Flieger über London. Londoner Erzählung aus den Spät Herbsttagen 1L15. Bon Justus Schoenthal. ' (Schluß.) „Sie sind also der Gefahr wohlbehalten entronnenÄ^ „Ich bin gerettet. Es ist alles bereit, gnädigste Baroneß. Ich danke Ihnen für den Beweis Ihres Vertrauens." „Auch wem Schwager hat mich begleitet .Es wird Ihnen gewiß erwünscht sein, ihm persönlich die Hand zum Abschied za drücken." Kersten trat auf den Viscount zu: „Herr Oberst, sobald wir uns heute getrennt haben werden, sind wir inieder Feinde. Aber ich glaube, iu unser aller Sinn zu sprechen, wLiur ich der Hoffnung Allsdruck verleihe, daß der Tag nicht mehr fern sein möge, all dem nach dem Frieden von der Elbe- zur Themsemündurrg sich eine Brücke gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Ächtung hinüber- wld herüberwölbe/ Der Viscount gab ihn; die .Hand. „Meine Anerkennung möchte ich Ihnen jederrfalls nicht bersagen. Was Sie hier geleistet haben, ist aller Hochachtung jvert. Bis am diesem Tage hätte ich ebne solche Leistmlg, überhaupt für unmöglich gehalten." ( Der Hauptmann verbeugte sich, und Atterley flocht mit leisem Spott ein: „Ja, beim lieben Gott und einem deutsche Hauptmann ist kein Ding unmöglich!" „Auch Ihnen, Herr Atterley, ineinen allerherzlichsten Dank für den. liebenswürdigen Beistand zum Gelingen." «Er schritt übtx die Wiese zum Flugzeug voran. „Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen behilflich seill?" 'Er reichte ihr den Arm. „Habeil Sie ein wenig geschlafen ivährend der Eisenbahnfahrt?" „Dazu war ich leider zu aufgeregt. In mir zitterte alles, ich begreife Ihre Sicherheit nicht!" „Ich habe auf Vorrat geschlafen, Baroneß", erwiderte er lachend. „Bitte, machen Sie es sich so bequem wie möglich!" Marianne hatte Tränen in den Augen. „Schwager, behalten Sie mich lieb und verzeihen Sie mir, wenn ich-" Er unterbrach sie, ihr die Hand schüttelnd. Seine Stimme klang wie geborsten. „Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Glück auf den Weg, Marianne, alles Glück, das Sie selbst sich erhoffen. Leben Sie wohl!" Der Hauptmann hatte den Motor nochmals geprüft, auch den Benzinvorrat untersucht. Me Vorbereitungen zum Abflug waren getroffen. Zitternd setzte sich der Motor wieder in Bewegung. „Gnädiges Fräulein!" sagte der Offizier heiter. „Haben. Sie eine Uhr bei sich. - Welche Zeit zeigt sie ott?" Verwundert zogen alle die Uhr, und drei Wimmm antworteten zugleich: „Auf derl Punkt zwei Uhr fünfzehn!" „Bitte, Baroneß, rücken Sie die Zeiger auf drei Uhr zehn. Diese Zeit künden jetzt die Uhren in Deutschland. Wrr werden nach deutscher Zeit abfahren. Damit scheide« wir auch äußerlich von Englcnid! —- Leben Sie wohl, meine Herren, Und denken Sie uus^r iu Liebe!" Noch ein Händegruß und noch einer... Der Riesenvogel hob sich mit seiner Last, und wenige Sekunden später hatte ihn die Nacht verschlungen. . ' f Marianne hörte noch das doppelte „Goodbye" der beiden Herren. Sie sah im Nebel ein paar Baumkronen. Zu ihren Füßen zischte etwas Weißes aus, vielleicht die Brandung, die ans Gestade rollte; dann sank sie zurück und schloß die Augen. Als der Hauptmann sich nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie schlief. Die Aufregung der letzten Stunden hatte doch nicht die Rechte der Natur zu beugen vermocht. . . Er aber sah nrit weit offenen Augen in die Finsternis urch steuerte gen Osten, Deutschiland entgegen. 18. Kapitel. Union Jack. Der Obermatrose hatte lange genug in die Wellen der Nordsee gestiert. Er spuckte den Priem über die Reling und meinte geringschätzig: „Nee, Kinder, det nennt ihr nu Dienst. Det nenn ick Ofenhocken zur See. Ick seh schon: wir fahren heute abend wieder zu Hause und ham urscht erlebt." Er hatte die Irrfahrten der Eindenmann schaff unter Kapitänleutnaut Mücke nritgenracht und spielte bet jeder Gelegenheit seine 'Erfahrung in Abenteuern den weniger erfahrenen Kameraden gegenüber als Trumpf aus. „Nee, ick Hab et immer jesagt: Seit wir bei die Arabersch Waren, macht mich der janze Krieg, keene Freide mehr. Wat tun «wir hier? Halten Pulver trocken und Mau lassen feil." Er klopfte dem neben ihm stehenden Maat derb aus die Schulter. „Wat, Kamräd vons Jebirje, Hab' ick recht oder nich?" Der Kamerad vons Jebirje versetzte in unverfälschtem Bayrisch: „Bist halt a Preiß, die müassn ollwei schimps'n. Anders gehts net." Der.Preuße spie abermals aus. „Wat Ham wa nu hier W suchen? Stehn uff vor-i jeschobenem Posten. Ick melde mir nechsiens zu de Zeppeline. Die artveeten doch mal. Wird ne beese Suppe jewese« srrrd, wat se jestern abend an de Themse jelefselt haben." Gr sah zur Uhr. „Wat? schon fittüjf? Na, wird bat denn heute de« 190 ftRtzen Dach sv'n jranlichet Wetter sind. Sieht ft aus, als eft die Sonne vaschlaftn hätte." Er gähnte. Doch der andere hielt ihn fest. „Obermaat,, siehgst dn da ob-'n dö Fliag'n?' ' „Mensch mach reene Zicken. Mir is nich! danach!" „NLrr aa net! Aba des da ob?n is a englischer Flieger!" „Wa—inwi—?' Er ängte scharf in der aingedenteten Richtung. Dann weinte er: „Ja, das ist ’ti Doppeldecker. Obs 'n englischer oder eener vor: uns is, weeß rck nich." „Mei Liaba, i bin an olta Wildschütz. siech an Gams bock af tausend Meter an, ob er an scheen' Bart hat oder net. lln da ob'n siech i nir von an eisern' Kreuz." Auch die Wache hatte den Flieger bemerkt. Durch das Fernglas wurde festgestellt, daß an der unteren Tragfläche oeS Flugzeuges der Union Jack angebracht war. Das Leben erwachte sogleich an Bord. jEndlich einrnal eine Unter- brechung der Eintönigkeit! Man war dem England^: fast daüwar. Die Ballonabwehrkanone wurde schußfertig gewacht. Der Leutnant zur See Kellner, der die kleine Abteilung befehligte, murrte zwischen den Zähnen: „Blödsinnige Bande, s>> am frühen Morgen da rnmzu- gondeln!" Und der Maat fragte hitzig: „Wettst, daß i 'n triff'?' Und richtig, der dritte Schutz streifte den grauen Vogel. Wer ehe noch der Leutnant den Befehl zum vierten geben konnte, verwunderte sich der Bayer hörbar: „Ja, was war denn etz dös? Dö winka ja mit'n Sack- tüchel un etz Werft s' goar Weiße Zetteln abi. Heilige Marandjosef, da springt oaner runter, jessas naa, un etz der ander, und siehgst as do, etz brennt des ganze Mump mitsamt 'n Union Jack." „Na," brummte der Obermaat, „det war oach hechste Zeit. Stand schon oberfaul, de Krste. Slolln se verlekcht Warten, bis det killekille an. de Fußsohlen macht." Ein Boot wurde zu Wasser gelassen .Der Seegang War ruhig. „Ma könna s' dv net versaufe lass'n, tvenn's aa Eng- lünda san." >—- Der Marinestabsarzt Dr. Festersen war nicht gerade entzückt, als man ihm die beibeit englischen Flieger brachte, i^ert ihm die Engländer seinen einzigen Bruder erschossen, hegte er einen tiefen Groll gegen die ganze Nation. Er verabscheute die englische Kriegftihrung, und er müßte kein Sohn der Wasserkante gewesen sein, wenn ihm nicht von Kindesbeinen an ein gewisser Abscheu gegen das Krämervolk jenseits des großen Teiches eingeimpft worden wäre. Mürrisch sah er hie beiden Gefangenen an, die das Bewußtsein noch nicht wieder erlangt hatten. „So ein kaltes Bad schadet den Burschen nichts! Maat, wachen Sie eine Kammer mit zwei Betten für die Kerle frei. Schließlich sind es auch Menschen, und dafür, daß sie uns nichts mehr anhaben können, wird gesorgt werden." i Während er das sagte, hatte er sich über den jüngeren der beiden gebeugt. Er prallte erschrocken zurück. „Dunnerb'fttchen, das ist ja gar kein Mann!" Die Seeleute grinsten einander verlegen an, und der Bayer murmelte halblaut: „Siehgst as do, etz schicken s' uns de Suffragetten aa no Lbern Hals. Etz is g'fehlt!" Und einer der Matrosen stieß ihn in die Seite. „Dat schall woll 'n sötet Mäken sünn." Der Arzt hatte seine Untersuchung beendet. „So, und nun die .nassen Kleider vom Leib! Dann hinüber in die Kammer! Und holen Sie mir Decken und Bett- ftücke, soviel Sie auftreiben können! Nach solchem Bad ist eine richtige Schwitzkur das allerbeste." Die beiden bewußtlosen Flieder wurden in die Kammer getrauen. Doch der Maat kratzte sich «verlegen den Hinterkopf. „Was haben Sie denn, Osterhnber?' herrschte ihn der Schiffsarzt an. < ,Ha, so Hab ichs goar net g'moant," stammelte der Kfamm in oa Zimmer legfn könna." \ Dr. Festersen lachte. „Sie denken sehr sittlich, Osterhnber. Aber ich meine, da die beiden in einem Flugzeug in der Luft herutw- kutschieren und gemeinsam ein Bad nehmen konnten, werden sie zusammen m einem Zimmer schwitzen können. Für Damenbesuche sind wir leider auf Seiner Majestät Marine noch nicht eingerichtet. Wir werden so viel Kissen nn8 Decken zu allem Uebersluß drauf packen, daß sich die Gefangenen kaum rühren können. Damit dürsten auch Ihre sittnchen Bedenken zur Rühe kommen." „Ja, so Hab ichs ja goar net g'moant, stammelte der Bayer. „Schon gut, schon gut!" schnitt der Stabsarzt die weitere Erörterung ab. „Wegtreten!" Sie verliehen die kleine Kammer, und der Arzt befahl noch: „Me Papiere, die die Gefangenen mit sich führen, bringen Sie zum Herrn Kapitänleutnant! Dort treffen Sie auch mich, wenn 'im Zustand der Gefangenen eine Verschlechterung eintreten sollte. Alle zwanzig Minuten sehen Sie, Maat, mit einem Obermatrosen einmal nach dem rechten. Oeffnen Sie mir aber die Tür leise. Denn die Leute brauchen Schlaf. Sollten sie aufwachen, so erhalten sie eine Tasse reichlich gezuckerten heißen Tee und etwas Schiffszwieback. Aeußern sie Hunger, so können sie aus der Küche etwas Haferschleimsuppe oder Fleischbrühe erhalten, auch Brotsuppe im Notfall, aber nicht rohes Brot. Gehen Sie vorsichtig mit den Gefangenen um! Ich möchte nicht, daß es von der deutschen Marine heißt, wir hätten unsere Gefangenen schlecht behcnlüelt. Was jenen recht war, soll uns Deutschen noch lange nicht billig sein, 'n Morgen!" Der Kapitänleutnant nahm den Bericht über ben Gesundheitszustand der Gefangenen teilnahmslos entgegen!. Er beschäftigte sich in der Achterkajüte gemeinsam mit dent Oberleutnant zur See damit, die Papiere ourchzusehen, und fast gleichzeitig entrang es sich ihrem Munde: „Das sind ja Deutsche! Landsleute haben wir dn auf- gefischt!" Dann sahen sie sich eine Weile sprachlos an. Der Kapitänleutnant fand zuerst eine halbwegs vernünftig scheinende Erklärung: „Dieser Hauptmann Kersten wird in einem englischen Gefangenenlager gewesen, von der kaunl verdächtigen Baltin Marianne yon Roggenhusen befreit worden und dann gemeinsam mit ihr auf einem englischen Flugzeug geflohen sein." Der Stabsarzt aber hielt die Geschichte immerhin für rätselhaft; doch ein Verhör sei jetzt nicht rätlich und oey Gesundheit der beiden in jedem Falle abträglich. Im selben Augenblick ward er abgernfen. „Hat sich der Zustand verschlimmert?" fragte er besorgt. „Nein! Wollte Herrn Stabsarzt nur gehorsamst melden: Me Gefangenen sind aufgewacht und sprechen deutsch." Uno wie ein Flugfeuer verbreitete es sich auf dem ganzen Schiff: Die gefangenen Engländer sind entflohene Deutsche. Nur der Obermaat war nicht zufrieden. Nachdem er abgelöst worden war, stellte er im Mannschastsraum den Sohn des Gebirges also zur Rede: „Na, siebte, Mensch, det nennst du nun wieder 'n Ereignis. Vier Tage sin wa hier draußen jelegen und Ham jelauert uffn Engländer. Am letzten Tag komm 'n englisches Flugzeug. Wir schießfn fürn Blauen in de Lust, fischen de Insassen uff und, wat sin se: Deuffche! — Nee, weeßte, wenn ick Skat dresche, det 's, weeß Jott, uffrejender als euer Krieg hier.. Ick melde mir an 'n Posten, wo's nich so dämlich zujeht . . . Hahaha, Weiber schießen se runter, Weiber! ! ! !" Der gutmütige Bayer räkelte sich in seiner Koje daneben. „Woaßt, wannst ra Preiß net waarst, taat i sag'n: Halt's Bläu . . . aba du bist halt a Preiß!" Und dann schnarchten beide um die Wette. ■—-f!—i'— In der kleinen Kammer aber war inzwischen der Hauptmann zum Leben erwacht. Er schlug die Augen auf und sah eine hölzerne, niedrige Decke. Er wollte sich auftichten; aber er vermochte es nicht. Hatte er seine Glieder gebrochen? War er gelähmt? Wo war er? Was war mit ihm geschehen? Allmählich dämmerte es in seiner Besinnung. Er war aus England geflohen. Ja, richtig, mit. . . Marianne. Sie hatte geschlafen, und er war in die Nacht hinausgesteuert, dem Morgen, ihrern Morgen entgegen. O, er entsann sich sehr wohl. Wie plötzlich, weit, lveit vorne ein gelber Streifen aufgetaucht, als stünde der Horizont in Flämmen, und wie der gelbe Streifen höher und höher gestiegen, sich rot gefärbt und plötzlich die Sonne in all ähr er Pracht aufgegangen war. Er hatte Marianne geweckt. „Sehen Sie nur- Baroneß, in Deutschland begrünt 101 RS $» tagen. Wie wundervoll. Wir sftch-verr irr den jmmen Day hinein. Der graue Klecks du rechts, das ist die Küste von Holland. Wenn uns also jetzt etwas Menschliches zustoßen sollte, dann haben wir immer noch unsere Schwimmwesten und rönnen auf den grauen Klecks zuyalten. Schauen S:e rückwärts! England rst in der Nacht verschwunden. Wir aber fliegen den: Tag entgegen. Ist das nicht herrlich?" Me nickte. „Jetzt brauche ich die Papiere des Eaptain Lyngford nicht mehr." Er hatte aus seiner Brieftasche einige Schrift stücke zusammengesucht. „Sie haben mir lange genug g::te Dienste getan. Jetzt bin ich vor aller Welt wieder dev deutsche Hauptmann Paul "Kersten." Befreit hatte er die kalte Morgenluft eingeatmet. „Da vorne, wo der Küstenstreifen lichter wird, da liegen die ftiesischen Inseln. Da werden, wir rechts ab biegen. Dann sind wir innerhalb der deutschen Gewässer. Wrr tpüssen , bald den Vorposten der deutschen Flotte begegne::. Lugen .Sie scharf ans, Baroneß." Marianne hatte das Fernglas an die 'Augen gesetzt. „Ja, ja, mich dünkt, ganz da vorne ist so etwas wie ein Schiff." „Wollen Sie mir einen Augenblick d-ß Fernglas herüoerreichen? Danke. . . Ja, das ist ein kleiner Kreuzer oder wohl eher ein Hochseetorpedoboot. Es scheint still zu ftegen." Er gah ihr das Glas zurück. „Können Sie die Flagge nicht erkennen?" Marianne schüttelte das Haupt. ' „Gs hat anscheinend keine Flagge aufgesetzt." „Es wird wohl ein deutsches oder neutrales Schiff kein. Die Briten wagen sich nicht so weit an die deutsche Bucht heran. Wir wollen drauszu halten." . . . Umb plötzlich hatte er da unten ein kleines werßes Wölkchen gesehen. „Sie beschießen uns!" schrie er auf. „Schrrell, schnell, Baroneß, ein weißes Ducht Jia, nehmen Sie Ihr Taschew- ttdchl Winken Sie! Hier ist ins in Notizbuch ! Zerreiße n! Sie die weißen Blätter und lassen Sie sie daponslatteLn! Schon wieder ein Schuß! Schrvell! Um Gottes willen! Der nächste Schuß ist ein Doffer!" Und dann hatten sie einen furchtbaren Stoß verspürt. Der Motor hatte ausgesetzt. „Marianne!" ries er . . . Es war das erste Mul, in dieser Angst lum ihr Leben, daß er sie beim Namen nannte. „Marianne, sind Sie verletzt?" Und von zitternden Lippen kam es zjnrück: „Nein, ich, bin unversehrt. Und — Sie?" Er hatte keine Zeit zu ^antworten. Der Schuß hatte in den Motor eürgeschlagen. „Werfen Sie den Ueberrock ab, Marianne, und springen Sie ins Meer! In längstens eir:er Minute brennt das Flugzeug lichterloh. Wenn sie Menschen sind und Erbarmen hakwn, werden sie uns auffischen. Sonst-Drüben ist Holland." Mechanisch hatte sie gehorcht, und auch er hatte den Ueberrock abgestveift. Als er die Wellen über ihr zus-cm:me:r- schlagen sah, ivar er ihr nachgesprungen. Dann . . . ja, dann mußte er die Besinnung verloren haben. Und wo war er nun? Gr konnte gwade durch die runde Luke der Kammer einen Blick hinarlslverfen. >Gr sah ein Stückchen grauen Himmel und das Meer und er hörte, wie die Wellen an die Schiffswand klatschten. Ob er gelähmt war? Gr fühlte jedenfalls am ganzen Körper eine wanne Näffe. Mein Gott! Und solch einen Berg von -""Ten und Decken hatte man aus ihn getürmt. Er mußte gelang ihm, den Kopf etwas zu heben, und da sah er mit Reißzwecken an die Tür geheftet aus einer illustrierten Zeitung das Bild des Deutschen Kaisers' und dmwben einen Lichtdruck vom Grafen Zeppelin und dm: Marschällen Htnideriburg und Mackensen. Da wußte er, daß er auf einem deutschen Schiff und daß er geborgt war. Und Marimrne? Zähes Eirtsetzen stieg in ihm auf. Hatte:: sie ihn allein aufgeftscht und war Atariamre in den Wogen versunken? Er wollte ausspringen. Mit aller Kraft stemmte er qmm die Kissenlast -auf seiner Brust. Gs gelang ih!m, Kopf nach links zu drehen. Da sah er an der anderen Wand der kleinen Kammer ein zioeites Bett stehe::. Und Unter einem Berg von Kissen u:rd Decken schauten zwei treue, liebe Augen Kn ihm herübler. Ties ineinander tauchite ihr Mick. Dann flüsterte er zag und leise: „Marianne!" Wie Andacht klang es. Und noch einmal: „Marianne!" Und dann lauter: „Marianne, wir sind gerettet, wir sind aus einem deutschen Schiff, aus deutschem Boden. Und hier auf deutschem' Boden iivollte ich erst du: Frage an Sie richten . . ." Gr hielt inne und sah sie fest an: „Marianne, wollen wir jetzt immer zusamnrenbleiben, Wollen Sie . . . willst du mein sein, Marianne?" Sie öffnete die Lippen zum Sprecher:, ganz wenig nur, er sah die Zähne kaum dahinter blitzen. Gm Laut nur war's, unhörbar fast, und doch ahnte, fühlte, wußte erdaß dieser Laut sie ihm zu eigen machte für Zeit und Gvigkeit. Ein Jubelruf entrang sich seiner Kehle. „Marianne! Marianne! Du, Liebe, Liebste, du!" Und zwei selig leuchtende Augenpaare trafen sich in einer:: Strahle reinsten Glückes. Dar Telephon in der Eisenbahn. Won Artur Für st. (Nachdruck verboten.) „Meine Ruh' ist hin!" seufzte der dicke Bankier Müller, indem er sich mühsam aus seinen: bequemen Fenstersitz in der erste!: Klasse erhob. In der Dür des Abteils stand der Laufjunge des D-Zuges, der ihm ebe:r zugerusen hatte: „Sie werden am Telephon verlangt r „Ach", dachte iber Bankier, während er sich zu der Fernsprech?- zelle in dem Bureauwagen begab, der gleich hinter dem Speise wagen lief. „Ach, wie gut war's doch früher! Da hatte man wenig- steiis während der Fahrt seine Ruhe. Und jetzt ttüijj man ans Telephon sogar bei 120 Kilometer Stundengesäpoindigkeit!" Das eben geschilderte Kleine Begebnis ist für Europa noch ein Zukunftsbild-, doch schon (wird angekündigt, daß wir bald nach dem Krieg mit einer solchen Einrichtung gesegnet werden sollen. Armes zwanzigstes Jahrhundert! Du bist wirklich daraus aus, all unsere Nervenkraft zu vernichten. Dieses Mußerste, dieses Letzte hat uns noch gefehlt! > Das Problem der Eisenbähntrlephonie war nur auf drahtlosem Wege lösbar. .Denn etwa mit Kontaktbügeln, die auf Drähte» schleifen, eine ständige elektrische Verbindung des fahrenden Zuges mit der Außenwelt herzustellen, ist nicht gut möglich. Die Draht- leituugen wären für die Geringfügigkeit ihrer Ausnutzung viel zu teuer geworden. Der Aether aber stellt sich überall umsonst und gern zur Verfügung. Schon seit mehreren Jahren hat sich zur Aether-Telegraphie auch die Aether-Telephonie gesellt. Don großen. Stationen aus über den Ozean zu telephonieren ist heute kein Kunstück mehr. Es fanrb nach den: Kriege sicher oft geübt werden.. Und hierbei sei -cm* gemerkt, daß Fernsprechen durch lange Kabel bis zum heutigen Tag unmöglich ist, infolge der eigentümlichen Ladungserscheinun gen, die in den Unterwasserdrähten austreten. Die forsche, jüngere Art dev Fernübermittlung hat also die ältere schon geschlagen. Daß man bisher — Gott sei Dank! — aus dem fahrenden Zuge noch nicht telephonieren konnte, kan: nur daher, daß für das drahtlose Fern-, sprechen bisher sehr umfangreiche Maschineimnlagen notwendig, waren. Heute geht es nun mit den höchst eigentünllichen and geheimnisvollen neuen Vorrichtungen sehr viel leichter und einfachere Und wie geschwind- ist eine solche Anlage hergerichtet! Da braucht man nicht erst große Pläne zu zeichnen, mit Bodenbesitzern, zu verhandeln, schwierige Gestänge zu errichten, man hat nur nötig, am Zug und ar: den verschiedenen Empfangsstellen die Apparattir aufzubauen, und schon kam: es los gehen. Welch ein außerordentliches (Wunder aber ist die drahtloi« Uebermittlung der menschlichen Sprache! Derselbe freie Raum, in dem unser Wort in wenigen Metern Entfernung spurlos verhallt, dieser selbe Raum trägt nun die Sprache über Hunderte von Kilometer:: mit voller Klarheit himveg, Mit größerer Deutlichkeit wgar, als sie in der: Telephvndr ächten geführt rvird. Dem: in der drahtloser: Anlage fehlen alle Nebengeräusche. Es ist eben nun nicht mehr die Luft, die de:: Schall befördert, sondern der Aether nimmt ihn! mit auf die Reise. Es werden immer gleichbleibende, fern hinans- strahlende Grund schwing ungen des Aethers erzeugt, und „diesen prägt man durch einen zu geschaltete!: Sprechapparat die äußerst seinen und disserenzierten .Schwingungen der Sprache auf. Die Aetherwellen nehmen diese gewissermaßen aus starkem Rucken mtt sich und lassen sie durch nichts verlvischen. ^ „Hier Müller!", ruft indessen der Bankier m der ^ripprech- zelle des Zuges, und klar und deutlich vernimmt er die strnime seines Prokuristen, der ihm euren höchst unangenehmen Geschäftsverlust nicht bis zu seiner Ankunft an: Wohnort verheimlichen zu können meinte. Dem Sprechenden wird es heiß in der kleinen Zelle. NacGem er den: Telephon entrönne:», geht er dr:rch die Tift 192 nebenarr, kleidet sich Aus, um sich durch ein küUes Bad zu ev-f frischen. Und dies« Errungenschaft der Technik, das Badeabteil im V-Hng, empfindet er im Gegensatz zum Zug-Fernsprecher durchaus als etwas Angenehmes) Der „C hampagne - Kamer a W* bringt in seiner NmnMer vom 2.Juni 1918 folgendes Gedicht von Leutnant Werner Bock- Gießen: Vor dem Angriff. Ich will ein.letztes Mal noch singen. Bevor die Schlacht den Mund mir schloßt. Das Schicksal breitet seine Schwingen Auch über mich, den es verdrießt, Tie Feder mit dem Schwert zu tauschen i So tone, Herz, ich will dür lauschen! Kaurpf war dein Med M allen Zeiten, Nun Mudcrst du vor diesem Krieg? Tu zogst so oft hinaus zun: Streiten Und zwangst dir blutend manchen Sieg. Wo ist die Glut, die in dir lohte, Erlischt sie zitternd vor dem Tode? Dich Hat in deircen tiefsten Stiurden Ter Strom der.Ewigkeit durchbebt. Tu hast tiesinnerst -oft empfunden, Was uns ins Reich der Sterne hebt: Tie Trommel schlägt, die Fahnen tvehen: Wirst du die Probe treu bestehen? Zu fternd ist dir der Lärm der Schlachtzm, Tu kämpftest stets.für dich allein. Und doch war dein geheimstes Trachten, Dich eitler Kette einMveih'n: Wie du auch spähtest in die Weibe, Kein Kämpfer trat an Heine Seite? Und heute? Tauserrd Männer breiten Die Bruderarme aus nach dir. Sie Ivvllen alle mit dir streiten. Und was sieMhrt, ist dein Panier: Sich einem Ganzen hinzu geben. Dafür M sterben, um M leben! Da b-richt mit Dtacht aus tiefstern Gvunde Der Sang, auf den du stets geharrt So lächelt die ersehlrte Stunde, Tie nml auch dir beschießen ward: Was du im Lied so oft verheißen. Mit deinem Mitte zu beioeisen! - Büchertifch. —- S. M. S. „Wolf". Von: Komnmndanten Fregatten' kckpitän Nerger. (Verlag August Scherl G. m. b. H., Berlin, Preis 2 Mark.) — Nun liegt das mit so berechtigter Spannung erwartete Buch des Kommandanten von S. M. S. „Wolf" vor. Ein stattlicher Band von 160 .Textseiteir, denen noch 73 Bilder nach photographischen Aufnahmen beigefügt find. Daß der „Wolf" seine schwierige.Ausgabe, auf den fernsten Weltineeren durch Minenlegen nrtb .Versenken die feindliche Scksiffahrt zu lähmen rmdi M schädigen, .aufs prachtvollste gelöst hat, ist lÄrgst bekannt,' dies. 'Buch soll nun die Neugierde auf das „Wie" befriedigen. Mit stolzer Freude begftmt man zu lesen w ist am SchLnsse fast erstamrt, wie einfach das alles klingt, was wir mit Riecht als beispiellose Leistung bewundern. „Wir haben Glück gehabt," sagt Fregattenkapitän Nerger bescheiden und will damit alles Lob von sich abw-ehren; kommt er aber' auf seine Leute zu sprechen, so ist ihm selbst kein Wort .des Lobes zu viel. Gewiß wsir, es ein Glück, daß die Feinde den schwerfälligen „Wolf", der: wohl zupacken, aber nicht rennen konnte, niemals zu Gesicht be-. fhmmen haben, doch ist dieses Glück der wohlverdiente Lohn nftnmer- nüder Wachfanlkeit und hingekendster^ Pflichttreue aller, vom Konv- Mandanten bis zuM letzter: Marm. So packend auch die Tatsachen hes Buches an sich find, so liegt fetrr größter Reiz vielleicht doch darin, daß es bei aller Schlichtheit der Darstellung so ganz durchleuchtet ist von deutschem Gemiir und behaglichen: Humor. Ti« Erzählung von der Weiner: „Bordplage" Anita, den: Liebling der gesamten „Wols"-Besatz:rng, sowie die drolligen Geschichten Von chen vielen Tackeln und Katzen, von Fips dem Affen, und, Jumbo, ..dem Wildschwein, zeigen diese echt deutsche, fröhliche Herzenswärme aufs beste. Daneben wirkt dann die Schilderung des fürchterlichen Orkans, in dem die tvackeren „Wolf"-Leute bis zum letzten um ihr Leben pumpen .und arbeiten nrüfsen, um so ergreifender. Natürlich fehlerr auch die .Beweise unseres? „Barbarentums" nicht: die Mannschaft verzichtet freiwillig zu- grmsten der kranken Feinde auf der: langembehrterr Genuß frischer: Kartoffeln, und die Leute opfern, auf der rvinterlichen HemrfahrL rhre eigenen warmer: Sachen für die nur mit Trvpenzeug versehenM Gefangen«:. Diese lebensvolle Innerlichkeit mib Wärme kr Das« stellnng macht das „Wvlf"-Buch zr: einen: rechten deutschen Hausbuch, das in jeder Familie ein dauerndes Heimreckst finden wird. _ ,— Ein Schau spielerleben, von Alois WohlmuH. Verlag Parcns u. Go., München. Ungeschminkte SelöstschiLe». ruugen rremrt der Verfasser die Niederschüft feiner ErlcÄniff«. Ungeschminkt sind sie tatsächlich Einstich und schlicht erzählt feer kgl. bayrische Hvfschauspieler hier seinen Werdegang, sein Ringen um die Kwrst, die ihm von frühestem Kindertagen an alles bedeutete. Man staunt, wenn man liest, wie weder die größten K_ Lehrungen in der J:rp«ch rwch die wrausbleiblichsr: Cnttünschungeft der: Künstler ernstlich hemmten. DaS Genie brach sich Bahn. WvhL». muths Aufzeichnungen sind charakteristisch für einen Meister der 'Schauspielkunst!, der unbeirrt seinen Weg verfolgte. ...~ Patro u ille Schi ersta>edt. SelbsterlebteL aus fraw zosischer Gefangenschaft. Berlin S 42, Otto Elsner, Verlags- gesellschast m. b. M W2 Seiten fntit Bild und farbigem UmschLag. Preis 1.50 Mark. Greßener Harrsfrauett-Berein. Kochanweisuugen. ' Fälsche Hühner suppe. Man löse in etwa 1 Liter Wchendem SJkiffer 3 Maggiwürfel auf, vergmrle in einer Tasse Milch 3 Eßlöffel.MeU, tue es dazu, ebenftüls sehr reickstich ge- lviegte Petersilie, nach Beliebet: auch Schnittlauch, lasse alles tüchtig durchLochm und ziehe die Suppe dann miitü 1 Eidotter ab. Die Supp« gewinnt an Wohlgeschnmck, wenn man beim Anrichten ein Stückcherr Butter hinz-ilgibt. w Gefüllte Ka r tv ff el b äll«. Für dieses wohlschmeckende Und sättigende Gericht kommen hauptsächlich nur Reste in Betracht. Man nehme recht steifes Kartoffelmus, gebe etwas weißen Käse daran inst» forme von dieser 'Masse eigvoße Bällchen. Von Fleffch- resten bereite mm: eine recht schöne Farce und füll« damit bw Kartoffelbällchen, indem man sie mit einem Löffrlchen anshöW, Farce hineiirtnt und di« Oessuulrg mit. dem entnommenen Mus wieder zudeckt, ^dann platt drückt, toie Bouletten. Hierauf dreht man sie ft: Ei (es genügt auch Eiweiß) um, wMt sie in geriebener) Semmel und bäckt sie in heißem Fett schön goldgelb. Irgend ein Salat dazu vervollständigt Pas Gericht. Statt der Fleischfcrree kann man mich mit Erfolg Wurst- nrrd Gom'üserestchen verwenden Kriegskirschen Peter. Man gueklt etiva 200 Gramm Grütze oder genmhlcne Graupen in der Kochkiste ziemlich dick ans. Ein Eßlöffel Butter wird mit zwei Eigelb intd ein paar Löffel Zucker schaumig gerührt, lueiui möglich etwas gestoßener Zimt Und Nelke rnia-esü^l Morr wbt it«-> «»vtlntttelle vu1*ki- fw«» Kirsche». Die Masse.wird in eine ausgr'stricheue Tortenform gefüllt und ein« Stunde gebacken. Verwendung von Brotresten und Krümel. In größeren Harrshaltungen geht oft eine Mmge Brot durch die Krümckt verlöre!:, die sich beim Schneiden abtösen und incht gesammelt werden. Diese Krümel sind ein vorzügliches Bindemittel. Man hebe sie sorgfältig ii: einem nur hierzu bestimmten Gesäß auf nutz sie gelegentlich verroeuden >zr, können. Besonders zur Berertung von Obstsuppe:: ist üBrot sehr zu empfehlen, da man dadurch Zucker spart. Die Zubereitung solcher Suppen ist folgende: Man setzt dabetreffende Obst, gleichzeitig mit dem nörigm Quantum KrümÄ auf, läßt es weich kochen, gtrcicht die Suppe durch ein Sieb und schnreckt sie ime üblich ab. Hat das Obst eine längere Kochzeit, fügt man die Krürnel erst später hinzu. Wer über Brotkrusten verfügt, imnche diese ei:: paar Stund«: vorher in Wasser ein, koche sie dann mit dem Obst! weich und streiche die Srrppe durch. Die Brob- krümel Birnen ebenfalls bei den Merkaltschaler: an Stelle de- tencen Auslandsziviebacks Veriveirdet tverden, ebenso kann man di« gekochten Biersuppen damit binden. Lindenblütentrank. Gin schwacher Tee vor: Lrrwen- blüterr, ettvas gesüßt, mit ein wenig kristallisierter Zitronensäure (dtz der Apotheke erlOltlich), gekühlt, ergibt eine erftiscyende Limonadck. B Homogramm. B B g 1. Schmuck. 8 W N 3. Geistliche Würde. « L A W W 3( Männlicher Vorname. Die Buchstaben A A A A, B, K E, N N N N, 0, E, T T, Z Z sind nach dem Muster obiger Figur derart zu ordnen, daß dt« drei wagrechten Reihen gleichlautend mit den drei senkrechten find und Wörter von der beigefugten Bedeutung ergsßen. (Auflösung in nächster Nummer.) ^ Auflösung des Tauschräisels in voriger Nummer. Wer die Wahl hat, hat die Qual. TÄristleituna: W. Aleyer. — Zwillingsrunddruck der Br8hl'schen Unio.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.