Samstag, drn 2. November Der endlose Weg. Roman aus Sibirien. Von I. Oxenham. Autorisiert — Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Ja., das ist schade," lächelte Stepan. „Ich wünschte, ich wäre früher gekommen Aber vielleicht hole ich den großen Paschkin und seine Leute ein" „— um mit ihnen zu sterben!! Nun, das ist immerhin besser, als mutterseelenallein in den Tod zu gehen. Du bist ein Narr, darin, und ich habe gute Lust, meine Gesellen zu rufen und dich mit Gewalt zurückzuhalten." Step an lächelte. „— ah! Hörst du, wie es draußen tobt! Willst du mir nun glaubend rief er, während Stepan in seinen warmen Schaffellmantel schliipfte und der Türe zuschritt. . Draußen wütete der Schneestnrm — der Wind war umgesprungen und fegte nun nrit ungeheurer Schnelligkeit Uber die Steppe hin. Das starke Gebälk des Hauses erzitterte unter seiner Gewalt. Riesige Schneeflocken wirbelten mit sonderbar zischendem Geräusch dahin und Stepans Pferde waren schon über rmd über mit Schnee bedeckt. Sie ließen die Köpfe hängen und sahen sich mit angstvollen Augen um, als er in den Schlitten sprang. „Du wagst es also, darin?" schrie der Wirt. „Ja!" Und der Schlitten sattste davon. „Was geht es mich an, schließlich!" brummte der Wirt. „Was schadet es auch, wenn ein Narr weniger auf der Welt ist!" fügte er philosophisch hinzti. , 17 . Go uverue.ur Paschkin und der Schmied Stepan Ilene kämpfen im S ch n e e ft u r m S e i t e a n S e i t e ; mit einem Rudel hungriger Wölfe. Zwei Stunden Vorsprung nur! Was kümmerten ihn Sturm und Schnee und alle hungrigen Steppentenfel und Wolfsbestieu, solange nur zwei Stunden ihn von Paschkin trennten! In ihm nagte ein Etwas, das hungriger war als Steppe und Wolf... Neben ihm lag seine Flinte, sorgfältig vor der Näffe geschützt durch ein Fell, und der Speer. An seinem Gürtel hing die Axt. Dann und wann tastete er liebevoll ihren Stiel entlang und befühlte die messerscharfe Schneide. Zwei Stunden nur — zwei Stunden. Die Straße über die große Steppe war kaum zu verfehlen; denn Stangen, in regelmäßigen Zwischenräumen eingesteckt, markierten sie, und diese ungeheuren Stangen — nein, tote Bäume waren es, mit dichtem, schneebedecktem Geäst — wiesen unfehlbar den Weg selbst im Schneesturm, 4 der den Gesichtskreis ans wenige Meter, beschränkte. So schien cs wenigstens Stepan. Doch er irrte sich. Noch war er nicht eine Stunde unterwegs, als es ihm schon fast unmöglich wurde, in dem wirbelnden Weiß überhaupt etwas zu erkennen. Das Auge verlor seine Aufnahmefähigkeit. Die riesigen Wegweiser wurden zu kaum erkennbaren dünnen weißen Linien. Die Pferde jagten blindlings vorwärts in mühsamem Galapp, zu immer neuer Anstrengung auf- gestachelt durch schonungslose Peitschenhiebe. Ihr Lenker saß steif da, mit starrem Gesicht, und mühte sich krampfhaft) in dem Toben um ihn her die Dinge und Wegmarken zu erkennen. Ihm schien es, als stürze aus diesem schwarzen Himmel eine neue Sintflut hernieder — eine Sintflut von Schnee. Doch es kümmerte ihn nicht. Ihm war nur wichtig, ob seine Pferde die ungeheuerlichen Strapazen aushalten würden... Immer furchtbarer wurde das Unwetter. Der heulende Sturm peitschte ihm die Schneekristalle mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß er die Augen schließen mußte, und nur dann und wann aus halbgeöffneten Lidern um sich blinzeln konnte. Dabei war jeder Nerv in ihm angespannt. Irgendwo in der Nähe mußte Paschkin sein! Cs schien ihm möglich, ja wahrscheinlich, daß Paschkin umgekehrt war, als der Schneestnrm mit voller Gewalt einsetzte. Er mußte umgekehrt fein! Kein Mann, dem noch am Leben lag, konnte eigensinnig genug sein, diesem Unwetter trotzen zu wollen! Jeden Augenblick konnten die Schlitten, des Gouverneurs hx dem Wirrwarr von Sturm uud Schnee auftauchen. So peitschte Stepan erbarmungslos auf die Pferde ein und spähte angstvoll in das Tosen hinaus.... Plötzlich schrie er laut auf. In das Heulen des Sturmes mischte sich, kaum hörbar zuerst, leises metallisches Klingen tvie von Schlittenglocken, und Stepan duckte sich zusammen wie ein zum Sprung bereites wildes Tier. Lauter wurde das Klingen. Er zügelte die Pferde ein und starrte um sich — und urplötzlich tauchte, fast dicht neben ihm, in dem sturm gepeitschte« Weiß ein Schlittengeführt auf. „Exzellenz!" schrie jemand. „Er ist es nicht!" brüllte eine andere Stimme. „Halte — du dort!!" Drei Männer saßen iu dem Schlitten — ein Kutscher und zwei Kosaken. Ihre drei Pferde waren fast am End« ihrer Kräfte und stolperten bei jedem Schritt. Stepan starrte sie an. Ohne Zweifel mußten das die Begleitkosaken seines Feindes sein. Wo aber war Paschkin! Wo — war — Paschkin ? Alle drei Männer schrien gleichzeitig in furchtbarer Angst und Erregung aus ihn ein — 1 „Wir sind verirrt.. „Wo ist Osten und wo ist Westen, lim aller Heiligen willen?" „Sind wir auf dem Weg nach der Station zurück?" „Manu — antworte — wo sind wir — hast du die Exzellenz gesehen — einen kaiserlichen Schlitten — Erzellenz Paschkin wir sind von ihm getrennt worden im Sturm." Stepan starrte sie cm» 346 bei Gott, antworte, verfluchter Hund, oder —^ " Md einer der Kosaken riß eine Pistole hervor. -La lachte Stepan gellend auf und peitschte wütend auf feine Pferde ein. Er hatte -kein einziges Wort gesprochen. Der Knall eines Schusses erdröhnte, doch die Kugel pftss harm- los an seinem Kopf vorbei, und er war schon längst, rn dem Lobenden Weiß verschwunden, als der zweite Kosak fernen Karabiner in Anschlag brachte- „Mögen Gott und alle .Heiligen uns schützen!" rws der Mann, die Waffe sinken lassend. „Das war kein Mensch ! Das war der Teufel!" , „ . ,, „Er sah aus iute ein Mensch. — der verdammte Hund," fluchte sein Kamerad. . ,. w „Nein —' wie ein Teufel! Ich habe chm m bte Augen gesehen, Bruder. Es war der Teufel!!" .... Hätten Stepans arme Pferde denken können, so würden auch sie's vielleicht gedacht haben, daß der Teufel selbst es sei, der ihnen heute im Nacken sitze, denn unablässig klatschten wütende Peitschenhiebe auf ihre blutenden Rücken Nieder, bis sie wie toll vorwärts rasten, ihre Müdigkeit vergessend über den Schmerzen. Auch den Mann, der die Peitsche schwang, schmerzte jeder Schlag — ihn, der all sein Leben lang gut und weichherzig allen stummen Geschöpfen gegenüber gewesen war —- doch in seinem Hirn hatte in oiesen Minuten nur eilt einziger Gedanke Raum: Irgendwo da draußen im Weiß war Puschkin. Er fieberte in der Eises- Wte. Seine Augen glühten. Immer weiter raste er. Eine Stunde lang. Zwei Stunden lang. Da hörte wie mit einem Schlag das Tosen des Stur- mes auf, wenn auch die Schneeflocken noch in dichten Wolken herab rieselten, und sein Gesichtskreis erweiterte sich bedeutend. Die Pferde jagten noch schneller vorwärts, als hätten sie neue Hoffnung geschöpft, und ihr Lenker beugte sich wert vor, krampfhaft hinausstarrend in die Schnee- wüste. Auf einmal fing sein Ohr einen langhingezogenen Ton auf, der weder klingenden Schlittenglocken noch dahnr- pfeifendem Wind im geringsten ähnlich klang — ah, wie gut er diesen Ton kannte! — diesen heulenden Ton, der dumpf begann, um sich zu einem immer schrilleren Gellen zu steigern. Gekläff dazwischen. Kurzes markerschütterndes Aufheulen! Das waren Wölfe, und Wölfe, die ihr Wild gestellt hatten und sich um die Beute stritten — kein Rudel auf langer Jagd oder einsame hungrige Herumtreiber; nein, Wölfe im Kamps... ■ _ „Paschktn!" murmelte Stepan vor sich hin. „Mein Gott, Paschkin ~ J ‘ Mein Gott, wenn die Wölfe ihm zuvorgekommen waren und wenn Teufel Puschkin ihm entgehen würde nach all den langen Jahren! Einen Augenblick lang noch horchteer — ha >-- ein Dröhnen, ein Knall — Schüsse... Ah, wenn Puschkin es war, so lebte Puschkin noch, Gott sei Dank! Wieder raste die Peitsche auf seine Gäule nieder und wie toll jagten sie vorwärts, um sich auf einmal entsetzt aufzubäumen, denn sie witterten das Verderben. Dunkle Ge- t alten lösten sich aus dem Weiß. Ein Schlitten stand dort n Schnee inmitten einer wilden Kampfszene. Zwei Pferde bäumten sich und schlugen und bissen um sich, während an dem dritten Pferd, das gesttirzt war, ein Dutzend hungriger Bestten zerrten und rissen. Andere Wölfe umtobten den Schlitten, in dem ein Mann in Pelzen stand, der sich mit der Linken krampfhaft an die Schlittenbrüstung krallte und mit dem Degen in der Rechten sich geschickt und kaltblütig gegen die anspringjenden Wölfe verteidigte. Der Kutscher auf dem Bock hockte zusammengekauert da, ein Bild der Furcht, zu entsetzt, um seinen kurzen Hirschfänger wirkungsvoll zu gebrauchen. Das alles sah Stepan Jline mtt einem einzigen Blick, als er heransauste. Sein Schlitten rannte ein halbes Dutzend der Bestten über den Haufen und er mußte mit Riesenkräften in die Zügel reißen, bis es ihm gelang, die Pferde zum Stehen zu bringen. Er sprang herab, riß die Axt aus dem Gürtel und rannte zu der Stelle des Kampfes zurück, schreiend, ohne daß er es wußte — ein Toller, ein Wahnsinnigjer . . . Den ersten Wolf, der an ihm emporsprang, stieß er mit einem gewaltigen Fußtritt beiseite, daß das Tier heulend vor Schmerz über den Schnee kollerte — dem zweiten schlug er mit der Axt den Schädel ein. Endlich hatte er den Schlitten erreicht, sprang hinein, und beugte sich vor, bis fein Gesicht dasjenige des Mannes irn Pelz fast berührte =3 „Bist du Paschnn?" brüllte er. Unwillkürlich wandte der Mann ihm sein Gesicht einen Augenblick lang zu und Stepan Jline schrie laut auf — ah, es — war — Paschkin. . . Paschkin so bedrängt von den Wölfen, daß er dem neuen Kämpfer nur kurz zunicken und ihm mit einer Bewegung der Hand, die den Degen führte, einen Kampfplatz an seiner Seite anweisen konnte. Stepan Jline aber jubelte gellend auf und sprang mit einem gewaltigen Satz an dem Gouverneur vorbei aus dem Schlitten. Mitten unter die Wölfe stürzte er sich und ließ die hoch- geschwungene Axt auf Leiber und Schädel niederdröhnen — wehe der Bestie, die den Mann aupacken wollte, dessen Leben ihm gehörte! Sollte ein Pack von Wölfen ihn nun nach all diesen Jahren um seine Beute betrügen! Nach sieben Jahren des Wartens! . Sausende Kreise beschrieb unaufhörlich die blinkende Axt und die Wvlfsleiber häuften sich am Rande dieses Todeskreises und die hungrigen Bestien fltichteten heulend vor diesem furchtbaren Mann und seiner furchtbaren Waffe, um sich von neuem auf Pferde und Schlitten zu stürzen. Aber Stepan Jline war wieder der tobende Berserker der Paßstraße geworden: noch tobsüchtiger, noch blutdürstiger, noch fürchterlicher als damals in dem Kampf für Weib und Kinder. Das Blut kochte ihm in den dldern und wilde Schauer rannen ihm durch Rücken und Schenkel, während er umherstampfte, brülleno wie ein Besessener, und rechts und links auf zuckende Wvlfsleiber einhieb und die Bestien, die an ihm emporsprang, abschüttelte, als seien es Kätzchen. Er stemmte sich gegen die Seite des Schlittens. Solange das schwere, blitzende Stück Stahl am langen Stiel in seiner Hand sich unaufhörlich hob und senkte und in blutendes Fleisch und knirschende Knochen fuhr, vergaß er fast, daß Leusel Paschkin es war, neben dem er kämpfte. Er stählte nur, daß er den Tod in seinen Fäusten schwang. Er hörte nichts als Molfsgeheul, er sah nichts als Wölfe, er dachte an nichts als an die Bestien nrit ihren blutigere Lefzen und den Augen, die wie glimmende Kohlen glühten, und freute sich über nichts als das Todesgewinsel der Steppenteufel, wenn seine Axt sie mordete. An die Kehle sprangen sie ihni, die Bestien mit den gefletschten Zähnen und den kratzenden Krallen und den Mvrd- augen, die bald rot wie Feuer glühten, bald in grellem Grün aufschimmerten — die hungrigen Teufel der Steppe, die verzweifelter, gieriger, mutiger um die Beute kämpfen als irgend ein anderes wildes Tier — würdige Gegner wahrlich eines Berserkers. Stepan Jline lachte laut auf, wenn er die Axt kürzer faßte und sie krachend auf die Schädel niedev- sausen ließ mitten zwischen die bösen Augen mit ihrem Rot und Grün. Wie er sie haßte — ihren stinkenden Atem — ihre stinkenden Körper — die kratzenden Krallen — die schmutziggelben Zähne . . . Und immer wieder hob und senkte sich die Axt und immer wieder brüllte der Mann, der sie führte, in gellendem Jubel, in wilder Lust. „Mann — wir fangen an, Lust zu bekommen," schrie Paschkin triumphie rend. Die Seite des Schlittens war von Wölfen gesäubert, denn Jline und Paschkin und der Kutscher zusammen hatten fast zwanzig der Bestien schon getötet. Ein Dutzend Wölfe wühlten in den Eingeweiden des gefallenen Pferdes, sich beißend und zankend; andere sprangen gierig am Kutschersitz empor; andere wieder schlichen sich schlau auf die rechte Seite des Schlittens, um dem Mann im'Pelz in den Rücken zu kommen. Schon war es einem Wolf gelungen, in den Schlitten zu klettern und sich in Paschkins Pelz zu verbeißen, als Stepan herbeisprang und mit einem gewaltigen Hieb dem Tiere den Schädel zerschmetterte. Wütend schlug er um sich und rechts und links brachen die Bestien zusammen, in den Rachen noch das warme Fleisch des gestürzten Pferdes . . . , (Schluß folgt.) v f ' * f Der kritischste Augenblick. Bon Alfred Bratt. f. ( " „Wann gehis wieder los ?" fragte Zecco. , * > Ter Komi Zecc-o und der Hnngerkünstler Henry standen hinket der Portiere des Stalleinganges, der am anderen Erde in die Manege des Riesen-Wanderzirkns Barrmm mrd Bayly mündete? Bon draußen tonte ein aufreizend lang gedehnter Walzer, und ivenNl einer der Stallknechte im Vorbeigehen die Portiere ein memg ansflattern ließ, drang eine stärkere Mnsikwelle zugleich mit einem 347 Schinüner Mudierrder Lichtkegel mrd der iwtoimiöt Luft des mr geheurer, von zahlkoseu Menschen erfüllten Raumesi m die halb- bomfte Ecke. ' ^ t Es war mitten wahres der Märregevorführnn gen, der dre Besichtigung der Raritäten vorausgingi. , Draußen — über dem Rund der geharkten Manege ■— flogen die „Sechs Schüvesstru der Lust" in -ehn Meter Höhe von einem schwingenden Trapez zum andern. ^ Der Klown Zecw war „in vollem Kriegsschmuck". wie er ut humoristischen Augenblicken zu sagen Pflegte. Tie Schnrinke glänzte auf seinen Backen, die vom vielen Ausblähen well geworden waren. Er hielt die Reifen in der Hand und blinzelte mit einem Auge seinem Hnirde zu. Jir fünf Minuten, wenn die fliegenden Schtvestern den Todessprung erledigt hatten, kanr seine Num'Mer an die Reihe. Henri) war in „Zivil". Er hatte die Hände in die Taschen des lbeberziechers geschoben, der seine dürre Gestalt umschlotterte. Tie Beine gekreuzt, stand er lässig da, eine rricht brennende Zigarette zwischen den nervösen Lippen. Er war frei in diesen Tagen. Aoer Wie alle Arttsteir trieb es ihn trotzdem zu eiuem wenigstens kurzen Bestich in den Zirkusrärmren. Austcrdein befand sich! unter oerr von Trapez zu Trapez schvebenden Damen seine Frau Fleurette. „Wann gehsts wieder.los?" wiederholte Zecco. . Henry schob die 'Zigarette von ei nenn Mundwinkel xm den iarrdern. „Ueberrnvrgen". erwiderte er. „Tiesntal gehe ich für neun Tage in das 'Glashaus. Ick) will versuchen, meinen ngenenl Hrrnger-Rekord um einen Tag zrr schlagen." Zecco iviegst den breiten Kopf, ioahrerst, er dem unruhigen Hund einen siemrdschaftlichen Tritt gab. „Warum"? „Erstens gibt's GagenerhöhUrrg. .loenn ich durchyakte. Und »werttns hat rnan doch seinen Ehrgeiz, nicht wahr?" „Ten verlernt man.mit der Zeit, mlein Junge. Aber werm Uran eine Frau hat wie Fleurette, trotz ihres hohen Emkommens, darru karru man die Gagenerhöhuirg allerdings gebrauchen." Er brach ab. Beide Mämrer richteten sich unwillkürlich straffer, während sie lauschten. Die IRusik hatte ausgesetzt. Tie Hauptvor- führirng der sechs Schwestern, die mit denr Todessprung ab schloß, hatte begonnen. Jetzt spielten die Geigen rvieder; aber ganz, ganz leise '„In drei .Mnnten kommt der kritischste Augenblick." sagte Zecco.» „Daß Tu dabei so ruhig bleiben kannst . . ." Henry hob die eckigen Schultern. „Sie hat der: Trick m gut heraus; ich weiß, daß ihr nichts geschehe,r kann, lind auMrdem ich habe den kritischsten Augenblick mit Fleurette schon butter mrr. „Und wann wäre chas gewesen?" ^ , , „Bor einem Jahr ungefähr. Ernen MMrat nach unserer ^ Die Geigen draußen wiederholten beharrlich immer dasselbe süße Vdotiv. ^ Zecco lchitte sich Mrück: ..Erzähle. „ „Ich war irrsinnlich verliebt — natürlich. gab damals meine erste große Produktiv als HungerkünUer. Acht Tage ohne Essen und Trinken im Glashaus eingesperrt — das hatte noch sturer ineinex Kollegen fertig gebracht. Es handelte sich i« daber um Me Nötigm Gelder für meinen neuen Haushalt. Wenn es gelang, sollte ich'nämlich zum ersten Mal Stargage esthalten. Außerdem' war da Noch eine Wette. Tie Ankündigungen, inden Zeitungen hatten vrel Aussehen gern acht, und ein reicher Kaufherr von Boston — dort nrfr gwctfcc — ’vucttctc fünftemfcitb Softer, bciB inj niiujt anshalten würde." — und?" , , "Ich saß bereits den achten. Tag im Glashaus. Die einzige Tiir"plombiert, Tn imißt sckMr. Ich gestehe: ich war rasend verliebt in Fleurette. Nervös wegen der Trennung, trotzdem sie alle ixten? ©hmfocit tiür bet§ Wetshrns fönt, ich beittc ein eit eifersüchtigen Verdacht. Ich hatte das GestM, daß der neue Ober- stallmeister nrn Fleurette heruinschlich, na, und da ist inan natür- ' DenN) Oso^ vergeblich an der feuestlosen Zigarette.'Dann strhr ^ ivar drei Uhr nachmittags. Die Raritäten-Wteilum, war leer; Tir. weißt 'ja, daß der Einlaß gewöhnlich unr Fünf beginnt. Um Acht sollte vor versammeltem Publikum meme Befteruus ftattstndcn. Mir ivar bereits schwach germg zu Mute, trotz allein Training - das kannst Tn rnir glauben. Aher rch wußte: noch wer Stunden — dann waren die Stargage und Me fünftausend Dollar gewoiineil > Mo ich lag da, auf dem Feldbett in deni verdanMllen Glaskasten, und versuchte M schlafen. Da kommen aus dem Garderoben- raum zwn Gestalten. Ein Mann und erne Frau. Sie btteben ziemlich iveit von, Glashaus in einer Msche stehen. Dre Beleuchtung war imgewiß. Aber ich hatte in dem Mann doch gleich den Stallmeister erkannt." t „Und die Dame?"! . . .. , . . „ Die Dame — was glaubst Du? Sie trug ernen Hart, der verdammt so aussah, iost der neue, den ich vor kurzem Weurette gekauft hatte . . . .! Mine Gefühle kannst Du Trr vorftellen! Un- jinöglich, das GeMt zu erkennen. Sie wandten mir beide den Rücken. Der Stallmeister will sie küssen, aber sie deutet Mrürtt T'g inacht er kehrt und konsiist tziinn Was'hsins, Ich driicke natürlich die Mgen zu, als ob ich schliefe. Darauf ging er wieder zuruck, tzm« das P ärckon flirtete, daß mich oie sinnlose fiAut pachte. Da — er faßte sie urn die Taille. Ich springe auf, mit z'wei Sätzen bin ich! tau der Glaswand." ! > . Henry atmete laut und erregt in der Erinnerung.^ ttJch weiß es noch, als 'wäre es eben erst gewesen. Ich merk die Farrst hoch, um die Wand zu duvchschlageir und mich Mif dre beiden zu stürzen. Da fuhr es mir rme Irrsinn durch den, Kops: wenn du das Glashaus verläßt, wenn die Wand eirien einzigen Sprimg aufweist, find die ganzen Qualen der acht Tage unr)onft gewesen. Dre große Gage, die fürrsiausend Dollar — alles zum Teufel! Und die Blamage! Die Blamage! .... Da küßte er sie. Ich konnte nicht anders: ich schwarrg ichon deir Arm — da wandte sie sich um, und ich fuhr noch in der letztens Sekunde zurück. Tie Frau rvar die Schulreiterin Baisy" . .. Draußen in der Manege hörte der GeigeirMcler mit einem Ruw auf. Ein prasselnder Trommelwirbel: der Todessprung wurde ausgeführt. ., . „ w< ^ , „Und der Hat?" brüllte Zeeco. unr sich verständlich zu rnachem' Ter Trommelivirbel war zu Ende. T'er Todessprung glücklich vorbei. Tie Trapezuunrnrer war aus. Jetzt prasselte Beifall. „Ten Hut hätte Fleurette der Daisy geborgt," eyviderte Henry, indem er ruhig zur Seite trat, um seine Frau und die fünf anderen Künstlerrn'.ien vorbei zu lassen. . ^ ,, „Das ivar allerdings ein kritischer Moment, mein Jurrge, sagte der Kloivn Zecco. T!ann rief er fernen Hund „Wez" zu und' machte einen Purzelbaum in die Manege. - j ^ * Allerlei Aeitimgsleser. Bon Hans Natonek.tzl /' Der Neberschristenleser. Er ist selteii Wonnent; wozu auch. Täglich um die gleiche Stunde flitzt er a,i der gleichM Ecke vorbei: hier hangt in einem Schaufenster irgendein Blatt aus. Es 'kann auch acht Tage,alt fern, das tut nichts: er bleibt stehen und liest. Genau dreißig Lekunden — fertig. Sein Blick springt vor, Ueberfchirist zu Ueber,christ. Dann koiiimt ein verächtlicher Zug in fein Gesicht:, „Wieder nisckit neies," bruinmt er und sttirntt weiter. Er rst einer lener unangenrhmcu Leser, die die Zeitung dafür verantwortlich macherr, daß nicht alle Tage große See- Mid andere Dvege „dnnnestchen . Aber iviewoU er immer errttäufchit ist, kündet er ferner Ecke doch nicht das „Abonnement". Was unter der Ueberschrist steht, interessiert dieser Leser gar nicht, für ihn spiegelt sich dre Wttt- gefchichte in Ueberschristzeilen. Ihm verwandt rst der „erlrge Lesett ; er hält zwar ein Blatt, aber nur, um es nicht zu lesen. Oder zumindest hat er seinen Inhalt in drei Minuten verschluckt. Ev liest die Zeitung, wie der Springer im Schachspiel springt: immer liber zwei Felder. Eine Abart dieser beiden ist jene Gruppe vmr nrcht sticht zu hesriodigAiLen Lesern — Mmeist aber sind es Leserürnen die' eine ganz bestimmte Nachricht vorr ihrem Blatt erwarten^ die JMiensnachrrcht. „Andres woll' mer gar nich lesen", Oder; Herr Mdaktär, warunr tun Sie denn nich eMrch> ämal den Fried'n hineilsietzen". O Logik der F-raner! Aber vielleicht lmben sie gar u'cht so unrecht mit ihrem starken Friedensempfmüen, das die Werm Bedingtheitm einfach, über dm Haufen -virft Ja, warum tun wir demr eigentlich nicht endlich einnral den Fneden» hineinfetzm? . Der Grundüche. Er ist gleichsam das Gewissm der Zeitung. Er schivört auf sein Blatt, und nichts kann ihn mehr ergrimmen, als wenn es sich einer Fehler (oder das, was er dafür halt) zufchnwenl kommen läßt. Er schreibt keine Briese an die Redaktion, sondern kommt nnt hochpotem Beschwerdekopf persönlich herauf. Stets trägt er eine Nummer des Blattes in seiner Brutasche; dre zuckt er, je nachdem, als Beversnnttel gegen den Wrdersgläubrgen, um rhu zur Meinung des Leibblattes zu besthrerr, oder er faltet schweren - Herzens rvnd vorwurfsvollen Angesichts seine Zertrrngsnrrmmer vor dem Redakteur auseinander, unr Rechenschaft und Erklärung über einer „Mißgriff" von ihm zu fordern. Dieser gcwsistrrhafte Abonrrent lieft das Blatt Zeist für Zeile.. Ihm entgeht kern Drrrcksehler, kerne Zerlenverstellurrg, und er runzelt ärgerstch Dre Stirn, werrn er solche SÄOnhertsfehler findet. Ganz Grundstche sammeln ihre Zcitmrg oder zrrmindest Ausschrrtte aus ihr. Mit Argusangm verfolgen sie die Richtlnrim des Blattes und setzen sich mit allm Fragen, die in ihm aufgetoorstn werden,,ausernander. Er ist esir fchjivierigLr Leser, der Gründlrche, well er, fernem Blatte nichts aacksiieht; er wlll, daß die Zeitung ferne Liebe und Achttmg verdiene, rmd deshalb ist er das wertvoll Ist Elemerrt der Leserschaft. Der Tyrann. Tie Presse eine Großmacht? Nurr, es gibt Abonirenterr, die der Großmacht auf der Nase herumtauzen. Für . - Mark . .Pf. monatlich. So billig kommt man sonst nicht dazu, fern Herrlwergclust befriedigen zu kömreu! Was so ein achter Zerttrrrgvtyramr rst, glarrbt, durch die MbmrnemettKgebühr mcht nur ern Recht aus den Bezug der Z-eittmg, sondern auch Anspruch dararrf zu haben,, ihre: polllikche RichtrMg zu besstmumr mrd ihren Inhalt rrmh fernem 848 qiritMtaebfimäcf gdbatwat su kömwn. Tie Briefe, die dev Tymrm S B »S Wm bm »(! eures UttinwitmiiS; er bmTüt bet Heitimg seine Gmrst uilb 4 Mark 29 Ps. zu rntzlehen. Ta dieses Verfahrm „reift nicht verfängt, hüllt sich der Tyrann ZMÄ bk«SwUt d°i Vm. & )ct«at Trobbrief mit: „Einer für viele", oder: „Viele Lesemuum ..Ja, insbesondere Le^errmren sind ß Wusig, btc Be nnt etaw&Ä »vom der O-fs-ntlichke» zu sein. 3^ L”wSeT&W»eit>eit, iticfjt Mtitfaf. Wo « oMetai, ■Ert n tä Ht ffc k°m° Perl«, nicht „im Ramm »«der", ©r K Rutmtc. M feinem Blatt, auch twrt, n» frfüunma abweicht Er hat Achtung vor der Arbnt de^ presse, vor der^ gewaltigen Fülle von Auschaumigenund Gedankt die Ne täglich NnausschLderl. Dieses Verständnis Kr dte Leistung der Leitung schützt ihn ebenso vor amnaßlicher Kritik, lvte vor vem urteilslosen Respekt vor dem Gedruckten. Dieser tdea^e Lejer tst Meder slückstig wie der Ueberschristenleser, noch pedantt! ch, wie der Gründliche, noch thrannisch-launenl>aft-scKstiibechebltch, wne der Tyrann: — schade nur, daß es diesen Leser vorläufig noch gar nicht gibt. , ■ 1 • Die HMal ruft! Ab^chs. wenn leise die Wolken verfchwmunsn. Sounüberglänzt noch der Rl-einstrom zieht — Hörst du dann die seltsamen Stimmen, Kennst du das heimliche, uralte Lied? K-mnft du die Sprachen der flüchttgen Wellen, i Wenn sie hastet am Ufer zerschellen — Siebst du die Burgen m taufrischem Dust?. , Die Heimat ruft —! ! Höhen mit goldenen, leuchtendeu Reben i - jßt’CQ’CTt in fdjdmntentifrem (Sonn 6 r ent b> RheinisckM Mädels voll Lieb und voll Leben —> Heimat . . .! Heimat ... ! Vaterland! . Draußen stürmen die Feinde in Scharen — ! Vaterland, ja ich will dich wahren! Bon Kämpfen und Schlachten zitiert ote Luft ' Die Heimat ruft! Heimat, du bist es, der ich mich beuge Der ich mein Leben, mein Ales geweiht. Warft meiner glücklichsten Stunden Zeuge, Gabst mir der Jugend köstliche Zelt. , Müsst heut ich den letzten Heller dir bnngen -- Feindshände sollen dich nimmermehr zwingen! Ein Deutscher ist treu, kein ehrloser Schuft! . * . Tie Heimat ruft! , m . r , c Cnrt Reinhard Tietz. Lit «iAizßtt Ammzeli sir iieii Slonat Asresia. 1 Steh«- im November das Buchenholz noch int Saft, ‘ ' so wird der Regen stärker, als der Sonne Kraft: ist das Hotz aber stark mrd fest, sich große Kälte erwarten läßt. L. Blüh'n im November die Bäume neu, . dauert der Winter bis in beit Mai. 3. Wenn Donner im November rollt, ist's künftige Jahr den Früchten hold. 4. Später Tonner hat die Kraft, i daß er viel Getreide schafft. . . • 5. Ist Mlerheiligen (1. November) klar und mit tritt Alte r-Weiber-Som m er ein, , " ' doch wenn's da regnet oder schneit, dann such' hervor dein Winterkleid. 6. Bringt Allerheiligen reinen Winter, - so bringt Martini (49 .November) reinen Sominier. 7. Mlerheiligen Reif macht m Weihnacht alles starr m> steif. 8. St. Martin teilt nickst mehr Mäntel aus, bringt aber dafür den Winter ins Hans. 9. Wolken am Ndartinilag, der Winter unbeständig werden ni«Ä. 10. Wenn an Martin Nebel sind. ist der Winter meist gelind. i ' 11. Hat Martin einen weißen.Bart, wird der Winter lang und hart. < 13. Wenn Martin nunmehr inachet Mt, ist's gut, wenn trocken Schnee einsaut. Man sieht ihn lieber dürr als inaß, ^ ^ und ebenso ist's mit >dem Andreas.(30. NovemDer)., 13. Wenn die Gänse zu Martin ans dem Eise stehen, müssen sie zu Weihnacht im Kote geh'n. 14. Kathrimointrr (25. November) ist Kluckewoustev. 15. St. Kathrein gibt den festen Speck dem Schwew. 16. Andreasschnee tut dem Korne lveh. > 17. Andreas hell und klar, bringt ein gutes J'Kv, DüchertM Neue Lyrik. — Irene oder die Gesinnung, eür 0)esang von Kl ab und (erschienen bei Erich Reiß, Berlin).' Klabund ist mcht das, was man unter ..Lyriker" versteht. Lyrik rst individuelle Tichtungsart. Im persönlichen Erlebnis iNnß LubM und Obiekt verschmolzen sein, so daß sich Weltvorstellung und Weltgesühl zu Einzelvorstellnng utid Einzelgesühl gestalten. Man vermißt bei Klabunds „Irene" das persörstiche Erlebnis, doch ziert dre Verse mauch schöne Gedarikenperle — und Perlen sind kostbar. — Im Gegensatz.zu Mabnnd ist R. O. Koppin in semem Jofeit- myfteriu m" (erschienen im Weckruf-Verlag, W. v. Konratzn, Weimer) ganz Erlebnis. Ein mimosenhaft feinnerviger Künstler und begeisterter Idealist. Tie iveichen Stimmnngsoerse srnd ww Blunienhauch und haben den Vorzug vollendeter Forin. — Ernst Vowinckels Gedichte „Seele und Zeit" (salm Verlag. Köln) könnte man sich mit der frauenhaften Weichheit von R. O. Koppin nicht vorftellen. Vowinckel ist härter und männlicher. In den nicht alltäglichen Stimmungen sind die Gedanken scharf herausgemeißelt und in eine Fülle von Schönl>ei1 eingebettet. — Anton Wildgans, der Verfasser der „Armut", reizt in fernem „Mittag" (Neue Gedichte, L. Staackmaun Verlag, Leipzig) nicht dilrch Erotik oder nroderne Akrobatik, sondern durch reuv- dichterisches Erkennen und eine oft Raabesche Beschaulichkeit. Seine Verse sind packend durch die klingende Sprache und das tief empfundene Erlebnis, das unbedingt mitreißt und bannt. Greßcner Hausfrauen-Vereire. Kochnnwcisungen. Kamst kraut. (Thüringer Gericht.) Kleine, loekere Weiß-, koUköpfe oder die beim Emmacheir von Satrerkvant abfallenden losen Blätter ivorden in Stücke geschnitten und in kochendem Wasser eben ausgekocht. Nachdem rnan das Kmilt hat abkühlen und abtropsen lassen, drückt man es lagmweise mit Kümmel und Till in einen Steintopf, bedeckt es mit einem Tuch, Brett und Stein und gießt abgekochtes, erkaltetes Salzivasser darüber. Das Kumst" kraut hält sich, bis Januar, es wird wie Sauerkraut zubereitet. K r a u t tv i ck c l. Große. Maißkrautblätter werden iveichg» kocht, abgstropst und kalt gelegt. Mit demselben Wasser kocht man Hafer, Gerste oder Grünkorn weich, setzt dieser Fülle Zwiebel,, Küniniel, Thyniian, Pilze Md Suppenwürze zu und füllt sie in die Kvantblätter, längliche Rollen davon formend, die in einer mit Oel bestrichenen Forirr gebacken werd-en. Apfelkuchen. 60 (Nramm Butter, % Pfund Mehl, 150 Gramm Zucker, 1 Ei oder Ei-Ersatz, 1 Backpulver. Alles gut vermischt. Ter Boden einer Springforin wird mit der Hälfte des Teiges belegt und ein Rand hochigebogen. Tie Aepsel werden mit der Schale, gehobelt, mit Zucker. Zimt rrnd geriebenen Bucheckern vermischt und gleich aus den Teig gelegt. Ten Rest des Teiges rollt man ans, schneidet schmale Streifen davans, die man gitter- sörmig über die Aepsel legt. Wenn der Kuchen aus dem £>fcu kommt, bestreicht man das Gitter mit Kunsthonig. Anagramm. Tafel, Streich, Torte, Linse, Rede, Tonne, Emir. Nelke, Kain, Basel, Rente. Bon jedem Wort ist durch Umstellung der Bnchstaben ein neues Haupt,vort zu bilden. Tie Anfangsbuchstaben der irenen Hanpt- wörter müssen im Zusaminenhang bezeichnen, wonach sich im Sommer viele sehnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Schristleitnirg: vr. Neinhold Zenz. — ZwcksingSrunddruck der Br 31 5 3 2> 17 11 13 23 Ä 19 21 15 7 29 37 1 und Steindrnckerei. 9'