Flieger über London. Mrs Londoner Erzählung aus den SpätherbMagen 1915. Von Justus Schoenthal. (Fortsetzung.) 4. Kapitel. War Office. Der Hauptmann war eigentlich etwas enttäuscht, als das Uuto vor dem Kriegsamt Hielt. Er hatte sich den ganzen Stadtteil etwas anders vorgestellt. Wenn früher der Name Westminster fiel, so. ftaitb in seiner Einbildungskraft eine Stadt mit breiten Strassen und. vornehmen Palästen auf. Kreit waren die Straßen wohl und an palastähnlichen Häusern war er auch vorübergefahren; aber er vermißte die Vornehmheit-an den Häusern und jenes weihevolle Gefühl in sich selbst, das ihn sonst an Stätten mit berühmter geschichtlicher Ueberlieferung beschlich . . . Das Ganze bot das Bild überladenen Reichtums, doch nicht des guten Geschmacks. Er entlohnte den Kraftwagensührer und betrat das Gebäude. Zufällig warf er noch einen Blick zurück: Gerade fuhr ein anderer Wagen vor. Am Schlag trug er ein lateinisches B auf dunklem Grunde und darüber die Grafenkrone. Ihm eutftieg ein Offizier in Oberstenuniform. Kein Zweifel, das war Viscount Brauch, von dem gestern Lady Mith erzählte. Longford stieg langsam die Treppe hinan; sein zerschossenes Bein schmerzte ihn heute mehr denn je: cs war wie gelähmt. Der Klimawechsel schien der kaunc vernarbten Wunde wenig zuträglich zu sein. So holte ihn der Oberst rasch ein. Der Hauptmann machte die übliche Ehrenbezeugung: der andere dankte zerstreut imb verschwand im nächsten Augenblick am Treppenabsatz des ersten Geschosses. Longford folgte ohne Eile. Oben zeigte eine Tafel, wohin er sich zu wenden hatte. „OffizierSwarteraum. . . Zimmer Nr. 101." Er schritt einen langen Korridor entlang, der einen uchten, doch nicht allzu modrigen Geruch ausströmte. Die rische Kalkfarbe war wohl noch nicht ganz eingetrocknet. In oer Mitte des Bodens waren die Steinfliesen von langen, schmutziggrauen Gummiläufern bedeckt, so daß der junge Offü- zier, der den eigenen Schritt nicht mehr vernahm, sich selbst beinahe wie ein Einbrecher vorkam. Er lächelte zufrieden vor sich hin. Nun ja,, so eine Art Einbrecher war man sicherlich . . . Oder war sein Vorhaben nicht Einbruch in letzter Deutung? Er wunderte sich, daß sein Herz nicht schneller schlug und seine Pulse nicht jäher.gegen die Wände der Adern pochs- ten. —7 Teufel auch! Er hatte immer Nerven wie Schiffstaue besessen. > Zimmer 101! — Richtig! Beinahe wäre er dran vor- beigelaufen. Er drückte die schmiedeeiserne Klinke nieder und befand sich in einem nüchtern ausgestatteten, sauber gehaltenen Raume, der eher dem Wartezimmer eines Untersuchungsrichters glich. Ein grünbezogenes, altnrodisches Sofa stand in einer Ecke am Fenster. Rechts vom Fenster ein anscheinend zweckloses Wandtischchen, daneben ein abgebrauchter Rohrstuhl. An der gegenüberliegenden Wand ein Büchergestell vom Boden bis zur Decke. . . . Noch ein Tisch mit einer Wasserkarasfe und Gläsern. Ein Kleiderständer und einige unbequeme Stühle. Den Fußboden deckte rotbraunes Linoleum, das frisch und glänzend gewachst war. In der Sofaecke saß ein Major und sah schweigsam zum Fenster hinaus. Der Oberst, dem er aus der Treppe begegnet war, ging im Zimmer auf und ab, die Hürrde auf den Rücken gelegt. Der Hauptmann grüßte nochmals und ließ sich dann ans dem Rohrstuhl rieben dem zwecklosen Wandtischchen nieder. Keiner der drei Offiziere redete ein Wort. In der Nähe schlug ein Glockenspiel im Viervierteltakt zweimal an. Halb elf Uhr. Ob dies die Glocke der Westministerabtei war? Longford versuchte, mit einem Blick durchs Fenster etlvas von der nächsten Umgebung zu erhaschen. Aber er sah nur auf einen ummauerten Hof und ein paar graue Dächer. So verging eine geraume Weile. ^ Der Major brütete noch immer in seiner Sofaecke; der Oberst schritt noch immer vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster. Da stand Longford auf und trat an das Büchergestell. Es waren meist Zeitschriftenbände, die hier in Reih und Glied starrden. Englische Fachblätter über das Heerwesen. Auch die Ranglisten. In der untersten Reihe waren die Bände der „France militaire" nntergebracht und ganz oben fanden sich sogar einige Jahrgänge vom deutschen „Militär- Wochenblatt". Der junge Offizier nahm einen 'Jahrgang der „France militaire" heraus und blätterte gelangweilt darin. Ein dicker Stempel „War Office", der fast auf jeder zweiten Seite sichtbar ward, erwies das amtliche Eigentum. Das nahe Glockenspiel zeigte eine weitere Viertelstunde an. Mit dem öffnete sich hastig ein Türspalt. Das etwas aufgedunsene Gesicht eines ältlichen Dieners erschien und ries mit erschreckend lauter Stimme in die Stille des Zimmers: „Major Rallmgton. . . Exzellenz läßt bitten .... i^tntntßr 105!" Der Mckjor strebte aus seiner Sofaecke hoch. Er strich sich mit der Linken über den etwas schotteren Scheitel, knipste 90 i mit der Rechten einige gar nicht vorhandene SLaubkörnchen von seinen! Unisormrock und ging mit kurzem Gruß hinaus. Der Oberst hatte für einen Augenblick seinen Gang durchs Zimmer unterbrochen. Jetzt setzte er die Wanderung wieder fort. Longsord besann sich, wie er ein Gespräch anknüpfen könnte. Sein Herzschlag war doch allmählich stärker geworden. Die angespannten Nerven brauchten eine Ablenkung Ueberdies wünschte er die Bekanntschaft des Obersten zu machen. Sie konnte ihm in jedem Falle, gleichgültig, ob sein Vorhaben gelang oder nicht, von Nutzen sein. Doch der Viscount schenkte dem jungen Offizier nicht di^mindeste Beachtung. Im Zimmer war es drückend schwül. Der graugestrichene Heizkörper unter dem Fenster schien nur allzu reichlich mit heißem Wasser gespeist zu sein. Wenn auch die Bergarbeiter in Wales drüben in Ausstand getreten waren — das Kriesamt litt offenbar nicht Mangel an Kohlen. Longsord fand den Aufenthalt im Zimmer fast unerträglich. Die Hitze und gleichzeitig die Stille, dabei das ruhelose Hin- und Herwandern des verbissen dreinschauenden Obersten... Er mußte sich Luft machen. „Verzeihung, Colonel, finden Sie es hier auch so mörderisch heiß? Darf ich nicht das Fenster etwas öffnen oder die Heizung abstellen?" Der Angeredete sah flüchtig, fast-geistesabwesend, auf. Dann vollführte er eine nachlässige Handbewegung. „Aber bitte, bitte!" Und setzte die unterbrochene Wanderung fort. Der Hauptmann rückte den Hebel etwas nach rechts und öffnete das Fenster. Gott sei Dank! Diese Stille war ja wahnsinnerregend gewesen; jetzt drang wenigstens aus der Ferne ein dumpfer, unentwirrbarer Lärm herein. Es klang wie das Rollen von Eisenbahnzügen. Vielleicht,der „Tube", die Untergrundbahn, dachte 'Longford. Vielleicht das Brodeln der City, die da hinten irgendwo sein mußte. Die kühle Novemberluft, die hereinströmte, erquickte ihn. Er versuchte abermals, ein Gespräch mit dem stummen Zimmergenossen einzuleiten. „Ich bitte um Entschuldigung, Herr Oberst, ... ich möchte mich gerne melden lassen, bin aber hier fremd. Darf ich mir die Frage erlauben, ob Herr Oberst schon gemeldet sind." Viscount Brauch blieb stehen und sagte hart: „Nein, Kapt'n, ich bin noch nicht gemeldet!" — Und begann von neuem zu wandern. Longford zernagte die Unterlippe. Der Typus des englischen Edelmanns, dachte er, unnahbar, hochmütig . . . Im nächsten Augenblick aber verwarf er dies Urteil wieder. Schließlich hatte der Viscount bitter genug an seinen Sorgen zu tragen. Ihm mochte wohl der Sinn aus andere Dinge stehen als auf eiu unterhaltsames Viertelstündchen im Offizierswarteraum des Kriegsamts. Longford sah ihm aufmerlsam zu. Der Viscount war eine hochgewachsene, in den Schultern etwas gedrungene Gestalt. Er konnte etwa vierzig Jahre zählen. In sein braunes Haupthaar hatte sich hier und da, besonders an den Schläfen, ein weißes Füdchen gemischt. Das Gesicht war fast bartlos; ein kurzgeschorenes Schnurrbärtchen bedeckte die Oberlippe. Inzwischen war aber wohl dem Oberst selbst der Gedanke gekommen, daß die Höflichkeit es erfordere, ein paar Worte an den jüngeren Kameraden zu richten. ,Sie . . . sind verwundet, Kapt'n? Vermutlich in Kensionsangelegenhelten hier?" „Nein, Herr Oberst, ich habe die Wsicht, hier im Stabe anzukommen. nachdem ich ftir die Front nicht mehr tauglich bin." „Brav! Brav!" Des Obersten Stimme wurde warmer. „Me war doch der Name gleich ?' „Longford . . . Capitain Longford von den Ottawafüsilieren." Der andere dankte durch' eine leichte Kopfbewegung. „Viscount Branch," erwiderte er, „falls Sie meinen Namen überhört haben sollten." Dann legte er wieder die Hände auf den Rücken und ging auf und ab. Longford fröstelte. Er schloß die Fenster. Gräßlich. . . gräßlich . . . dieses Warten vor der Entscheidung! Das aufgedunsene Gesicht des Dieners erschien wieder unter der Tür. „Wünscht einer der Herren gemeldet zu werden? — I« Pensionsaugelegen heilen . . . Generalmajor Turner, Zimmer 216, eine Treppe höher!" De-. Viscount reichte dem Diener die Karte. Longford lächelte vor sich hin. Man schien es hier im Haujsjo nicht gewöhnt zu sein, daß ein verwundeter Offizier in anderen als Peüsionsangelegenheiten vorsprechen könne. Er gab dem Diener auch seine Karte, mit dem Beifügen, er wünsche Seiner Exzellenz gemeldet zu werden. Der Diener ließ die Tür hinter sich ins Schloß schnappen. Der Oberst nahm das Gespräch wieder auf. „Ottawafilsiliere . . .? Schade um das schöne Regiment. . . . sind böse mitgenommen worden. Wieviel mögen noch leben?" Longsord zuckte die Achseln. „Ich kann es Ihnen leider nicht sagen, Colonel. Als i,chj austvachte, lag ich in einem weißbezogenen Bett und neben mir sagte ein weibliches Wesen in deutscher Sprache: „Ach, jetzt ist er aufgewacht!" „Wie? In deutscher Sprache? . . . Das heißt, wie war der Name? . . . Longford, Longford?! . . . Sie sind ver- mutlitch der Offizier, der ans dem deutschen Feldlazarett über die holländische Grenze entwich. Richtig! Ich habe ja erst heute morgen Ihren Namen gelesen. Sie haben gestern einen Journalisten als vermeintlichen Spion sest- nehmen lassen? „Neueste Heldentat des Capitain Longsord, der av3 der deutschen Gefangenschaft entfloh!" Longford runzelte die Stirn und sagte bescheiden; „Ohme Reklamegeschrei geht es ja bei den Herren von der Presse nicht!" „Schlimm genug, daß wir mit solcher! Mätzchen die Kriegsbegeisterung wecken und schüren müssen, bei Gott, schlimm genug. — Vorgestern sah ich einen Werbeauszug durch die Straßen von Kensington ziehen. Ich sage Ihnen, Brechreiz erzeugend. Kann mir kaum denken, daß ein innerlich so vornehm gesinnter Mensch wie Lord Derby solch einen Unsinn aushecken konnte, wie diese Werbeaufzüge. Und bvch geschieht's in seinem Namen. Einfach fürchterlich. Ms ob der Krieg eine Brettbühne wäre! Nein, ich habe die Hoffnung anfgegeben. Wir tüten gut, uns mit Anstand aus der Affäre zu ziehen. Wer ich fürchte, es wird schon nicht nrehr möglich sein. Wir verdienen es ja auch gar nicht anders . . . 1915 oder Alteuglauds weltgeschichtliche Schande!" 4 Der junge Offizier verhehlte schlecht sein Erstaunen. Das war nun bereits der zweite Londoner, der so fühlte. Er glaubte ja fast, Lord Southrisse sprechen zu hören. Dachte inan hierzulande wirklich so abschätzig über den Krieg und die britischen Aussichten? „Verzeihung, Kolonel, aber sehen Sie nicht zu schwarz?" „Wollte Gott, Sie hätten recht, Kapt'n — Natürlich werden wir den Krieg nicht bis zur Vernichtung itrtö Selbstzertrümmerung verlieren. Um so mit einem Male aus der Weltgeschichte ausgetilgt zu werden, dazu sind wir glücklicherweise zu zählebig. Wir sind die Erben eines viel zu umfangreichen Vermögens, als daß wir es so auf einmal durchbringen könnten. . . Aber... es ist der Anfang vom Ercde! Wenn die Lawine erst ins Rollen kommt — ich möchte nicht mein Enkel sein! — Sie waren ja auch an der Front. Ist es Ihnen denn nicht ausgefallen, wie wir an Haupt und Gliedern verderbt sind?" Der junge Offizier tat, als besänne er sich. — Unglaublich! Dieser Freimut der Meinungsäußerung war wirklich nun in England denkbar . . . „Ich wüßte im Augenblick kein Beispiel, Hern Oberst." „Nun, — möglich, daß bei Ihren Karradiern sich der Uebelstand nicht so stark bemerkbar macht. Wer. . . na, ich will Ihnen ein Beispiel geben, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen sollen. — Also, wir stehen bei Loos. Sie wissen, Gefechte vom 7. oder 8. Oktober. Ich gebe schon am Abend den Befehl. Schriftlich für jedes Bataillon, damit kein Mißverständnis alles vereitelt. Das erste Bataillon wartet die Artillerievorbereitung ab: diese dauert bis 7 Uhr 45; um 7 Uhr 50 beginnt der Sturm; das zweite Bataillon folgt um 8 Uhr dichtauf, um die Bresche zu verbreitern; ich selbst bleibe beim dritten Bataillon in Bereitschaft, um, wo Not am Mann ist, einzuspringen und den Erfolg vollkommen zu machen. Das zweite Bataillon stellt genügend Leute ab, um den Regiments stab fortg esetz t durch den Fernsprecher 91 Aber alle Phasen des Gefechts unterrichtet zu halten. — Sie verstehen?" Der HanpLnrann härte ahne sichtliche Teilnahme M. Er wußte ja, wie dergleichen Sturinangriffe begonnen und — wie sie beendet wurden. Erst höllisches Trommelfeuer mit t unausdenkbarer Munitionsverschwendung. Wähnt man dann die feindliche Stellung sturmreif, so drängt man in dichten Schwarmlinien vor und — wird vom Maschinengewehrfeuer niedergemäht. Wozu also die Erzählung? Es war ja immer dasselbe. Die Truppen traf nicht die mindeste Schuld, auch wohl nicht die Führung. Die Stellung des Gegners war eben fest. iFortsetzung folgt.) Göessa. Wo heute rauschendes Leben durchs die breiten, stolzen Straßen von Odessa sich ergießt, da stand vor jetzt 125 Jahren ein elendes türkisch-tartarisches Dörfchen, das sich um die Befestigung Hadschi- Bey gruppierte. Der Befehl Katharinas II. rief die neue Stadt ins Leben, und man gab ihr einen Namen, der an den großen; griechisckon Seefahrer, an Odysseus, erinnert und der von den! in der Nähe vermuteten antiken Hafen Odysseus her genommen ist. Es ging aber zunächst mit dieser zarischen Gründung nur langsam voran; und noch im Anfänge des 19.' Jahrhunderts war Odessa immer nur noch ein trauriges Tartarendorf. Seinen großen Aufschwung verdankt es der Verleihung der Zollfreiheit für alle Einfuhrgüter, die Alexander I. im Fahre 1811 Odessa gewährte. Da begann es sich im amerikanischen Stile zu entwickeln; es riß den ganzen Handel Südrußlands an sich es wuchs und breitete sich aus, und heut ist es eine Halbmillionenstadt, die im Gebiete des früheren Rußlands nur hinter Petersburg, Moskau und Warschau an Volks- zahl zurücksteht. Aiit keiner dieser Städte aber läßt sich Odessa oergleichen. Glicht nur die geschichllicheu Erinnerungen fehlen ihm — es fehlt ihm im Grunde auch überhaupt das nationale Gepräge. Odessa ist keine russische Stadt; es ist eine Stadt des Südens, die in vielem an Marseille erinnert, und es ist eine Stadt des Orientes. Die Verwandtschaft mit Marseille ist schon durch das Klima gegeben. Zwar kennt Odessa harte Winterkälte, aber den größten Teil des Jahres herrscht doch ein südliches Klima und im Sommer brennt die Sonne mit unbarmherziger Glut. Unter diesen Verhältnissen rückt das Leben aus deu Häusern auf die Straße, und die Stadt erfüllt sich mit jenem eigentünntich lauten, bunten und erregten' Verkehr, den nur der Süden kennt. Den besonderen Einschlag gibt dann die orientalische Note. Hier trifft sich der ganze Osten: Tartaren und Rnnlänen, Türken und Bulgaren, Armenier, Kaukasier, Levantiner und Griechen; dazu die Inden, die ein volles Drittel der Bevölkerung bilden. Und all das kennt in Odessa nur ein Ziel: den Gervinn und den Lebensgenuß. .Hier gelten Ideale wenig, und die Universität spielt im Leben der Stadt eine untergeordnete Rolle. Hier jagt alles nach Gold, und der ungeheure Reichtum der Ukraine, der dem Hafen von Odessa zustromt, bietet ja unendliche Möglichleiten des Gewinnes. Sie haben auch große Fremdenkolonien angelockt; Deutsche, Franzosen, Italiener, Engländer; alle Sprachen schwirren durcheinander. Oestliches und Westliches begegnen sich; in den Wirts- und Kaffeehäusern, in den Seebädern, auf -den „Datschen" der reichen Kausleute geht es hoch her; glänzend^ Wagen durchvollen die breiten Straßen und in dem Pracht voll enj Theater funkelt es von Brillanten. Wer drunten, in der Tiefe, da murrt es in dieser tollen Stadt ohne Unterlaß, Sie ist ein ewiger Vulkan, ist die Burg aller Unruhigen, der Ausgangspunkt der Revolution von 1905. Seiner Lage nach hätte Odessa eine der' schönsten Städte der Welt werden können, und noch ist heute das Bild, das die Stadt bei der Auffahrt vom, Schwarz«; Meere her bietet, höchst imposant. Odessa liegt nämlich am Rande des großen pontischen Steppen-, Plateaus, das an dieser Stelle etwa 47 Meter über dem Spiegel des Schwarzen Meeres sich erhebt und fchivoff zu ihm absällt. So sieht man hoch über dem Wasser den Rand der Platte von einem prachtvollen Boulevard, dem Nikolai-Boulevard, gesäumt; glänzende Gebäude, große Denkmäler, schöne, mehrfache Baumveihen, ein reichbewegtes, elegantes Leben. Von dieser Prachtstraße führ* die berühmte Granittreppe, wohl die größte der Welt, in zehn Absätzen zum Meere hinab, und hier dehnen sich weithin die vor-; trefflich gehaltenen und ganz modern eingerichteten Hasenanlagen, hinter deren Abölen sich'in Friedenszeiten die Schiffe zu vielen Hunderten drängten und wo die Arbeit unausgesetzt ihr Hochlied sang. Was Odessa bei diesen! ersten Anblicke von der Seeseite her verspricht, das hält es nun freilich nicht. Es kann den amerikanischen, den Parvenüzug nicht verleugnen. Genuß, die öffentlichen Gebäude sinh stattlich, glanzend sogar, so besonders das Stadthaus und die Börse und das Theater, die sich alle an: Düdende des erwähnten Nikolai-Boulevards zur monumentalsten Anlage der Stadt vereinigen. Und glänzendere Läden als in der Teribassows- kaja findet man in keiner Stadt der Weckt. Wer bei alledem, ist Odessa keine Stadt, in der man sich wohl fühlen kann. Tie Anlage ist ihrem Ursprünge gemäß vollkommen regelmäßig, schematisch, geradlinig, rechllvinkelig; nur daß die Gesamtrichitung der Straßen mit Rücksicht ans eine Krümmung, die die Küste an dieser Stelle macht, im Nordteile iiutb im Südteile der Stadt voneinander abweicht. Tie Mittellinie bildet die Preobraschenskaja, Odessas längste Straße, die die Stadt 2Vy Kilometer lang durchstreicht und deu etwa ihren Mittelpunkt bezeichnenden Sivbvrnaja- Platz mit der gleich bei der Stamgründung errichtete Kathedrale kreuzt. Alle Straßen, sind breit, und ihren Stolz bilden ihre Baumreihen. Tenn Odessa liegt mitten in der kahlen, baumlosen Steppe; jÄner Baum mußte hier dem Boden abgerungen, und jedes Stück Bauholz muß^n Odessa eingeführt werden. Heber». Haupt waren Kvotze SäMeriMtest m überwachen, ehe diese AT I. - r ».f . ffirvw» ifrtHrs Wassers Metz noch vrs m ore neuest lOeu. yuieui uk u». .Hindernisse, mb ein unbesieglicher Femd Odessas Ä der «Krub, der Steppenstaub, den die Stürme durch die breiter: Straßen der S tadt jagen. Traußerr, in den trau einen Vorstädten, wo der Straßerrprunk fehlt rmd die Oede der Steppe sich schon fühlbar macht, da sicht man ein zweite-?, ein anderes Odessa -- Odessa nmr der Nachtseite, Odessa irn Negligee der LrederlMert, deÄ Schmutzes, des Elends. Aber allen Hindernissen zum^Trotze ha^ Odessa sich zur herrschenden Metnopole des russischen Lüdens em- porgeschtoungen, und es wird diesen Rang behaupten. A.emt Rußlands reichster Teil sendet ihm seine Bodenschätze zu, und rn den», tobenden Odessa setzen sie sich in die Millionen um, dre hrer ihren gefährlichen Tanz vollführen. ßrühliirsrabrrglaubr. Von Edmund Scheibener. Mit denr Eintritt der Donue in das Zeichen des Widders läßt die Astro-rrornie am 21. Adärz den Frühling beginnen. Längst ersehnte der Mensch das Nahen der wärmeren Jahreszeit das Erwachen der Natur, und so darf es nicht wundernehmen, tueuu eine so ereignisreiche Zelt auch in: Volksglauben eure große Bedeutung besitzt. In der Tnt i)i denn nnch tut Adergtauben der die Zukunft zu erwr,a-en uro wroi«su umnuHi««/-» 7 - Eber an das Erscheinen des ersten Storches, oer ersten Ba^stelze, an das erste Rusen des Kuckucks und das erste Erblühen von Veilchen und Schneeglöckchen, Gebräuche, dre, so alt sre such, srch LiZ heute mehr oder lverriger erhalten, haben, denn noch rmmer sucht das Volk aus der: gnannrgsachen Erscheinungen, mit oenen der Frühling lein Kommen varkündet. Zukünftiges zu ersorswen, das Glück an sich zu fesseln und das Unglück abzuwenden. Wenn man in Böhmen sich mit den ersten Lxhueeglockixn^das m«m findet, die Arvgen ausreibt, .so werden sw das ganze ^ahr nickt krank und kranke Augen gesunden, und vor Freber bewayrt man sich, wenn man Has erste Veilchen kaut, ^vu Ostpreu »en schneidet Ulan im Frühling einen ergrünenden vaselstock, und macht damit, wenn es zum ersten Male donnert, über ledem Getreide haufeil seiner Vorräte ein Kreuz, wodurch das Getrewe jahrelang sich erhält, ohne je unbrauchbar zu wecken^ Zn Ostpreußen, WÄdeck, der Wetterau und tu ^ranken bestreicht rnau sich, um von Sommerspvosstn verschont zu werden, mit dem. ersten -jungen Gänseblümchen, das chan stehst, da,, Gen-Ht, und wenn man in der Lausitz im Frühjahr dre erste -vchwalbe sucht, v» wird man nach dem Volksglauben unter s-ern-em rechnen r-nße eure Kohle finden, welche einen das ganze Jahr durch vor Kops-. '^Te?^Kuchlck ''staud ursprnnglich zu Donar in Beziehung und War ein Göttervvgel, und daraus erklärt sich auch, daß er irr zpaterer Zeit schließlich ein Vogel des Teufels wurde, da dre mersten, ursprünglich Donar zngeschriebenen ErgerrMsien^ rrr der späteren ^Wichen Zeit aus die finstere Wacht des Bösen, den Teufel, sich übertrugen. Redensarten, dre daraus demen, haoev 1 ftch brs hMte erhalten, wie: „.Hol' drch der Kuckuck" und dre Rede: „Das K der Kuckuck" rührt davon her,, daß einst wie wach heute , der Kuckuck als ungemein klrrg und werssagend galt. Desyalb brrngt sein Ruf die Erfüllung der verschreoensten Wünsche, sem erster Ruf ist Zauberzeit. Er ist der von den Göttern, und besonders Tonar gesandte Frühlingsbote. Niemals verlretz diese Errmrerung das Volk, und daraus ist es.wM MrüHrrsichren, dcrß d-r ivag, an dem rnan auf eigeuenr Gebiet den Kuckuck Hörle, in ^Äestfastn ein Uiertag war, mrd wer ihn anmÄdete, bekam tzr Fi das er jochte. Des Kuckucks Weissagekunst bezeugen dre Volkssrtten sehr osp Wenn mmr ihn im Frühling zum ersten Male Hort, ,o grbt nach allgemeinem Glauben jne Zahl semer Tone dre Jahve cm, dre uran noch zu leben hat, — häufig wird der vrelwrssende Vogel in Reimsprüchen ausdrücklich darüber befragt. Allgemern stylt einem das Geld in der Tasche, weim rnan beirn ersten Kuckucksruf keines bei sich trägt, hat nrarr aber welches, so geht eS das ganz« Jiahr durch niemals ans, und hat man rmch tirrÄischrnr Glaubest Hunger dabei, so läßt er euttär das ganze Jahr nickst, 11 eberalb soll der Kuckuck durch seinen Ruf den Brrben und Mädchen andeuter!, wie lange sic noch ledig bleiben. In Böhmen bedeutet es Glück, wenn man beim Mrsgchen den Kuckuck hört, dem Diebe aber ürmgt's Unglück, auch bedeutet es Glück, wenn sein Ruf von Osten Unglück, wenn er von Westen kommt. Wer im.Vogtlanve bein? ersten Kuckncksrus barfuß ist. der bekornmt böse Füße. Auch der Storch zieht im Frühling, oft schon sehr stütze, wieder ein, freudig begrüßt von der Torfflrgend. Le?t uraltep Zeit ein heiliges Tier, war xr denr Donar gewerN, wohl rnfolge, Mnes roten Schnabels und der wten Bckrve, die an die Farbe des Blitzes gemahnten. Deshalb auch der Glaube, daß er das Hans, daraus er nistet, vor Metz und Feuer beschützt. Niemand darf rhn daher töten, noch fern Nest zerstören, vielmehr legt man sem „Herrgottsvogel" ein Wagenrad auf das Dach, um ihm das Nisten Zu srlÄchtern und ihn M das Daus zu feifdfo» Wre der KuckrrÄ, weiß und sieht er alles. Und sein Klappern bHentet ettoas, nutz so gibt er richtige Wahrsagu-rgszeichen. In SNeÄenburg, Branden^ bürg, in Hannover, OldÖMrrg und Westfalen herrscht allgemern der Glaube, .daß, wenn ein Mädchen im Frühlung znnr ersterrnE einen Storch sieht, der.fliegt, es fleißig werde. Klappert der Swrch aber, so tvird das Mädchen tölpisch, zerbrrcht Vi-Ä G^at swht der Storch aber aufrecht da, so wird das Mädchen faul. Naä^ dem Volksglauben der MtnUrk wrnnrt ein Mädel, das den ersten Storch fliegen sieht, aus den Brautlvagen, sieht sie den Vogel stehen, wcrd sie zu Gevatter gebeten. Im Oldenburgrschen bederrtet es Gluck, den ersten Storch fliegen zu sehen, steht er aber arZ dem Felde, so bedeutet es Unglück. Sreht uran den er,ten Storcy sich ^Putzen, so wird man irn gleichen Jahre krank ober muß gar sterben!. Eine Krankheit kommt ins Haus, wenn er traurrg ans eurem Bern vor dem Hause steht, tut er dasselbe hinter dem Haus, so ur rot j-eurand. Nistet 'der Storch erst vorn auf dein Hause, so gibt s eine HiochMt, .nistet er hinten, so gibt's eine Leiche. Hat man. m Norddeutschland Geld in der Tasche, ioenrr man den ersten L-torch sieht, so fehlt einern das Geld das ganze Jahr, nicht. In Oldenburg mrd Böhmen geht die Meinung, miß rnan, wenn uran im Frühling derr ersten Frosch im Wasser steht, vr-tz. weinen werde, jedoch viele Freude habe, wenn rnan den Frvlctz im Grase sieht. ^ .. .. _ Auch sonst toird im Frühling allerhand merkwürdrges Zeug gelrieben. Ter Oldenburger 'glaubt Stärke zu erlangen, wenn er eine gut verkorkte Flasche Wein in einern Amersenl-anfen verscharrt. diese ein Jahr -lang darin liegen läßt und ihn dann trrnrt. Bor Kreuzschmerzen bewahrt-man sich, wenn man sich un rsruhnng. beim ersten Donner dreimal rückwärts ans die Erde wrrfl um», den Körper dararrf herumwälzt. In Böhnren scksirtzt man sich vor Hers er- keit, wenn man im Frühling beim ersten Quaken der Frosche tüchtz tig mitschreit. Vüchsrtisch. — Hochland, Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. HerausgegebLN von Prof. Karl, MUth. Io>. Köstliche Buchhandlung, Kempten und München. Vlerteliahrlrch 4.50 Mark. — JnlM des Märzyeftes: Ko-cstanttn Frantz. Nachträgliches Gedenkblatt zu sernern 100. Geburtstag. Von Umv.« Prof Dr. K. .Heldmann. — Mari.Madlen. Ein Iivman aus der Rhön. Von Leo Wersmantel. — Peter Hilles PersönliHkert, Von Firmin Evar. — Born kulturellen Wiederaufbau Eurvpas. Von Tr Mar Schaler. — Eindrücke aus Ki>ew. Bon Johann Gwrg Herzog zu Sachsen. — Kritik: Deutscher und französischer Katholizismus Bon H. D. Recht, Verroa'ltrmg und Politik im neuen Deutschland. Von Jnstizrat Dr. I. Schwerins — Stegemniurs Ostschichte des Kriegs. Bon Generalmajor Fr. Otto. Else Has,e. Von H. P. — — Tic Schaubühne, Wochenschrift für Poliäk, Kunst, Wirtschaft, heransgegeben von Siegfried Jaeobsohn, enthält rtt der Numnrer 11 ihres vierzehnten Jahrgangs: Ost und West, von Germanicus: Ludtvig Stein, von Johannes Frschrrt; Brref an den Herausgeber, von H. v. Gerlach; Strindberg-Tramaturglie^ v-i>n Engen Kilian: Der .Raimund als Millionär, von Alfred Polgar:'Seeschlacht, von S. I.; Tie letzte Rede, von Hans Georg Richter; Zeitgefühle, vorr Hermann Kesser: Lerpzrg und Allerlei, von Lorarius: Antworten. — Die Weltliteratur. „Weidnranirs Heil", mit diesem uralten Zuruf der Jägerslente begrüßt die soeben erschienest^ Numnrer der „Weltliteratur" (Verlag C. F. Hrrth, Münchens) ihre vielen Freunde, und im Zeichen dieses frischen Grußes erswemt ein sehr gewandter Erzähler mrd fröhlicher Jäger auf dem Plan: Friedrich Ger stacker. Sein „Weidmanns Herl", ans dem „Tie Weltlrtcratur" in der köstlichm „Sanjagd", in der Erzählung „Tie Freikugel" und in dein „Moralischen Jäger A-B-E mit einigen echten Gerstäcker-Proben in Reim und Pro,a auf- wartet, läßt harmlos fröhliche Tage vor dem Leser erstehen. Diese Nummer ist außerdem noch nrit vielen prächtigen Zeichnungen geq schmückt. __ Gleichklang. Ach, ich hab's, drrcm fehlt mir was, Und eS drückt mit großer Wucht l Auch in andrem Sinne drückt's, Und just dasselbe wird gesucht. (Auflösung in nächster Nummer.) Atlflösung des Schieberätsels in voriger Nurnmer: Tabellen Dünaburg Pop eilen Marktkorb Be la gening Bnlgarien Schriftleitung: W. Meyer. — ZwillingSrunddruck der Brühl'jchen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.