F*s fi * i ii tsr ff Z-L Eins Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1915.. Von Justus Schoenthal. (Fortsetzung.) „Ich hätte ihm meine Hand nicht mehr gereicht!" fauchte der Viscount. Aber unbeirrt fuhr Marianne fort: „Er hat Ihnen vor einiger Zeit ein versiegeltes Schriftstück zur Aufbewahrung übergeben. Das gleiche Schriftstück, inhaltliche wenn Mich nicht wörtlich, besitzt Lord Southrisfe. Er bittet Sie, oie Siegel jetzt zu lösen. Uebri- gens weiß der Minister von Longfords Staatsangehörigkeit schon seit heute morgen. Er hat ihm selbst nach dem Lunch einen Besuch ab.gesta.tret und seine Verhaftung aus guten Gründen it t ch t verfügt." Der Viscount runzelte die Stirn. „Und was hat," fragte er streng, „Herr Atterley mit dieser Angelegenheit zu schaffen?" „Herr Atterley wird mich zu dem Ort der Verabredung bringen." ' ' „Also Beihilfe zum Fluchtversuch eures deutschen Ausspähers!? Eine strafbare Handlung, obendrein begangen von einem Beamten des Kriegsanrts! Unglaublich!" „Aber, Schwager, wie können Sie das behaupten? Herr Atterley geleitet mich an einen bestimmten Ort. Ich werde da von Herrn Longford oder, wie er in Wirklichkeit heißt, Hauptmann Kersten, abgeholt, und zwar zu einer Zeit, da seine Flucht bereits gelungen ist.'" Der Oberst hörte beinahe belustigt zu. „Sonderbare Beweisführung!" brummte er. „Und Sie wollen Ihr Leben, Ihre Liebe vielleicht, einem solchen Menschen anvertrauen?" „Sie wissen, daß er kein schlechter Mensch ist!", sagte sie überzeugt. „ Sie sind erstaunlich beredt, Marianne, erstaunlich beredt, wenn es gilt diesen Herrn zu verteidigen, der uns alle zum besten gehabt. — Es ist sonst nicht meine Art, derlei Fragen zu stellen. Aber ich bin auch nur ein Mensch, ich kann nicht anders: Lieben Sie den Herrn? Er hat Ihnen gewiß einen Antrag gemacht; denn so ritterlich denkt kern Spion, oaß er dem Wunsch einer Dame zuliebe Hals und Kopf mutwillig aufs Spiel setzt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Marianne! Sie wissen, wie es um mein Herz bestellt ist!" Mariarrne zog Longfords Brief hervvr und gab ihn ihrem Schwager zu lesen. Schelmisch fügte sie hinM: „Sie sehen, daß er beinahe so ritterlich denkt. Er wird erst drüben auf deutschem Boden die Frage an mich richten. Wenn wir glücklich drüben sind, werde ich ihm antworten." Wehmütig sah der Viscount auf sie „Mariarrne, Ihr Herz hat schon entschieden. Ich halte Sie nicht zurück. Auch ihm will ich nichts in den Weg legen. Er wird England nicht mehr schaden. Möge er leben bleiben!" Doch Marianne wurde von der alten Unruhe gepackt. „Ich muß fort, Schwager. Ich versäume den Zug. Wenn Sie mir noch etwas sagen wollen . . ." Urrd Plötzlich zuckte ein Gedanke in ihr auf ... . „Warum geben Sie mir eigentlich nicht das Geleite bis zu dem letzter: Ort, wo ich zur Fahrt nach Deutschland einfteige? Ist das nickst fast Ihre Pflicht als Edelmann?" Der Viscount erhob sich und faßte traurig ihre Hand. „Marianne, kleine Evastochter, was machen Sie aus mir?"-— Und wenige Minuten später jagten sie selbdritt im Kraftwagen durch den nächtlichen Hydepark her Themfe- brücke zu. — Und die Lichtkegel der in rasender Eile den Hirm- mel absuchenden Scheinwerfer, der Feuerschein der von den Brandbomben getroffenen Gebäude der City liehen der Fahrt gespenstische Fackeln. Erschauernd hüllte sich Marianne in die Autodecken: 17. K-.rpitel. Nacht und Grauen. Als die ersten Schüsse der Luftschifsabwehrkanonen übet die Dächer von London erschallten, erwachte Longford. Er hatte sich sofort nach Atterleys Weggang abermals zum Schlafen niedergelegt. Er pflegte das „aus Vorrat schla- An" zu nennen und hatte diese Eigenschaft, besonders im Frontdienst, zu meisterlicher Fertigkeit entwickelt. Die lärmende Aufregung, die im Hause herrschte, ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß tatsächlich „Mynheer van Z . . ." einen neuen Angriff auf die Weltstadt unternommen habe. Es war keine Zeit zu verlieren. Er zog seine Schwimmweste an, die Fliegerjoppe darüber und betrat den Gang. Nier- mand ließ sich sehen. Sie waren alle in die Keller geflüchtet, obwohl Hampstead ziemlich weit ab vom Schuß lag. . Er lächelte. Dann ging er in den Flur hinaus. „Ist hier jemand?" rief er laut in das Dunkel. Eine elektrische Taschenlampe blitzte auf. „Halloh, wer sind Sie?" kam es aus der Richtung des Scheines. „Ich bin Hauptmann Longford." „Sie dürfen die Wohnung nicht verlassen!" „Weiß ich!" gab Longford 'trocken zur Antwort. „Hat mir der Minister nachmittags selbst geraten. Sie sind wohl der Kriminalbeamte, der zu meinem Schutze — er betonte das Wort ,/Schutz" ziemlich auffällig — bestellt ist?" „Ja, ich bin Kriminalbeamter!" „Was bedeutet der Lärm und das Schießen?" „Ein Zeppelinartgriff. Unsere Abwehrkanonen böllern tüchtig dazwischen." „Dann habe ich also doch reckst gehört." 188 ! „Aü, eine Satansbrut, diese Deutschen! In der City kracht es höllisch!" „Und Sie stehen so ruhig hier?" „Ich habe den Befehl, Sie zu überwachen!" erwiderte kühl der Beamte. „Hat man Ihnen diesen Beseht auch für einen Zeppelinen griff erteilt? Glauben Sie vielleicht, ich bliebe so ruhig hier, wenn London in Gefahr ist? Ich werde mich augen- blicks zum Flugplatz begeben und dort weitere Befehle erwarten. Sie sehen, daß ich bereits gerüstet bin." „Sie werden dieses Haus nicht verlassen!" erklärte die Stimme im Dunkeln mit Entschiedenheit. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, der uns beide entlastet: Sie bringen mich als Gefangenen zum Flugplatz M der unteren Themse. Braucht man mich dort nicht, so kehren wir wieder um, und alles bleibt wie vorher." „Ach, das ist ja Unsinn. Sie werden keinen Wagen bekommen, und zu Fuß . . ." „Das kommt auf den Versuch an. Folgen Sie mir! Sie werden wohl nicht befürchten, daß ein Mann mit einem zerschossenen Bein Ihnen entflieht." Ohne eine Entgegnung abzuwarten, schritt der junge Offizier, absichtlich stark hinkend, die Stufen hinab und trat auf die Straße. Der Beamte zauderte einen Augenblick und schloß sich ihm an. An der zweiten Straßenecke fanden sie einen Kraftwagen stehen. Der Fahrer war nirgends zu sehen. Longford drückte suf die Hupe. Da öffnete sich eine Haustür, und eine gröh- fertbe Stimme ließ sich vernehmen: „Donnerwetter, lassen Sie meinen Wagen in Frieden!" „Fahren Sie?" fragte Longford. „Verdammte Kerle! Jetzt ist keine Zeit zu Späßen. Ich henke nicht daran, zu fahren." Der Beamte lächelte nachsichtig. „Aber wir müssen ein Auto haben!" „Dann suchen Sie sich eines!" klang es grob zurück. Mit seinem Spott meinte der Hauptmann: „Ich denke, wir haben schon eines gefunden. — „Steigen Sie ein, Herr!" gebot er dem Geheimpolizisten. Der Fahrer stürzte wie eine Tigerkatze auf Longford zu. Er hob die Faust zum Schlage. „Was, fremder Leute Wagen stehlen?" Der Offizier hielt ihm den Revolver unter die Nase. „Nur Ruhe, mein Freund! Ich will nichts Unrechtes von Ihnen. Sie sollen drei Pfund über die Taxe bekommen, wenn Sie mich zum Flugplatz bringet!." „Drei Pfund?" Der Kraftfahrer fühlte seine Bedenken schwinden. Er kurbelte an und bestieg den Fahrsitz. Dann fragte er: „Zu welchem Flugplatz?" „An der unteren Themse." „Was??" brüllte der Mann aus. „An der unteren Themse? Meinen Sie den bei Woolwich?" Auch Longford hatte im Waget! Platz genommen. „Gewiß!" schrie er zum Fenster hinaus. „Eben den meine ich." Aber mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens war der Mann vom Sitz herabgeklettert und hatte den Schlag auf- Kerissen. „Heraus!" rief er, so laut seine Kehle es vermochte, „heraus! Durch die City fahre ich nicht!!" Longford blieb fitzen und hielt auch den Beamten zurück. „Nehmen Sie doch Vernunft an!" „Heraus, heraus, sage ich. Ich Hab' Weib und Kind mb fahre nicht um eine Million Pfund in den Tod." So tobte er eine gute Weile. Longford erwiderte kein Wort, bis er stille ward. Dann sagte er: „Ja, gibt es denn nur den einen Weg durch die City. Können Sie nicht oberhalb über die Themse fahren? Glauben Sie, daß die Zeppeline nach Southwar? und in die Armeleuteviertel ihre Brandbomben werfen? Wir werden in einem Bogen, über Croyden fahren. Marsch! Die Räder in Bewegung gesetzt. Wenn wir zur rechten Zeit dort sind, sollen Sie statt drei Pfund fünf als Belohnung erhalten." Die Räder zogen an und ratternd stuckerte der Wagen davon. Die beiden Insassen sprachen kein Wort. Als sie aber auf dem Südufer angelangt waren und hin uud wieder sich ein Ausblick auf die Themse bot. setzte sich Longford dem Beamten gegenüber auf die linkecFensterseite. „Sehen Sie nur diese Feuergarben!" Das Schauspiel fesselte sie. Der Lärm der herabgeworfenen Bomben vermengte sich mit dem Dröhnen der Verteidi- gungsgeschütze. Jäh schossen Flammen Hunderte von Metern in die Lüfte. Weißlicher Dampf ballte sich zusammen, von rötlich schimmernden Wolken überdacht. Dazwischen mühten sich Scheinwerfer, den Nebel zu durchdringen. Sie faßten da eine Gondel, dort einen Teil der Ballonhülle der nächtlichen Feinde. Es waren wohl nur vier oder fünf Schiffe. Mer sie tauchten so rasch bald da, bald dort auf, daß sie zwanzig zu sein schienen. Und kaum hatte sie die Meute der Scheinwerfer gestellt, als sie schon wieder im Grauen der Nacht verschwanden. Ein Bild des Schreckens und Entsetzens. Longford iah seinen Begleiter gespannt an. Der Beamte hatte seine Ruhe verloren. Pfeifend entließ er den Atem durch den halboffenen Mund und hielt den Blick starr auf den nächtlichen Himmel gerichtet. Da führ Longford mit der Rechten langsam in seine Rocktasche. Seine Finger glitten um ein Fläschchen. Er entkorkte vs behutsam zwischen zwei Fingern und legte den Daumen über die Oeffnung. „Sehen Sie, da sind schon unsere Flieger!" Er deutete mit der Linken hinaus, und gleichzeitig führte seine Rechte das Fläschchen dem Beamten an den Mund. Der Daumen gab die Oeffnung frei. Ein süßlicher, sinnverwirrender Geruch erfüllte das Wageninnere. Der Geheimpolizist taumelte schwer atmend rücklings voiu Sitz. Longford richtete ihn auf und hielt ihm nochmals das Fläschchen unter die Nase. Dann riß er das Fenster zur Rechten auf, schleuderte das Fläschchen auf die Straße Und sog tief die Nachtluft ein, um nicht selbst ein Opfer der ^betäubenden Flüssigkeit zu werden. Hierauf zog er die Signalpfeife. — — Der Wagen hielt. „Fahrer, mein Begleiter ist offenbar infolge der Aufregung ohnmächtig geworden. Wir werden ihn hier abladen müssen." Der Autolenker stieg wetternd vom Sitz und trug den bewußtlosen Beamten gemeinsam mit Longford in eine nahe Kneipe. Longford gab dem Wirt fünf Schilling und ersuchte ihn, für das Wohlergehen des bewußtlosen Gastes §it sorgen. Dann fuhr er mit verdoppelter Geschwindigkeit dem Flugplatz zu. —- Als er das Wach.tgebäude betrat, legte gerade der diensttuende Major den Hörer aus der Hand. „Zum Kuckuck! Es ist also tatsächlich keine Verbindung zu bekommen! Hol's doch der und jener!" Mißmutig ivauote er sich nach Longford urn.. „Sie wollen sich nützlich machen, Hauptmauu? Es geht auf Mitternacht. Unsere ganzen Geschwader sind schon auf- geslogen. Es wird kein Flugzeug mehr frei sein für Sie. . . . Keine Entschuldigung! Kann mir alles selber denken. Ist wohl schwierig, jetzt da heranszukommen vom Westen. Fernsprechverkehr ist auch eingestellt." Erst in diesem Augenblick dachte der Hauptmann daran, daß er ja durch! den Fernsprecher den ersehnten Bescheid von Marianne erhalten sollte ... Es ist gut . . . oder . . . Bedaure sehr . . . Aber keins von beiden war eingetroffen... Vielleicht infolge der Störung . . . vielleicht hatte man auf den Anruf keine Antwort erhalten, da ja Mistreß Smith in den Keller geflüchtet itmr, vielleicht hatte auch Mistreh in der Aufregung vergessen, ihm Mitteilung zu machen. Er runzelte die Stirn. Zu töricht! . . . Aber er kam gar nicht zur Ueberlegnng . . .Was sagte der Major? „Glaube kaum, daß noch ein Flugzeug frei sein wird für Sie?" Um Gottes willen! Dann war ja alles verloren! „Wollen mal nach dem Schuppen gehen und Nachsehen." Sie stapften über den spärlich erleuchteten Platz und betraten den ersten Schuppen. „Ist noch ein Kampfflugzeug da?" fragte der Major den Wächter. „Nur das eine. . . Herr Major wissen schon... wo das Maschinengewehr abgenommen worden ist." Longford atmete erleichtert auf. Gott sei Dank! Dann war noch alles gut! — Und mit dem Reste seiner Selbstbeherrschung setzte er eine betrübte Miene auf. f „Schade! Schade! Ohne Maschinengewehr ist mir na- 1 türlich nicht gedient." 187 Der Major wendete sich zum Gehen. Er folgte ihm. § Doch schon nach wenigen Schritten hielt er inne. i „Herr Major, ich- habe einen teuflischen Einfall. Ist das j Flugzeug sonst in tadelloser Verfassung?" „Aber Sie können sich unbedingt darauf verlassen.. Der Motor ist vollkommen in Ordnung. Nur das Maschinengewehr muß ausgewechselt werden. Es ist jetzt, da die Bestückung fortfällt, unser schnellster Doppeldecker." „Wollen Sie ihn mir für diese, Nacht überlassen? Begleiter brauche ich keinen. ... Es gilt einen Flug auf Tod und Leben!" „Machen Sie keinen Unsinn!" wehrte der Major ernst ab. , , „Ich habe einen satanischen Plan. Bitte, lassen Sie das Flugzeug fertig machen! Hat es genügend Betriebsstoff?" „Sv viel, daß Sie damit bis zur russischen Front fliegen können!" Der Hauptmann unterdrückte ein Lachen und scherzte: „So weit wünschte ich gar nicht zu kommen . . . Aber ein Stück ins Meer hinein. ..." „Sie können . . . aber wozu wollen Sie eine so halsbrecherisch Fahrt antreten, die Ihnen niemand befiehlt?" „Herr Major', wenn ich nicht mehr zurückkehren sollte, behalten Sie mich in gutem Andenken! Leben Sie wohl und grüßen Sie die Kameraden!" Seine Nerven waren bis zum äußersten gespannt. Er fühlte, wie sie hier, kurz vor dem Ziele, versagen wollten. Er mußte den Austritt abkürzen. „Es eilt! Was ich vorhabe, Herr Major, lassen Sie bitte mein Geheimnis sein!" Das Flugzeug ward auf den Rasen hinansgeschoben. Der Hauptmaun griff mit gewohnter Sicherheit in die Speichen des Lenkrades. Stoßend setzte sich der Motor in Bewegung . . . Tacktacktacktack . . . Immer rasender wurden die Umdrehungen. Das Fahrzeug schoß vorwärts, erhob sich etwas vom Erdboden, schwankte, senkte sich noch einmal und bohrte sich dann pfeilgeschwind in die Nacht .... Gerettet! Niemand würde ihn mehr verfolgen, niemand ihn gar einholen können. Er hielt gerade nach Osten und fuhr möglichst Langsam, um mit dem Betriebsstoff zu sparen. Sollte er auf dem kürzesten Wege nach Deutschland fliegen oder vielleicht nach Holland, das ihm näher lag? Aber es war nur ein Spiel mit Gedanken. Er lächelte über sich selbst. Diese Möglichkeit nahm er selber nicht ernst. Die Gefahr wuchs gewiß nicht, wenn er in Margate der Verabredung geinäß Marianne erivartete. Auch wenn inan ihn verfolgen wollte ,woran in dieser Nacht des Grauens gewiß nie- inand dachte, - in Margate würde man ihil zu aller- 1 letzt suchen . . . Er beugte sich nah über das Handgelenk seiner Rechten, | wo seine Uhr in einem Lederarmband steckte. Mitternacht war j längst vorüber. , . j Das Feuergesecht über der City hatte sein Ende gefun- { den. Die Luftschiffe waren aiischeinend nach. Nordosten ab- j gezogen und die englischen Geschwader waren ihnen gefolgt. Er blickte rückwärts. Noch zuckten rötlich flackernd die Flammen über Lon- i dori. Aber ruhig und ohne Hast suchten jetzt die Scheinwerfer i den nächtlichen Himmel ab. — — Als die erste Stunde des langen Tages vollendet jj war, sah er links vor sich einen fleincit Drachen sich tief unten in östlicher Richtung bewegen. Aus den Nüstern des Drachens I schnob Feueratem. Das mußte der Zug sein, der nun ein Uhr fünf in Margate eintraf. Er war wenig beleuchtet, und nur I her Dampf, den die Maschine ausspie, verriet ihn in der z Dunkelheit. — Das weiße Licht dort links mußte Margate, das gelblich blitzende Ramsgate sein. Er hielt auf die Mitte zu und ging so tief herunter, daß er beinahe die Wipfel der Bäume gestreift hätte,, die hier in Doppelreihen standen. Das war aller Wahrscheinlichkeit nach die Landstraße. Er ließ sich zur Erde niedergleiten, mitten in eine nebelnasse Wiese, sprang ans dem Flugzeug und ging der Allee entgegen. Es war die Landstraße, die von Margate nach Ramsgate führte. Wieder sah er zur Uhr. Fast hfi? Uhr. Er schätzte, daß sie in längstens einer Viertelstunde hier sein mußte. . wenn sie kam. Bis zwei Uhr wollte er warten. Er setzte sich an den Straßenrand in den Graben. Es war fast volMmmene Stille. Er glaubte, das Blut in seinen Schläfen brausen zu hören . . . oder war es das Meer, die Nordsee, die auch die Küsten der Heimat bespülte? Er mochte zwanzig Minuten gesessen haben, als er ein Geräusch in der Ferne vernahm. Er legte das Ohr an die Erde. Es war nicht zu unterscheiden, wie viele Personen sich näherten. Zweimal gab er das verabredete Zeichen. „Rrrrchcha! Rrrrchcha!" In der Ferne antwortete eine weibliche Stimme „Hal- loh". Er vermeinte, die Stimme Mariannes zu hören. Aber es konnte auch Täuschung sein. Noch einmal krächzte er wie ein Rabe sein „Rrrrchcha, Rrrrchcha!" Dann lauschte er angestrengt. Er hörte die Stimmen der Personen, die sich näherten. Jetzt glaubte er, auch des Hilfszensors Stimme zu erkennen. Aö!er-war da nicht eine dritte Person? Er sah eine Taschenlampe ansblitzen und die Straße absuchen. Rasch duckte er sich! in den Straßengraben. Und jetzt ganz nah . . . Ja, das war die Stimme Mariannes. „Hier aus dieser Gegend kam aber ganz bestimmt der Nabenschrei. Hall oh!" Schon wollte er ins Licht treten. Da hörte er öie'Stimme des Viscounts. Ctn fürchterlicher Schreck jagte ihm vom Wirbel bis zur Sohle. Sie hatten ihn verraten! Und jetzt wollten sie ihn fangen. . . Aber lebendig sollten sie ihn nicht bekommen. Er riß der: Revolver aus der Lederhülle und entsicherte ihn . . . Es gab ein knackendes Geräusch. Der Oberst trat in den Schatten. „Atterley!" tief er, „löschen Sie die Lauche. Ich habe eben deutlich das Knacken einer Schußwaffe gehört." Da vernahm er Mariannes glockenhelle Stimme. „Ach Gott, Hauptmann Kerften, Sie sind erschrocken, weit mein Schwager mich begleitet hat. Seien Sie unbesorgt! Er kommt als guter Freund! Treten Sie näher! Glauben Sie denn, Marianne Pion Roggenhusen würde beim Fang eines deutschen Spähers mithelfen?" Nein, das glaubte der Mann im Straßengraben nicht. Er erhob sich überzeugt. Marianne ging ihm entgegen. (Schluß folgt.) Von N o r b e r t Iacque s. Ein Schweizer Zug voll deutscher Verwundeten, die ans den Gefangenenlagern Frankreichs entlassen worden waren, m';. der Grenze bei Konstanz zn. Die, meisten von ihnen waren seit >.914 in Frankreich und hatten also die Zeit der letzten Jahre nur halb erlebt. Junge Burschen schauten neben Baterköpfen durch die Fenster in die erstrahlende Luft des Bodenfees. Drüben lag Deutschland. Es wartete ans sie. Und- sie harrten selig vor ■Urnen -auchrechen sollte. Während der Zug in den Bahnhof -einfnhr, rief die draußen versammelte Stadt „Hurra" unter den Hallen. Eine Militäv- musi? bumste und brauste über hie Schreie der Menge hinaus. Tie Lokomotive zischte wie ein Drachen. Die Bremsen rasten wie titanische Feilen an den .Achsen. Ml dieser Lärm überfiel sich selber in einem hu ndertfälti g en wütend en Kämpf. Tie He imkehren-« den preßten sich in die Fenster rmd schrien . . . aufgelöst. Und noch hielt der Zug nicht, noch wälzten durcl.Dmrnder- geWungen die furchtbaren Lärme über Zug und Menschen her-, da schrie cms einmal eine KnabAtstrmMe: \ n Er schrie diesen Gruß mit einem Aufschrei, als flöge sein Herz mit durch seine junge Kehle hinaus. Ter Schrei schlug jäh und brandrot vor Jugend allen. Lärm nieder. Ich saß im vordersten Wagen, hörte ihn, und mein Ohr warf ihn wie eine Flamme in. mein Herz hinab. Ich mußte die Fäuste an die SMäien Pressen, so überstieg dieser einzige Mnderschrer dve ganze lärm volle Jnsz enierrmg des Empfangs. Triumph streß die Ärgst Port in ihm, Liebe das ■Erwarten, Stolz die Berzwerflung. Sehnsucht und Erfüllung lagen darin. Es war der rlesenhafieste Schwei, den ich je in meinem Leben durch Weltteile, durch Häfen und Stahlwerke, Otzean stürme und -Artillerieschlachten durch- meist Ohr empfangen hatte. „ . ^ . Ich sah den Knaben nicht, der (mit ihm fernem vor Krieg, Tod «und GesamenMA erretteten Vater begrüßte. Ich sah den .Vater rckchk. BvrDe er Bvkne, irrtet Arme, zwei Augen nach Haufe? Ich weiß es nicht mth will es nicht wissen. Tenn was mein Ohr snch>sangen hatte, 'war mehr als Er- schcinn'.tg, Es lvar der Schrei aller Knaben von 1913 cm alle Later von 1914. Dual.und Seligkeit. . . Erde und Feuer in derselben chlmfasfnng. >- Er ging über Äe Welt. Eine greue Zeit brüllte ans ihm . . . die Zeit, die die Knaben von (heute aus dem Blnt der Väter zur Arbeit des, Kommenden erlösen tvird. . Tier .Schrei ging wie eine Geburt (aus dem südlichster Bahnhof des Landes. Hört ihn nach Morden, Osten, Westen! Ich sage euch: Gott hat ihn.durch die (Knabenkehle geschlendert, diesen berghaften stärksten Laut urrserer Schwache — das Erschafferwort! Nermtdcheesi» * Eine ukrainische König skrvne. Daß es noch setzt eine alte ukrainische Königskrone gibt, ist wohl nur den wenigsten bekannt und wird irr einer Mitteilung vom „lieber Land nutz Meer (Tnrtsche Verlagsanstalt in Stuttgart) in Erinnerrurg gebracht- Es ist dies die Krone des ukrainischen Fürsten rmd Königs Tanylo Romanöwhtsch die ein Geschenk des Paffstes JnnozenzIV. war. Mit dieser Krone ist Tanylo int Jahre 1253 in Dowhit- schyn (Podlachien) zürn Könige von Kalitsch-Wladimir gekrönt -borden. Diese Krone, eine von einem .Kreuze überragte Bügel kröne, von bekannter alter Form, war bis znm 2. Juni 1915 in der ukrainischen Kathedrale irr Przemysl aufbewahrt und wurde von dort vor der Rückeroberung dieser Festung,durch deutsche Truppen dorr den Russen rrach Petersburg verschleppt. Ob nud wo sie sich dort noch besindet, ist zurzeit nicht bekannt. * Was die Spatzen fressen. Ter Sperling hat während des Krieges in erschreckender Weife zngönommm. Tiefer Vogel ist für jede Larrdgemeinde äußerst schädlich und sein Nu Heu, der im ^Vertilgen von 'Maikäfern und anderen Schädlingen während seiner Brutzeit besteht, ist gering. Pößl hat es nnteruomuren, den Sichpdm des Spierlings an Getreide nachzuweisen. Er rechnet mit 80 Tagen Hauptschadenzeit. Rechnet man rmrd 50% der Einwohnerzahl auf Sperlinge, so gäbe das für Detftschsand zirka 85 000 000 Stück. Auf 1 Kilogramm gehen ungefähr 30 000 Stück Weizenkörner. Obgleich der Sperling in der Gefangenschaft täglich 50 und mehr Getreidekörner frißt, so.soll doch wegen seiner anderes Näschereien nur ein Verbrauch von 15 Körnern angeirommeu rver- den. Tie 30 Körner entsprechen etiva der Menge, die ein kleiner Fingerhnt saßt. Es würden also die 30 009 000 Sperlinge täglich 500 000 000 Körner fressen, und in 30 Jagen etwa 13 Milliarden ? hder 450000 Kilogramm,. Man nrnß aber jedenfalls damit rech- ^ wen, daß es in Deutschland 50 009009 Sperlinge gibt, und daß 3 diese täglich das doppelte Quantum fressen. Man würde dann | tauf etwa 25 000 Zentner Getreide kommen, die diese Schädlinge der menschlichen Nahrung entziehen. Diese vorsichtige Rechnung muß auch denn Gleichgültigsten die Augen öffnen. In der Kriegs- zeit haben -vir kein Getreide übrig, um ein so großes Sperlitrgsheer! Mvchznfüttern — ohne Brotmarke. Büchertisch. — Sven 5) edi n, ,,J e r it s a l e m". Feldpostaitsgabe. 160 Eeiterr Text mit 25 Abbildungen und 1 Karte. (Leipzig, F. A. Brockhaus.) Geheftet 1,50 MlarB. — Ebenso reich an fruchtbaren Ge- Mftspunkten tvie in seinent vorigen Wer? „Bagdad, Babylon, Ninive",, läßt Hedin auch hier als Hintergrund der leberwigen iGegewvart die Jahrtausende alte Bergangert heit des gelobten Sandes in gigantischen Baudenkmälern und Ruinen, in epiochemachen- den Ereignissen nrrd Persönlichkeiten der Weltgeschichte Wiedererstehen. Wir lvandern mit Hedin durch die engen, holperigen Stufenstraßen der heiligen.Stadt, lassen den Zauber ihrer tibetartigen Landschaft aus uns wirken rmd lauschen in ergriffener Airdacht den Erinnerungen, die der bibelkundige Führer int Garten Gethsemane, tan den Stationen der Bia dolorosa rmd in der Kirche des Heiligen Grabes in uns wachrust. Ter Reichlltln des Buches ist damit nicht erschöpft. Ta ist'das uralte Damaskus mit seiner Omaijadvumoschee, Baalbek mit seinen herrlicher Ruinen arrs griechisch-römischer Zeit, her See Genezareth mit Liberias, Kapernaum und all den Orten, deren Namen jedem Christen und Inden geläufig sind, Ncazareth und Bethlehem, Jericho und das Tote Meer. Ein Besuch in den Judeukolomen bei Jaffa gibt Veranlassung zu einer artfscUußreichen Erörterung über den Zionismus, und zum Schluß führt dann eiir Ausflug an die türkisch-deutsche Front in Aegypten aus so viel Vergangenheit wieder in die nicht minder bedeutungsvolle Geglm- wart zurück. Unseres Herrgotts Kostgänger. Skizzen von FMe wird das schmucke, preiswert Bändchen sicher sreudigS Airftrahme findM, die es in jeder Hinsicht verdient. — Tie goldene V e n u s. Renaissaltov-Novellen oon Fra uz Langer, Verlag Wilhelm oBorngräber. Berlin. Bilder von ttefster Eindruckskraft schafft der.Dichter in fernen Novellen, die bei den. spannenden Handlungen ltnd der flüssigen Sprache den Leser nicht zu Atem Lonrmjen lassen. Südliche Pracht und nordische Gransanv- kcit Werder: treffend geschildert; eigenartige Charaktere, mitunter! von Leidenschaften gezeichnet, stehen im Rahmen der Erzählungen, die Kn ihrer vollen Würdigung reife Leser voranssetzen. — Die Spieler, sstoman von Ludwig Wolfs, Berlin, Ullstein u. Ko. — -Die überragende Gestalt dieses Sptelerromans ist der Rittnteister von Löcknitz, ein junkerlicher Herrenmensch, einer der bekanntesten fliamett des Rennjpiorts, ein Weltbunrmler aus lxrrtem Trotz tmd aus Leichtsinn. Durch entrrervcnde Nächte ftn stickigen Spielsaal, durch sommerliche Tage eitles späten Herzensglücks gelangt der Rittrneifter von Löcknitz bis zu einer Krise, von deren Wucht auch ihm der Niederbruch droht. i—_ Es ist immer von eigenem Reiz, einen Dichter über eilte Fahrt ins Kriegsgebiet sich äußern zu hören. Ein Dichter sieht' mchjr «als ein Kriegsberichterstatter, und das, was er sieht, ge- wiinnt in seinem künstlerisch formenden Geiste eine erhöhte Anschaulichkeit. Mit besonderem Genuß liest man daher auch die Schilderung der „Italienischen Kriegsreise", die Max Hanbe in der treuesten Nummer 3909 der „L e i P z i g er I l'l'u st rie r t e >t Z e i- tung" (Bürlag I. I. Weber) auf Gmmd seiner bei einer Fahrt durch Friceul und Benetien gewonnenen Erndrücke verössentlicht. In der gleichen Nummer würdigt Tr. Hermann Diez die Bedentu:rg des „Frtcdenswerkes im Osten", Geheimrat Pros/Tr. Doeberl den Wert der bayerischen Verfassung anläßlich des hnttdertjährigest Gedettktages ihrer Einführung. Oscar Me plaudert über „Deutsche TunzÜtnst" uns nimmt dabei besonders Bezug auf Hannelore Ziegler, deren Tanzvorsührungett trach Skizzen Walter Ham- mers bildlich wiedergegeben sind, lfttter den Kriegsbildern beanspruchen die Zeichnungen Albert Reichs von der Eroberung des Kemmelbergs und' Richard Fiedlers von denr mißglücktm Hand- streich her Englättder geizen Zeebrügge das meiste Interesse. — Vom J'udenlnm zum Christentum. Mn Prof. Dr. A. Bauer. 156 Seiten. (Wissenschaft rmd Viloung, Bd. 142.) Gebrmdett 1,50 Mk. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig — Tie Weltbnhne, der Schaubühne XIV. Jahr, Wvchen- schrist ftir Politik, Kunst, Wirtschaft, hercutsgegeben von Siegfried Jakobsohn, enthält in 'der NumlMer 23: RoM, von Germanicus. Vom Liberal ismjus, von E. Hürwicz. Hern tarnt Paafchie, von Johannes Fischart. Jakob Burckhardt, von Egon Friedell. Ailfrus. Bassermann in Wien, von Alfred Polgar. Neue Parodien, von Hans Heinrich von Dwardtv-vski. Ervmerung, von Theobald Tiger. Kaempf, von Alfons Golds chm idt. Antworten. — Hochland, Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. Herattsgegeben von Professor Karl Mttlh. Jos. Köselffche Buchhattdlung, Kempteit und München. Vierteljährlich 4,60 Mk. und Teuernngsznschlag. Inhalt des Juni-Heftes: Weltkrieg und Weltmission. Bott Erzabt Norbertus Weber. — Das Ewige. Gedicht von Richard Schaukal. — Heinrich von Treitschkes Lebenswerk. Von Dr. Max Fischer. — Mari Mtadlen. Ein Roman ans der Rhön. Bott Leo Weismantel. — Demokratie. Von Ministerialrat Dr. Richard Schaukast. — Imponderabilien. Von der Verfasserin der Erimrerungen „Ans europäischen Tagen". — Tie ukrainische Republik im Lichte der Geschichte und der Realpolitik. Bott Dr. H. S. Weber. — Kleine Bausteine. — Kritik. — Rundschau. — Der Völker krieg. Eilte reich illustrierte Chronik der Ereignisse seit dem 1. Juli 1914. Heransgegeben von Tr. C. H. Baer, Verlag voti Julius .Hoffmann, Stttttgart. Heft 165 und 166, Preis je 40 Pfennig. Wenn.wir die neuesten Hefte des „Völkerkrieg" (165 und 166) durchblättern, so tut sich schon in den schölten Abbildungen eilte Welt vor uns ans, die durch ihre Eigenart und farbige Vielgestaltigkeit hohes Interesse evlveckt: die Welt des türkischen Orients. Lmtdschasten, Szcttert aus detn Bolrslebeu, Truppert in seltsamer Ausrüsttmg, Lazarette u. a. tu. tauI Meinasien, Aegypten, Syrien, Arabien erscheiltetr und be- Geschichten, die unser .'Hessenland als Heimat aufweisew Aber Stückrath plaudert ftn hessischen Dialekt nicht allein fesselnd, sondevnj er zeichnet mtb charakterisiert gtrch, und das mit überraschender! Schärfe. So bieten seine Erzählungen emen ungernein spannettdenj Unterhaltungsstvff, der dnM ein gutes Stück wertvoller Volks- geschichte und ÄolksKteratur verrät. In der Heimat wie im \ was . ....mh-aftem! Dunkel liegenden Welt durch zuverlässige Berichte zu mts gedruttgen! ist von her Bewegung, die in langsantetr, weithin wänderildeW Wellen durch jene Länder flutet. Tanschratsel. 8ee, lliä, Labn, Mai, Ban, Eid, Juan. Von jedem Wort ist der erste und leiste Buchstabe derart zu andern, das andere Vörier entstehen, die im Zusamntenhattg ein bekanntes Sprichtvort ergeben. - (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung dcs SUbenversteckrätiels in voriger Nrnunter: Arbeit und Zeit Helsen Liber vieles Leid. Schristleitung: W. Meyer. — Zwillingsrunddrück der Brüh!'schm Un-v.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.