Flieger über Iiondcm, Eine Londoner Erzählung aus den Spätherbsttagen 191S. Von Justus Schoenthal. (Fortsetzung.) Der Visoount wußte diese Gedanken geahnt haben. 'Er unterbrach seine Geschichte: „Denken Sie nicht, ich würde Ihnen die übliche Kampfschilderung vorsehen. Ich will Ihnen, wie gesaat, mir ern typisches Beispiel unserer Verderbtheit geben, m)<&,r alles in schönster Ordnung. Die Artillerie funkte pnnktlia, von 6 Uhr bis Uhr hinüber, und dann -- dre ^tQuader schwoll dern Obersten an — dann, werden Sie denken, linsen die Jernsv rechmeld ungen beim Stab ein? gleichen geschah. Es wird 8 Uhr. Da klingle ich hinüber MM ^»tab des zweiten Bataillons. Der Adjutant murmelr etwas mit verschlaseiier Stimrne !von -Schriftlicher Befehl erst heute iirovgen gefuuden". Was aus dem erster Bataillon geworden, wisse er nicht. Nichts Gutes ahnend, fahre ich mit dern Auto hinüber. . . WaS glauben Sie, daß vorlag? Ich habe natürlich keine Ahnung," versetzte Longsord. iJch schäme milch fast, es Ihnen K» erzählen, Kapt'n. Der schriftliche Befehl vom Abend war —. nicht geöffnet da» ist dvch tant »mW -» dem Sih, 8 3i Jhmm. wenn Sie noch I» viÄ «s»M>sich haben, daß Me ein solche» Borhmnmn» nnmoglich finden. Der Hauptrnaun schüttelte den Kopf. „Kolouel, wenn Sie es nicht erzählen würden tc^ konnte es kauni glauben/' will Jbneii auch die näheren umstände nicht der- schEen Mr Batatllonsrommandenr hatte für denWen» seine Offiziere zu einer Partie Bridge in fernen Unterstand geladen un"Äschl gegeben, chn nicht dem nächsten Morgen um 11 Uhr zu wecken. Ja, aber der Bataillvnvadzutant ... "Hie haben eberr !nock) Ehre rm Leib«, ^ Bataillonsadjutant hatte einfach mitgespielt.Gr uberttilg seine Vertretung einem Sergeanten und .^^^Aufirag, telephonische Befehle ihn: sofort zu Mitteilungen ans Bataillon aber unaeSssneu lis^nM lassen. Dem. Sergeanten kam nun der schriftliche M>ehl vom Regr- ment doch etwas verdächtig vor. Ms der AdmtanL ber gra^ endein Morgen in den Unterstaich kamqatz-r chm gleich das Schriftsmck Jetzt war« ja noch, «nt »> mafin gewesen: der Adjutant jedoch leg dr sich stlfiast iui® de,at>?, iön uni -r /48 Uhr zu wecken. Das geschah. Er Rrrufelb den Bataillonskommanbeur an. Der hatte natüv geschlafen, war sehr iingnadig, antwortete auf den A-rnj. Dringende dienstliche Meldrmg" rn rüctsichtsloser Barschheit: ^Erteile Ihnen den dienstlichen Bewhl, mich schlafen ur lassen!" und hängte den Hörer wieder ein. . . Und mittlerweile hatte sich mein braves erstes BaLctt.lr.on verblutet. Was nodi lebt, befindet sich in deutschen Lazaretten oder Gefai^cn-nlagern^^ ^ ^ BataillonSkommandeur, wenn ich fragen darf? Ist er standrechtlich erschossen worden ?' _ . . „Ja, Kapt'n" — der Oberst lachte bitter auf — ,,wrr befinden uns dock) im England des Jahres 191o. Bor hundert Jahren unter den Fahnen des Herzogs von WeUingtou oder vor zweihundert Jahren unter dem Herzog von Mari- borough wäre - solch ein leichtfertiger .Offizier wohl standrechtlich behandelt worden, das heißt, ich glaube kaum, daß damals ein britischer Offizier eine so.jammervott-ehrve^ - essene Gesinnung an den Tag gelegt hatte. Aber heute cr knurrte etwas Unverstäiidlrches. Was glauben daß der Herr die Dreistigkeit hatte, zu antworten, als ich ihn um Rechtfertigung als Vorgesetzter ersuchte? Was glauben Sie? . . . „Ich hielt die Sache nicht für so wrcytrg, nndin der Tat ist es doch auch gleichgültig, ob wir den Krieg fünf Minuten ftüher oder später gewinnen." Jcy war sprachlos, erstattete schriftliche Meldung an die Brigade; die Sache nahrn ihren weiteren Verlauf und — h^uie sitzt derselbe Herr it nennen, will im Stabe beim Armeeoberkommando. Ich habe den Namen bis jetzt nicht genannt, iverde ihn auch mc Ihnen auch nur verraten, daß dev Herr , , Jahre alt ist mrd bereits den Rang eines DbrrstleutnantA bekleidet. Sein einziger Vorzug besteht darin» daß serÄ Vater ein Ministerporteseuille inne hat und als Kandidak für den künftigen Ministerpräsidentenstuhr gckt. . Hab« ich uuil recht, daß unser Heerwesen a« Haupt uich Güedern verderbt ist? Glauben Sie, daß bei unfern Gegnern, bei den Deutschen ein solcher Unfug möglich wäre? . . . glaub s nicht! Dazu find die Deutschen viel M ernste Leute und der vielgeschmähte Militarismus ist ihnen zu tvemg Spiec- zeng. Irr Deutschland entscheidet daS Verdienst, her uns die guten Beziehungen!" Lorrgford erwiderte besänftigend: ^ . „A^r, Kolonel, daS ist schließlich ein Ginzelsall, den wir wohl nicht verallgemeinern dürfen." Der Visoount lehnte sich an daS zroecktofe Tischchen und sah sein Gogenüber zweifelnd an. „Kapt'n. der Fall mag besonders schreäkEregend fein; aber ähnliche Järnmeriichkeite« könnte ich Ihnen ^allem aus meiner Fvonterscchrunz tis paar . Sind Ihnen denn nicht auch Fälle von Pstichtverfeym^ bekannt, die ihrer, Grund eirrMm de, Splelbudewchufi de» Offiziere rrnd nicht mirrder häufig- de, durch schwchtes Beispiel verführten Mannschaften habend' Longsord dachte nach. Er mußte dern -Oberst unbedingt Besche^tun, s^erzchfi itt London auch schlimm alt wüten. Ich habe gestern abend „Army and Navv wo mich Lord Äsuthrisso einsührte der Viscount horchte 94 beim Klarrge dieses wohlbekannten Namens aus — geradeM Aufsehen erregt, als ich es ablehnte, mich am Spiel zu beteiligen. Ich spiele nämlich grurrdsätzlich nicht . . . Auch bei unferm Regiment hat sich übrigens einmal ein betrüblicher Fall infolge der unseligen Spielleidenschaft ereignet . ... Eine Aufklärungspatrouille von fünf Mann setzte sich in ein Gehölz und fing dort, zwanzig Meter vorm Feind, zu Würfeln an. Sie wurde von den Deutschen überrascht; ein Handgemenge entspann sich, und als wir später an die Stelle kamen, fanden, wir nur die Leichen . . . Der Würfelbecher lag rieben ihnen Der Viscount nickte. „Unerhört!" murmelte er. „Unerhört!" Er nahm sich einen Stuhl und rückte näher an Longfvrd. Das nahe Glockenspiel verkündete, daß abermals eine Viertelstunde ins Meer der Ewigkeit gesunken war. „Sie nannten soeben Lord Southrifses Namen? Kennen Sie den Lord näher?" begann der Oberst nach kurzer Pause das Gespräch wieder. „Ich bin in seinem Hause abgestiegen," erwiderte Long- ford, froh, sich gleichsam als zur allerersten Gesellschaft gehörig ausweisen zu können. „Ja, ja," bemerkte der andere ernst, „Ihre Fluchtabenteuer öffiren Ihnen Tür und Dor in diesem Kapua." Der Diener streckte wieder den Kopf herein und seine Stimme klang roh und kreischend: „Colonel Viscount Brauch . . . Exzellenz läßt bitten . . .. Zimmer 105!" Klapp! Die Tür flog wieder ins Schloß. Der Oberst erhob sich ohne übermäßige Eile. „Es ist schade, daß wir das Gespräch abbrechen müssen. Ich bitte, es nicht als gesellschaftliche Höflichkcitsform auf- zusassen, wenn ich versichere, daß es mir eine Freude war, Ihre Bekanntschaft zu nrachen. Ich würde Sie gerne auf- fordern, mir demnächst in meinem Heim das Vergnügen zu machen, wenn nicht ein Mißgeschick meine Familie betroffen hätte." Der Hauptmann verneigte sich und ergpfi, die darge- botene Rechte mit warmem Händedruck. „Ich habe schon durch Lady Conthriffe von dem enisetz- lichen Unfall Ihrer Frau Gemahlin vernommen und bitte Sie, die Versicherung genehmigen zu wollen, daß ich nicht weniger empört darüber bin wie Sie, Herr Oberst. Ich hoffe aber, daß die Kunst der Aerzte noch das Schlimmste von Ihrem Hause abzuwenden vermag." Der Viscount senkte traurig das Haupt. Seine Stimme klang bewegt. „Die Hoffnung ist leider, leider trügerisch." Er raffte sich ans. „Aber° wenn es Sie nicht stört, in ein Hans der Trauer zu kommen, so gehen Sie bitte an meiner Tür nicht vorüber! Ich werde mich ans jeden Fall freuen, wenn Sie mir die Ehre erweisen." Dann ging er in straffe^ soldatischer Haltung zur Tür hinaus. ö. Kapitel. Der Minister. Der junge Offizier blickte mitleidig hinter Visconti Brauch drein. Aber er hatte keine Zeit, barmherzigen Gefühlen nach- zuhÄngenp Gedanken an andere mußte er abschüiteln. Seine eigene Lage beschäftigte ihn wieder. Er schritt nachdenklich im Zimmer auf und nieder. Bis zu dieser Stunde konnte er mit seiner Sendung wohl zufrieden sein. Ein fast höhnisches Lächeln zuckte um seine Murrdwinkel. Es ist doch gut, wenn man für sich selber ein wenig Vorsehung spielt. Mit der Gastfreundschaft des Lords Southriffe und der persönlichen Bekanntschaft des Viscounts Brauch mußte auch dann etwas gewonnen sein, falls wider Erwarten fein Vorhaben hier im Kriegsamt scheitern sollte. Auch der Journalist und halbverrückte Dichter Atterley konnte ihm unter Umständen nützen. Er setzte sich aufs Sofa, sein schmerzendes Bein vorsichtig aus streckend. Es war wirklich alles nach Wunsch gegangen, ja besser noch, als er sich's hätte wünschen können^ Er wollte diesen Auftakt für eine günstige Vorbedeutung nehmen. Unwillkürlich fiel ihm da die geheimnisvolle Warnung Atterleys wieder ein: „Setzen Sie sich nie mit Lord Southriffe an den Spieltisch und lassen Sie sich nie, nie, nie von Lady Edith die Wohnung zeigen!" Zu lächerlich! Und diese urdrollige Zusammenstellung! Er mußte doch einmal in den „Literature Klub" gehen und den Journali-ten zum Reden bringen, was er mit der sonderbaren Rätselwarnung gemeint . . . Wollte ihn Lord Southriffe wirklich für seine politischen Zwecke ansnützen -und dachte er in der Tat, ihn durch den Spieltisch beeinflussen M können? . . . Unverständlich! . . . Immerhin glaubte er, sich entsinnen zu können, daß der Zeitnngswnig gestern abend im Klub seine Enttäuschung schwer verbarg, als er erklärte, er spiele grundsätzlich nicht . . . llitb Lady Edith? . . . Offenbar war doch von ihr die ganze Einladung ansgegangen. Er war der Held des Tages . . . warum sollte sie, die verwöhnte Tochter des Lords Southriffe, es sich nicht leisten können, den Helden für ein paar Stunden allein mit Beschlag zu belegen? Die Damen der Londoner vornehmen Kreise hatten oft noch wunderlichere Einfälle. . . Hatten sie nicht einmal Mnen Närinnenklub gegründet, wo nur diejenige Aufnahme fand, die mindestens durch eine Narrheit Aufsehen erregt hatte? . . . Ediths stark sinnliche Natur mochte es vielleicht umschmeicheln, mit ihm, den die Zeitungen zu einem abenteuerreichen modernen Odysseus gestempelt hatten, an einem Tische zu sitzen und zu plaudern. Warum sollte sie sich eine so harmlose Tändelei versagen? Und er? Warum nicht gar?! Wenn man ein Jahr lang wie ein Mönch gelebt und als einziges weibliches Wesen eine obenl- drein schon etwas angejahrte Krankenschwester zu Gesicht bekommen hat, dann wird man doch nicht an einer seltenen Frucht achtlos Vorbeigehen?! ... Er sollte sich nicht die Wohnung zeigen lassen? Verrückt! Dieser junge Dichter war eben wirklich ein bißchen überspannt wie alle Dichter. Vielleicht hatte Edith recht mit ihrem Hohn: Er kopierte Oskar Wilde . . . Nun, er wollte ihm schon auf den Zahn suhlen, was es mit dem Hanse Southriffe für eine Bewand- nis habe. Das Glockenspiel unterbrach seine Gedanken. 3/*12 Uhr. . Nun wartete er bereits über eine Stunde. Es war frag- lich, ob ihn der Minister überhaupt heute noch empfangen werde. Seine Züge strafften sich wieder. Wie töricht, hier im Wartezimmer des Kriegsamtes sich mit so kindlichen Unwichtigkeiten zu beschäftigen! Was kümmerten ihn die Geheimnisse des Hauses Southriffe und seine Beziehungen zu James Atterley? Er mußte sich doch jetzt ernstlich überlegen, wie er überhaupt dem Minister vor Augen treten solle. Was trollte er denn alles zu seinen Gunsten Vordringen? Ob man den Kanadier Longsord so gerne in den Stab des Londoner Kriegsamtes aufnahm? ... Er mußte möglichst knapp und möglichst scharftreffend sein Gesuch begründen. Das klügste wäre tvohl — dummes Zeug! Cr war doch kein Schuljunge, der fünf Ddinnten vor Unterrichtsbegiim seine Hausaufgabe auswendig lernte. Das Auswendiger neu hatte seine Schatten-eitert. Es konnte irgendein unvorhergesehene Zufall eintreten und darrn war das großartigste Konzept verdorben. Nein, man milßte sich auf den Augerr- bli'ck! urrd seine Eingebung verlassen. Er würde schon das rechte Wort finden, Urtd seine Gedanken bekamen Flügel und wanderten zu Lady Ediths schönen Händen. Jmniersort hatte er diese wunderfeiuen Gebilde verfolgt. Gestern abend beim Diner hätte er sich beinahe ein zweites Mal Verräter: und diesmal obendrein vor der: Gästen. Ein zwingender Zauber ging von diesen Frauenhänüen aus. Er saß zur Rechten der Lady und schorr hatte er sich abermals über die weißen Finger mit lech zerr de rrr Munde gebeugt; da riß er sich selbst ungestüm zurück Und sagte, als ob nichts geschehen wäre: „Welch seltsamen Schtangenring Sie hier am Finger tragen, Mylady!" Und niemand unter den Gästen, selbst Lord Southriffe nicht, ahnte, welche Torheit diese harmlosen Worte bemäntelten. Nur aus Ladys NixaUgen traf ihn ein forschender Strahl und es erweckte in ihm ein vrickelndes Gefühl, da»ß sie und ihn rum sozusagen vor all den Gästen ein Go- heimnis verband. Sonst aber war die Mahlzeit rum Sterben langweilig. Jeder der Herren gab seine politischen Anschauungen #imt! besten und die Damen ließen sich brs mm Erbrechen seine Geschichte erzählen; dabei sahen sie ihn lüstern an, etwa kvie blasierte Frauen irn ZirLrs einen Ringkämpfer betrachten, der seine Muskeln spielen läßt. Das widerte ihn an, und er ärgerte Hich, daß er wo-A auch für Lady Edith nicht mehr bedeutete. Nach neun Uhr war er dam: mit dern Lord nach Pall Mall in den „Army and Navy Club" gefahren. Er wurds einer großen Anzahl von Verrat vorgestellt, Angehörigen des Adels, der Regierung, der Hochfinanz, der Marine und des Heeres. Doch zog ihn niemand in ein längeres Gespräch. Und er selbst fühlte sich zu abgespannt von des Tages Eindrücken und Anstrengungen, mn auf die Eroberung persönlicher Bekanntschaften auszngehen. Er vermochte auch reine Brücke Mischen den Gesprächsshoffen dieser Leute mtb seinen eigenen Gedanken zu finden. Gewiß, es wurde auch von Politik geredet, aber in einem Tone, der eine verzweifelte Aehrckichke.it mit der Sprache vom grünen Rasen hatte. Der Krieg schien das PfUd zu sein, auf das die Herren setzten, und je nach der Zeit, für die man das Ende des Rennens voraussah, waren die Einsätze und Gewinn?- ausjichten höher oder niedriger. (Fortsetzung folgt). Liebe. Bon Alfred Polgar. Der Landsturmmann Matthias hatte füufAehn Eier erbeutet. Vier davor, verschlang er ans der Stelle und ließ nur ungern die Kalksckzaleu stehen. Tss fünfte Ei war faul, und als er es roch und schmeckte, wurde dem Matthias übel. Er konnte kein Ei mehr herunteröringen. Er bekam einen wilden Abscheu gegen Eier. Das besserte sich auch die folgenden Tage nicht. Der Landsturm mann Matthias hatte mm zehn Eier, mit denen er nichts anznfangen wußte. Er beschloß, sie zu verschenken. t a, aber wem? on den Kameraden gönnte er keinem die schöne Kostaufbesse- ruitg. Hatte er beurt überhaupt „Kameraden"? ?hir Arbeits- und Zimmergenossen. Matthias war ein mürrischer ©infam. Er dachte niemals über sein Leben nach. Er senkte seinen Kops unters Joch und trabte dahin. Ohne Resignation, aber auch ohne Trotz. Er war eine aufgezogene Maschine, die, geschmiert und geheizt, ihre Arbeit tat. Wenn er zu essen und eine Handvoll Knaster hatte, war das Dasein für ihn ohne Probleme. Plötzlich stand eines vor ihm. Matthias dache, man könnte wohl die zehn Eier nach Hause schicken. ’ Vielleicht dem Vater? Aber de? hätte die Eier der Stiefmutter gegeben, und der gönnte Matthias nichts Gutes. Also dem Franz, dem Partner zahlloser SMsmcksechszig- Partien im SchrrayÄadM? Nein, der hatte ihn^das letztemal -beim Kartenspiel beschnei ndckt. Aber jetzt war auch der Matthias mit seinem Vorrat an menschlichen Beziehungen schm fertig. Tie Hermine, die Mörtelträgerin, die er einmal in Weinlänne irgendwohin gezwickt, und die mit einer Ohrfeige geanllvortet hatte, kam nicht in Betrach. Und die Luise, die bei gleicher Annäherung, nicht nrü einer Ohrfeige geantwortet hatte, ging mit seinem Todfeind, den: Hausknecht. Mit der war er fertig. Die anderen Frauen, die sonst in Matthias Leber: ihre einfache Rolle gespielt, waren schn längst irr der Großtttckt, unbekamrt wo. Matthias dachte angestrengt nach, wem er nun doch die zehn Eier schicken könnte. Und als ihm keiner und keine einsiel, wurde er traurig. Er wußte selbst nicht, warum. Es war das erstemal, daß so ein kaltes, graues Gefühl ihm zrmschm die Nippen kroch Nach dem Zapfenstreich mache der L-andstunnmamr Matthias aus der: zehn Eiern ein Postpaket. Sr' schön er nur konnte. Eine Pappschachtel mit Papierschlnitzesn anslvartiert und mit L>pa- gatschnnr umwunden. Tann schrieb er den Inhalt des Pakets auf dessen Außenseite und den Namen des Absenders. Aber Adresse wußte er noch keine. Nachts schlief er unruhig. Er träumte, daß er im Sarge läge, unter der Erde, und neben ihm sein Paket mit den 10 Eiern. Tie hatte man mit ihm begraben. Tann wache er auf, und es' war ihm, als wisse er jetzt schon, wem er seinen Reichum senden solle, und habe nur den Namen vergessen. U:ck wie er so grübelte, fick ihm plötzlich ein Name ein: Anna Klempner. Mehr nicht. Nur der Name, der bloße Name, daß er ihn immer ans dem Papierharcklurrgsschild gelesen, wenn. er zur Arbeit am Bau gegangen war, dessen entsann sich Matthias nich. Er fand keinen manschich-nr Inhalt für das leere Wort. Er dache: weiß Gott, wie lange her ist, daß ich mich so gar nicht Mehr erinnere, wer sie gewesen und wie sie ausgesehen hat! Uber der Mensch muß eure Sehnsuch habe::. Und wenn er Kar keine hat, so hat er doch mirckesterE eine nach der Sehnsucht. Also schrieb er „Anna Mempner" auf daH Paket. Darm er es zur Post. Und hatte ein warmes, gutes, freundliches Gefühl im Magen, als hätte er Sliwowitz getrunken. Nach drei Wochen kam das Paket zurück. „Adressatin gestorben". An diesem Tage rührte Matthias seine Menage nickt an. „Was hast denn?" fragten die alten Landsttirmer, „ist dir wer gestorben?" Er nickte: ja. Ta drückten sie ihm die Hand. Zn der Nacht beschwerten sich die Zimmergenossen über den Gestank in der Stube. Matthias nahm die Schachtel und trug er es zur Post. Urrd hatte ein warmes,- gutes, freundliches Geschaufelte eine kleine Grube aus und versenkte bas Paket mit den Eiern, schüttete Erde darüber, stampfte sie fest. Tann — er wußte nicht, warum er das eigentlich tue — schleppte er einen großen Stein her mck legte ihn über den Fleck, wo die Schachtel vergraben lvar. Und blieb noch eine Weile stehen, die Kappe zrv-ischen den Fäusten. Es war fast so, wie stummes Gebet an einen: Grabe. Am andern Tage schrieb der Matthias der Luise doch eine Ansichtskarte. Der paZme?e! im VoMmmde. Zum Palmsonntag, 2 4. Märf, Jahrhunderte hindurch ist bei der Palrusonutagsfeier der (Ein* Mg des Heilands ir: Jerusalem ans einer Eselin dargestellt worden. Heute sind diese Palmeselprozesstonen so gut wie ausgestorben, mck die Palmesel werden an vielen Orten noch in Sammlungen- gezeigt. In der Sprache aber ist der Palnvesel :wch lebendig; zahlreiche Sprichwörter und Rebewerckungen finden sich Ajeitte noch in vieler: ücncksckjaften als sprachlicher Niederschlag des Palmesel- brauck-es und zeig«:, wie allgemein verbreitet dieser vormals war. Der Zusammenhang mit der PalmsonntagOeier ist oft noch gewährt; lver zuletzt ruck seiner Palmstange aus der llirche konunt, wird an vielen Orten mit dem Narrven eines Palmesels belegt; in: Urckerirmtale erhalt jernarrd, dem se«re Palnckast auf den: Heimwege Fu schwer wird, diesen Namen, :md in Oberschinaber: veranstalte;: me Kinder am Palmsonntag« nach der kirchlichen Feier eine Art Wettlauf nttfc ihren Palmen. Wer dabei «im! schlechtesten abschrecket, heißt Palmesel und behält diesen Namer:, bis ihn am' nächsten Palrnsvnntag^em mckerer ans gleiche Weise bekommt Jtn Elsaß tvird der, der am Palmsonntag als letzter die Kirche verläßt, Palmesel genannt, urck im arganischeu Fricktale wird der Besitzer des größten Palmens nicht nur Palmkönch, sondern auch Palmesel gelreißeu. Gleichifalls als gelindes Schimpfwort, allein ohne Zusam- menhang mit der Festseier, findet sich ber Pccknmsel in vieler: Landschaften, so in Tirol, in Salzburg, auf der schwährschen Lllv, im Elsaß, in Oesterreich als Spottname für den, der am längsten im Bett liegen bleibt : in Wien — so geht aus der schöne:; Sttckrq Richard von Streles ül'er den Palmesel hervor —, wird dresss Wort fast im gletdjeit Sirene wie Pfingstochs für euren übermäßig geputzten Mensche«, einen Protz«:, eüven Hochmütigen, gebraucht, selbstverständlich für beide Geschlechter. In seinen BÜdern aus dem oberösterreichisch« Volksleben wendet PursckKr das Wort Palm- ese! in diesem Sirene an: Was hast ins beult zuabracht? Dö paar Fetzen Gwcurd, DL; d' anghabt 'hast, aufputzjt i dein'« 'Hoh-attag, As hzßar a Palmösel! Gans ähmrch kennt der Schvabe für euren Menschen, der dumm und hochmütig zugleich aussieht, die Redeweninmg, er mache ein Gesicht wie ein Palmesel. Vormals war Palmesel an vielen Orten auch ein Schimpfwort für einer: groben, ungeschickten Menschen; dies hat. fkfj> an manchen Orten, in KÄrnteu und tm Elsaß beispielsweise, erhalten. Von dem kircAickxm Brauche der Patniesaiproz^ sck-n abgeleitet finden sich mauck^en Ortes noch der Palmesel als Vergleichsgegenstand; tüe einmalige Antvendung des Palmesels im Jahre ist hierbei das Gemeinsame. Schon Abraham Santa a Elara sagt: „Die NechckickLeit^und der Palmesel kommen jAZtlich nur einmal ans Licht". Irn glerck-en Sinne führt Mancher in seinem Sprichwörterlexikon die Redewendung an: „Er ist «in Vagant nxc der Palinesel, der sich alle Jahre einmal sehen läßt"; ebenso keimt er die Redensart: „Mit den: Palmesel ein Privilegium haben", die auf einer: Menschen angewaerdt wird, der sckh nr:r sehr selten in der Kirche blicken läßt. Der „Klosterspiegel" schreibt «: 'gleicher Bedeutung: „Er hat's wie der Palmesel und Für stabt: er läßt sich das Jahr mir einmal selten in der Kirche." Es gibt auch einige, volkstümliche Rätsel, die den Palmesel zum Gegenstand Haren. Was ist das: „er diente ED»tL, tat feine Sünde und ist doch nicht selig ge-« worden!" oder: „Ohne Sünde getanen, ohne Stück« gestorben und doch nicht selig ge-oorden." Sckstießlich seien noch einige Rede-- wendmrgen angesühwt, die anf best Esel anspielen, ih«: aber nicht nemien. Avrahama a Santa Elara sagt von einern Damiwkopse: „Sein größtes Fest ist am Palmsorurtag." In Jllcreichan gibt es einen scherzhaften Gruß, durch den der andere als (Ael l-ezeichnet wird, ohne daß man «s ihm gerade heraus sagt: man grüßt ganz! harmlos: „I wünsch dir Glück!" Ajuf die Gegenfrage: „Ja warum?" lautet die Erklär : „Ja wvrsch d«m net, dcrs heut der Palmeseltag isch?" 98 — MchMcher Mmarsch. Bon Mzefeldwebel Walter Jensen. Ich taste nur nE ihn führt os» gttveserw Ustdat rurdbegnadigeDotstlMgerBei^ VMtexaim* EEws.vsm Schicksal herumgestoßeueZ das MW unsrer schrotend den Odem der geliebten Grd« in sich emtrmkl SMei starke Wvale timt mit den Motiven des BorWels erMyernö )kchnnmen. In der Mitte stehen bk GroßstadtbU^el. Mnsch m rYM Zeick^ nung des eitlen, vhnniächtigen, betriebsam KuH Mw Vvrwanö nehmenden Aesthetentums und durch ihr» pefsimiDche Wucht zur fast visionären ZeitMderung erho ben. . — Euphorrvn, Zctt,checkt fü« LÄe»apMMctzichj>L heraus^ gegeben von Jvftik Wdler u^> Ang«st 'Mmes. LXll. Band, Erstes Heft. LeipM wid Wisn 1917. B»laZ Gar! Fromme, 7 20 K -- 6 DK. — Nach cirr-er längersn durch den Weltkrieg vevanlaßdeu -StvMmg begimü bk Zeitschrift tÄ«Ssr einen neuenj Band. Gr roird eröffnet durch eins.: Zettgemätz^MAatzdes vor kurzem verstorben«!: «HanckurgW . Hnw? keck AdM Mhlwrll: D«utschla:ch, der IMm und die Tnrk». MLvl? S^osftr m Jena handstt -uFGubEj über den Fa:ml:«rnam«H GrmrmelK». Hausens. A. H. Mv?. in Berlm kW fev« Un^rfmchetngen über chrocypüÄ *>* Mmplin (1609- 1680) jb». Wttsvmn Luchbsr in Halle Ergär^t fwt* älteren NMmffs vsu «st# Jugend- gedickten durch tkm warn* Fund. KmÄ st^uschÄ in Tresdest versucht eine i:«ue 'DaüeNttrg apD ErÄäVw^s 028 EMrrhestPch Iugendäachichbrs „» s«h ich-Mchzsn wieder". Y«marm Baun>. gart irlKNmgj^«g wurnll SEung in dem Stvell über Schillers Iügendgedicht „Mevve Mmn«u". Paul Koffnmnn nr FvanksurZ a. d. O. liefert neue Dextbeiträge zu de:: Briesen Heinrich von Kleists, wäbrerck Mm::md Goetze in Dresden zn«t bisher ungs» druckte Briefe JinmarmMrns mitterLt, Mlche Heinrich Grudzii:ski in Prag sachkundig erläutert. Ei:: .unbeLannter Brief ZaMrms Werners wird von Hans Günther in «LerfHig veröstLnKicht. Meiner« Mitteilungen u:ck zahlreiche RezensMMU Mießeu dos Heft ab. Tie Fortsetzung >dos beftrcket sich in Vorbereitung. Gietzerrsr Hausfrauen-Verer«. Kochanweisungen. Klöße vvn Kaninchenleber. Tie Leber trürd gesaickert, ab gehäutet, fein gehackt und noch, wenn man will, durch ein Dieb ersah, toeim man iyn hat,'etwas geriebene Muskatnuß, etwas geriebene ZnnebA vder gehackten Porree, die ^man, werrn .irgend möglich, in ellvas Fett geschnwrt hat, evvas, Salz, etwas Pfeffer» ersaß, wenn man sie hat, etwas geriebene Muskatnuß, etwas gestoßenes, gesiebtes Brot urch'etroas Mehl, so daß'der Teig gut zu- sanrmauhÄt. Man sticht :nit enmm Blochlöffel, den man jedeSmcck wieder in. das kochs!Ü>e Wasser taucht, längliche Klöße ab, legt sie in siederches, gesalzenes Wasser ruck läßt sie 10 bis 12 Msmitech lost'im, um sie ans erwärn:ter Schüssel anzurichten oder in die heiße Karbofselfuppe («der eine Geinüsöstwpel eriMckegcn. Kaninchen-Frikko. Das Fleisch eines sauber zubereite- ten Ka-nmchn:s wird von den Ki«he'.: gelöst Beliebig viele Kartoffeln werdm geschält und wb in Schüben geschentte::. In einem eisernen Tops zerläßt man das Fett des Mninchens, gibt hieran! eine Lage Kartoffeln, .fkrewt Salz urrd Pfeffer darauf, dann? eine Lage dünn geschrittener Fwisbeln, daim das Fleisch, salzt, pfeffert und gibt drei gestoßene MachoLerbeeren daran. TaritLÄ konnnen wieder Zwiebebr: ruck» Kartoffeln. Obenan: 'legt nvan ein paar Fettflöckch«: öder besser Speckcheibche^ Wetzt zroei Tassen Würfelvrühe darüber .rmd läßt das Gericht bei klernem Feuer schmoren. Kriegsnudekn. Gekochte, «Äte, noch inögilichst heiße Kartoffeln bestreicht man mit etwas Salz und gertebensar Zwieback, mcit kann aber auch geröstetes Bnot nehrnen (abseits auf die Herdplatte legerst und treibt die Masse durch die FleisichuafchE. Man wird bald erkennen, wteviel Teile Brot oder Zwieback und KartosfeLn man nehmerr:mch, damit schnie, hÄtbare Rudeln aus der Ma schüre Vonrmeri. Man »ege ein Hackbrett oder dergleichA^ darunter, so daß die NiudeAr gleich zmrr Toocknen darmrs lieganj bleiben könirerr. Bon KüLern werden diese Art Nudeln ger-r gegessen, wem: sie imt ellvas! gesalzener u:id gezuckerter MM% di« kochend darüber gegossen.wird, bereitet werden. Für Erlvmchsene bereitet nwm sie ü: Brüh- oder Gemüsesuppe. Es ist empfMenswert, sch vor: solchen Nudeln, soviel es dis Brotratwn zulätzt, einige^ Dorrat M bereiten. Wurstpudding. Mm: Uomt dazu gekochte Kartoffolveste verwenden, di« durch die Press« gedrückt iverdem Mrch- oder Leberwurst wird von dem Darm befreit U!Ü> in klein« Würfel geschnitten. Die Kardfffelmaffe mischt:nai: mit sehr rvAiig Brüh« (aus einen: Brühwürfel bereitet), etwas Salz, ettvaS Mehl oder gestoßenem, altbackenen: Bwt, zuletzt gibt man dke Warst dazwischen, verrührt alles, schmeckt ab, kam:, wenn »van nckll, mit sehr weirig gehacktem Schrrittlauch öder elloatz' Mcchorankraut Würzen, gibt die Masse in ein« mit etwas Fett ausgestrichc::« Backforn« öder Pickdmgwrm und läßt di« Speis« iur Ofen backen oder im si«dmdw: Wasserbade kochen. Man 8 cr'nn auch die Mifchmg, wenir man vgM Backen oder Kochen in Formen absehen will, ü: einem kleiner:' Schmortopf oder auf der Pfanne in etwas zerlassenem Fett nrtter vorsichtigeln Rühren -duEchmvren. Das GerichL muH sehr heiß und mit gut schließerchem Teckel bedeckt ausgetragan! werden. Rätsel. Rudolstadt, Eileilburg, A!tor:a, Emden, Goslar, Hannover, Idar, Erlanger:, Königsberg, Jrrgolstadt, Saßnitz, Ludwigshasen, Nürnberg. Vorsteher:de Städtenamerr sind so nntereinanderzuseßen, daß ihr« Anfangsbuchstaben, von oben nach unten geleser^ die jetzige Parsie eines jeder: Deutschen ergeben. (Auflösung in nächster Nuinmer.) Auflösung des Gleichklangs in voriger Nummer: Mangel. Cöln, Idstein, Erfurt, Thorn, Hamburg, Zwickau, Naumburg, Elbing. Lchrtftteittmg: W. Meper. — ZwiüinsSruirddruck de« Brüht'jchen Unrv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.