Flieger über bondon. Eins Londoner Erzählung ans dm Spätherbsttagen 1915. Von Justus Schoenthal. (Fortsetzung.) „Ihre Unbefangenheit kleidet Sie gut, junger Freund. Aber Sie werden doch einem alten Politikus nicht einreden, daß diese — sagen wir einmal — geschickte Aufmachung reiner Zufall war. Zuerst die Verweigerung der Unterredung mit dem holländischen Berichterstatter — also künstliche Steigerung der Neugierde. . . . Dann Verhaftung des ersten britischen Zeitungsmanns, der Ihnen über den Weg läuft. . . die harmlose Bitte, nur ja nichts über den Vorfall in die Zeitung zu bringen . . . wissen Sie, ich bin ein alter Zeitungsverleger und kenne die Bedeutung der Reklame aus Erfahrung. Sie schaden sich durchaus nicht in meinen Augen, wenn Sie das alles zugeben. Es spricht doch zu Ihren Gunsten, wenn Sie sich nicht nur als kaltblütigen Offizier, sondern auch als weltgewandten Menschen bewähren." Und er trank seinem Gast von neuem zu. Longford hatte sich gefaßt. „Sie überschätzen meine Fähigkeiten ganz entschieden, Mylord. Was Sie hier „mise en scöne" zu nennen beliebten, war gewiß von mir nie und nimmer beabsichtigt. . . Den Holländer habe ich abgewiesen, weil mir sein Benehmen widerwärtig war, ganz abgesehen davon, daß ich es für eine der größten Peinlichkeiten erachte, von einem unbekannten Menschen ausgefragt zu werden, und Herrn Atterleys Verhalten mußte, wie Sie nach seiner eigenen Erzählung mir bestätigen werden, meinen Verdacht erregen. Uebrigens habe ich ihm den Mißgriff längst ab gebeten und er hat mir versprochen, nicht böse zu sein." Der Lord strich sich mit der Linken wohlgefällig über den weißen Spitzbärt. Aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, brach seine Tochter das sie langweilende Gespräch ab. „Schließlich ist es doch gleichgültig, ob Papa recht hat oder nicht. Ich fasse Ihr ganzes Erlebnis ganz anders auf. Ich glaube, dag jeder Kämpfer, der drüben an der Front war, eine neue, wundersam starke Seele bekommt. Wir hier in unserer altgewohnten Friedensbehaglichkeit vermögen uns das nicht so klar vorzustellen. In vielen Dingen wird unser Urteil auch durch törichte Schlagwörter beeinträchtigt. Wenn -heute einer tun bessere Daseins bedingungen kämvst^ dann nennt er das „mns Dasein kämpfen". In Wahrheit dreht es sich um die Frage, ob er Wein Oder Wasser trinken. Kuchen oder Brot essen wird. Als Atterley sein Schauspiel dem Alhambratheater einreich,te, redete er rmS allerlei ein, vom Erfolg oder Mißerfolg, ja schon von der Annahme oder Ablehnung des Stückes hänge seine l^istenz ab. Und doch existiert Herr Atterley noch, obwohl sein Stuck längst abgelehnt wurde." Atterley blickte voll Trauer auf das junge Weib. „Ihr Spott ist grausam, Mylady. Sre wissen doch, daß ich vor zwei Jahren gestorben Lin und nur noch meinen Leichnam spazieren führe." Statt aller Antwort wandte sich Edith an den Offizier. „Finden Sie es nicht köstlich, wie er Oskar Wild« kopiert?" Longford fand die Frage wenig vornehm. Die Lady erwartete auch gar keine Erwiderung, sondern fuhr fort: „Der sogenannte Daseinskampf ist also nicht etwa ein Kampf, bei dem es mit unser Dasein überhaupt, sondern um Verbesserung oder Verschlechterung unserer Dafeinsmöglich- keiten geht. Es wird immer nnr um ersetzbare, nie um unersetzliche Werte gespielt. In dem, toas wir Daseinskampf zu nennen uns gewöhnt haben, setzen wir nur Dinge ein, die außerhalb unserer Person ihr Wesen haben, mag dies Wesen durch seelische Verknüpfungen auch fast ein Teil unserer selbst geworden sein. Aber alle diese außerhalb unseres Ich begründeten Werte sind letzten Ends eben nur Daseinsmittel, — nie das Dasein selbst. Darum kann vom Daseinskampf eigentlich nur ein Streiter von der Front sprechen." Sie sah Longford fragend an, als erwarte sie einen Eiuwand. Der Hauptmann nickte ihr in ungeheuchelter Bewunderung $ 11 . - „Ich bin ehrlich erstaunt, daß Mylady, fern vom Kampf, obendrein als Dame, solche Empfindungen hegen und äußern. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß auch'mich schon ähnliche Gedanken bewegten." . Sie sah ihn freundlich, fast dankbar an; denn gerade für ihn hatte sie ja diese Gedanken in Worte gekleidet. Und für eine kurze Spanns tauchten ihre Blicke tief ineinander. Sie spann den Faden weiter. „Man könnte einwenden: Wenn einer sein ganzes Vermögen verliert, an den Bettelstab gerät und dann Blausäure trinkt, — hat der nicht mit den ersetzbaren Werten zugleich das Unersetzliche, das Leben, verloren? Wer das ist ja unser großer Irrtum, daß wir immer ersetzbare Güter mit unserer nackten Existenz, dem Leben, dermaßen verquicken, daß wir eins fürs andere nehmen. Seine Existenz hatte der Mann erst verloren, wenn er dem Verlust Zersetzbarer Güter noch den Verlust des Lebens in unerhörter Verblendung hinterdreinwirft." Beifallheischend Nickte sie die drei Herren an: sie liebte es, wenn man ihr geistreiche und eigenartige Gedanken nachruhmte. Ab-er nur Atterley bemerkte leise: „Und die Ehre, Mylady? Wenn mir iemattb meine Ehre raubt, nimmt er mir damit nicht merne ganze .Existenz Wvt? Oder zählt die Ehre nach Ihrer Meinung auch zu. den ersetzbaren Wertend' Sie sann nach und sagte dann mit einer Wärme im Tonfall, oie Longford zunächst unerklärlich war: „Sie wollen offenbar ein Beispiel aus Ihrem eigenen Leben anführen, Dtistsr Atterley? — Es ist richtig: mau hat Sie in der gehässigsten Wpist verleumdet, hat Ihnen 78 — Dinge angedichtet, die gewiß Ihrer Ehre abträglich waren, k Aber damit konnte man Ihre Existenz nicht vernichten, j Ihre Ehre kann Ihnen überhaupt niemand rauben. Rauben kann man Ihnen nur Dinge, die außerhalb Ihrer Person liegen, und alle diese Dinge sind ersetzbare Werte. .Aber die Ehre, . . . ich bitte Sie, Mister Atterley, . . . grübeln Sie doch nicht länger darüber, . . . die kann Ihnen kein Verleumder nehmen! Wenn Sie ein ehrenhafter, aufrechter Mensch sind, so kann Ihnen kein Verleumder etwas an- haben . . . Das ist der unersetzbare Wert, den Sie in sich tragen." Atterley senkte das Haupt und fügte leise ein: „Sie wissen: das ist nicht alles!" Mer Edith wehrte anmutig ab. „Treiber: Sie mich nicht in die Enge! Ich bin kein Unterhausredner." Eine leichte Räte übergoß ihre Wangen. „Ich nrochte zum Schluß kommen, wenn ich auch die Worts mcht so hübsch zn setzen weiß . . . Ich sehe: Papa langweilt sich schon und hat sein berühmtes Wort auf der Zunge: „Unfruchtbare Auseinandersetzung!" — Ich wollte zum Ausdruck bringen, daß im Kriege und durch den Krieg auch die letzten, die allerletzten Hemmungen sortsallen. Die Leute drüben in Frankreich kämpfen nicht mehr darum, ob sie Brot oder Kuchen, sondern ob sie überhaupt noch essen werden. Diesen Einsatz zu leiKen, dazu gehört eins andere Seele, eine andere Willenskraft, andere Selbstzucht. Ss mag der großen Masse kaum zum Bewußtsein kommen, wenn die Urtriebe des Mannes, Blutgier und Kampfeslust, aus dem Dornröschenschlaf der Kultur erwachen; aber Ihnen, Kapt'n, mutz es bewußt geworden sein. Mindestens auf der Flucht. Da spielten Sie ums Letzte, ums Leben. Jede deutsche Feldwache konnte Sie zusammenschießen und schon der Schuß ins Bein hätte ja keine zwanzig Zoll Wher gehen dürfen." Der Ofstzier fuhr auf, als sie ihn anredete. Er hatte träumerisch dagesessen, gleichsam eingelullt von der melodischen Stimme des schönen Weibes. Sie hatte tnr Sprechen ihren linken Arni, wie spielend, über den Tisch geschoben, bis an den Römer, der vor seinem Gedeck stand. Der schwere Aermel des Seidengewandes war znrück- gesunken und hatte den Unterarm entblößt, einen Arm von so erlesener Formenschönheit, daß der junge Hauptmann wie gebannt darauf hinblickte. Ihm schien von diesem Arm eine betäubende Welle sinnlicher Glut auszuströmen. Er hätte diesen Arm mit Küssen bedecken und dann wieder ganz sanft zwischen seine Hände nehmen und streichelnd lieb- wsen mögen ... Ein zartgliedriges Gelenk leitete zur Hand über, schlanke, weiße Finger spielten mit dem kunstvoll geschliffenen Fuß des Kristallglases und der Wein warf durch das Buntglas des Kelches seltsam funkelnden Schimmer über Finger und Handrücken hin ... Er erinnerte sich, daß die- ^lbe Hand und derselbe Arm vorher, als er Edith zu Tische führte, in seinem Arm geruht hatten, und er kostete dieses Behagen nachträglich aus, etwa wie ein Weinkenner den letzten Tropfen der Neige wehmütig-genießerisch auf der Zunge zerdrückt ... Trotzdem, in seinen», geheimsten Innern lehnte sich alles Segen Edith auf, er war noch nicht zur Klarheit über sie gelangt: aber er liebte als Mann nur die Knospen, die sich zu Blüten wecken lassen, nur die unberührte Zartheit der Franenselle, und er empfand Edith zu sehr als vollerblühtes Weib, als Hirnwesen, zu reif, fast überreif, empfand unbewußt den Mangel an mädchenhafter Anmut und echtsühlen- der Weiblichkeit, empfand die berechnende Kühle ihres Wesens und fühlte sich dadurch eher abgeftoßen als angezogen. . . . Nein, Lady Edith konnte ihm nie gefährlich werden . . . nur . . . nur dieser wundervolle Arm, diese Kinderhand, diese unschuldsweißen Elfenfinger, die noch immer den Kristallfuß des Römers umspielten und vom Abglanz des Burgunders bunt überschattet wurden. Er bemerkte, wie die Blicke der andern auf ihn gerichtet waren; ja freilich, nun erwartete man wohl von ihm, daß er auf die ge ist- und gefühlvoll gemeinten Worte der Dame etwas erwidere; sie hatten ja hauptsächlich ihm gegolten, diese Worte . Einen Augenblick hatte er vermeint, sie würde einem großen urgewaltigen Gefühl Raum geben, aber dann . . . ein ätzender Geschmack schnürte ihm die Kehle zusam- men . . . Ja, das mußte wohl das Ergebnis sein, wenn die Schatten an ihren reich besetzten Tischen zwischen Lendenschnitte mit Berner Tunre und dem Obst ünd Käse der Nachspeise zur besseren Anregung der Verdauung über den Krieg salbaderten, den Krieg, dieses schaudervolle, geheimnisbev- gende Rätsel, das fern von ihnen an Kämpfer, denen sie unbekannt waren und die gleichwohl für sie stritten und bluteten, die uralt-ewigen Fragen der Sphinx richtete . . * Just so, wie sie vorhin die Artischocke entblättert hatten, so wollten sie jetzt dies Heilig-Große in seine Bestandteile und Kleinigkeiten zerlegen. Sie glaubten, geistreich zu sein, und es war doch nur ein häßlicher Gemeinplatz, auf dem sie ihre Gedanken mit den Worten tummelten. Ihn widerte das Gerede an . . . Das vornehme Schweigen des alten Herrn gefiel ihm besser. Weiß Gott, den Krieg erlebt man, und wer ihn nickst erleben kann, der tut besser, zu schweigen. — Gewaltsam wollten sich diese Worte über seine Lippen drängen ... Da sah er, daß die kleine Hand langsam sein Glas freigab. Und ihn überkam ein Gefühl, wie er es einmal als kleiner Junge gekannt ... Er entsann sich. Er hatw seine Mutter auf den Obstmarkt begleitet und seine Mutter kaufte ein; während sie mit einer Bauersfrau handelseins zu werden trachtete, hatte er sich die Waren des kleinen Standes angesehen und ein schöner, blanker Apfel, der obenauf lag, stach ihm in die Augen. Er schien zu lachen und lachend zu locken, der Apfel, und er stellte sich vor, daß der goldgelbe Apfel nun eingepackt würde für einen ganz gleichgültigen Menschen; da griff er hastig nach der Frucht und biß hinein. . . . Das Erlebnis mochte zwei Jahrzehnte geschlummert haben; urplötzlich stand es ganz klar vor seinem geistigen Auge. Und so faßte er, seiner selbst kaum bewußt,, nach dem weichen, vollen Frauenarm und drückte auf das feingliedrige Gelenk einen leidenschaftlichen Kuß. . . Im selben Augenblick schon kam er zur Besinnung. Um Himmels willen, was hatte er getan? War er denn seiner selbst nimmer mächtig? Er stand rasch gefaßt auf, verbeugte sich vor der Dame und formte die gesellschaftliche Höftichkeitswendung. „Mylady haben mir in der Tat aus der Seele gesprochen." Und gleichzeitig biß er sich wütend auf die Lippen, daß er, um eine so lächerliche Situation zu retten, eine Anerkcn- nung heucheln mußte, wo er kaum eine Minute vorher rwch seinem Mißfallen Ausdruck verleihen wollte. . . Nun, er war eben etwas überanstrengt von der Reise und dem vielen wechselvoll Neuen, das auf ihn eirrgeftrömt war. Künftig wollte er seine Nerven schon nrehr an die Kandare nehmen. Lord Southrisfe aber meinte in seiner gemessenen Weise: „Du stehst, daß unser Kapt'n volles Verständnis für deine Darlegungen gesunden hat, mein Kind." Und fast wollte es Longsord bedünken, als klänge ein leiser Untertan von Spott durch diese gleichmütig gesprochenen Worte. Seine Brauen zogen sich uumutver- heißend zusammen: vor dem alten Herrn wollte er auf der Hut )ein. . . Ob Lady Edith ahnte, daß weniger ihr blendender Geist als die zarte Schönheit ihres Handgelenks gesiegt? ? — ©ie erhob sich und, ganz ihrer Pflichten als Dame des Hauses eingedenk, fragte sie: „Die Herren werden wohl am liebsten den Mokka im Rauchzimmer zu sich nehmen? Auch ich genieße gerne meine After-Lnnch-Zigarette drüben." Sie schob den rechten Fuß auf eine Stelle vor ihrem Stuhl, wo sich kcmm merküch der Teppich etwas wölbte. Damit gab sie das Klingelzeichen für den Diener. „Kapt'n, Ihren Arm!" bat sie dann. Doch Atterley trat auf sie zu. „Mylady, meine Person bitte ich zu entschuldigen. Ich muß leider noch etwas Geld verdienen." Er verabschiedete sich von der Dame und dem Herrn des Hauses und reichte dann auch dem Offizier die Hand. Longsord schüttelte sie kräfttg und fragte: „Man sieht Sie wohl öfter in diesem Hause?" Atterley zögerte etwas mit der Antwort. Er war verlegen. Gerade vor Longsord wollte er nicht klein erscheinen, und es demütigte ihn das Bewußtsein, in diesem reichen Hanse nur der Geduldete zu sein. Der Hauptmann schien aber sein Schweigen gar nicht zjn bemerken. „Ich hörte vorhin andeutungsweise, Sie seien ein Dichter. Daß Sie Lein alltäglicher Sterblicher sind, hatte ich bereits auf unserer Eisenbahnfahrt heute morgen zu beobach?- ten Gelegenheit. Seien Sie überzeugt, mir sind die vev- famttert Dichter immer lieber als die erfolgreichen. Ich würde es daher begrüßen, wenn unsere auf so sonderbare 78 Meise begonnene Bekanntschaft mit dem heutigen Tag nicht ihren Abschluß fände." In Atterley stieg eine Welle der Freude hoch. Da war endlich jemand, oem er Zuneigung eingeslößt zu haben, her seiire fernere Bekanntschaft M begehren schien. Er richtete seine im Hause Sünthrifse allzeit etwas gebückte, Last unterwürfig niedergedrückte Gestalt höher und versetzte: „Auch ich würde es nur Mr Ehre anrechnen, weiterhin Khrer Gesellschaft gewürdigt zu werden. Sie treffen mich KM besten im Literatur-Klub. Ich hin heute nach dem Diner Kegen neun Uhr dort. Ich würde Sie gerne hier abholenj wrd dort einführen . . . das heißt, wenn Lady Edith Sie freigibt." Edith Zog die Stirn kraus. Es lag etwas in Atterleys Worten, was sie verletzte. Wer sie wird der Antwort überhoben. Mit jener ruhigen Ueberlegenheit des Mters, die keinen Widerspruch aufionunen läßt, warf Lord Southriffe ein: „Kapt'n Longford wird vermutlich kein allzu heftiges Verlangen danach verspüren, in Ihren Literaturkreisen aufzutreten. Wenn Kapt'n Longford einen Londoner Klub besuchen will, so eignet sich seinem Rang und feiner Stellung am ehesten der „Army and Navy Club" dafür; es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre sein, Kapt'n, Sie noch heut« dort einzusühren." Der freudige Glanz in Atterleys Augen war erloschen. Er senkte das Haupt und schien mit einem Male viel kleiner «ls vorher. Stumm, die Brust von Gram und Groll zernagt. verbeugte er sich und verließ langsamen Schrittes das Gemach. tFortsetzung folgt.) Die Speisekarte. Bon Alfred Bratt. Er fühlte einen heftigen Dieb — eigentlich war es Nur em Stoß, eine Erschütterung, kein „Schmerz" im üblichen Sinne — er hörte, wie es mit einemmale rings uur ihn sauste, ats fei die Luft, die dünne, graue, von fahlen Pulverschwaden durchzogene Lust plötzlich durch eine Miaute rasend flatternder, unsichtbarer Fledermäuse bevölkert — er dachte mit fast fanatischer Schärfe an irgendein nebensächliches, jahrealtes Erlebnis und wunderte sich darüber — er sah, rme in Blitzlichtbestrahlung die schattenhaft konturierten Umrisse von ein, tzwei, drei, vier befreundeter Gesichtern —> er dachte instinktiv: „So also rft es, wenn... merkwürdig primitw und un- fercrlich..." — etc hob die.Arme, ließ sich willig aus dem Gleichge- wicht gleiten und stürzte vornüber. Da lag der Kadett aus dem nassein, vom langen Regen morastigen, lehmigen Boden; er lag auf dem Bauch, die Gliedmaßen kraft- und willenlos von sich gestreckt, sein graugrüner Unisormrock war auf dem Rücken bepudert von schwärzlichem Explosionsstaub bekleidet mit LehmsMcken, die aus der Erdsvntäne herübergespritzt waren — aus dem Trichter, den einige Mfeter weiter eitle berstende Granate in das Feld gefetzt hatte. Der Kadett lag 10 Minuten, 20 Minuten, eine halbe Stunde — phne Besinnung. Zwischen den grotesk verzerrten Körpern Gefallener, die rechts rmd links von ihnt, vor und hinter ihm das Terrain wie schlafende Vagabunden bedeckten, sah er selbst wie eine Leiche aus. Der Boden zitterte — vom Rasseln der Räder der Geschützlafetten, von Pferdegetrappel und Jnfantristenslampfen in der Ferne. Ab und zu ächzte ein verirrter Schuß herüber, dann wurde es allmählich ganz still. Der Abend beschattetem sanft tiefer steigenden Dämmerungsakkorden die heroisch-trostlose. Landschaft. Das kleine Gefecht hatte sich weiter nordwärts verzogen, in der Richtung zur braun gewellten russischen Schützenlinie. Dem oerirrten Granattreffer folgte kein zweiter Schuß. Der Kadett erwachte, als zwei Sanitäter ihn auf eine Bahre legten. Er fühlte sich vollkomnchn geMnch, die Zunge klebte ihm schwer am Gemmen, im übrigen aber hatte er keine Beschwerden» Er besann sich dumpf, während die Tragbahre im Taktschritt der stummen Männer und in irrlichterndem Laternenschein zwischen gespenstisch kahlen Bäumen vorwärts schwankte. Der Kadett hätte gern gestagt, wo er verwundet sei, ob er operiert würde, ob Hoffnung vorlianden sei, oder ob... Wer er schivseg. Gr Sonnte nicht! sprechen. Msttt, hilflos und mit 'gottergebener Müdigkeit blickte er «um Himmel empor, während seine Lippen vergeblich Wlortd formten. Nein... es ging nicht. Wahrhaftig — er war stumm geworden. Fünf Tage später wurde der Kadett aus dem Bahnhvfsschuppen, der sich Lazarett nannte, entlassen. Schriftleittmg: Erich Jäger- Heft 1—6. Eine Ungemein reichhaltige, aber übersichtlich angeord- ncte Zeitschrift, die besten erzählenden, spannend-mnterhaltmd«: und fesselnd-belehrenden Ltoff bringt, was sie bei der Raumnot der Tageszeitungen beftntders begehrt macht. Ter Preis für das Halbjahr beträgt nur 4 Bdark, Ernzelnummer 20 Pfg., Probennmmerü kostenkos. „Tie Sefe" ist im Krieg und Frieder: berufen das Blatt der neuen deutschen Familie zu sem. — Schian, Martin, Professor v. Dr., Hausandachte« für die Kriegs zeit. 6. Heft. Volks schrift en zum großen Krieg. 130/131. (Verlag des Evangelischen Bmches. Berlin W 36, Am Karlsbad 5 1. Prns 30 Pfg. — Das literarische Echo. HalbnWnatsschrrft fürLireratm> freunde. (Begründet von Tr. Josef Ettlrnger. Herausgegeben vo« Dr. Ernst Heilborn.) Verlag: Egon Fleische! & Co., Berlin W 9. Das % März Heft ist soeben mit fo lösendem Inhalt erschienen: Fried-, rich Hirth: Der Zerrissene; Max Meyerfeld: Le malade inraginaire; Paul Bourfeind: Wilhelm Sck>neider-Elanß; Karl v. Felrwr: Das Märchenspiel ; Hr:go Bieber: Neues über Friedrich Dchegel; Heinrich Zerkanlen: Neue Lyrik IV. — Echo der Bühnen — Echo der Zertungen — Echo der Zeitschriften — Echo des Auslandes —- Kurze Anzeigen. — Die Schaubühne, Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, heransgegeben van Siegfried Jacvbsohn, enthält m der Nummer 9 ihres vierzehnten Jahrgangs: Sie Habens gewagt, von GermanicW: Tagebuch der Verzweiflung III., von Hans Natonek; Eugen Jimmernramr, von Johannes Fischart; Das Büchlein vom vollkommenen Leben, von Eugen Friede!!: Albdruck- und Traum spiele, von S. I.; Das Deutsche Vvlksthcater, von Alfred Polgar; Kleine Gänge, von LorariuS; Antworten^ Gießener Hausfrauen-Bereiu. Kochanwelsungen. Rudeln und Wurst. Man kann Blut- oder Leberwurst verwenden. ,Tie Nudeln werden mit siedendem Wasser gebrüht und nach einigen Minuten abgegossen. Dieses Mrrühen rst not-- wendig, weil dir Nudeln oft reiht teigig sind. Dann gabt man sie in siedeUdeS, leicht gesalzenes Wasser, läßt sie aufkochen und auf heißer Stelle oder in der Kochkiste gar ziehen. Das Wasser wivd ab- gegoffen. Dann schneidet man Leber- oder Mutwurst in klenw Würfel und nftscht entweder di« Nudeln vorsichtig danut oder man legt eine Schicht Nudeln in eine feuerfeste Form, gibt Wurst darauf, wieder Nudeln ufw. NudÄn müssen die oberste -Schicht bilden. Man läßt das Gericht im Ofen backen. Sauer kraut speise m einer Form zalbereitet. Man legt gekochte, in Schreiben geschnittene Kartoffeln hinein, darauf eine Schicht Sauerkraut puffert, salzt und streut ftingehackte Aepfel darüber. Mit Fleischreste:: wird dre Speise natürlich :wch verfeürert, doch können die Fleischreste auch wegbleiben. Wieder konnnt ein« Schicht Kartoffeln, nochmals gewürztes Sauerkraut, g-eschnttteiu! Aepfel darüber, zuletzt wird alles mit einer Kartoffel schicht bedeckt, mit einer Tasse Milch übergossen, in einer mäßig heißm Röhre eine Stinche gebacken. vilderrätsel. (Auflösung in nächster Nunnnev.) Auslösung de« LogogriphZ in voriger Nummer: Matrose — Matrone. Schristlertung: W. Meyer. — ZwillinaSrunddruck der Brühl'scheu Nuiv.-Buch- und Steiudruckerei. R. Lange, Gießen.