Mittwoch, de« 25. Januar npsm u> ^' u mit offenem Mund an. Hatte er einen Irrsinnigen vor sich? Er bekam ein rvenig Furcht. „Aber-" wandte er ein. Behrens begütigte ihn mit einer sanften Bewegung seiner Hand. „Ich weiß, ich tveiß," sagte er rasch, „daß es — merkwürdig, ja anmaßend von mir ist, wenn ich Sie, der Sie hier Geld verdienen wollen, mit Privatangelegenheiten behellige, die Ihnen Ihre kostbare Zeit rauben müssen. Ja. Und dennoch: ich würde mich freuen, wenn ich es Ihnen verständlich machen könnte, daß es manchmal gut ist, ja notwendig, an Geld und Geschäfte nicht zu denken... Können Sie das? Wäre es Ihnen möglich, einmal nicht an Ihr Geld zu denken?" Was hat dieser Mensch nur? dachte Lantenbach. . Und er stellte weiter fest, und seine Furcht schwand daniit völlig r So ungewöhnliche Angen habe ick) iwch bei niemandem gesehen: ob er einer von der Heilsarmee ist? , Laut dagegen sagte er: „Sie täuschen sich, ich denke nicht immer an Geld!" „Ausgezeichnet," ries Behrens ans, „dann werden Sie es auch jetzt nicht tun, toenn ich Sie darmn bitte?" „Nein," versprach Lautenbach. Behrens putzte sich umständlich seine Gläser — denn er war im Gefängnis stark kurzsichtig getoorden ehe er fort- suhr: „Stellen Sie sich vor, verehrter Herr, Sie säßen im Gefängnis. Nicht Tage, nicht Wochen, nicht Monate, — nein, Jahre. Und in dieser Gefangenschaft hätten Sie einen Freund gewonnen. Einen guten Freund, wissen Sie, — einen, dem Sie vertrauen könnten. . . Und dieser Freund verließe dann das Gefängnis, denn er hätte seine Strafe verbüßt. Sie aber blieben dort. Noch viele Jahre. Aber dann kämen Sie doch frei... Ich frage Sie: was würden Sie, wenn Sie frei wären, sofort tun?" Lautenbachs Staunen tvar in Bestürzung übergegangen. „Ich verstehe nicht..." „Würde Ihnen nicht daran liegen, zu erfahren, wie es Ihrem. Frermd, Ihrem guten, Ihrem besten Freund — geht?" „Gewiß," antwortete Lantenbach mechanisch. Behrens lächelte. „Nun also. Ich bin der Mann, der die vielen, vielen Jahre im Gefängnis war. Wer aber, glauben Sie, war mein Freund?" Lantenbach rückte unwillkürlich einen Schritt von diesem rätselhaften Menschen ab. Allein dessen Lächeln hielt ihn fest, ließ ihn nicht los, um nichts in der Welt. „Kenne ich ihn?" fragte er zögernd. Behrens lächelte iwch immer. „Oh ja." Da sprang Lantenbach jäh auf, und er hatte alles Er- stauntsein verloren, denn er wußte nun mit einemmal, was der andere wollte. „Reisner!" rief er aus. Behrens nickte. Lantenbach vergaß schnell, daß er sich einem fremden Menschen gegenüber befand, über dessen Absichten er sich noch gar nicht klar war, und fühlte nur das eine: daß von jenem! einen Mann die Rede war, den er haßte. Er schrie: „Dieser Schuft!" Behrens betrachtete ihn larrge und blieb stumm. Dann aber sagte er: „Hatten Sie mir nicht versprochen, dieses eine Mal nicht an Geld zu denken?" Lautenbach fuhr ihn wütend an: „Nicht an Geld denken? —.bei ihm, diesem, diesem - , der mich um viel..» viel gebracht hat!" (Fortsetzung jvlgt.) Gnkl Seehasrr letzter Wille. , Skizze von Fritz Leis ler. j ))dachdr»:ck verboten.) 1 Ter Aänzleibeamte Rudolf Ger hart fcutb ein.es Morgens ein dickes Schreiber: in seinem Briefkasten, das ihm so viel Mißtraue»: einflößte, daß er es an: liebsten ungelesen ins Feuer gesteckt hätte— tvenn in dem kleinen Ofen seines Dachstübchens eben ein Feuer gebrannt hätte. Ms Absender des Briefes toar rrärnlich ein Justizrat Köhler angegeben, und alles, was auch nur von ferne crit bas Gericht erinnerte, flößte ihm Angst und Schrecke» ein. seit ihm einmal sein Schnster seine goldene Uhr hatte pfänden lassen. Mithin stand es für ihn unerschütterlich fest, daß ihn: auch der Justizrat Köhler nWs Gutes zu vermeiden habe. , Dennoch las er den Brief, witfc zwar hastiger, als es sollst seine Art »var, denn es fiel ihm bei näherem Betrachteil des Poststempels plötzlich ein, daß der Justizrat ja am gleichen Ort wohne, »vie Onkel Seehase. Nun hatte Rudolf Gerhart für Onkel Seehase, obgleich er der Erbonkel der Familie war, ganz und gar nichts Übrig, seit ihm der alte Geizhals verwehrt hatte, das Konservatorium zu besuchen und sich in der Musik aus bilde!» zu lassen. Rudolf war eine Toppelwaise und ein armer Teufel, Onkel -Seehase, der Bruder seiner Mutter, wäre also wyhl der Nächst» dazu gewesen, ihn: behilflich m sein, sich eine anständige Zukunft zu schaffen, allein der griesgrämige Sonderling hatte von der Geiger« ourchaus nichts wissen wollen und hatte seinen! Neffen kurzerhand die Tür gerviesen. Rlckolf !var Kanzleischreiber. geworden, um slch dödnrch die Mittel für sein Musikstudium zu verdie-uen. Ach, das ging so langsam, so langsam! , ^, . „, . Aber jetzt, während er das justizrätluhe schreibe,r bedach-lg auf drei Fingern tanzen ließ, war plötzlich eine Alle Hoffnung in sein Herz gezogen: tvenn her Erbonkel vielleicht gestorben rväve und doch an ihn gedacht hätte? „ _ , r _ , In dem Brief stand tatsächlich, daß Onkel seehase gestorben sei, und daß der Justizrat Köhler derk Kanzleifchreiber Rudolf Gerhart aufforderte, der Tcstameutseröffmmg persönlich beizuwoh- um, gemäß dem letzten Willen des Verblichen eu. Ter junge Mann mußte lachen vor Freude, tvenn er bar«« dachte, daß er endlich seinen Lieblingsplan anssühren konnte. Onkel Seehase hatte zivar zeitlebens eine Vorliebe für Ziverg- pintscher gehabt und oft genug gedroht, er wolle sein Geld lieber einem Hundeasyl vermachen, als den „erbschleicheudcu" Berwand- ten, aber wenn er das getan hätte, brauchte er doch niennrnden ein-, zuladen, der Deftamentseröffnung beizuwobnen. Deshalb reifte Rudolf Gerhart recht guten Mutes nach Bodenhausen. Im Vorzimmer des Justizrats »var bereits die ganze Verwandtschaft versammelt, als Rudolf eintrat. Sie mühten sich alle ab, ehrliche Trauermienen zur Schau zu tragen, und warfen dem jungen Kanzleifchreiber, dem die Freude fo recht aus den Augen lachte, bitterböse Blicke zn. Blicke, aus denen man lesen konnte, wie tief sie in ihren heiligsten FamiliengefMen verletzt waren. Ta »var die Rechnnngsrätin Schulz mit ihrem Mann, die behauptete, sie sei deni guten Onkel Seehase stets am nächsten gestanden, daher dürfe sie auch sicher auf ein größeres Legat rechnen. Dem aber widersprachen energisch und mit einem erheblichen Aufwand an Tränen die lieben Nichten Till: und Milli, die für Ibsen schwärmt«! utib alle Männer für erblich belastet hielten. Sie sagten, mit ihn«: hätte sich Onkel Seehase an: liebsten lrnterhalten, und bei ihnen allein Hütte er sich „geistig erfrischt" und von dem Merger erholt, dm ihnr getvisse Musikzigeuner — das ging auf Rudolf Gerhart — gemacht hätten. Tie einzige noch lebende Schwester des Verstorbenen, die verwitweie Buchhalterin Giersberg, die an Rudolf Gerhart sozusagen Mutterstelle vertrat, ivagte schüchtern zu opponieren. Eigentlich habe sich ihr Bruder ihr gegenüber ganz anders geällßert, aber ihr solle es schließlich recht fern, »venn die beiderr „armen Dinger" recht reich bedacht werdeil rvürden in dem Testament des Onkel Seehase. Rudolf Gerhart stand an: Feilster und schaute aus die Straße Er bereute fast, hergeöoinmen zu fein, denn die Heuchelei der auf di« Erbschaft gierigeil — .„trauernden Hinterbliebenen" »rar ihm in tiefster Seele zuwider. Wahrhaftig, er selbst hatte den Onkel Seehase, diesen «vig mißtrauischen alten Hagestolz, gewiß nicht geliebt, aber daß sein Nachlaß jetzt der Habsucht falscher Ber- »vaildten ausgeliefert sein sollte, tat ihn: doch leid. Ta rväre es ihnr fast noch lieber gewesen, iuemt der ganze traut einem Hmrdeasyl vermacht worden iväre. Diese Vorstellung erweckte so viel Heiterkeit in ihm, daß er bell auflachle. Mochte das Geld, das' der Mte hinter- kaffen hatte, schließlich, zufallen, tuen: es wollte, ihm sollte es einerlei sein. Und diese Ueberzeugnng gab ihm dm ganzen Hnnwr seiner Jugend wieder. Er drehte sich ins Zinuner zurück »ind sah die tränenfeucht«: Gesichter der teuren Erben. Tiefe Grimasse»: erweckte aufs neue sein Lachen. In diesen: Augenblick trat der Justizrat ein. Verblüfft blickte er der: junger: Mensche:: an. Tante Giersberg warf den: frivolen Neffen, der drauf und dran »var, sich die gute Meinung aller anständige»: Mitnien schien zu verscherz«:, einen verzweifq kungsvollen Blick zu und flüsterte ihn: noch rasch ins Ohr, daß « doch um Gottes willen fünf Minuten ernst! bleib«: solle. Rech- rkungSrats und TM lind MM betracheten den JLnalbtS mit bebender Entrüstung. Diese Werhechuld-e so zrr entheiligen! Milli ballte sogar die Hältde mrd »varf sich arrfschluchzeud Till: in di« Arme. Ti« Testamentseröfftmug begann init der: üblicher: Füruu, lichleiten. Atemlose Spannung ließ die Erben alle Trauer Plätze lidj vergessen. Tann las der Justizrat weiter: „Ich weiß, meine teurer: Verwandten, Ihr habt mich all« sehr lieb gehabt" (die Rechmmgsrätü: schluchzte, über RudolfÄ Lippen huschte ein sarkastisches Lächeln). „Deshalb will ich Euch auch alle nach Gebühr in diesen: meinem letzten Willen bedenken." (TM imb Milli seufzten leise, aber vernehmlich: „Der gute, treue Onkel, ach, daß er so früh von hinnen mußte!") „Ich hintettaff« 80000 Marl." (Ter Rechinmrgsrat pntzte sich schrranbend die Nase. Man hörte förmlich, wie die ganze Versammlmrg den Ateru anhielt.) „Von dieser Sumrne soll«: .mein Neffe Schulz u»ü> seine Frau 20 000 Mark, meine Nicht«: Till: mtb Milli je 15 (XX) Mark, meine Schwester, Frau Giersberg, 25000 Mark erhalten. 10 000 Marl sind für verschiedene Stiftungen bestimiltt, die nachstehnch anfgezählt sind. Sollte eins oder mehrere dieser Legate abgelehnt »verden, fo sollen sie an. meiner: Neffen, Rudolf Gerhart, fallen. Tie letzten 10050 Mark sollen für ein Hnndeasyl verwandt »verden, m den: lnein Ztmrgpintfcher Fifi bis an sein Lebeuserchtz treu verpflegt werden soll." Tie glücklicher: Erben ließet! chre Taschentücher nicht vor: der: Augen und seufzten der Reihe nach, tvahrscheinlich vor Schrnerz, auf. Nur Rudolf Gerhart hatte einen Augenblick edle kleine Enttäuschung niederzutäiupfen, .aber bald brach sein Leben sfroUinr: wieder durch. Besonders als er merkte, baö die RechnungsrätiN den „süßen" Fifi auf den..Schoß nahm und ihn mit Tränen ÜÜ den Augen Mßte. Mle miteinander mühten sich krarnpfhaft, Ha Trauermienen beizubehalten, obivohl man ihnen die innerliche Freude deutlich genug ansah. Tiefe Heuchelei Mang sie, so schreckliche Gesichter zu schneiden, daß Rudolf Gerhart nochmals laut herausplatzte. Und obgleich er sich Mühe gab, seiue unzeitge»näße Fröhlichkeit zu rneistern, »nußte er doch inlmer wieder von neuen: lachen, wenn er seine Beruiandteu beobachtete. Äußerten: »nachte er gar keinen Hehl daraus, daß er sichi über des Onkels VerrnächL- nis, selbst »venn es ihm auch »roch nicht ganz sicher »var, von Her-. zer freute. Ter Justizrat räusperte sich. „Ach), »roch eine Bestimmung?" fragte der RechuunHsrat. „Ja, unb ztvar die wichtigste." entgegnete der Justizrat lmd begann zu lesen: „Tie merneu Ver»vandten ausgesetzten Legate sind jedoch nur auszuzahlen, tve»:n sich die Erben bei der Testa-, mentseröffmlng »vürdig und ehrlich — der Justizrat betont« dieses Wort — bei:eh»nen." Ein einziges lautes Ausweitteu ditEchluchzie das Ziurmer. Nritleidige Blicke erhielt Rudolf, den: sei» unsicherer Anteil »vohl nun ganz entzogen »verden rvüvde. „Derjenige." fuhr der Justizrat fort, „der es am ehrlichsten meint und alle Heuchelei verschmälst, soll »nein Unioersalerb« sein und Abffnduilgsfummeu an die Obellgenannten in Höhe von je 1000 Mark anszahlen." Tie Damen suche»! «»tautet m geräuschvolle»: Schmerzeus* äußerungeu zu überbieten. Ter Justizrat r»:»»ßte feilte Stimme erheben, um »veiler beut« lich verstanden zu »verden: „Ich erache aber den für den ehrlichsten Erbe»:, der keine heucherischen Trmreu vergießt, sondern der lacht und sich vMl Herze»: freut, daß sein alter Onkel ihm ein Paar Taler hinterlassen hat. Ties ist mein letzter Wille! Gott segne Euch, »neine lieben Bettvandten! Sollte aber keiner von Euch so ehrlich gewesen sein, »vie ich es »yünschte, soll mein Bcrinvgeu ganz den: Hundeasyl zufallen. Amen." Ter Testamentvollstrecker i-atte geendet. Mcdutzt blickten sich die Erben an, dann erhob sich ein lärmendes Durcheinander. Der tote Onkel Seehase wurde nicht gerade schmeichelhaft tituliert, ilnd der Rechnungsrat behauptete, der Onkel sei vollständig verrückt gewesen, rrnd das Testarnent »r:üsse »rngefochten »verdau. Tilli und Milli rechneten im geheimsten Winkel ihrer Herzen aus, daß Rudolf Gerljart fetzt eine „gute Partte" sei. Ter junge Mann »var ernst getvorden. Der Justizrat hatte ihn kraft Gesetzes zun: Meinerben Onkel Seehases erklärt. Er. stand am Ziel seiner Wünsche, die Zukunft, sein« künstlerLsclw Arbeit, lag fonnenbeglänzt vor ihn:. „Tas Schönste an der Sache," so pflegte Rudolf zu schließen, rvenu er diese Geschickste erzählte, „waren aber doch die langen Ge-, fickcker Millis und Tillis, bei denen sich der grtte OE Seehase stets „geistig erfrischt" hatte, und die großartige Majestät, mit der Rechnungsrats ans der Türe rauschten, »uuttem ihnen der Justizrat ihre 2000 Mark gleich ausbezahlt hatte. Hub ich wette: bei der nächster: Testaulentseröffnung — »ve»ur sie rioch ein« erlebt Haber: — haben sie sicherlich nicht fo viel Tränen und Senf« zer verbraucht." Vas Rofenkreuz als Zannenuhr. Boi» Robert Wa l t e r. Die Uhr steht im Park der klein«: Stadt Sulvalkr, »Litten m ctuern der verschlllngeuon Wege, unter Brlchen, Kastk:»lien uiw Linden. Sie ist seltsa»ner als ihre iSchrvesteru, die noch hier mrd dar 28 an alten Mrmiün oder in SWoßgärten ihr vergessenes Leben: Mren tmd anj der Zeit, die jetzt die Uhren Muters mrd Sommers verkünden, irre geworden sind. Sie ist a uch verschwiegener als diese Zeitmesserinnen, die immer, wo man ihnen begegnet, ein ernstes Wort im Münde sichren und den Menschen, der nur die Stunde wissen will, mit Worten solcher Art mahnen: „Der Tod ist dir gewiß, die Stunde ungewtß", v-der „Bon diesen Stccnden eine ist sicher auch die deine", oder die wohl gar mit der Stimme Virgils und nur zu dem gelehrten Leser sprechen: „Sttat sua cuique dies". Nein, diese merknckrdige Uhr ist stumm und gibt Rätsel auf, oder besser, sie spricht mir zw dem Phantasten., wie die meisten Tinge in unserm ach so klaren Alltag, denen der LÄ-enssinn nicht ans di« Stirn geprägt tvvrden ist. Ans einem kreisrunden, meterbveiten Steinsockel streben drei geschMingene, barocksönnige Arme aus Mußerz und tragen eine eiserne Kugel. DenW, Mensch, dies sei die Erdkugel. Wenn du fte jedoch näher betrachtest!, findest du, daß es eine Kanonenkugel ist, toas man ebenso lehrreich wie traurig nennen Mächte. Und es wird dich auch nicht sonderlich trösten, daß auf dem Stein, inmitten der Füße unter der Erdkugel, ein stilisiertes Flämmchen weht, das dir als kleine Herd- und Friedensflamme, als Feuerchen Urlicht aus der Tiefe heraus erscheinen will. Es wird dich nicht trösten, denn! der Betrachter neben dir, der Bruder Mensch, sinnt eben darüber, daß es nichts anderes als das ewige Feicer der Zwietracht unter der Erde bedeuten soll. Aus der Erde aber liegt, schräg befestigt und die Kugel in Spannenlange überragend, esu Kreuz, dessen ncassige Arme so breit wie hoch sind, und das an serrven nach oben gekehrten, Innenflächen die Stundenzahl trägt, auf denen, träfe die Sonne das Kreuz, der SckMtten von derc Kanten des Mittlern Kreuzarmes! die Tagesstunde nennen würde. Das Kreuz als Uhr; das erscheint mir als ein neues Symbol. Und doch ist es nicht nur das schlichte Kreuz«, das der: Marterpfahl darftellt. Ans seinen vier Armen und an den vier quadratischen Endflächen hält es acht Rosen. Es ist das alte Rosenkrenz, dem geheimnisvolle Kräfte eigen. ll!nd der Ergrübler des Bildwerkes —> daran setze ich Kinchr Zweifel — gehörte jener dunklen und lichtest Brüderschaft der Rvsenkvckvzer an. Welches Mück für ihn, daß er diese neue Prägung des hohen Zeichens gefunden hat! Das Njosen- kreuz als Stundenuhr! Welche innigste Berschwisterung mit dem Licht! Welche Anbetung der Sonne! Hunderte gehen des Tags dort vorüber, keinen toirst du erblicken, der stehen bleibt und mit gestreckten Fingern die Stirn reibt. Fragst du.einen: He, Freund, was bedeutet das Bildwerk, das'dir da mitten in den Weg gestellt ist, damit du, wenn auch nickst mit den Füßen, so doch mit den Gedanken darüber stolpern kannst? — er wird die Achseln zucken und seinen Weg writertreten. Aber behalte ihn tvohl im Auge. Er steht schon hinterm nächsten Baum und lugt mit der tÖPferte „Ach närrischer Mansch!" Ku dir herüber. Und der 4lchsel- zucker hat xecht. Wieviel Tinge sind nicht um nach heruutgrbaut, denkt er, deren Mutsckstag und Bestimmung ich nie ergründen will! Was sollte ich erst von meinem Leben sagen! Ist mir, nicht der Laternenpfahl, der mir mit seinem kleinen Lichtkopf zwei Minuten lang durch die Finsternis leuchtet, wichtiger als dies phantastische Gebilde, das mir mit dem stundenweis abgeteilten ewigen Licht des Himmels durch mein Leben und ms ewige Grab leuchten möchte? Und was diese Sonnenuhr angeht-. Haben die Achselzucker nicht recht? Was diese Sonnen uhr an geht, so wird man finden, daß sie, die den Gang der Sonne auf den Menscheutag abmessen wollte und urit Symbolen einer erhöhteren Wett Mseanet «scheint, hilflos d«"lüht, von Schatten um' eilt und gebannt. Drc Zweige der Linden, Kastanien und Buchen sind in den sM'chen Himmel gewachsen, der si' -einst Leg ä'zw. Und mcr^manchmal, wenn ein jäh« Wind ins Blattwerk stößt, fällt ein Sonnenstrahl aus das Kreuz mit den acht Rosen. ÄP« mutt vermag nicht mehr zu erkennen, toelche Zeit es ist. . Tie Sonnenuhr im Schatten! denkst du, ist sie denn rcicht ccn Bild dieser Tage? Gottes Sturm wird das Gszioeig nicht krcicken, was wartest du also aus den M enschen, der die Bäume fällt, damit dir die Sonne -deine StWtd-en wieder zumißst und arcch dies Wesen seiner Bestimmung zurückgeschenkt wird? Urlaub. Bon Fan. Sie saßen einarrd« gegenüber auf der grell übersonrrten Terrasse, an einem ffetttm Tische, der von Sllb« und Kristall blinkte. Seit gestern war er teuf Urlaub gekommen, nachdem sie ihn eitc langes' Jahr nicht gesehen und ihm nach der Kriegstrannng- nur wenige Tage cmgchört hatte. Ihr tvar sehr bange gewesen vor m diesem ersten Medersthen. vor dem wilden Ueberfchwang nach so langer Trennung, weil sie sich inzwischen znrückgeftutdett hatte zst der scheuen Einsamkeit ihre? Mädchenzeit, in die nur seine Briese flackernde Lichter warfen. Und mm war sie unbe^reiflicherweiss enttäuscht, als er mit müden, gemessenen Bewegungen dem Zug entstieg. Er hatte sie geküßt, zärtlich, gewiß, aber doch ohne Leiden-, schaftlichkeit, und dabei gescherzt: .Laß mich erst wieder zunc Men- ' schen werden, Liebling. Komm mir nicht zu nahe!" Sie zürnte ihm fast, well Uebectegung aus diesem Gedanke»- gang sprach und sie seine MiederseHeicssreude impulsiver gewünjW hätte. Und nüin saßen sie einander gegenüber im unbarmherziges Sonnenlicht, und sie sah in seinckn' Gesicht joden Mlonat, jödeu Täg, jede Stunde des Trerinungsjahres eingezeichnet. Mie eine Land-» karte war es, in der sich alle Striche und Linien fanden, auf denen ihre bangende Liebe ihm in' (Albanien gefolgt. Diese Falte «zählt«! von den Schrecken der Somrne, die andere, herbe, tief eircgeschnittenL am Mund von dem Grauen vor Verdun, dies Netz von seinen Strichen um die Augen von der Hölle bei Arras. Aber schlimmer als alles war, was sie hinter dein inDm Ausdruck der gleichsmni verblaßten Augerc entdeckte. Dort stand Unvergessenes, Ctviges. Die Stille wurde so qualvoll, daß sie anftng zu sprechen und —- war es Einbildung oder Wirklichkeit —die Tasse klirrte in seines Hand. Er, neben dem Dag und Nacht die Granaten eiugefchlagen, in dessen Ohr sich der Jammer und das Stöhnen der Verwiutdeten gegraben, er fuhr zusamnuekn bch dam Don ihrer Stimme.... ,,Habe ich dich erschreckt. Hans?" fragte sie und konnte nicht verhindern, daß ein leis« Vorwurf in ihrem Tonfall nachzitterte^ „Verzeih, Liebling, ich bin ein bischen nervös geworden da draußen, ich muß «st lernen, mich wieder in das alte Neue zu finden..." . i „Und tvenn du endlich sotveit bist, dann gehst bat imeder!" klagte sie. Er sah an ihr vorbei. „Dann geh' ich wieder.... wie ich ftr.it. Tie eisenharte Pflicht fordert es.- Ab« vielleicht sollte man uns nicht herauslassen aus Unserem blutigen Handwerk, für Tage.... Mr können uns in so kurzer Zeit nicht auf den ruhigen, friedlichen Alltag ein schalten^ Es hämmert mehr auf uns ein, als die tägliche »Hölle des Krieges. Wie soll ein Hirn, das übersättigt ist von Greuel und Entsetzen, so schnell fassen, daß es irgendwo in der Welt einen Platz geben kann^ zu ldem der Lärtn d« Geschütze nicht heraudringt, wo man an einem weißgedeckteu Tisch in beschaulicher Ruhe seine Mahlzeiten nimmt und einem eine geliebt« Frau gegenübersitzt in einem roeißen Kleide? Ich habe dir das sagen inüssen, damit du mich begreifst und mir o:o- zeihst, tvenn ich dir so vieles schuldig bleibe; ab« wir Männer —- auch die stärksten von uns — brauchen in solchen Stunden daheim mehr als das Wsckib und die Geliebte, die Mütter.... eine Liebe, die snicht fordert, sondern nur giebt...." Er schloß für einen Augenblick die Augen. Da faßte ihre Hand die seine, nicht suchend und heimlich werdend, sondern mit einem starken, feften Griff. Es war, als wollte sie ihm sagen: ich stehe neben dir und zu dir! Ich warte auf meine Zeit, die wiederkommeM wird, meint die Symphonie des Lebens die grause Weise des Ster- bens, die in dir llingt, übertönt liaben tvird. Er lehnte den Kops an ihre Schulter, als suche er bei ihvey starken, gütigen Weiblichkeit den so laug entbehrten Frieden, während ihre Hand leise üb« seine Augen strich, die müde tvaven von denl Schrecken ein« entfesselten, rasenden Menschheit, die sich selbst verzehrt. Büchertisch. — Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Lllera- türfreunde. (Begründet von Dr. Josef Etllinger. Hercrusgegebetk von Tr. Ernst .Hellborn.) Verlag: Egon Fleischel & Co., B«- litt W 9. Das 1. Februarheft ist soeben mit folgendem Inhalt erschienen: Julius Petersen: Fritz votc Unruh: Haus Natoner: Das Tragische und der Humor: Hans Knudsen: Das Leipzig« Städte theater; Anselma Heine: Vom Elsaß: Georg Witkowski: Goethe- Schriften — Echo der Bühnen - Echo der Zcittutgen — Kurze Anzeigen. — Die Schaubühne, Wochenschrift für Politik, Kunst Wirtschaft, herausgegeben von Siegfried Jacobsohn, enthält M der Nummer 3 ihres vierzehnten Jahrgangs: Tie politische Kinderstube, von- Germanicus. Erzberger, von Erbe. Tie drei Type« der Menschheit, von Egon Friedell. Vom rechten Weg, von Htmo Bergmann. Wilhelm -Schäf«, von Leopold Ziegl« (Schluß). Wien« Theater, von Alfred Polgar. Strindberg-Äufftth-vungeNi, von S. I. Inschriften, von Karl Kraus. Der nette Ralhmm^ von Lorarius. Antworlett. Kapselrätsel. k'renäsukest, Emma, Ohrnnaehtsanfaü, Niel.tsWürdigkeit; Neunaug«, Argentinien, As -henbrödel. Sohcnkol. Es ist ein Sinnsvruch zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern ohne Rücksicht aus deren Silbenteiluug. (Auflösung in nächster Nummer.) Auslösung des Quadrat-Stellrälsels in voriger Nummer. Alt er» chü tzt Tor Tor hei tu» cht Schrtstleirung'. W. Meyer. — Zwillingsrunddruck der Brüh loschen Nn v.-Bnch- und Steindrückerei. !/!. Lange, Gießen.