Der endlose Weg. Roman aus Sibirien. Von I. Oxenha m. Autorisiert — Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Nun hörte es auch Katia und ihr von den Entbehrungen dieser Tage schmales und blasses Gesicht wurde noch blässer. Unwillkürlich drückte sie den Säugling fester an ihre Brust. Das Pferd im Stall zerrte an seiner Kette und stampfte unruhig hin und her. Katinka hielt sich- die Ohren zu und weinte. Zum erstenmal in ihrem Kinderleben herrschte ihr Vater sie rauh an. „Still, Katinka! Die Wölfe hören dich, wenn du weinst," und Katinka schlich sich in eine Ecke, verbarg das Köpfchen in einem Fell und schluchzte in sich hinein. „Hier hinein ins Haus können sie nicht," sagte Stepan zu Katia. „Aber ich siürchte für das Pferd. Es wird am besten sein, wenn ich mich draußen vor dem Wagen im Schneegang aufstelle. Bleib du in der Türe des Wagens. Kommen sie, so mußt du die Flinte für mich laden, sobald ick) sie abgefeuert habe. Hier ist Pulver; hier grobes Schrot; hier die Pfropfen"; und er trat in den Schneegang hinaus, mit Flinte und Speer uub Axt bewaffnet. Als er die Türe öffnete und das markdurchdringende Geheul klar hereinschallte, zuckte Katinka zusammen und schrie vor Entsetzen. Kalt, helleuchtend hing der Mond wie ein silbernes Schild am Himmel und Stepan konnte bis zu der ersten Wegskrümmung der Paßstraße sehen. Das Geheul und Gekläffe wurde immer deutlicher und kam immer näher. Jetzt konnte er auch die dumpfen Hufschläge eines im tollen Galopp über den Schnee dahinjagerr- ven Pferdes unterscheiden. Hinter einem Pferd also war das Wolfsrudel her! Er wartete — jeder Nerv in ihm antz- aespannt. Eine Möglichkeit wenigstens bestand, daß die Wölfe in ihrer rasenden Jagd auf das fremde Pferd die neue Wittej- rung nicht aufnahmen — doch eine schwache Möglichkeit nur, denn diese neue starke Witterung öou Pferd und Menschen und Rauck) mußte die hungrigen Bestien gewaltig anlvcken. Leise stahl sich Stepan eine Strecke weit vorwärts. Das f ferd galoppierte auf der Paßstraße dahin, seine letzten rüste airstrengend im Todesrennen. Das Keuchen und Pfeifen seines Atems war deutlich zu hören in der tiefen Nachd- stille. Bald klirrten seine Hufe scharf und ehern auf felsigem Weg, von dem der scharfe Wrnd den Schnee weggefegt hatte; bald waren die Hufschläge dumpf und wurden langsamer, wenn es in eine Schneewehe geriet. Alles aber übertönte das Geheul der gierig dahinMrmenden Wölfe. Näher, immer näher kam die wilde Jagd. Da — jetzt sauste es — keine hundert Schritte von Stepan entfernt, auf der Paßstraße vorbei wie huschende Schatten. Ein gesatteltes Pferd, doch ohrre Reiter. Ein Schimmel, der in letzter Angst vorwärts raste mit nur wenigen Schritten Vorsprung vor dem heulenden Pack. „Wenn's der Schimmel nur aushält," flüsterte Stepmr vor sich hin, angstvoll horchend. „Nur eine halbe Merl« noch. Weit genug weg von hier. Ah — Gott helfe uns, sie haben ihn!" , Ein kurzes jubelndes Aufheulen, ein Chor ttrumphie- renden Gekläffs. Dann Sülle. Nur das Zuschnappen von furchtbaren Gebissen hörte der lauschende Mann — und wie die Bestien knurrten und ärgerlich kläfften, wenn sie sich in ihrer Gier gegenseitig in den Weg kamen... Noch ein- mal horchte Stepan hin. Das Pferd mußte an der ersten Wegkrümmung, keine dreihundert Schritte von hier entfernt, gestürzt und überwältigt worden sein. Dann lief er eilig zu dem Wagen zurück, stellte sich dicht an der Türe auf und spannte den Hahn seiner Flinte. Den Speer stellte er neoen sich an die Schneewand und die Axt lockerte er in seinem Gürtel. Im Haus war alles sttll, nur daÄ Pferd tm Zelt riß an der Kette und stampfte unruhig hin und her. Auf der Paßstraße zerrissen indessen die Wölfs ihre Beute, aber ihr Heulen und Kläffen war wieder lauter geworden, denn sie stritten sich nun um die Teilung des Kadavers. Stepan horchte in die Nacht hinaus. Großer Gott — hätte das Pferd doch nur eine einzige halbe Meile länger ausgehalten! Wer die Schneewehen an den Wegkrümmungen hatten ihm wohl die Kraft ausgepumpt . . < Da hörte er ganz in der Nähe ein leises Winseln und einj Schatten huschte über den Schnee und —- Im Schneegang stand ein Wolf und starrte erstaunt! auf den Mann. Dann sträubten sich dem Tiere die Haar« und es knurrte böse, das fürchterliche gelbe Gebiß zeigend. Daun, auf einmal Kegte es den Kopf zurück und stieß ein gellendes Geheul aus, das in einem Augenblick daher« rasende schwarze Schatten in den Schneegang brachte. Stepan stand ganz M da. Die Tiere schienen ihm gewaltig groß und sehr mager. Sie leckten sich hoffnungsvoll die blutgeröteten Schnauzen im Vorwärtsspringen und heulten schauerlich. Sie waren sehr hungrig. Hier gab eS mehr Raub, reiche Beute. Sie kollerten übereinander m ihrer Gier, den Mann dort niederzureißen. Das Rudel jagte heran. Stepan feuerte. Die Entfernung war zu groß, al» daß die groben Schrote hätten gehörig streuen können, aber zwei der Wölfe wälzten sich doch heulend auf dem! Schnee. Die anderen Wölfe beantworteten den Schuß mit furchtbarem Geheul und sprangen auf Stepan los. Er hatte sofort irach dem Schuß Katia das Gewehr in die Türe hinemgereicht und stach blindlings mit dem Speer um sich — auf blutrote heulende Rachen und gelbe Gebisse und in dicht gepackte Massen von Wolfsleibern. Das Messer war stark und scharf und biß tief. Die Tiere waren schrecklich. Ihr fürchterliches Aussehen, ihre Gier, ihr Heulen hätte auch den mutigsten 814 Mann erbittern lassen, und Step ans Herz klopfte ln ihm, als wolle es ihm me Brust zersprengen, in maßlosen: Entsetzen vor den Bestien, die gierig danach lechzten, ihn» niederznreißen und zu zerfleischen — furchtbar, als habe die Hölle selbst sie ausgespien.. Er zitterte an Leib und Gliedern, aber keinen Schritt weit wich er zurück. Drei, vier Wolfsleiber verstopften bald den engen Schneegang, aber die andern Tiere kletterten furchtlos über sie hinweg, purzelnd und fallend in ihrer Hast. Stepan mußte den Speer kürzer fassen, denn sie duckten sich unter dem Messer weg und sprangen an ihm empor, so nahe> daß ihr beißender, stinkender Atem ihm ins Gesicht schlug. Da wurde ihn: von hinten die Flinte unter den linken Arm geschoben, und er schob sie langsam in der Linken vorwärts, während er mit der Rechten' zu stieß, bis er den Drücker gefunden hatte. Dam: feuerte er in die zottige Masse hinein. Eine Sekunde lang wichen die Bestien entsetzt vor dem Feuerstrahl zurück, und das gab ihm Zeit, Flinte und Speer fallen ziü lassen und die Axt aus dem Gürtel zu reißen. Und da:rn hieb er in blinder Wut auf die ansprin- oen Leiber los und trieb sie zurück auf den Hausen von toten Wölfen. Ei::e verwundete Bestie zu feilten Füßen biß sich in seinen Knöchel ein. Mit einen: einzigen Hieb der schwerer: Axt spaltete er ihr den Schädel und brüllte auf in Triumph, als. er fühlte, loie der Stahl durch Fleisch urrd Knocher: drang . . . i Eine Berserkerwut packte ihn. Blinde Gier, zu morden. Er wußte rächt mehr, was Furcht war, urrd schien sich stark wie ein Riese mit,einer Wunderwasse, die durch bloßes Berühren tötete. Er war trunken, wahnsinnig; er lachte gellend auf, wenn der schwere glitzernde Stahl tief in einen entsetzt aufbrüUender: Wolf hineinbiß, und grinste vergnügt, als sich die Wände des Schneegangs rot färbten mit Blut und der Schneeboden naß und schlüpfrig wurde und heulende Bestten mit zerhauener: Gebissen und geschwundenen Gliedern sich vor ihm wälzten, die einen mit abgehauenen Pfoten, die anderen mit furchtbaren Wunden im Leib. Katia hatte sich herbeigeschlichen, die Flinte aufgehoben, sie geladen und reichte sie ihm rmn him „Laß Katia!" schrie er mit einen: wilden Lachen. „Ich brauche keine Flinte — es sind ja nur Hunde — Köter, die man prügelt. Heran mit euch, ihr verfluchten Hunde!" Aber diejenigen dieser Hunde, deren Fell und Haut noch ganz war, und deren gab es wenige, lagen keuchend auf der anderen Seite des Haufens von toten Wülfer: und überlegten sich, daß dies h:er doch etwas ganz anderes sei als das Niederreißen eines ermatteten Gauls. Das Geschöpf dort mit dem beißenden blanken Ding in der Faust roch zwar sehr gut und würde zweifellos auch gut schmecken, aber es biß bösartig. Ein toter Wolf aber kann nicht mehr riechen und auch nicht ftessen. Nein, sie wollten nichts mehr wissen von dem Geschöpf. Vielleicht war von dem Gaul da drüben noch etwas übriggeblieben, das sie vorhin übersehen hatten... Und einer nach dem andern schlich langsam davon, während Stepan lachend die schweren Schrote seiner Flinte in die letzte der Bestten hinein- feuerte. Dann schwang er sich mit einem triumphierenden Brüllen die blutgerötete Axt ums Haupt, stolperte Über den Leichenhausen im Schneegang hinweg, kletterte mühsam in den Wagen, und warf die Türe zu. Die Flinte stellte er in eine Ecke, die Axt warf er auf den Boden und ließ sich lo schwer auf eine Bank niedere satten, daß der Wagen erzitterte, und Katinka erschrocken zu weinen begann. Der kleine Stepan folgte natürlich ihrem Beispiel. „Seid still, ihr beiden!" bttillte Stepan. „Ihr seid so schlimm wie die Wölfe draußen. Still —, oder..und er hob die Hand, als wolle er Katinka schlagen; ein Ding, das er noch nie getan hatte. Katta jedoch regte sich nickt Sie war eine kluge Frau und verstand. Mit der einen Hand zog sie Stepan zu sich, mit der andern streichelte sie tröstend das Mädchen. „Ich habe Wölfe getötet in dieser Nacht/' rief Stepan mit gewalttger Stimme. Denn noch beherrschte die wahnsinnige Erregung sein Hirn, und vor seinen Augen lag es wie blutrote Schleier. „Biele Wölfe habe ich getötet —. nein, nicht Wölfe: Hunde, erbärmliche Hunde. Aussresfen wollten sie uns wie den Gaul, aber sie fanden ihren! Meister. Ich sage dir, Katta, sie sind tot. In Haufen liegen sie draußen. Komm' und sieh sie dir an. Wolfsleichen in Haufen. Und ich habe sie getötet!" und er schickte sich an, aufzustehen. „Ich habe sie gesehen, Stepan," sagte Katta ruhig. „Hoh — sie wollten mich umbringen! Mich wollten! sie zerre:ßen, mich, Stepan Jwanowitsch. Mich — Stepan — Jwano — witsch 1 -" und dann rollte er lallend von der Bank auf den Boden und schlief wie ein Trunkener bis tief in den Morgen hinein. Als er erwachte, war er nicht mehr Stepan Jwano- witsch der Berserker, der bluttrunkene Wolfstöter, sondern der alte sttlle Stepan, den sie kannten'und liebten. ^Zuerst jedoch betrachtete ihn die kleine Katinka mit scheuen Augen und fürcht te sich vor ihm, bis er sie an sich zog und küßte und mit dem kleinen Stepan spielte, daß er sich jubelnd! in seinen Händen wand. Er aß und ging dann hinaus in den b'ärttrbersttömteu Schneegang. Still schleppte-er die toten Wölfe beiseite und schaufelte Schnee auf die blutigen Stellen. Elf Wölfe hatte er getötet. Zwei der Tiere waren angefressen — einer oder der andere hungrige Wolf n:ußte sich oes Nachts noch, einmal herbeigeschlichen haben. Dann watete er zur Paß- sttaße hinüber durch den Schnee, um sich den Pferdekadaver anzusehen. Von dem Schimmel war nichts übriggeblieben als das Knochenskelett und einzelne Fetzen von Haar und Haut, im Schnee verstteut. Sogar die Lederteile des Sattels hatten die Wölfe verschlungen und das hölzerne Sattelgestett an? genagt. Die zähen Bügelriemen waren zu einer Schnur zerkaut. Stepan schüttelte den Kopf und trug das Holzgestell des Sattels, das noch einigermaßen brauchbar war, nach dem Wagen. Er konnte es dem Pferde aufschnallen, es mit einem Fett bedecken, und so Katia reiten lasse::. Dann! machte er sich an die Arbeit, den schmalen Zugang zum f serdezelt zu vergrößern und befreite das Tier aus seinem eltgefänanis. Es schwankte, als es in die freie Luft kam, und torkelte hin und her, als habe es den Gebrauch dev Beine verlernt. Als es die spärlichen Heuüberreste gefressen hatte, die noch da waren, schnallte Stepan ihm das Holzgestell auf, doch das Tier war zu schwach, als daß es Katia hätte tragen können. So hingen sie ihre Bündel an den Sattel! und machten sich zu Fuß auf den Weg. Die kleine Katinka trug Stepan auf seinem Rücken und Katia hatte auf ihren Armen den Buben, in ein Fett gehüllt. Im Arm trug Stepan Flinte und Speer. Die Axt hing an seinem Gürtel So watete:: sie mühevoll durch den tiefen Schnee die langgestreckte Hügelstraße hinab nach Tschernsk. (Fortsetzung folgt.) In dieser stunde — Bon allerlei Helden und anderen Leuten. Bon Entt Reinhard Dietz. In dieser Stunde, da ich schreibe und die Buchstaben unter! niemer Hand sich aneinanderreihen und zu Watten formen, inj dieser Stunde, wo die Feder in meiner Hand leise ächzend über's Papier fährt und das Licht meiner Studierlampe trauliche Kreise um n:tt:ren Schreibtisch zieht — . . . tobt draußen im Westen eine unerbittliche, ungeheure Schilacht. Und tausende und abertausende deutscher Männer und Jünglinge stehen tut eiserner Ausdauer und heiligem Opserntut, um die Heimat zu schützen . . . . . . preßt sich das Auge eines ll-Boots-KDtrtnuutbttttiett gegen die blanke Lcheibe des Pettskopes. Und plötzlich öffnen sich sein« hart m! fe nm ndergebisse neu Lippen, seine Haird drückt den Knopf der elekttischen Leitung, und ein kurzer Laut entfährt seinem Munde: „Los!" Ein Ruck geht durch den: schlanken Leib des Bootes. Wieder preßt der Offizier die Äugen an das Rohr, zitternd vor verhaltenser iErrrKgung. JDiarat atmet er tief auf und ruft ein paar Worte durch das Sprachrohr in den Geschoßranm: „Treffer am Heck! Er sinkt bereits!" Und drinnen von: Boot heraus steigt ein jauchzendes, jubelndes Rusen durch die schnorre, laue Lust bis tzu ihm in den Durch: „—> er sinkt. . .!" Wicker ein Feind weniger! Das UEoot jagt iveiter. . . . . . fallen zwei schivere Tratten aus die arbeitsharten Hände einer jungen Frach und auf die unförmige Granate, die sie zitternd hält. Bor toenigen Tagen ist int Westen ihr Mann gefallen; sie warm kttegsgettaut ut:d hatten sich seit der Mobilmachnng zweimal erst toiedergesehen in sei item kurzen Urlaub. Und jetzt — gestern, hatte man ihr einziges Kind, ein Junge von kaum drei Jahren, das 316 Ebenbild fetrpsS VaterS. beerdigL Und rings rattern und tosen die Maschinen mrd Hämmer fallen hart und schallend aus glühendes Eisen. Und sinMn ein sonderbar Lied: „Werde hart. . .werde *“**.7 .'liegt ein Häuflein Schutztruppler weit auseirranderge- m im Busch und feuert wie vasend ans ^den nberrnachttgen ad. Wie lange kann's noch dauern — stunden — euren ».ag — ? Wenn man nur Wasser hätte! Munrtton . . . Erne hohe Gestalt schreitet hinter den Liegeriden her durch das Gestrüpp. „Anshalten, Leute — anshalten!" Ter Major. Bon ^ettow-B-or- beck . . kreist ein Geschjwader feirrdlichier Fluglzeuüe —- mächjtige Toppeld>ecker — über der Stadt M. Me ^dwehrbatterreN sMeudern ihre Geschosse ptu Nachchrmmel empor, und dre^nMrn- Werf er smlM mit grellem Leu ästen .rrach dvm Fenrd. L.a^ unddortz pfeist es jäh durch die Lust wre ern Pertschenhreb und dröhnt krachend und ber-stend auf: Donrüen. Wahllos geworfen. Frauen Und unschuldige Kinder sind dve Opfer. . . Ber erner Batt^ bricht plötzlich stürmischer Jubel los: „Ta — — er brennt-er rst getroffen — man steht rhu thron mäst mehr — — Hurra!" Tas Feuer der Wwehr laßt tmch. Eine deutsche Känrpfstaffel ist anfgestiegen iqrd verfolgt den abzrehenden liegt weit draußen im flandrischen Land vor den ersten Gräben ein blutjnrrger Soldat. L.re Patronrlle nnnpe zuru die Kameraden fanden ihn mckst mehr. Matt stnkt dre tzand dre er aus die klafseirde Wunde gepreßt, zur Erde. Lickerrrdev Irrzbiut färbt d«r grauen Wafserrrock seltsam bunt. Und so leM mrd chm jetzt, gar Le Schnerzen At er mehr . . . U^der Hnnmel'st fl Blumen. Tie duften so schwer und suß. Md tue Lome lackst so warm. Tie Welt ist ja so schön . . . Dm Atttern läuft durch den schilastken, jungen Leib. Lerse bewegen srch dre blutleeren Lchpen ein bauch^rnr^. Turmuhr der Fabrik ein Ulst. Nachts ' Tr Berns, der junge Chemiker der Lprengstoffwerke legt das Reagensglas aus der Hand und stterft derr werßm Lernen- litte! ab. Sein Gesicht ist bleich und abgefMnnt. Tw Sauren und giftigen Gase, die ihn täglrch umgeben bis m dre Nacht hm- ein haben seinen Wangen das frische Rot nird fernen ^stgen das ftobe Leuchten genommen. Lcurgsam,wendet ^^Uchzuflmem Kollegen um: „Kommen Sie, Winter, ,mr wollen Euß mackM. Ich habe seit heilte mittag um ^oolf nichts ^Sr gegessen ^e Haupt sacke ist jetzt geschafft- Morgen Ab'.rch dre Loflmg gefunden Und leicht lächelnd fugt .er hinzu,: „Dre Mrsthung st m Ordnung. Wenn sie falsch gewesen wäre, danii waren wrr vor fünf Minuten in die Luft geflogen, samt dem ganzen ^orator.nm . .. neigt sich rn ernenr kleinen Feldlazarett dvr waachaoende Ar; t über das Bett eines Sterbenden. Eine Sekunde nur. ^ann Nt er sich mit denr seidenen Tascherttnch über dre schweißfeuchte Stirn ,Es ist vorbei, Schwester. Unsere K'imst kam zu spat. Ten' ganzen Tag über hat er mit einem Kollegen zusammen Operation auf Operation ausgest'chrt, vom frühen Morgeiigranen an als inan die ersten Schververivlmdeten brachch. brs ,pat m £ Abend lstnein. Tie kleine, Ms.se Schwester druckt dem Toten mit sanfter Hand die Augen zu. Wieder emer ... - Und störst zum Umfallen müde und nratt. So geht es nun seit Tagen. Lailgflm geht sie hinaus. KopffchüttÄrrd blickt der Ltabsarzt ihr nach. 48 Stiiliderr hat sie nicht geichlafen, das arme MNg... . iitzt im traulichm Wohnznnmer der Rentner Meyer mrt seiner Frau. Er nimmt aus seinem Glase emen Lckchuck Wern und zückst beliaglich deir Tust seiner Zigarre m dre.Rase. Dre Teetasse seiner besseren Hälfte klappert lerse Es ist rroch echter, schwarzer Tee übrigens, den sie trinkt. Gott, wenn man srch £> leiifcrt kann . . .! Befriedigt faltet er seme Zertimg zusammen. „Tas kostet doch einen Hauserr Geld, der Krieg, wa-, 'Ulte , feemi man bedenkt: die Ansrüsllmgen alle . die Mnnrtror., dre U-Boote, Luftschiffe und Flugzeuge und Krregsschffe! Und dre Flieger-Abwehr in der Heimat! Und dre Lazarette und.Geneiuww- heime! Herrgott, ja!" Seine bessere Lälfl^nrckt Mttmmend mrt dem Kopf; reden tut sie nämlich me viel. Fchverwlllg erhebt sich Herr Meyer. „Jetzt gehffr wir ms Nest. Alte Morgen früh um übt Uhr geh' ich auf die Bank — Kriegsanleihe zermchn, d^a will ich ausgeschlafen haben!" Und seine bessere Halste ruckt wremr. Diesmal aber sagt sie doch etwas.: „Du, Hemnch -vennste Mchne gehst, zeichneste für nnch auch fünfhundert Marker, ^-rel ist e-, ja net, aber in der Zeitung steht's ja: jede Mail ift rvechtig . . . Die Pest auf Arbe. Dalmatinische Erzählung. Von Alfred Maderno. Gino, der Wächter des Hafentors, saß im kühlen Schatten des Torbogens und blinzelte gelangweilt hinaus auf den fonnen- grell beleuchteten Anlegeplatz der Schiffe. Ern altes Wem schlich um die Ecke, kroch auf das Tor zu und begeyrte Einlaß. Gmo hob kaum derr Kopf. „Woher rzud Wohin?" klang lnrz uno barsch seine Rede. Tie Me komtte sich nicht answeisen. Laß sie in die Stadt hinein müsse, war alles, was sie vorzubringen Mißte. Der Wächter sckiüttelte den Kopf und blickte gleichgültig nach einer anderen Seite hin, auf die Loggia der Mfana, in der du paar gute Freunde bronzebraunen.Zyperwein aus kleinen Bechern trau-, vm. Neben ihrn die Alte .yerzog den häßlichen Mund. zu einem Grinsen. Umvhllig wandte -sich Gino rmch einer Weile Meder dem Weib zu. „Was stehst du noch hier? Packe —" doch, er vollendete den Satz picht, denn vor ihm stand nimmer das wüste ölte Weib, sondern eine Ichlankgervachsene Jungfrau, deren jugendliche Schönheit den Burschen dermaßen bestrickte, daß er verwirrt aussprang. „Wen sucht Ihr in der Stadt, Madonna?" — „Eine Waise bin ich, hnmatlos, und suck-e das Glück bei freinden, guten Menschen." — „Unsere.Frau segne euren Eintritt in diese Stadt!" Und Gino fragte nicht nach Woher und Wohin, iondern lehnte am Torpseiler und sah der Jungfrau nach, die die Hauptstraße betrat. Toch ehe sie rroch um die Ecke bog, war sie den starrest Blicken des Burschien plötzlich erttschwunden, und Gino sah nur eilt altes Weib gebeugt die Mauern eutlangschleichen. Er erkanute es nicht; eins glich dem anderen; und dem Wächter schwebte ja doch nur das Bild der freinden, schönen Jungfrau vor Augen. Bon diesem Augenblick an war Gino sein Amt zur O-ual güvorden. Am liebsten hätte er das Tor im Stiche gelaffen mrd die Spur des Mädlcheus gesucht, an das er mit immer größerer Sehnsucht und endlich wnt so glühendem Verlangen denken mußte, daß er fühlte, wie er zu jener Jungfrau in Liebe entbrannt sei. Als sich ani Abend ein paar frohe Gesellen zu ihm unters Tor sichten, hätte er sie ja jo gern gefragt, ob ihnen das schöne Mädchen begegnet sei; doch m auflodernder Eifersucht beUrchtete er, die Freunde über Gebühr aufmerksam zu machen urrd.schvieg, wre groß seine Qual auch war. In der: ersten Morgenstmlden des nächsten Tages klang wutes Wehllagen aus der Hauptstraße bis an die Enden der Stadt. Ter Jammer steigerte sich von Stunde zu Stunde zu Ausrufen wilden Entsetzens, imd Gino bot sich ein furchtbares Bild. Schreiew> stürzten die Leute, ihre Habe in einem Bündel unterm Arm, an ihm vorüber, hinaus anff den Hasen, rissen die Schiffe los und trieben sie mit hastigen Ruderschilägen vom User. Nicht all« erreichten die Boote; viele stürzten im Laufen, begannen. sich in Krämpfen zu winden, und wie besessen rannten die übrigen an diesen vorbei. Einen Bjick warf Gstw Hindu in die Stadt. Und da sah er, wie sie halb OlMmächtige hin zu derr Mrckxen schl-dsten, sie dort auf die Stufen legten, damit sie die Barmherzigkeit Gottes arNoinselten. Mit Sterbenden und Toten tvaven die Gassen bedeckt, noch ehe der Abend sdnen Purpur über die Häuser goß. Jetzt erst bewiesen einige Männer Besonnenheit und Mut. Sie sä überleit die G assen, und die Toten trugen sie ^hinaus vor .die Stadt, um den Hafen herum, und verbrämllen fie jensdts der Steineichenwälder, aus denen das Schlllchzen und Jauchzen ungezählter Nack.it igallen in den späten Llbend hinausdrang. Ta kam auch in Gino, der mehr betäubt als ersckMvckeu stundenlang um sich gLstarrt hatte, wieder Leben. Ml fdn Tenken aber war nur von der einer: Sorge erfüllt: was geschah mit der fremden Jnrrgfran? Lebte sie rwch oder tvar auchi sie denr großen Sterben pn Opfer gefallen? Wie die errtsetzliche Seuche die Insel überfallen haben konnte, über das Wässer hinweg, das sie von allen Seiten schützte^ darüber grübelte Gino nicht nach. Er ließ nur keine Leiche an sich vorbei durchs Tor tragen, der er nicht prüfend und angstvoll ins verzerrte, drinkle.Antlitz starrte. War sie dabei? Oder hatte sie die Krankheit ebensoweirig überfallen wie ihn selbst? Gino blickte sehnsüchtig nach den Häusern der Stadt. Durch die Gassen eilen, und sie suchpn! Biel leicht bedurfte sie der Hilfe! Wer er wagte seinen Platz nicht zu verlassen, denn immerzu tru.geir sie die Totere an ihn: vorbei, und wähverrd er sie suchte, schaffte man ai.lch sie zu. derr anderen Verstummten hinaus, ohrre daß er sie noch einmal gesehen Hütte. Und so blieb er Tag mrd Nacht auf seüreur Posten. Was er zur Stillung seines Hungers und Durstes bedurfte, holte er. aus der nahen Kafaua, die er mit drei Sprüngen erreichen kmmte. Tie Loggia lag verdnsamt. still die lange Hauptstraße — es noch jemand zu sterben? Man trug keine Toten, mehr zur Stadt hinaus, die Männer, die das Werk der Barmherzigkeit getan, zeigterr sich nicht nrehr. Keine Stinune rief mehr durch die Gaffer«., kein Schiritt hallte durch die Stille, und nur die Nachttgallen. hörte Gino schlagnr. draußen vor den Mäuern der Stadt, tief drirmerr irr derr Wäldern VW Insel. Urrd tvährend er so vor: sich hin saun und ivartete, wartete auf derr letzter: Toten, kam das es nicht tbieder. Mrrs glich dem anderen und deirr Wächter schirvebte %a doch rmr'das Bild der fremden, schönen Jungfrarr vor^Augen. Tie Lllte blieb vor Mrro swherr. „Fahre mich ans Fptland hinirber, Bursche!" Ter Wächter blickte zweifelnd in dre Ltadt hinein. „Du Ast deirr Amt am längsten versehen. Werr wlllst du noch bsvachen? Sie sirrd alle tot." „Alle?" fragte Gmo laut. .Lille!" gab die Alte Art zur Antwort. Sie mußte es rmssen. Ta machte er flirre Barke fertig und ruderte das Wech zum Hase,r hinaus. Tie Türnre und Mauern von Arbe wuchsen vor rym auf derr morgenroten Klippen aus, wie ein Sagerrschtoß entcheg dre Stadt denr Meere, ein Märchrnschloß erst recht in dreier Stunde, da Gi'.w mit seirrem eisenerr Leben das letzte Leben zur Ltadt Un- 316 ausführte. An die Alte dachte er gar nicht mehr. Er blickte vor sich hin, ans den Boden des Schilfes, auf , seine Hände, d:e d,e Ruder umÄam merken. Einmal blntte -er aus. Mtt euren; Ausruf freudigen..Erschreckens lieh, er die Riemen h)s. „Madonna!" uno stl^n rvar er aufgesprungen: rurd hatte sich ans die Kme geworfen vor der fremden, schönen Jrrngfran, die ihm gegenüber aut der Bank saß und ihm zulächckte. Mit zitternden Fingern hielt er ihre Hände umspannt und sein Mund drängte gierig dem ihrigen zu. Ec küßte sie, ehe sie ihm nmh abivehren konnte. „Kehre zurück mit nur!" bettelte er. „Es wird ein Glück sondergleichen sein! Wir Herde allem in der Stadt, aus der Jnsett im Paradies der Seligen!" Stumm schüttelte sie den Kopf. „Wer bist du?" fragte Gkm> hastig und angstvoll und hatte ihre Hände noch immer nicht losgelanen. „Ich bin die Pest!" hauch!« das Wcib, „die deine Stadt zertreten hat: entvölkert für ein Jahrhundert!" Und Mthxcnd es noch sprach, schrumpfte es wieder zur Gestalt der häßlichen Wen zusammen und verzog den zahn losen Mund zu einem Grinsen. Gina war es. als raube ihm ein übler Geruch den Atem. Er taumelte zurück rmd fühlte, wie ihn; die Sinne schoanden. Ta ergrifs dre Alte mit ihren knochigen Händen;die Ruder und trieb das Boot der nahen Kü ste z u. ____ Die unsichtbare Urone. Bon Otto F. Niemand (Bukarest). (Nachdruck verboten.) Ter Tag ist im Verscheiden, die letzten Somrenstrahlen golden noch das Gelände. Es ist ganz still. Tie Hitze des Svmmertages lastet schwer ans Menschen und Tic-ren. Langsam nur kriecht der Wagerr di« starrbige Straße entlang. Nun sind wir am Ziel. ^ . _ . „... c