Die Rächer. Roman von Hermann Wagner. (Fortsetzung.) Sie sah das im Spiegel und blieb, ohne sich zu rühren, in der gleichen Haltung, sich ihm gleichsam preisgebend, in Wirklichkeit aber diesen rechten Moment packend, in dem er sich in ihre Gewalt gab. Als sie vom Spiegel zurücktrat, wußte sie, daß sie diesen Mann hatte, daß er ihr nicht mehr entkam. Er al>er, ertappt, stand aus und ging mit hastigen Schritten durchs Zimmer, ohnmächtig uild gar nicht einmal ernstlich an den Fesseln rüttelnd, die sie ihm angelegt hatte, — ohne Mühe, ohne sichtlichen Willen, nur dadurch, daß sie die war, die sein Schicksal werden mußte. Sie hatte sich inzwisck>en eine neue Zigarette angezündet, deren Spitze in der Dunkelheit des Zimmers blaß ausblitzte, wenn sie einen ihrer tiefen Züge daran tat. Und nlit leisen Worten, so, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, begann sie wieder zu reden. Von Dingen, die dem Alltag entnommen waren, von Reisen, die sie gemacht hatte und noch machen würde, von Landschaften und von Menschen, und zuletzl, mit einem kaum merklichen Ueber- gang. auch von Herrn von Webenau, der ihr gefallen habe und ben sie doch nie heiraten würde, weil er nicht mehr als ein guter Junge sei. Und ganz dunkel deutete sie es an, daß es ihr Wunsch sei, eine zweite Ehe einzugehen, eine Ehe, die ihr keine Leidenschaft, dafür Ruhe brächte, mit einem Mann, den sie gern haßen könnte, ohne ihn lieben zu müssen. Da sielen ihm die Worte ein, die vor einigen Tagen Dora zu ihm gesagt hatte, und er tat nun die gleiche Frage, die damals an ihn gerichtet worden )var: „Gibt es überhaupt jemanden, den Sie lieben?" Er wunderte sich nicht darüber, daß sie diese Frage ebenso verneinte, wie er es damals getan hatte, und doch stöhnte er laut auf, so daß sie ihn fragte, was er habe. „Nichts," antwortete er finster, um gleich darauf hinzuzufügen.' „Doch, eins: ich möchte Sie etwas fragen. Zuvor aber möchte ich wissen, ob Sie auch einmal die Wahrheit sagen können." „Ich lüge niemals," sagte sie stolz, „das dürfen Sie mir glauben." „Ich möchte Sie fragen, ob Sie noch niemals die Sehnsucht empfunden haben, zu lieben, — zu lieben, nicht geliebt zu werden!" „Jede Frau hat diese Sehnsucht," sagte sie einfach, „jede ..." „Nicht auch jeder Manu?" „Ja, noch mehr jeder Mann, — jeder echte, — jeder starke Mann!" Er verfiel in ein dmupfes Brütet!. „Ich sehe, Sie verachten nlich," sagte er nach einer Weile. „Verachten Sie sich nicht selbst?"" fragte sie, und das klang weich, fast zärtlich. Er ballte die Fäuste. „Sie haben recht. Ich tue ^s. Ich tue es in dieser Stunde." Sie tat, als habe sie nicht gehört, was er gesagt hatte. „Sie sind ein Mensch, der an sich verzweifelt," sagte sie in bestimmtem Ton, „wissen Sie das nicht? Für Sie gibt es nur ein Mittel, das Sie retten könnte, nur eines..." „Welches?"" fragte er. „Sie brauchen einen Menschen, der Sie hält, der Sie führt, — einen Menschen, dein Sie glaub-en, weil Sie unfähig find, sich selber zu glauben ... Einen solchen Menschen brauchen Sie. Er »väre Ihre Rettung."" „Dummheit!" wütete er. „Gehe ich nicht meinen Weg? Und bin ich ihn nicht mit Erfolg gegangen?"" „Jeder Mensch geht einen Weg, und die meisten Menschen gehen viele Wege, bald den, bald einen anderen. Es kommt aber darauf an, daß man nur einen Weg geht und daß man an diesen einen, nur an diesen einen, glaubt, denn nur dieser eine Weg ist der eigene... Wieviele Wege sind Sie schon gegangen?"" „Haben Sie sich noch nie geirrt?" gab er ihr verbissen zurück. „In den:, was ich wollte, nie — im Gegensatz zu Ihnen, der Sie sich nur in dein nicht irren, was Sie können... Und es ist gar nicht soviel, was Sie vermögen, denn beim ersten großen Widerstand werden Sie schwach So zum Beispiel jetzt. Oder glauben Sie im Ernst, daß Sie mich bezwingen ?"" „Ich werde es Ihnen beweisen/" murmelte er. Sie lachte. „Was können Sie tun?"" „Sie sind in meiner Hand,"" sagte er voll Rachsucht. „Es Ijöngt nur von mir ab, ob Sie noch länger in Freiheit bleiben."" „Der Brief?... Sie werden nie Gebrauch von ihn! mack-en. Er hat nur solange Wert für Sie, als Sie ihn als Drohung gegen mich verwenden können. In dem Moment, da Sie Ihre Drohung wahr machten, wären Sie verloren!" „Ich?" „Sie, — da Sie in mir den einzigen MensclMi verlieren würden, den Sie brauchen, weil er Sie retten kann..." Seine Brust arbeitete so heftig, daß sein Atem zu hbreit wiar. Seine Pulse flogen. Und ein roter Schein legte sich ihm vor die Augen. Nur mit Mühe brache er die Worte heraus: „Und... Sie wollen — mich retten In ihrer Stimme zitterte ein verhaltener Triumphe und doch klang sie eher demütig als stolz und war nicht lwrt, vielinehr weich, von einer königlichen und sich doch oiV schmiegenden Weichheit. Sie sagte: „Gestehen Sie zuvor, daß Sie es nöttg haben, gerettet zu werden, — von mir gerettet zu tverden, von mir!"" Da brach es mit einem Male aus ihm hervor. Er sprang auf, preßte die Hände gegen dre Schläfen und — 54 6 fucfrte vergebens eines krampfhaften Würgens in ferner Kehle Herr zu werden. Ein grelles Licht erhellte plötzlich seine Seele. Und eine Stimme rief ihm zu: Nun weißt du, wer du bist, nun hast du dich gefuiiden, — der du dich nie verloren hattest! Er stöhnte. Gott, war all die Kraft des letzten Jahres nutzlos ver tan, stand er nun wieder dort, wo er vor Jahren gestanden hatte, damals, als er sich voll Wiirdheit und Schwäche zu einer Tat entschlossen hatte, die auch nur ein Versuch geblieben war, — ein stümperhafter, lächerlicher, tragikomi- scher Versuch? Er suchte im Finstern ihre Hand und bebte, als er sie gefunden hatte, so heftig, daß sie Mitleid mit ihm fühlte, ein Mitleid, das so warnr war, daß seine Wärme aus ihn über ging. „Sie haben recht," stammelte er, „ich brauche jemanden, ... aber ich brauche nur einen Menschen,... nur Sie!" „Nur mich?" „Nur Sie! Denn ich liebe Sie! Und ich weiß nicht, was von meinem Leben übrig bleibt, wenn Sie mich verschmähen ..."" Ihre Worte streichelten ihn sanft. „Wollen Sie sich mir ganz imb vorbehaltlos übergeben?" „Vorbehaltlos und ganz, wenn-Nein, ohne jede Bedingung. Vorbehaltlos und ganz!" „Und der Briefs" fragte sie. Er ließ ihre Hand fahren, wie ein Geschenk, von den: er eiirsah, bet# er es nicht verdiente, und das er zu rückgab. „Ich habe gelogen," gestand er ihr, gleichsam glücklich darüber, daß er ihr zeigen konnte, zu welchen Mitteln er in seiner Schwäche gegriffen hatte, „es gibt keinen Brief, den Sie fürchten müßten. Nein." „Sie sagen die Wahrheit?"" „Ich könnte Sie nicht belügen," flüsterte er, „ich könnte es nicht, — nie, nie mehr!" Er lag vor ihr auf den Knien, und sie strich leise über fein Haar hin. „Sie armer Mann," sagte sie. „In, ich bin arm,"" gestand er ihr, „in dieser Stunde ist mir das klar geworden, — in dieser einen Stunoe!" „Urch der andere,... Ihr Freund,... Ihr Bruder im Gefängnis — ?"" Er erschauerte. Zugleich aber ballte sich ein Gefühl der Verbissenheit und Wut in ihm zusammen, gegen jenen Mann im (Wängnis, der, wie er mit einem Male sah, gar keine Ursache' hatte, sich zu empören, der in Wahrheit rriur die Zinsen einer Dankbarkeit abtrug, die er einem Menschen schuldete, der ihm mehr geschenkt hatte, als er> der nun Bi'ißende, hatte verlangen können. t „Ich sehe es jetzt anders,"" sagte er gepreßt, „ganz anders..." „Wie sehen Sie es?"" fragte sie. Er griff n«t beiden Händen in die Luft, wie nm eine gestalt festzuhalten, die seiner Phantasie vorschwebte. „Sie sind es wert," rief er aus, „Sie sind des Opfers wert, das man um Sie bringt, — ja, jedes Opfers!"" Er suchte nach Worten, und sie wollten sich nur schwer ftnden lassen, er mußte um sie kämpseu. Seine^Gedanken wareir noch verworren, und or brauchte, um sie zu ordnen, Jett. Doch dann brachte er allmählich Ordnung in sie. Er wandte sie nach aller: Seiten, prüfte sie und setzte sie zu jenem Bild zusammen, das er jetzt brauchte. Das Bild zeigte sie, doch es hatte jetzt aridere Farben und es stand m einer anderer! Beleuchtung, Helles Licht fiel daraus, während es früher in gewollte Dunkelheit einaehüllt gewesen war. ' • Bor diesem Bilde kniete er nieder, imt es anzubeten. Lr war sein Sklave. Und in der ttefen Finsternis, die um sie beide war, wurLe es ihr r^t auch leicht, ihm von der Zeit zu erzählen, da das Gräßliche jenes Herbstiiachmittages geschehen war. Es war Lein Mord gewesen, nein, nicht einmal ein Tötschlag, nur ein Zufall, — ein Zufall freilich, von dem sich dünne Faden nach ernem Willen hinzogen, der schon vor der Tat dageweieii war, der vielleicht, ohne es selbst mehr als dunchf zu fühlen, den Zufall herbeigeführt hatte, — nicht durch Taten, nur durch Gedanken, die wiederum auch nur raunr halb ausgesprochen worden waren, —, in jener Art. wie oft Schlnnmes in uns reift, ohne daß wir es merferrj so daß wir, wenn wir seine Früchte sehen, überrascht und verzweifelt sind und auf das tödlichste erschrecken. „Wer kann behaupten, daß ich Schuld habe," sagte sie, „wo ich doch kaum wußte, daß es außer der meines Mannes noch eine Schuld gab? Als es geschehen war, da lähmte mich rrur bleiches Entsetzen, denn ich konnte mir sagen, daß ich es wohl traumhaft erhofft hatte,... so wie wir oft von Dingerl ttäumen, von denen wir mit Bestimmtheit wissen, daß sie sich nie ereignen werden— daß idy es aber nie bewußt gewollt hatte... Und doch war es über Nacht gekommen. Es war ein furchtbares Erwachen." Dann sprach sie, nach einem Aufatmen, mit dem sie die Erinnerung an dies brutal Gewaltsame von sich abschüt- delte, von. Behrens, und in ibre Stimme kam ein nlilder Ton, ein Don der Dankbarkeit, oie in ihr nachzitterte, und die doch nidfjtt so stark wie ihr Lebenswille war, der sich nicht länger mit etwas verketten wollte, das vorbei, das für alle Zeiten in ihr ausgestrichen war. „Wir Frauen,"" sagte sie, „können nur leben und gedeihen, wenn uns Zärtlichkeit und Liebe einhüllen, die all unser Ws es verdecken,, die es ersticken^, so daß es nicht wachsen kann... Es war eine Torheit von inir, daß ich mir einen Menschen ansdrängen ließ, wie es mein Gatte war. Er alterte und neidete mir deshalb meine Jugend, in der er seinen Feind witterte und die er erdrosseln! wollte, obwohl sie doch mächtig genug war, sein eigenes Leben zu zerbrechen. Es war ein Kampf zwischen uns, der auf Tod und Leben ging uiid in den dann der andere eingriff, der so sehr Mann, der so stark war, daß ihn sein Alter nicht hinderte, sich vor meiner Jugend zu beugen ... Wenn ich ihn auch nicht liebte, so wärmte ich mich doch an der Liebe, die mir aus seinemj Herzen in lichten Flammen enigegenschlug, denn ich fror in jener Zeit, die niemals Sonne für mich hatte... Das ist jetzt vorbei. Ich bin frei uiid reich und ich fühle, daß ich noch jung bin. Ich habe alle Erinnerungen cm die Vergangenheit in mir ansgemerzt, sie drücken mich nicht mehr und sich fürchte mich vor keinen Schatten... Ich will leben, denn ich bin jung und stark!"" An diesen ihren Worten entzüiidete sich auch seine Phantasie, und er erzählte ihr, was er selbst noch vom Leben erwartete. Die ttefe Stille im Zimmer erschien ihm wie der weiche, endlose Raum eines nächtlichen Traumes vom Glück Altes Unwahrscheinliche blühte hier zur Selbstverständlich- ke:t auf, alle Enge und Schwere war aufgehoben, das Abenteuerliche bekam den Ziig des Natürlichen iind Wahren. Er beichtete ihr von seiner Sehnsucht, reich zu werden, so reich und mächtig, daß es daiin nur eine wie automatische Folge und Selbstverständlichkeit war, Wenn er sich aus der durstigen Zusammengehörigkeit der plunipeu Masse löste, sich über sie erhob, sie nach, Gutdünken lenkte und gebrauchte, als ein Halbgott, der nur sich selber verantwortlich war. Der Anfang war gemacht, er stand auf einein Grund, der schon so fest war, daß er es wagen durfte, ein kühnes Gebäude darauf zu errichten, ein Gebäude, das himmelwärts strebte iind das alles andere überragte. Er sei nicht furchtsam, denn er fühle, wie er mit seinen: Ziel wachse, das ihn iiilr um so stärker machte, je höher er es hiuauffchraubte. „Aber ich bleibe doch arn:,"" sagte er, „und mein Leben wrrd zwecklos, wenn Sie mir nicht die Hand geben-, um inich zu führen!" r ivai an oer jeuiex* eigenen Worte entbrannt und spurte, wie das Feuer, das in ihn: aufschoß, auch auf sie Übergriff, wie es auch sie in Flaminen setzte, die nur darauf wartete, z:l brennen, in der, wie in ihm, der Wunsch war, alles Alte, Unzulängliche und Kleine von diesem Feuer verzehren zu lassen, das zugleich den Willen nach Neuem und Starkem härtet^. . ^ trat Hutter sie, legte leicht seine Lippen auf ihr Haar und bettelte: „Wolle:: Siemir helfen?"" Sw zögerte erst lange, zu antworten, doch dann fragte sre: „Was schlagen Sie mir vor?"" Sie duldete dabei seine kaum wahrnehmbare Liebkosung, sie berührte sie sogar an- genehm, denn es entging ihr nicht, wie alles in ihm dahin drängte, sich ihr zu schenken. „Ich schlage Ihnen vor, mich zum Mann zu nehmen" agte er, wobei sich seine Lippen Tettfam verzerrten, in einem Schmerz, dessen Süße seinem Blut ben Lauf hemmte. „Das schlage ich Ihnen vor, — nein, darum bitte ich Sie!"' „Aboffeu Sie sich viel davon?"" fragte sie. „Mles erhoffe ich mir davon," antwortete er behutsam. 647 so, als müsse er jedec einzelne Wort, das er sa^e, erst v^igerr, „alles. Sagten Sie vorhin nicht selbst, daß Sie die feien, die ich brauche?... Und ich? Werde ich Ihnen /nie etwas beideuten? Verachten Sie mich noch?" Sie hob die Arme und legte sie von rückwärts auf seine Schultern, ihn so tiefer zu sich herabziehend. „Nein," jagte sie, „ich verachte Sie nicht." (Fortsetzung solgt.) Zum neuen Iahre Bon Alexander v. G l e iche n - N n ß, w u r m. An der Spitze dieses Jahres stehen ein Dank und ein Wunsch. Jtn ersteren ilt ein Rückblick, im anderen der Ausblick enthalten, 'Lu Betrachtungen, wie sie sonst üblich und nutzbringend waren,- Pur Kritik des Gewesenen und einem Kvogrammt für die Zukunift fehlen Stimmung und Zeit. Und trotzdem steht für jeden, der »wischen den Zeilen liest, etwas davon im Tank und im Wunsch. Wohin wir blicken, »ollen wir Dank. Im Gebet erhebt der Fromme die Blicke zum Himmel und dankt für das Walten der Vorsehung, voll Ehrfurcht streckt die Heimat ihre Hände zum Dank nach, der Front: „Ihr habt uns beschlitzt," und schier andachtsvoll sieht der Krieger auf Ebtern, WM. und Kind. Auch er dankt mit! dein schlichten Wort: „Ihr habt geschafft." Es sind Tage vergangen, nt denen jeder jedem etwas bohl Bitterkeit vorzuwersen fuchste, es ^u.chte heute ein junger Tag, ein.juitges Jahr herauf, »n dessen! Beginn jeder jedem entgegen trete, offenen Herzens mit dem Biö- kenntnis der Dankesschuld. Tug wir das, so sehen wir uns ganz anders an und nehmen den politischer nnd wirtschaftlichen Kampf mcht mehr neidbeseelt auf, sondern im Gefühl, einen Wettkampf für das allgeineine Beste »u beginnen, wenn auch, der eigene Vorteil voranstehen soll. So kommen wir zu dem Wählspruch: „Leben und leben lassen!" Hier setzt mein Wunsch, ein. Mögen alle, die etwas »u sagen haben, und alle, deren Einfluß, über die eigene Person hinausreicht, sich diesen Wahlspruch stets vergegenwärtigen: Leben und leben lassen. Dann wisrd die drückende ^Schwüle weichen, der alles vergiftende Neid fällt ab, und/ dadurch, erleichtert sich die Sorgenlast, die wir schleppen, um ein gewaltiges Gewicht. Wer seine Handlungen nach, diesem Grundsatz richtet, hat weder Zeit noch Lust, nur aus Schadenfreude oder nur von der Mfmne des Verbietensl beseelt, kreuz und quer Anordnungen »u treffen, damit etivas besohlen wird. (Er gönnt jedem sein Leben, solange es verläuft, ohne offenkundigen Schladen nach außen anznrichten. Damit kvmme'nl wir ans das freie Spiel der Kräfte, wie es vor dem Krieg stattfand Uiid nach, dem, Krieg so schnell als möglich wieder eintreten muß. Wir wollen in diesen Neujahr slvnn sch keine Prophe.zeiung Verflochten. Solche jGedankensprünge haben sich meist als trügerisch erwiesen, weil der Prophet au,st.seinem! Reitplserd „Hoffnung" in das Neuland galoppierte. Wenn wir uns vorn-ehnren, wo es immer geht, unser eigenes Leben frei Ml .sichren, den Angeirblick ftuo au&i Mmutzen, aber auch in nt Takt und 'Liebe den Nachbarn nach seinen Faffon selig werden zu lassen, können wir das Träumen und Spintisieren von einer besseren Zukunft aufgeben, dafür aber die Gegenwart Mit Resignation oder Humor, friedfertig oder kampfbereit, te nach Temperament und Geschick hinnehmen. Rllhe und Fassung m leder Lage, sonst aber Heiterkeit i.m Wesen, läßt das L-eben ertragen und hebt die Seele über den Wechslet der Ereignisse Ohne Humor kommen wir nicht mehr durch. Und gerade in ernster Zeit, tn schweren Tagen, ivie sie verantwortungsvoll nird drückend wohl 'kaum einer Goneration vor uns in ihrer Gesamtheit Mrten geworden sind, sei es erlaubt, mit einigen Worten aus dem 5^0^. des Humors hinzuweisen. Humor liegt »nie eine Perle in der Tiefe der Ereignisse, er ist nicht mit deni Wich n vergleichen des,en Schaum stur die Oberfläche kräuselt, ein Philosoph nannte ly«.„Ern slchnecken mit deni Ernst des Lebens". Wer aber zu necken' begrmtt, hat überwunden, seine Seele gleitet üjb-er die Abgründe wld steht über deni Leid. Der Humor stammt nicht ans Herzlosig- er ist eure Gabe des Herzens. Die einfache Mahlzeit lvürzt solcke Gabe, den rauhesteu Weg und die längste Straßenstrecke. ,,. vp** e3 gnbt doch Dinge, wo jeder Humor ein Ende hat. höre ich sagen. Gewiß, doch diese Dinge kommen nicht an uns heran wenn der Staat und ivir und alle, mit denen wir zu tun haben" den Grundsatz ^rseckstan: Leben und leben lassen. Darauf kommt es atte er seinen Platz im Himmelreich aufgesagt, aber wie d:e meisten anderen Hausmeister hatte er ficf^ ein schönes Stück Geld zurückgelegt und kam jetzt wieder auf die Erde herunter, um niit den Menschen zu plaudern. Er plauderte gern. Und ans seine alten Tage war er ganz anders geworden. Das lvar nickst mehr der wnge Petrus, der lösen und binden konnte, Ecksteine und Felsen. Sem Amt an der Himmelstür hatte ihm Gelegenheit zuni Nachdenken gegeben; und es war ihm gegangen, wie es eben manchmal geht: er ioar ans seine alten Tage freisinnig geworden und da-^ mit milder von Gesinnung. Früher hatte er nicht mit sich reden lailcn ; er hatte dem Unwürdigen die Türe gerade vor der Nase zu ge Magen, da hatte kein Bitten und kein Weinen geholfen, die Gerechtigkeit mußte ihren Lauf nehmen. Aber jetzt lvar es anders. Er war alt und gedächtnisschwach gewordenund erinnerte sich, nickst mehr so genau an den Unter-, schied zwilchen Recht und Unrecht — worüber er in seiner Jugend jo gut Bescheid wußte. Die Bergeltungstheorie, die doch di« Staatsverfa|sung des Himmels ist, bebanu ihm ins Wanken zu ge^ raten: und da sah er eu« datz eS für ihn Zeit war ju gchen. Unser Herrgott mochte sich nach einem arideren Pförtner und Premiermmilter umsehen. Eine alte Jugendliebe zog ihn zur Erde, und jetzt saß er also hinten auf einem Schllitten und ftihr über die große lveiße Ebene über sich lauter Sterne. Und es lvar in der letzten Nacht des Jahres, lvv die Erde iksten Lauf verlaugsamt und im Weltcnraum sttlllieht, wahrend der ZwölfMag hinausdrölmt. v , Es inochtc jetzt gegen zehn Uhr sein. Der Bauer hielt an und drehte sich im Schlitten um: er hatte eine Flasckv aus der Biust. taiche gezogen. „Trrnt eins," sagte er zum heiligen Petrus. 548 .Tanke," «ttlwrtete dieser, indem er fchjtuckbe. „Man utufe ivohl das alte Jahr lftnunter spülen." Ta funkette es in den kleinen feuchten Aenglcin des heiligen Petrus auf, aber er nickte nur, so gut er ko-nndtz, init seinem steifen Nacken. Beim Stadttor verlies; er den Bau-er mit vielen Danksagungen und einein ehrlichen Handgeld und begab sich in die Stadt. Es war hier nicht ganz so kalt wie draußen auf dem Lande: rmd die Häuser schnücgten sich aneinander mid wärmten sich wie Ätcnschcn daran, daß sie nicht allein rvaren. Aus den Fenstern strömte Licht. Tie Straßen waren beinalte leer. Was draußen war, das lies oder stand und stampfte in Stvohschuhen an Haltestellen und vor den Toren, wo die Wagen rvarteten. Wenn die Tür zu einem Restaurant ausging, dann drang die Wärme luie weißer Rauch heraus, und es roch nach Speisen und Menschen. Ter heilige Petrus bekam Hrurger mrd stieg in einen Keller hinab, uw Leute an Holztischen mit Wachsleimvand saßen und eine riesenhafte Frauensperson linier einem Zmktisch stand und Portionen ausreilte. Ter heilige Petrus bekam Suppe und Fleisch und aß, tväHrend er seinen Nachbarn zuhörte — einen: gvoßen Mann mit Stier-, rraaen und Selmen wie Lederstreiscn, und einem kleirren, ausge- preßten Männchen, dessen mrreiner Teint rrnd sarrste, kurzsichtige Augen den philosophischen Schuhnracher verrieten. „Tu hast dich nicht schön gegen mich benommen, Jacke, nein, das hast du nicht, aber wir ivollcn doch Freunde sein, denn jetzt ist das Jahr zu Ende und . . . ." „Streusand drauf, Schuster!" „Und siehst du, das nerre Jahr ist gewissermaßen etwas Restlos . . . „Sollst leben, 'Schuster!" „Und da soll man vergessen, tveißt du!" Ter heilige Petrus war wiÄwr auf der Straße. Tie fassen lagen lvoch leerer da, die Kälte hatte zugenommen, d«»e Sterne zitterten und blinzelten. Es ging gegen zwölf. Der alte himmlisch Pförtner schlenderle einsam mrd verlassen Gasse aus, Gasse ab, -und er begegnete nur einem Hund, der sich an ihm rieb und mit ihm ging. In einem Hause tvarerr im Erdgeschoß die Rouleaus nicht herabgelassen, und der heilige Petrus sah in ein erleuchtetes Zimmer, wo eine Familie um den Abendtisch versammelt war: Vater und Mutter uud Kinder nrrd .Freunde: alle starrten auf ein Zifferblatt, auf dem ein Zeiger langsam zum höchsten Punkte kroch, und der Familienvater stand da, fertig mit seiner Rede auf däs neue Jahr. Nun fiel der erste Schlag von estr-em Kirchturm. Andere antworteten. Ter ganze Raunr erklang. Der Mann mit der feichgen Rede begann die Lipven zu beivegen, und der heilige Petrus brauchte die Worte nicht zu hören, um sie zu verstehen. In diesem Augenblick sah alles vorwärts, alles, was leben wollte. Das Vergarrgene war ausgelöscht. Der heilige Petrus dachte cm den Trmrk des Bauern, der das alte Jahr hinabspülen sollte, und er sagte zu sich selbst, daß es dieser Trunk ist. an dem die ganze Menschheit sich wärmt, um Mut zu fassen, den Weg über die große, weiße Ebene weiterzugeherr, wo die Kälte so furchtbar ist. Wenn wir nicht vergessen kömrten, könnten wir nicht leben. Das Vergessen ist der große Eichster des L-ebens. „Das ist das Beste, was du ihnen gegeben hast, Herr," murmelte der heilige Petrus mrd ivanderte weiter, vorbei an erleuchteten Wohnstätten, wo die Menschen danrit beschäftigt ivaren, sich selbst hinters Licht zu führen) Tie Nach war groß mrd hoch. Ein Polizeimann betrachtete den einsamen Minderer mit schläfrigem Mißtrauen. VSchertisch. — „Tapfer und Tre u". Memoiren eines Offiziers der Schweizers arde Ludwigs XVI. .Historischer Roman in 2 Bänden von Joseph Spillmann S. I., 5 Marck, geb. in Original-Leinwandband 7 Mark, Herdcrsche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau. —• Als spannend geschriebenes Werk eines Ge,'chichts sorschers und Dichters zugleich, ist es von Begeistermrgs- fähigkeit und War in Herzigkeit getragen. — Tie bei VelhagenLKlasing in Bielefeld und Leipzig erscheinende Sammlung „Au s den Tagen des großen Krieges" hat scharr eine Reihe sehr guter Quellenschriften zur Geschichte des großen Ringsirs unserer Tage gebracht. Ter neueste Baud mit dem Titel „Um Riga und Oesel" ans der Feder des bekannten Kriegsberichterstatters Rolf Brandt ist ein Erinnerungsbuch an mrser letztes gegen die rechte Flanke der russischen Front gerichtetes ruhmreiches Unternehmen, das in rnustergültigenr Zusammenarbeiten von Heer und Flotte die alte deutsche Stadt Riga und die dem. Rigaischen Meerbusen vor-, gelagerten Jnselrr irr unseren Besitz brachte. — Die „Fliegenden Blätter" (Verlag Braun und Schneider, München) haben in dem eberr abschießenden Halbjahr—• wie während des ganzen Krieges — erneut die gesunde und sieghafte Kraft des deutschen Humors bewiesen, der bis zur letzten. Stunde des Weltrstrgens tapfer mit durchhält uitb sich bewuA ist. daß ihnr gerade jetzt eure besondere Aufgabe für Feld und Heimat obliegt: Tie Herzen froh zu erhalten und nach den Art-, streu gnngen und Sorgen schoerger Pftrchterfüllung draußen rrnd drinnen Erholung und Airfyeitermrg zu bieten. Daß in einer solchen. Zeit nuv das Beste gut gemrg ist, bewähren die „Fliegenden Blätter" wie in dem reichen humoristijchn Teil so auch in den Beiträgen patriotischen Inhalts. Harmlose, nie verletzende Saune, treffsichre Zeitsatire, achte und tiefe Poesie vereinen sich ist Wort irnd Bild, in Vers und Prosa zu einerrr heiteretn rrnd schönen Ganzen, so daß die Wocheirunmmern der „Flicgendenj Blätter" den Feldgrauen in allen Heeres teilen wie den Daheim-, gebliebenen stets eine srvhbeqrüßte, null kam mene Gabe sind. Preis für das Vierteljahr (13 Nummern) 4 Ndark. ' — T ie Schau b ü hrre, Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, herausgegeben von Siegfried Jacobsohn, enthält tn der Nummer 51 ihres dreizehnten Jahrgangs: Gräber-Saluk, von Germanieus. Rathenau mrd die Massentanse, von Fritz Harold Cohn. Trotzkt, von Franz Rudolphy, Zum Problem der Demokrati-, sierung. III, von Moritz Goldstern. Heydebrand, von Erbe. Ernst Barlach Bildlraner rrrrd Dichter, vorr Dora Wentsck)-er. Ergebnisse, von Mfred Grünervald. Worhelrbente von S. I. 30 904 von Msred Polgar. Z. E. G. Anttvorten. — Sven H e d i n, „B agdad-Babhlvn-Ninioe^st 165 Seiteir, 26 Wbildrrngen (16 Photographien, 10 Zeichnungen Hedins). Feldpostansgabe 1 ^arf. Leipzig, F. A. Brockl)anS. ' Gietzener Hausfranen-Bcrein. Kochanmeifungen. Gefüllte Aepsel. Man sckKlt ganze dlepfÄ. alle vorr einer Sorte, und höhlt das Kernhaus aus. Tie Höhlung füllt man mit Johannisbeergelee o-ber Korinthen oder Rosinen, die man gut zuckert. Man legt die Aepsel in einen Kochtopf und gießt etwas Wasser sowie den Saft der ausgeidchen Apfel schalen dazu. Sind ^die Aepsel weich dann füllt man sie in eine tiefe Schüisel. Ten Saft koch man mit soviel Sago auf, daß die Masse dickflüssig wird. Sie wird nach Zucker abgeschmeckt und über die Aepsel gegossen. Kalt oder warm zu reicherr. K a r t o f f e l s p e i s e für 8 Personell. 4 Pfund mehlige, am Tage vorchr in der Schale gekoche Kartoffeln loerden gerieben, mit einem Päckchen Ei-Ersatz, den man in zwei Eßlöffel Milch oder Wasser aufgelöst hat. 3 Eßlöffel Mehl aber gemahlene Graupen, V 4 Pfund Zucker, 1P Gramm Salz, gut vermisch. Ter Teig nftrd 1 Zentimeter stark ausgevollt. Eine Springform rmrd mit Fett ausgestrichen. Zurrächst Vonrmt nun eine Lage Teig auf den Boden der Form, dann eine in Scheiben geschnittene Lage Aepsel oder anderes Obst, dann Teig u s. f. Zuletzt Teig. Jetzt bestreich nrarr die Oberflöch mit einer kalten, stnfangerührten Vanille- tmcke und läßt das Ganze etwa 25 Minuten im Backofen backen. Schwarzwurzel mit Klößen. Tie geputzten Dchwarz- wurzeln werden in etwas Salzrvass-er gargekocht, mit dem Sclfnim!-- löffel herallsgenommen mrd warm gestellt. Ein Teil der Brühe stellt man zur Tunke zurück, im anderen Teil koch man kleine Mehlklöße. Man bereitet solche ans M-el/l, Fett, Magermilch Ei-Ersatz und etrvas Salz mrd stülp sie mit dem Löffel ab Die Tunke bereitet man ans einer h."lle.r Mehleinbrenne, Zitronensaft, Zucker und geriebelrer Muskatnuß. Vegetarische Sülze. V 2 Pftcrrd Tomaten, 3 Mohrrüben, 2 Salzgurken, 1 Zwiebel. 2 rote Rüben, 1 Knolle Sellerie. 6 Pfefferkörner, Essig und Salz nach Geschmack. 3 Brühwürfel. 3/4 Liter Wasser mrd 12 Blatt Gelatine In 3 / 4 Liter Was'er gibt man die Pfefferkörner und kocht darin die Mohrrüben rrnd SelleAe- schiben gar. Dian schrieidet unterdessen die Zlviebel, Grirkcn und vote Rüben in gvobe Würfel. Sind die Mohrrüben und Sellerie, gar, so Wst man die Brützrvürfel auf, schneckt nach Essig und Salz ab rrnd löst die Gelatine in der Brühe auf. Nun gibt man sämtlich Gemüs-ewürfel hmein und rührt das Donratenmark durch Giebt alles in Schalen amb läßt es erstarren. Es ist eine gute Beilage zu Kartoffeln. Merkrätlel. Knabon — Verdeck — Fechter — Brngt — Prediger — Mariechen — Lichter Don jedem Wort stnd zwei nebeneinarrder stehende Buch- staberr zu merken. Tiefe Aulgahenpaare müssen im Znsanrmenbang etwas bezeichnerr, das mit bcu Bolksgebräuchen am WeiH»rachtsseste innig zrisammenhängt. (Auflösung in nächster dkunrmer.) Arrflösmrg des Logogrrphs in voriger Nuucmer. (Adel. BcrS, Karrt). — Advent. Schrrftleilrurg: W. Aiever. — Zivillingsruirddruck der Brüh l'schen lln v. Buch' rrnd Steindrrrckerei. R. Lange, Gießew