Flieger über London. Elim Londoner Erzählung aiis den Spätherbsttagen 1915. Von Justus Schoenthal. 1 ö15 by Georg Müller, Verlag', Müncbeu. (Nachdruck verboten.) 1. Kapitel. Zwischen H a rwich und London. Die Spächerbstmorgensoirne stieg gleich einem mattroten Vall aus dem Meere und ließ Schein in feurigen Fmnim- chen über die Fenster am Hafen von Harwich Ottern. Die Stadt selbst lag da, verödet und ausgestorben; dre wenigen Leute, die in Geschäften die Straßen durcheilten, zeigten bittere verhärmte Gesichter. Auch in der Hafengegend schien bleierne Schläfrigkeit auf den Gemütern zu lasten; auch bier war nichts vom Leben und Treiben, voni Jagen und Hasten früherer Tage zu spüren, obwohl doch erst vor einer Halden Stunde der Postdampfer von Holland eingelaufen war. Die Postsäcke, die die „Zeeland" mit sich führte, warerr den Reifenden, die das Schiff verließen, an Zahl fast überlegen. Reifen? nicht D.v. - ~ kannt war. Aber nicht umschiffen konnte man diese deutsche Unterseebootpest. Nnn ftchr man ja während der Nachtzeit und überdies hatten sich die Deutschen in den letzten Wochen seltener an der Ostküste Etat. Doch das Gespenst der Gefahr hob nach wie vor drohend das Haupt — und! die Oschüft!i Englands ivaren stiller und Mer geworden. Auch heute entstiegen dein Dampfboot nur wenige Reisende, ein Ossizter, der Hauptmannsuniform der kanadischen Ottawafüsiliere trug, ein paar Zwischendeckpassagiere und ein halb Dutzend Geschäftsreisetide, die unentwegt weder Krieg noch Gefahr scheuten. Me Haftnbeamten, denen der Sicherheitsdienst, vor allem die Päsftprüftma mrd die Ueber- wachung der vom Ausland Zugereisten oblag, trachteten, ihve Arbeit rasch zu beenden. Das Handgepäck war grüridlich durchwühlt, alle mitgesührten Briefschaften wurden gelesen, die Kleider der Reisenden nach gefährlichen Zeitungen durchsucht Mid selbst die Uhrendeckel geöffnet, um das Einschmuggeln von verdäch!ttgen Gegenständen All verhüten. Mit kühler Gelassenheit hörten die Beamten die gewohnten >ltworte der Reisenden an; sie zuckten stnmnr mit den Felu Selten, daß sich einer zu den Worten verstieg: rs wollen Sie? 's ist Kriegt' ^ t rr v . Drüben aus der arideren Seite des Haftlis stand abfahrbereit der Zug nach London. .. Gletchnmtig lächelnd hatte der junge Offizier die Leibes- untersuchung urü) Prüfung von Paß und Gepäck über sich Ergehell raffen. Nun rief er einen Träger an und befahl ihm. seinen kleinen Koffer hinüber zum Zug zu tragen. Er kaufte die neueste Londoner Morgenzeitung, steckte nch die Stunrmelpftife an und stampfte dann dem Gepäckträger nach. paffte ^ Im Zug entlohnte er den Gepäckträger, wählte em leeres Abteil zweiter Klafft und versuchte, es sich so behaglich wie möglich zu machen. Wie von ungefähr wanderte^^w ^von Harwich _... .., _ . w die Wogeytz auf und 'nur im Südosten deutete eine schwa die Richtting an, in der sich die „Zeeland" ent Ein Lächeln huschte fast unmerklich über fettre Züge: er sandte noch einen grüßenden Blick nach der Rauchsäule; darm lehnte er sich m die Polsterecke und entfaltete die Zeitmig, Er überflog gerade das Wichtigste, die letzten Tele- Mimne, als die Tür hasttg anfgeriffen wurde und mit 'liegendem Atem ein Herr ins Abteil stürzte. Der Hauptmann sah forschend von der Zeitung hoch! Mid für eine Sekunde trafen sich die Blicke der beiden Mäw mx. Der Neuangekommene war gut gekleidet, verriet aber sonst im Aeußern nicht eben große Wohlhabenheit. Sem Gesicht war glatt rasiert wie das des jungen Offiziers! überschritten haben. Der Neuangekommene ließ keinen Blick von fernem Gegenüber. Als das Abfahrtszeichen gegeben ivar, erhob er sich, warf die Zigarette, an der er gesogen hatte, mit einer nachläffigeii Gebärde hinaus aufs Nebengleis Und zog die Fenster hoch Uitd während sich der Zug lairgsam in Bewegung setzte, sagte er ohne weitere Einleitung: „Ich habe die Ehre mit Capitain^ Lvngford?" N zerknüll.. £ r r . „Sie wissen —stieß er hervor; dann fuhr er ruhiger fort: „Das heißt, ich entsinne mich nicht, jemals das Ver- gnügerr gehabt zu haben..." , Auch der andere stand auf. „Ich bitte Um Verzeihung. Mein Name ist James Attertey; ich bin Mitarbeiter der Zeitung, die Sie soeben aus der Hand legten/' „Und Sie wissen, wer ich bin? Was verschafft mir die Mvo, tvenn ich fragen darf?" tateöer, Log dwe Zigarette che sie in cmer Umständlich- Brand imb meinte dümr, sich Hn der Verlegenheit -^^vr^M^gM,ich habe Sie hier erwartet, Kapt'n vongford/1 „Erw ^ .. «ttvartet^ - "Nun ja, ich habe den AjnftrW- Gle W ernpfangew Bsindon erwartet Sie!" ^ ^ Ein Lächeln umspielte die Lippen des Hauptnranns. : Maim war entweder ein Detektiv oder ein Spion, vwl- ft auch nur ein neugieriger Herr von der Presse, womög- alles zusammen in einer Person „London erwartet wich, sagen Sre?A . icncb, dem Hanptmann der Ottawa-Wisicrere, der aus dc^ veutscherc Gefangenschaft entfloh^ , ^ Wieder lächelte der junge Offtzrer, -- es ,war iAver zu Unterscheiden, ob geschmeichelt oder verächtlich. „Ich war noch nie in London..." . r „Ich weiß Bescheid," unterbrach rhu der cuckere erd- fertig. „Sie haben früher auf Ihrer 'Farm ber Ottawa gelebt, traten dann, als der Krieg ausbrach- wieder ber gSrem Regiment ein, sind zuerst nach Liverpool, dann nach Frankreich verschifft worden, erhielten rm Mandrescherr Gliben einen Schuß in den Unterschenkel. Ms Sie ausder Ohmnacht erwachten, lagen Sie in einem deutschen Feldlazarett. Ihr Regiment war teils zusammeirgeichAsen, tetts von den Deutschen gefangen, und vor etwa achtDagen sind Sie ncüh Holland geflohen, wo Sie in Rvl.ttrdam ber unserm Konsul rührende Aufnahme fanden. Weiß ich» mcht gcmÄ gut B^cheid?" 1 w .. Longford runzelte die Stirn. „Gs schernt allerdrngs ßo, als ob Sie Bescheid wüßten. Darf ich fragen, wodurch Ihnen die Möglichkeit ward, in mernerr Erlebnissen wre rn vmern Buche zu Plättern?" Der Mann begann rhm etwas ^Atte^ey^zo^eine Nummer des Amsterdamer „Tele- sraas" aus der Dasche. __ .. „Ich erzähle Ihnen nur, was Sie selbst vorgestern Amsterdamer „Delegraas" veröffentlichen.' - Die Augen des Haupttuanns bückten hart und finster. h habe in meinem Leben nicht eine Zeile inr „Delegraas ^sfentlicht." . . ^ „Nun," versetzte der Journalist, rmmer noch rm Tone der Ueberlegenheit, vielleicht haben Sie ernem Mrtarberter der Zeitung einiges erzählt?" „Ich kamr mich auch mcht outsrmren, \t eint Unter- «düng mit einem Mitarbeiter des Blattes gehabt zu haben, abgeseherr vielleicht von einer kurzen Begegnung, von der ich Ihnen auch Mitteilung machen will. Gelegenttrch eines Besuchs, den ich vor ein paar Dagen im brrtrschen Konsulat machte, stellte mir Konsul Humphrey auch erneu widerlichen Burschen vor, der vorgab, Mrtarberter des „Delegraas" zu fern. Ick hörte ihn, dann erklärte ich rhm rundweg: MÄn Herr, ich bedauere sehr- rch rerse dieser Tage nach London; ich habe Grunde, Einzelheiten, ans weinen Erlebnissen vorerst nicht preiszugeben." ^ „Ich verstehe," unterbrach Atterley>. „Sie wollten m London ihre Feldzugserinnerungen niederschreiben Und dafür einen Verleger suchen —, „Sie verstehen gar nichts!" brauste der Offizier mrs. .Lassen Sie mich gefälligst ausrederr! Darauf versuchte der Hsrr, also ein Kollege von Ihnen, das Nötige aus mrr herauszuprefsen, indem er sagte: Sie brauchen gar nichts zu erzählen. Ich schreibe eben so. Darauf verließ ich das Zimmer. Folglich kann das Blatt keine Urtterredung mit ^ Der Journalist war unter den scharfen Worten heftig zusammengezuckt. Er blinzelte nervös, wie jemand, der anhaltend in üre Sonne gesehen, zog aber nochmals das holländische Blatt hervor und stammelte: „Aber, Kapt'rr, nehmen Sie doch Vernunft an. . . ich weiß gar nicht . . . ich wolltt Sie gewiß nicht im entferntesten verl^en. . . Hier steht doch wirklich. . . Langford hörte nur mit halb« Aufmerksamkett zu. „Ihr Benehmen kommt mir im höchster Grade merkwürdig vor. Sie scheinen ein Spion zu sein, der die Offiziere, dre von der Front kommen, ausKchorchen versucht." Und ehe Atters es Verbindern konnte, war er aufge- jbtc ftmttcQen und hatte die Notleine gezogerr. Dann riß er ftinaE dock einmal sehen, ob Sie sich über Ihre Person auSKiweiseNl imstande sind." , r _ Währenddessen hatte die Maschine scharf gebremst. MV Zugführer trat heran. ^ „Schaffner!" rief ihm der Haupttnann zu, „kourmeu Sw hereiir und nehmen Sie diesen Herrn in Verwahrung! Ich will nicht geradezu behaupten, daß er ein Spion rst-aber sein Verhalten komntt mir nicht ganz geheuer vor. Wann halten wir demnächst wieder an?" , „Wir werden in zehn Mrmtten m Chelrnsford eitt* fahren." „Es ist gut! Dort iverden wir weiter sehen!" Der Zeitungsmann ergabt sich in fern Schicksal UnN folgte schweigend dem Zugführer. Tie Maschine zog wieder mr, uiid alsbald flog der Zug mit verdoppelter Geschwindigkeit dem nahen Cheuns ford zu Als der .Hauptmann allein war, bückte er sich und griff nach dein holländischen Blatt Tatsächlich, da stand eine Unterredung, die er mtt einem Mitarbeiter der Zettung gehabt haben sollte: „Der Held, der den Hurmen entrann!' Verächtlich schürzte er die Lippen. Auch sein Bttd hattet sie gebracht. Die Aufnahme zeigte ihn in dem Augenblick, da er aus dein britischen Konsulat heraustrat. — Er lachte lautlos in sich hinein. Reklame hatten sie ja nun genug für ihn gemacht.... ^ „ . .. Der Zug hielt im Bahithof von Chelmsford. , Longford ging auf den Vorsteher zu und entnahm seine« Brieftasche einige Papiere. „Hier mein Paß. Sie sehen, das Signalement sttnmtt... Augen braun, Haare schwarz, Nase scharf, Mund gewöhnlich, Barttracht —" , „ _ .. „Mer bitte, bitte," unterbrach ihn der Beamte, „womit kaim ich Ihnen dienen?" _ „.Ja, mir ist da eine unangenehme Geschichte widere fahren. Ich habe —" .. Im selben Augenblick betrat wich der Schaffner mtt seinem Gefangeiien den Dienstraum. Er erstattete Meldung, und der Bahnhofsvorsteher ersnch'te Mterley, sich über sein« Person anszuweisen. Ohne zu zögern, legte dieser firnen Paß vor. Die Angelegenheit war in bester Ordnung. Er hieß wirklich James Atterley, war verheiratet, Zeitungsberichterstatter und wohnte in Paddiugton-Loudon. Der vermeintliche Spion lachte über das ganze Gesicht. Auch der Hmipb mami lachte jetzt, streckte dem Journalisten beide Hände hin und bat: „Seien Sie mir um Himmels willen nrchk böse! Aber schuld ist der gute Konsul Humphrey in Rotterdam. Er hat mich noch eindringlich vor allen Spionen gewarnt. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung." „Aber keine Ursache," wehrte Mterley bescheiden ab. „Ich mag selbst an dem Mißverständnis nicht ganz unschuldig sein. ^ Die Geschichte gehört jedenfalls zu meinen hetter» sten Erlebnissen!" . „Also, Sie such mrr nicht bche! . ^ t ^ „Dann darf ich Sie vielleicht bttten, mrr für den Reg der Fahrt Gesellschaft zu leisten?" „Ich wüßte nichts, was nttr angenehmer wäre." Und arr dem verwunderten Zugführer vorüber, dem der Offizier ein paar Silberstücke gleichsam als Schwmge- geld in die Haüd drückte, schritten beide auf ihr Mteil zu. Sie nahmen ihre alten Plätze ein und der Haupttnann begann das Gespräch: „Um eine Gefälligkeit möchte ich Sie gebeten haben: Veröffentlichen Sie die Gefckftchte nicht; das wäre doch außerordentlich peinlich für mich" , „Sie tan!" widersprach der Zeitungsmann. „Das wird Ihren Ruhm noch vergrößern! Lassen Sie mich nur machen! „Sie tun mir zuviel Ehre an. Mich, hat ja mrr de« brave Humphrey in Rotterdam vorsich,ttg g^acht. Uebrigens — er faßte sich wie in plötzlicher Erleuchtung an die Sttrn —i E phrey scheint dem Arttkel im „Delegraas" nicht ganz zu stehen . . . aber freilich, schließlich konnte der che die Einzelheiten nur von ihm haben und ... 4 jetzt fällt's mir wie Schuppen von den Augen . ... en regelmäßig eine Auslese ans ihrer großen Zahl, je nachdem dieb^onderen Witterungsverhältnisse das angezercst erscheinen bassen; besonders die „Heimatblatts" beschäftige,i sich gern Mit llmen Oberflächliche Leser freilich -— .M nichts Zeck haben" — behaupten, daß sie ihnen nichts Lbgewinnen rönneu. S,e bezeichnen sie als Ueberbleibsel einer langst üderhÄten Zeit, tur deren attoäterischen, hausbackenen Witz und Geschmack „man" heutzutage nichts mehr übrig hat. Andere aber erkennen und ghatzen ^iese anspruchslose volkstümliche Weis Heck als lebendigen ^dugm ^dringlicher Naturbeobachtung und der Humorvollen Wschammg^- weise unserer Vorfahren. Freilich muß man, um das zu würdigen, Muße Und Gelegenheit haben, allen ieneil,Tmgen. Witterrmg und Wetter, Tier- und Wanzenwell und handliches Leiben, vdn denM in den Bauernregeln die Rede ist, MM! mit aleick inniger Liebe und Ausmerksanlkeit nachzugehen, und daran Wes W, selbst ans dem Lan^e, häufig an Zeit. Daran laßt sich aber auch schon bis ,zu einem gewissen Grade ermessen, wie weit die Elitstehung der Bauernregeln Mrückzusuhren sem^mag. Denn zweifellos stammen sie aus einer Zeit, m der „man , das Heißt r^e namenlose Masse unseres Volkes, in fr» foefer Mjerksprüche zu erkennen vermeinen, —' die notige brüste und Gelogenheck dazu hacke. .. Ein anderes Merkmal sind die Reime. Sie erumern lwch an eine weit zurückliegende Vergangenheit, m der unser Volk a l l e s, wsts ihm wichtig und merkenswert erschien, w gebundene Form Krachte. Tann Gereimtes läßt sich leichter, merken als — Ungereimtes! Auch das Würde heutzutage kemem Menschm mehr einfallen. Wer solche einfältige, .schlichte Boobachtungm srch trefe^ Gedanken und nun gar Verse zu machen. Wer so denkt, Wemeht indessen den dauernden Tretschritt der Zeck, und daß früher wichtig «nd bedeutungsvoll war, was heute überholt und nmmchckg ge* Worden ist. — wenigstens für wecke Kreise unseres Volkes, dw sich weniger an eigene, persönliche Erfahrungen, aW an dre Ergwnisfe und Ermcktelnngen eracker wissenschaitttcher ^ Beobachckmg halten, «n. denen sie aber feM in kodier Meffe skhöpferW teil hahen^ An dttt ülten BäuMipeigM affet* hat Wohl imfet ÄtitjfS .. \m Dichter intb Denker seinerzeit mckgearbeitet. Sre sind nicht Erzeugnis geistreicher Einzelner, das bezeugt schon ihr Name, ganzer Refiz, den sie jetzt noch für viele unter Ms mwen, b gerade aus ihrer natürlichen.Frische und Ursprünglichkeck. Es gllicklicherweise nie versucht lvvrdeir, über ihre ländlich-bäuerlic Herkunft hintvegzickäuscheu nud- ihueu einen vorne Hneren GtmnmiB bauin züznlegen. Arcch die schlichte Aufmachung in gereincker Formt ist ein sicherer Zeuge beträchtlichen Wters. Daß die Vers e, ytt einzelnen betrachtet, sehr ungleich in ihrern Werte surd« kann hmrpM nicht allzuviel besagen. Manchmal haben es sich diese unbekanntest alten „Dichter" in der Tat gar zu leicht genracht. Es ist keine besondere Kunst, Regen-Segen, regnet-segnot, Sonne-Wonne, son- prg-tvonnig Miteinander zu reimen, mnd nunr hat hatwn etwas reichlich viel Gebrauch gemacht. Indessen auch im Weizen gibt M Spreu, tmd wenn wir die Spreu zwischen diesen Bauernregeln weg fegen, bleibt manches goldene Korn, das um so hell« glänzt UM uns manchmal nach seitenlanger langweiliger, LtmMerluyer Zei-> tuugslektüre plötzlich herzerquickend entgegerckacht und in trttbm Tagen mit einem Male lvieder froh und yoffmmgsvoU macht. Weitere Betveise für ein zum Teck sogar sehr erhebliches W« werden genauere Kenner der Kulturgeschichte unseres Volles i» allerlei tteseren und versteckteren Beziehungen erblicken. Ta ist z. B. in lehr vielen Bauernregeln nicht vom Tage, sondern von Nächten die Rede. Tie Nacht, die den lichten Tag gebar, hatte nach der Ansch.aunng unserer Vorsahverr in weit zurückliegendes Zeit etwas besonders Weihevolles, was heute noch manche alte Do- ~ zeichnuttgen in den Kalendern — Und damit auch noch m u nserm alljährlichen Erleben — bezeugen. Wir sprechen von.I^r Christnacht und von „Fastnacht" von der Walpnrgrsnacht, FotzmniA; nacht, Andreasnacht und Sckvesternacht, von den „Zwölf Nächten und noch nranchen andern durch« alte Ueber'lieferung ehrwurdl ge» , und geheiligten Nächten! Hmcke rwch gelten diese Nächte tn untzrm Sprachgebrauche vielfach nrehr, als der ihnen folgende, pnt Teck völlig belanglose Tag! . ^ _ ZN Verbindung damit wäre als tveckerer Zeuge hohen All«« auch wie isn den Bauernregeln vielfach zrckage tretende Zahlen«» s y m b o l i f zu erwähnen. Was Mattheis und Sankt Peter nfiacht. So bleibt es noch durch vierzig Nacht. Wösorckers die 40, eine uralte Fristbestimmtmg, rmd die „siü«tz Wocherr" spielen dabei die Hauptrolle. „ „ Ein «anderes Pröbchen halb oder ganz vergessener,Mer, KuÜMv riickt uns eine der vielen Bairernregeln vom Tage Mariä RemMlNL (2. Febrrwr) vor Augen. Sie lautet: Lichtnreß! Bei Tage eß! Nu Spindel und Kunkel bergest! Das erinnert daran, daß rnrsere Vorfahren im Mittelaller ihr« Hauptmahlzeit erst nach vollbrachtem Tagewerk, in der Vorabend- stunde, ejnzunehmen gewöhnt waren. Vom Tage Mariä Lichtmeß ab hatten sie sich aber nun so einznrichten, daß sie mck ihrer Arbeit bei natürlichem Lichte fertig wurden und auch noch vor Einbruch der Tunkelheck essen konnten. Mariä Reinigung bezeichnete also den Beginn der m i t 1 e l a l t e r l i ch e n „Sommerzeck". TeshaD usurdert auch «an diesem Tage die Gerätschaften, mck denen sich Wärters über die Franerr an den langen Abenden am Herde fey schästigt hatten, Spindel und Kunkel, m die Ecke gestellt und bald „vergessen", weil es nun wieder draußen in Garten und Feld genug zu tun gab. . m Bon besonders ergenarttger kullurgeschrchtllcher Bedeutung ist aber mich die Bauernregel vom Matttziastage, dem © A alt ta ff,- Kaiser Lothar II. bwchte die Gebeine dieses Heckigerr, der an dre Stelle des Judas JscharioG in die Reihe der Jünger JejU trat, nach Goslar a. H., und so wurde Matthias der älteste Schutzpatron des dortigen ältesten Bergwerks des Deutschen Reiches und auch der schönen Stadt. Namentlich sein in Silber gefaßtes Haupt war eins der kostbarsten Kleinode im Goslarer Tom. Damck zog d-w Domgeistlichkeit alljährlich an seinem Ehrentage (24. Februar) durch die Stadt uttd manchmal auch sonst noch« weit umher. Sechzehn Träger trugen die heiligen Reste in schweren silbernen Schreinern Im Jahre 1100 fand aber der Unrzug ein schlimmes Ende. Wa der Höhe des Nonnenberges Werfiel Widukind von Wolfenbüttel mck einer Baude Strauchräuber unversehens die fromme Pckgeffchar, um ihnen ihren Schatz zu rauben. Ta wußten die Träger kem anderes Mittel, als daß sie die beiden Särge flugs in dm Stadt-» graben warfen, uNd siehe da! Es geschah wie in der Bauernregel^ Mattheis — bricht's Gis, Find't er keins, Tann macht er eins. Term die silbernen Schreine ruhten verborgen, unter ein« durchs schmolzenen oder ebmso rasch neu gebildeten.Eisdecke. Auf Grund dieser Bsgebmheit soll das eigenartige Merkwort entstmtden sem. Und daß der Matthiastag ein krckischer Tay m dreser Hmsrcht rst> wird «auch noch durch manches Andere, Aehrckrche bestattgt., Diese Bauernregel ist, s«oweck wir wissen, die ernzrge, dweni Herkunft und Atter sich eimgermaßm genau besttmmen laßt. Vor dem Jahre 1100 kann sie nicht gut entftankn sem, möglicherweise «feer auch nicht viel später. Manche andere mögen aber aus bm angeführten Münden «uf noch Mit Were — andere hingegen auf viel spätere — Zeit zurückgchen. Tenn auch manch kostbares, erger SJlcuuiiflkittiflfcit crtyaltett*} Droben auf der Höhe hat sich, wie übllch, die gütliche und n^ltüche Macht angesiodelt. Da steht das wuchtige alte Ordens» chloß, derb und kraftvoll sich auf den Felsen stützend und von seinem trotzigen .Langen Hermann" überragt, und da steht neben allerlei äderen Öffentlichen Gebäuden und einigen rttterschafürchen Palästen Revals altehrwürdige Dvmkirche, ein schlichter Bau, dessen Krnghaus noch bis auf die Zeit oer ersten Anlage zurückgeht. Der wom beknnoet, wie alle Bauwerke der Stadt, eine eigentümliche Baugesinnung Die Revaker sind immer ftir das Ernste, Schlichte gelosten, ;a selbst einen herben und strengen Zug zeigen die alten Baud-MmMer der Stadt, deren Formen in erster Linie durch das Notwendige besstmntt wurden. Aber an Schmuckfreude hat es darum der Bürgerschaft Revals doch keineswegs gefehlt; reich entfaltet sie sich an den Grab-- mälern, die die Kirchen füllen, an den Pforten der Kirchen wie der Bürgerhäuser, in üppigem Silbergerät und in hundert Einzelheiten, die die spielende Hand oer Künstler schuf. Im ganzen aber waltet der strenge Zug in Revals Baukunst vor. An dem mächtigen Zuge der Mauern und Tore findet man nicht die reicheren Schmuckformen, damit ettva im heiteren Frankenlande die Baumeister Nürnbergs Umwallnng geziert haben; schwer und plump wie ein Elefantenzng "folgten sich die Türme, die in dem Stolze der Revaler, dem« mächtigen „Kiek in de Kök", ihren Höhepunkt erreichen. Bon strengem Charakter ist auch das Rathaus, der Mittelpunkt der Niederstadt, dessen rechteckige Maße Laubengänge wohltuend auflösten, bis diese leider in Geschästsläden verlvandelt wurden. So muß der luftige, minarettartige Turm jetzt allein für die Erleichterung der Baumasse Und auf Schritt und Tritt alte Hau,er, ftsselnde Denkmäler: 'halbversteckte Kapellen, alte Mdeuhäuser, die Bürgerhäuser, die ihre Giebel in schmaler Front der Straßenseite Mvenden und MS weit in jdie Tiefe erstrecken. Schließlich sind es aber bei allem dennoch nicht die einzelnen Baudenkmäler, die Revals Schönheit ausmachen-, so reich und bedeutsam sie auch sind, sondern es ist die ganze und unendlich reizvolle, immer lebendig-orgauisch wirkende Mannigfaltigkeit des städtischen Lebens, ivie es hier auf verhältnismäßig Keinem Raume seinen baulichen Niederschlag gefunden hat. Auf und ab steigen die Straßen, die Häuserzeilen verschieben, überschneiden sich; es eröffnet sich der Blick in die dunkleren Seitengasien mit unendlich malerischem Häusergewirr; ein dunkler Torbogen tut sich geheimnisvoll auf; dicke Türme, schlanke Spitzen blicken unerwartet über zerfurchte und verrunzelte Dächer — und dann wieder eins reizvolles Portal, oder ein schneller Blick in ein weiträumiges Kircheninnere, aus dem Gestühl u-id Grabmäler in aller Pracht hervorblicken; so folgen, so drängen sich die Bilder. Und hinter dem allen dehnt sich das Meer, Revals Lebensader, an dessen Ufer sich sein Hafen schmiegt. Er ist nach westlichen Begriffen mit seinen Einrichtungen heute nicht ganz ans der Höhe, dieser Hafen; abe^ Revals Geschichte hat bewiesen, daß der Rigaer Bischof Albert und der Dänenköttig Waldemar II. die richtige Stelle erwählt habenp als sie hier die Stadt an: Platze der zerstörten EstensestL Linchinlssa errichteten. Hinter Revals großer Vergangenheit tut sich noch eins glänzende Zukunft auf. Gießener Harrsfrauerr-Berein. Kochltttweisungen. Artischocke n g emüse: Tie Artischocken werden in heißes. Wasser gelegt, hiernach läßt sich die Schale leicht äbschaben. Sie werden in Scheiben geschnitten, in etwas Fett gedämpft; sind siv gar, wird etwas Mehl in Buttermilch glatt gerührt und mit auf», gekocht. Artischockenaufl auf: Die Artischocken werden nach dem Schaben in Deine Würfel geschritten, in Fett weich gedampft oder in Salz Wasser gar gekocht. Gekochte Kalte Kartoffeln rverden durch die Maschine .gerieben, einige emgeweichste Br Achen, ettvaige Fleisch reste, Bratentunke, gebratene Zwiebel, Salz, Muskatnuß, Tomaten»! mus >oder geriebenen Kaie, dies alles mengt man gut durcheinander und legt es mit den Artischocken lagenweise in eine vorgerichtets Form, quirlt ein Ei in Buttermilch ab und begießt es damit. Dann, bestreut man die Form mit Reibebvot und, wenn man hat, mit Fettflöckchen und backt sie im Ofen. Schikoree-Suppe: Das bittere Wurz-elende des Schißove« wird ausgeschnitten, Sbcr Schikoree fein wie Enoivien geschnitten^ in Butter gedämpft, mit Wasser aufgeftcklt imd eine halbe Stund« gekocht, daun mit Brühwürfel und Domatenmns gewürzt. Einfache Grießspeise: In einem Liter verdümrtsni Fruchltfaft werden 100 Gramm Grieß unter ständigem Rühren etwa: 10 Minuten gekocht und mit dem Schn-sebesen eine BierteLstMid«i stark geschlagen. ^ Röffelspnmg. ne Nun Schar Schmer den! dar Kluft. der der 'lach Här sil im spinnt mern gen Mär fü schlum und ge Wal Luft chen blau ster de der Herbst chen Wald der, de wand I ob er ben in Land, Fel (Auslösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummerr W. KhH, Df7, Sd5, g2, Tb5, Be2, f2, 5. Schw. Ke4, Ld8, Sfö, h7, Ta7, g4. Ba4, b7, d4, 6. «8. L6, g8, 6. 1. Df7—c7 ed. 2. Dc4. - 1. . . Lc7; 2. Sföf: — 1. . . d3 2. ScBf. -1 . . . o5 2. Dc2f. — 1. . . K0. 2. Se7f. beliebig 2. Sc3f. > Gchrlfttüilurlg: W. üsteyer. -- Zivillingsrunddnlck der Brüht'schen Nn v.-Buch- »>«h Steindruckerei. R. Lange, Gießen-