$cm$ ag, den 8. Dezember vis Reicher. Nomari von Hermann Wagner. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Es war März geworden, und ReiSner hatte sich ent- schlossen, einige Wochen in die österreichischen Alpen zu reisen. Es war nicht allein Erschöpfung, was ihn trieb, der Arbeit d-en Rücken zu kehren. Er wollte einige Wochen wieder einmal der sein, der er früher gewesen war, ein harmloser Mensch, der dem Lebei: nicht mir dunklen Absick)- ten zuleibe ging. In Berlin war das nicht möglich, hier galt allein seine dNaske. Ob er di^e Maske wirklich würde abwerfei: können, darüber war er sich freilich noch nicht ganz klar. Oft dünkte es ihn, als ob ec mit ihr schon verwachsen wäre, oder als ob das, roas er für feine Maske hielt, in Wirklichkeit doch er selber war. Prokop bereitete die Reise vor. In ihm hatte Reisner einen Diener gefunden, lvie ihn ein Mensch, der nicht für und nicht mit, sondern gegen und ohne die Mitmenschen lebte, brauchte. Es wäre nicht leicht gewesen, zu sagen, lvie alt Prokop war: man konnte ihn ebenso gut ans dreißig wie ans vierzig Jahre schätzen. In seinen: glattrasierten, gelben Gesicht regte sich kann: je eine Falte. Die Haltung seines langen, geschmeidigen Körpers war jederzeit gerade, sein Gang, seine Bewegungen drückten Bestimmtheit aus und waren doch leick>t. Er sprach nnr, wenn man ihn fragte, und feilte Antworten klangen knapp, sachlich und treffend. Er war immer zur Stelle, wein: man ihn brauchte, und verschwand sofort, wenn er sah, daß er zu verschwinden hatte. Er war ein bis ins Vollkommenste aus- eführter Automat, der geräuschlos arbeitete und der doch achte. Reisner zahlte ihrn mehr als jedem anderen feiner Angestellten. Prokop war der einzige, dem er wohlwollte und von dem er mit Bestiinmtheit wußte, daß auch er an ihm hing. Er war Reisners Schatten. Er las seinem Herrn die Wünsche von den Augen ab und er fand immer die richtige diskrete Form, sie zu erfüllen, ohne daß mau eigentlich sah, tvie er es machte. In viele intime Angelegenheiten seines Herrn war er eingeweiht, in die ihm dieser oft mit drei, vier hingeworfenen Worten Einblick gewährte. Dabei verstieg sich Prokop doch nie dazu, eine Meinung, ein Urteil zu äußeru. Er hatte wohl ein Ohr, das aufnahm, dafür keinen Mund, der zurückgab. Und sein Dienen lvar keine Arbeit, sondern eine Hingabe. Er liebte seinen Herru. Prokop füllte die zwei Koffer, die Reisner mit sich nahm. „Morgen mit dem Nachtschnellzug fahren wir," sagte Reisner zu ihm. „Mer heute kounnt noef) Besuch Fuhre ihn tu mein Zimmer." Reisner lvar abgespannt. Er warf sich in seinem Zimmer in der: Klubsessel und raUcbte. Ich bin müde, und eö ist Zeit, daß ich fortkomme, dachte er. Er fühlte sich als Kämpfer. Und er brach jetzt den Kampf klug ab, so lange, bis seine Kraft sich völlig wieder erholt haben wurde. Kn Untergründe seines Bewnßlstins regte sich freilich sogar so etwas wie eine Sehnsucht nach Frieden. Mer gerade das war die Schwäche, deren er Herr weiBen mußte. Deshalb dräugte es ihn fort. Er schalt sich jetzt, daß er nur einen einzigen Augenblick aus den Gedanken verweiidet hatte, sich mit Frau von Marisch zu verbinden. Was konnte ibm diele Verbindung bringen? Eine Festigung seiner gesellschaftlichen Position vielleicht — und das war etwas, das er nie erstrebt, auf das er klugerweise von vornherein verzichtet hatte. Einen beträchtlichen Zuwachs seines Vermögens, gleichsam im Spiel errungen,, — und das war erst recht etwas, dessen er sicb hätte schänren müssen, da sein Ehrgeiz doch dahin ging, sich seinen Reichtum und seine Macht ohne Hilfe Dritter zu erringen. Freilich, er konnte es nicht verhindern, daß die (^danken an diese Frau zulveilen auch in anderer Form in ihm wach wurden, imb nicht nur an diese eiice Frau, nein, an Die Frauen überhaupt, au das Weib, — das er haßte, und sich über seinen Haß doch emporhob, mit einen: dunklen Lächeln auf den Sphinx.ippen, unverwundbar, ihm unendlich überlegen. So pochte in halbtoachen Nächten ein roter, stürmisch drängender Wille durch sein Mut, oer seinen Hatz höhnte, der seine Liebe hervorlockte, die doch noch da war, irgendwo ini Verborgenen seines Herzens, nnd die er demütig machte und die er sortschickte, arm und hungrig, auf daß sie suchen gehe und betteln. Die Erinnerung an dieses Zurückweichen und dieses Sichbeug-en im Traume vor dem Feinde, mit dem es für ihn keinen Frieden gab, versetzte ihn am Tage in eine namenlose Wut. Und er sann nach Mitteln, seinein Blut zu gebieten, seinem Blut und seinem Herz, und er fand kein anderes, als daß er einseitig seinem Blut scheinbar nachgab. Doch dieser List schäm e er sich wieder und gab den Gedanken au >ie auf. All seine Triebe warfen sich dairu mit zehnfacher Wucht und mit hundertfacheni Hunger aus die Arbeit des Tages, die ihn so zerrieb, daß er dam: nachts lvie tot in seinem Bett lag. Ja, es lvar Zeit, daß er fortgiug, wenn der Gedanke- daß er sich erholen müsse, auch, nur ein Vorwand war. Denn in ihm lvar ein sonderbarer Glaube erwacht, der Glaube all eine Möglichkeit, die wie ein Märchen nmmit-ete. Es schien ihm, daß es ihn: lvirklich möglich sein müsse, einige Wochen ein anderer Mensch za: sein, — diesen neuen Menschen nicht zu spielen, sondern er zu sein! Daß er dazu nur seine Maske abzulegen brauchte, das glaubte er nicht mehr. Eine große Verlvirrulig war in ihm. Wer war er lvirklich, was war seine Maske? Er wußte es nicht mehr. Mer eine geheime Stimme sagte ihln, daß er es erfahren tvürde, menu er von hier flöhe... Ja, er beschloß, morgen zu fliehen. Prokop öffnete lautlos die Tür und ließ Frau von Reisner erhob sich langsam, sah erschöpft aus und küßt« ihr die Hand, dte sie ihm mit einer Geste, bie halb gewahrte, halb abwies, überließ. Sie sah blaß und gequält ans. Da er sich tti# entschließen wollte, zu reden, schwieg auch sre. Etwas Fernd- seliges hing zwischen ihnen, das sre beide spürten, das aber nur eines von ihnen zu überwinden wünschte: sie. Da sie sah, daß er zu apathisch war, um aus frch heraus- LLgehen, nahm sie selbst einen Anlauf und sagte: „Ich brn gekommen. Haberr Sie mich wirklich erwartet?" „Ich habe nicht darüber nachgedacht,"" gestand er rhr. Man sah ihnt den Widerwillen an, den er zu übernnn- deu hatte, um ihr zu antworten, um überhaupt zu reden. Tr bereute es jetzt, sie empfangen zu haben. Immer wieder fragte er sich: wozu? Das Spiel war ans für rhu, sre sah es an seinem gereizten Lächeln. . .. Von den Gedanken, die unausgesprochen m ihnen lagen, ausgehend, sagte sie trotzig: „Ich muß trotzdem mit Ihnen sprechen. Ich bestehe daraus. Sie werden sich! mir nicht entziehen." „Wozu'?"" fragte er nun laut. „Weil Sie nicht nur ein Betrüger sein können! Deshalb!" Gr st jetzt bemerkte er, daß sie jene Papiere, dre er thr vor acht Tagen verkauft hatte, wieder mitgebracht hatte. Sie warf sie ans den Tisch. Die Gesellschaft, deren Aktien sie waren, hatte gestern liquidiert. Sie rvaren wertlos. Sie maß mit erregten Schritten das Zimmer, ihr Taschentuch gegen die Lippen pressend, die zuckten, als känipfe sie mit den Tränen. Sie sagte: „Sie haben es gewusst. Ihnen war genau der Tag bekannt, an dem die Gesellschaft ihren Bankerott erklären würde Und doch-" Da nicht genug Spannkraft in ihm war, sie zu verspotten, begnügte er sich damit, sich zu wehren. „Das müßten Sie mir erst beweisen/" sagte er. „Pfui!" rief sie aus. „Sie sind ein Weib,"" lächelte er. „Sagte ich Ihnen nicht, daß ich das Spiel, das Sie mir aufzwangen^ aus- rrehknen würde? Sie haben verspielt. Nun meinen Sie... Sie sind ein Weib!"" Sie drückte das Tüchlein gegen den Mnnd und weinte wirklich „Ich bin ein Weib, ja. Deshalb weine ich nicht bpm Geld nach das ich verloren habe. Das würde ein Mann tun . . . Ich weine Ihnen nach Sie habe ich verloren!"" Er wandte sich ihr zu, plötzlich ans das höchste interessiert. Er schickte sich an, in den verborgensten Fältchen ihres Gesichtes zu lesen, gierig, jede unbeherrschte Bewegung zu erhaschen, die sie etwa mackste. „Erinnern Sie sich?"" fragte er. ,,©ie machten mir jüngst einen Antrag. Ich oat Sie, acht Tage zu warten und mir dann zu sagen, ob Ihre Gesinnung noch die gleiche sei . . . Ich frage Sie jetzt: Wiederholen Sie Ihren Antrag?"" „Nein!"" rief sie heftig aus. „Nein?"" fragte er, und es war schwer zu sagen, ob in dein Don seiner Stimme Enttäuschung oder Freude oder beides zugleich lag. Er trat rasch vor sie hin und nahm gewaltsam die Hände von ihren Angen. „Ach,"" sagte er, nitd sie spürte das Ungewisse in seiner Stimme noch stärker, „Sie lieben mich —!" „Ich hasse Sie!" schrie sie ihn an. Er schüttelte den Kopf mit einer Bestimmtheit, gegen die ihr Zorn nicht anfkam. „Nein, darin irren Sie sich,"" sagte er zärtlich. „Am Anfang, als Sie zu mir kamen, um mich zu versuchen, — meinetwegen, da haßten Sie mich! Vielleicht ohne daß Sie es selbst wußten, — aber da haßten Sie mich! Jetzt . . . lieben Sie mich!"" Ihre Augen Umreit mit einem Male trocken. Auch ihr Zorn war verraucht. Allein sie war tief traurig und in ihren Worten lag eine Bitterkeit, die wußte, daß sie niemals wieder zu beheben war. „Sie sind ein Narr," sagte sie. „Ein Narr, der nicht lveiß, daß er es ist. Sie leben in einer Welt von Hirngespinsten, die Sie eines Tages so verstricken werden, daß Sie hilflos sein werden... Sie behaupten, daß es meine Absicht war, mit Ihnen zu spielen? Nein, daran dachte ich keinen Augenblick. Aber ich wußte, daß Sie sich ein Spiel daratts machten, andere zu verderben, aus Gründen, die mir dunkel waren, hinter denen ich aber 526 — ein Unglück vermutete, das Sie verbittert hatte... Deshalb kam icd zu Ihnen!" „Um mich zu retten —?' „Ich sagte Ihnen schon, daß Sie ein Narr sind. Wenn, Sie nicht wären, dann würden Sie nicht eine Frau höhnen, die Sie lieb hatte, um des Unglücks willen, das «m Ihrer Stirn haftet wie ein Mal.. Er wurde aschfahl. „Ein Mal?"" fragte er. Instinktiv erkannte sie, daß sie ihn getroffen hatte, <üx der einzigen Stelle, wo er verwundbar war. Sie sah ihn lange an. Und er ertrug ihren Blick, ohne sich zu rühren, als wäre das eilte Genugtuung, die er ihr schuldete und die er ihr nicht länger weigerte. „Was war es?" fragte sie weich, schon bereit, ihm zu verzeihen. Ein dunkles Fieber brach aus ihm empor, gewaltsam, jäh, schüttelte ihn und machte seine Augen glühen. „Gut,"' sagte er, „Sie haben ein Recht, es zu erfahren. Nur Sie! Aber Sie haben auch die Pflicht, es zu verschweigen. Ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen darf. Hören Sie mich an!" Er wartete, vor Gier bebend, nun eine Last von seinem Herzen zu schleudern. Dann stieß er hervor: „Was glauben Sie, wer vorLhnen steht?"' „Wer?"' fragte sie atemlos. „Ein — entlassener Sträfling!" „Ein Sträf—?" „Ja!" Sie erkannte ihit nicht wieder. Er war tiefrvt, seine Züge verzerrten sich, während er sprach, seine Brust arbeitete heftig. Alle Beherrschtheit war von ihm genommen. Es stand ganz unerwartet und deshalb überraschend einer vor ihr, der nur Mensch war, — nur Mensch, sonst nichts, mit allem Guten und allem Bösen. In raschen Worten, die einander jagten, in abgehackten, stoßweise hervorgewürgten Sätzen berichtete er ihr die Geschichte seines Lebens. Er verschwieg und er beschönigte ihr nichts, er zählte nur Tatsachen auf. Aber diese Tatsachen würfen in ihrer harten Nacktheit einen grellen Schein auf einen .Hintergrund von Hoffnnn- gen, die einntal in Reisner geblüht hatten, ntrd von Enttäuschungen, die das Gute seiner Jngetrd erwürgt batten. Ueber dem Ganzen lag, schwer unb drohend und finster, die Rache. Er war schlecht, weit er schlecht feilt wollte. Ja.! Er rächte sich. - Währettd sie znhörte, brach alle Liebe von neuem ans ihr hervor, stärker, selbstloser und reirter. Sie verfolgte jede seiner Bewegungen mit brenttendeir Angen. Uttd sie näherte sich ihnt, legte die Hättde aus seine Schultern und flüsterte feilten Nattten. Er ftthr sich über die Stirn, als besinne er sich, daß er von keinem Traum tim fang en sei. Er sah sie. Er sah ihre Liebe und wurde Unsicher. Aber er stand döchl auf, trat von ihr zurück und schüttelte der: Kopf. „Warunt?"" fragte sie ihn. „Wollen Sie niemals auf- hören, zn hassen?"" „Ich wüsste nicht,"' antwortete er erschöpft, „daß ich Grnitd hätte, zu lieben." „Glauben Sie nicht mehr an die Liebe? Können Sie nicht mehr an sie glattben?" „Ich glaube nur an mich, llnd in mir ist keine Liebe. Keine Spur vott Liebe ist in mir."" „Ich liebe Sie,"" sagte sie dentütig ttnd vor Scham er- rötettd, „fühlen Sie es nicht, daß ich Sie liebe?"" „I ch liebe tt i ch t,"" beharrte er yart. „Dann werden Sie immer leideit.. „Ich werde nur nie Ursache haben, ntich zu freue tt., Oder doch. Es macht Freude, wenn matt sielst, daß man die Menscheit beherrscht... Kennen Sie das Geheitnnis? Daß nur der herrsckst, der nicht liebt? Denn die Lrebe unterjocht — ja, die Gefühle sind es, die unterjochen!" „Liebe bindet, ja. Mer nur unser Böses. Unser Gutes wird ftei. Liebe bindet unser eit Willen und erlöst urtser Herz . . . Wissen Sie nicht, daß man an nichts mehr leidet als an seittem Willen?"" Er schüttelte schon wieder gleichmütig den Kopf. „Und dennoch: ich will. . .!"" „Und wohin wollen Sie?" Er war plötzlich wieder sehr ernst ttnd ruhig. „Ich weiß es nicht. Ick) weiß nur, daß ich den Weg, den ich gehe, bis an sein Ende, bis arts Ziel gehen mitß. llnd ich denke, daß 627 f ich dieses Ziel eines Tages sehen worbe. Darm will ich rS Ihnen zeigeiu" . ., ^ , . . ,, „Ich werde warten," sagte sie. „Und rch altmbe, daß ich nicht lange werde warten müssen. Der Weg, den Sie gehen, führt in die Unendlichkeit, wie alle Wege, die wir machen... Aber der Ihre ist beschwerlich. Sie werden bald müde fern. „Und dann . . . dann wollen Sie mich aufnehrnen . . . Und mich bei Ihnen ruhen lassen?" „Ja." Er nahm ihre beiden Hände und küßte sie dankbckr: „Gut, wir wollen warten." Er führte sie selbst hinaus, bis hinunter in den Garten. Vr sah ihr rwch, bis sie verschvund. Dann kehrte er irrS Haus zurück. „ Prokop!" rief er erregt und freudig. „Packen! Packen! Wir muss er: reisen! Wir müssen fliehen!" Er nahm die Papiere, die sie bei ihm zurückgelassen hatte, wog sie in den Händen und dachte: Es wäre unlogisch, wenn ich ihr gegenüber bereiten wiirde, es wäre ein Verrat an meinem Grundsatz. Sie erwartet es auch nicht. Denn sie kennt jetzt meinen Weg. Er rief seinen Diener. „Prokop," sagte er, rasch die Adresse der Frau von Mansch, auf das Paket schreibend, „die gnädige Frau hat dieses hier vergesse::. Bringen Sie es zur Post." meinen Abschiedsgrnß," ergänzte er in Gedanken. (Fortsetzung folgt.) herbjtnacht. Non Alexander Büttner. • (Nachdruck verboten.) Es war spat in der Nacht. Ich sag bei der Lampe in meinem Stübchen. T-vaußen .blinkte bisweilen ein herb,tliches Leuchen von fernen Metern auf, und kalter Nachtw-rnd fegte durch vre Straße, rüttelte an memem Fettster. Für Augenblicke smndan. Hauser und Bäume im Lich, mrd helle Wege traten hervor. Tann wieder lvar alles von Nacht umfangen, dunkler als zuvor. Bücher und Zeitschriften lagen vor mir aus dem Tisch In dem und jenem, blätterte ich ohne recht bei der Sach zu sein.. Es lvar m mei anderes, was mich beschäftigte: mievre junge Weis» Ijcit, und, daß ich immer t>on allem geglaujbt, es sei im Guten. Tenn ich selbst ivollte es in: guten haoen. Und die großen Weltfragen, die. heute jede lebendige Seele duvchwühlien. Das Woher und loohin. Und dann das Verlangen rrach Liebe. Nach der großen Gemeinschaft, daß man vermeint, einander zu .tonen und ganz zu verstehen «und ist sich dann dock) so fremd. . . . Alles das ging stark in mir um. Ich mußte ans Fenster treten und die Stirn gegen die kühlenden Scheiben pressen. Das tat unendlich wohl. I Lange stand ick- so und cs Überkam mich ein Sehnen nach einem stAlverträuntten Winkel. Im Träumen sah ich ein Fleckchen Erde-irgendwann hatte ich da mein höchstes Glück gefunden. Durch sie, die mich mm verlassen hatte. Das war's, ,vas mir nicht tu den Sirrn wollte. Ganz un* möglich schien es mir, aber ihr Brief knitterte mir in der Tasche, der mir il-r Lebewohl für immer gebracht. Warum? Hatte sie einen «uderen, Besseren gesunde::? —- Ich wußte es nicht, nur, daß ich unglücklich war, ein armer, elender Mensch, das fühlte ich Ta riß es inich mit einem Male herum: Daß ich fort utufefc, ob ich wollte oder nickt, H-inaars, in die winiddurchwelste Herbst? nacht. Und wie ich aus dein Haus trat, in Regen, und Finsternis, da war mir sonderlich zu Mule. Ms fühlte ich das Leben, das unser aller Zuflucht und Heimat sein müsse, den Quell, aus den: wir geflossen, den Willen, der uns gewollt, die Liebe, die uns um* sa-aen, das große Sein, in dein unser winziges Wesen aufgehen müsse. Freier fioimtcjidj atmen, und eine unsagbare Wvhligkeit über* kam mich. Und rch schritt die dunklen Häirserreihen entlang.. Durch die schlastmden Straßen, an flackernden 'Aackerirerrslämmck-en vorbei, dem freien Felde zu. Leiser, feiner Sprühregen iorrbelte mir ins Gesicht, daß ch nrich tief in meinen Mantel hüllte. Ohne Gedanken, ohne Ziel lief ch die Landstraße weiter, die mitten durch die Ackerlächer zieht. Und ließ die dunkle Nacht hinter mir. Men Schmerz, alle Erdenschwere vergessend. Ta drang ein summender Ton an mein Ohr. Neben und über mir sang im Nachtlvind ein Draht. Das klarrg so schwermittig, wie unter Sckiiluchzen und Weiner:. Er sang das nimmer ruhende, lntnnner ersterbende Lied von dem heiße,:, tiefe,: Leide der ringenden Menschheit . . . Uard vor: den Bäumen zur Lirrken tropfte es langsam rurd Heise toie Tränen. Ms ch im^ Frühlmg zuweilen hier mit ihr gintf, die ersten Amseln abzrkhorchen, da .meinte ch, sie sangen ein Lied von Frühlingslust und Soinmerfrenden. Mer sie l-aben gelogen. Man sollte auf nichts mehr iur Herzen bauen, an nichts mehr glaub«:. — Die drei Könige. Von Karlernst Knatz. ^Nachdruck verboten.) Drei Könige zogen aus Morgenland lUeber Berge, durch, Flüsse und Steppen: Der Stern zu ihren Häupten stand, Kaum mochten die Flitze sie schleppen. lA.uf einsamem Hügel drei Palmen hoch Ragten wie segnende Priester. Ein riesiger Wokkenvogel flog Schwer über den Himmel und düster Ward rings die Erde. Der sieghafte Stern, Der sie führte zun: neugebornen Herrn, Ertrank im Dunkel. Meich irrend«: Blichen, denen der Stab entzwei Gebrochen so im pertvirrenden, Pfadlos«: Fühlen stockte,: die drei. Sprach Kaspar und'hob ein blutrostiges Schlvert Z-n den Himmel gläubig ge,: Westen: „Von dannen ick, komme, für Weib und Herd Im Kanckfe sinken die Bestien. Es peitscht der Heimat Felsen und Felo Des Krieges .unmenschliche Rute. Des Mordes verzückter Wahnsinn gellt Wie Geiergekreisch. Im Blute Schwelgt gräUich die Flur. Der Rotier beraubt, Vor Leich«: die Rosst bäumen, Unb Angst um der Väter geliebtes Haupt Grr-iwi'irrrt i'M’r 6*tVtSpr D^ÄMIveN. Ich aber sah den verheißende:: L)tern! Und wenn ich, ihn finden werde. So hoff' ick vom neugeborenen Herrn Den Frieden, den Frieden der Erde!" Schwarz stand die Wolke. Gleich irrenden Blinde,:, denen der Stab entUve: Gebrochen, so im verwirrende.::, Psadlosen Fühlen harrten die drei. Und grübelnd im Geiste sprach, Melchior? „Ich ringe nach höheren: Ziele, Und an der Erkenntnis verschlossenem Tor Versucht' ich der SchLüssel so viele. Tat iiber beschriebenes Pergament Mein Haupt zermartert beugen Und fvckchte, ivarum tvir ohn' End' In: ewigen Eislauf zeugen, Warum die Soitrce im Westen surrt, Warum wir sterben müssen. Warum sich! Mann und Weck umschlmgt, Warun, wir das Letzte nicht wisse::. Doch! da ich schaute den mankemben Stern, Verließ ich, Gute mck Böse, Vertrauend dein neugelorenei: Herrn, Daß das Rätsel der Welt er löse." Schwarz stund die Wolke, gleich irrend«: Blinden, denen der Stab entzroei G-e^rochen, so in: verwirreicken, Pfadlosen Fühlen harrten die drei. Die jungen Lhugen hob Balthasar Zun: .Himmel nachtnmifangen: „Ich schaute den Stern, da ich einsam !var. Und bin ihn: nachgegangen. Mir :oar, als ob durch, bahnlosen Rann: Ein«: Weg meine Füße fänden, ^ Ms hielt ich des Aternes goldenen Saum In binden stbnsi'ichtigen Hckckcn^! U:ü> wie ein Kind an der Mutter Hand Trostvvll die Nacht durchschreitet. So weiß ich ist mir im ferne,: Land Ein köstliches Wunder bereitet. t _ So fühl' ick- dort dvobe,: den himntlischen Ster» Durch Herz und Seele brenne,:! Doch ivas zu dem neugeborene,: Herrn Mich reißt, nicht ivag' ich's zu nennen!" Da, durch der jäh sich teile,:den Wolke schatte,cke Lider, Strahlte der Stern auf die Eilende» Wie eü: lielrendes Auge nieder. 528 Srsek kleine Geschichten. Bon Gustav Schröer. , (NactzLuauL Verbv«:.) Das Brauthemd. Hilde Stador will heiraten. Berbobt lvavsn. sie nun schon drei Aahve. aber nmt Krügstrauung wollte der Bräutigam nichts wr,ien. Nun ivar er soweit ausgrchilt —* lie hatten ihm an der Somme d«: rechten Arm böse verschossen. — und nurstür arbeits- verlvechuna.ssähcg in der Etappe erklärt worden. Tas hieß,: Du kommst nicht tvieder hinaus. So durfte er die Amoaltspraxis »vicder aufnehmen, und alles war gut «mrd ftcher. Iig-t ttoimte man l>eirtuen. Dazu gehört eine Aussdeuer. Zwir nvchc wie inr Friede::, aber doch so einiges. Frau Staderl hatte ia seit langem für das Töckster- leul zu rückgelegt, und es wäre eigentlich vern Mangel an irgend etwas gewesen, aber das ist nun einmal eine Tugend der deutschen Frauen und Mädchen, daß sie all Wäsche nie genug habe:: kömuew Wenn mrr die Bezirgsschine nicht wären! Aber eurem sozusagen einen Eid auf beit Leib nageln und 1500 Mark Strafe in Aussicht stellen, tv-enn . . . Uebel ist das, übel. Hat man jedoch seine Bezichtigen, d«nn ist die Sach nicht ss schlimm, als sie aussieht, llnd Äcutter Staden hat ihre Beziehungen, und das Töchterlein hat sie auch t Tie nicht man ans und erhält doch so ein l-albes Dutzend Hemden und eben so viel — wozu das herschreiben. Bater Staden knurrt: „Tie Weiber! Als ob das Mädel nicht reichlich genug hätte." Aber er mutz sich beweisen lassen,, daß er das nicht versteht. Tie Einkäufe liehen sich, wie gesagt, bewerkstelligen, abtn rvie llnkenruf klang es dazwischen: „Wir können keine (Gewähr für die Ware übernehmen." Geivähr! Hemd ist Hemd Nur — 'ach so. Da liegst die Stücke, fein, sauber, blenden- iveiß, geziert mit Schleischen mtd Stufen und Spitzen. Akutter Staden ist auS der alten Sä-'üe. Man zieht kein« ungewasäxmen Sachen auf den Leib. Außerdem: man kann nie wissen, wie das noch ivird, und loenn sie einnial die Schränke nachsel)en und neue, ungewaschene Wäsche finden, dann kann es geschhün, daß man das Nachsehen hat. So ist es besser und entspricht gutem, altem Brauch, die Sachen erst zu waschen. Tas Wasser dampft, das .Feuer glüht, Hilde Staden versenkt eigenhändig ein Stück nach dem andern in die brodelnda F4:tt. Nur einige Male anftvatlen, dann ist's getan. Sie springt auf einen Husch hinaus, kehrt rasch zurück und — im Kessel nuirlt und wogt es durcheinander, da ein Knäuels dort ein Fetzen und dazwischen tausend kleine Stücke. Tos Ganze einem Brei tzhulich Ein Schrei gellt durch das Haus, Bater und Mutter springen her^u, weil sie ihr Kind in Todesnot wähnen. Und da steht das Mädchen, schluchzt und schlnck»t, lehnt sich an die Mutter und weint gotteserbärmlich. Indessen fischt der Vater mit dem .Rührlöffel im -Kessel mrd landet Fetzen um Fetzew Er findet seinen Humor am chesdcn wieder. „Ja, Kinder, Papier darf man freilich nicht kochen. Aber dielteick>t sind da noch ein paar Briketts draus zu nrachen, denn so'ne Papierbriketts kann man jetzt auch sehr gut brauchen." * Der Speck. Ter Bachbauer, Huber Seidelmanu, tvohnt in der Einsamkeit. Gut eine Stunde mutz man am Weidenbach autzvärts steigen, ehe man an den Hof flammt Tann steht man vor den breiten, weit ausladenden Gebäuden, hört die Kühe blöke:: und mit den Ketten rasseln, hört die Schweine grunzen und hat das Gefühl, daß hier ein Paradies sei auf der armen, fettlosen Erde. In dies Paradies mutz der Doktor Meiner steigen, tveil ihn der Bauer zu feilten: kranken Weibe gerufen, und als der Arzt den Hausflur betritt, zieht er tpitterich den Atem ein und denkt: Tem Seidelmann knöpfe ich heute ein Stück ab. Untersucht er also die Frau. klopft, horcht, richtet sich auf und fragt oen Bauern: „Hast ein Speck?" Da erschrickt der Huber. „Na, na, Hab kan Speck nit." Sein Weib nummert, weil sie nremt, der Doktor brauche/ den Speck zu ihrer Gesundung. ,,Huber," keucht sie, „Huber an . Ter aber fährt auf sie drein. „StM bist, Hab kän Speck nit." Dazu «licht der Doktor und ttöstet die Bäuerin: „Sei ohne Sorge, deine Lungenentzündung woll'n wir anch ohne Speck zum Tempel naus jagen." So geschah es, und der Bauer lachte heimlich. War einige Zeit vergangen, da mutzte der Doktor wieder! hinauf m die Einsamkeit. Diesmal ging es um den Bauern. Ter satz in dem alten Großvater stutze und stöhnte zum Erbarmen, weil er gestürzt war :u:d sich irgendwo eine oder auch zehn Rippen gebrochen hatte. „Hm," knurrte der Arzt, „eine Quetschung, eine böse Quetschung, hm." Er rieb sich das Kinn und sah den Bauen: mit düsteren Augen an. Tem jagte die Angst über den Leib. „An Quetschung? Jü, und is das hernach zum Sterben?" „Bauer," der Doktor bohrte feine Auge« in die des Hube» Seidelmanu. „Bauer, hast — an Speck?" „Mutz es eh vul fern?" „An richtig Stück." „Halt wohl, halt wohl." Uick die Bäuerin, die gute Seele, ist schon die Treppe hinauf. Langt einen Schroten Speck vom Nagel und schadet ein ordent^ lrches Stück ab. Tas reicht sie dem Doktor. Der zieht ein Stück sauberes Papier anS der Tasche, breitet es auf dem Tisch aus und legt den Speck darauf. Hernach holt er eine Flasch aus der Jacke, ans der steht: Essigsäure Tonerde. Nimmt ein Schüsselcben Wasser, gietzt aus der Flastlie hinein, langt Binden aus seiner Ledertasch und umwickelt den: Huber Scidelmairn den Brustkasten. „ilnd der Speck?" ftagt der Bauer. „Ter ist fürs Jsrncrlich," mrtivortet der Doktor drauf, legt einen Taler auf den Tisch, wickelt den Speck in das Papier rmd, verstaut ihn in der Ledertasche. „Ueber morgen vom me rch wieder." sagt er in der Tür. Diesmal knurrt der Bauer, unb sein Weib lacht. vücherüsch. — Altmeister T homa hat mit sevrer rmrerlichn, kern- deutschen Kimst von JaHr zu Jahr überzeugtere Freunde und Bewunderer gefunden, Unbeeinflußt von der Woge des Ätodoge-, schmacks, ganz auf sich selbst ge,iellt. ist er eigene Wege zum.Ruhm gega^eu. TeshalL verdient die Kunsdannalt Tvowitzsch L Solm, Faanffarrt a. O., Dank dafür, datz fie uns nach den Klassikern; Feuerbach Uhde, ?Renzel und Böcklin nun auch Thoma in einem seiner b^wingendston Werke dar diel et. Thomas „Sommerglück", dessen Original im Wallraf-RvckZartz»dRuseum zu Köln l$iujt, stamntt aus dem Jahve 1903, wohl der besten Zeit des Meisters. Bön den chhen künstlerischen Eigenchaften des Blattes (54x65 Zentimeter; Preis 25 Ämrk) sei mri* die volle» chte Lösung des Lichtpvoblems envälxrt, die in der nwisterhaften farbigen Nach- bildm^ so mit wie im Orrcchurl wirkt. — Exku r s ionsbuch zum Studium der Vögelst i m m e n. Praktische Anleitung zum Bestimmen der Vögel nach ihrem Gesänge. Von Professor Tr. A Voigt. 6. und 7. Auflage. 320 Seiten. Geb. 3,80 Mark. Verlag von Quelle & ^e 9 er in Leipzig. Gießener Hausfrauen-Bcrein. Kochanweisungen. Pichelsteiner. IV, Pftmd Gemüse, Vs Pftock» Kartoffeln, 17* Pfund Fisch, Lorbeer, Pfeffer und Nelken, 1 Eßlöffel Fett, 2 Eßlöffel Vdehl, 1 Liter Wasser, Pfeffer und Salz nach Geschmack. Etwas Lauch und Sellerie schmeckt gut daran. Ter Fisch wird halb gar gemocht mrd in Blättchen zerlegt. Gemüse und Kartoffeln werden in Fett gedämpft, das Mehl darübergestaubt, die Gewürze mrd 1 Liter Fifthwasser »ugegeben und die Speise IVs —2 Stunden gekocht. Vs Stlmdc vor dem Anrichten den Fisch dgzugcgebew Lebkuchen für unsere Feldgrauen. HA Pfund Sirup, V» Liter Milch, 2 Teelöffel Zimt, 1 Teelöffel Nelken, 2 Teelöffel Anis, 2 Backpulver, 2 Pfund Mehl, 3/ 4 Pf,md Zucker. Tie Masse gut verarbeiten, auf 2 Backblech ausvollen rmd :wch dem Backen zerschneiden. Nach Belieben kam: man die Schnitten glasieren. Pfannkuchen von gelben Rüben oder gelben Kvhlraben. Tie Rüben werden geschält, gerieben und mit Milch etwas Salz rmd Mehl zu steifen: Teig verarbeitet, wovon dünne Kuchm in tvenig Fett von beiden Seften braun gebacken; werden. Bilöcrratfef. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des WortspielrätselS. a. Adel, Stern, Ase, Sau, Ast, Abel. Dom. Eisew— b. Nadel, O ern, Vaie, Esau, Mast, Babel, Gdom, «eisen. November. Schristleicung: W. Weyer. — Zivillingsrunddruck der Nrüh l'kchen Nniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.