Die Rächer. Roman von Hermann Sagnet (Fortsetzung.) Er stand plötzlich auf, kreuze die Arme über der Brust und ging mit langen, schleppenden Schritten, die der Teppich lautlos machte, durch das Zimmer, in sich versunken und wie im Gespräch mit sich selbst. „Das ist das Geheimnis, junger Freund, das Geheimnis, wie man die Menschen in Wahrheit beherrscht: man beherrscht sie, indem man sich von ihnen nicht beherrschen läßt, indem man sie nicht beachtet... Es wird Leute geben, die Ihnen sagen werden, daß Sie, um wieder glücklich zu werden, Ihre Tat bereuen müssen, um sich durch diese Reue die Verzeihung Ihrer Mitwelt zu erringen. Das ist Unsinn. Reue freut wohl die Menschen, wie sie alles Leid freut, das ein anderer erduldet, aber sie bringt sie niemals dahin, zu verzeihen. Wer bereut, bleibt für sie ewig der, der Ursache hat, zu bereuen. Sie verzeihen nur dem, der ihnen zeigt, daß er sie weder haßt noch liebt, daß sie ihm vielmehr gleichgültig sind. Dem laufen sie nach, dem drängen sie sich aus, so sehr, daß er, um sich vor ihnen zu schützen, sich, wie ich, von der Außenwelt abschließen muß!" Er blieb vor Reisner, dessen Blicke mit plötzlich auf- gebrochener Zärtlichkeit an ihm hingen, stehen und legte ihm die kalte Hand auf die 'Schulter. „Gehen Sie und versuckicn Sie so zu sein, wie ich Ihnen sage. Nur vergessen Sie nicht, daß eine große Kraft dazu nötig ist, eine Kraft der Selbstbeherrschung, die nie versagen darf, keinen Augenblick. Zeigen Sie nie, daß Sie leiden, zeigen Sie auch nie, daß Sie sich freuen: bleiben Sie unter allen Umständen kalt, Schmeicheleien wie Beschimpfungen gleichermaßen unzugänglich. Ziehen Sie eine große Mauer um sich hinter deren Schutze es Ihnen leicht werden wird, zu lächeln, wie immer man Ihnen auch begegnet. So werden Sie unverletzlich. Und so bekommen .Sie die Menschen in die Gewalt. Denn jedermann hat nur zweierlei Möglichkeiten: die, zu herrschen, und die, beherrscht zu werden. Und der, der herrschen will, muß sich vor chlem selber beherrschen!" Er brach ab, ging die Waird entlang und schien in den Anblick zweier Aquarelle versunken, scheinbar mit dem, was er gesagt hatte, nicht mehr beschäftigt. Mitten in dieser seiner flüchtigen Zerstreuung aber stellte er, ohne den Kopf von den Bildern zu wenden, jäh die Frage: „Nun, wofür haben Sic sich entschlossen?" „Für beides," antwortete da Reisner laut und wie befreit. Der Justizrat schnellte herum. „Was heißt das?" ^,Das heißt, daß ich die Stadt verlassen werde, ohne doch zit fliehen." Reisner erhob sich, streckte sich und lachte. „Herr Justiz- rat, ich) danke Ihnen. Es war eine wertvolle Stunde, die Sie mir geschenkt haben. Ich danke Ihnen nochmals. Und ich werde das, was Sie mir gesagt haben, nie vergessen." Der Justizrat betrachtete ihn spöttisch. „Was gedenken Sie zu tun?" , „Ich will von hier fortgehen. Aber weder Furcht noch Scham treiben mich fort, nein. Ich traue es mir jetzt zu, hier zu bleiben, nach) dem, was ich von Ihnen gehört habe. Aber ich denke mir, daß ich nach den Grundsätzen, die Sie mir entwickelt haben, in der Fremde viel schneller vorwärts kommen kann. Und mir eilt es..Denn ich muß wieder von vorn anfangen, ganz von vorn ..." „Ja, ja," nickte der Justizrat, „ich begreife Ihre Eile." Reisner ergriff seine Hand. „Nochmals, Herr Justizrat, meinen Dank!" „Wofür?" fragte der Justizrat, indem er seine Hand zurückzog. „Für Ihre Freundschaft." Der Alte schüttelte den Kopf. „Sie täuschen sich. Ich bin nicht Ihr Freund. Nicht Ihr, noch der eines anderen. Viel eher bin ich vielleicht Ihr Feind." „Mein Feind?" t,,Der Ihre mrd der aller anderen. Und vielleicht benütze ich Sie, indem ich Sie so gehen lasse, nur für meine Zwecke . . . Oder werden Sie nicht Unheil anrichten, indem Sie so handeln, wie ich Ihnen geraten habe? . . . Ueberlegen Sie es sich wohl! Mir kann es gleich sein. Denn ich hasse die Menschen. Ja!" Reisner starrte ihn, der mit einem Male aus sich herauszuwachsen schien, wie eine Erscheinung an. Doch der Alte wies mit der Hand auf die Tür. „Gehen Sie jetzt," sagte er zornig, „ich kann Sie nicht brauchen!" 6. Kapitel. Als Reisner wiederum auf die Straße trat, fühlte er, daß er sich in vielem gewandelt hatte. Eine heiße, über schaumende o So half er sich damit, daß er nach einigen einleitenden Verlegenheitsworten sogleich daran ging, in knappen Umrissen ein Bild vom Staude des Gejchäftes zu entwerfen. Und das gab ihm nach und nach seine Sicherheit zurück, denn er hatte nur Erfreuliches zu berichten. Das Vermögen Reisners hatte sich in den verflossenen vier Jahren wesentlich vermehrt. Reisner hörte ihm aufmerksam zu. Keine Geste, kein Zug m seinem Gesicht verriet, was in ihm vorgiug, was er dachte. Immer hörte er die Mahnung des Alten: Zeigen Sie nie, daß Sie leiden, zeigen Sie auch nie, daß Sie sich freuen: bleiben Sie unter allen llmständen kalt! Und er sah, daß es gar nicht so schwer war, sich zu beherrschen, sich v 1 r-3 n -’ e -k ßr Persönlichkeit eines anderen zu entziehen und s:ch auf diese Weise überlegen zu zeigen, wenn n:an nur an d:e Richtigkeit des Standpunktes, den man einnahm, innerlich fest glaubte. Und daß er diesen Glauben hatte diesen Glauben an sich selbst, das fühlte er jetzt. machten mir," nahm Reisner, nachdem der Ge. schaftssuhrer nnt sein«n Bericht zu Ende mar, das Wort, Mer Jahren von hier Weggehen mußte, einen Borschlag .Sie spräche,/ damals, wenn ich mich nicht irre, davon, dag Sie die Mittel besäßen, mir mein Geschäft, von damals nicht annahmen, daß ich es würde weiter- ^wi- a = iU l au f e ™ 3ch Zehnte damals ans Anraten über?" -'«»walte» ab ... Nnn, wie denken Sie heute dar- ^Estsführer war von dem Glücksfall. der sich B ’ ot ' a i f das höchste überrascht. „Sie sollen... wirklich... verkaufen?" fragte er „Ich trage mich mit dem Gedanken, jalvvhl" „Uilü Sic denken dabei... wirklich.. an mich?" nahm den zitternden Unterton der Stimme heimliche Ton war ein demütiges Sichbenqen f0ln , n8e er äber Reichtümer verfügte, auch d°e -Kadjt dehreü, aridere von sich abhängig und sich dienstbar mt matten. „Ich denke an Sie," sagte er ruhig, a«ade ^ Sie. Denn es ist mein Wunsch, an dem Geschäft als stiller Teilhaber auich fternerhin beteiligt zju sein, mit größeren Kov:tal:en, die Ihnen, als einem Anfänger, wohl doppelt willkommen sein werden." Er sah den Geschäftsführer voll an. Ter sprang auf und streckte Reisner zögernd die.Hand entgegen, so, als fürchte er, dieser könne sie zurückweisem _ Und Rersner schien sie in der Tat nicht zu bemerken, so dag jenen: nichts anderes übrig blieb, als sie schüchtern wieder zurückzuziehen, wobei er, beschämt und unsicher, murmelte: „Ich danke Ihnen! Ich danke Änen sehr!" ^och Reisner schüttelte den Kopf. „Es ist nrcht nötig, daß S:e m:r danken, denn das, was ich Ihnen Vorschläge, ist e:n nüchternes Geschäft, bei dem ich vor allem meinen eigenen Vorteil in: Auge habe." Und er entwickelte dem anderer: die Grundzüge, nach denen er einen Vertrag mit ihm zu schließen gewillt war. -^Bedingungen, die er stellte, waren hart und gingen b:s an d:e äußerste Grenze dessen,.was ein Gesellschafter s:ch bieten lassen tonnte. „Wollen Sie?" fragte er, nachdem er seine Erklärungen mit einem kalten Raffinement abgegeben hatte, das vem Partner d:e künftige Abhängigkeit offenbar bis ins letzte Detail zum Bewußtsein zu bringen wünschte. „Wollen Sie oder wollen Sie nicht?" Zum ersten Male in seinem Leben kostete er de:: Genuß aus, aus ernem Menschen, der sich nicht wehren komtte, das Letzte herausznpressen. k p 6.^ang, hintertieß ein prickeln- ^...^bsnhl der Besrredrgnng :n ihm. Er war gleichsam ein Prufste:n für d:e Kraft fernes Willens, die, wenn er sie nur der Kälte seines Herzens stählte, noch wachsen würde Nochern der gleichen Stunde wurde der Vertrag auf- ge,etzt in zlve: Exen^laren ausgeferttgt und von beiden unterschrieben. * (Fortsetzung folgt.) ycmr EY0M6 ttttd m deutsche Krieg. iefempfunbeite Worte der Altersweisheit zu den Ereignissen die heute dre S^cle des Deuchchssn bewegen, scheibt Hans Thoma, dessen Lebenswerk soeben durch die Verleihung des Ordens Ponr le mertte die verdiente Ehrung fand, in einem kleinen ''Bucke das er unter dem Titel „Die zwilchm Zeit und Ewigkeit unsicher 'siatternds Seele" bei Eugen Drederichs m Jena veröffentlicht. Der Altmeister kennzeichuet du T^rrcuchtuüiglen, die er in 12 Kapiteln niederlegt, zum Schlüsse selbst mit folgenden Worten: „Möge man diese Aeuße- rungen ansehen und gütiglt aufnehmen, als wie von einem den „Unbefugten gemacht denen der Eintritt verboten ist, der neu-! gierig vor dem Bretterverschlag ß,eht, hinter welchem A,bbruch und Neuerrichtung eines Rübenbaues vor sich zu gchm scheint von dem er den sürchderlick-en Lärm hört, aber nicht weiß was er' davon denken ,oll: der aoer alles Vertrauen hat, daß gute SW meiller das Werk letten, du da wissen, daß sie nicht anders bauen können, als nach den Geietzen der Ordnung, welche der ewige Bauherr der Welt von Anbeginn bestimmt hat, - nach dem Sinn der Ordnung, dein alle Volker sich sägen müssen, der O.dnung. die er ,elbst dem Menschengeschlecht gesetzt hat, Mp die Menschen folget {?*£?/ Ä&fSM* n s f,t beibehen können. . . Viellßzch.t wird man ragen. Wer ist ^rm der,Zaungast, der dies geschrieben hat? Und wenn ein geistiges Po!i-eiamt nach der Berechtigung hierzu fragen sollte, ,0 ist voin Notariat der Seele beglaubigt und in ihr Wander-, buch, eingetragen, was die Seele hierüber zu sagen weiß: ^Jich. komme aus der Ewigkeit. rVrühling war s, dann heiße Sommerzeit' Der Herbst bracht' Famcht und Blätterfall Und wilder Stürme Widerhall. Nun i|t still der kalte Winternebel da, ^ Er hüllt in Eins, was fern und nah; Mich deckt das Schneeetuch der Vergessenheit. So fahr' zurück ich wieder in die Ewigkeit. Und von diesem unbeirrbaren Glauben aim den tieferen Sinn des uns so grausam erscheinenden Schicksals, das das heutige Geschlecht erleben muß, tzeugt Zeile in Hans Thoinas' schttchtem Büchlein Oon s ^ c der Menschenseele nach ihrer himmlischen Heimat und von dem Gewissen, von dem Rätsel des Seins von der lauternden Kratt des Leidens oder von der Erhebung im Gebe» sprechen Alle diese Gedanken aber werden auf den Krieg bezogen Erlebens steht. Ueber die Not px er so tief empstndet und so ergreifend ^sdruckt, erhebt sich Thoma in seiner Betrachtung zu höherer« vmr der er den Krieg als eine Prüfung ansieht, aus dev S" f1 Ä r SS r9e M urtb P l seiner vollen Notwendigkeit für den Bestand des Menscheligeichlechts enoeisen muß. In diesem > legt er, der deutscheste der heutigen Künstler, ein wundervolles Bekenntnis für sem Deutschtum ab. Er schildert, 499 Mmälchst' MichekS Friedfertigkeit, für die die Zipfelkappe immer als Symbol gegolten, und zeigt die Kraft, die trotzdem in ihm wohnt, und fahrt dann sort: „Diese harte Zeit ist eine schwere Prüfung, ob wir die Eigenschaften haben, die den Bestand eines Volkes rechtfertigen, ob wrr vor Gott und der Welt als Volk bestehen können. Die Not is!» plötzlich übeer rms gekommen, daß die Haupt- vigensichiast, die ein Volk mm einmal h.iben muh, wenn es bestehen will, die Wahrhaftigkeit, schon vorhanden sein muhte, die Tapferkeit, die Treue, der trotzige Mut, nichfl nur für sich, sondern für seine Volksgenossen sich, gegen eine Welt von Feinden zu behaupten; das ist es, was den Kampf adelt, ihn aus der niederen Mordgier zum Heldentum erhebt. Ajus der Tiefe der Volksseele traten diese Eigenschaften hervor, stärker, als wir in der Zeit des üppigen Friedens erwarten formten. Ans unbekannten Tijesen, aus unermesstsnen! Zeiten tauchten ßiiese Tugenden hervor; sie sind Volksgut; wir haben fie ererbt, nun erkennen wir sie wscader und nahmen teil an ihnen i jeder kann empfinden, wie seine Seele mit der gemeinsamen Seele- des Volkes, die aus dem Zeitlosen hcrstammt, verbunden ist. Schon fürchteten viele, dah wir zu einem.' Volk der ewigen Neider und Nörgler- gesunken seien, zu Splitterrichtern, verwirrten Kritikern- Nechthabevn voll HockMiut und zu Spöttern geworden seien. Spötter führten das Wort und verlach,den alle noch vorhandenen Spuren, die zeigten, daß wst ein Volk von .Melden und Heiligen sein lolltenj lunb könnten. Der Sturmwind des Krieges hat viele Nebel des Geschwätzes hin weg gefegt, und das Deutschtum erschien ,nieder in seiner glänzenden Herrlichkeit. Mr haben Wluinder erlebt, die aus tiefster Not uns aufjauchKen liehen. Wir haben wieder Helden gesehen, die den Krieg rechtfertigen. die uns das Wunder des Opfertodes offenbaren. Man denkt und sinnt, und wohl manch,? reden, auch mit heiligem Ernst darüber, wie aus dieser uothaften Zeit heraus das Volk, die kranke Menschheit, die eine Erblast wie eine Schuld mit sich schleppt, in einen glücklicheren Zustand geraten könnte. Wir stehen vor den tiefsten Problemen der Menschheit. In was mag das Glück eines Volkes wohl bestehen? Vielleicht doch nur darin, dah es seiner Wesensart entsprechend sein Dasein hat, dah es überhaupt da ist. Für seinen Bestand setzt ein Volk sein Leben ein; jeder einzelne tritt in den Kamps und ist zum Opfer tode bereit: denn es handelt sich, im tieff'm Grund nicht um daH Glück, sondern um das Dasein, um die Erhaltung des Volkes. . Die söhne. Bon Peter S che r. Sonntagabend ans dem Bahnhof. Drei Viertelstunden vor der Stadt Menschenmassen „stehn" Billette. Vor mir ein eleganter Jüngling. Zur Seite eine Lady, die ihm zu ruft: „Fredy.— selbstverständlich Erster!" Fredy nimM erster Klasse. Ich, neugierig urtb auf Sensationen bedacht — auch Hinein! Wer ist jichon erster Klasse gefahren? Verschänttes Schweigen. Verstehe! Aber es hat ivas! Teufel auch! Rote Plüschmöbel. Spiegel — und so. Doch das ist nichts. Mles ist: Die Stimmung, der Ton, das Milli öh. Teufel! Teufel! Also ich hinein: stolpere über den Hund der Lady. Feines Tier. Blendheim-Spaniel — zweitausend Ei^m. Lady sieht mich an . . .brr: wie hoch Menscl)en stehn rönnen, daß so blicken müssen! Kalt, eiskalt! Fredy, gwer Kerl, hat Mitleid, lächelt — fast herablassend Ich — ihm gegenüber . . . Lady, neben mir, rückt leickst ab. Drei ganz junge Gents aus den Polstern. Alle irr vornehmer Haltung — höchst vornehm. Wenn ich das Bein ausstrecke — natürlich, loie Gott es gemacht hat, sehn mich alle an — betroffen, strafend, ungewiß. Tie jungen Gents am üngewissesten. Ich schleudere die Asche mit einer Sicherheit von meiner Zigarette ... ich grinse hin und wieder aus eine Art . . hm Sie beobachten von der Seite — sind auf dein Sprung, 'alles nachzumachen, verharren, von Zweifeln gequält, mit Blick nach Lady. . .???> Problem ist: bin ich vielleicht doch der vornehmere — obgleich? . . . ... ist sicher. Kontrolliert Fredy. Fredy hat Ansätze, sich Blotzen zu geben. . ’ ^•agt: „ . . . wo wir Tee getrunken haben . . ." Woraus fle: ,,s)lch ja — wo imr den Tee genommen haben/^ Sie hält die Berne übereinairder. Linke Handschiihstulpe ist umgeschagen — toflchick: n.nbelmndscliuhte Hand hält spannlange Zigaretten)pitze aus blauem Glasstein: kleiner Finger weit ab- Ubogen; langer zugespitzter Nagel. Als die Zigarette ausgesucht rst, blast fte durch die Spitze: Reit sitzt festgeklevimt. „Bitte — Fredy!" sagt Lady müde. , Fredy: hoch, erfaßt die Spitze, nimmt aus her Westentasche — ernen Zahnstocher, stochert den Rest fort, reicht Spitze in verbindlichster Haltung zurück. Lady gähnt. Die jungen Gents verfolgen atemlos die Vorgänge. Augen ttnikeln. Weihrauch von Bewunderung über rotem Plüsch. Ehr- surchsschaner. Ich werfe mich zurück, daß die Beine hochfliegen, lache — wiehernd nne ein Pferd. I Fredy, Lady, Gents sind starr, fassungslos, umgefchmissen. Sogar Hand, Blendheim-Spanrel, zwettausend Emm, glotzt erschüttert. Ich richte mich auf, fasse Fredy ms Aicge, fest — mit einem MeNschelnblick — v-on oben bis unten, durch und durch — daß et zusammensackt, errötet, rutscht. Mein Blick sagst: Fredy ! Tein Vater ist ?lgent in Lebensniitteln! Tu hlfst ihm inr Geschäft! Keine Widerrede! Du möchtest tn der Nase bohren und nach dem Essen die Zähne lutschen ~ warum plagst bit dich, vornehm zu werden! Tu gehörst gehauen. Fredy, Gentleman — Gent Lehinann — bis du wieder ein Alfred bist, ein Mfred Lehmann. Wegtreten! Und ihr jungen Gents! Aus Euren Augen sehe ich nur eine Sehnsucht funkeln —: die: einen Vater zu haben, der es versteht, den Frauen und Kmdern der Soldaten draußen den letzten Bissen vom Munde wegzureißen, um ihn für zehnfachen Preis an Gutgestellte zu verschachern! , T a s habt ihr, während die ungeheueren Schlachteil donnern, m euren jungen Seelen als Gewinn dieser großen Zeit empfangen Letztes Ziel: eine Sttmde erster Masse Fredy, von meinem Blick enthrcklt, ist klein geworden Ich sagt es ja: er ist im Grund ein guter Kerl. Aber die Lady? Sie ist hochgepufft, blitzt mich an, durchbohrt Fredy, faucht: " it v öcrrn ' baß er dich nicht fixieren soll!" . Teufels auch Fredy geht los, schnellt auf, schnarcht: „Was erlauben Lne sich . . . wir haben erster Klasse bezahlt!" Asr Zag rollt. Ich bin geschlagen. Die Jugend triumphiert. Tie Jugend triumphiert. hiride. Von Ilse Reiche. Wie eine vergessene Krone, bunt und spitzig, liegt das litauische Staotchen auf einem Hügel inmitten der weiten, reichgewellten Landschaft. Grün, rot. blau und golden über Lrlkweitzen Mauern ragen seme ZwiebeMcppeln und Kirchtürme gen Himmel: die griechischen Kirchen der Weißrussen, die römischen der Polen, die Mo,chee der Tartaren uitd die Synagoge der Juden. Tie Synagoge fleht immer du meflten Andächtigen, denn von den achttausend Seelen, die das Städtchen mit den vielen.niederen bunten Häusern beherbergt, zählen sich über sechseinhalbtausend zu dem auserwähl- SJ” Jehovas. Wie vor Jahrhunderten schon liegt dies kleine Mo,a kiiück des Oltens verloren in der litauischen Weite — und boilj i)t es Inders geworden: weiße Taubenschwärme haben sich aus den Tacherri da und dort niedergelassen — weiße Tcncbenschwärme von Pvrzellanisolatoren, deren Kupserfäden nun das Städtchen mtt aller Welt verknüpfen, und aus dem großen, schrägabfallenden Ge- vrert des Marktplatzes mit der flachen Tnchhalle in her Mitte, schallt der Tritt feldgrauer Tettlscher. Die Töckcher Israels du tagsüber trag vor den Auslagen ihrer winzigen Ladeil hocken und am Abend schön geputzt und schwatzend mii den Freundinnen auf imd nieder promenieren, die Töchter Israels wenden den Kopf nach ihnen, und die dunklen, asiatischen Augen Tie Teilt scheu winken ihnen zu — denn man kennt sich, ivenn man zwei >zahre lang in denselben engen Mauern beieinanderwohnk und man wird Frermd miteinander. Tie dort über den Martt gehl mit einem grellblau quadrierten Kleide, das ist Hinde Sie geht mit einem geduckten Lächeln die schlanken, großen Offiziere grüßend Freuen sie alle, die schone Hstnsoe. seit der blondbärtig« deiitich« Maler, der hier haust, sie mit seinem Rötelstift gezeich- rrkt hat: das flache, breite Gericht mit dem eiförmigen Uebergang der Schlcflen in die Wangen, die lang gezogenen, etwas traurigen Augen unter sclIveren Lidern und flachbvgrgen Brauen, die gekrümmte Nase und den etwas spöttisck-en, etlvas selbstzufriedenen Mund mit den geschwungenen Lippen. Ein Kopf, noch irgendwie tierhast uiw nicht eigentlich schön, — aber von reiner, ausgeprägter Juaffe. Ömde itnrb purpurdiinkel bis zu den kupferfarbenen Haaren, als jie ihn grützt, den Rittnieister mit den vergißnleinnichtblauen Augen, die so blau sind, wie sie lwch nie Augeri gesehen: blau wie me Türkisen in ihrem Sck)>mucke,'aber auch so undurchdringlich und - 5 ört L^ rei es hei-, seit ihr Bräutigam mit den Russen rii den Krreg gemußt und sie nie wieder ein Wort von ihm gehört — damals lvar sie ein alyrnngsloses Kind, und jetzt — ieyt ist sie erwachsen uiid hat zwei Jahre lang unter den deittschen Männern ge- mt^^lner chrer jungen Stammesbrüder' blieb zurück, nur die Een und Mißgestaltenen, die laut durcheinander plärrend und geyrkiiflerend in dein Synagogenliaus iliren Talmud lernen Lne geht scheu und geduckt durch die Straßen, demr die Schwiegernrutter und der Rabbiner, denen Moses Gesetz ein unct. 500 hört hwitqreifcnbeg, brutales Kontrollrecht über bic Braut zu- sckvreibt, wack?en argwöhnisch über sie. . ^ , ' Ter Rittmeister lacht, wenn er das Jiddisch m der Kinderschule hört, und sagt, er könne es gut verstehen; beim es sei ja eure deutsche Sprache, die die Juden damals van ihnen mitgenommen hätten. — Wenn Linde im jungen Sonnenbrand vor ihren Aussagen uns dem Marktplatz sitzt, grübelt sie darüber nad>: vor halb sechshundert Jahren, so erzählte es ihr der Rabbiner, halben diele grausamen Teutschen, als die Pest ihre Länder heimsuchie. den armen Inden schuld gegeben und sie erbarmungslos davon getrieben, mit Kindern und Greisen, weiter und immer iveitec ostwärts, bis sie endlich hier, weit, weit fort, mtter den Polen, nnter der Knute des Zaren eine Stätte finden burften. — Und jetzt — Lindes Blicke unter den schwarzen Lidern befeuern sich — jetzt sind diese deutschen gekommen und l>aben Fuß für Fuß, weit, weit, bis hierher, mit ihrem Mute den Boden erobern müssen, über den die Jaden damals geflohen sind, l?aben mit ihren blonden Leibern das Land bezalckt und erworben, in dem jetzt sechs Millionen Kinder der von ihnen vertriebenen Söhne nnd Tüch er Israels wohnen! Gerecht ist der Herr ... ^ , . Linde denkt an die Geschichte von Judith und schüttelt den Kops: nein, sie haßt die Deutschen nicht, unter denen sie erwachsen geworden ist —. sie denkt an drüben, an das Leimatland der Deutschen, wo ihr Volk nicht, wie in Rußland, mißachtet und geknetet ist, sondern geehrt nnd geachtet, und, man hat es ihr erzählt, wo es Vorkommen soll, daß blonde Barone, wie der Trago- uerlentnanl mit schvefelgetben Mützenband über dem pfirsich- farbenen, gebräunten Gesicht, ihren Schwestern die Land küssen und sie zu Tische und zu Tanze führen — ganz wie ihre eigenen Frauen . . . Und manchmal, wenn Linde den hochbeinigen, schmalhüftigen Gestalten der Deutschen nachblickt, bekommt sie Sehnsucht nach der Leimat vor sechshundert Jahren. Tie Schwiegermutter ist argwöhnisch. Ein unwissendes Kind war die streng behütete Linde, als der Krieg kam, — nun ist sie erwachen, in zwei Jahren erwachen unter den fremden, deutschen Männern, —- die alle zwei Jahre lang ihre Frauen nicht mehr sahen. Ach, nie könnte Linde sich bergeljen geaen das grausame jüdische Gesetz, den Ihren und ihrem Stamme Schande bringen — verstoßen und geächtet würde sie — und wäre doch nur freundlich geduldet von denen drüben, den einzigen Männern, die ihre Jugend kennt .... Heimatlios ist ihre Seele, wie ihr Volk, seit es die Stätten an den Jordanusern verließ . . . Aber der Frühling ist da, der Frühling überkommt Litauen mit Wärme, Zärtlichkeit und Blumen. Voller Wünsche und Verlangen ist die Lust — die Vögel flöten es in den Abend und die jungen Wiesen duften es in den Morgen ... In Kampf und Irre geht Lindes Seele, — wie ihr Volk, das vierzig .Jahre durch die Wüste irrte . . . Eigene und fremde Wünsche umschwirren und verfolgen sie, bleiben ihr auf den Fersen — hetzen sie wie eine beutesichere, klaffende Meute: nirgends ist Zuflucht! — Linde heißt sie . . . vermischtes. *WieFriedrichWilhelm I. dieTranerkleidung ein sch,rän k te. Unter dem Zwange des herrschenden Stoffmangels wird jetzt arch von den Bchörden eine Einschränkung der äußeren! Kennzeichnung der Trauer, der schwarzen Bekleidung, empfohlen. Zweifellos bleibt bei vielen diese äußire Kennzeichnung auch nur eine Aeußerlichkeit, während andere mit hellem Gewand dennoch tiefste Trauer um den Verstorbenen im Lerzen tragen können. Sollte auch die Trauer kleidung amtlich geregelt werden, so wäre das nicht die erste Mglementierung dieser Art. Eine der seltsamsten Trauerkleidervrdnnngen, die wohl je da waren, führtet Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1739 ein. Der überhandnehmende Pomp auch bei Oeicheufeiern veranlagte ihn zu dieser wahrhaft drakonischen Maßregel. Für verstorbene Kinder unter 12 Jahren durfte überhaupt keine grauer angelegt werden, bei älteren Kindern war ein Vierteljahr als längste Dränier zeit vorgeschrieben, und allein bei Erwachsenen war es gestattet, sechs Monate lang m Tranerkleidern zu gehen. Nur wenn es sich um ganz nahe Der-' wandte handelte, durften die Karossen schwarze Draperien tragen» und die Trauerröume schwarz ausgeschlagen werden. Auch der' König selber wollte von diesem Ttzauerreglement nicht ausgenom^ men sein. Er bestimmte sogar ausdrücklich, daß die Diener und Lakaien nach seinem Tode keine neuen Trmiersachen, sondern nur emen Flor um die Lüte tragen durften: Diese vom König selber gegebene Vorschrift wurde auch pietätvoll innege'haltern. * Die Kugel im Lerzen. Tie Zähl der merkwürdigen» Lerzschüsse wird jetzt um einen sonderbaren Fall vermehrt, den» V. As coli in einen: italienischen medizinischen Fachblatt erzählt. Ein italienischer Soldat erhielt am 18. Juli 1915 in einem Schützengraben bei sPodgora eine Schinßverletznnq durch eine, Schrapnellkugel, die in die linke Rückenfeiüe eindrang. Der Verwundete wurde nach! Mehrfacher Untersuchung in das Lauptlazarett von Pavia gebracht, und am 1. August stellte man durch radiographische Aufnahme fest;, daß ein kleincs Prviektil im Körper verblieben war. Plötzlich nähmen die Schmerzen des Patienten zu, und er mußte völlig wagrccht liegen. Ajm 1.., September wurde eine neue Radium- durchleuchtung öovgcnoisumU, und das Projektil schien oerschwun,- den. Nach, langen Untersuchungen stellte man fest, daß es sich mitten im .Lerzen befand, nnd zwar in der rechten Klappe. Es war, begünstigt durch, die Lage des Patienten, durch eine Vene dahinl gelangt, und von nun ab echolte sich der Soldat sehr schnell, er! konnte bald darauf enllasseu werden und hat seitdem niemals mehr die geringste Belästigung verspürt. Vüchertlsch. — T ie Eroberung von Riga, dieses aufseheirerre-, gende Ereignis aus dem Kriegsschauplatz mit seiner weit ausstrahlenden Bedeutung, findet von einem wohlunterrichteten Teilnehmer in den soeben erschienenen Leften 151—154 von Bongs, Illustrierter Kriegsgeschichte „Ter Krieg 1914/17 in- Wort und Bild" (Teutsch-es Verlagshaus Bong & Co., Berlin W 57, wöchentlich ein Lest zum Prnie von 35 Pfennig) eine entsprechend ausführliche Würdigung. Weitere reich mit Bildern geschmückte Artikel, wie „Dias Schlachtfeld in Flandern", „Mft den Kabelp über den Fluß", „Gasgranaten", „Gesachtslärm „ „Die Bederttnng des Waldes im Stellungskriege", „Ter Klappeirschrank", „Gefangenen- sürsorge rn deutschen Lagern" und andere mehr, bieten ein sehr anschauliches Bild von dem Leben 'vor und hinter der Front. In der eigentlichen Kriegsgeschulite erlmlten wir die Fortsetzung der Schilderungen der furchtbaren Kämpfe im Mar 1917 an der französischen Front. Was bedarf es hier viel der Empfehlung, wenn wir mit- tecken können, daß der bekannte Militärschriststieller Wilhelm von Massow diese TarfdeUnng verfaßte. Aus der gleichen Feder stammt die Fortsetzung: Die englisch-sr