- Die Radier. Roman von Herrnann Wagner. Fortsetzung.) Er errötete, weil er jetzt gezwungen war, ihr seine Verhältnisse zahlenmäßig klarzulegen. Er wußte, daß ihr, die selbst ein großes Vermögen besaß, Geld nicht imponierte. Urn so stolzer machte es ihn jetzt, daß er ihr zeigen konnte, auf wie festen Füßen er stand. Noch, nie war zwischen ihnen vom Geld die Rede genresen. Sie brachen aus, um nach der Fabrik hinausznfahren. Der Wagen durchquerte die Straßen, bahnte sich bald einen Weg durch wimmelnde Menschenmasseu und ratternde Fuhrwerke aller Art, bog wieder in enge Nebengassen ein, in denen vornehme Häuser still träumten, ließ prunkvolle Paläste ebenso gleichgültig hinter sich wie die kahlen, hohen Mietskasernen der Arbeiterviertel, sah in den Laubenkolonien lustige Fähnchen flattern und hielt schließlich, seinen Laus mit verblassendem und dann jäh sterbendem Geräusch, und ohne ermüdet zu sein ei?!stellend, vor einer» großen Fabrikgebäude, in dessen blinden Fenstern sich die Sonne spiegelte. Im Fabrikkontor begrüßte Lucie zunächst der neue Direktor, ein noch junger Mann, dessen Umgangs formen jene verhaltene, spröde Eleganz gilt erzogener Menschen eigen war, die sie liebte. Sie dankte ihm mit ein paar freundlichen Worten mw bat ihn, sich dem Rundzang durch die Fabrik anzuschließen. Die Beamten erröteten alle, sobald Lucie sie ansah oder cnrsprach, und in ihren Verbeugungen und in ihren gestammelten Antworten war viel des Ungeschickten und Lächerlichen, so, als drücke der Anblick der schönen jungen Frau ihre Demut ebenso herab, wie sie ihren Stolz darüber, daß sie sie sehen durften, steigerte. . Der Direktor erwies sich bei seinen Erklärungen nicht als ein nüchterner Fachmensch, der langweilte, sondern als ein scharmanter Plauderer, dem es gelang. Trockenes interessant urrd dennoch verständlich zu machorr und Zahlen einen Hauch von Leben einzuhauchen, und Lucie lvar dankbar genug, ihm aufmerksam zu folgen. Lucie entzückte alle, die sie sahen, wohingegen es zu werken war, daß Reisner, der neue Chef, es noch nicht verstanden hatte, sich die Sympathien der Leute zu erwerben, denn man begegnete ihm überall mit einer Höflichkeit, der ein gut Teil Zwang und Furcht beigemischt war. Selbst der Direktor verhielt sich ihm gegenüber leis zurückhaltend, wenn such in einer Form, die Ueberlegenheit genug befaß, es kaum zn zeigen. Er tvar ein Mann der verbindlichen und beherrschten Geste, während Reisner dort, wo er zu befehlen hatte, starr Mid finster war und jene bewußte Wortkargheit zeigte, die Feinde, ebenso wenig fürchtete, wie sie Freunde wünschte. Seine Haltung war die eines ewig defensiven Kämpfers, der doch, um einem etwaigen Schlag zuvorzukommen, immer bereit ist, anzugreisen. Lucie entging das nicht und sie stellte auf der Heimfahrt ihren Mann dieserhalb zur Rede: „Du kennst noch nicht die beste und leichteste Art, die Menschen zu nehmen. Man soll ihnen mißtrauen, ja, aber man soll es ihnen rächt zeigen. Denn ein Mißtrauen, das im vorhinein da ist, ruft oft Angriffe, die nie erfolgt lvären, hervor. Man soll die Menschen mit einem spielenden Läch.eln überwinden, das um Verzeihung zu bitten scheint. Dann entgeht man ihrem Hatz." „Das liegt im Blut," entgegnete Reisner, „man kann es oder man kann es nicht." „Man lernt es auch," schmeichelte sie, „und ich werde es dich lehren." Der Einzug in ihr Heim gestaltete sich ebenso phrafeu- uüd prunklos, wie der ganze Tag verlaufen war. Sie trafen ein und waren da, das war alles.- Prokop machte seine stumme Verbeugung so wie immer, nur daß er sich jetzt nach zwei Seiten hin verbeugte. Allem die weiblicher: Bediensteten hielten es für angebracht, ein Besonderes zu tun, doch Lucie schnitt ihrer feierlichen Begrüßung lachend das Wort ab, indem sie erklärte, sie habe Hunger und fragte, ob es etwas Eßbares gebe. Sie begaben sich in das Speisezimmer, für dessen Tisch man die Rasenstücke im Garten geplündert hatte. Der Duft der Blumen hatte etwas Schwül-Kaltes, doch ging ein starker Reiz von ihren Farben aus, die in ihrer Schattier rung vom blässesten Weiß bis zum dunkelsten Rot ein Bild erstarrter urrd unbefleckter Schönheit gaben. Prokop bediente, und es machte den Eindruck, als ob er, der bislang .immer innr Herren, .das Dasein bequemer gemacht hatte, seinen Ehrgeiz darein setze, auch eine Dame zusrieden- zustellen, was ihm auch vollauf gelang. „Das ist ein Mensch, um den ich. dich beneide," sagte Lucie, „denn es wird mir nie gelingen, ihn ans meine Seite zu ziehen." „Ich hoffe es," erwiderte Reisner, und sein Scherz hatte diesmal eine kaum merkliche Beimischung von Ernst. Das Mahl war einfache aber es mundete, weil es bei ihm darauf aukam, wirklich zn essen und nicht bloß zu kosten. Ms Tischgetränk gab es alten Rheinwein, rnit dem sich Reisner den Keller gefüllt hatte, seit er es in Tirol gelernt hatte, zu. trinken. . Sein Duft vermengte sich mit dem der Rosen und nahm auch die Würze an, die die reine Nachtluft durch die offenen Fenster hereinwehte: den süßen Geruch der draußen vor dem Hause blühenden Linden. „Ist es wahr, waren wir im Mai lvirklich rroch unter Fremden," sagte Reisner, „unter Menschen, die uns gleichgültig waren uub die uns höchstens interessierten, wenn wir sahen, tvie ungeschickt sie uns bestahlen-" , „Wir werden es wieder sein," antwortete Lucio, „läng- 14 stens in einem Jahr, wenn unsere Nerven wieder nach liefen Menschen schreien werden, die, wenn sie uns bestehlen, uns immerhin ein Vergnügen machen, das beruhigt, wer!, e» belustigt." Reisner führte Lucie in ihr Zimmer. eine war darin. ^^ , Die Vorhänge ließen das Licht nur gedampft herem. Mer auch das künstliche Licht konnte man dermaßen abschwächen, daß das Zimmer nur von einem fahlen Schimmer überhaucht war, denn es gab einen Leuchtrorper, deZen Kirne, versteckt und wie gefangen, von dickem blauen Glas umgeben war. Dieses Licht schalteten sie jetzt ein. Lucie streckte sich auf der Ottomane aus, stützte den Kops in die Hand uno hieß ihren Mann sich neben sie setzen: „Komm, erkläre mir jetzt deine Liebe." Es schien, als ob ihni dieser Ton zu dieser Stunde nicht recht gefalle, und er antwortete mit einem nervösen Beben in der Stimme: „Dein Sinn ist — auch jetzt —noch so... leicht?" . . Sie nickte. „Leicht und heiter, — und soll er es nicht st> bleiben?" Er umfaßte sie und flüsterte ihr Worte zu, dre erkennen ließen, welch geheime Bangigkeit in ihm war: „Liebst du mich? Wirst du mich jemals lieben?" „Sich mich an!" sagte sie einfach. ^ r Er versuchte es, in ihren Augen zu lesen, deren Ruhe so groß und fest war, daß sie nicht erschüttert werben konnte, —. nie und durch nichts, dachte er m ircy. „Ich bewundere dich," sagte er. . , „Dettkst dtt an die Vergangenhell'?" Mgre ste ryn. „Ich muß an sie denken, — sie verfolgt mich, — manchmal, — und gerade jetzt,... wo ich am Ziel bin!" „Am Anfang," verbesserte sie ihn, ,chenn nur am Anfang bist du, und du mußt bewerfen, daß du stark genug bist, auch an das Ziel zu kommen." „Was ist das Ziel?" . „Wir haben ein gleiches Ziel: das, was wrr ichuldrg geworden sind, zu bezahlen ... Das ist unser Ziel!" „Was wir schuldig geworden sind — ?" Sie streichelte ihn mit einem zärtlichen Ernst. „Dav, was du die Vergangenheit nennst, ist nichts anderes als der Wechsel, der: wir auf die Zukunft gezogen haben und den wir einlösen müssen... Wir haben Böses getan, ja, — jetzt müssen wir beweisen, daß wir das Recht hatten, dieses Böse zu tttn!" „Welches Recht?" fragte er. „Das der SelbfterHaltung," antlvortete fie, „denn der, der tüchtig ist, darf leben!" „Auch auf Kosten der anderen?" „Wir leben immer und alle auf Kosten der anderen, wrr leben immer gegen die anderen, —- t die auch niemals zögern, gegen uns zu leben, wenn sie die Stärkeren sind... Ja, darauf kommt es an: starr zu sein!" Reisner schwieg und versuchte es, sich an den Pfahl, den sie vor ihn hin in die Erde gerammt hatte, anzulehnen, ihn zu umfassen, — ihn, der stark Und groß war und der für alle Ewigkeit gemacht f chien. Sich so anlehnerrd, fühlte er mit einem Mal, wie ruhig er wurde, wie eine weiche Zuversicht in sein leeres Herz ein- mq, die es warm und hell machte, sehnsüchtig und glücklich, — ja, auch glücklich! „Du findest Worte," sagte er, „die ich nie gefunden hätte, in dir ist alles klar, was in mir nur dumpf liegt, — ja, das schon immer in mir gelegen hat... Ich danke dir!" „Kennst du jetzt dein Ziel?" fragte sie ihn. „Mein Ziel ist deine Liebe," antwortete er leise, „die ich erringen werde, wenn du siehst, daß ich der geworden bin, zu dem du mich machen möchtest?" „Ja," stimmte sie freudig zu. „Du, — du bist meine Hilfe!" „Sagte ich dir das nicht schon einmal?" fragte sie. „Ja, ja..." „Meine Liebe zu dir ist da, — sie ist eine junge Pflanze, die wachsen will, — und die nur wachsen kann und blühen wird, wenn, — wenn... du sie pflegst!" „Ja," sagte er glücklich. „Kannst du nun an meine Lrebe grauben?" „Ja, ja," ries er leise aus. „Darm kannst du auch an dich glauben, — und das gerade ist es, was ich will!" Das blaue Licht im Zimmer verwischte die Umrisse aller Gegenstände, verwischte ihre Formen und machte sie zu einem Toten, in das ein Traum, ein stiller Traum, ein verlangendes Leben gehaucht hatte. Irgendwo tickte dünn eine Uhr, und das hob die große Stille, die um si^ war, noch mehr hervor, machte sie zu einem tiefen Wasser, das sie süß anzog und dessen grundloser Tiefe sie sich verlangend Hingaben, bereit, in ihr den bebenden Schlaf des Glücks zu tun. Er nahm sie in seine Arme: „Ich! liebe dich, und ich fürchte nichts... nichts mehr!" „Was hast du gefürchtet?"' fragte sie zärtlich. „Den anderen," sagte er leise, „den, — den... in der Ferne!" „Behrens — ?" „Ja..." „Gerade heute, gerade jetzt?" „Gerade heute, ja, — gerade jetzt." Er lachte leise, und die Stille um sie nahm dies Lachen auf, und der Schimmer der blassen Dämmerung legte sich darum, so daß es starb, — so leise, so kaum merkliche, wie es gekommen war. Und er erzählte ihr von dem Brief, den er am Morgen erhalten hatte. „Wird er sich rächen ?' fragte er. „Kann er es überhaupt, — und wann?" „Ja, noch neun Jahre trennen uns von ihm, — noch neun Jahre..." Das war eine Zeit, die so endlos schien, daß es wie eine Unmöglichkeit anmutete, daß sie überhaupt jemals kommen könnte! „Und wenn," sagte sie, „was kann er tun?" Ja, was könnte er tun?! Er fand dann die Dir:ge, wie andere Menschen sie auch finden: grausam, hart, und er hatte sich mit ihnen abzufinden, wie sich alle Menschen mit ihnen absurden mußten: in Resignation..., denn er war der Schwächere! „Hassest du ihn?" fragte er. „Nein, im Gegenteil, — er lockt mich... Ja, irgend etwas in ihm lockt mich an, — ich weiß nicht, was es ist, nrtb wieso es kommt, — vielleicht so, wie einen der Schmerz, den man einem andern bereiten muß, — ja, muß!... immer irgendwie süß reizt und lockt..." Ihre Worte erstarben in einem Seufzer, denn sie spürte seine Küsse, sie spürte sein Verlangen urrd seine Demut... Neun Jahre, ging es ihm noch einmal durch den Kopf, neun lange Jahre...! „Ich liebe dich," sagte er, mit bebenden Fingern ihr Haar auflöse ud, „du bist meine Frau!" Sie lächelte schmachtend. „Ja, deine Frau..." 17. Kapitel. Im Jahre darauf, im Mai, wurde Reisner ein Mädchen geboren. In den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft war mit Lucie eine auffallende Veränderung vor sich gegangen. Sie, die körperlich aufgeblüht war, schien seelisch unter Aengsten zu leiden, war tief niedergeschlagen und konnte oft tagelang m ihrem Zimmer sitzen, Gedanken hingogeben, die sie quälten oder tief niederdrückten. Der Arzt, den Reisner zu Rate zog, machte eine Geste, die die Bedeutungslosigkeit aller Befürchtungen dartun sollte, und sagte: „Unsinn! Das ist das Kind!" „Wer viele macht doch gerade das zu erwartende Kind froh!" wandte Reisner ein. „Es macht sie froh und traurig, je nach dem, immer verändert es sie, wie sich ja jede Frau in einem solchen Zustand, immer verändert." Es kamen aber auch Tage, wo Lucie das Bedürfnis empfand, sich an ihren Ma.un anznschmiegen, wie um bei ihnr eine Hilfe gegen etwas zu suchen, das ihr drohte. , Was war es? „Ich fürchte mich jetzt zuweilen," sagte sie, „ach, ich fürchte mich so schrecklich!" Und als ihr Mann meinte, daß es die bevorstehende Entbindung sei, vor der sie sich ängstigte, schüttelte sie den Kopf. „Das ist es nicht, das läßt mich kalt, darauf freue ich mich vielmehr, denn es wird die Erlösung sein, denke ich!... 15 Nein, jetz ist etwas anderes. Etwas Unbestimmtes, für das es keine Worte gibt! . . . Ach, mir ist so bang!" Er war an solchen Tagen beständig um sie, obwohl ihm die Fabrik kaum noch Zeit ließ, Atem zu schöpfen. Aber einmal glaubte sie, eine Erklärung gefunden zu haben, die Erklärung dafür, was es war, das sie so lähmte. „Es sind die Fesseln, die ich trage," sagte sie zu ihrem Mann, „die Fesseln der Mutterschaft, die der Mann der Frau auferlegt und mit denen er sie wehrlos und seinem Willen unter- „Wenn das Fesseln sind, dann binden sie beide Teile, den Mann und die Frau," entgegnete Reisner, „sie binden beide so fest zusammen, daß sie unlöslich werden." „Das wäre richtig, wenn der Frau dann noch, etwas bliebe außer ihrem Kind. Aber das Kind ist dann ihr alles, ihr Leben, denn sie ist Mutter, während der Mann neben dem Kind no(ch ^echt viel hat, woran er hängt . . . Für die Mutter ist das Kind das Ausschließliche und Große." „Das, wovon wir einmal sprachen?" fragte er. Sie wurde rot und sah versonnen vor sich hin: „Vielleicht..." Gegen Ende Mai trat dann das Ereignis ein, das erwartet wurde, und gegen abend schrie die Stimme eines winzigen Kindleins durch das Haus. (Fortsetzung sotgt.) Zur wlttm Ratze. Von (ö 1 . S che d e-Helle r. Was das friedliche Cafe in dem Weinen Nest in Nordfrankreich mit einer wilden Katze gemein hatte, wußte keiner der Feldgrauen, die dort der Küche der alten, Margot alle Ehre machten. Dickst unter dem grauen Dach,, auf dem der Straße zugekehrten Giebelfeld prangte in grellen Farben, denen Sturm« und .Sonne scheinbad nichts hatten anhaben können, eine wilde, zum Sprung bereite, Katze, und darüber in einem flammenden Bogen der Name des Wirtshauses: „Au chat sauvage". Ms die ersten deutschen Soldaten nach der Einnahme des Ortes in dem Hjruse O'uartier machen wollten, erschien ihnen das drohende Tier wie ein. böses Omen, das M Vorsicht und Mißtrauen mahnte. Aber es ließ, sich nichts Verdächtiges finden. Alles war freundlich und hell, der von Rlosstn duftende Sommergarten, die! Gaststube mit den Keinen Tischen und weißen Mullgardinen, die behäbige Margot in ihrer Spitzenhaube — blauen Schürze, die es mit den berichmtesten französischen ,,cordonsbleus" aufnehmen konnte. Mährend sie, die erfahrene Köchin, alle rnateriellen Wünsche der Feldgrauen zu befriedigen suchte, sorgte Jeannette, die l 4 jährige Tochter des Besitzers, für ihre geistige Unterhaltung und trug ihnen alle Abende auf ihrem Harmonium ihre schönsten Lieder vor. So lief das Räderwerk, ohne Au knarren, obwohl Jeannettes Vater seit der Mobilmachung im Felde stand und eine schwere Krankheit den Großvater ans .Bett gefesselt hielt. Ueber das wilde Tier ans dem Giebelfeld wurde nur noch gelacht, der „chat sauoage" bildete seit bald einem Jahr die beliebteste und fröhlichste Soldaten-- kneipe. An einem Jnlitage sogen neue Truppen in das französische Städtchen ein. Am andern Morgen erschien vor dem Gasthaus eine Patrouille! mit dem Befehl, das Haus von,oben bis unten untersuchen, zu lassen. Es war der Heeresleitung ausgefallen, daß der Feind auch dieses Mal wieder von der Truppeuverschie'bmtg Kunde erhalten und entsprechende Maßregeln getroffen hatte, und der Hauptnrann hatte seinen! tüchttgen Leutnant, einem jungen Philologen, den Auftrag gegeben, das Spionennest aus'zustöbern. Der Gegensatz zwischen dem drohend fauchenden Tier über der Eingangstür und dem gutmütig-runden Gesicht der allen Margot ans'der Schwelle war so drastisch-komisch, daß der Offizier ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Dann aber wurde gründlich^ Arbeit verrichtet. Nicht einmal vor dem, Zimmer des schwerkranken Mannes machte Leutnant Huber Halt. , . ^ . Eine dumpfe, von Arzneien durchsättigte Lust schlug ihm beim Eintritt entgegen. Regungslos, mit seltsam blutleerem Gesicht, nt dem nur die fieberhaft funkelnden Atugen unter den buschigen- Braunen zu leben schienen, lag der Mte im Bett. Es war etwas m ihm, vielleicht der Mick, vielleicht das.struppige Haar und der verworrene Bart, das Leutnant Huber an die wilde Katze im Giebelfeld erinnerte. 1 1 ., ' . . , Der Kranke suchte sich mühsam aufzurichten. „Je fürs tont ß votre service, Monsieur", sagte er höflich; aber man sah, wie s chwer sich die Worte von seiner Zunge lösten. Nun erst bemerkte Huber die Hilflosigkeit des Mannes und die großen, verängstigten Augen des halbwüchsigen Mädchens, das sich wie ein scheues Vögelchen ans Krankenbett drückte. Er ließ sich von Margot Schränke und^'Schubfächer öffnen, stellte einige .Fragen, aus denen er erfuhr, daß der Mte, der Begründer des '„chat sauvage", seit Jähvcn gelähmt war, und zog sich dann zurück. Von einem Spßonennest konnte nt dem ganzen Städtchen nichts entdeckt werden, undsder Hanptmann mußte wohl oder übel annehmgn, haß derWind auf andere Weise Erkundigung einzvg. ^ i , . „ _ Huber mietete sich in etner Parterresvohnnng, neben dem Gasthaus, ein 'Zimmer smit dem Blich auf die Gärten, und lachend stackste er, ob vielleicht drüben unter den Rosenhecken der böse „chat sauvage i schleiche Am Abend in der Gaststube, als blaue und' rote Latnpions von der Decke hingen, Uh! er Jfiannette wieder. Sie trug ein werßeA Kleid und eine Mandoline mit vielen flatternden bunden Bändern.- Sie sang mit ihrem dünnen Kinderstimmchen. sin gebrochenen! Deutsch die Wacht am .Rhein und sogar Deutschland, Deutschland« über alles. Die Soldaten klatschten laut Beifall und spendetkA gern, als sie den Zinnteller herumreichte, ihre Nickelstücke. Huber legte einen Franken aus die Platte. Das Mädchen tat ihm leid. Es tvrr etwas so seltsam Q.ualpolles und völlig Unbeteiligtes in dem schmalen Cichichjl. Der Blick schien wie erlosUft und nur in Furcht und Sorge aufftackern zu können. Er fühlte instinktiv, daß hier etwas nicht stimmte, und daß Margots Erklärung, Jeannette sei seit einer Gehirnentzündung nie nrehr gantz normal geworden, nicht der einzige Grund für das scheue Wesen des Mädchens sein konnte. . ^ ^ ^ ' Eines Morgens sah er sie m aller .Frühe Strauße für Me Gaststube aus Rosen und Rosrnarm binden. Sie trällerte ein altfranzösisches Kinderlied vor sich hin: , t , J'ai deseendu dans le javdin. Pour tz cuetllir du routartn Zum ersten Mäl war etwas MMich-Fröhliches mt ihr. „Jeannette! Huber war an den Zaun getreten und winkte sie 51t sich heran «ie »sschrak wie ein geängstetes Wild Oisammen.-und schien ms .Haus flüchten zu wollen. „Brauchst dich nich>t zu fürchten'/, meinte Huber mit einem gütigen Lächeln Mid fragte dann — immer 11t ihre« Muttersprache — von wchu sie das schöne Lieid vom „rourarm ' gelernt hätte und ob sie die Mumm gern hätte., / r . Stockend erzählte sie von ihrem Vater, der ste all die chamons mnv das Mandolinenspiel gelchrt und all biüe Blumpn un Garten gepflanzt hatte. „Du hattest einen lieben Papa!" Sre strahlte. Auf einen Augenblick war das Wilde, Verängstigte von ihr-abgefallen. Der Blick wurde frei und vertrauend. „Er wird siches wiederkommen," meinte Huber, „bis dahin haß Dn ja Margot und den grand-papa." . „ „ _ . , , ,, Sofort wurde das Gesicht, das sich eben erst ausgehellt hatte, wieder finster und verschlossen. Das siel Huber auf, mb er fragte: Hast du auch Margot recht lieb?" Ganz leise und rasch antwortete das Mädchen : „Papp hatte sie entlassen; aber als er fort war, hot Großvater sie gleich wieder tzu sich! genommen."' Dann aber, als reuq es sie schon, so viel gesprochen M (haben, schloß Jieannette wie em, Einige Tage darauf, als sre wieder,rm Garten stand, zetgte chr Huber zwei schöne bunte« Haarbänder, die er ihr aus der Stadt mit- gebracht hatte. Damit war die verängstigte Weine Seele wieder, zahm oeworden Offener und freier als das!M!al zuvor sprach sie mit dem! Offizier. Er erfuhr aus ihren Worten, daß der Großvater ihr drd deutschen Lieder beigebracht Md ihr befohlen hatte,, ste zu fingen. Mais papa ne serait Pas content", meinte fie, Huber drang nicht! weiter aus sie ein. Es war ihm jetzt klar, daß sie tu einer ständigen, Furcht vor Margot und dem Großpater lebte, und daß sre gezwungen war, ihnen zu gehorchen. Noich «nt Weilchen Plauderten! sie zusammen. Da eptönte plötzlich vom Tachsenster her em.Psisf, der Jeannette wie Gsisinlaub erzittern ließt „Gpand-pöre sagte sie nur und raunte ins Haus. < Am Abend traf er sie wieder vor her Gaststube. Ste hatte das weiße Kleid und die Mandoline. Wer das Gesicht war ganz schmal und verweint. „Hat Großvater gescholten?" fragte er und strich, mtt der Hand über den dunklen Scheitel,.. Die dicken Dochten rollten ubeo ihre Backen, als ste die Liebkosung verspürte. „Er hat mich geschlagen"- sagte fie zitternd. Neckend, um sre auszumuntern, meinte Huber, sie sei wohl unartig gewesen., Enten Augenblick zögerte das Mädchen. Dann meinte sie rasch,, wie nach Befreiung ringend, der Großvater habe von seinemaus gesehen, wie sie mit deni Offizier gesprochen habe, und das habe er ihr doch immer verboten. ^ ,, . Huber war an dem Abend sehr nachdenklich geworden. Ihm war, als laste hier irgendein Geheintnis, das er lüften mußte. Was für ein seltsamer Mann der Großvater war. Etn Schwerkranker, der seine Enkelin schlug. Gn GhauviiM der ihr verbot, mit einem deutschen Soldaten hu reden, und ihr dennoch befahl, um des Geldes willen die Wacht am.' Khesir izjn singen. Wieder mußte! er an die tvilde Katze «ausf hem GMelseld denken, und er nahnt sich vor, jetzt auf seiner Hut Uu sein. 'Mein Mißtrauen ttwltte .nichh wieder einschlafen, und er beobachtete jetzt auchvdie alte KvMn, von der Jeaunette, die ganz zutraulich geworden war, ihm erzähl^ daß sie den Großvater alles sage Md ihn Nickst leiden könne. L 9 fiel ihm jetzt aus, daß sie das Deutsch sehr gut beherrsche und durch geschickte Frageti, scheinbar nur aus Teilnahme und Gttte, sich alles mögliche von den Soldaten erzählen ließ., Q . Dann aber kam eine Zeit, tvo der Dienst alle Kräfte des Leutnants in Anspruch uahni und er all seine unklaren Befürchtungen^ als Hirngespinste bezeichnete. Die Heeresleitung hatte den Befehl gegeben, vom Feind .unbemerkt, ganz unauffällig das, Gros dey Truppen ans dem Städtchen zurückzuzichen und nur geringe Strafte dort zu lassen. Huber hatte Order 'erhalten, Mrückzublerben. Den 16 ganzen Dag lurdb ohne jede Stockung vollzog sich der Wtvansport von Soldaten und Munition. Spät abends, als sich der Leutnant völlig erschöpft z,ur Ruhe begeben wollte, hörte er es vom Garten her an seinen Laden klopfen. Es war Jtrmnette, die bleich vor Erregung Einlaß begehrte. „Sind Sie lischt fort?" fragte.sie, und es war, als schnüre die Angst ihr die Kehle zusammen. Er scherzte: „Bist Du nicht froh, daß ich hierbleibe?" Sie aber flehte: „Gehen Sie fort, wie die anderen Soldaten - - sonst müssen Sie sterben — und Sie sirrd doch so gut zu mir gewesen !" Ihr Atem flog. Sie Zitterte an allen Gliedern. Er fuhr liebkosend über ihren dunklen Scheitel. Da schluchzte sie ans, und in jäh ausbrechender Leidenschaft umschlang sie ieirt? Knie. Wie lang verhaltenes Hochwasser stürzten die Worte aus ihrem Wund. We hatte an grand-papas TÄr gehorcht, wall sie sich ärgerte, daß er und Mftrgot sie immer hürausschicktün, ivenn sie etwas zu derÄdsn hatte«.. Mrd cha Hove sie ganz derftlich Großspapa! lachen und sagen hören: „9hm haben wir fte in der Palle, die Pruffiens, auch Jeannettes schönen Offtzier. Morgan um die Zeit sind sie ,tout Worts'." llnd dann hatte er aus dein Bett einen! Kasten herausgeholt und hin ein gesprochen und alles erzählt, was am Tage geschahen war. „Einen Kasten hervorgeholt?" Huber tvar jäh ausgesvrilngen. Wie ein Schlag Hatte das iWort gewirkt. Hlles war ihm blitzschnell Kar geworden. Der Wte oben toar ein Spwn, und durch sein Bett lies eine Delephonlertumg^ Darum die 'Krankheit. Darum die Mßft Handlung des Kindetz, das kein Mitwisser sein durste. Darum Margots ■gute Küche, und um jeden Berdachit ferM'uhalterl, die deutschen Vaterlandsliedei') die J>eannette hatte singen müssen^ Mss hatte die wilde Katze auf dem Giebelfelde doch recht behalten. Mer sie ivar nur ein Symbol. Oben unter dem Dache hauste der wirkliche „chat sauvage". Nun galt es zu handeln. Jede Verzögerung konnte Tausenden von tapferen Soldaten das Leben kosten. Mit erneut Ruck löstd er des Mädchens Hände. „Ich danke Dir, Jean- nette, Du hast mich und viele vorm Tode bervahrt." Er streichelte sie noch einmal, empfahl ihr, ganz still in seiner Wohnung zu bleiben. ^ Daun stürmte er hinaus, bis zum Tachzimmer des Großvaters. Die Tür war verschlossen, aber er hob sie aus den Angeln, als sei sie aus Pappe gewesen. „Spion — 'im) ist dein Telephon?" schrie er den Alten an. Mit Blitzesschnelle, wirklich einer wilden Katze gleich, schoß der Wte in die Höhe, um dem Offizier einen Schlag zu versetzen. „Damms Pruhften", käuchte «r. Wer Huber ivar auf seiner Hut. Er hielt den Revolver schußbereit. Die Waffe entlud sich, und wie eine schwere Masse stürzte der Mte zu Bv'den. Noch erst Mick tödlichen Hasses — ein kurzes Röcheln, und der chat^sauvage, der so lange hier gehaust hatte, konnte keinem deutschen Soldaten: mehr gefährlich werden.ft . . Der heiße Kampf am anderen Mvrgen endete mtt eurem vollen Sieg der deutschen Truppen. Ws das schtv-ece Ringen vorüber war, drängte es Huber mit Gewalt durch die verschütteten rmd ausgerissenen Straßen nach dem Haus, wo er Mar:nette zurückgelassen hatte. * ' . r r ,„,. Eine Granate hatte die Giebelseite des Gasthauses^ bepcharngt und die ünlde Katze mit dem ftammeitbait Bogen zerstört. Unten, aber im Garten rmter den Rosen- und RvsnmriusträuchMr lag Jeani'ette wie aus einern Mmnenbett. Sie lächelte und hielt noch in der Hand dem Strauß, den sie für Huber hatte pflücken wollen? Keine Berivnndrmg war an ihr zu sehen. Nur an der 'schläft ein Deiner Riß,, so, als habe die wilde Katze vor dem Zrasammenbrecheni das Mädchen noch leise lmit fernen vergifteten Krallen berühmt. Zn der Heimat, in der Heimat.. . Mm Walter Jensen (Bzfw.). Es war schon spät in der Nacht, als ich heimAmr. KleiW-Jutta War längst Wasen gegangen, und mm staird ich vor ihrem Bällchen, wie Gläubige vor einem Wunder stehen mögen. Ter LW- stvahl, dm ^durch den Türspalt ins dnn'kle Zimmer fiel, traf gerade das Gesichtchen. Und so fest hatte ich mir porgenommm, die Kleine nicht aus ihrem Kinderschlummer aufzuwecken! Aber wie von einein Magnet fcnnsbeit meine Finger zu den mutwilligen Riugelhaaren hin gezogen, dann strichen sie über die runden Bäckchen —• M, und schließlich — als Vater ratet dreijährigen Tochter durste ich dochnicht dulden, daß so ein großes Kind noch mit hem Däumchen int Mund schlief, und da zog ' ich ihr ganz sacht das Händchen von dein Engels'köpsckM Da stMhlten auf einnlal zwei Lichter auf und löschten wieder für einen Augenblick, dann blinzelten sie ein wenig, wurden gwh Und größer, und dann jubelte ss in hÄlem Kinderjrchel: „D«r Vater is Vmnmen, der Vater is kommen!" Und dann quirltest und wwsselten Bernchen, Arme, Mssen, Decken im Uebermut durch- eiMmder, und als alles ein richtiger Gnllasch war,^ fänden sich Mmähltch die zchantmeirgehBrigeir Glieder wreder znsamnren und krabbelten mir auf den Arm. Zwei weiche, Aermchm umschlangen, meinen Nacken. Wir haben da draußen ja ganz vergessen, wie weich.so ein Paar Kmderarm« sind!) Und ein schlafrotes, heißeS Bäckcben schmiegte sich an mein« unrasierte Wange. Tann surg ein Plappermäulchsn M plappern an: , Väter, hasch jetzt imnrey Urlaub? Is jetz kein Krieg mehr? Bleibsch jetz üei.m Kind?" Ohne weitere Antwort abziürarten, hielt es die Deine Dame im Nachthemd nun für nötig, nrich mit den neuesten Erscheinungen: der Weltliteratur vertwrut W machen, zum Beispiel lernte ich chm dieser Gelegenheit „Rotkäppchen", „Tvrnrösckxn" rmd „Aschen^ puttel" kennen und Witzen. Dann hieß es wieder: „Vater, hasch 'm Kaiser jetz geschriebe, daß Sein Krieg mehr sein soll?" — „Kind, da rann kein Kaiser und kein Körrig und kein Schutzmann was dran machen!" — „Na, aber doch der liebe.Gott?" — „Wärt weiß?" — „Sag d-ftS ihm doch mal, Vater! Ich hab's ihm schost so oft gesagt!"-- Das Däunrchen war dem Mäulchen ivieder bedenklich nahe gekommen: Nm, ran, ran, nM, „Aber Kind!" So groß und noch DairnreÄutschm!" — „Baterle, mein Bettchen is jetz immer trocken! Wer habe's dir als g'schriebe! — Nm» nm, nm jram Ich krieg als e W, ioenn ich brav bin —--Nm, um — -- ’S löst' jetz pfümstlndpfterzig Pferrnig . . . Nm, nm, nm, nm. . ." Ta waren die Lichter wrädec erloschen. Ich stand lange mtd staunte.-- ,Lst unser Kind so recht? Lieber!", sagte rare liebe Stimme. Und meine Küsse boleu L trm 'Vertzechung, daß ich über dem Kindeswunder das Wunder der Mutter vergessen hatte. Und wieder hingen zwei weiche Arme an nvebtenr Nacken. Und das Mut sang die wundersame, süßmehe Weift der Se^r- hicht, die so alt ist wie dieser Erdball, der heute vorn Lärm unserer Waffen toider hallt, urtd poch viel älter. VSchrrtisch. — Das' literaris che Echo. Halbmonatsschrift für Lite- raturfveunde. sBenründet von Dr. Joses Ettlinger. Herausgegebest von Dr. Ernst Heflbvrn.) Verlag: Egon Fleifchei 6c Co., Berlar W 9. Das 2, Januarheft ist >oeben mit folgerndem Inhalt erschienen: Egon Erwin Kisch: Wesen des Reporters: H. W. Kleim: Eur Bekenntnis junger Kunst' Will SckMer: Stefan Georges Wort zum Weltkrieg: Alfred Biese: Storm und Heyse: Julrus Bad: Deutsche Kriegslyrik von heute IX. — Echo der Bühnen. — Echo der Zeitungen. — Echo der Zeitschriften. — Echo des Auslandes. — Kürze Anzeigen. Gießerrer Hausfrauen-Berein. Koch anweisnn gen. Weiße Rüben» oder Bodenkohlrabenrand. Drei Pfund Rüben werden in Salzwasser gar g-chockst, durch die Fleischmaschine getrieben, ebenso 2/4 Pfund gelb