Mittwoch, dkl? April 1918 M. 51 Flieger über London. Eine Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1615. Von In st ns Schoenthal. (Fortsetzung.) „Machen Sie niemanden zu ihrem Vertranken! Sonst wäre es mn ihre Unabhängigkeit geschehen! Sprelen Sie Ihre Rolle gut! Denken Sie, Sie seien ein Schauspieler,, der einen englischen Offizier zu agieren hätte. Und halten Sie sich stets, sobald Sie genötigt sind, auch einmal lügen zu müssen, und wenu's noch so schwer fällt, halten Sie sich stets vor Augen, Hatz Ihre Arbeit, vielleicht gerade eine Lüge von Ihnen Tausenden, ja Zehntausenden unserer Braven das Leben retten kann und daß die gute Durch- siihrnng einer Kriegslist niemandes Ehrenschild beschmutzen kann!" . . . . ..... Gewiß, gewiß, die gute Durchführung einer Kriegslist schändete niemandes Ehrenschild. Aber er hatte sich wie ein Tölpel benonunen. Er hatte die Herrschaft über sich selbst verloren. Er selbst und mehr noch, seine Sache umreit der Willkürlaune eines gefallsüchtigen, auf Nervenreize erpichten Weibes preisgegeben. ~ Er knirschte hörbar mit den Zähnen. Er hätte sich ohrfeigen nrögen. „ , t . Nicht daß er den Tod fürchtete! Er hatte za den ^vod — und sicher würde er wegen Hochverrats gleich dem armen Hans Lody zum Tode verurteilt werden — dreifach verdient. Aber die Scham würgte ihn, seine Aiisgabe so schlecht erfüllt, seiner Sache so schlecht gedient zu haben. . . . Seine einzige Hoffnung mußte sein, die Lady würde nicht plaudern;' sie hätte ja d'a so Mancherlei erzählen! Müssen, was ihr eigenes Ansehen bei ihren Mitmenschen herabgesetzt hätte. Aber er kamtte sie zu wenig. War's ihr nicht zuzutrauen, daß sie, um womöglich gar als Retterin des Vaterlandes zu erscheinen, den ganzen Vorfall so wiedergab, als habe er mit seiner Leidenschaft sie überfallen und erdrückt. Wie er sie haßte für diese Lüge, die er körperlich fühlte! In seinen Gedanken beging er einen Mord an ihr. Ihr Bild veränderte sich in seinein Geiste, sie erschien ihm dirnenhast-widerwärtig, Er kniff die Wange zum linken Auge, als fühle er Schmerzen. . . Nein, Dirne war vielleicht zu viel. Aber eine Dame ist nicht so geschmacklos, ihr Gemach mit Moschusduft zu schwängern. Er glaubte, noch den beizenden Geruch zu verspüren. Sie war ein Mischgeschöpf höchster Kultur und höchster Entartung . . . aber das sind, ja keine Grundsätze, ist ja oft gleichbedeutend. . . . Jii seinem Kopfe tanzten wirbelnd die Gedaicken. Und immer wieder die bangende Frage: Ob sie wohl plaudern würde? Ob er wohl vorher Zeit fände, den Rückzug zu decken? Und wie? Da fiel ihm Atterley ein. Ja, der verrückte Dichter sollte ihrn Rede stehen. Warum war er nicht schon längst in den Literatur-Club gefahren? Er hatte doch die Absicht geäußert, die Bekanntschaft mit dem wunderlichen Men- - schen fortzusetzen. Freilich, — eigentlich liebte er solche Menschen nicht. Mer er war ja nicht seiner persönlichen Geschmacksrichtung wegen in London. Leuten, die man nicht liebt, geht man nur aus Vergnügungsreisen aus dem Wege. Und dann, so unangenehm war der Dichterjourualist gar nicht, ein wenig , komödiantenhaft, gewiß, . . . vielleicht nur ew armer Teufel, den das Unglück gebeutelt hatte. Er wollte jedenfalls mit ihm sprechen; daun konnte man weiter beschließen. Und vorerst arrshalteu auf dem Posten, komme, was da wolle! Er betrachtete aufmerksam die weiße Leinwand. Es wurden jetzt Bilder vom Kriegsschairplatz gezeigt. Den französischen Präsidenten sah er die Truppenschau über die marokkanischen und indischen Hilfsvölker abnehmen. Dann ein Bild vom Lagerleben der englischen Soldaten drüben in Frankreich . . . Und jetzt die Phrase: „Nun, mein Sohn, noch keine Lust, Mutters Rockzipfel mit der Flinte zu vertauschen? Sei versichert, auch für dich ist eine passende Uniform vorhanden! Willst du, daß man auf der Straße mit den Fingern auf dich weise und dir das Wort „Feigfing" nachschleudere! Sofort läßt du dick anwerben! Frage sogleich den Polizisten nach dem nächsten Werbeamt!" Lächelnd verließ er das Kinotheater. Die Besucher Daren meist Frauen der mittleren Stände. Waffenfähige junge Männer waren kaum anwesend. Er nahm einen Wagen und ließ sich nach dem Literatur- Club fahren. Schon äußerlich war dieses Gesellschaftshalis bei weitem nicht so vornehm ausgestattet wie der reichere „Army and Navy Club", wo ihn Lord Southrisfe eingeführt hatte. Auch innerlich trugen die Räume bei weitem nicht den Prunk zur Schau wie das glänzende Haus in Pall Mall. Ein Diener nahm ihm den Ueberwurs ab. Einem zweiten überreichte er noch im Ankleideraum seine Karte und ersuchte, Herrn Atterley herauszubitteü. Nach weniger als enter Minute kehrte der Diener zurück und teilte ihm mit, Herr Atterley sei noch nicht anwesend, müsse aber jeden Augenblick eintreffen. . . Ob er nicht einstweilen an einem Tisch im Barraum Platz nehmen wolle? Herr Atterley sei bestimint in längstens einer Viertelstunde hier. Der Hanptmann biß sich verärgert auf die Lippen. Dann griff er nach seinem Mantel. Er wolle in einer Stunde wieder vorsprechen. l Esr stieg die Treppe hinab und suchte etne nahe gelegene Speisewirtschast ans, um einen kleinen Imbiß zN sich zu nehmen. Als er nach reichlich einer Stunde zurückkeyrte, war Atterley anwesend. Durch die Glasscheiben des Barraums erkannte ihn der junge Offizier bereits. Er saß auf dem 122 Ledersosa einer Nische. Vor sich auf dem Tischchen hatte er .dre übliche Whiskyflasche und das Sodawasser stehen. Neben ihm zappelte auf einem Stuhl ein hageres Männchen mit einem gelben Gesicht, einen goldgeränderten Knei- rav /vir? K/w CO.»?.. .»»»k „ k . j . .. , ..er c ... rv. Wurf schälte, hörte er das alte Männchen zwitschern: „Der schönste Nebenverdienst, den sich ein Mann von Ihren Gaben m der gegenwärtigen Zeit schaffen kann. Ich bitte Sie, alle Tage geschieht doch irgend etwas in den feind- lrchen Ländern. Es wird Ihnen doch eine Kleinigkeit sein, meinetwegen hier in der Bar, jeden Tag ein halb Dutzend Witze oder satirische Glossen über unsere Feind zu machen." lzn elegischem Tone erwiderte Atterley: , , „Tut mir leid, tut mir wirklich leid. Sie stellen sich das ein sanier vor, als es ist. Die Dinge, über die man die Lauge seines Spottes ausgießen könnte, ereignen sich leider nicht in oen feindlichen Ländern, sonderii bekanntlich bei uns, und darüber darf man keine Witze bringen, versteht sich ... ich habe aber noch einen zweiter! Grund-" In diesem Augenblick brach er ab; denn der Diener hatte chm Longfords Karte gebracht. Man vernahm deutlich die großartig gesprochenen und für ein weiteres Publikum berechneten Worte: . „Ich.muß zu meinem Bedauern jetzt um Entschuldigung bitten. Ein Hauptmann vom Generalstab wünscht mich zu sprechen." Der Offizier lächelte unwillkürlich. Ohne ein bißchen Pose gmg's nÄht ab. Der Journalist trat heraus und streckte ihn! freudestrahlend beide Hände entgegen. „Also haben Sie meiner doch nicht ganz vergessen?" Longford verneigte sich artig. . „Wie sollte ich das? Sie waren ja der erste Mensch, der NIL den Willkommgruß Altenglands bot." Atterley führte den Offizier an seinen Tisch. tue. "1^t e kommen gerade recht." Seine Stimme umdüfterte srch. ^Zch bringe nämlich meinen Leichnam zum Begräbnis." Der Hauptmann zog die Brauen zusammen. „Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, Herr Atter- A? Ich Null vorausschicken, daß ich Sie sehr hoch schätze. |>te sind zweifellos ein junger Dichter, den wie alle jungen Drchter das MMeschick'etwas derb gerüttelt hat. Nun, Sie ?ut£ sicherlich jung genug, un: den Kampf mit dem Schicksal «roch erne Weile aumchmen zu können . . . Glauben Sie mir, eimss Tages läßt sich die neckische Dame, das Glück, schon zu einem längeren Stelldichein bewegen. Aber . . . lassen Sie bitte die Theatralik. Ich würde Sie noch viel höher schätzen, S^enn Sre zu mir rein menschlich sprächen." Atterley schwieg befremdet. Nach einer Weile reichte er ihm die Hand. „Sie haben recht!" sagte er leise. .„Wenn ich recht habe," fuhr der Hauptmann beherzt fort,.„dann erklären Sie mir vielleicht zunächst Ihre orakelhafte Warnung: „Setzen Sie sich nie mit Lord Southriffe m ben Spieltisch und lassen Sie sich nicht von Lady Edith die Wohnung zeigen!" „Das ganz wörtlich zu nehmen," versetzte der andere ernsthaft. „Der Lord ist ein Mensch, der feine Opfer am Spieltisch sängt. Sehen Sie, Sie spielen mit chm. Meinetwegen „Einundzwanzig". Sie setzen. Mindestsatz 1 Pfund. Gewinnen Sie, so werden sie weiterspielen, bis Sie — eben erkoren haben. Wenn Ihr Verlust aber — sagen wir, um än Beispiel zu nehmen, 100 Pfund erreicht hat,' dann hören Sw aus, müssen Sie aushören. Ihn würde so ein Verlust von 100 Pfund nicht stören. Aber Sie können nicht weiter, außer Me wüßten: im nächsten Augenblick schlägt das Glück um Wrd läßt Sie gewinnen. Da Sie das nicht wissen, müssen Me anfhören. Gr verliert nie und gewinnt meistens, weil sr den längeren Atem bei seiner Unbekümmertheit um Spielverlnste hat. Es ist eine alte Geschichte, daß Leute mit Reinerer Börse bei einem bestimmten Verluste anfhören müssen, und darum verlieren immer die Leute mit kleineren Börsen ... So ist es auch mir mit dem Lord ergangen. Ich war ihm urplötzlich 120 Pfund schuldig und da konnte er mit mir machen, was er wollte. Ich habe die Schuldscheine mnasam einaMfi: aber hart genug ist mir's angekommen. Et der Zeit spiele ich nicht mehr, weder mit Lord Mse noch mit einem andern. Ich weiß, daß er mich zum pprelen verleitet hat, um mich zu seinem Sklaven m Machen . . . Das Mißt, er hat auch noch feinere MitÄ gehabt oder, wenn Sie wollen, abgefeimtere. Denn, ehrlich gesagt, der Lord ist ein —" ^ Der junge Offizier erhob sich und fiel feinem Gegen- über rn die Rede. „Bitte, sprechen Sie nicht ans! Ich war über eins Woche fern Gast und möchte nicht/ da'tz meine Gastfrennde beschimpft werden." , „Ich will mit meinem Urteil zstrückhalten; Sie. sollen sich selbst ein Urteil bilden." Uno er reichte ihm den Brief an den Lord, in den Longford verwundert Einblick tat. „Wenn ich Sie für ein paar Minuten um Gehör bitten darf, werden Sie den Brief vielleicht eher verstehen." Longford nickte teilnahmslos. WM gingen ihn die persönlichen Verhältnisse und Beziehungen oieses Menschen zü gro Zeitungskünig an? Er wollte Klarheit über Lady Ediths Charakter gewinnen und mußte sich nun eine Erzählung von irgend einer alltäglichen Zeitungsreiberei vorsetzen lassen. « Atterley hatte das Nicken bemerkt. Er räusperte sich. „Ich danke Ihnen. — Mr tut es wohl, mich einnral anssprechen zu Wunen-Nun, Sie wissen selbst, daß ein lfswl'w Dichter, dessen Name noch keinen Klang in der Elt hat, nicht von den Erträgnissen seiner großen Werks leben kann. Ich mußte mir also irgend einen Nebenerwerb suchen, um mit meiner Familie leben, soll heißen warten zu können, bis die neckische Dame, wie Sie sie vorhin namr- ten, sich zu einem Stelldichein herbeiließe... So schrieb ich kleine Beiträge für unsere Zeitungen, möglichst an die Ereignisse des Tages angelehnt, allerlei unterhaltsames Zeug, das dem Geschmack der Zeitungsleute und -leser nicht „zu hoch" ist. Es ist auch auf diesem Gebiete schwierig, sich emporzubringen, aber immerhin leichter, als man ge- memhin -annimmt, — wenn man eben bloß Alltagsware bietet, wie sie gerade vom Markte verlangt wird. Meine Einkünfte waren geringfügig und nicht gerade regelmäßig. Vor allem wunderte ich muh über eins. Da kam es oft Lfnus vor, daß ich einer Zeitung in Sheffields oder Readina erne klerne Arbeit anbvt. . . ohne Erfolg. Sie schickte sie mir zurück. War das Aus>ätzchen aber erst einmal hier in London oder in Manchester erschienen, dann gefiel es den Leuten und sie druckten's nach. Sie werden nun glauben, das könne mir nur erwünscht fein: denn dadurch hätten sich ja meine Einkünfte gehoben??!" . Der Hauptinann sah gequält drein. Was kümmerte ihn dcese Zeitungssachsimpelei? Er nickte wieder und Atterlev erleichterte weiter sein Herz. . „Ja, ja, ich habe auch fo ähnlich gedacht. Aber als ich den Nachdruckern eine Rechnung sandte, kam ich schön an. Sie verbaten sich die unverschämte Dreistigkeit und was derlei Liebenswürdigkeiten mehr waren." Nur, um etwas'zu sagen, flocht Longford ein: „Ist denn der Nachdruck hier in England sticht verboten? Ich verstehe leider wenig von diesen Preßgesetzlichen Vorschriften." „Ich habe versucht, mein Recht nach englischen! Gesetz zu bekommen. Ebensogut und mit mehr Gewinnaussicht hatte ich in der Lotterie spielen können. Der eine Richter sagte ja, der andere nein. Und derweil druckten die biederen Leute fleißig weiter nach. Das war ja auch viel billiger, als lvenn sie die Arbeiten von mir bezogen hätten. Schließlich konnte ich doch nicht jeden Missetäter erwischen. Denn dazu hätte ich ja alle Zeitungen täglich lesen müssen . . . Doch auch dies wäre am Ende noch zu ertragen gewesen, wenn nun nicht. . . wissen Sie, sie haben da eine großartige Fachzeitschrift, die „Prest-Cdition", und die begann zu schurch! und zu hetzen. Erst hieß es, ich verlange zuviel, ich ser >em Wucherer, — dann: ich hätte meine Arbeiten selber' abgeschrieben und sei ein Betrüger, dann: ich hätte Leute verklagt, ohne ihnen überhaupt eine Zahlungsaufforderung Weben zu lassen. Ja, Kapt'n, die „Preß-Ldition" nahm sich der durch mich fürchterlichen Menschen bedrängten armen Zeitungsverleger an; da stand es gar rührsam zu lesen vom ehrlichen Zeitnngsverleger, der schwer ringen müsse, während unsereiner, so ein hergelaufener Kafsee- hansschrrfLsteller für irgend eure belanglose Nichtigkeit uw ftmttge Gelder fordere." Longford lachte und Atterleh spann unter heftigen Gesten den Faden seiner Erzählung weiter: „Haben Sie Won einmal einen ZertungsverlsgLr m> sehen, der ein armer .Teufel gewesen ist? — Ich nMU — MM aber ifü mir bekannt, daß Tausende urrd Hünderr- Larrsemde von Schriftstellern schon verhungert sind. — Nützt alles nichts, der Jude Wirt) gehünat! — WaZ ich mich alles schimpfen lassen mußte, das aufKllZMten, würde Bünde füllen. Der ganE Berleumdun asfeldzug gegen mich ist ein ebenso unaustilgbarer Schandfleck der errglifcheu Presse wie die GreuelLerichbe und sansiiaen Kriegslügen, die nur ^tzt seit fünfviertel Jahren in alle Welt Hinausposaunen. Aber die echten Journalisten kennen überhaupt nicht mehr die Wahrheit sagen; sie Minen bestenfalls eil re Meinung vertreten . . . Uebrigens Sie können sich wohl denken, wie freundlich mir die Richter gesinnt wurden, wenn ihnen ein würdiger ZeiLunasverleger die neueste Nummer dev ^Preß-EdiLt-mr" unter die Nase rieb . . . Na, da wußte man's ja, wer der Kläger war: ein Preßpirat, Nachdrucksjäger, Wucherer, Revolverjounalist, Erpresser und Betrüger. Und die Puderperücken nickten weise . . . right or wrvng, die Perücke fiel nicht herunter: — Ich bekam in den seltensten Fällen mein Geld. Und die ganze Hetze wurde angesetzt vom Fachblatt der „Preß Union", der so ziemlich alle bedeuten- deren Zeitungsverleger der Vereinigten drei Königreiche angehören. Derr Schmierfinken, die mich um mein Geld prellen und obendrein in Grund und Boden donnern wollten, war in jenen Spalten Tür und Tor geöffnet. Wenn so ein ehemaliger Setzerlehrling, der es im Laufe der Jahre zum hochmögenden Zeitungsbesitzer gebracht, einen unverschämten .Brief an mich schrieb, dann sandte er gewiß eine Abschrift an die „Preß-Edition", damit nur ja die ganze „Preß Union" erführe, wie trefflich er mir auf die Finger geklopft. Ach war eben vogelfrei und meine Arbeiten Freiwild, die red er Wildschütze in seinem Rucksack bergen mochte." (Fortsetzung folgt.) Au« der zranzosenzeit in Deutschland: Rriegslasten der Gemeinde AüenLsg a. d. Lahn im Jahre (796 (nach alten Rechnungen). Won Dr. H. Berger- Gießen. Kaum 30 Jahre hatte sich das .Gießener Land nach dem 7jahri- toat Krieg des Friedens erfreuen dürfen, als.es wieder aus seiner Ruhe durch die Kriege ausgerüttelt nxuröe, die die französische Revolution zur Folge hatte, und deren ■ÜÖMlat sich auch bis an die Lore Gießens ergossen. Trotzdem Hessen nach dem Baseler Frieden von: o. April 1795 als neutrales Land galt, zeigte es sich bald, wie Wecht die Franzosen die Neutralität respektierten. Gießest wurde 17 9 6 von den Fvanzossn besetzt und mußte denn He ran- AahRi des kaiserlichen Eritsatzss geräumt, am 11. Septernber dort der Pulvernrühle rmd eu verlangt. Tie Wriegsfahvten «Lockerten bedeuterrde Beträge, dre die Gemeinde dssst Unternehmern zu vergüten hatte. 26 Gärige nach Gießen waren! rüstig, um Borsdellurrgen zu wachen wegerr Erleichterung der schnür drückend«: Einquartternstgen und Kriegslieserungen. Am berMesien sprechen für die Kriegsnot der Gemeutde Meickvrf dis betreffenden Einträge in den Rechrungen, von denen wir nur einzelne nachstehmd wirdergeberr : 15. April: BorstelÜMg in Wsetzlar wogen .Pferdeliescrung an dis ArMWDkjM. 16. Juli: Mehrlieferung an die FrmMfen. 18... Juli: Wrrstellung in Rechtenbach, um eine „Sauoegardch^ (Schutzwache) vtzm einem französischen Offizier zu erbitten. 27. Juli beim Amt die frairrzösische Brandschatzung eingeliefert, 88. Juli: Anstellung wogen Nachlaß an Lieferungen für die Franzostn. 6. August: Einquartierung französischer Artillerie. 10. August: Lieferung von Hufeisen und Nägel an die Franzosen in Gießen. 29. August: Naturallieferung an die Franzosen. 31. August: Vorstellung wegen Nachlaß von Pferdelieferung.' 8. September: Vorsteher in Witzlar, um Pferde mrd Geschirr für ^ die französische Lieferung zu kaufen. 14. September: Borstellnng bei dem Proviantmeister wogen einer starken Bwtlieferuna und „ein halb Nachlaß". 21. Dezember: Gang nach Gießen zu den: Herrn Regiermigsvath von Zangen und dann nach Großdn-Linden zu dem Herrn Obersten wegen der starken Einquartierung. Wenn auch die Angaben in den Rechnungen nur Allgemeüres bringen, so läßt sich trotzdem daraus ein Bild gewinnen, was der einzelne gelitten haben mag. Ermißt man, daß Oberhessen vvch 60jährigen Krieg an bis zu den Befreiungskriegen nur mit kurzen Utftecbrechungen, also fast 150 Jsthre, der Kriegsschauplatz fremder Völker geivesen, so gewinut inan eine Borstellnng vvn der Einwirkung der Kriegsiverhältirffse ans das Wohl und die Ent- tmcllung der einzelnen Gemenrdcn. Tie Geschichte vergangener Tage eine Lehrmeisterin für die Gegenwart! Aus den ßeldbriefen einer deutschen Rnaben. Much eine Stimme zur Kriegsanleihe. Wenn ich diese kleinen Auszüge aus derr Briestn eines -deutschen Jungen, eines der Jüngsten draußen im Feü>e, m die ich zufällige einen Eirrblick tun durfte, der Oeffentlichkert übergebe, so genüge ich damit der ChronistenpflichL, die das Ungewöhnliche festzjuhckllen sucht. Denn ungewöhnlich sind diese schlichten Sätze, die ein junger Derrtscher, fast ein Knabe noch, air seine Lieben richtet. Der Schreiber ist eurer der Jüngsten, die nun unter den Fahnen stehen und die draußen in wenigen Tagen mehr erfahren haben, als wir .Alten fast alle in einem langest und trotz aller Seltsamkeiten beschaulichen Leben. Und wenn wir, die daheim sind, auch nach den drei unendlichen Jahren dieses Krieges genugsam von seinem Wiesen zu wissen glauben, so tut es uns doch gut, emmal wieder einer Stimme «r lauschen, die ganz dem Ursprung des Gefühls selber entquillt, die einmal wieder aus der Kind'hafrigftüt des Erlebens zu uns spricht. Die haben.wir ja längst Unter uns gelassen, seit der Krieg uns Isai- einer .Gewohnheit geworden ist. Lassen wir deurr auf einen Augenblick unsere angelernten Vorstellungen und seien wir jungfWleud mit einenr Jungen! E. M.« Nie vorher sah ich einen Menschen, der vom Tode gequäkt wurde. Jetzt ist dstses Bild mein täglicher Spiegel, in dem üH das Entsetzen meiner Seele suche. Und doch finde ich es immer Enger darin. .Immer stiller schlagerr hie Nöte nieines Herzet: bald werde ich wie einer der Bäche führ, der imgeheures Blllten in. sich ertränkt hat. . . ^ Bin ich furchtsam? — Sicher bin ich nicht feig; aber furchtsam bin ich M, wenn mein Sinn übervoll von Gedanken ist. Dann möchte ich es den Erdgewachsenen gleichtun, die nur dann ihr Herz pochen fühlen, )venn es tzerrissen ist. Das ist mein großer Jammer, daß ich zuviel nachdenke über die Dinge, über idie ich doch keine Macht habe. Wiieviel besser körrnte ich meinchN Volk jetzt dienen, trenn ich einfacheren Geistes tväre! ' ' -i- W«rn die Verlassenheit in Meinen Augen brennt und ich feinen Weg mehr gehen mag zu denen, die im!mer um mich find^ mir längst Vertraute und doch nicht Vertrauende — dann wünsche ich mir oft, daß ich eine Braut irgendwo hätte, die über mein Sterben traurig sein müßte. Wie reich> sind -doch di« Aermsten, di« ein Wesen andern Blutes ihr eigen nennen! Eltern und Geschiwister sind eine teure Gewißheit, aber die Geliebten! sind sich ein Labsal. • • ^ Tage und Nächte zählen wir hier, die uns aus der Enge des Grabes befreien. Denn ein jGrab ist für mich! der Graben, der unsere Wohnstart ist, Tage und Nächte zählen wir, nach denen wir auferstehen. Wie werde ich erst emporgehoben fein, wenn ich wieder daheim bin! Me werde ich in die Höhe wandern, wenn ich in mein Wirken trete! «Aber ihr müßt anders g«vorden sein, mit Mir müßt ihr anders geioorden sein, wenn ich wieder in die Heimat kehre. Ihr müßt es, wie soll ich sonst vor mir bestehen? * Könnt ihr noch! lachen daheim? — Wir lachen viel und gern. r v ihr dürft nicht. überuÄltig lachen. Das schmerzt mich, wenp euch außerhalb dieser Zerr weiß. Leben sollt ihr ivie im Frieden, daß ich Dich sonnig wieder finde, Schwesterchen, und W edncin Kleids, das Dir wie ein kleines Lied steht. Wie gern * stelle ich mir vor, wss^M pbuäxernd an meiMm Urnve fchrcÄxK. 184 Ich bin dann groß geworden und scharre wie ein erstchremH Mann auf Dich heraü^ Dar rmrst über mich lachen, doch schadet's nichts: gelernt habe ich doch in dieser Zeit der Trennung tausendmal mehr als Du. * Sich ausstrecken dürfen: dieses Gefühl steht im Mittelpunkt unserer Wünsche. Sind wir nach der Unendlichkeit des Wartens am Feinde irgendlvo im Weiten, im Hinterland, wo nur noch! die 'nächtlichen Feuer der Front sichtbar fiitb und die Schüsse der Kanonen -im vielfachen Widerhall klingen, dann kommt es wie ein Segen des Himmels über uns, wenn wir uns auf dich Strvhtennen legen und alle Sorgen um uns sammeln wie in ein Gefühl erlüserrder Bitterkeit. Dann sürgen nachtflatternd^ Vögel zu unseren Häupten, dann fühlst Du ahnend die Macht des Leberrs in Dir. Nur nicht einschlafen müssen — so liegen und in die grenzenlose Ferne starrer: und die Wonne ganz genießen j müde zu sein. * Es läuft so schnell alles hier: Minuten rauschen und eins Weltgroßes ist schon geschehen. Und nicht einnral bewußt wird uns nrrsre Tat. Wir sind eingeklemmt wie zwischen eisernen Riegeln und wirken nbr drrrch die gewaltige Gemeinsomkeit. Wir selbst aber -leiben der kleine Ajtem des Ungeheuren. Wir sind uns selbst zur Schmu, daß; wir ein Mensch sind unter altem, was -hier lieber-; menschliches getan wird. — Und noch eines ist hier beklemmend r man fühlt sich ganz als Geleiteter. Wenn alles Wirrivarr ist und Not und Grausen, dann ruft ein Wort, ein Mick, ein Beispiel das Wunder hervor. Der -einzelne versinkt und der einzelne trcibh hoch. Er wirft in die Verzagen)«: die lockernde Fackel und :oe:ß es selbst nicht. Wo die Persönlichkeit ganz unscheinbar :virb, sift sie trotzdem der mächtigste Wstoß zur Tat — und von den Verzagertdein wird das Größte geleistet. * Und dann: ich muß so oft an den Himmel denken und an Gott Ich meine immer, daß er uns so sehr nahe hier ist: tttfr sprechen! me von i'hm. aber :oir fühlen ich: doch alle, roenn auch keiner vom anderen davon erfährt. Das ist das Seltsame, daß n:an seine Innerlichkeit so tief vor de:: Freunden versteckt. Man weiß, waö den) ankern bewegt, mau glaubt ihn' ans sich selbst zu erkennen, aber: man fürchtet sich, seine WAt auf die Zunge zu nehmen. .Heilig«! Ehrfurcht vor uns selber, die in uns wohnt. * Sich waschen dürfen und für den äußeren Menschen sorgen: bas ist auch eine Entdeckung der Seele hier draußen. Wie wunderbar läuternd wirkt doch ein Wassertvopfen! 9tach Dagen geguältenj Stammele befreit er uns von der Unerträglichkeit der inuerens Spannung. Er wäscht alle Sünde:: der Augst von. uns ab. Er entzündet Feuer in uns und legt neue Kraft auf unsere Lider. Und ' die freudsame Entdeckung, wenn irgendwo andere, selbftbereitbar^ Kost winkt! Dann schleichen wir uns durch die Morgenruhe, wenn die Artilleristen drüber: sich silr de:: Dag stärken, und grabest unter den Stacheld-vähten etwas Eßbares aus. Die mundet uns im Essgeschirr gekocht wie die kösllichste Speise eines exotischest Landes. Nicht immer aus diesem großen Kessel essen müssen, welche Erholung! * Ein Wunder ist für uns, die wir am Feinde stehen, die Frau, Sind wir in Ruhe und waschen uns morgens am Brunnen, unbl irgendrooher kommt eine Frau oder ein Mädchen zu unsermj Brunnen, sich Wasser zu holen, dann durchfährt uns alle der Schreck, daß wir Männer sind — und einer möchte am liebsten dem andern nicht mehr in die Angen sehen. Wohltätig ivie eist warmes Bad wirkt der Anblick der Frauen auf uns Entfremdete« Ms streichelten uns weiche Hände, so Prickelt uns die Haut ach unfern: Leibe. Wer freche Begehrlichkeit ist es nicht. Nein, auch da hat der sinstre Krieg eine neue Reinheit tu uns geschaffen.! Könntet Ihr daheim, und besonders Ihr Freuen, diese unsere! Reinheit nur ganz begreifen und könntet selblt so werden wie wir, deren junges Blut im Opferseuer geweiht ist. * Und sollte dies nicht Euer Zeugen für uns sein, daß wir uns überstark fühlen hier draußen, tvo Schwäche der Tod ist? Euch selbst enläußern um unsertwillen: wie herrlich groß wirkt dieser! euer Wille auf uns! Dem: das ist das Ursächlichste hier, daß wir alles Lebcu nehmen sin Hinblick auf euch, und daß >vir allest Stolz und allen MUL von euch empfangen. Wir verstehen es nicht, wenn nicht alles geschieht, tvas uns zur Hilfe dient. Urrd was gilt Gtlt und Geld, rvem: der große Gedanken zu Schaden kommt, wenn wir arm vor uns selbst da stehen gegenüber einen: gerüsteten Gegner. Das sist für uns ein innerer Sieg, dem nichts Aehnliches hier zu vergleich;:: ist, tvem: die Heimat eine Tat tvagt. O tätet ihr doch alle Tage Großes für uns! Wir sehnen uns nach neuen Opfern von euch. Denkt auch bei der Kriegsanleihe daran! Wir aber wartest weiter am Feinde. Dann zeichne KriegsaaleiH«. Bist morgens fvoh du uffgewscht, Host geholt e guts Nacht, Hott der KcHsee dir geschrnecksi W!ar gut der Mittagstisch gedeckt, Max das MiLtagsschläsch schoe, Odder das Spazievogeh', Hot geschmeckt der Tänunerfchoppe, Hattste Glück beim S-katchekloppe, Dann zeichne K r i e g s « a k e i -H «, Ging dir e Kätzche in die Quer, Un biste sonst verärgert sehr, Leiht dir 's tkriegsbrot schwer int Mäge, Petze dich die Hühneraage, Ekelt dich der Schwätzer Blech, Hattest du bernr Hamstern Pech, Hott mer die Fleischkart' dir ver.veigert, Odder gar die Mier gesteigert. Dann zeichne Kriegsaaleihe« Host. du gekriegt etwa en Orde, Odder bist Vattor du geworde, Großvatter, Onkel vdder netter Bräut'gcrm, Schrmsgersvhn un Petter, Höste Hrittel, Gäus' und Hase, 'Säuche, Schäfcher odder Gaase — Un noch jo von allerhand. Dann denk' aach an das Batterland, Dann zeichne Kriegsaalei he. Fraa Hannewackel. !!?M!!I!!l!rr!!jI!!!!I!II!I!!!!I!I!!W!II!!I!!!!!I!lz!!!i!!!!!!!,,iI!I!II!!I,I, !!i!!!!!ij|||||jj||!|||!i j|||||!IHI Büchertisch. — „Der Sieger" von Professor Walther Firle ist ein Gemälde, das weit über das Durchschnitts maß der vielen patriotischen Bilder, die der Weltkrieg in Deittschlarch geyeisigt hat, heroo-v- ratzt. Der deutsche Gemus, dargestellt als jugendschöner Sanft Mrchael, in goldschimmerrcker Rüstung mit schivertbewehrtem Arm und Eftigen Fittichen, den Ausdruck edler Menschlichkeit im Ant- l:tz, reicht dem aus blusigem Knüpfe kommenden, vor ihm kniendm Feldgrauen den Lorbeerkranz des Siegers. Die warme (Änpfsittmng, die der Künstler in die beiden wehrhaften Gestalte:: zu legen wußte, die sprechende Haltung, die wüchsige und doch schliche Komposition! des GarMn, nichL zuletzt die gedäinpfte Farbenpracht der mal«», rischen Darnellmm fesseln den Beschauer m:mittelbar. Der Kimsd« verlag C. Andelfinger & To. in München hat nun eine tadel- Utfe Wiedergabe des Bildes im Fornmt 4ox64 veranstaltet und krmrt dem-deutschen Volke ebnen vornehmem ZiMinrerschmuck vonl dEinchem Wert geschaffen. PrsiS 8 Mark. __ 7 ". Die Weltbühne, der Schar Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, SiesirieD JacobsohU enthäft in der Nr. 15 WilMnstraße. Paul Lench, von Johannes von Pancratvcs. Die BcrÄindigung, vor: Sauer, von S. I. Totenspruch 'von Julius von Wstms GoDschn:idt. Anttvvrten. e XIV. Jahr, ausgegeben vvst skwetter in der . . :rt. Justizmord fred Polgar. Hiotz Bab. UWems. Rätsel. Auflösung in nächster Nummer, 15 riftleitung: W. Meyer. — Zwiflingsruirddntck der Brühl'schen Nnw.-Bnch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.