Samstag, den 50. Mär; Flieger über London. Bim Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 191Ü. Bon Justns Schoenthal. (Fortsetzung.) 6. Kapitel. Im Haufe des Viscount. Der Hvdepark troff von Nebel. . . Der Londoner Himmel hatte seine allerverdrretzli.chfte Novenrbermaske vor das Antlitz gezogen. Und wer l-eute in die britische Haiiptstadt gekommen wäre, chatte geschworen, daß die Sonne wohl über Gerechte und Ungerechte, kernes- falls aber iiber London scheine. Sie chatte sl-ch..hoch nicht blicken lassen, und da der Tatz bereits zur- Rüste schritt, mußte mau sich damit abfinden, heute nicht von ihrem gütigen Strahl beschienen und durchwärmt M werden. Ueber der Landschaft lagerten dicke Nebelschwadmr, und wie feiner, nasser Stculb legte es sich auf Gesicht und Kleider. Lonaford erblickte weit und breit keinen Spaziergänger. Wer wollte sich auch an diesem Tage eine Erkaltung holen? Oder gar Gliederreißen? Er verspürt ees an ferner Wunde am Bein, wie gefährlich dies feuchtkalte Wetter war. Ern wütender Schmerz stach uub biß trt der Narbe, als wollte das Gelenk mit roher Gewalt überstreckt werden. Dock der junge Hauptmann war von so unbändiger Freude erfüllt, daß er weder die Sonne vermißte, noch den Schmerz mit Bewußtsein eurpfand. Und hätte es Schwefel geregnet und spanischen Pfeffer geschneit, er wäre nicht ver- ^ rlC ^Uc6ec e eine hatte ihn der Minister warten lassen; aber seit heute morgen war er Hauptmann im Großen Generalstab. Viscount Brauch war sem «umMelbarer Vorgesetzter. Er fieberte beinahe vor Lebenslust. Ern Gefühl der Erlösung, der Befreiung überkam ihn, .... endlich nach einer entsetzensbangen Woche der Beklemmung. Ja. er mußte unbedingt heute noch etwas beginnen, unter Menschen kommen, fremde Gesichter sehen. Er erinnerte sich der Einladung des Viscount, ihn ur seinem Palast ausznsuchen. Es war vielleicht Nicht schicklich, dies schon nach so kurzer Frist zu hm. Aber er glaubte, einen Grund zu haben, der die Unschicklichkeit entschuldigte. Und so wanderte er zu Fuß durch den nebelnasten Park. Der Novcmberwind riß mit rauher Hand dm, dürre Laub von den Bäumen und warf es dem einsamen Wanderer klatschend ins Gesicht. So war es ihm recht! Fühlen, körperlich fühlen wollte rr den Kampf, den er aufzunehmen gesonnen war. Sn diesem Novembersturm mit Nässe und wirbelndem Laub schien ihm ging hocherhobenen Hauptes durch die Ge- Nässe nicht, fa6t Manchmal jagte die Windsbraut Löcher in die Nebel, wand. Dann wurde ein Stüa Landschaft sichtbar, ein Idyll von Birken und Buchen oder eine Waldwrese mit emem niedlichen Märchenschlößchen im Hintergrund, ern knorriger Baumstumpf inmitten einer natürlichen Rasenbank, der Hochsitz der Elfenkömgin und ihres Gefolges. Er hatte einen abseitigen Fußpfad eingeschlagen^ünch freute fich der Geisterwelt des Parkes, die ern fahrende« Gesell ails Ossians Gesängen erschien er sich selbst tn der Der Zauber wich. Eine Reihe palastähnlicher_ Hnus^ schob sich als Kulisse ins Bild und gemahnte an die Wirr- ^^Der Palast des Viscounts Brauch war bald gesundem Er war ein sehr gediegen erbautes, Massiges Hans, rm Aeußeven ohne überladene Pracht, aber auch oyne kunfd lerische Schönheit. Sein einziger Schmuck bestand m der gedeckten Einfahrt, auf der eine Altane ruhte. Das Hmls nvochte etwa fünfzig Jahve steherr und verriet tn jed«n Quaderstein den nüchternen, auf das Dauernde gerichteten Sinn seines Erbauers. ^ f Dem Besucher fiel auf, daß tm oberen Stockwerk eine Anzahl Fenster geöffnet standen, wie in eurem Trauerhause. Sollte die Bisconnteß -?! Dann täte er mettercht beffet, nmxukehren und seinen Besuch a>ls gelegenere gett zu ver- schieben? Aber dann würde er gewiß den ganzen Nachmittag und Llbend in ungenießbarer Stimmmrg fern, rmdseiN Hnrnor hatte schon ln der vergangenen Woche des Wartens gerade genügend Galle angesetzt Er drückte auf die Hausglocke. Ern Schiebefensterchen zur Seite tat sich auf, und ein grauhaariger Diener fragt« nach seineil Wünschen. _ . Er legte seine Karte ans eine Silberplatte. Leise öffnete sich ein Flügel des ffchtveren kiipferbs- schlagenen Tores und ließ ihn erntreten . ' In einem kleinen Ankleideranm legte er ab rmd brachte seinen äußeren Menschen wieder etwas in Ordnung. Dann wurde er von dem in Trmterlivree gc kleide teil Grankopf in einen Enrpfaiigsra-mil gesi'chrt, dem ein Kamrn- feuer eine geruhige Behaglichkeit verlieh. Schon nach wenigen Mnuten erschrwi der Er sah krank aus uub übernächtlgt. -Dunkle Ringe zogen sich um seine Angerr. ungelegen. Mylord £ wisse Anzeichen möchte ich fast dahm denteir, als sei daS Gefürchtete imn doch ErergiiiS geworden. Der andere nickte. Mit mftbcr Stimmte erwiderte err „Mtte, behalten Sie Platz!" Er ftrhr fich mit der Hand ^„Ja, liehst ausgelitten. .Es war ein ganz fanst« Tod".. > 102 Der jlMHH Offizier drückte ihm bewegt und stumm die Kand. „Vielleicht, begann der Viscount wieder, „war es das Best» so. Aber für mich ist es allemal fürchterlich. Sie werden denken: Was gilt da- Leben eines Menschen in einer Zeit, da Millionen und Abennillionen unter den gräßlichsten Qualen ihren Geist aufgeben müssen? — Ich habe ja auch drüben im Artois manch Schreckliches gesehen, jo Schreckliches, daß ich es bis an Mein Lebensende nicht mehr vergessen werde . . . aber das war das Entsetzlichste! . . . Wissen Sie, seit vier Tagen Zuschauer, nur Zuschauer hu sein, Zuschauer dieses wahnwitzigen Kampfes zwischen den ALächten des Lebens und des Todes, nicht helfen können und dabei wissen, daß die letzte der drei Schwestern, die schon die Schere ansetzt, um den Lebens faden zu durch- schneiden — mein Gott, Sie ahnen nicht, was wir gelitten haben. Glauben Sie mir, — an Gehirnbautenzündung zu sterben, das ist der allerqnalvollste Tod. Wir find Pum Schluß an ihren! Bett niedergesunken, haben dre Hände rngen und den Allmächtigen im Himmel ängefleht: r Gott im Himmel, der du das Leben verleihst, nimm in Gnaden das letzte Lebensfünkchen und erlöse sie von ihrem Leiden! . . . Ja, — wir haben wirklich um ihren Tod den Himmel angefleht." Er bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Hauptmann empfand fast etwas wie Reue, daß er das Hans gerade an diesem Tage betreten. Er reichte dem Obersten die Hand. „Verzeihen Sie . . . aber wenn ich geahnt hätte, in welcher Verfassung ich Sie antreffen würde, — ich hätte selbstverständlich ein andermal vorgesprochen." Der Viscount hatte sich gefaßt. „Bitte, Kamerad, bleiben Sie getrost! Sie komnten vermutlich dienstlich. Es freut mich. Sie bei mir zu sehen, und es ist sicher meinen Nerven ganz, zuträglich, wenn wir jetzt vom Dienst reden . . . nur vom Dienst! Das gibt der zerrütteten Seele am ehesten ihr Gleichmaß wieder." „Die Wahrheit zu sagen, Mylord, ich machte einen Spaziergang durch den Hydepark und faßte dabei erst den Entschluß, von Ihrer freundlichen Erlaubnis Gebrauch zu machen." „Sie unternahmen bei diesen! Jnfluenzawetter einen Spaziergang durch den Park? — Den Hydepark müssen Sie sich im Hochsommer betrachten, wenn alles grünt und blüht, wenn die Kindermädchen mit ihren Kleinen ihn bevölkern und sich halb London dort ern Stelldichein gibt! Aber... was kann Ihnen heute der Park bieten? Bestenfalls eine Lungenentzündung! Sie müssen unbedingt eine Tasse starken 2^es mit Kognak zu sich nehmen." „Aber, Herr Oberst, ich bitte . . . Keine unnötigen Sorgen! Ich bin doch Soldat und Habe eine sehr robuste Natur." „Kapt'n, Sie kennen die Tücken unseres Londoner Klimas nicht!" Er klingelte und gab die nötigen Anweisungen. Dann setzte er das Gespräch fort: „Eine Frage, meine Schwägerin, Fräulein von Roggenhusen, ist seit Kriegsbeginn bei uns zu Gaste. Sie ist nicht etwa Deutsche, sondern Baltin, spricht aber als Muttersprache Deutsch und kann sich auf Englisch sehr schlecht verständlich machen. Haben Sie etwa deutsche Sprachkenntnisfe?" „Ich spreche Deutsch wie meine Muttersprache", beeilte sich Longsord zu versichern. „Dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick. jJch glaube, etwas Zerstreuung wird auch ihr gut tun." Er verschwand und währenddessen rückte der alte Graukopf, der Longsord gemeldet hatte, mit jenen leisen, ausgeglichenen Bewegungen, die die Diener vornehmer Häuser auszerchnen, den Teetisch mit den bunten Tassen aus chinesischem Porzellan an.den Kamin. Eine Portiere ward zur Seite geschoben und Marianne von Roggenhusen trat herein; der Viscount folgte ihr auf dem Fuße. Der Hanptmann stand aus Und redete sie in fließendem Deutsch an. „Gnädiges Fräulein verzeihen, wenn ich gerade heute meine Aufwartung mache. Es ist nur die Liebenswürdigkeit Ihres Herrn Schwagers, die mich hier festgehalten. Ich hatte gewiß nicht länger gestört, nachdem ich von dem entsetzlichen Unglück erfahren, das sich nun heute erfüllt und aus geschöpft Hai." Marianne sah ihn voll an. Es tat ihr Wohl, wieder einmal Leute ihrer Muttersprache zu hören. Dre Herren der Londoner Gesellschaft verwöhnten sie sonst nicht übermäßig. Leise sagte sie: „Ich danke Ihnen!" Mit einer Handbewegung lud sie die Herren ein, wieder Platz zu nehmen. Der Diener hatte auch für sie einen geschnitzten schottischen Strohsessel herbeigebracht, und sie goß den Tee eiir. Longsord verglich sie unwillkürlich nrit Lady Edith. Zweifellos war Edith schöner, sie blendete vom ersten Augenblick an. Marianne von Roggenhusen besaß ein bleiches, feines Gesichtchen; sie hatte eine kleine Nase, deren Flügel, wenn sie sprach, in lebhafter Bewegung bebten; ihr Mund war schmal, die Lippen fast etwas zu dünn; die Llugen! zeugten vorn vielen Wachen und Weinen der letzten Tage. . . . Ihre ganze Gestalt hatte etwas unsagbar Rührendes. Longsord nahm den Fäden das unterbrochenen Gesprächs wieder auf. „Sie wissen vielleicht, gnädiges Fräulein, daß ich bei Lord Southriffe zu Gaste bin." „Ja. Lady Edith hat mir von Ihnen ermhlt." „So werden Sie es kaum seltsam finden, daß ich soeben! insgeheim zwischen Ihnen und Lady Edith Vergleiche anstellte, sozusagen, um den Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Frau zu erforschen." „Und der Vergleich ist, wie vorauszusehen, zu ungunsten der Deutschen ausgefallen?" „Gnädigste scheinen mich fiir einen Deutschenfresser zU halten. Ich bin nichts weniger als das. Aber der Vergleich ist weder zu Ihren nr»h tzn Lady Ediths Gunsten ausgefallen; ich habe ihn ausgegeben." „Und warum, wenn wir fragen dürfen?" mischte sich in leidlichen! Deutsch der Viscount ins Gespräch. „Ganz einfach, weil ich weder glaube, daß Lady Edith der Typus der englischen Frau ist, noch — ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich lungeschickt ansdrücken sollte —< den Betveis für erbrach!t ansehe, da<ß das gnädige Fräulein gerade als dw Vertreterin Deutschlands anzusprechen ist. —7 „Sie ziehen.sich ans der Schlinge, Herr Hanptmann. Seien Sie bitte ehrlich; ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie mir eine bittere Wahrheit sagen." „Ja, gnädiges Fräulein, ich habe eigentlich keine Ueber- zeugung in diesen Dingen, n!ehr eine Ahnung, die unter der Schlvelle des Bewußtseins ruht. Der Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Frau läßt sich vielleicht in die zwei Sätze bringen: die englische Frau scheint nrir mehr Verstaub und weniger Herz, dce deutsche mehr Seele und' weniger Verstand zu besitzen. — Ich weiß nickt, ob das unbedingt Geltung hat, weiß auch nicht, wo hier oer Vorzug zu suchen wäre." Der Viscount nickt beifällig. Dann meinte er: „Sie sprechen erstaunlich gut Deutsch. Hatten Sie drüben in Amerika soviel Gelegenheit, init Deutschen zusammen- znkommen?" ( Longsord neigte sich vor. „Ich hatte sogar sehr viel Gelegenheit, in meinen! Leben Deutsch zu sprechen. . .Uebrigens spreche ich fast ebenso geläufig Französisch und sogar ein wenig Italienisch unb Spanisch." * „In der Tat, Sie sind ja eine Sellenheit unter unfern Offizieren. Sie wären ja der geborene Diplomat bei Ihren Sprachenkenntnisse. . . Nein, ich bin durch und durch Mili- Der Hanptmann lächelte. „Mylord überschätzen das. Schließlich hat heute jeder bessere Oberkellner in einem größeren Gasthof auch Sprachenkanntnisse. . . Nein, sch bin durch und durch Militär und heute bin ich glücklich, daß ich Hanptmann im Großen Generalstab des Königs bin, dessen Orden ich seit zwei Tagen trage." „Sie haben einen Orden erhalten?" fragte Marianne. „ Uuverd ienterweise, ganz nnverdientertoeise, gnädiges Fräulein. Seine Exzellenz hat mir das Georgs kreuz S r besondere, vor dem Feinde bewiesene Tapferkeit zuftellen ssen. Vermutlich hält man es für nachahmenswerte Tapferkeit, sich aus einem deutschen Feldlazarett bei Nacht unb Nebel über die Grenze zu stehlen." „Nun, machen Sie Ihre Tat nicht Meiner! . . . UnÄ Sie sind jetzt hier im Generalstab beschäftigt?" „Sie haben sich, gewiß sehr gefreut, Herr Hanptmann?^ fragt« Marianne. 303 u83wc lauter Fiveude bin ich heute vottnittag durch den 'chenleeren Hydepark gelausten und habe mich Er war diesmal selbst am Karfreitag nicht zn belvegerr, mit in me Kirche zu gehen. Für ihn gab es kein,Fest mehr. Am Ostersamstag wurde feine Laune vollends schlecht. Da kamen nach alter Sitte die alten Dorfweiber mit ihren Kindern, und sangen in der Diele ihren Bettelreim. Es waren dieselben» Verse wie früher, mir daß sie sie diesmal statt im lustigein Tone ganz lämmcrlich herunterleierten. Das machte die Sache aber nicht besser sondern schlechter. Der Alte hinter dem Ofen hörte es ganz deutlich: „Gun Dag, gnn Tag, gnn Dideldnmdei, Nun kam ick um min Osterei' Tat een is tritt, das anner swait, Datt drütte stek ick in mien Sack. * Fru, lat mi nich so lang stahn, Ick mutt noch'n paar Hits wieder gähn." „Ich toill Euch, bei Eiern," brummte der Bauer und tvar doch ün ( Innern _ überzeugt, daß seine Frau zn den Groschens dem Weibe heimlich ein paar Eier zusteckte. • Als nun gar die Scheuergret^ sonst, ein ganz? vernünftige Person, anhub zu singen: „Es ist ein Ros' entsprungen —", bi riß dem Bauer die Geduld. Er sprang auf. „Kann Sie denn nicht mehr Osterrr und Weihnachten unter- scheiden?" herrschte er die Frau, an, der vor Schreck der Ton in der Kehle stecken blieb. Er fuhr in seine Holzpantoffeln, drückte sich die Mütze ins Gesicht und ging zur Hintertür hinaus. Er hörte gerade noch, wie in der Küche die Außendeern sang: „Moder sitt mien Dook vk gut. Morgen kümmt de Freier. Kümmt he nich, so hal ick ent Mit en Pott voll Eier." Er warf die Tür hinter sich zn, daß es durchs ganze Haus! hallte. * Ter Bauer stapfte durchs den Garten über die Fennen querfeldein, irnmer weiter, den Feldweg entlang. Die Sonne war im Untergehen. .Tie Luft war mild rmd frisch. Ein würziger Erdgeruch stieg aus den: Boden auf. Mit einem tiefen Atemzug blieb er stehen und blickte um' sich. Ihm war es, als sänke ein dunkler Schleier vor; seinen Augen und er könnte freier sehen. Das hatte er gar nicht gedacht, daß es hier draußen so schön war. Sein Hof war doch ein richtiger Staatshof. War er denn wirklich schon so alt, daß er sich nach dem Abnahme- stübchen sehnte? , Er kam nicht weiter mit seinen Gedanken. Bor ihm' her gingen drei lleine Mädchen, vielleicht fünf bis acht Jahre alt. Die hielten: sich an den Händen gefaßt und sangen aus voller Kehle in den schönen Vorfrühlingsabend hinein. Er wollte die Kinder ansahren. Wer hat euch singen geheißen? Mer er besann sich. Die Kinder kannten ihn ja gar nicht. Sie sangen wie die Vögel im Baum, weil sie singen mußten. Es klang sehr schön, viel schöner als in der Kirche: „O du fröhliches, v du selige, gnadenbringendc Osterzeit! Welt lag in Banden, Christ ist erstanden, Freue, freue dichj, o Christel »heit!" Der Mann am Wege blieb stehen mrd faltete seine Hände.. Wieder sank ein dunkler Schleier von seinen Augen. Es wurde immer lichter in seinem Herzen. Zum ersten Male seit langer Zeit redete er wieder mit seinem Herrgott. „Ja, du hast recht. Ich war ein alter Hansnarr. Du hast es immer g ut im Sinn gehabt mit dem Staats Hof und hast uns gesegnet. Du wirst wohl wissen, warum du uns den Friech genommen hast. Du Haft uns zwei dafür wiedergegeben: Die Wietjen und ihr Kind. Da wollen nur zufrieden sein und dir alles überlassen, wie dll es weiter machst; demr du hast doch nun mal die Oberhand." So redete der Staatshosbauer mit -seinem Herrgott, und getröstet und gehoben trat er den Heimweg an. Vom Dorfe her läutete die lleine Kirchenglocke das Osterfest ein. Seine Frau war nicht wenig erstaunt, als er sich am dlbend mit denr Gesinde zu Tisch setzte mld mit gutem Appetit seine Kartof- g ht und Eier aß. Noch mehr aber verwunderte sie sich, als er am stermorgen nach Wietjen fragte. Die Binnerdeern mlißte gleich gehen und sie holen. Das Kind- sollte sie mitbringen. ,Ich habe mir's überlegt," sagte er. „Das Kind ist ja aus dein Aergsven, da könnt Ihr ausl den Hof ziehen. Dann hat man doch auch was davon. Ihr gehört nun doch mal hierher." Die junge Frau wurde abwechselnd rot mrd blaß. Also sie sollte ans dem schönen Hof wohnen? Ihr Kind sollte hier auf- wachsen? Sie sollte als Friechs Frau geachtet werdm? 104 — Sie wollte die Hand des Men ergreifen, sie drücken, küssen. „Wenn die Kleine mal groß ist," sagte er, „so'n paar Jahr all betrat mußt du ihr bas Singen beibringen. Ich horte gestern ein paar Keine Mädchen draußen, die sangen so schön — „Was sangen sie denn sür'n Lied?" fragte ferne Frau. Er sah vor sich Hin. Halb für sich sagte er: „O du sröh:mW> ° ^^„Gnadenbringende Osterzeit," fügte die alte Frau Nisten hinzu und drückte unter dem Tisch die Hand der jungen Frau, Der streit der Glocken. Eine moderno Osterlegende von Martin Hel dt. Eigentlich ist die Zeit der Legenden schon lange vorüber. Wenigstens behaupten dies die matertalpttschen Menichen der Gegenwart, die sich tausendmal klüger und aufgeklärter düuken, als ihre Vorfahren. Aber die Menschen halten sich ja stets für weiser als ihre Ährten, und zu allen Zeiten waren dre Lebenden stolz darauf, daß sie die Modernen seren. Und doch ftnd sie sur dre Menschen der Zukunft veraltet und besangen m Aberglauben. Alles ist relativ — auch die Wirklichkeit tmd die Legende smd relattw Ten Leuten des Jahres 2000 wird unsere heutige Nuchternhert legendär und rotnantisch erscheinen. Tarum behaupte man nrcht, daß dre Legerrde verstummt und gestorben sei. Sie lebt und wirb ewig leben. Man muß nur den Willen haben, an sie zu glauben — das ist das ganze Geheimnis. ^ie Legende also, dre wir heute berichten, erzählt von zwei Glocken, die im Gestühl -eines ergrautet Kirchturms hingew Lre waren alt. Sie kannten Krieg und Frieden und wreder Kr» eg. Waren aber darob, wie man sehen toird, nicht werser geworden. Sie ärgerten sch. Und das ist bei Menschen wie Glocken, *m törichtes Beginnerr. Sie ärgerten sich, weil ihr GlockenstuU verwarft war. Bor einiger Seit hatten ihnen jdie in den Kirchtnrmluken ein- und ausfliegenden Tauben, die für die Glocken den Telegraphen- und Neuigkeitsdienst versehen, berichtet, daß die Meuchen auf der Erde wieder -einmal einen gottlosen! Man ausgeheckt hätten. Lte brauchten das kostbare Metall für ihre todbringenden Maschinen — Kanonen genannt — und so hätten sie denn beschlossen, die Glocken von ibren lustigen Wohnorten herabzunehmen und einzuschmelzen. Beschlagnahme aller Metalle," hatte ein sarMmdiger innger Täuberich geschnarrt, und war dann stolz davongeslogen. Tie Glocken zuckten gleichmütig die Achseln. Lie Hattert, viel erlebt in letzter Zeit, aber daran wollten >und konnten sie nicht glauben Ttch bald mußten sie erfahren, daß der Täuberich die Wahrheit gesprochen. Leitern wurden angelegt in dem Turmgestühl, Männer Heiterten herauf, brachten profane Unruhe und Werkzeug mit und begannen mit der Arbeit. Ta sie aber den Auftrag hatten, den Turm nicht ganz feiner Sprache zt: berauben, nahmen sie nur zwei von den vier Glocken mit. . Die beiden zurückgebliebenen ärgerten ,tch über chre Bereut- samung und waren sehr gekränkt. Außerdem fühlten sie sich künstlerisch ernsthaft geschädigt, denn ihre Melodien toaren vier- st'nnmig abgestimmt, und nun fehlten die Partnerinnen. Das war mehr als traurig, denn man näherte sich dem Osterfeste. Eines Abends aber belauschten die beiden Glocken ein Gespräch, das der Glöckner mit seinem Gehilfen führte. Sie erführe^ daß man gewillt sei, ihnen neue Kameradinnen zu geben. Ersatzgwcken aus billigem, unreinem Metall: aber immerhin Glocken, die bestimmt waren, die bescheidene Begleitung zum stolzen Duett der echtbronzenen Sängerinnen zu vollführen , Und eines Abends kletterten wreder Männer rm Turmgestuhl empor und zogen an Winden eine der erwarteten Ersatzglocken ftetemf. Denn Ostern stand bevor. Aber es war, wie man gemerkt haben wird, nur erne ernzrge Ersatzglocke. Me andere, so erfuhr man, konnte nicht rechtzeitig fertigt YDCtfbctt Tie Arbeiter entfernten sich und ließen die beiden alten Glocken mit der neuen allein. Zuerst musterten die beiden Parteien sich schweigend. Dann fragte die eine der alten Glocken: „Wer sind Sie?" „Eine Erfatzglocke," erwiderte der Neuankömmling tnit blechernem TvN. „ , , „ _ . r. n,r * Diese unreine Sttmmfarbung veranlaßte dre andere echte Glocke zu der Frage: „Darf man wissen, wie es um Ihre Abstammung bestellt ist?" _ „ . „Eisen und verschiedene Erjatzlegterungen. Me beiden alten Glocken »oechselten einen Blick -- oh, emerv Blick! — tmd lachten dann so verächtlich und laut, daß ihre Klöppel wackAU^ über die schlttumien Zeilen, den Rückgang der Sitten und die anscheinend im Argen liegende Zukunft Unb während der ttächsten Tage und Nächte verrichteten sw ihren Mmsk »närrisch und ohne Gefühl. Dann nahte die Nacht zum Osterscmrftag. Mmuner innd Uttzufriedenheit der alten Wacken hatten ihre» Höhepunkt erreicht. «Sie wollten sich die geschilderte Behandlung nicht widerstandslos gefallen lassen. Es kam zu einer regelrechten Verschwörung, und als Strafe für das Verhalten der Met»scheu wurde der Osterstretk beschlossen. , , nr . Tie Ersatzglocke wollte einige Eimvendungen machen. Aber da Ke in der M'cstderzahl war. Mtrde sie ganz einfach überstimmt; Sie mußte ntitmachen, oder vielmehr ihr Ehrenwort znm wcib» schweigen geben. T-er Demo-rtstvationsstreik am Ostermorgen war eine beschlösse»»« Sache. In durnpser Stimmung gingen die Nachtstunden vorüber. Der Ostermorgen graute. . „ Tie Glocken hatten sich mit aller Kraft gegen dre Balken- sWtzerr gestemmt, um — trotz des Ziehens an den Stricken — reglos und stumm zu bleibett. Angestrengt starrten fte aus den oerwarstM vierten Glockenbalken, und der Anblick desselben' gab ihnen dre Kraft zum -äußersten Widerstand. Ter erste Sonnenstrahl drang durch die Luke. Der Glöckner und sein Gehilfe ergriffen die Stricke und zogen. Und siehe da — trotzdem die Glocken streikten^ erhob sich ern iwmderbares Geläut. Ten alten Glocken lies ein Schauer lrber oi« bronzenen Rücken. Mit ihrem geübten, durch Jahrzehnte verjnner- ten Instinkt erkamrten sie — die Stimmen der Kameradrnuen, Tier Glöckner und sein Gehille ließen die Stricke los. „Me Stimmen unserer Geschütze." murmelten sie: „siegrerch drotmt es bis in unsere Stadt!" ^ . T;-r Glöckner und sein Gchill« hatten recht. Aller auch di« beiden alten Glocken hatten reckst: es waren die Stimme n^ der einstigen Kameradinnen, die sich — ihrer neuen Pflicht gehorchen» — aus dem Gewirr des fernen, fernen Kampfes löiten, um paß Feindesland herüberzutönen als Propheten des nahen, endgültigen Sieges. ^ ^ ^ _ Tie beiden alten Glocken senkten ehrfürchttg das Haupt vor diesem Wunder, sie kamen ins Schwingen, und mm erklangen auch sie, olpte es selbst recht zu wissen. _. Uttiib niemand erfuhr etwas von dem gevlanten cotretk ott Glocken. Ostern war eingeläutet »me in jedem Jahre Gsteryruh. Horckl, wie hell die Osterglocken llingen Durch der Lüfte weites, lickstes Meer, Horch, wie herrlich, wie so froh und hehr Ihre Klänge von dem Turm sich sckmmrgenl Horch mir, wie die Lerchen jubilieren. Wie die Finken schlagen voller Lust, Wie die Voglern alle musizieren — Stimm' auch Du mit ein aus voller Brust i Sieh den Himmel, tote er leuchtend strahlet. Sieh die Sonne, wie sie fröhlich lacht. In des Aethers tiefer Bläue hallet Jauchzend, schwellend Harmonienpracht! Ostermorgen, Glocken, Frühlingsstimmen! Neues Leben grünt im Sonnenschein! . Menschenkind, mm laß das Grübeln sem. Laß die Sorgen, laß das trübe Sinnen l Freude soll in Deiner Seele tagen. Daß sie sacht begrabe alten Schmerz, Daß die Pulse »vieder fröhlich schlagen, Oefsne tont die Augen, weit das Herz! Osterglocken bringen Siegeskunden lieber Feinde, die uns rings bedrohen. Von dem Tod, der ewig überwunden Und besiegt durch Gottes heil'gen Sohn! Drum erklingen heut so hell die Glocken Turch der Lüfte golddnrchwvb'nes Meer, Ihre Klänge himmelan frohlocken Siegeskunden herrlich, groß und hehr! Gweridvltne GordöNl» Charade. Die beiden Ersten ruh'n int Schoß der Erde, Bis sie des Menschen Fleiß zum Licht gebracht. Meist halten sie sich heimlich und verborgen, Bis sie heraus dann treibt des Feuers Macht. Das Letzte macht man ost beirn Kartenspiele, Ter Schneider macht's: man wird dad»»rch verletzt. Das Ganze, Werk von kunstgeübte., Vändn, Schmückt hier die Wände meines Zimmer s jetzt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummert . . Hast du schon Kriegsanleihe gezeichnet? Schristleiimra» W. Weyer. Zwillingsrunddruck der Brüh l'scheu Umv.-Buch- und Stemdruckeret. R. Lange, Gtrßen.