Der Flammentöter. Roman von Horst B odemer. (Fortsetzung.) Mit Hurra begrüßte sie die ältere Schwester. Trude fuhr zusammen. Aber die stand schon vorm Spiegel und besah sich, gipste an ihrer Kleidung herum, lachte sich an und drehte sich daun um. „Trudchen, bin ich nicht ein ganz hübscher Racker? . . . Ja — a, heute heißt's, einem Manne den Herzschlag beschleunigen, wir bekommen nämlich zum Mittagessen Besuch. Millionär ist der mindestens!" „Lene! Sei nicht unausstehlich und sprich vor allen Dingen etwas deutlicher!" „Soll geschehen! Aus der Stelle! . . . Also, ich werde mich heute mittag aufopfern — Deinetwegen! . . . Ja, nun machst du Augen! . . . Hast du lvas von „Flammentod" gehört?" Das war zuviel für Trudes Nerven. Das Wasser schoß ihr in die Augen, die Mundwinkel zuckten. „Ich bitte dich, red nicht in Rätseln! Die sind jetzt nichts für meinen Kopf!" Da kam auch schon die Mutter, ein Lächeln um die Hand in die ihre, erzählte, was Krohlow getan, und lver heute ruittag kommen würde. Die Lene tanzte im Zimmer herum. „Was Hab' ich gesagt? Der Krohlow ist ein Teufelskerl! Weißt du noch- Trudchen? Und daß von drei Jahren Wartezeit keine Rede fein kann! . . . Ach was, Mamachen! Der Jugend gehört die Zukunft! Nun fahren wir bloß noch Automobil lind gründen Aktiengesellschaften in Oesterreich- Ungaru, Italien. . . überhaupt in allen Kulturstaaten!' „Woher weißt du denn. . ." „Hab' ich geträumt, Mamachen! Im Stehen! Am Schlüsselloch! . . . Herrgott, es ist zwölf, und um eins kommt der Gentleman! Hoch, Trudchen! Wir machen uns sein! So'n paar blitzblanke Mädel, wie wir sind!" „Lene," warnte die Mutter, „du wirst deine Zunge im Zaum halten!" „Werd ich! Verlaß dich darauf! . . . Ihr sollt mal sehen, wie tüchtig ich für's Geschäft bin! Den legen wir an die Kette!" * Der Flammentöter hatte sich ans Krohlows Chaiselongue hingestreckt, er war in eiiter ganz ausgezeichneten Laune. Satt essen konnte er sich in der reichsten Zeit, seine Erfindung den letzten Schliff geben — es war eine tadellose ^ache —, gebunden hatte er sich auch nicht und der Goldsohn lvUte zu seiner Dulcinea kommen. Die Theaterspielerei, die um die ganze Geschichte gemacht werden mußte, war natürlich das Auerschönste! . . . Krohlow stürmte ins Zimmer. „Na?" * Wellerkamp hielt ihm wie eine Königin die Hand dum Kuß in Gnaden hin. „Ich bitte mir Respekt aus, Junge! . . . Hier liegt deine Hoffnung! Die du ganz sicher nicht begraben lassen brauchst!" „Himmel, so erzähl' doch!" Der Säbel des jungen Offiziers flog in eine Ecke, zu Mantel und Mütze. „Aetsch! Ich esse heute mittag bei deiner Herzallerliebsten! Hast du etwas an sie-aufzutragen? . . . Du schüttelst dein Denkerhaupt, freut mich ! ... Es ist irmner von Bor> teil, man läßt das schwächere Geschlecht ein bißchen zappeln. Woll ja! . . . Und der Klausner hat vor mir mit beiß Federhalter präsentiert! . . . Ich arbeite ein paar MonaA bei ihm für ein Butterbrot, ich wollte es nicht cnrders deinetwegen! . . . Das heißt, ganz stimmt es nicht, frei soll der Bursch sein! Und er wiro's bleiben! Der s ' toter ist sehr überzogen von seinem Wert! . . . man kann sich im Leben gar nicht hoch genug e wenn auch dabei mitunter der Magen knurrt Kapital allein macht's noch lange nicht! Ein Genie Lrnn nur in Freiheit schassen! . . . Sela, mein hoh^s Lied U zu Ende!" Krohlow wollte noch mehr wissen. Aber Wellerkamtz zuckte die Achseln. Es Al Schwalben wiederkommen, die werden schauen! . . . Wer von was anderm müssen wir reden! Ich muß mir ein kümmerst dr lammen- Zungchen, Zimmer suchen, in deiner Nähe, vielleicht kümi drum. Bloß 'ne Kabache zum Schlafen, meiner geringe« m dich Garderobe angemessen. Denn, was ich in Iserlohn liegen habe, Junge, das ist überhaupt nicht die Reise hierher wert! . . . Nach und hach werde ich schon an Ergänzung denken, dreihundert Mark zahlt mir monatlich der Klausner!^ Krohlow hatte nur mit halbem Ohr hingehört. Er rannte im Zimmer herum, eine Zigarre im Mundwinkel, und rieb sich immer wieder die Stirn. Und dann stürzte er sich aus den Flammentöter. „Du brauchst doch noch Sachen! Natürlich pump ich dir, was du brauchst!" „Na, also! Und ich danke dir schön! Die Aussichten meine Schulden zu tilgen, sind augenblicklich wunderschön! Da ist's wohl keine Schande, ich schieß dich gleich um hundert Mark an, denn in dem einen Anzug kann ich doch nicht aufs Laboratorium steigen, er wär' bald von Säuren ganz zerfressen! ... Leg mir ihn heute abend unter'A Kopfkissen, den blauen Lappen, das bringt Glück . . . Jc^ nun Hab' ich nur noch eine Sorge! Daß rch mich nämlich 206 ttuiifi in deinen Schatz vergucke! . . . Tn—u, das war' eine yesahrliche Geschichte!" Krohlow lachte ihn aus. , , Da Hab' ich gar keine Angst! . . . Aber mern Jungchen, die Frude hat eine Schwester, die schwarze Lene, die paßte $u deinem losen Mundwerk!" ^ .. f Der Flammentöter fuhr auf von der Chaiselongue. „Du, wahrhaftig?" „Wirst ja sehen, —' heute mittag! . . . Aber ick glaube Nicht, daß du der mit deinen Künstlerlocken und dem ab-> geknabberten Bart gefällst!" . . , Bitte, das sind PrivaLangelegenberten! Merne Mahne opfere ich nicht, und wenn ich zu der den Schnurrbart verschneiden ließ, dann säh' ich doch total verrückt aus! ... Es wird übrigens höchste Eisenbahn! Pünktlich ist die Höflichkeit der Kirsten — und des Flammentöters, wenn's ihm gerade paßt! Und weißt du, auf Fräulein Klausner Nummer zwei hast du mich neugierig gemacht! Wenn sie ein lustiger Spatz ist, also dann steh' ich für mein Junggesellenherz nicht gerade! Wien!" „Adieu, aber wasch dir erst die Pfoten, Flammentöter, mir scheint's, sie haben es nötig!" . „Herr Wellerkamp! . . . Meine Frau! . . . Meme Töchter!" Der Fabrikant hatte es förmlich gesagt, geschäftsmäßig. Er kam mit vielen Menschen zusammen, manche Unterhand- lung führte nicht zum Ziele, war man zu herzlich gleich! von Anfang an gewesen, hieß es gleich: der Klausner hat mich einwickeln wollen, aber natürlich kroch ich Nicht auf den Leim. „ H t ^ , Wellerkamp reichte der Hausfrau. die 'Hand. „Freut mich sehr, Frau Klausner!" Und dann wandte er sich zu den Töchtern des Hauses. Er wollte irgend etwas Freundliches sagen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Steif war seine Verbeugung. Mit großen Augen starrte er die Trude an. Sein Herzschlag stockte. Gott im Himmel, was war die für ein Mädel! Ein bißchen blaß, in den großen Augen lag eine Dumme Frage, die Flügel der schmalen Nase bebten leise, und nun stieg auch noch eine seine Röte in ihr zartes Gesicht. Eick Zucken lief über die weiße Stirn, und dann öffneten sich die feingeschwungenen, vollen Lippen. „Wir haben Ihnen zu danken, daß Sie gekommen sind, Herr Wellerkamp!" . Festigkeit lag in der Stimme, einer Mtstimme, dre ttt keinem Ohre nachschwang. Eine Stimme, die so einem wüsten Gesell, wie ihm, Wohltat. Noch eine eckige Verbeugung macht« er. Halb wider Willen kamen ihm die Worte vom Munde: Krohlow hat mir Empfehlungen an die Herrschaften vufgetragen!" . ^ t ,. . 1>J0 , „Danke!" Die Monde hielt An die Hand hin, druckte sie fest. Er verstand. Mach! nicht viele Worte um ihn, zu dir Hab' ich Vertrauen. „ , Die Kinderstube hatte ihm ja gefehlt, aber auf den Hopf war er doch nicht gefallen. Woher kam mit einem Male die Leere da oben? . . . Und dem jüngeren Fräulein Klausner, das neben der Schwester stand, und nm deren Mundwinkel der Schalk zuckte, mußte er doch! auch irgend etwas sagen! . . . IN seiner Verlegenheit lachte er, rieb sich die Hände. „Nun geyt's hier an die Arbeit, ich werd' schon was erfinden! Donnerchen ja, ich bin doch der Flammentöter!" Bei der Lene kam ein Rückfall aus der Backfischzeit. Sie drehte sich! aus einem Absatz im Kreise herum und schüttelte sich vor Lachen. „Der Flammentöter! O — so — so! Hören Sie mal, das klingt aber sehr selbstbewußt!" „Nicht wahr? . . . Nun gilt's, den Beweis zu liefern, daß man auch noch mehr sein kann, als der' Flammentöter! Und das wird geschehen!" . . . Solche Umstände waren noch niemals UM ihn gemacht worden. Er mußte heimlich! in sich hinein lachen. Wenn er vorgestern irr seinen „Lumpen" vor Klausner getreten wäre, wre wäre da der Empfang ausgefallen? . . . Ja, Kleider machen Leute! . . . In solchen Kreisen war er nicht heimisch. Eine Unruhe schüttelte ihn. Lag das nun an dem ganzen „Klimbim", 'wie er's in seiner drastischen Art im Stillen nannte, oder an dem schönen, blonden Mädchen mit seiner Altstimme? . . . Merkwürdig — merkwürdig! . . . Sein Gefühl sagte ihm: Komme hier nicht zu oft her, denn sonst . , . Llich wias, das war ja Unsinn. Krohlow! war sein guter Freund, und die Blonde sah gar nicht so aus, als ob sie wetterwendisch wie der» Aplll Wäre. Da unterhielt etz sichj lieber mit dem Wildsang', der Lene. . . Wellerkamp wlar froh, als endlich die Dafel aufgehoben würde, er wandte sich an den Fabrikanten: „Herr Klausner, verzeihen Sie, aber ich! bin nun einmal ein krabbeliger Mensch,! Uno Hab' ein paar Tage nicht mehr in einem Laboratorium herumhantiert; mich zuckt es in den „_..t! Gehen wir! Uebrigens Hab' ich! vorhin mit Herrn Doktor Dezius einen kleinen Tanz gehabt! ... . Ich bat ihn, auf Urlaub zu gehen — vier Wochen, er warf mir die Kündigung vor die Füße!" Ein stummes Achselzucken war Wellerkamps ganze Antwort. Die Herren enrpsahlen sich . . . , Als sie gegangen waren, warf sich die Lene, in nächsten Stuhl und sachte hell auf. „Nein, das ist ein Kerl — der Mammentöter! ... Und wie er dich irmner angesehen hat, Drude! . . . -Dry das würd' ich mir aber verbitten, wenigstens so lange, ms er sich! seine Mähne hat abnehrnen lassen! Und mit dem Fischbesteck weiß er auch nicht umzugeheul" Frau Klausner sah die Lene mißbilligend an. , „Daraus kommt's nicht an, mein Kind! . . . Ob emev im Leben etwas leistet, das allein ist der springende Punit! Und da hält Herr Wellerkamp wohl jeden. Vergleich aus! Ich bitt dich also ernstlich, ihn zu behandeln, wie er's verdient!"- „O, Mamachen, das werd' ich! Denn, wenn er Millionen aus seinen ungepflegten Fingern hervorzaubert, ist's doch unser aller Vorteil . . . Aber in die Drude ist er verschossen, das Hab' ich gemerkt — jawohl!" „Unsinn," warf die ein. Lene winkte lachend mit der Hand ab. „Reg dich, nicht auf, Trudchen! Aber es ist doch so! . Na, da gratuliere ich Krohlow schön! . . . Auf wen ich reinsiele, wenn es einer der beiden durchaus fein ruüAte, ich! wüßte es!" Da hllyg sie schon an der Schwester Hals. „Nicht böse sein! Nimm oich aber in acht! Der Wammen- Löter ist etu ganz gerissener Junge!" Trude machte sich ärgerlich, frei. , „Du bleibst doch wirNich das Kleinchen^ trotz derner achtzehn Jahre!" c * , Und dann verließ die heimliche Braut das Zrmmer . . * Lene sah ihre Mutter au!" ^ ) „Hast du denn nicht auch WcB Aeurerlt?" „Nein," sagte die und sah zum Fenster hinaus. Da nickte die Lene und WviLg. Nach! einiger Zeit suchte sie die Schwester o::tf. „Trudchen, fet nicht böse! Ich fang auch ganz sicher nicht wieder von den: Flammentöter an!" „Dafür wäre ich dir wirTich von Herzsu dankbar! . . . Kemust dir doch denken, daß meine Nerven jetzt ziernlich empfindlich sind. Und wenn Man daun solche Reoereren mir anhören mach . . ." ^ „Na ja! . . . Aber nun leg die Hmrdarbeit weg! Komm, ich spiel, und du singst ein paar Weder. Solche, die dein Schatz gern hört!" Trude rrvckte und schlug das Klavier auf. „Guten Abend!" Wellerkamp b>etrat Krohlvws Arbeits^imnrer, drückte dem Freund die Hand urrd tv,arf sich aus dre Chaiselongue, „Rann?" sagte der junge Offizier und pflanzte sich vor der Chaiselongue auf. „Verzeih schon! Aber ich bin so schwere Wenvo nicht gewöhnt, mir ist ganz dumm im Kopfe. Mer Albernheiten Hab' ich nicht geredet!" Krohlow kniff die Lippe:: zusammen und sah den Freund an, der mit geschlossenen Ml gen dalag. „Du, worum zucken oir denn die Nerven so auf der Stirn?" „Weil inir's tatsächlich blümerant ist! . . . Ruhe muß ich, jetzt haben! Hast ou mir ein Zimmer besorgt?" „Ueber mir, bei der Witwe Uhlemanu! . . . Und hier die hundert Mark, nm die du mich batest!" Wellerkamp öffnete die Augen, machte eine ab wehrende Handbewegung. „Danke drr, nicht nötig! Der Klausner hat mir die drei Hunderter schon begeben!" „Wem: du nrch,t laugst . . ." „Goldsohn, ich werde! Meine Ansprüche sino ininimaV — vorläufig^ Roye. Tu bist mir iuuner ein.wenig windig vorgekommerr, -al te Stadt mit Hem königlichen, stolzen Namen. Windig im wörtlichen, nicht im übertragenen Sinn (obwohl auch das vielleicht jeine Richtigkeit 'hätte). Du liegst ziemlich hoch und frei über der Ebene, immer im strammen Luftzug, der von der fernen See oder Flandern herüberhornmt. Auch warst du oft Gegenstand liebevoller Aufmerksamkeit französischer Geschütze, und man kann an dir aufs beste studieren, was ans einem Ort wird, für den sich die ■ französische Artillerie interessiert. Ich kann ihr das nicht verzeihen. Tenn deine Kathedrale, die sie als Einschießpunkt benutzte, must,' Wort grosser Schönheit gewesen sein: rroch ihre armen Trürn- mer sprachen von der Harmonie und Formvollendung des zerstörten Baues. Tn hattest einen Marktplatz, Roye, mit gutem, !d» ines vrunkeMiLtt Namens würdigem Rathaus und mit ein paar seltsamen alten Fachwerkhäusern, die wie ans Deutschland, etwa wie aus Hans Sachsens Nürnberg oder dem Welserischen Augsburg, hergeholt schienen. Sonst konnte man an dir nur wenig Gefallen finden. Tu liegst so kahl auf deiner kahlen Hochebene, und unerbittlich hart und streng ist, das Gesicht deiner Landschaft. Ein Schloß war da in deiner Nähe, Goyencourt, etwas steif und ungemütlich, und ein Park' darum, ehemals schön, aber im Kriege verwahrlost. Immerhin: ein. Bremchunkt des Reichtums neben der offenbar sehr armen Stadt. Dein Name, Rohe, verheißt zu viel; du bist keine Königsstadt mchr. Vollends heute nicht, dafür 'haben die französischen Kanoniere gesorgt. Man war wohl drüben der Auffassung, daß an dir nicht viel zu verderbet sei. Tu hattest das Unglück, dein großen Fetterbrarrd an der Sonrme etwas zu nah« zu liegen. Tein Marne hat einen rauhen, harten Klang bekommen, wie vvu Granateinschlagen kracht es darein. Rohe spielt die große Pauke in der Abschieds- und Wiedersehensmusik. . „Wrr stießen über Jftotfe vor/' tneldeten vor einem Jahve siegestrunken die Frarrzosen; Ende März dieses Jahres wurde es wieder deutsch und .ist jetzt frontferne Etappe. Kriegsschicksale einer Unschuldigen Stadt. . . Armes, altes Roye! Chauny. An dich, kleine Stadt, kann marr ohne Schwerirmt derkken. Tenn du warst die Langeweile, gutes Channy, eine Langeweile, die nicht mit einem einzigen Tropfen französischen Geistes und französischer Munterkeit gewürzt war. Tu warst bieder und provinziell dazu und ein wenig verstaubt wie eine Baukastenstadt ans Großväterzeiten. Wer du hattest ein a:tsgezeichnetes Kasino, Filiale von Kasten in Hannover, und das war immerhin ein Anziehungspunkt. An deinem Marktplatz stand, schräg gegenüber emenr modernen Baukasten vmr besonderer Häßlichkeit, der im Friedest wohl als Präfektur oder Unterpräsektur gedient hatte, ein gutes, nettes, ganz Deines BarEheaterchen, das sich mtt seiner Puppen-, fasjade ängUich zwischen die Nachbrrhänser klemmte. Auch einest ganz anstärä-igen Park hattest du, Channy, wo der Frenrde hübsch und- beschaulich' hätte spazierengehen .können, wenn er dafür die; rechte Gesellschaft gehabt hätte. Irgendetwas war an dir, kleines, dummes ChAnny, das an .unser freilich viel freundlicheres Lud- wigsburg in Schwaben erinnerte. Und auf deine Einwohntt,- zu guter Letzt, lasse ich nichts kommen. Tas verdankst du ein« Händlerin an der Bahsrhvffttaße, die so viel Anstand und so wenig Erwerbs sinn zeigte, daß sie für eine alte, etwas fleckige AusichKS- psMsrte eines frrmzösischM Schlosses, für das ich mich mteressiert«, ha nAtn es von unserer Front aus Wie eine fern« Gralsburg irst französischen HinterlrurLe liegen sah, durchaus kein« BezaMnai annehmen wollte, weil die Karte zu schlecht sei. Und das, obwohtz sie sofort merken mußte, daß mir viel an der Karte lag und ich gern einen Liebhaberpreis für sie zahlen würde. Tiefer kleine, cm- ständige Zug, liebes Channy, hat sich mir ttef eingeprägt. —> Willst du noch sonst etwas beisteuern zu dem Quartett der Vitt Städte? Tu schweigst Und gähnst, wie das so'deine Art ist. Schweige' und gähne weiter, kleines .Channy. . . Doch nein — der Ort ist ja verschwunden. Im März 1917 ging er in Flanrmen auf, wurde Haus' für Haus gesprengt. „Unsere Kavalleriepatronillen erreichten Channy rat der Oise," triumphierte; zwar vor einem Jahre der französische' Tagesbericht, und auch unsere Meinungen verzeichuetm jetzt die Wiedereinnahrne. Ab«« das alte Channy ist es nicht mehr, das gute, langweilige, klein« Channy ... ^ Tu schöne, alte Stadt! Noyon. Tu schöne, alte Stadt! „Tie Deutschen sind in Noyon," pflegte Clemenceau, die alte Bulldogge, in Kammerreden und Zeitungsartikeln zu sagen. Es war sein nimmermüdes, austachelndes Ceterum censeo. Ob er Noyon besonders kannte, besonders liebte? Ob es ihm auch so ans Herz gewachsen ist wie uns? Noyon, obwohl wir dich wieder haben, der Gedanke an dich bereitet uns heute Schmerz. Du Beste und Schölt sie unter den Vierer:! Wer von der Front aus westlicher Richtung nach Noyon kaut, erlebte eine kleine Offenbarung: man gelangte, das reizende Di- vettetal („kleine Göttin" heißt dieser Bach und, die Orte, die das Wässerlein durchfließt, tragen Namen von gleichem Wohllaut Und rvmaritischem Schmelz: Tives, Tivette, Dive-le-Franc!) man gelangte, das reizende Tivettetal hinter sich lasserrd, aus eitreu Höhenrücken und sah die Stadt plötzlich zu seinen Füßen hingezaubert. Wie grün lag sie da im Sommer, wie licht und strahlend im Frühling, wie fröhlich bunt im Herbst! Viel mächtige alte Bäume ;urtb ein paar Dächer, außer herum ein schöner breiter Wleengürtck, die Boulevards, im Innern eng durcheinarLerlänfend« Gassen mit bmtten Häuschen, pützigerr kleinen Lädett, die Weiblichkeit zur guten JdhresML mit de,m SttickstmrM vor den Türen. Ml. 208 dies Kleine, Unscheinbare, aber wie zur Folie für ein Großes! hingestellt: Tie Kathedrale. , ^ . . . OV( Sie ist das Beste ruck Schönste an Noyon, das eutzcg Llonu- nrentale an pigm so glanz und gar nicht auf Monuineutalität, sondern ans intimere, stillere Wirkung, eingestellten Städtchen. Frühe Gotik, herb und steil und gradlinig, ein auf alle Nebensächlichkeiten verzichtendes, kühnes, kantiges Auswärtsstveben — so recken sich die beiden Pfeilertürrne, von weitem sich gleichend und dach in den Feinheiten durchaus verschieden, über die demütig gebückte Häusermenge, jäh mit zwei schwalbenumstoHenerr Tachpyramiden abschließend. Daneben das Schiff, großzügig und klar, mit steil e in, mäßig hohem Dachaufbau; rmch dem wltsamen kleinen Dom- £ enhlatz hin ein dreitoriger Eingangsbaldachin mit ztvei starken lern vvrgestreckt wie Brüste und Pranken einer Sphinx: mehrere ellen, dorm eüve, romanischen Stils, durch Brand zsrsOrt; endlich Klostergebäude, Kapitelsaal, Priesterftminar und eine interessante, sehr alte Bibliothek mit Holzschnitzereien. Alles unwandelbar gut üüd groß und sckM. , Gin seines Rathaus hat Noyon noch. Gotik mrt Renacssance- eleMA'ckÄl eigenartig vermischt, zu der Zeit erbaut, als in dem noch beute erhaltenen, düsteren Hause an der nach ihm benannten! Straße Calwin geboren wurde: vor dem Rathaus auf dem schönen stilvoll«! Vlatz eklen guten Ziehbrunnen, mit Obelisk und xtw-as tzu NMsslANN Fdrenschmnck, von einem Mschof Brvglie errichtet, ßler Mt ist Kleinstadt. aber -eine Kleinstadt mit zum Verwundern nuten Bauten, vornehmen, alten Patrizierhäusern, vor allem, Ke hinter bescheidener, fast ärmlicher Straßen front überraschend stine Garterrperspektiv-en verbergen, und dte in ihrem Jüuern ist behüteten, seiten betretenen Räumen Schätze an alten Oelbilderu Uno Stichen und feinen Möbeln aus besten Zeiten französischer Kunst und französischen Handwerks enthalten. Nohon hat alte Kultur, die der Feinfühlige auf Schritt und Tritt verspürt. Ev Keb bist du uns geworden und so vertraut, altes schönes Noyon, mit deinem schvalbenflugunlblitzten Türmepaar! Uitb deine Umgebung, hm unsere Front verlief und rvo wir nianchen Freund jmld Brüser betteten, deine freundliche Landschaft mit ihren Bergen juttib Tälern und Dörfern im schlängelnden Bachgrund ist uns bittersüßes Heirnwehland. . . Nun ist der Krieg zum dritten Male über dich hintoeggegangen. Ohne viel Spuren zu lassen, hoffen wir. Zwar dein grüner Kranz von Meen ist gefallen und deine Kathedrale soll gebralmt haben — es schmerzt, daran zu denken. Noyon ist nach einjährigem Interregnum wieder in deutschem Besitz. Und Cleruenceau Saun seine alte Litanei aufs neue singen. Me« dich kennt, hat Wiedersehenssehn-! sucht nach dir, schönes, unvergeßliches Noyon! W lvaren einmal vier kleine Städte hinter unserer Front im Westen, wo deutsche Soldaten fich's Uw hl sein ließen. Vor einem Jahre meldeten dre Tagesberichte ihre Ausgabe: Wir sind ans ihnen herausgegangen, freitvillig aber verstohlen, ohne laute Abschiedsklänge. aber mit einem leisen, schmerzllch-süyeu „Muß t fcmn . . . tnt Herzen. T-enn die vier kleinen, bescheidenen Städte waren uns gute Freunde geworden in der langen, langen Kriegs- zeit. Und beim Schüben gaben sie uns Ml Tavonzieheuden die sreuMich-einfache Weise ihres Lebensrhythnlus wie ein seines Geläut mit aus den Weg. Ein Abschieds guartett ... Jetzt haben wir die vier kleinen Städte lm-eder. Aus den: Abschieds auartett sind Wiedersehens klänge geword en. Keine fröhlichen zwar, denn von den vier kleine Städten .ist toohl nicht diel geblieben, und leere, tote Mauern haben uns in den geräumten Orten empfangen. Dennoch Wiederseheusklänge, bei deren Erinnerung die Kantilene geigt . . . Büchertisch. — Geheimnisse per Rechenkünstler. Von Dr. Philipv Maenuchen, Professor an der Oberr'ealschule in Gießen. 2. Auslage. (Mathematischphysik. Bibliothek, Bd. 13.) (IV u. 50 S) 8°. Kart. 1 Mk., Teuerungszuschlag 30»/o. Verlag von G. B. Teubner, Leipzig und Berlin 1918. — Das in zweiter Auflage vorliegende Bändchen zeigt, wie einfach die^ Kn st stg risse sind, deren sich die Rechenkünstler bedienerr, um schüvierige Rechnungen mit überraschender Schnelligkeit ün Kopse aus zu sühnen. Die Methoden werden an der Hand von Beispielen und Aufgaben stusenmätzig entwickelt, das Wurzelziehen z. B. auf die verschieden-! fache Anwendung von 5 „Kunstgriffen" zurückgeführt. Das.Bändchen bringt anschaulich zur Darstellung, wie die Rechenkünstler bei öffentlichem Auftreten Vorgehen und schließt mit einer Charakteristik von Gauß und Rückte als bedeutenden Zahlenrechnern.. Das interessante und überaus unterhaltend« Büchlein ist besonders zum Selbststudium für Me diejenigen geeignet, die Freude an Aufgaben zun« „Kopfzerbrechen" haben. Außerdem bietet es dem Zehrer ein erwünschtes Hilfsmittel zur Belebung seines Unterrichts. — Max Grube: Am Hofe .der Kunst. 368 Seiten. Gebunden 6 Mark. Verlag von Gr et hl ein u. Co. G. m. b. H., Leipzig. — Max Griibes Lebenserinnerungen, deren erster Band „Jngenderinn-erungen eines Glückskindes" in seinem Frohsirru, semer Buntheit und Lebendigkeit bei Publikum und Presse so großen. Beifall fand, werden in diesem nouieu Bande, derft tt den Titel „Am Hose der Kunst" gegeben hat, in der glei-chsu «ungewöhnlich interessanten und geistvollen Art syrtgeführt. Ist es im ersten Eionde der Reiz, die inenschliche Entwicklung Grubes von der KinWeit an bis zum reisen Künstler m verfolgen, der den Leser besonders fesselt, so rvird der ziveite Band, der derr großen Schauspieler und Theaterleiter aus der Höhe seiner Kunst und seines Erfolges zeigt, nicht minder interessieren. Dieses Buch ist ein ganz besonders reizvoller Beitrag zur Thcarergeschichte den letzten dreißig Jahre. — Neues v o n Spitzweg. Unter diesem Titel ist eben im Delphin-Verlag München ein Wlffches Bändchen erschienen welches eilte Sammlung unveröffentlichter Gedichte und Briefe des Münchner Mttneisters und außerdem 43 Küpserdruckbilder und Zeichrmugen enthält. Ueppi-g sprießt und 'rumort in diesen Gedichten^ Schnadahüpfeln und Briefen in Sonnnersrischenstimmmlg und in der Sphäre junger holder MeiblictzZeit Spitzwegs Humor. Die beigegebenen, mit -einer Ausnahme Wer zürn er Kn M-al wieder- gegebBwn herrlichen Malereien scherckm unendlichen Genuß —- dem Kenner und dem Laien. Der Weis des hübsch gebundsndn Bändchms ist 3.50 Mark. —. Von „Deutschlands Erneuerung" der nationalen politischen Monatsschrift (I. F. Lehmarms Verlag, München; Preis für das Einzelheft 1,80 Mk.), wird das Juliheft versandt. Der GermanensreunD H. St. Chanrberlain eröffnet es mit einem grundlegenden Aufsatz über „Rasse und Nation", Professor Dr. Samafla, Wien, schreibt über die „Verfassnngskrift Oesterreick-s", Professor Dr. E. Jung, Straßüurg, unterzieht d« Zusammensetzung von „Unsernr Ä. A." (Auswärtigen Amt) eurer geistreichen Untersuchung, ivührend Professor Dr. Fahr, von Liebig die „Bnkarester Friedeusbilanz" zieht. Der wannherzige Freund der deutschen Sache, Pfarrer A. Völliger, Zürich, bespricht die „Notlage per Schweiz u.nd Deutschlands Hilfe". Eirr gut erugeu-eihter Politiker rreist itt dein Äuffatz „Der Nuntius kornmt!" (Der rotgoldenL Salon) auf die großen Gefahren hin, toelche der inneren Entwicklung Deutschlands aus einem neuerdings in Berlin gefchafseneu Mittelprinkt für revolutionäre Umtriebe zu envachsen trn Begriff sind. Außerordentlich ernst« t ragen, tvelckre gerade die deutschen Zeitun.geu berühren, erörtert . Friedrich Ernst in der Abhandlung „Deutsches Geistesleben und deutsche Tagespreise". Dr. O. Lehrnann-Altona endlich bringt in dem Aufsatz „Ein Mnsaunr für deutsche Stammes- und Rassenkunde" Anregungen zur Pflege sainilieu- und raffen- geschichrlicl>er Kenntnisse. — Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Libttü« tursreuude. (Begründet von Dr. Joses Ettlru.ger. Hermrsgegieberr von Tr. Ernst Heilborn.) Verlag: Egon Fleischel & Co., Bermr WS. Das p Juliheft ist soeben mit .folgendem Inhalt erschienen; W. v. d. Schulenburg: Gobinean und die Gräfin de la Tour; Alois Brandl: .Tie stillen Königreiche; Richard MMer-Freien- fels: Nationale Besonderheit: Paul Feldkeller: Moderne Sexual- metapht)sik. — ^Echo der Bühnen — Echo der Zeitungen — ^ Echo der Zeitschriften — Echo des Auslandes — Kurze Anzeigen. Gießeuer Hausfrauen-Berein. Kochanweisungen. Silber und Gold. Gelbe Erbsen tvesth kochen. Graupe« ebenfalls, abgekühlt .Mtereillmldergemischt. Nach dem Awrichpvr das gut abgeschmeckte Gericht mit in Stveiseu geschnittMen, tn etwas Fett gerösteten Zwiebeln übergossen. Graupen m it Apfelwein. Am Abend vor dem Gebrauch tvecden 175 Gramnr Graupen eiugeiopchh ain anderen Tag in leichck gesalzenmn Wasser ganz dick und welch gekocht. Sie werde« dann aus ein Sieb geschlittet, mit kaltem Wasser kurz überftE üud mm in einen dickflüssigen Sirup getan, den man aus em«p Tasse Tlpselwein, dem Saft 1 Zitrone, auch Schale, wenn mm» Zitrone hat, und 150 Gramm Zucker yekocht hat. Tie Graupen müssen in dem Sirup so lange ziehen, brs sie rhu ganz aufges>sgjLN haben. Wan rührt 5 — v Blatt (Platine durch, gibt die Wewgmrrpm in eine glatte Form irnd läßt sie erkalten mrd erstarren. GestürzL umgibt nran sie mit gekochten .Kirschen. Grießkuchen. .300 Grmnrn Zucker, 300 Gmmm Grieß, 300 Gramm gekvckOe, geriebene Karüofseln, 1 El, Vainllezircker, 1 Backpulver. TuadratrStsel. AAEEFPKO OPPPREKU Diese Buchstaben sind in Quadratwrnr derart zu ordnen, daß die vier wagerechten Reihen gleichlautend rnit den vier senkrechten sind und Wörter von folgender Bedeutung bilden: 1. Körperteil; 2. Kunstiverk; 3. Stadtteil von Aloustantinovel; 4 . Weibliches Wesen. (Auflösung in nächster Numrner.) Auflösung der Sckerzcharade tu voriger Nunrmer. Trauerbotschaft. -Schriftleitung: W. Aievsr. — Zwillin-srunddruck der BrÄhl'fchen Univ.-Buch^- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen»