Er schloß mit bestem Dank an alle, die dem Verein im legten Jahr ihre Kräfte zur Verl- sügung stellten. Die in Verhinderung des Schatzmeisters Kommerzienrat Müller von dem Schriftführer Jaskowsky verlesene Rechnung schließt mit einem Ueberschuß von 793,75 Mk. Es meldete sich niemand zum Wort, dem Vorstand wurde hieraus Entlastung erteilt. Die ausscheidenden Mitglieder wählte man durch Zuruf wieder. Für das seitherige Mitglied Troß wurde Fabrikant Homberger durch Zuruf bestellt. Darnach teilt der Vorsitzende mit, daß nach einer ihm zugegangenen Zuschrift am 21. Juni dieses Jahres von Gießen aus ein Sonderzug zur Besichtigung der Deutschen Wcrkbundausstellung in Köln eingelegt werde. Für den Fall daß sich 32 Personen melden, ermäßigt sich das Fahrgeld um 40°/°. Der Eintrittspreis beträgt 80 Pf. Wer sich beteiligen will, wird eingeladen, sich bei dem Vorsitzenden zu melden. Damit schloß der erste Teil der Tagesordnung. Nach einer kleinen Pause sprach GeheimratPros.Dr. Sommer über Die Gewinnung der Lahn für die Stadt Gießen. Geheimrat Sommer führte aus: Im gcogravhischen Sinne liegt Gießen an der L a h n^ Dieser ätbestand ist jedoch durch die Art der Entwickelung der Stadt IN -n letzten 60 Jahren in vieler Beziehung inhaltslos geworden, da •x Hauptteil der Stadt, abgesehen von einigen Durchlanen, durch en Eifcnbahiidamm von dem Fluß abgefchnitten nt. Der entichei- »nde Vorgang war die Anlage der Main-We,er-Bahn, welche die itadt von der Lahn wie durch eine hohe Mauer abtrennte, so daß ic Lahn im gewissen Sinne aus dem Bewußtsein der Emwohncr- hajt größtenteils verschwand. , In dem alten Gießen, dessen Schönheiten z. B. von S eji cf c n» erg so hoch einqeschätzt wurden, svielt die Lage der Stadt in inem Kranz von Wiesen am Flusse eine große Rolle, senckenberg at das Großzügige dieser Landschaft, die einen mächtigen Kessel wischen den Ausläufern von 4 Gebirgen «des «ogelsbcrges, des aunus des Westerwaldes und des Rothaargebirgesj darßellt. rich- iq erkannt. Jedenfalls gehört der Fluß, der d,e,es an Natur,chow eiten reiche Becken durchfließt, durchaus zu dem Landichaitsbildc >er große Eisenbahndamm hat aber nicht nur das Landlchaitsbild rheblich zerstört, sondern die Stadt von dem Wayerlau,, der zu hrer natürlichen Voraussetzung gehört, da Gießen urwrunglich an er Stelle eines Lahnüberganges cntltanden ist, abgetrennt. »Njr wollen nicht verkennen, welch' große Entwicklungsmöglich- eiten diese Eiienbayn, durch die Gießen zu esnein wichtigen Haltend Kreuzungspunkt an der Bahn von Frankfurt nach Kassel und »cit-r nach Norddeutschland wurde, geichaifen hat. selbstveryand- ich wäre die mächtige wirtschaftliche Entfaltung der Stadt ohne »eie wichtige Berkehrsverbindung unmöglich geweien, und es ,olt rickt verkannt werden, daß die Stadt Gießen auch gerade in Bezug ,us ihre Einwohnerzahl der Entwickelung ihres Eisenbahnwesens dank schuldig ist aber umgekehrt darf auch nicht vergehen werden, öelck' großen Schaden der ganz- Charakter der Stadt durch diese Ibschneidung ihres vauvtteils von der Lahn erlitten hat. Man «raucht nur bei einer vergleichenden Studie Uber eine Reche von deutschen und außerdeutschen Städten zu tehen. wie anderwärts viel ,erir,aere und landschaftlich nicht so schone Wayerlause m hervor- waender Weise zur Verschönerung des Stadtbildes, und des ganzen iebens in einer Stadt verwendet werden, um diese Schädigungen Kt Stadt Gießen durch diese Abschneidung von der Lahn zu bc. ,tClT ffiir wollen jedoch hier nicht nutzlos über ein unvermeidliches Lebcl"klagen, sondern wollau uns lieber die Frage vorlegcn, wie sich die dadurch bedingten Schäden nach Möglichkeit beseitigen lassen. Ich möchte nun im folgenden einen Plan hierzu entwickeln, und ioähle dazu diese Form der ösicnllichcn Erörterung, um tveitere Kreise von der Notwendigkeit eines derartigen Vorgehens zu überzeugen. Findet der Plan, wie ich hosie, in der Bürgerschaft Anklang, so bin ich in meiner Eigcnschait als Stadtverordneter bereit, mit den entsprechenden Anträgen an die Stadtvcrwaftung heranzutreten. Es handelt sich zunächst als fundamentale Voraussetzung darum, außer der vorhandenen großen Lahnbrücke an zwei Stellen und zwar einerseits im Süden, andererseits im Norden mit billigen Mitteln je einen Lahnübergang zu schäften, die cs ermöglichen würden, in leichler Weise von den beiden Enden der Sladt aut die andere Lahnseite zu gelangen, und van da in dem Gelände an der Westseite der Lahn einen Weg entlang dieser mit der Aussicht aus den Fluß, andererseits aus die schöne Landschaft im Westen (Gleiberg, Vetzberg, Tünsberg usw.> z» gewinnen, und zwar schlage ich für den nördlichen Teil von Gießen vor, vom Ende der E d c r st r a ß e, da wo sie durch den Viadukt der Main-Weser Bahn geht, unter Benutzung und Verbreiterung eines schon vorhandenen schmalen Fußweges quer durch die Lahngärten im rechten Winkel zur Lahn den Fluß zu gewiuneu und ihn in einer noch näher zu beschreibenden Weise zu überbrücken. .^sch verstehe hierbei unter Uebcrbrückung im allgemeinen die Schassung einer Möglichkeit, um von einer, Flußseite zur anderen zu gelangen, wobei verschiedene Arten der'Ausführung in Betracht kommen. An steinerne Brücken ist selbstverständlich au, unabsehbare Zeit weder im Süden noch im Norden an den gemeinten Stellen zu denken, da ganz abgesehen von der Finanzlage der Stadt, die zwar zurzeit nicht schlecht ist, aber doch Lurusausgaben nicht erlaubt, ein Bcdürsnis »ach Fahrbrücken an diesen Stellen bisher in keiner Weise vorhanden ist, besonders weil bei den Flutvcrhält- nissen der Lahn eine lleberbaumig der betr. Gegenden des rechten Lahnusers so gut wie ausgeschlossen ist. Wohl aber kommen an den von mir gemeinten Stellen einfache Holzbrücken entschieden in Betracht. Dabei müßte allerdings aus die Frage des Hochwassers und im Norden der Stadt des Eisganges Rücksicht genommen werden, indem, wie das manchmal geschieht, der mittlere Teil der Fußgängerbrücke cntscrnbar sein müßte. Abgesehen von einer Holzbrücke kommen ferner noch in Betracht Verbindungen durch eine Fähre oder durch Kähne. In diesen beiden Fällen müßte selbstverständlich der Lahnübergang durch entsprechende Einrichtungen geregelt sein. Es kommt nun ferner ein Moment in Betracht, das abgesehen von dem Eisgang gerade für die nördliche Uebergangsstelle am Ende der Ederstraße eine der letztgenannten Einrichtungen in Betracht ziehen läßt. Es ist nämlich durchaus notwendig, um die Lahn für die Einwohnerschaft in höherem Maße wieder zu gewinnen, daß eine öjsentllche Einrichtung für Kahn- fahren und Rudern auf der Lahn getrofscn wird. Dem älteren Gießcncr Rudcrveroin, der aus der linken Sleite der Lahn in der Nähe des Lahnwchrs sein Heim hat, und dem jüngeren Ruder- Verein, ivclchcr aus der rechten Seite sein Bootshaus hat, gebührt unstreitig das Verdienst, trotz der geschilderten Entwickelung das Interesse am Wassersport ausrecht erhalten zu haben. Es ist selbstverständlich, daß der Schwerpunkt des Rudersports immer in diesen tätigen Vereinsorganisationen liegen wird, aber das Studium einer Reihe von anderen Städten, speziell auch in England, wo das Wassersahren eine außerordentlich weit verbreitete Volksgewohnheit ist, hat mich zur Ueberzeugung gebracht, daß die ausgezeichnete Gelegenheit, Rudersport zu treiben und dabei das prachtvolle Landschaftsbild von der Lahn aus zu genießen, in außerordentlich viel geringerem Grade benutzt wird, als dies im Interesse gerade der Volkshygiene zu wünschen ist. Zu gleicher Zeit betrachte ich cs sür eine Handlung richtiger Voraussicht, wenn die Stadt Gießen selbst von vornherein diese bessere Erschließung der Lahn sür diese Zwecke in die Hände nimmt, indem sic an depi Nordende der Stadt, wo sür diese Zwecke bessere Flutverhältnisse sind, an der bezeichneten Stelle ein städtisches Bootshaus schasst, bei welchem man sich einen Kahn leihen oder, wie das nach meinen Erkundigungen von verschiedenen Seiten geschehen würde, einen eigenen Kahn gegen eine bestimmte Gebühr cinstellen kann. Dieses städtische Bootshaus könnte mit einer einfachen Dienstwohnung sür einen der städtischen Angestellten z. B. einen Straßenwart verbunden werden, der zu gleicher Zeit die Oberaussicht sühren könnte, während ein anderer Angestellter das Verleihen der Boote usw. besorgen könnte. Ich habe im vorigen Som- tner bei einer Reise in England die Wasscrläuse bei den Universitäten Oxford und Cambridge gesehen und habe den geradezu außerordentlichen Bootsverkchr von seiten der Studenten und der weiteren Einwohnerschast dabei beobachtet. Es ist sicher, daß die Verhältnisse aus unserer Lahn an der bezeichneten Stelle viel günstiger sind als aus den genannten kleinen englischen Flüssen, daß seiner unser Landschastsbild unendlich viel schöner ist als das bei Oxford und Cambridge, während wir bisher diese außerordentlich günstigen natürlichen Bedingungen fast gar nicht benutzen. Wir müssen in diesem Punkt den eingeschränkten Zustand, in welchen wesentlich der Eisenbahndamm die Stadt Gießen versetzt hat, zu durchbrechen suchen und endlich die Lahn und alle die Möglichkeiten, die dieser Fluß bietet, wirklich zu gewinnen suchen. Ich habe schon vor längerer Zeit Herrn Oberbürgermeister Mecum aut die Notwendigkeit eines städtischen Bootshauses gesprächsweise hingewiesen und dabei seine Billigung gesunden, jedoch ohne daß die Unterredung zu irgend welchen weiteren Folgen geführt hat. Das weitere Studium der Frage Hat mich dann zu dem vorliegenden weitergehendcn Plan geführt, den ich nun weiter entwickeln will. Ist die Möglichkeit erst gegeben, die Lahn an dieser Stelle auf einer Holzbrücke, einer Fähre oder mit einem Kahn an dem eventuellen städtischen Bootshaus zu überaueren, so gelangt man nach dem Gelände- und Straßenplan an der rechten Lahnseite aus den Lehmkautenweg und den Weg, der nahe am Fluß durch die Wiesen an dem Bootshaus vorbei zu dem westlichen Ende der steinernen Lachnbrückc führt. Dieser Weg von 7>cm zukünftigen Lahnübergang müßte mit Bäumen bevslanzt werden, so daß man den Spaziergang später aus einer schattigen Allee zurücklegen könnte. 'Wir wenden uns nun zu dem Süden der Stadt und fragen, wo hier am besten der entsprechende Lahnübergang stattsinden könnte. Für dieses Gebiet habe ich infolge der Lage meiner Wohnung schon längst das Bedürfnis nach einem solchen llebcrgang empfunden und habe mir aus diesem Grunde früher einmal einen Kahn angeschasst und ihn in der txühercn klinischen Waschanstalt eingestellt. Das gleiche Bedürfnis haben sicher schon sehr viele im Süden der Stadt empfunden, und würden eine Fußgängerbrücke, die an dieser Stelle auch nicht durch Eisgang bedroht wäre, als außerordentliche Wohltat empfinden. Als Ausgangspunkt sür dieselbe kommt das in den bänden der Stadt besindliche früher Pascoschc Grundstück in Betracht, etwa- südlich des Gasthauses zur Lahnlust, von dessen Veranda über dem Fluß man einen vorzüglichen Ueberblick über die ganze Landschaft hat. Von hier könnte man dann sehr leicht die Gegend der Hardt und deS Windhofes »der auch am Schlochthof vorbei die steinerne Lahnbrücke erreichen. Ebenso wie nördlich der steinernen Brücke an den oben beschriebenen stellen müßten auch hier allmählich schattige Fußgängerwege gcschafsen werden. Es würde dadurch die Lahngegend tatsächlich nicht nur für Spaziergänger, sondern auch jür manche Berkchrsbedürsirtjlc zwischen dem Sudendc der Stadt und der Hcuchclheiiner Chaussee überhaupt erst erschlossen werden. Denkt man sich in dieser Weise die Lahn im Norde» und Süden der jetzigen einzigen Lahnbrücke in dieser Weise überbrückt und diese Stellen mit schattigen Fußwegen verbunden, so fehlt sür die Wiedcrgennnnung der Lahn noch eine im Laute der Zeit zu schattende Einrichtung, nämlich ein zentral gelegener Lahn park. Einen solchen hatte ich schon vor längerer Zctzt in einer anSsühr- lichcn Eingabe an Herrn Oberbürgermeister Mecum beantragt unter genauer Bezeichnung der betr. Stelle. Ich hatte damals das Wiesengeländc in der Lahnschleisc im Auge, welche dadurch entsteht, daß etwas südlich vom Elektrizitätswerk die Lahn einen scharfen Bogen nach links macht, bis sie dicht an dem steilen User die oftcnbae in ihrem Laus verlegte'Wiescck ausnimmt und sich nun wieder schart nach Süden wendet. Dieses zungcnsörmigc Stück, welches zum Teil im Besitze der Stadt, zum Teil in dem des Staates ist, schien mir sür eine einfache Anlage Mit Bäumen und Ruhebänken trotz des gelegentlichen Hochwassers sehr geeignet zu sein, da ich schon mchrsach in ebensalls nicht hochwassersreten Flußniederungen solche Anlagen gesehen habe, die säst das ganze Jahr der Bevölkerung in ausgezeichneter Weise als Park dienen, wenn sie auch gelegentlich sür kurze Zeit überschwemmt sind. Allerdings erschien es entschieden notwendig, diese eventuelle Lahn Parkanlage, die ja aut der rechten Serie der Lahn liegt, mit der Städlscitc durch eine öölzbrückc zu verbinden, die der erhöhter Lage des Geländes hinter der Güterhallc trevvcnartig von oben über die Lahn himoeg auf dieses Gelände zu hätte gelegt werden Essen. Technisch bietet dies durchaus keine Schwierigkeiten, nur ist zuzugeben, daß infolge der Absperrung durch die Bahnhoss- anlagc dieser Zugang nicht sehr bequem vom Zentrum der Stadt aus gewesen sein würde. Immerhin hätte diese Verwendung des Wicsengeländcs in der Lahnschleisc für eine einfache Parkanlage einen außerordentlichen Vorteil für die Gewinnung der Lahn bedeutet. Herr Oberbürgermeister Mecum bat mich damals, von der wcitcrcn Verfolgung dieses Plans bis aus weiteres Abstand zu nehmen, weil er bestimmte Absichten hatte, mit denen derselbe kollidierte. Ich habe dementsprechend damais den Antrag, der sich bei den Akten der Bürgermeisterei befinden muß, nicht lvleiter betrieben. Nachdem jedoch die mir von Herrn Oberbürgermeister Mc- cum mitgeteilten Gründe völlig gegenstandslos geworden sind, wobei ich über die Einzelheiten schweigen will, so habe ich nickst de» mindesten Grund mehr, von einer öffentlichen Erörterung dieses damaligen Planes, der mit meinem jetzigen Thema eng zusammenhängt, Abstand zu nehmen. Tcir einzigen Gegengrund, den ich jetzt noch anerkennen könnte, ist der einer möglicherweise kommrndeil L a h n k a n a l i s a t i o n. Ich bin jedoch überzeugt, daß diese Kanalisation, wenigstens soweit sie sich bis nach Gießen erstreckt, sür uns in sehr langer Zeit noch nicht in Betracht kommen wird, wobei ich auf das gewöhnliche Schicksal von Gießen, nicht genügend berücksichtigt zu werden, nicht weiter cingehen will. Jedenfalls kann man ruhig in der Lahusthlcisc vorläusig einige Bäume vilanzcn und einige Ruhebänke in diesem geradezu idyllischen Winkel am Fluß aufstcllen auf die Gefahr hin, daß sie ill 50 bis 100 Jahre» bei der großen Lahnkanalisation, die Gießen zu einer Binncnseestadt mackstn ioll, loiedcr lvcggerisscn werden müssen. Unterdessen könnten 2 bis 3 Generationen der Gießencr Bevölkerung hier ihre Freude haben. Das zweite Gebiet, toefchcs für die Anlagje eines zentral gelegenen Lohnparks in Betracht kommt, ist die sogenannte Insel, die sich zwischen her Lahn und der Südseite des Elektrizitätswerks und den, dortigen Mühlgraben befindet. Wer ienrals dieses Gebiet besucht hat, weiß, welche landschaftlichen Schönheiten gerate diese Stelle bietet, und mutz auss lebhafteste bedauern, daß infolge der Abtrennung der Stadt von der Lahn eine so günstige Gelegenheit, eine Lahnparkanlage zu schaffen, von der Stadt noch"nscht benutzt worden ist. Glücklicherweise befindet sich in diesem Falle, soviel ich weiß, fast das ganze Gelände in den Händen der Stadt Gießen, so daß ein Gcländeerwcrb nur in beschränktem Grade in Betracht käme. Auch an dieser Stelle ließe sich ein städtischer L a h n p a r k sehr leicht anlegen. Dieser wäre von der Wcstanlagc und der Bahnhosstraße durch die betr. Unterführungen und am Elektrizitätswerk vorbei sehr leicht zu erreichen und könnte zu einer wahren Quelle der Erholung für weite Kreise der Bevölkerung von Gießen werden. Denkt man sich die gemachten Vorschläge: Uebcrguerung der Lahn im Norden am Ende der Ederstraße, im Süden ungefähr in der Verlängerung der großen Eiscnbahnbrücke in der Achse der Klinikstraße, in Verbindung mit schatttgen Fußwegen, die von der Stelle dieser Ueberbrückungcn ausgehend das Gelände westlich der Lahn mit schattigen Fußgängerwege» durchkreuzen würden, ferner in Verbindung mit dem genannten Zentralpark an der Lahn, so würde dadurch trotz der Jahrzehnte langen Abschneidung der Stadt durch den Eisenbahndamm die Lahn wieder ein organischer Bestandteil der ganzen Stadtanlage werden, was meiner Ansicht für die ganze weitere Entwickelung von Gießen von außerordentlicher Bedeutung sein wird. Dabei lassen sich die genannten Wünsche mit relativ geringen Mitteln befriedigen und belasten die Stadt mit außerordentlich viel geringeren Kosten, als dies bisher bei viel weniger für die allgemeine Verschönerung der Stadt notwendigen Anlagen der Fall gewesen ist. Dabei lassen sich selbstverständlich die einzelnen Teile dieses ganzen Planes der Reihenfolge nach je nach den zur Verfügung stehenden Mitteln Herstellen. Nur muß von vornherein ein richtiger Gesamtvlan in dieser Beziehung ins Auge gefaßt werden. Die Bürgerschaft und die Stadtverwalttmg sür eine solche zusammenhängende Verbesserung und Ausgestaltung in der Verwendung der Lahn für die Stadt zu gewinnen, ist der Zweck dieses Vortrages. In der nun folgenden regen Aussprache macht Professor Freiherr von Liebig darauf aufmerksam, wie in München mit verhältnismäßig geringen Kosten durch Pri- vathilse der Bürgerschaft der Luitpoldpark geschaffen worden sei. Stadtverordneter Löber steht den Ausführungen des Vortragenden sehr sympathisch gegenüber und erblickt in den Vorschlägen einen Weg, dem so sehr in den Hintergrund gedrängten nördlichen Stadtteil etwas anfzuhel- sen. Brauereibesitzer Bichler weist auf die Städte Frei- sing und Kissingen hin, wo unter ähnlichen Verhältnissen Anlagen geschaffen wurden, die das Städtebild sehr zu ihrem Vorteil umgewandelt haben. Gehcinrerat Haikpt möchte nicht bloß die rechte Seite der Lahn, sondern auch das linke Ufer zugänglich gemacht haben, da hier durch Privatbesitz jeder Zugang versperrt werde. Auch sei es notwendig, die wilden Backsteinbrennereien mit chrem unangenehmen Geruch in Ringosenziegeleien umzuwandeln, worauf aber später geltend gemacht wird, daß nach Lage der Sache diese Backsteinbrennereien in absehbarer Zeit von selbst verschwinden würden. Geometer R e i tz macht aus die die Landwirtschaft schädigende Wirkung der anzupflati- zenden Bäume aufmerksam, sowie auf die durch den Ankauf des Geländes notwendigen Kosten. Geheimrat Sommer ist mit dem Verlauf der Aussprache sehr zufrieden und stellt fest, daß die aufgeworfenen Bedenken keineswegs mit seinen Ausführungen in Widerspruch stehen, sstach einigen zustimmenden Worten to Uurverlitätsprofessors I SKaudi und des Stabtt)crortxu'tcu Simon wird folgende Entschließung einstimmig angenontmen: Die Bürger der am heutigen Abend im Cgfe Ebel versammelten Bürgervcrsainmlung erklären sich in allen wesentlichen Punkten Mit den von Herrn Geheimrat Soininrr in seinem Bortrag „Die Gewinnung der Lahn sür die Stadt Gießen" gemachten Vorschlägen einverstanden und beauftragen Herrn Gel-eimrat Sommer, bei der Stadtverordnetenversammlung die entsprechenden An träge zu stellen. Mit Worten des Dankes schloß hierauf der Vorsitzende die Versammlung. flttf Stadt Mild Land« Gießen, 12. Juni 1914. ** Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen an Heinrich Baum b ach, Johann Georg Kraft, Otto Weiß, Karl W i e ß n e r, Louis Z e u n g e s, Friedrich S p a m e r, Heinrich Sparet I., sämtlich zu Schotten. ** Die Großh. Hessische Staatsschuldenverwaltung gibt bekannt: Die am 1. Juli 1914 fülligen Zinsen der in das Hessische S t a a t s s ch u l d b u ch eingetragenen Forderungen werden bei allen in Betracht kommenden Hessischen Kassen rmd bei den Rcichsbankanstalten vom 17 Juni ab gezahlt. Vom gleichen Tage ab wird die Staatsschuldenkasse die durch die Post oder durch Gutschrift auf Reichsbank-Girokonto zu berichtigenden Schuldbuchzinsen überweisen. ** D i e Eeplon-Ausstellung ist heute eröffnet worden. Es wird daraus auimerksam gemacht, daß Schulen unter Führung ihrer Lehrer' die Ausstellung bereits von 8 Uhr vormittags ab besuchen können. Die Besichtigung nimmt etwa eine Stunde in Anspruch. Um Uebersüllung an einzelnen Tagen zu vermeiden, wiöd gebeten, Schulklassen ein bis zwei Tage vorher bei der Verwaltung des Botanischen Gartens anzumelden. ** Engel in der Kunst. Wie man uns mittcilt, ist der Kartenverkauf für die am 20. und 21. Juni d. I. im hiesigen Stadltheater von den beiden hiesigen Frnucn-Kolo-< nial-Vereinen veranstalteten Wohltätigkeils - Aufführungen ,,Engel in der Kunst" sehr rege und cs empfiehlt sich sür Interessenten, sich bei der Porverkaufsstellc, Herrn Ernst Challier, hier rechtzeitig sür Karten zu sorgen. Die in Anbetracht des Gebotenen äußerst niedrig gestellten Eintrittspreise sollten namentlich auch die hiesigen Bürger- und weiteren Bolkskrcise veranlassen, sich diese einzig dastehende, in darstellerischer wie musikalischer Hinsicht hervorragende Ausführung anzuschen und dadurch auch ihren Teil zu den wohltätigen Werken der genannten Vereine, wie auch zu der Sammlung des Roten Kreuzes, bcizulragen. ** Ortskranken lasse Gießen-Stadt. Am Mittwoch abend fand im Saale des Postkeller die erste Ausschußsitzung der Krankenkasse statt. Rach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Bolz, wurden die Herren Cbr. Schmidt und Mann zu Beisitzern, Truckcreibesitzer Meher als Schriftführer für die Sitzung bestimmt. Als ständiger Vorsitzender des Ausschusses wurde Fabrikant Horst, als Urkundspersonen bei Laus von Grundstücken usw. Rechtsanwalt Raab und Ge- werkschastssekretär Mann gewählt. Bei der Beratung der K'rankenordnung rief besonders §1 derselben, wonach die Mitglieder vor Inanspruchnahme des Arztes einen Behandlungsschcin ihrer Ausbildung. 3»m Obmann de? Sliftiings- vorstandcs wurde Büraernieister Ritter bestimmt. — Der Tentsch- Amerikaner Christian Dahier, ein Sohn unserer Stadt, schenkte 4900 Alk. Es soll oavo» eine Badeanstalt angelegt werden. Dahier ist 1830 hier geboren, im Alter von 23 Jahren ging er »ach Amerika, wo er ans Seite» der Nordstaaten den Bürgerkrieg mitniachte. Kreis Friedbcrg. lr) Klein-Karbew, 11. Juni. Heute wurde der .19 jährige Taglöhner H. H. von Erlangen hier verhaftet, weil er seinem hiesigen Dienstherr» 200 Mk. gestohlen hat. Der Verdacht halte sich erst auf einen anderen jungen Mann von Klein-Karben gerichtet, aber durch eine Aeußerung des H. in einer Wirtschaft wurde man ans ihn aufmerksam, und als mau ihm den Diebstahl auf den Kopf zusagle, gab er die Tat auch zu. Von dem Geld waren noch 8 Mark vorhanden. Für ca. 100 Mk. hat er sich Kleider, Uhr und goldene Kekte gekauft, während er den übrigen Teil mit lüderlichen Frauenzimmern in Frankfurt verjubelte. H. wurde, da cs sich um Dicbstabl im wiederholten Rückfall handelt, in Untersuchungshaft ge- nonlmen. h. Dorn-Assenbeim, 11. Juni. Am Montag frühwurde, wie gemeldet, der hiesige Scksiiser Herrmann von einem Automobil übcriahrcn und schwer verletzt aus der Landstraße liegen gelassen. Ter gewissenlose Wagcnsührer wurde heute in der Person des Georg H o l z a v s e l vom Hanauer Automobildroschken-Ber- lcihgcschäst ermittelt. Starkenburg und Rheinhessen. rb. Tarm sta dt, 12. Jum. Die Zweite Kammer letzte heute die Anssvrackic über die nationale Einheitsschule sort. Als erster Redner sprach Abg. Bath, der in längeren Ausführungen seine Stellung zu den einzelnen Punkten kennMichnctc. Sic Sitzung iSucrt sort. d. Mainz, 10. Juni. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten kam eine Beschwerde der Installateur-Innung gegen das städtische Gaswerk zur Besprechung. Die Installateurs erhoben Protest gegen die Konkurrenz des Gaswerks. Die Be- sckwerde wurde von dem Dezernenten des Gaswerks eingehend widerlegt und für unbegründet erklärt. Die Versammlung ging über die Beschwerde zur Tagesordnung über. — Für die Straßenbahn linie vom Hauptbahnhos nach dem neuen .Krankenhanse wurden 160000 Mk. bewilligt und sür die Erneuerung der Gleisanlage aui dem Bisniarckplatz und Einbau eines zweiten Glejscs 20 370 Mk. genehmigt. — Dem Lustsahrerverein wurden zu den Kosten der kriegsmäßigen Ballonvcrsolgung am 13. Juni 2000 Mk. bewillig! gegen die Sozialdemokraten „ich einen Teil der Freisinnigen. Kreis Wetzlar. — Gleiberg, 11. Juni. Aus Einladung der sreiwillige» Feuerwehr von Krosdorf tagte am Sonntag aus der hiesigen Burg die diesjährig« Versammlung der freiw. Feuerwehren des Kreises Wetzlar. Der Versaininlung ging eine Hebung der Wehr von Kroldors voraus. Kreisbrandmeisler A l t h e >i erstattete den GeschästS- und Kastenbericht. Der nächste Bezirkstag wird in Naiiborn abgehalten. Hessen-Nassau. // Marburg, 11. Juni. Etwa 300 Angehörige des evangelischen Bundes in Wiesbaden besuchten hciitc unsere Stadt. Ihnen zu Ehren fand in der Elisahetbkirchc ein Gottes dienst und anschließend rm Rittersaal des Landgrasenschlosses eine Versammlung statt. Im Turncrgarten schloß sich geselliges Zusammensein an. m. Bad Wildun gen, 10. Juni. Die Einweihung der Waldecker Talsperre soll, wie bestimmt verlautet, Mitte August ds. Js. im Beisein des Kaisers, der um diese Zeit auf Schloß Wilhelmshöhc tvellen wird, erfolgen. Tie Arbeiten an der Sperrmauer sind soweit gediehen, daß der vorgenannte Zeitpunkt der Einweihung jedenfalls eingchaltcn werden kann. — In einem hiesigen größeren Hotel wurde durch Einsteigen in ein offenes Fenster einem Kurgast die Brieftasche mit 1000 Mark Inhalt aus dem Schlaszinnner gestohlen. Schwurgericht. th. Gießen, 11. Juni. Von der Brandstiftung fre i ge spr o ch e n. Heute verhandelte das Schwurgericht tagüber gegen den Bergmann Magel von Flensungen, der unter der Anklage stand, am 5. April d. Js., am Palmsonntag, an dem seiner Ehefrau gehörigen Anwesen einen Biandstiftungsvcrsuch unternommen zu haben. Die Anllagc vertrat Gcrichtsassessvr K n a u ß, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Tr. Ro sende rg Es waren ln der Verhandlung etwa 20 Zeugen und als medizinischer Sachverständiger Geh. Mcdizinalrat Dr. Habcrkorn zu hören. Der Angellagtc, der wiederlwtt vorbestraft ist, darunter verschiedene Mal wegen Körpcrvcrletzimg, ist .39 Jahre alt und zu Tolms-JIsdors als der Sohn eines Landwirts geboren. Er bestreitet drc ihm zur Last gelegte Tat. Die Verhandlung förderte ein überaus trübes Familicnbild zutage. Magcl sagt aus, daß er im Jahre 1905 feine Frau geheiratet habe, die damals 3 uneheliche Kinder hatte. Sie hat als Wirtschafterin mit einem alten Landwirt gelebt, der ihr eine Hofteite in Flensungen hinterließ. M. will von der Ehetrau nicht gut behandelt worden sein, sic sei ihm auch nicht treu gewesen und er habe sich infolgedessen dem Trünke ergeben. Bürgermeister Bräuning von Flensungen schildert, wie der Angeklagte zu der Frau gekommen. Es war im Dorfe ein ossenes Geheimnis, daß die Frau Magcl mit dem 69jährigen Landwirt R. im Konkubinat gelebt hat, daß dieser ihr die Hofteite, die sie mit in die Ehe gebracht bat. zwar ordnungsgemäß verkauft hat und den Emvsang des Kaufgeldes quittierte, daß aber der Kaufpreis nie bezahlt wurde. Der Angellagtc ist besonders IN landwirtschaftlichen Arbeiten sehr bewandert, hat zuletzt im Bergwerk gearbeitet, ist aber der steten Arbeit aus dem Wege gegangen. Es ist dem Bürgermeister zu Ohren gekommen, daß M. Frau und Kinder häusig mißhandelt har. Wer die Schuld daran trägt, daß in der Familie keine Ruhe und kein Frieden hcrrschie, kann der Bürgermeister nicht angebcn. Aus Betreiben der Ehefrau Magcl war über deren Mann die Winshaussperre verhängt. Er als Torsobcrhauvt hatte gegenüber den Eheleuten einen schweren Stand. Mitte Februar kam tue Frau zu ihm und bat, daß die Sperre über ihren Mann wieder zurückgenommen werde, sie wolle es noch einmal so mit ihm probieren. Aber kaum war ein dahingehender Antrag an das Kreisomt gerichtet, so wandte sich die Frau wieder an ihn mit der Bitte, die Sperre bestellen zu lassen. Aus Befragen erklärt der Zeuge, daß im Dorfe unter der Bevölkerung allgemein darüber gesprochen wird, daß Frau Magel auch während der Ehe sich mit anderen Männern abgegeben habe. Am l. April d. I. hatte sich der Anqe- llagte nach Lehnhckm abgemeldet, wo er angeblich eine Stelle bei einem Landwirt angenommen habe. Am Palmsonntag nachmittag wurde dem Bürgermeister gemeldet, in der Magelschcn Hofteite brenne es. Er hat sich sofort an Ort und Steile begeben. Die Nachbarn und ein Feuerwehrmann hatten den im Entstehen begriisenen Brand bereits mit einigen Eimern Wassern abgclöscht. In einem Ställchen war eine Matratze verkohlt, ln der Küche, deren Fußboden mit Steinen gedeckt ist, waren Kleidungsstücke der Frau Magel in Brand gesetzt. Es wurde im Torf vermutet, der Brand sei von Frau Magcl selbst angelegt worden. Er bat aber dagegen gesprochen, weil er nicht glauben konnte, daß eine Frau ihre eigenen Kleider in Flammen setze. Ter Bürgermeister ist der Ansicht, daß der Brand nicht nur den Gebäuden der Magelichcn Hofteite, sondern auch den Häusern der Nachbarn hätte Schaden bringen können, wenn er nicht rechtzeitig entdeckt worden wäre. In dem Stall lagen brennbare Stoffe genug. Der Raum, in däm die in Brand geletzte Matratze sich befand, war mit Holzknüppcln nach oben abgedcckt, darüber lagen Futter- Vorräte usw. Auch der Brand in der Küche konnte die Tür ergreifen und stand dann die Treppe in Gefahr, zu verbrennen. Das Wohnhaus ist aus Holzsachwerk hcrgestellt und nach einer Seite mit Brettern verschalt. Der Bürgermeister erllärtc, er traue dem Angrllagten zu, die Tat begangen zu haben, dieser hat ihm gegenüber einmal geäußert: „Wenn er aus dem Hause müsse, passiere etwas!" Vor Jahren brannte die Scheune van Magels Vater nieder. Der Angcllagte war damals unter dem Verdacht der Brandstiftung in Untersuchung gcnonnncn, doch wurde das Verfahren eingestellt. Trotzdem besteht im Torte die Ansicht, daß er damals dcni eigenen Vater die Scheune angezündet hat. Aus Befragen des Vorsitzenden erklärt der Bürgermeister, daß der Angeklagte schon als lediger Mann Alkoholiker gewesen sei. Man fürchtet ihn im Dorf. Richtig mag ja sein, daß esr in der Ehe keine Häuslichkeit gesunden: die Frau ist viel außerhalb des Hauses und hat für ihn schlecht gesorgt. Tic Ehefrau Minna Magel, belehrt, daß sie gegen den eigenen Mann jede Aussage verweigern kann, will Zeugnis ablegcn und wird unvereidet vernommen. Sie bekundet, daß ihr Mann nicht viel geschafft habe, dabei wollte er immer' gut essen und trinken und hat sic und die Kinder roh und gewalttätig behandelt. Ost mußten sie bei den Nachbarn Schutz suchen. Die Zeuglin erklärt, daß der Mann sic mü Sense und Apt bedroht hat, wegen einer an ihr verübten schweren Körperverletznng wurde der Ehemann vom Grünbcrgcr Schöffengericht mit Gefängnis bejtrast. Die Frau wollte von ihrem Manne los und versuchte es mit einer Scheidung. Der Vermittlung des tzleistlichcn aber gelang es stets, die beiden Leute beieinander zu halten. Die Zeugin gibt zu, daß sic die WirtshauSsperre über ihren Ehemann beim Kreisamt betrieben hat, daß es ihm aber doch gelang, Schnaps zu bekommen und daß er sie und die Kinder nun erst recht dpangsaliert habe. Mitte Februar ds. Js. sagte der Angcllagte seine Frau mit den Kindern znm Hanse hinaus, so daß diese in der Nachbarschast mehrere Wochen ein ltnterkommen suchen mußten. Während dieser Zeit veräußerte der Mann einen Teil des Hausrats und vertrank den Erlös. Er schlachtete die Hühner und jagte die Kuh nachts aus die Straße, so daß die Frau sie verkaufen mußte, Erst als Ende März der Mann das Haus verlassen hat, um in Lehnheim als Arbeiter cinzntreten, /ehrte sic mü den Kindern in ihr Haus zurück. Die Zeugin schildert wie am Palmsonntag ihr Mann mittags unvermutet ins Haus gekommen ist, sich an den Tisch geletzt bat. Ivo das Mittagessen sür die Familie bereit stand und daraus los aß. Er zog dann die Tischsckmbladc aus, nahm daraus ein Bündel Papiere und warf diese in den Ösen, lvoraus er sich entfernt hat. Nachmittags uni ‘M Uhr kam Magel in angetrunkenem Zustand in das Haus zurück. Die Frau die sich mit dem jüngsten Kinde aufs Bett gelegt hatte, sprang sosort aus und eilte davon. Daraus hat der Angetrunkene einen Arthetm ergriffen und ihr drohend nachgerusen: Du brauchst nicht sorlzulausen, du Iriegst dvin Teil doch, ich mack»: dich kalt, ich stecke dir das Haus anwic in Ilsdorf auch, ich habe keine Hütte, du brauchst auch keine usw. Die Zeugin bekundet weiter, daß darauf vor dem Hause ein lauter Wortwechsel zwischen ihr und dem Manne stattgcsunden. Die Zeugin schildert nun, wie sic die Brandstiftung bemerkt habe. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Roicnberg, richtet an die ZeMn die Frage, wer der Vater ihrer Kinder sei. Me erklärt, daß sie doch unkst hier sei, um darüber Auskunft zu geben, sondern über den Brand. Als sich die Zeugin aus Vorhalt weigert, die Frage zu beantworten, bemerkt Dr. Roicnberg den Geschworenen gegenüber, cs liege ihm daran,, zu zeigen, auf welcher sittlichen Stuft die Zeugin stehe. Der Vorsitzende, LandgerichtSrat Schmidt, beinerkt, daß die Zeugst» auf die Frage des Verteidigers unbedingl wahrheitsgetreue Antwort geben müsse, wenn dieser daraus beharre, daß aber schon die Auskunftsnerweiqerung der Frau genüge für' den Beweis, den der Verteidiger führen will. Die Eheleute Deubel, die in der Nachbarichasi wohmn, belasten in ihrer Aussage deir Angcllagte». Auch die weiter vernouenienen Zeugen ans der Nachbarscktast belasten teilweise den Angcllagte», doch hat niemand gesehen, daß er den Brand angelegt hat. — Landwirt Ed. Weib von Lchnheim ist der letzte Arbeitgeber des Angellagten gewesen, und stellt ihm ein gutes Zeugnis aus. Magcl habe ihm gegenüber geäußert, seine Frau verkehre mit anderen Männern. Der Zeuge behauvlet, vor einigen Jahren gelegentlich eines Pirschgangs durch den Wald dies selbst gesehen zu haben, und schildert aus Drängen des Vorsitzenden die Situation. Die Ehefrau Magcl bezeichnet diese Angaben als unwahr, und lvcist daraus Hill, daß sic mit dem Vater des Zeugen einen Prozeß wegen des Besitzes ihrer Hofteite geführt habe. Der Zeuge Wcitz bleibt bei seinen Aussagen. Auch die meisten der übrigen Zeugen äußern sich ungünstig über den Angellagten. Aus Antrag des Vertreters der Anlloge wird aus den Vor- strasokten sestgeftellt, daß der Angcllagte durch seine Ehefrau vor mehreren Jahren angezeigt worden ist, sich gegen die damals sechsjährige Tochter in strasbarcr Weise vergangen zu haben. Tie Frau hat ihre Beschlftigung in einem Protokoll abgeschwächt, teilweise sogar zurückgenommen, so daß einer Anklage der Boden entzogen war. Ferner wird sestgestellt, daß Magel viermal wegen Körperverletzung, darunter auch elnmftl gegen den eigenen Vater vorbestraft ist. Als Sachverständiger erllärt Geh. Medizinalrat Dr. Habcrkorn den Angellagten weder sür geistesgestört noch sür schwachsinnig. Magel sei etwas beschränll und nichlt so veranlagt »sie ein vollkommen normaler Mensch, was bei der Sirafzumeffung berücksichtigt werden muß. Die an die Geschworenen gerichtete einzige Schuldfrage lautet i aus versuchte Inbrandsetzung eines von Menschen bewohnten Hauses. Gerichtsasseftör K n a u ß weist zunächst auf das traurige Familienbild hin, welches die Verhandlung vor den Geschworenen entrollt habe geht dann aus die rechtliche Seite der Schuld ein. Er bemerkt, daß das Gesetz für Brandstiftung keine mildernden Umstände kennt, daß aber nur ein Versuch des Verbrechens vorlicgt, wofür die geringste Strafe 3 Monate Zuchthaus also 6 Monate Gk- sängnis /.ft. Wenn die Geschworenen die Schuldftage bejahen, was geschehen muß. so hat es der Gerichtshof in der Hand, auf eine angemessene Strafe zu erkennen. Ter Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Rosenberg weist darauf hin, daß der Staatsanwalt eingehend das Vorleben des Angeklagten geschildert hat, während er über die Hauptbelastungs- zcugen nur wenig gesagt habe. Der Verteidiger geht dann aus diese Dinge näher ein und kommt zu dem Schluß, daß sich manches, was die Zeugen hier gesagt haben, ganz anders crlläre, als es der Staatsanwalt ausfaßt. Es bleiben bei dem 'Brande verschiedene Möglichkeiten bestehen, welche die Geschworenen zu berücksichtigen haben. Vor allem lei nicht nachgewiescn, daß M. wirklich der Täter sei. Zudem sei nicht dargclan, daß der Täter erkannt habe, daß er damit das Gebäude und die Nachbarschaft gefährde. Es könne vielleicht nur darauf abgesehen sein, eine einfache Sachbeschädigung zu begehen, wegen der aber eine Frage an die Geschworenen nicht gestellt werden kann, weil hierzu ein Strafantrag des Sacheigentümers vorliegen muß. Der Verteidiger beantragt Freisprechung des Angellagten. Nach längerer Beratung verkündet der Obmann, Professor Freiherr Dl. v. Liebig. den Spruch der Geschworenen, der aus nichtschuldig lautet, worauf der Gerichtshof auf Freisprechung erkennt. \ Unwetter. In zahlreichen Gegenden Oberhessens gingen gestern nachmittag schwere Gewitter nieder, die teilweise von Hagel begleitet waren und vielsach großen Schoden anrieh- teten. -soweit uns bis jetzt bekannt geworden ist, sind Menschenleben glücklicherweise nicht zu beklagen, dangen hak der Blitz mehrfach, gezündet und starke Feuersbrünste entsacht Auch durch die Wassermassen wurden an manchen Orten erheblicher Schoden angerichtet, da die Felder vielfach überschwemmt und die neuen Anpflanzungen von Dicklvurz u. a. teilweise weygespült wurden. Bisher haben lvir folgende Nachrichten erhalten: — Weitcrshain, 11. Jum. Heute Nachmittag wurde unser Ort von einem furchtbaren Unwetter heimgesucht. Nach starkem Hagel setzte ein wolkenbruchartiger Rogen ein. Ans vielen Ställen konmc man nur mit Mühe das Vieh retten. Aus dem oberen Ohmtal, 1l. Juni. Heute nachmittag gegen 5 Uhr ging hier ein schweres Gewitter nieder. In ganz kurzer Zeit standen die Wege und Straßen unter Wasser. V Alsfc [b, 11 . Juni. Heute wurde unsere Stadt und Umgegend von einem wolkcnbrucharttgen Regen begleitenden Gewitter heim gesucht. Das Unwetter begann zwischen 3 und 4 Uhr und erreichte gegen >/-6 Uhr seinen Höhcvunkt. Tie Wassermcngen suchten sich ihren Lauf in Hausgängen, Kellern usw. und richteten großen Schaden an. Im fteien Felde gleichen leilwcisc Gärten, Accker und Wiesen vollständigen Seen. R. Bobcnbauscn, 11. Juni. Während eines Gewitters, das heute nachmittag gegen 5 Uhr über unsere Gegend zog, ging ein schwerer Wolkcnbruch nieder. Tic Ortsstraße bildete vollständig einen See. Aecker und Wiesen sind überschwemmt. Teilweise ist die Aussaat aus den Acckern vollständig vernichtet. Im benachbarten Höckersdvrs wurde ein Milchnmgcn auf der Straße vom Wasser sortgerissen. sl Marbuig.il. Juni. Heute nachmittag gegen 4 Uhr entlud sich übr Marburg und Umgebung ein Unwetter, dos großen Schaden anrichtctc. Uebcr eine halbe Stunde lang folgte ein Blitz dem anderen und gewaltige Wassermassen durchfluteten die Straßen. Unterbrochen wurde der Regen auch strickpveift durck, Hagelschlag. Wie sich später herausstellte, hat es in der Stadt etwa zehnmal, allerdings ohne zu zünden, eingeschlagen. Viele Telephon- und Tclegraphcnlcitungen sind zerstört. Auch in per Umgegend soll das Unwetter sehr gehaust haben. In einigen Orten, z. B. im Ebsdorfer Grund, mußte das Vieh aus den Ställen gebracht werden, cs soll auch Vieh ertrunken sein, 4t Kirchhain, 11. Juni. Heute nachmittag zwischen >/>5 und V 26 Uhr ging über die Gcgcird her Kirchhain ein schweres Gewitter mit wolkenbrucharttgrm Regen nieder. Die Feldwege und die Aecker und Wiesen standen unter Wasser. ■(3) Franken b erg, l l. Juni. Vergangene Nacht wütete im Nachbarorte RennertchauscnGroßfeuer, daS das Anwesen des Großhändlers Lindheim, sowie eine dem Ockonom Battenfeld gehörige Scheune vollständig cin- äschcr te. _ Bekanntmachung. Bctr.: Feldbereiwlgnng in der Gemarkung Untcr-Widdcrheim. In der Zeit vom 16. bis einschl. 29. Juni 1914 liegt auf dem ^kmtszimmer Grvßh. Bürgenneistcrci Unter-Widdcrsherm das Verzeichnis der neuen Unterpfänder nach Fortführung auf den neuesten Stand zur Einficklt der Beteiligten offen. Einwendungen hiergegen sind bei Meidling des Ausschlusses innerhalb der obengenannten Offenlegungsftist schriftlich bei Gevßb. Bürgermeisterei Untcr-Widdcrshcim vorzichttngcn und zu begründen. Büdingen, den 9. Juni 1914. Der Großh. Feldbcreinigungskomuiissär. Dr. Goe r tz, Krersaimmaiui. Der staunend billige Verkauf infolge baulicher Veränderung lto! 7077a G.W.SchneiderNchf., Marktstr.30 bietet Ihnen in Preis, Auswahl und Qualität eine ausnahmsweis günstige Gelegenheit! Bekanntmachung. Wettbewerb jur ßrlonpitü von Plönei über Die KinriAiiiiz der ölten Klinik |iir Zivclkc der städtischen Perinnttunli. Das Preisgericht hat einstimmig beschlossen: einen Preis von 600 Mk. dem Entwurf 3, Kennwort: „Barbara". Berfasier: Karl Schön, Rcgierungsbau meister a. D., trieften, einen Preis von 500 Mk. dem Entwurf 10, Kennwort: „Provisorium", Verfasser: Architekt H.t^arnon, Gienen, einen Preis von 500 Mk. dem Entwurf 13, Kennwort: „Alte Räume, neue Bezeichnungen", Verfasser: Architekt Hans Meyer. Gienen, einen Preis von 400 Mk. dem Entwurf 6, Kennwort: „Achte das Alter", Verfasser: Georg Mohr, Giehen, zuzuerkennen. Die eingegangenen 14 Entwürfe werden vom 13. bis einschttehlich 15. d. M. (Samstag, Sonntag und Montag» vormittags 8 bis 12 und nachmittags 2 bis 6 Uhr in dem Stadtverordnetcnsaal öffentlich ausgestellt. Die Verfasser der nicht preisgekrönten Entwürfe werden gebeten, die Entivürse nebst eiucin Urteil des Preisgerichts bis spätestens 20. ds. Mts. abholen zu lassen, nndernialls ich ihr Einverständnis vorausfetze, das; der beigeschlossene Briefumschlag geöffnet und die Entwürfe zurückgesandl werden. Für die Beteiligung am Wettbewerb sage ich allen Verfassern verbindlichsten Dank. Metzen, 11. Juni 1914. Der Oberbürgermeister. 7082B Keller. Pilo ist des Leders beste Nahrung, schönste Kleidung. _> Oliener Brief an alle Damen von Giessen. Wir teilen Ihnen hierdurch ergebenst mit, dass die Firma 4. II. Fuhr den Alleinverkauf der neuen konkurrenzlosen und praktischen Haarnetze und Haarbinder übernommen hat. Ein Versuch wird Sie überzeugen, dass Sie mit Femina-Haarnetze und Haarbinder Geld. Mühe, und Aerger sparen. Bitte probieren Sie es. Hochachtungsvoll 6903 „FFiüIItf A“. Alleinige Verkaufsstelle: J. H. Fuhr. In unserer Spezial abteiiung für werden alle verkommenden Reparaturen an Kleidungsstücken, Uniformen, Gardinen Gobelins, Wollsachen, Teppichen, Decken Markiesen nsw. 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