Die Rödier, Roman von Hermann Wagner. (Fortsetzung.) Die Zimmer ^rochen wie nach Moder, die Luft war schlecht. Er r jß 'sofort die Fenster auf und badete sich in der Sonne, die nun, als habe sie Versäumtes nachzuholen, warm und wie flüssig hereindrang. Zwischen den Bäumen vor dem Hause haschten sich zwei Spatzen unter lautem Spektakel. Reisner wandte sich von diesem Bild ab, das zu idyllisch war, als? daß es seine vibrierenden NZrven hätte beruhigen können. Er ging an das Telephon und ließ sich- mit den Fingern ungeduldig auf der Tischplatte trommelnd, verbinden. „Hier Reisner. Sind Sie es selbst, Mannheimer?" Die Stimme aus dem GeschästsoicrleL der Friedrichstadt bejahte. „Sie sprachen mir vor ein paar Wochen von der Sache Braß. Hst sie noch zu machen?" Wieder bejahte der Partner. „Ja?" . . . Gut, dann besuchen Sie mich morgen! . . . Ob ich Lust habe, zu kaufen? Vielleicht . . . Also auf morgen. Schluß!" Reisner wanderte pfeifend durch sämtliche Zimmer, alles daraufhin betrachtend und prüfend, ob es auch Lucie gefallen würde. Hier fehlte das, dort jenes, und er machte sich Notizen darüber. Und doch war er mit seinen Gedanken gar nicht- bei der Sache. Etwas anderes spukte ihm im Kopf herum, etwas Großes, das, wenn es gelang, ihn den Absichten für seine Zukunft um einen großen Schritt näher brachte. Der Kommissionär Mannheimer, mit dem er schon wie- derholt Geschäfte abgewickelt hatte, hatte ihm gegenüber gesprächsweise einiges von der Automobilsabrik I. Braß und Sohn verlauten lassen, einem Unternehmen, das, mit zureichenden Mitteln gegründet, anfangs auch prosperiert hatte, um dann, nachdem sein Gründer gestorben und cs in die Hände geschäftsuntüchtiger Erben gekommen war, in der Erzeugung und im Absatz allmählich immer mehr zurückzugehen. . _ r r Es war schon lange verkäuflich, doch hatte bisher, obgleich! es billig und unter günstigen Bedingungen zu haben war, noch niemand so recht die Lust Und den Mut gefunden, es an sich zu bringen, auch Reisner nicht, der mit den Besitzern — einer Witwe mit zwei noch unmündigen Kin- vern — toohl schon so halb und halb verhandelt, schließlich von einem Kauf aber doch abgesehen hatte. Heute aber sah er die Sache mit einemmal ganz anders. Seine Phantasie, durch die Erlebnisse der letzten Wochen beflügelt, malte sich die Wirkungerr aus, die es haben mußte, wenn dem Unternehmen mit .Hilfe einer großzügigen Reklame, die einige hunderttausend Mark nicht ansah, wieder aufs neue Leben eiugeblasen wurde. Man durfte keine Zeitung, keine Zeitschrift aufschlagen, an keiner Litfaßsäule voruoergehen können, ohne mtf die schreienden Worte „Braß-Arttoneobile", „Braß-Motore" KU stoßen. Daß eine solche Reklame, die die Fabrik dummerweise bisher vermieden hatte, enorme Wirkungen auf den Absatz haben mußte, war natürlich klar, und die Frage war nur, ob auch genug Geld vorhanden sein würde, um einige Jahre durchzuhalten. Reisner geriet aUmählich in Feuer, seine Gedanken entzündeten sich und wurden dock sogleich wieder von einem Willen, der kühl und sachlich war, gebändigt. Er setzte sich an den Schreibtisch, griff zur Feder und begann, zu rechnen. Es verging der Mittag, der Nachmittag und wurde langsam Abend, — aber er saß noch immer am Schreibtisch und rechnete und kombinierte und rechnete wieder. Sein Gesicht war von Spannung, urid Erregung gerötet, doch seine Lippen preßte eine eiserne Tatkraft zusammen. Er träumte und phantasierte nicht mehr, er rechnete. Als es dämmerte, stand er auf lutö ließ sich von Prokop Schinken, Eier urrd Tee bringen. Er aß altes mit einer Grer, die gar nicht darauf achtete, was sie verschlang. Daun aber lehnte er sich erschöpft in den Sessel zurück rmd brannte sich eine seiner besten Importen an. Er war entschlossen. 16 . Kapitel. Der vierundzwanzigste Juli war der Dag, alt dem, vormittags um elf Uhr, auf dem Standesamt die Trauung Reisners mit Lucie vollzogen werden sollte. Ter Tag sollte ohne jede Feierlichkeit und ohne jede Feier verlausen, das hatten sie beide beschlossen. Er brachte nur die äußerliche Besiegelung dessen, worüber sie sich irmer- lich schon längst einig waren. Sie hatten zu niemandem von dem Tag ihrer Trauung gesprochen. Sie wollten niemanden sehen und allein sein. Kein dritter sollte in ihr Leben etwas hineinzureden haben, weder im Guten noch im Bösen. Reisner hatte sich von Prokop, der auch weiter im Dienst seines Herrn verblieb, während für Lucie ein Dienstmädchen und eine Köchin zur Verfügung standen, die sie sich selbst gewählt hatte, schon um sechs Uhr wecken lassen. Er war unruhig itttb von einem jener leisen Anastzustände befallen, die sich bei manchen Menschen einstellen, wenn ihuen ein Glück, an das sie wohl geglaubt haben, das aber doch mehr nur ein Bestandteil ihrer Trämne war, endlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser sonderbare Zustand übertrug sich auf alle seine Glieder. Sein Gang war unsicher, vor seinen Augen flimmerte es, und seine Zunge formte nur mühsam Worte und Sätze. Auch das Frühstück schmeckte ihm nicht, obwohl er Hunger hatte. So setzte er sich zu einem Glase Wein und versuchte es, zu rauchen. Dabei verfiel er in eine halbwache Dräumerei, ans der er von Zeit zu Zeit mrfschreckte, wenn etwa die Stcwdrchk - 10 irr büttue«, furzen Vautsn fMng oder wenn etwa drangen die Türen gingen. Denn mit der Ruhe, die dies Haus sonst eingehüllt hatte, war es heute vorbei. Hunderterler war zu tun, und die neuen Dienstboten hatten nicht die leise Art, die Reisner zu lieben gelernt hatte. Wie lange er so gesessen hotte, hätte er nicht anzugeben veruwcht. Es konnten immerhin Stunden gewesen sein, denn Prokop trat jetzt ein und Übergab Reisner die Post. Reisner sah sie gar nicht an, sondern warf sie achtlos aus den Tisch. Dabei fiel ein Brief auf die Erde, den. Prokop rrushob und seinem Herrn neuerdings überreichte. Misner warf einen flüchtigen Mick darauf, stutzte aber plötzlich und sagte zu seinem Diener, indem er diesen scheu anfah: „Prokop, es ist gut. Er war wieder albern, trat au das Fenster und betrach tete die Schrift, die ihm unbekannt war. Aber was seine Augen immer wieder anzog, war ein blauer Geschäfts- stempel, der dem Umschlag aufgedruckt war: „Gefängnis- Verwaltung"... Gerade heute, dachte Reisner, und seine Firrger zitterten nnmerklich soll ich ihn öffnen Unschlüssig schritt er durch das Zimurer und kämpfte mit bem Unbehagen, das ihn lähnren wollte. Endlich fluchte er und ritz den Umschlag aus. Ein dünnes Blatt war darin, das nur zwei Worte enthielt, die er bleich anstarrte, den Mund schmerzhaft verzogen: „Verräter! Behrens." Und er ballte, von einer blinden Wut gepackt, das Papier zusammen und warf es in eine Ecke, um ihm jedoch sogleich wieder nachKulaufen, es anfznheben und zu glätten. Wieder betrachtete ec die Worte. Sie hatten jetzt Kuie- veu und Fakten, schienen ohnmäch.ig und hilflos. Da lachte m kurz und verschloß das Papier im Schreibtisch. ..Prokop !"" schrie er zornig. Prokop kam und sah ihn fragend an. Er fuhr ihn an: „Ist alles in Ordnung? Ist alles bereit? Mein Anzug, meine Wische, mein Zylinder? Ist das Auto bestellt'?" Die Fragen waren überflüssig, und er stellte sie nur, um sich p entladen. „Ja," sagte Prokop. „Wie spät ist es ?" , „Genau acht," antwortete Prokop« und die Standuhr schlug gleichzeitig ihren dünnen und kurzen Ton. „Gut, uh dm für niemand zu haben, — ich will allein sein..." Prokop hob Lastend die Hand. „Eine Dame ist draußen, die bittet, Sie sprechen zu dürfen ..." „Eine Dame?"" Prokops Züge wurden unter einem gefügig mrd bestimmt. „Sie macht einen — sehr sonderbaren, — sehr aufgeregten — Eindruck. . Ich glaube, daß man sie empfangen muß!" Dieses sagte Prokop, der sonst nie etwas sagte. „Also/" meinte Reisner und dachte mit Ingrimm an Frau von Marisch, „ich lasse bitten!" Er zündete sich, eine Zrgarre an. warf das Zündhölzchen wütend in eine Ecke und wandte sich der Tür zu, die sich nun öffnete und über deren Schwelle eine Frau trat, in der er vergebens Frau von Marisch suchte. „Gnädige Frau, — Sie?!"" rief er ans und hatte die Empfindung eines starken Unbehagens, das er sich nicht zu erklären vermochte. ,^Ja, ich," sagt: Hi de Gntzeit, deren Erscheinung in der Tat recht seltsam anmutete, da ihr ausfallendes, glänzendes Kleid und ihr federgeschmückter, kühn-eleganter Hut stark mit ihrem Gesicht kontrastierten, das müde, erschöpft und resigniert war und dessen Augen ihren einstigen schönen Glanz völlig verloren hatten. Reisner taxierte sie nach einer raschen, grausamen Prüfung und fagte sich.: Hier ist eine unter die Räder gekommen! Eine jähe Ungelduld blitzte zugleich in ihm auf. und er sagte weiter zu sich: Wenn schon, — was geht es mich an! Er schob ihr einen Stuhl hin und fragte sehr kühl: „Womit kann ich Ihnen dienen?" Hilde Gntzeit ließ sich zögernd nieder und zog ihr winziges Taschentuch, das sie an dre Augen führte. J&ie weinen?" fragte er betreten. „Was haben Sie?" Da erzählte sie mit erstickender Stimme, der man es anhörte, wie sie sich überwand, was in den Monaten, die seit dem Tode ihres Mannes verflossen waren, geschehen war. Es war eine Geschichte, wie sie zu Tausenden passieren, rrMs Ungewöhnliches war an ihr. Und doch gewann sie durch einen Unterton, der heimlich mitschwang, eine Note, die sie ans den Tausenders der banalen anderen hervorhob. Dieser Ton war eine Anklage, die zwar nicht ausgesprochen, wurde, die Reisner indesserr sehr wohl spürte. Sie richtete sich gegen ihn. Und sie lautete: Du hast Schuld! Allein Reisner sträubte sich gegen diese Anklage und fragte sich: Habe ich wirklich Schuld? Liegt es an mir. wenn eine verwöhnte Frau sich, nicht mehr in dürftige Verhältnisse znrücksindet und, um gut leben zu tönnen, ihre Kinder und ihre Ehre vergißt? Hatte diese überhaupt eine Ehre? Hatte sie sich ihm nicht schon viel früher angeboten? „Ja/" sagte er und blies kunstvolle Ringe irr die Luft, „was Oie mir da erzählen, gnädige Frau/" er hielt es für eine besonders wirkungsvolle Abweisung, daß er noch immer „gnädige Frau" zu ihr sagte! — „ist nicht Lustig. Aber ich verstech' nicht, weshalb Sie es mir erzählen. Sind Sie etwa der Meinung, daß ich Ihnen Helsen kann?"" „Doch," sagte sie hart, „das können Sie."" „Wie?" fragte er gemächlich. Ihre Worte schienen aus der Ferne zu kommen, so leise waren sie gesprochen. „Ich hatte/" sagte sie, „einen sehr sonderbaren Gedanken, — gerade gestern, als mir besonders trübe zumute war, denn ich war da in Gesellschaft eines Menschen, der mich recht anwidert und denl ich es doch nicht steigen darf, — ja, ich hatte da einen Gedanken, wie man m solchen Augenblicken oft Gedanken hat, die einem zufliegen... Ich dachte mir, er könnte mir helfen, weim 'ev nur einmal ent gutes Wort zu mir sagen wollte, — wissen Sie, solch ein Wort, an das man sich daun klammert, weil man doch sonst nichts Hai, an oem mau sich fest haltest könnte, — ja. solch ein einziges gutes Wort... Das dachte ich gestern!"" „Ein gutes Wort?"" sagte er nachdenklich und doch sich zugleich dessen erinnernd, daß es bald Zeit für ihn war, sich umzukleiden. „Ja, ich wüßte nicht..." Er unterbrach sich plötzlich und fragte rasch: „Leiden Sie Mangel?"" Sie schüttelte den Kops. „Nein?"" fragte er toie erstaunt „Nun, um so besser! — ich meine, um so. besser für Sie, der ich nur GuteA wünsche und von der ich aufrichtig — aufrichtig! — hoffe, daß, — daß... Ja, ich gaffe bestimmt, daß Sie sich — ausraffen werden Er gab sich einen Ruck, denn er merkte es nur p deutlich, daß es Unsinn war, was er sprach „Sie fittb jung und hübsch und Sie werden gewiß, — ja, gewiß! — Ihren Weg macfp, noch immer machen, wemr, — wenn... Sie klug sind!" Er sah sie unsicher an. „Natürlich — und das soll Sie nicht kränken? — stehe ich jederzeit zu Ihrer Verfügung, wenn Me doch... einmal Mangel leiden sollten!"" Sie zerknüllte das Taschentuch, in ihrer Hand unb sagte matt und enttäuscht: „Ich sehe. Sie haben für mich kerne Zeit..." Er hob beschtvörend die Hände und hatte in diesem Augenblick wirklich Mitleid mit ihr. „Nein, Sie täuschen sich/" rief er aus, „für Sie werde ich immer Zeit haben, —> alle Tage, — wenn immer Me konunen sollten, ja, — nur heute nicht, gerade heute, da..."" Wieder zögerte er. „— da in zwei Stunden meine -- standesamtliche Trauung ftattfindet Sie fuhr erschreckt hoch. „Wie?" fragte sie mit sliegerv. dem Atem. „Es ist so/" sagte er mit ratloser Stimme, „in zwei Stunden, ja..." Sie war aschfahl im Gesicht. „Sie — Sie... verheiraten sich wohl — sehr gut?"" stamrnelte sie. „Ja, recht gut/" erklärte er eilig, „mit einer reichen Frau... und auch meine neue Fabrik legt sich glänzend an... ititb, wie gesagt, wann immer Sie meiner bedürfen sollten.. Sie raffte mit verzweifelter Haft ihre Kleider. „Nein," flüsterte sie zitternd, und ihr Mund blieb vor Aufregung ein wenig offen, „nein, — ich will Sie nicht länger stören!"« Sie eilte zur Tür und wandte sich noch, einmal um. „Lebert Sie glücklich/" sagte sie mit einem halb erloschenen Blick, „ja, leben Sie glücklich!"" Er war erstaunt und im Innersten irgendwo tief ge- troffen, blickte ihr nach fand aber die Tür schon leer. „Prokop!"" rief er laut und voll Mißmut. Prokop erschien und war stumm. „Meine Wäsche, meiner Anzug? Eilen Sie! Schnellt 11 litt» er begab sich Ln sein GchLaMmmer und riß sich die MeiLer vom Leib, um sich fiir die Trauung- urnzuzieyen. Sein Automobil — es w-ar ein Luxusauto, denn er ver- fte jetzt selbst über Mei Wagen — brachte ihn nach der rsion iru Westen, in der Lucie ihn erloartete. Sie trug ein schickes, Helles Kleid, das für keine Festlichkeit gemacht tvar, nrtd einen duftigen Hut, wie ihrr eine Lunge Dame gern auffetzt, wenn sie Dinge vorhat, von denen (ie annimmt, daß sie leicht und amüsant sein werden. „Da bist du ja," sagte sie einfach und begriff nicht, daß er Eile hatte, „nun, so fahren wir!" Die geschraubt würdige Miene des StmrdesheLmtM erschien ihr sehr komisch, und es kostete sie Mühe, nicht zu lachen. Dafür lächelte sie. Mit diesem Lächeln glitt sie über die tveuigen Förmlichkeiten, die zu erfüllen waren, wie über etwas Nichtssagendes und Langweiliges hinweg. Bevor sie auf die Straße Hinaustralen, küßte sie ihren Mann und sagte bloß: „Nun also?" Draußen beratschlagten sie, was zu tun wäre. „Fahren wir denn?" fragte er. Sie schüttelte den Kopf. „Erft essen wir zu Mittag, — ganz ungezrvungeü, - irgendwo. . . Und dann zeigst du mir deine Fabrik!" Sie rvählten aufs Gerade,v-ohl ein Restaurant unter den Linden. Der Wagen flitzte durch die Straße, tutend und manche Pfütze durchfahrend, so daß das Wasser zischend auf* spritzte, denn es hatte kurz zuvor geregnet. „Wie luftig," sagte Lucie und blinzelte nach der Sonne hinauf, die wieder warm und freundlich lachte. Sie fand es auch sehr amüsant, am Hochzeitstag im Restaurant zu speisen, wo andere ebenso langweilige wie Üppige Gastmähler gaben. Es schmeckte ihr ausgezeichnet, und als sie in der süßen Speise heruurstocherte, erfaßte sie eine tolle Luftigkeit, die sich mit einem lauten Lachen befreite, so daß mehrere Gäste, die verdrossen oder sachlich bei ihrem Diner saßen, sich indigniert n > ihr um sahen. „Noch nie war ich so ausgelassen wie heute," sagte sie, und stieß ihn an, „aber du, — du scheinst elegisch!" Er dachte tm gleichen Augenblick an den Brief, den er am Morgen erhalten hatte, und auch der Gedanke an Gut »eit war ihm gekommen, lote dieser verspielte Mann am Haken m seiner Kammer hing, —' und so straffte er sich, lächelte gequält und antwortete: „Verzeih, ich war abwesend!" „Abwesend? Heute?" * „Ja, gerade heute," antwortete er und bestellte Sekt, um es auf diese Welse zu verfftchen, heiler zu werden. Sie ahnte, was ihn bedrückte, und nahm zärtlich seine Hand, um ihn zuversichtlich zu machen. Ihre Heiterkeit war leis und mild geworden und ging allmählich auch auf ihr: über. Mit einer Handbewegung strich er alles Quälende von sich ab. Er stieß mit ihr an, leerte das Glas bis auf den Grund, um es sogleich von neuern zu füllen imd anszutrinken. Das schien ihm frische Lebenslust einzublasen, und er war mit einem Mal wie umgewandelt. Er sprach schnell auf sie ein, sich an seinen eigenen Worten erhitzend, und erb zählte ihr von den Fortschritten, die die Fabrikation und der Umsatz in seinem neuen Betrieb machte. Schon merkte mau den Erfolg. Die Reklame arbeitete mit allen: nötigen Tam-Tam. Ein neuer Betriebsleiter war eingestellt worden, der durchaus dem entsprach, was Reisner sich von ihm versprochen hatte. Auch er selbst hatte sich schnell m die neue Materie eingearbeitet, die er jetzt schon fast völlig beherrschte. In das Unternehmen war ein neuer Zug gekommen. Die Motvre, die man bisher hergestellt hatte, waren gut gewesen, man hatte es aber nicht verstanden, sie bekannt zu Machen, auf jene weithin tönende Art, die die Zeit von heute nun einmal verlangt. Dem war abgeholfen worden. Die Reklame, die er machte, war geschickt, eindrucksvoll und war vor allem ins jene Massenhafte gesteigert, das allein den Erfolg verbürgt. Ein ganzes Heer von Agenten war bemüht, sie zu untere stützen, so daß die Fabrik schon heute voll beschäftigt war und man viele neue Arbeiter hatte einstellen können. „Ich will die Fabrik sehen," sagte Lucie interessiert, „du mußt mich hinfahren, sogleich!" Seine Leidenschaftlichkeit, die viel Gezwungenes gehabt hatte, ging in jene Wärme Über, die ihrer Sache sicher ist. Ihr Interesse machte ihn sehr glücklich. Er berichtete ihr von dem großen Vermögen, welches der Betrieb der Fabrik und die Reklame verschlangen, das sie jedoch beide schließlich wieder hergeben mutzten, mit hohen Zinsen, die der Gewinn waren. „Bist du so reich?" fragte sie betroffen. 'Fortsetzung folgt.) Sein erster Kall. Mir Alfred Bratt- Der junge Rechtsanwalt Beimett saß in seinem Bureau im zehnt«: Stock des Hauses Nr. kW tn Clarkstreet, Nenyork, und wartete etwas nervös auf den MrKmblick, ln dem die Klinstzl der Flurtür m&im würde. Brünett war ein ganz neugebackener ReMsMwalt; der Tag, von dem die Rede ist, war der erste seiner Praxis. MH **} wartete auf den Besuch des kfaimteu Großindustriellen und Millionärs Smitfsu. Tie Uhr Mus elf. Die Klvrgel chrillte. Bsrnetr öffnete selbst mch ließ den gewaltigen Smitftn mit einer respMwklm Verbeugung ein. Herr Smitson setzte sich zjUrdeto eine dicke Zigarre an. ließ eweit ßlMllen, aber aufurerffarnen Blick durch das kleine, höchst einfach eingerichtete ^Bureau streifen und sagte: „Herr Bmnett. ich weih nicht, ob Sie ein guter oder schlechter Reckstsanjwalt sind. Menrand kann das wissen, da Sie ja Ihren ersteix Fall noch nicht hinter sich haben. Sie schrieben,mir offen, daß sie sich soeben erst niedergelassen hätten, daß Sie mich bäten, Il-neu Rvchtsangelegenheiten meiner Firnm zu übertragen und daß Sie mir zu diesem Zweck Ihr Wunen an dem ersten Fall beweisen r«vll- Lerr, der Ihnen unterkäine. Nenyork hat 12000 Rechtsanwälte, Herr Ben neck, und kein Geschäftsmann wird sich au einen Anwalt wettden, der ein nnbeWiebenes.Blatt ist loie Sie. Ihr Brief war also klug in der Form und getvissermatzen der vernünftigste erste Schritt, den Sie mrtermhnmr konnren. Er war außerdem originell. Ich liebe Originalität. Ich Komme darum, ryie ich Jh»rm telephonisch erraibem ließ, hLer.vorbei, um Ihnen zu sagen.: falls übertragen." er „Ich danke Ihnen, Herr Sntttton," erwiderte Bennett, indem sich ein zweites Äcal v-MMgte. „Sie «eben mir das, waK rmr Me zu erbringen. Nur . . der Zufall läßt sich nicht regier«:; wep weiß, wann er dein in ben weittstsr Kreisen mibMmrten AnwM Benneck den erster: Fall bringt?" „Merdftigs," erwiderte Snntson, „aber da läßt sich nichts anderes machen, als Mvarten..." Er brach» ab, denn die MnMl der Eftrgangstüre ertönte fchM . und aufgeregt. „Verzeihung," nmrw^t-e Bamrett,. und er ging öffnen. Herein stürzte ein junger Mmm von ungefähr 17 Jahre». Er hacke einer: hochroten Kopf, es zuckte beständig irr seinem Gesicht, sein Atem ging geräuschvolt und hastig. Nrrrntzig blickt« er von Bruuett zu Sntttsvn, von Snritsm: p, Bermett, wähverÄ er keuchLnd fragte: „Sind Sie der Herr Rsästsanwalt?" . . . Beinwtt nahm würdevoll in dem eirrzigen ho-rharch-etm: Lehr:- stuhl Platz, wies auf ehr StüMchm rnit RohrgsKectst and nickte: „Bitte Sie wünschet?" Der junge Wmn ließ sich erschöpft auf den Stuhl falls: und wischte sich der: Schweiß vor: der Stirn. „Mein .Herr, ich Annme in einer verzweifelten Anselvzeirheit! Brün Himnrel. ich flehe Sie um Ihre Hilft an! Retten Sie mich» ich LesHvöre Sie!" „Worum handelt es sich?" „Ich bin kein Verbrecher, mm Herr» glauben Sie mir das. Ich war nur leichtsinnig, aber ich büße .es schnwr. Ich Wr. seit .einen: halben Jahr, seit ich dis Schule verließ, m her' Midtaud-Bank, Zentralabteilnua, angefbllt. Ich — min . . ich habe — Geld grMmmerr. Mer rächt einfach gestohl«:, Herr Rechtsanwalt! Oh nein. Ich. . . ich habe eilte Braut, Herr Rechtsamvalt, ein junges Mädchen. . . Sie »verden verstehe»:. Man nwcht UnsflügÄ, man besorgt Ueme Geschenke, einen. Ring... o, ganz billig . . . aber iirmrerhm. Ich habe teßlkf! Hnndert-- dimftnde vm Schemen in Pakete zu schichten und chlMtra-W., Eirnnal war ich in arger Verlöger:heit und »rahm einen ö-Lollar- Schem. Ich borgte ihr: mrr ans, denn von meinem WM'nsnloW wvkte ich ihn. znrücßc'rstatten. Aber dam: Kappte es nicht. Nächste Woche nahm ich noch einen Schein; wie das so geht, mmn oft Verführung groß ist. So ging es iveiter. Niemand merlte ckivas. An eine Revision dachte W;i nicht. R»m »mrvde soeben im Bureau mitgeteilt, daß heirte »rachmittag um 3 Uhr die Halbjahrsrevision, stattfindet. Man wird.alles entdecken, und dann bin ich veriorm-. Ich sagt«' daß mir Weckst »väre —, und das ist auch die Wahrheit — ich lief auf die Straße und suchte nach dein »rärhisteU Recksts» antvaltschild. Es »var das Ihre, mein Herr. Oh. helfen Sie nrir! Rette»: Sie mich! Es war LeftWinn. Wenn ich diesnml davo» l lamme, werde ich es nie, nimtfflj wieder trxr!" .... > „Wie hoch ist die Summet „2000 Dollar." „Hm. Sie sagten, daß es Ihnen sehr Leicht war, das gefahrlos wogzunehme-n?" „Sehr leicht, ja. Ach Gott, das hat inrch w eben verlebtet'/ „Könnten Sie — Lönnwn Me noch mehr nehmen, ehe Dt« Revision beginnt?" _(lÖ^X , J* ^as Gesicht des Aiüvalis hellte sich ans. Es sah last wie ein strahlendes Lächeln aus. „Schwören Sie, daß Sie Ihr Leben lang an die Lehre denVen wollen, wenn Sie dies eine Mal straffrsis ausgehen." „Ich schwöre es! Ich schwöre!" ... . „GE. T!ie Zentrale der Midland-Muk ist nur zwer.sttaßew ecken von hier entfernt. Lausen Sie hin, verschaffen Sie sich noch 4000 Dollar und kommen Sie sofort mit dem Gelde hierher. Können Sie das in tvcnigen Mimrten erledigen?" „Ja — doch. . ." „Keine Widerrede! Keine FragM! Los!" Ter junge Mann nahm seinen Hut und stürzte davon., Herr Smitsotl legte ein Bein über das andere und lachte. „Ich habe keine Zeit übrig," sagte er, „aber Ihr erster Fall bsgümt mich wirklich zu interessieren." Bonnett lächelte und erwiderte nichts. . . ^ Nach einigen Minuten kam der junge Mann zurück uns legte 4000 Dollar auf den Tisch. . _ , „So" sagte Bennett, „jetzt werden wrr dre Sache glevch haben. Aber wie sehen Sie ans, Herr?" ... ir , . „King ist »nein Name," stotterte der irrng« Mann, „entschnldt- gen Sie — Charles King." ^ . Bennett kritzelte den Namen ans einen Notrzblock. „sw smd bleich wie die Mmd, Herr Kmg. Gehen Sie in die Trinkstube unten im Hanse und nehmen Die einen Whisky. Jnzwischert tmrd alles erledigt tverden." „_ >cc Ter unglückselige King wankte hmaus. Bennett aber ergrrff ^ ^Ä^bitte^N^ckÄank dort? Hier Rechtsanwalt Ben- nett. Möchte in dringender Angelegenheit den Direktor der Zen-, trvle sprechen. Jawohl, werde warten . . .. . . Tort Direktor der MMand-,BWtk-Zerrtrale? Hier Rechtsanwalt Bennett. Vertrete Ihren Angestellten Charles King. Herr Kmg hat, durch jugendlichen Leichtsinn verführt. ,ai^ Ihrer Ab- teilimg nach und nach 6000 Dollar entwendet. Dre Revt,i-'.m muß seine Existenz für immer vernichten. Unerhört, sagen Sie . . . G«viß: aber es gilt ein SNenschendasein, bddenken öte LetM- sinnig ist jeder mal in sanier Jugend. Er wird tm Gefangn;^ darüber Nachdenken-können? . . . Hoffe ntcht Hoffe, daß sw sich anders besinnen werden. Hören Sie. Herr Kmg besitzt utchts. keme Eltern desgleichen. Um den Sohn zu retten, hat dre tfanulte unter den größten Schwierigkeiten Geld ausgeborgt. Es rst gelungen, zwei Drittel des fraglicher: Betrages zufammenzrlLekommen. Diese 4000 Dollar liegen hier in menrem Bureau uud werden Ihnen sofort überwiesen, tvenu Sie schriftlich auf eine Anzeige ver- ziMen Wie? . . . Sie sind einverstanden? . . .Gut. Tlber rm übrigens soll ihn der Teufel holen? . . Na, das ist wieder wie andere Sache. Sende Ihnen sofort L«ts Geld gegen Ihr Schwerge- versprechen." Bennett hangte ab. . Herr Smitsou erhob sich. „Ich ernenne Sre .hrermtt M tmckrenr Anwalt," sagte er, „Sie haben nrtr den Betons Ihrer Tüchtigkeit erbracht." , . fv , Herr Smitson raubte gar nrcht, nne tmhsig der Anwalt Berurett lvar. Tenn er wußte nicht, daß die 4000 Dollar auf dem Tisch den einzigen Barbesitz des Rechtsanwalts Bemretts dar- stellten; tmd er wußte auch nicht, daß Charles King der Bureaugehilfe des ReckstsaMvaltS Bennett ivar und daß er am gern* B echer drunten in der Whiskysttcke die Stelle des Direktors! Midland-Dackk eingenommen hatte. . . Die Rache. Bon I. Jung. Ich kaum den Kerl nicht leiden. Warum, iveitz ich nicht. Ich kann ihn eben nickt leiden. Er ist gewiß ein garrz guter Familienvater und wählt denselben Mierchstagsabgeordneten tme ich, serna Frau wird wahrscheinlich, beim selben Fleischer wie nreine kaufen, — aber ich mag ihn nicht. Wrahrschemlich berührt er nrein ästhetisches Emp-filrden unangenehm. Jedenfalls mißffällt er mir; rmr (wofür er nichts kann) rveil ich ihn täglich scheu muß: er ist Bahnhofs-« inspektor. . Jedesmal, wenn ein Zug eiugelauhm rst, dann komutt er, wenn alle Leute schon ausgestiegen, ans seinen, .Käfterchen herausgeschossen und brüllt mit einer mrangenchm überzeugten Stimme den NanEN der kleinen Station, den ohnehin jeder schon rockst: aber er sagt itznj mit eiirern» Torr, wie wenn er die Station und die dazugehörige Borstadt ergenhändig erbaut, gegründet, bevölkert hätte, wie einst Dido das berüchtigte Carthago. Das ist mir zuwider. Wenn ich jemand nicht leiden kann, mutz ich niich an ihm Jedesmal, rvenn er Dienst hat, ärgre ich ihn, indem ich mich über etwas beschwere. Das ist einfacher, als man denkt. Einmal ist es im Abteil zu Hertz, dann zu kalt, dann kommt der Zug zu früh oder zu spät, dann lästt der Solömotiofühver gerade auf dem Bahnsteig Dampf ausströmen; irgend etuns lst immer, .daß ich mich cm ihm reiben formt. • . Neulich wußte ich gar nichts und kam noch dazu fünf Minuten zu früh, rvas mich nie milde stimmt: also suchte ich. Schließlich sah ich die Leitungsschiene uud hatte meinen Grund. „Ist Strom m der Schiene?" fragte ich harmlos. „Warum?" „Ja, rvenn man sich Mühe gibt, kann nran wohl einmal zwuche» Trittbrett und Bordschwelle durchrutschen und einen Schlag kriegen." „I wo," lneinte er, „das ist nicht so schlimm." und ehe ich mich versah, stand er mit einem Fuß aus der Scksiene. „An," rief er und hüpfte schnell zurück, „es ist doch Strom drin." i Jetzt hatte ich ihr«. sagte 4ch bedauernd, „der Strom hat Sie getroffen? Das soll gefährlich sein, besonders für den Kops, man kann davon verrückt rverden!" Damit stieg ich in meinen Zug. Bon dem Tage an ließ ich es .mir reicht entgehen, jedesmal, wenn ich ihn sah, eine fragende Bewegung nach der Stirn zu machen. Dann instruierte ich meine Bekannten; alle paar Tage mußte eine« von ihnen so von ungefähr fragen, ob die Sckstene Strom fiüirä und ihm erzählen, daß miau von eirtem solchen Schllag verrückt werden könne. * Seit.einiger Zeit sehe ich rnemen Freund nicht rnehr. Ganz nebenbei frage ich, n» er ist: eine Bewegung nach der Stirn sagt es mir. - . VSchertksch. — Tr. .Carl Peters, Lebens« rin gerungen. Mit 23 Bildern. 3 Mark. Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung, Hamburg 33, Siellshopersttaße 111. Es ist die Lebeusgeschichte unseres großen Kolonialpolitikers von seiner Kindheit in Neul-aus an der Elbe bis znm heutigeil Tage. Es zeigt uns klar und anschaulich seinen Entwicklungsgang bis zunl Mann, wie wir ihn kennen, besonders auch die Sturm- und T-rangiahre der Schul- und Universität^, zeit, sowie die Grmrdnng Tentsch-Osdafrikas uud die Intrigen des sogenannten PeterS-Falles. Besonders übersichtlich ist sein Toppckleben zwischen Teutchland und England geschildert, und die Rückvirkung, welche die Ernftüsse von der Heimat und ans England auf seine Taten und Erlebnisse gehabt haben. Ter Stil der Petersscheu Darstellung ist lebendig und frisch vo-l Anfang bis zu Ende, und wirkt niemals ermüdend. Durch seinen ganzen Entwicklungsgang zieht sich die echt deutsche 'pWosophische Weltanschauung!,- wc'lche diese Arbeit besoitders intevessanl nracht, well sie den Einfluß theoretischer Ueberzettgnng auf das praknsck)« Handeln eines Menscherl dartttt. — Sieg ohne Landgewinn? von H. L. Dannerv, berg, Werlag „Das Größere Deutschland" Dresden-As 1. Preis 1,50 Mark. — Die Schaubühne, TKock)lenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, herausgegeberr von Siegfried Jacobsohn, enthÄI m der Nrrmmer 1 ihres vierzehnten Jahrgangs: Tie Neuordnung der Welt, von Gernranicus. An das neue Jahr, von Franz Rn- dolphy. Tie Sozialdernokratie und die JntellekttLllen, von Cien- fuegos, Stresemann, von Erbe. Die Llrmen, von Harry Kahn. Garten der Jugend, von Alfred Polgar. Ergebnisse, von Alfred Grünervald. Das junge Deutschland, von S. I. Die Sühn«. Mozart, von El. Ha. Bilanz, von Lorarrns. Antworten . — D e r K u n st f r e u n d. Heft 2/3 enthält u. a.: Die Kreuzigung, Wie Beethoven anssah. Das alternde Kunstwerk. Die Kultur des Essens. Die drei Wallonen. Charade. Der Förster fand einen ersten vom Fuchs Im Walde doch war nicht zur Zweiten Ein Spaten, den brauchte zuin D ilten der Bierte« Doch steb l da ka», ein Ganzer geqangen. Der gab das Gewünschte dem Förster sogleich, Nud bald war mm Meister Reinek' gelangen. (Arrflösuug in nächster Skunnner.) Tluslösurrg der Zablenpyramioe in voriger Numurer. 0 0 ä Don Mond Dämon Nomade Domain« Limonade Schrutleiluug: SB. Meyer. — Zwillingsnrndd'euck der BrühZschen lln v.-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.