Momag, den 24. Dezember ^ 0 B ^ M ^-v - ^ ^ ^ ö t El>* — jL J 0> WlrrhaljuNZsbiaL M IGie^eNerAryeiZer {Qfrm Die Rächer. Roman von Herm ann Wagner. (Fortsetzung.) Dent anderen war, als träume er. Er suchte nach scharfen Worten, um diesem Menscl-en, der so tat, als könne er Liber ihn vsrfngeu, zu antworten. Alleür er fand keine Worte, obgleich nichts von Furcht mehr in ihm war. Ein gooßos Staunen hielt seine Sinne umfangen. „Sie reden »0 sonderbar mit mir/' sagte er nact) einer Weile, „so k»iZderbar, wie noch nie ein Mensch mit mir ges prochen hat. Meine (Gedanken suid verworren, und ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll. Mles, was Sie mir scheinbar erheiben wollen, wird doch nur um so dunkler... Sie er- Reisner senkte die Augenlider und schien doch seinen Partner fest anzustnrren. „Nein," sagte er, „ich war es nicht!" „Wer war es?" „Ein anderer, der noch im Gefängnis sitzt, — noch zehn larbge Jahre ..."" „Uick wer war jene Frau?" „Jene Frau, auf die der GefanHsu-e inm wartet? Die der Antrieb zu seinem Verbrechen tnar? Die er verfluchen müßte, verfluch»l und hassen, und die er dennoch liebt, oie er liebt und auf die er .vartet, in Hoffnung und Augst, —, noch zehn lange Jahre?'" „Ja." Reisner schrie ihn ivild arr: „Sie kerrnsn sie, junger Mann!" Herr von Webenau ließ das Steuer fahren. Er zitterte am ganzen Leibe. „Ist... sie... es?'" fragte er leise. „Sie,"" brüllte Ä-sisiver, „ja!" Es gab eine lange Pause zwischen ihnen, in deren Verlaufe Herrn von Webenau alles klar wurde: der Haß und der Schmerz dieses Mannes, in dessen Augen Tränen standen, — Tränen, die er weinte, ohne es zu wissen, die über seine Wanken kollerten und auf den Boden des Bootes fielen, mit dessen Schmutz sie sich vermischten. „Bitte/" wandte er sch weich an Reisner, „wollen Sie die Güte haben, nun an Land zu rudern?" ,^a," sagte Reisner abwesend und griff mechanisch nach den Rudern, „gern." Er holte aus, und das Boot schnellte, das Wasser lautlos durchschnerdend, dem Millstätter Ufer zu. Sie stiegen aus, und Herr von Webenau kettete das Boot an, während Reisner wieder in seinen Rock fuhr. Dann schritten sie neberreinander dein Seehof zu. Aber noch che sie ihn erreicht hatten, machte Herr von Webenau Reisner em Zeichen, sich mit zu setzen. Eine Bank stand an der Straße. 'Gegenüber auf einer Wiese mähte ei» Mann Heu. „Sind Sie der Freund jenes Mannes, von dem Sie sprachen?"" fragte Herr von Webenau. Reisner nickte. „Ja, der einzige, der ihm geblieben ist." „Ulnd ist das, was Sic mir gesagt haben, die reine Wahrheit?" „Es ist die reine Wahrheit, ja." „Ich, . . . ich bin erschüttert," sagte Herr von Webenau, „und uh, . ich fürchte mich. Ja, ich habe Furcht. Und ich mochte — sie nicht mehr sehen . . ." Reisner ergriff seine Hand und drückte sie so stark, als wollte er sie zerquetschen. „Ich danke Ihnen," sagte er mit erstickter stimme, „ich danke Ihnen im Namen — des an* deren!"" Sie schwiegen wieder. Nack» einer längeren Pause fragte dann Reisner: „Was werden Sie tun?" „Jck> werde abreisen/" antwortete Herr von Webenau, „nock) heute, und ohne ihr etwas zu sagen ... Sie bleiben noch hier?" „Ja." „Wissen Sie," sagte Herr von Webenau und blickte dem anderen ins Gesicht, „manchmal will es mir fast scheinen, als ob S 1 e sie liebten!" In Reisners Antlitz benregte sich keine Muskel. „Ich? Wie kommen Sie daraus?" „Die Art, wie Sie mich haßten . . . , % ei ? n f c tonlos. „Ick) gebe Ihnen mein Wort, oatz ch diese ^-rau noch nie in nreinem Leben gesehen habe. lLrst vor Tagen, — als ich hierher kam, — sah ich sie — 5 H m a brst.n Male . . . Und da war ich mir sofort über eines klar!"" „Worüber waren Sie sch klar?" „Darüber, daß ich sie haßte/" antwortet Reisner, „für ihn haßte, den anderen, der für sie büßt!" „Sie ist sehr schön/" sagte Herr von Webenau wie im Traume. „Und ncht nur das. Sie hat etwas, das . . <- "$L a '" rie f ^isner aus, „und dieses ist es, das ich hasse, meses Etwas, das uns Männer verdirbt!"" Er stützte den Köpf in die Hände und brütete vor sch hin. „Auch mich har es ja verdorben," fügte er, wie zu sch selber sprechend, hinzu, „mich und viele andere. . ." „Sie haben sehr Schweres erlebt?" fragte Herr von Webenau leise. ,Lch war im Gefängnis," antwortete Reisner, „vier ^ahre. . "Wegen versuchten Totschlages. — sagten Sie nicht so?" „Dafür, daß ch die Hand gegen einen erhob, den eine andere erschlagen wollte!" Er schwieg plötzlich und schüttelte Mit einer einzigen Bewegung alle finsteren Erinnerungen von sch ob. Er stand auf: „Wir wollen gehen, es loirb Zeit!" „Wir ivolten uns verabschieden," versetzte Herr von Webenau, „ia." O 542 „Werden Sie noch, heute reisen?" c>n einer Stunde. . ." ^Geben Sie mir Ihre Ha^ld! Sie ftrt-b brav! Ich werde Kit Dankbarkeit an Sie denken!" (Sie schritten auf den Seehof zu und begaben srch ein ;e- ber auf sein Zimmer. Lucie Blümner war nickst zu sehen. . „Hast du aufgepatzt, was sie mach.t?" wandte sich Rers- ner an seinen Diener. „Seit drei Stunden ist sie in ihrem Zimmer, das sie Verriegelt hat," antwortete Prokop. Reisner war unruhig. Bald trat er auf den Balkon Linons, bald warf er sch in einen der Stühle. Die Zeit schlich wie auf Krücken. Endlich schlug es sechs. „Ein Wagen ist unten vorgefahren," meldete Prokop. Reisner stürzte auf den Balkon. Er sah es, wie Herr von Webenau einstieg, der Wirt verabschiedete sich mit gekrümmtem Rücken von ihm, Hausdiener, Stubenmädchen und Kellner nahmen ihr Trinkgeld bt Empfang. Im rechten Flügel des Gebäudes wurde ein Fenster ge- -fstret . . . - Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, der Wagen arbeitete sich aus dein knirschenden gelben Kirs heraus. Da rief aus dem Fenster, das im rechten Flügel des Hauses geöffnet worden war, eine weibliche Stimme ein paar Worte. . . Doch die Worte verhallten ungehört, der Wagen fuhr weiter, und nur der Wirt mit seinen Leuten wandte sich dem Fenster zu. „Prokop," sagte Reisner zu seinem Diener, „geh und melde der Dame drüben, daß ich dringend mit ihr zu reden habe!" 14. Kapitel. Reisner trat ein und zog verächtlich die Mundwinkel frxfy. Er sagte sich, daß es voit dieser Frau doch albern sei, albern und geschmacklos, ihn in diesem Kleide zu empfangen. Lucie Blümner lud ihn ein, sich zu setzen. „Sie wollen mich sprechen?" sagte sie in einem ehrlich liebenswürdigen Ton, der bewies, wie unbefangen sie war. „Bitte, was haben Sie mir zu sagen? Weshalb sind Sie hier?" „Zunächst deshalb, um Ihnen Empfehlungen von Herrn von Webenau zu übermitteln, der abgereist ist." „Ich danke!" „Wissen Sie auch., warum er abgereist ist?" „Weil Sie ihn fortgeschickt haben," lachte sie, „natürlich!" „Ich habe ihn fortgeschickt, ja!" „Fürchtete er sich so sehr vor Ihnen, — der Arme?" „Nicht vor mir, doch vor Ihnen!" „Oh, ich hätte ihm nichts getan," rief sie aus und griff nach dem Zigarettenetui, das neben ihr auf dem Tisch lag. „Haben Sie Feuer?" „Hier," sagte er. „Doch Sie, nicht wahr?, — Sie kennen keine Furcht, am wenigsten vor Frauen?" „Nein," sagte er. Sic zog den Rauch ein und stieß ihn durch die Nase wieder aus. Es war zu sehen, daß sie viel rauchte. Doch stand es ihr gut und nahm ihr nichts von ihrer Weichheit. „Das ist recht," sagte sie, „mir imponieren Männer, die sich nicht fürchten . . . Rauchen Sie nicht?" „Danke," sagte er und bediente sich. Sie kreuzte die Beine und gab dem Schaukelstuhl einen erneuten Stoß. „Wissen Sie, daß es zweierlei Arten von Männern gibt, die behaupten, sich, vor den Frauen nicht zu fürchten? Sehr naive und sehr erfahrene ... Ich zähle Sie zu den naiven!" „Das sollten Sie nicht," sagte er ernst. Wieder warf sie mit einem Ruck den Kopf hoch. „Oh," rief sie lachend aus, „mein Haar!" Sie eilte zum Spiegel, um ihre Haare, die herabgefallen waren, wieder lose aufzustecken. Er sah im Spiegel ihr Gesicht, das in einer stummen Sprache zu ihm redete, in einer Sprache, die er verstand und um derentwillen er diese Frau verabscheute. „Bin ich schön?" fragte sie. antwortete er, „aber ich. begreife doch nicht, wie- fe Sie jemandem zum Verderben wMd-e" konnte" " Sie blieb vor seiner Beleidigung unberührt und blickte überlegen über ihn hinweg, so, als ob er ein Scl)wätzer wäre, der sie im Augenblick amüsierte. „Ich. glaube es Ihnen, daß Sie das nicht begreifen. Ihre Formel ist sehr einfach. Sie sind kein Mann." „Oho!" drohte er ihr. „Kein Mann," wiederholte sie, ihn unter einem mit einer graziösen Gebärde besänftigend. „Ihr herrisches Gebaren täuscht mich nicht. Es bestätigt mir nur, daß Sie im Innersten schwach sind." Er lachte rauh auf. „Oh, ich würde es schon auf mich Nehmen, Sie zu zähmen." Sie wandte sich ihm zu, ließ beide Arme herabsinken und sah ihn, sick). ihm gleichsam wehrlos preisgebend, voll an. „Das würde Ihnen nie gelingen. Ich fürchte Sie nicht. Nein." „Vielleicht werden Sie es noch lernen, mich zu fürchten!" Ihre Augen schimmerten in feuchtem Glanz. „Wie, . . . wie wollten Sie das zuwege bringen?" fragte sie leise. Er forderte sie mit einer Handbeweyung auf, sich zu setzen und rückte seinen Stuhl nahe an den ihren heran. „Ahnen Sie es noch «nicht, daß ich Ihre — Vergangenheit kenne?" fragte er. „Ich weiß es," sagte sie mit einer Ruhe, die ihn seltsam packte. „Ich wußte es von dem ersten Moment an, als ich Sie sah, und doch fürchte ich Sie nicht. Was können Sie mir tun?" „Ich. kann Ihnen überallhin folgen, — wie ein Schatten."- „Ich fürchte auch keinen Schatten," sagte sie, „nein, Ihr Schatten würde mich nie erschrecken, nie!" „Mein Schatten würde zu Ihrem Gewissen werden," mahnte er sie. „Schreckt Sie auch Ihr Gewissen nicht?" Sie schüttelte den Kopf. „Ein Mann sitzt für Sie im Gefängnis," fuhr er fort, „und büßt dort Ihre Schuld, — noch zehn endlose Jahre muß er büßen, muß er warten und sich, sehnen, — Tag für Tag, Monat für Monat, Jahre hindurch. . .. Wissen Sie., was das heißt?" „Wissen S i e es?" gab sie zurück. „Ich weiß es," sagte er mit abgestorbener Stimme, „oh ja." Ihre Augen weiteten sich, wuchsen in einem trüben Staunen. „Sie —?" ' Da verlor seine Stimme mit einem Male alles Drohende, sie wurde leise und war doch voll eines maßlos Schweren. „Ich war mit ihm zusammen, — verstehen Sie mich? —: mit ihm! . . . Und es gab keinen außer meiner, den er hatte, wie auch er der einzige war, der mir geblieben war. Er war mehr als mein Freund, denn was bedculeu an jenem Ort Begriffe wie: Freundschaft?!... Er war ein Stück meines Körpers, meine Seele war ein Teil von ihm. Es gab keine Falte in dem Herzen des einen, die der andere nicht kannte, — wir liebten einander, wir waren eins!" Er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und schwieg eine Weile .„Und dann durste ich plötzlich gehen, ich war frei . . Nie werden Sie das begreifen, was cs heißt: frei sein! Es heißt, wieder leben dürfen, wo man doch schon tot war, wieder atmen können, wo sich einem doch schon eine harte Faust für immer nur die Kehle gelegt hatte . . . Ich durfte gehen, und er blieb zurück, — blieb allein zurück, wie auch ich allein gehen mußte und bis heute allein geblieben bin!" Er löste die Hände wieder vom Gesicht und sah sie an. „Verstehen Sie jetzt, wer ich bin und wie ich zu ihnl und zu Ihnen stehe?" „Ich weiß «nur, wie Sie zu i h m stehen," sagte sie. „Aber wie stehen Sie zu m i r?" ,',Jch bin Iba, um Sie an ihn zu mahnen, um Ihnen zu sagen, daß er noch lebt, daß er sich nach Ihnen sehnt unb daß Sie auf ihn zu warten haben." „Wie lange noch," sagte sie traumhaft^ „noch zehn lange Jahre? Dann bii^ ich alt." „Ja," sagte er, „und doch, müssen Sie warten, — denn er hat soviel für Sie getan, wie kein zweiter Mann für Sie tun würde!" Sie legte die halb verglommene Zigarette in dep Aschenbecher und drückte sie aus. „Er hat mich geliebt," jagte sie, „deshalb hat er es getan ..." ..Und Sie? Haben Sie ihn nickst geliebt?" 643 „Ich habe nur meinen Mann gehaßt, — das war alles » . . Der andere hat mich von ihm befreit. Dafür war tcf) lhm dankbar. Wir sind quitt." „Sie sind kalt und grausam," sagte er mit pochendem Herzen, denn ihm war, als müsse es ihn: gelingen, sie zu Überzeugen. „Denken Sie nickst daran, was er leidet?" „Er büßt, was er getan hat." ^Wlaren Sie es nicht, die ihn dazu getrieben hat, es zu tun?" >Sie wurde rot und ballte zornig die Fäuste. „Hat er Ihnen das gesagt?" ■ „ ... „Mehr noch," versetzte er und hatte die Empfindung, daß er eine Wolfsgrube bereite, in die sie unrettbar hinein-, stürzen mußte, „er hat mir Beweise gegeben." Sie biß sich auf die Lippen. „Beweise?" Seine Haltung nahm etwas Hinterhältiges an. „Es existiert ein Brief von Ihnen, der beweist oder es zum mindesten wahrscheinlich macht, daß Sie bei jener Tat damals die treibende Kraft waren . . . Ja, dieser Brief ist vorhanden. Zu Ihrem Glück lag er dem Gericht, das damals gegen Sie verhandelte, nicht vor. Sonst säßen Sie" — er lächelte düster — „jetzt wohl nicht hier!" Ihr Gesicht war verzerrt und sie kämpfte mit dem Atem. „Wo, ... wo ist dieser Brief?" flüsterte sie. „In meinem Besitz," sagte er langsam und kostete diese Minuten ihrer Angst voll au^, „in meinem sicheren Besitz." „Und er, . . . er hat Ihnen . . . diesen Brief gegeben?" „Er befand sich. an einer sicheren Stelle," antwortete er ruhig, „an erneut Ort, von dem ich ihn, als ich in Freiheit war, abzuheben hatte . . . Das habe ich getan. Mein Auftrag ist es, ihn zu verwahren. Ich erfülle meinen Auftrag." Sie schrie plötzlich auf, so laut und in einem Ton so tiefgründiger Qual, daß er bis in seinem Innersten erbebte. Sie war aufgesprungen und hatte sch, wie um ihm zu entfliehen, zur Tür gewendet, war aber vor dieser wieder jäh umgekehrt und hatte sich auf die Ottomane geworfen. Sie lag mit dem Gesicht nach unten und schluchzte. Ihr Weinen erschütterte ihren ganzen Körper. Es rang sich stoßweise aus ihr empor, es Überflutete sie, wie ein tosettd her- vorbrcchendes Gewitter eine lechzende Landschaft überflutet. Er trat zu ihr und berührte mit beit Fingerspitzen ihre Schulter. „Hören Sie," sagte er und spürte dabei eine große Trockenheit in seinem Gaumen, „Sie dürfen ncht so weinen, — man wird sonst aufmerksam auf uns!" Hatte sie das Tastende, unsicher Suchende in seiner Stimme wahrgenommen, jenes,'vor dem er jetzt selber erschrak, da es lote ein Versuch klang, den er unternahm, um ihr näher zu kommen? Sie hob den Kopf und stützte ihn mit der Hand. „Gehen Sie," sagte sie, „ich will Sie nicht mehr sehen . . ." „Fürchten Sie sich vor mir?" fragte er. „Das sollen Sic nicht." „Nein, ich fürchte mich nicht vor Ihnen, — aber Sie flößen mir Ekel ein, — Sie und der andere, ... ja. Sie alte beide!" * Er erblaßte. 5 ,Warum?" „Weil, . . . weil Sic ein Reptil sind, — ja,, ejin Reptil, das sich nachts anschleicht und das, wenn man es auf der bloßen Haut spürt - kalt, lüstern und gransant —, das einem dann Entsetzen -einjagt und Ekel und Granen, so daß man sich schüttelt ..." Eine Wdge von Erregung stieg in ihm hoch. „Sie lügen!" schrie er sie an, „Sie lügen, Sie verdrehen die Wahrheit! . . . Weshalb bin ich hier? Nicht um Sie anzugreifen, bin ich hier! Um den Dolchstich abznwehren, den Sie gegen einen anderen führen, — gegen einen, der wehrlos ist, den Sie verraten wollen!" Sie lachte ihm höhnisch ins Gesicht. „Lügner! Nicht deshalb sind Sie gekommen! Soll ich es Ihnen sagen, welches der wahre Zweck ist, der Sie zu mir führt? . . . Fangen- wollen Sie mich! Besitzen wollen Sie mich! Und weil Sie zu schvach sind, mich zu erobern, so steigen Sie, wie ein Dieb, nachts durchs Fenster, um mich zu stehlen!" Er starrte sie entsetzt an. „Sie . . . wollte . . . ick)—?!" Sie sprang auf, stellte sich vor ihn hin und hob beide Arme. „Sehen Sie mich an, wenn Sie es können!" Er hob den Kopf, ließ ihn aber sogleich wieder sinken, trat zur Seite und warf sich in einen Stuhl. „Sie sind ein Teufel!" flüsterte er. „Sehen Sie es, merken Sie es, daß Sie mich wollen,... mich, nur mich?!" ES überrann ihn kalt und heiß zugleich, denn er hörte es, daß in ihrer Stimme keine Drohung mehr, sondern unverhaltener Jubel war. „Ich habe . . . nie daran gedacht," murmelte er. „Aber jetzt, . . . jetzt denken Sie — doch daran?!" Er schwieg. Da brach sie unvermittelt, tief Atem holend, das Gr- sprach -ab, und als besinne sie sich, in welchem Zustande ihr Haar sei, ging sie an den Spiegel, um es hochznstecken. Er wollte es nicht und mußte es doch tun: er verfolgte sie mit seinen Augen, umfaßte sie mit ihnen, ließ, einem gebieterischen inneren Zwang folgend, den Zauber ihres biegsamen Leibes voll auf sich wirken. (Fortsetzung folgt.) Walls. Kriegserinnerung eines alten Heidelberger Korpsstudenten. Von Max Treu. (Nachdruck verboten.) Eines schönen Abends im Juli 1914, als ich gerade vom „Seppel" heim ging in meine Wohnung-, war er mir nach-elanfen, genommen. Ich sah ihn erst etwas erstmmt an, aber das kümmerte ihn nicht. Dann versuchte ich, rhu fvrtzufcheuchen, aber auch bas half niästs —> er lief unbeirrt hinter mfo her und tvottetH bald getreulich au meiner Seite. Ich warf ihm emige bedenklich« Blicke zu, der 'klassische Pickel ans „Faust" fiel mir ein, aber da ich mir 1>ewußt tvar, keinerlei Wünsche an Herrn Mephistopheles zu haben -oder jeweils gehabt zu) haben, so verschwand dieses drohende Spukbild alsbald, nnd ich ließ Nlir die Begleitung ge. fallen. Und mein Begleiter schien auch aar nicht willens, davon abznst-ehen. Ms ich die Haustür aufschloß, war er schon drinnen, bevor ich überhaupt mir recht überlegen.Sonnte, ob ich ihn denn nun wirklich mitnehmen sollte oder nicht. Er löste die Frage einfach dadurch, daß er die Treppe hincrufsprang, als habe er es schon tausendmal getan, und vor meiner Tür anhielt, als sei chm das etwas ganz Mltäglichtes'. Kurz und gut, ich war in dieser Nacht der Besitzer eines Hundes geworden. Nicht gerade eut Prachtexemplar seiner Rasse Ziemlich ruppig und struppig — Staat Sonnte mau nicht mit ihm machen. Eine Art Schäferhund, offenbar etivas verwildert, von gMer Sitte nur sehr wenig beleckt. Aber als ich daS alles nun! beim Sckstmmer der Lampe fest stellte, da legte das Tier seinen Kops aus mein Knie, sah mich so treuherzig rnrd gutmütig an, alS lootlc er sagen: Jag mich doch nicht wieder fort, ich habe ja keinen Menschen, der es gut mit mir meint, und <— wer tveish ob ich dir nicht mal vergelten kann, tvas du an nlir tust — Ich hätte ein Barbar sein müssen, wenn ich diesen treuen Blick aus den gutmütigsten Angen nicht verstanden hätte. Ich wies meinem zugelaufenen Freund eine Lagerstätte an, auf der er sich schveifwedelnd niederließ, nnd am anderen Tag gab ich eine Anzeige an die Tagesblätter, daß mir ein Hund zugelaufen sei, der ehrliche Besitzer möge ihn abholen. Mer niemand luoüte der ehrliche Besitzer sein, nieinand meldete sich — und das mar mein Glück, denn dieser Unehrlichfeit verdanke ich mein Leben- Der geneigte Leser oder noch vielmehr die freundliche Leserin werden hier sehr ärgerlich mir zu rufen: „Hör mal, du »vilkst. uns hier wohl einen Bicrnlk aufbinden?" Ich bitte um Verzeihung — ich erzähle die Wahrheit, nur ein ganz klein wenig Geduld, nnd es kommt Licht in diese dunkle Geschichte. „Wallo" so taufte ich deir Hund, da jeder ehrliche Hund doch einen Namen haben muß — erwies sich sehr bald als das Muster eines- Hundes. Er war treu, folgsam, zuverlässig und hielt - und das war sehr ordentlich — mit unseren Korpshnndan gute Kameradschaft. Zuerst zwar fa.hen ihn die Letztgenannten! ein wenig scheel an. „Wer bist denn du?" Aber schon nach wenigen Tagen duldeten.fie^ daß er aus ihrer S^ussel fraß und sich auf ihre Strohmatten zur Ruhe niederstreckte. Alles also atmete Frieden. Nur die Welt nicht; die geriet außer Rand und Band, und Krieg! nnd aber. Krieg! donnerte es durch Europa. Tie Mobilmachung kain, ich eilte zu beit Fahnen. Hinter mir versank Bur* schenliist und Burschenherrlichkeit, versank Heidelberg mit seiner Poesie, seinem frohen Leben, seinen lieben Mell schien 'und seinen! vertranten, alten Gaststätten auf den Bergen mrd im Tale, und in das Rollen des Zuges hinein klang mir aus tiefstem Herzens> gründe die Frage: „Werde ich euch Wiedersehen?" „Wan, wau!" sagte Wallo, der 511 meinen Füßen lag, uild ich übersetzte mir das in mein geliebtes Deutsch: „Ja, ja?" Wo« oder übet hatte ich den Hund mitnehmen müssen — niemand wollte ihn haben. Ihn totschießen, dazu ist immer noch Zeit, badyte ich, ivonn es notlvendig sein sollte. Jni Gegenteil, der Hairpt- manll drückte alle beide Angen.zu, als ihm sein jüngster Unter--, ossizier einen vierbeinigen Genossen mitb rackste: „Na, ja, ioenn 644 die Bestie sch^u mal da istz. lassen Sie ihn da ! "Uber £)ri>re parieren rnitfj er?" Sv j, u'>ht g.',i- dem vierbeinigen Kamcraidnr anfänglich i>be Ge,chichte nickt Cr. klemmte den edjmitj zwischen die Benie mw -nute jämnrerlich als der Höllenlärm ringsum lio-söraih Tie tot ooei vettvnüü zusammenbrechnioen Leute befchnupperte er ängsölich »md kam ixrai zu mir gerannt, mich tedesinat traurig au^echmd, als roolle fragen: „Warum? Warum i[u das alles?" 2a mein guter Walk, das mutte ich selbst nicht und auf solche Dosuorsrage kannte ich dir keine A-ntwori gedsn. Am seltsamsten war sein Benehmen, ivean er die Kugeln m seiner immittelbaren dtähe pfeife.l härte. Dann schnappte e, danach, so lebhaft und hastig, daß er daoei ftrßlwch in die Lust .'mporjpraug. 9lber keine tras ihn, p, wenig näe mch — Herr xub Hnnd schienen gefeit. Bald aber wich^ gerade wie bei den Msnschen, die vnfänglche AengsUvchikrit des Tieres. Schon nach wenig«,: Tagen ließ ihn das tollste Gewehrgeknattm kalt, er lief nmher,, als chnae ife das alles nichts an, und auch das Schimppsn nach den Kugeln gewöhnte er sich bald ab. So wurde er nicht nur mir, fendern der ganzen Kompagnie ein g-nZer, treuer, v-.nr allen gern gesehener Kamerad. Tann begann die Zeit der Schußangräben, und hier bekam Walk Häirdel mit den FranAvfen. Eines Abends höre ich weit draußen vor unserem Graben ein wütendes Gekläffe. J^l) erkenne Waltos Stimme; er nxrr ausgernctt und mußte etwa bei dem vorgeschobenen Horchposten sein. Was hatte sie Bejtte zu bellen, wo wir dcch, alle froh ivaren, wenn ringsum alles still blieb? Das Schlimmste aber Lrm rvoch. Offenbar dnrch das ihnen nicht erklärliche Gebell veranlaßt, fingen di-e Franzmänner, deren Gräben knapp ein paar himdert Meter von den un seren lagen und die damals noch eine ungeheuerlich« Mniritionsverichoendung trieben, ein tolles Geschiefer an, das stundenlang dauerte und uns natürlich zu angestrengte-rer Bereitschaft anhfelt. lind daran war Walk schuld. Bon dem Horchposten erfuhr ich daß der Hund mit großen Sprüngen hinüber zum französischen Graben geiagt war und dort die Franzosen verbellt hatte, mte^ Rufen und Locken tvar vcrgeblch — Walto griff die Fran-osen auf eigerve Faust an, diese wieder schossen stundenlang in die dunAe Nacht hinaus, und wir kainen um unseren Schaf. Das ging nicht, durfte nicht sein. Walto befeun eine Tracht Prügel und umrbe am nächsten Mend pxt die Leine gelegt Ich glaubte, rrun fei alles gut. Plötzlch fahre ich ans tiefem Schlafe auf. Bon drüben her schallte ein nmteiube* Gebelle — ich sehe nach richtig? meine Hundebestie hat die Leine durchgebisstm, ist abgerückl nnd greift die Franzosen an. Da soll doch gleich .... Schon geht das Geschieße drüben wi-sder los, dazwischen Wallos Gekläff, immer lauter, immer wütender — ein Höllenlärm ringsum, von Schlaf keine Rede. Ter Hovchposten meldet, der Hund mache alles rebellisch, höre aus kein Rufen, habe sich in den Angriff verbissen. .... Am anderen Mrsrgen gabs eine Kchone Bescherung. Wallo erhielt eine fürchterliche Tracht Prügel, dar Horchposten war ärgerlich und — der Oberst lam. „Was ist denn das für eine verdammte Bestie, die mis hier die Nluhtschietzerci auf den hals zieht?" ' Ich meldete mich als armer Sürrder. „Schaffen Sie den Hnnd weg! Tas geht nicht!" ,Ln Befehl, Herr Oberst!" Es tat mir in der toeefc leid, den Hund ferizuchaffan. Und auch die Kompagnie wollte ihn nicht misfen. Aber Befehl ist Befehl. Gin Kompagniaoffizfer, der sich bei einem Sprung One chwere Hüftoerletzung zngr^ogen. feilte in ein heimatliches Lazarett ge,chasft werden — ihm gab ich meinen Walto mit Gr wollte nicht, biß und zerrte an der Leine, verfechte ste durckubeißen — aber er mußte. Leb wohl, Walto! Das rvar morgens um 10 Uhr. Am Abend desselben Tages um xefe onl mt & ein wütend G-bÄl. Ich fahre zusammen: Las ist Waltos Ottmare. Er muß sich lo^Mrffsen. sich davongemacht haben — er hat sich zuruckgesund^i. greift die Franzosen auf eigene ^ust an. Und gleich davmrf geht das verdammte, wahnsinnige Geschieße toiebe? los. Gs rstz zum Verzweifeln! Na, und der Oberst .... Tabe feine Kette auftreiben können, Herr Oberst! Le men aber beißt er durch!" "dia, ich will mal sehen! Beim Regimentsstab srrird ja »vohl .^^ehriichc Kette sein! Ten Hnnd wegen seiner Treue vi schießen — ram, lueiat »oir es i>crmen>en können, wollen u>it ? vermeiden! Wer weiß, ivozn uns das Tier nvch mal nutze ist! .r.'v!len s also erst mal mit dem Anlegen versuchen — Kette wird ch ia wolst finden!" „Zu Befelil, Herr_ Oberst!" Gme Stunde daraus hatte ich vom Sbail' eine Kette. Gin Hurra r em Obersten! Aun wird Wallo nachts angelegt. Er riß und zerrte, biß an er Kette, «ber sie war feiijcc als /eine Zähne — er ßam nicht und ba.d feh er das Vergebliche seiner Anstrengungen ein .-nd legte sich zur Ruhe meker. Franzosen hinfort nicht mehr Angriff, es toa^ Wafsenstilljtand zwischen beidew f * c>n l-vmN tnt Erde des lridev^heckt, wie danke ich dir, daß dn mir meinen Wallo ge» ' L ' eTlT1 bist du, du strenger, bärbeißiger und doch w guter unb edler RegimentssÜhrer die berg wieterstch^^ daß ich mein Vaterland, mein geliebtes Heidef- Tas danfe ich dir — dir imd dem treuen Wallo . hiert n>ar SP Kriegsscl-anplaß vommrn-, drert^worden. Und hier ereüte mul, mein Schicksal. -vVn icnen verdammten Sumpfgegenden der polnischen Ebene ^ muh eme Kugel ttaf. Zwischen Surnps und Sästlf brach Memand merkte es: das hohe Schilf verbarg nftch iwllstandkg. Eine lange Ohnmacht umfing mich Als ich die Augen mS?* war es Nacht. Mles still ringsum. Ich konnte ch denkm ntd>t bewegen. „Das ist das Ende!" mußte Rührte ch einen warmen Hanch Wallo! Er beschnuppert mch Das treu* Tier. Nicht von .meiner Seide ist m chmächm! Und nun wird er Zeirge meines Sterbens fein! Denn ch fühle wenn man mch näht bald findet, dann kommt der Tod. lind wie P* ftchar. in diefem vermalodeiten Sumpf- frer i tntiten an hohen Schilfrohr. Ich will rufen - lch kann nrcht — Mödlch versagt die Stimme ... Ech.es kurz und gnädig, Vater im Himrnelk x cSl tm S! 7" weine Augen dunkeln — Fahr wohl di schöne Welt! 9äoch ernot letzten Grich dir, Wt-Hechelbergs Kein feindlicher Fuß hat deine Gagen betreten — grüne, blühe wache und gedeihe in fernste Zeiten! — Ta fahre ch zusammen. Ein lautes Gebelle. Das ist Wallo! Und immer lauter, immer lauter bellt er. als ob er seine Freunde die b-ran^oien vor sch yätte — was hat er? Ich höre ihn hch rnch her tagen, nnd im wilden Laufe bellt er, und bellt and bellt Er grüßt das Leben — ch grüße den Tod. . ' ' ' ' versagt. Matter und matter' klingt das B.llen des^Himdcs — es geht mit mir yu. Ende -- ^ *»» 0iBB t D°m- 5i^ m°ch der , letzte. >oas ich Wre D!>r»ck d-r Brüh l'sch-.- N,„v..B..ch. n„d Ste!»dr„ck-rri. R. Sange, <öjrß-1