Montag, den 29. Gilover Die Radier. Roman von H eran amt Wagner. - ' Erster Teil:- Zwei Fälle. 1. Kapitel. „Ich habe Sie nun mit allen Fällen, die unsere Gefangenen betreffen und die irgendwie bemerkenswert sind, bekanntgemacht," sagte der Direktor des Gefaugnifles-zu Tiefurt zu bem neuen Gefäugnisgeiftlicheri, „mit allen, ms auf zwei. Bis auf die zwei interessantesten. Dre will ich Ihnen zum Schluß eingehender schildern." Der Direktor, ein großer, starker Mann mit schwarzem Bollbart und ruhigen, gütigen Augen, setzte sich in fernem Schreibtischsessel bequem zurecht, schlug die Beine übereinander und zündete sich gemächlich eine Zigarre an. Wahrend er den Rauch ausstieß, schien er über die zioei interessanten Fälle nachzndenken oder richtiger: über die beste Art, sie seinem neuen Mitarbeiter, der erst gestern sein Amt angetreten hatte, verständlich zu inachn. „Sind diese beiden Fälle so verwickelt?" fragte der ^^Cr war für sein Amt eigentlich noch recht jung, kaum in den hohen Dreißigern, rundlich, rosig und blitzsauber, ein Geistlicher, der nach seinem Aenßsren mehr in einen Dame-n- salon paßte, als in ein Gefängnis. „Verwickelt?" gab der Direktor zuruck. „Das nicht. Die Fälle sind prozessual klar, ganz klar. Interessant und ungewöhnlich sind nur die beiden Täter, — besonders der eine, der mir geradezu Rätsel aufgibt." Hier lächelte der Direktor. „Mir, der ich doch abgebrüht bin und mich nicht so leicht verblüffen lasse." Der Pastor rieb sich die gepflegten Hand«, schnelzle mrt dem Zeigefinger ein Stäubchen, von den schwarzen wem- kleidern und fragte nahezu interessiert: „Bitte, erzählen Sie." „Es handelt sich um die Fälle Reisner lind Behrens," sagte der Direktor. „Beide Männer wurden wegen Totschlags verurteilt, Hermann Reisner wegen versuchten zu fünf' Jahren, .Herbert Behrens wegen vollendeten zu zwölf Jahren. Herbert Behrens ist ein zweinndvrerzigjahriger Manu und hat noch elf Jahre seiner Strafe zu verbüßen. Hermann Reisner wird erst zweinnddreißig Jahre alt und befiubct sich seit vier Jahren hier im Gefängnis. Mer in drei Tagen geht er in die Freiheit. Wegen mustergültiger Führung ist ihm ein Jahr im Gnadenwege erlassen worden.^ ^ t „Ah," rief der Pastor ans, rn einem Ton, der halb Wohlwollen, halb Erstaunen ausdrückte, Erstanuen wohl darüber, wie man einen Menschen, der versucht hatte, zu täten, begnadigen konnte, und Wohlwollen aus dem Grund, Barmherzigkeit zu üben sein Berus war. „Auch ich," lächelte der Direktor nrit umnerklickem Spott, „bin mit nleinen Sympathien mehr bei Herbert Behrens, obwohl dessen Verbrechen sein Ziel erreichte wahrend das des andern immerhin nur ein Versuch blieb . . . Aber das sind persönliche Gefühle, die schweigen müssen, wo wirkliche Tatsachen sprechen. Und die Tatsachen sprechen zugunsten des Hermann Reisner, der ein mustergültiger Gefangener war. Er führte sich tadellos. Besonders Ihr Vorgänger, .Herr Pastor, hatte alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein, denn Hermann Reisner wurde allmählich das, was mau erneu reuigen und gebesserten Sünder nennt . . Der Direktor schwieg und sah mit lässiger Ironie bem Ranch seiner vortrefflichen Zigarre nach, während der Pastor, der die Ironie wohl merkte, aber nicht recht begriff, wohin sie hiuausivollte, unruhig wurde und mit seinen rosigen, dicken Fingern auf den nicht nlinder wohlbeleibten Schenkeln, herumtvommelte. „Also ist der Mann wohl ein Heuchler ?' fragte nach einer Weile der Pastor. „Das nicht. Mer er ist kein Charakter." „Kein Charakters „Sie staunen, daß ich den Leuten, die ich hier festhalte, Charakter zubillige?... Oh, ich gehe noch viel weiter. Ich behaupte, daß den meisten schweren Verbrechen! nicht ihr Zuwenig, sondern ihr Zuviel an Charakter zum Fallstrick geworden ist. Der, welcher töten will, muA tminerhin Mut besitzen, den Mut zur Tat, und diesen hat nur, wer ein Charakter ist . . . Ich habe meine Gefangenen lange studiert und bin dahin gekommen, sie in drei Klassen einznteilon. In solche, die ihrem Charakter treu bleiben und das zeigen; das sind die Verstockten. In solche, die ihrem Charakter zwar auch treu bleiben, dies aber verbergen; das sind die Heuchler. Und in die welligen, die gar keinen Charakter besitzen; das sind die, von denen wir zu Unrecht annehmen, daß wir sie reuig und gebessert entlassen... Zu diesen letzten möchte ich Hermann Reisner zählen, obwohl ich freilich zugeben muß, daß ich mir über ihn noch rächt völlig klar geworden bin." Der Pastor war geneigt, gegen diese Ansicht, daß nur Charakterlose reuig und gebessert das Gefängnis verließen. Einspruch zu erheben, dock/ fühlte er zu stark, daß das, womit er diesen Einspruch hätte begründen können, noch zu sehr BnchstabenweiSheit lvar, als daß er gegenüber diesem gelassenen und irr feiner Gelassenheit so selbstsicher kraftvollen Mann einen Widerspruch gewagt hätte. Er begnügte sich daher damit, nerböjs zui hüsteln Uird mit gemachter Ungeduld zu fragen: „Gut, wie liegt aslo der Fall Reisner?" Der Direktor wippte mit einer nachlässigen Bewegung die Asche von fliner Zigarre, zog ein Manuskript aus der Schublade sein Schreibtisches und lehnte sich lveit in seinen Stuhl zurück. „Ich habe mir," sagte er, „n>ie über alle intness arideren Fälle, so auch über die Fälle Reisner und Behrens Akten 478 angelegt, nt denen ich, ans persönlicher Liebhaberei uni) um «u meinen Gefangenen in ein intimeres Verhältnis zu kommen, das es mir ermöglichen soll, sie menschlich zu verstehen, kurz und zusamm eich äugend alles verzeichnet, was mir für dieses Berstäudms von Wert und es mir zn erleichtern scheint... Hö-ren Sie, was ich> über die Fülle Reisner und Behrens niedergeschrieben habe." . 2. Kapitel. Hermann Reisner war der Sohn reicher Eltern, sein Vater betrieb ein großes Exportgeschäft in Hamburg, fyvc* mann Reisner war schon seit Jahren die Prokura erteilt worden. Er galt als geschäftlich rührig, weit über das Durchschnittsmaß intelligent, schien ein scharfer nrrd nüchterner Denker und erwies sich in den meisten seiner Entschlüsse selbständig mrd rasch. So war die Führung des Geschäftes nach uub nach oanz in seine .Hände geglitten, während sich der Vater, bei Dem sich mit zunehmendem Alter ein vorhandenes Herzleiden stark verschlimmert hatte, mehr und mehr in das ruhige und beschauliche Leben eines Zusehers und leisen Beraters zurückzog. , Hermann Reisner verriet in nichts, daß Leidenschaften in ihm schlummerten. Er ging den geraden und zäheil Weg der Leute seines Standes, war nüchtern, spielte nicht, zeigte mäßige Neigung für Musik, eine etwas heftigere für den Rudersport mtb war im übrigen nahe daran, sich mit einem jungen Mädchen, der Tochter eines reichen Hamburger Kaufmanns, zu verloben. Liebe sprach bei otefex geplanten Verbindung nicht mit. nur eine ruhige Sympathie, in die sich bei Hermann Reisner noch etwas wie Neugier mischte, eine Neugier, die von einem geheimen Mißtrauen nicht ganz frei war. Was'er tairm Nmvt iim«rvv» Cffo/i'k^ ,il <. : . Mädchen war von ihm weder heftig begehrt iwch gegen Widerstände erobert ivorden, es war ihin gleichsam von selbst zugefallen, er pflückte eS auf dein nüchternen Weg, den er ging, wie eine hübsche Blume, die man ohne tiefere Wunsche abrelßt, um sie daheim inline Vase zu stecken. Ohne sich sonderlich zu beeilen,' im Grunde sogar von erner diruklen Unruhe, die ihm zuweilen im Blute pochte, gelingstigt und gehemmt, strebte er dem Ziel zu, das ihm vonr Schicksal vorgezeichnet schien: einem Lebe,:, dessen Stun und Zweck der Erwerb und die Farnilie waren. In dem Leben dieses Menschen vollzog sich nun jäh und von niemandem, am wenigsten von ihm selbst, erwartet, eine Wandlung. Aeußerlich veranlaßt ivurde sie durch den rasch nacheinander erfolgten Tod feiltet* Mutter und seines Vaters, durch den er nicht nur in den unbeschränkten Besch eines erheblichen Vermögens kam, sondern der ihn auch von einer Kontrolle befreite, die, ohne je scharf oder streng zu werden, doch immer dagewesen war. Er erwies sich' als jener Menschen, die für fid). allein nichts sind, die nur gedeihlich wirketi können, wenn eine andere Hand sie führt und die ratlos werden und schließlich in die Brüche gehen,' weiui jener fremde Einflnß erlischt. Hermann Reisner besaß mit einem Male viele Freunde Er, der bisher nie ein Bedürfnis nach Bekanntschaften emp- ftiiiden hatte, suchte jetzt welche, weil er den Einfluß brauchte der von ihnen ausging. Allen Einflüssen dieser Art, die beständig wechselten, gab er sich hin, betete wahb- 1?t an ' bex ^ Mführte, und war immer bereit. M verhöhnen, was er am Tgg zuvor noch gepriesen hatte. Er wurde ein haltloser Mensch. ^dessw nicht nur äußere Umstände waren, die M wandelten, daß vielmehr schon immer Neigungen znm Ne'rrnchm geschlummert hatten, die ein Zufall geweckt hatte wachsen lassen, das bewies die Tatsache, daß Herniairn Reisner mit einer sonderbaren Schien gerade lenen Einfluß floh, der ihm vielleicht neuer- ding^ einen sesteii.Halt hätte geben können. Seit dem Dode seines Vaters nämlich zog er sich! mebr Md mehr von der zurtick, die seine Braut hatte meÄr !"llen, ans so unverstälckilich schroffe Art, daß dieses Äer- haltui-, das rmmerhin aus gicke Freundschaft acarüudet gewesen war, nunmehr in Feindschaft ansurtete. ^ 9 ““ er in dem Mädchen die verflossene Zeit, die Zeit des Zwanges zum Guten und zmn Geradeir. von der er sich innerlich von Tag zu Tag lveller entf^ Kein Maisch haßt ja den Zwang, den Antrieb glühender als der, der feiner nicht entraten kann. Hermann Reisner hatte jetzt täglich neue Herren und Berater. Bon allen verlangte er unbewußt, daß sie ihm für etwas der Antrieb seien. Sie waren es ihm auch, und Her- rnanii Reisner fügte sich ihnen. Nichts in der Welt findet leichter Willige niid Sklaven als das Böse. Um diese Reit in achte Hermann Reisner durch seine neiien Frelmde die Bekanntschaft eines Weibes, von dem für foITte beben die etrtjcheidende Wendung ausgeh^r Er war ztveimiddreißig Jahre all, als er zNm ersten Male rntt Lena Körting zusammentraf, einer Frau, deren Alter nicht leicht zii besttmmen war, die manche für noch reicht dreißigjährig, andere schon für vierzigjährig hielten, von der aber, was alle bestätigten, die sie kannten, die sonderbare Macht ausging, Männer unter einem anzuziehen und abzustoßen und sie in- jedem Fall unglücklich zu machen. Mau hätte Lena Körting nur mangelhaft charakterisiert, wenn man gesagt hätte, daß sie schön sei, was sie im Grunde auch gar nicht war, Und da das, was sie den Männern so gesahrlich machte, mehr eine Eigenschaft ihrer Seele als ihres Körpers war. „Ich ZlcmbG daß es Ihnen Freude machen könnte, wenn erner, der Sie liebt, um Ihretwillen zmn Schurken würde. —- w, daß das gerade allein Ihr Glück ansmachen könnte," sagte einmal Hermann Reisner zu ihr. o..,^wiß " antwortete sie darauf mit einem dunklen Lächeln, und ihre Angen, die versonnen dem Anblick eines Grausamen hingegeben schienen, bestätigten mit ihrem satten Ewnz, daß sie die volle Wahrheit sprach. Es gingen viele Gerüchte um sie. Man wollte wissen, Danrn sei, man dichtete ihr eine aristokratische Abkunft an Und behauptete andererseits wieder, daß sie ans der Hefe des Volkes flamme und auf abMteUerliche Weise hochgekommen sei. ' w*™* Es sich in Wirklichkeit verhielt, wußte niemand. Sicher war nur, daiß sie in der Lage ivar, airf großem Fuß zu leben, frei und nt recht abenteuerlichen Formen, und daß H l blu Schwarm von Verehrern anhing, von denen sie keiner liebte, dafür aber alle begehrten. Sie war ein Irrlicht. . (Fortsetzung folgt.) ^luherr Bild im Lichte dcr deutschen Dichtung. (Schluß.) o A ..Me anders erscheint der Luther, den uns nach den Stürmen des 30mhngen Kriegs die Dichter eures friedcwünschenden Deutschlands viorjtellen. Nun wird betont „seine getroslige Geduld, die alle Furcht und jLraurigiett von ihm abhielt niid nichts anderes als eine Wir- h^ligen Gegtes aus dem Glauben geweseil sein kann " Mrt diesen Warten gibt Sperrer in seinen: „Lnt Perus redivivl^ die Donatt für die Auffas,nng des Pietismus au, und der Reformator ist nun Nicht mehr der große Tatenmensch, sondern der dulden da Beter, „ern stattliches Werkzeug und eine teure Werkstatt des heiligen Geistes." Zugleich preist die Aufttäruug den mmvmto fCin “ »^ormatwnA. „Aus dir, gepriesenes Sachsenland Entspringt das Licht der reinen Lehre. Tn hast öaS Docht des Glaubens angebrannt, ,^as son,t fast gar erloschen wäre Aus deinen Mauern, Wittenberg, Entsteht das unerhörte Werk!" Diesen frommen Gottesmamr, der die Lehre der Vernunft in Lullchland heimisch machte, hat ein Anhänger mrd Jünger Lt/! scheds, Christian Fr. v on.D e r s cha ii, dessen Verse aber ai,w Kwpptlocrscheii Einfluß verraten, in einem umfangreichen Heldengedicht besungen, der Ln'theriade", die freilich ebenfowA wie ius andere von Gottsched angeregte Gegenstück zur „Messiade"^ der „Hermann" Schönaichs, mit Klopslocks Dichtung wetteifern holperige!: Alexandrinern erhalten wir eine Ge- l^^'te des Re so rmatMNs ze: ta l t ers, ii: der Luther als der Befreier der Volker vom ^zoche Roms gepriesÄr wird. Erst die Männer der folgeiiden Generation baben vollbracht, was der Gottsckied-Schicks nur ahnte, ,re haben Luther als den Lichtbringer und den Apostel entdeckt. Hamann schöpfte wieder aus dem ungetrübten Urgirell der Lutherischen Sprache. Möser verteidigte den §.^orma1or^ m e:ne,n französischen, dann überseptei: und viefver- ^chrerben g^en^ die Mißverständnisse Voltaires, i:nd Herder, der dem „Prediger in \b Lehrer der deutschen Nation" ein eigenes uenkinal setzen wollte nno dann wenigstens in den v 479 LümaniLAsbriefen Luther-Worte Wimmelte, verlieh dem Empfmden ferner Zeit Ausdruck in dem herrlichen Gedicht: Mächtiger Eichbaum deutschen Stammes! Gottes Kraft! Droben im Wipfel braust Per Sturm?. Du stehst mit Hunde rtbogigen Armen Ten: Lturm eittgegei: m:d grünst! — Der Slturm braust fort? Es liegen da, Ter dürren Arme Aeste Zehn darniedergesaust: Tu Eichbaum stehst. Bist Luther! Ms den deutscheir Sturm-, und Trang-Menschein hat ihn Jvh. H. Voss gesehen, der im Feuerätem der Sonne daherfährt: st' braust sein Geist durch Goethes „Götz". Als der: Zerbrecher fremder Ketten, den deutschen National Heros feiern ihn Schiller und! Goethe und ebenso die Tichlter der Freiheitskriege, ein Eriist Moritz Arridt und Körner. Ties war die Tonart, in der man das dritte ReformativusjubilästM: stierte. Taanals wollte Goethe, durch Luthers Beispiel aufgernfeu, „giottgegebene Kraft nicht ungenützt verlieren Und in Kunst und Wissenschaft wie immer protestieren.", und ein Nachtwächter-Lied auf das Jal>r 1817 singt: „Dort, ihr Herrn, und lasst euch sagen, Ter Geist ist nicht mehr in Fesseln geschlagen. Gedenket au Luther, den Ehrenmann, Ter solche Freiheit euch wiedergewann. Bewahret das Lickst, der Wahrheit Licht, Bnoahret das Feuer, entweihet es nicht." Solche Warnrufe, wie sie auch Uhland 1617 in seinem schonen Gedicht „Tie Uln:e zu Hirsau" anstimmte, toaren in dieser Zeit der beginnenden Reaktion sehr am Platze. Tie Romantik hatte unterdessen ein ganz anderes Lnther-Bild ersck-afferr und von der Bühne aus einen: grosten Publikum gezeigt. 1807 loar Zacharias Werners Drama „Martin Luther oder die Weihe der Kraft" erschienen. Tiefer sinnlich-übersinnliche Gottsucher, der nicht lange dmmch zim: Katholizismus übertrat und in der „Weihe der lln- trast" sein Lutherdrama widerrief, hatte die Gestalt des Reformators in ganz unprotestantti schein Geiste geseheir. Wohl schildert er m theatralisch-prachtvollen Bildern das Empor steigen des Bergmanns holturs zu Katharina von Bora gebreitet. Die üppige Phantasie, die ein star'kes Bühnenwerk gestaltet, verschwimmt in romantilck-e Phantasterei und verzerrt das Lnther-Bild zu einer unwirklich- däülonischen Gestalt, die dann An g n st Kl in g e m a u n in einem ebenfalls erfolgreichen Theaterstück noch gröber ausgestaltete. Tiefer romantische Luther musste erst wieder dar Wirklichkeit erobert werden, mit) dies geschah in der Biedermeierzeit in ausgiebigem Maste. In zahlreichen Gedichkstzy'llen und Romanen wird Lutber als der Mite Familienvater geschildert, so in dem an aneDotischen Zügen reichen Gedichtbuch „Luther und seine Zeit" von Hagen- bach, in Ludwig Bechsteins „Luther" mit seinen prächtigen Versen, ; hatte bis dahrn ein so zahlreicher und gesammter Kirckien- gang noch nie :n Grosen'linder: statt gehabt. Wle-s lxrtte sich angesck;lo,ser:,^ohne Unterschied des Geschlechtes, ohne Unterschied de.' Alters, selbst der bejahrteste Manrr von Grosenli-nden chu ^ la !> rm (RntUckst)ffie> Jost Besf) rnrd seinen Jrchelftste vor allen am nächsten, war \ mb ernstrmmerrd in den Gesang an memcr Lecke vorr Anfänge bis zu Elche mitgezogen." Nachmittags predrgte der zwecke Pfarrer, %iaam Duell. „In feierlicher.W Tag hm, welcher blos der geistigen Betrachtung ur:d der Belebung guter Entschlüsse gewidmet blieb, die das NachidenVen über dre Feier des Jubelfestes rmd der Genuß, des yeiliger: Abendmahls erzeigt Hacker." Samstag, 1. November, wrm- oeu :m Gottesdienst „Schüler und Schülerinnen vor dem LÜtare verjammelt und denselben Frager: vorgelegt, welche von dem gropen Lherle so treffend als freimüthig bearltwortet wurden. Zwanzig Kruder, welche sich seither durch Fleis rmd sittliches Betragen vorterlhaft ausgezeichnet hatten, erhielten nach geendeter Prüfung kleine, dem Zwekke angeme,sene Prämie!: als Zeichen der ^usriedenheck der Lehrer." Nach dem Gottesdienst wurde;: vor der Zkrrche auf^dem Kirchhofe eine Eiche unb eine Lirwe gepflanzt, aua- als Lrumbilder der Stifter nuferer evangelischen Kirche: ..feste Eiche, welche keil: Sturm bangt und hier auf der höchsten Stelle Pranger: folf, das Bild des kräftigen, in seinem M ut he und rn seiner LLusdaucr unerschütterlick-en Luthers: — ore Lrnüe mtt ihrem milden Schatten und ihrem weichen Holze, aber darum nrast minder wohltätig rmd dauerrrd, dort an der ne seren Lteile aepilanzt, das .Bild des sarrften, besonnene?: nndi oejcherdenen Freundes und Gehülsen von Luther, Melanchthons." i .ch^rte, welche ich zu der zahlreichen auf den Gräbern ^ ec r Dorelterr: vereinten Menge über den Zweck rmd Sinn der beabsrchagten Pflanzung redete, wurden mit den augenscheinlichsten Beweisen von Tbeilnahme n'.rd Rührrmg angehört. Es war viel- leiast der feierlichste Augenblick des ganzerr Festes." Anschließend Wurde dre ^zugeud „auf das nahe Rathaus geleitet, >oo sie mit Lchreibpaprer beschenkt rmd mit Weisbrod und Wein, welchen .^oht dre meisten hier zum ersten male gerwsseu, erquickt. — Tanz und gesellige Freude, welche aber in derr Gränzen würdiger wiaslgung blreü, beendigten das sckchne Fest." In dem Filialort Klernlinden wurde die Feier in umgekehrter Reihenfolge gehalten. Der 31. Oktober wckk der geselligen Freude gelvrdmet. Am ch. November, mittag's 2 Uhr, „zog ich mit der Gemeinde rmd Lchuhugend 1817. „Nach diesem Maasstabe kann die Geniemde bis zum nächsten Jübilänur wohl auf 1300 Leelen ^ ZvlkSzählnng von 1910 hatte die Gemeind« über 2000 Eruwohner. Kleiuliuden hatte 1717 an EiuNDhiien: 206. „Gegenwärtig, beläuft sich die Loelenzahl von Kleiuliuden auf 312, ubertrrM also die von 1717 um ich. Bis zum vierten ^ubelfeste, 1917, tonnte sie Wohl die Zahl von 450—470 er- reichen. ^:e BoWzählrmg von 1910 aber fand iiber 1800 Em- wohner. — „Wie viele sind vor zehr: Jahren (1807) als Kinder ein Raub der nun verdrängten Pokken, wie viele vor 3 und 4 Jahr«: ekii Opfer der. damals herrschende;: Scmhe geioorden, nick) tvie mancher Vater hat der Rückkehr feiner Söhne vom Kriegsschaw plazze vergeblrch geharrt!" — „Tie Drangsale von 1813 und 1814 wo fremde Knegsheere die. Stadt und Gegend Heini suchten, die Vichseilche herrichte, und das grauenvolle Nervenfieber bm meisten r^wrlwn dahrer zu' Klcinlindel: tiefe Wunden schlug, sind uns allen nock) fusch :m Gedächtlcksse. Zu den Zeiten der Noch mochte wohl auch gegeluvärttges Jahr des Hungers gezählt loerdeu müssen, woran daS Achtel Kvrn, welches bis dahin nach einem -zehnjährigen ^Durchschnitt etwa 8 fl. gekostet lxrtte, vor der Enrdte l Cl \ lrnü> auch jetzt, nach der Errrdte, noch 18 fl galt. — Welch ein auffallender Unterstchnd, wewt man damit d:e vor 100 Jahren übliche Preise tvrgleickst! Nach zehlv- jghrigem Durchschnittspreise galt nünklick) das Kon: am Anfänge eeo vorigen Läenlums pr 2 fl. 48 kr. Vielleicht ivird unfern .ram.ommcn. rn 100 Jahren der g»geiiwärti auf andeum Gebieten, Preise erlebt, die ims nicht so leicht mehr in Verwunde- rimg geraten lasseii. Das schöne Fest von 1817 konnte gefeiert werden, nachdem die Liegestmdeu von 1815 sthon Wurzel gefasst lxitwir Wir feiern unser Fest in einern der grössten Kriege :uid Wirtschaft^ rncge. Möchten bald die .Gruben für imsere Siegeslmden aus« gehoben wcrd«:! 480 Vermischtes. * Der Riesenanffchwung der deutschen Elek- t riz i t ä t ser z e u g u n g. !ÄP vor über drei JahrzehiftLp Nachenau das erste deutsche Elektrizitätswerk gründete, bezogen die ersten Kunden Heu Strom nur für Luxusbneuchttmg; erst allmählick, lernten weitere Kreise die elektrische Beleuchtung schatzeaH dann wurde der elektrische Stroni in allerlei Kraftbetrwbm, im Hiandlverk und in der Kleinindustrie angelvandt, und rn der Mitte -der 90er Jahre, nachdem man die Kraftübertragung auf ivertg Entfernung eingeführt hatte, begann ein Riesm-auftchlwnng deü Elektrizitätserz-eugung in Deutschland. Hierüber macht Dr.-v>ngl G Siegel (Berlin- in. den von Dr. Arnold Berliner imö Prost ftliiumft' Pütter l-erausaegebenen „NatuNvissenschäften" fefletride Mitteilungen. 1895 gab'es in Deutschland 148 Elektrizitätswerke. 1900 roaren es 652, 1906 : 1338, 1913 , 4040. Die- Anzahl der versorgten Ortschaften betrug in dm glepchm ^alchm ; 150, two, 3000/175 000; Tie Leistungsfalchgkeit der Kraftwerke Weg von 40 000 Kilowattstunden über 230.000 Kilowattstunden auf 720000 Kilowattstunden und 2100 000 Kilowattstunden; das anglegve Ber- - mögen wuchs von 100 Mill. Mark auf 400, 1400 biS *u 2oOO Mill Mark' die versorgten Glühlampen zählten anfangs rme halbe Million; 1900 tvar ihre Menge verfünffach,1, ^906 warm es 8 200 000 und 1913; 24 500 000. Für die Bogenlampen lauten! die Zahlen kl2 000,(50 000, 1Ü5 000, 230 000 und di. ^ Gesamt,nmge der verkauften Kilowattstunden betrug 80 Millionen, 140 /20 drnd 2800 MiMonoi. Diese Zahlen spiegeln Nicht nur den Rie,en- vnfschwung lftr Elektrizitätsversorgung in beinahe zwei ^ahr- zehnten wider, sondern verrabm auch, wesentliche Merkmale ihrer Entwicklung. So ersieht man fr B. aus ihnen, welchen Einflutz, die Erfindung der ström sparen dm Metallfaden lampe gehabt hat; während-sich, von 1906 bis 1913 die Zahl der Glühlampen verdr^ facht hat, haben sich die Bogenlampen nur um etwa dn- Vaiflv vermehrt, und seitdem haben sie wieder abganowmm. 169o wurdur für Lich,t 31000 Kilowattstunden verwaiidt, 1900; 156 000, 1906. 490 000, 1913; 1300 000: der Kraftanschlußwerl- dagegen betrug in diesen Jahren 5000 Kilowattstunden, 96 000 340 000 iuch 2 400 000 Kilowattstunden. Mährend also nn Jahve 1895 der irny* anscklnßwert das Sechsfache, im Jahre 1900 noch das IV.chache^ lKrasrauschlnßltnertes betrug, hatte 1913 der Kraftanichlupww-t beinahe die doppelte Höhe des Verbrauchies für ^icht erreicht. Durch den Vergleich ÄwislckM den J-ahrur 1900 und 1913 erkennt man die Entwicklung zur Fernversorguug: anfänglich, kamen auf mn lücci 1, 35 Orte, zuletzt wurden 4,-.5 Ortsckgftm versorgt. Die durchckmtt^ lich'ie Größe -eines Kraftlverkeö betrug tut Jahre 1900: 352 Kuo- wattstunden, 1913 dagegen; 520 Kilolvattstuudeu, ein Zeichen )ur die vern,ehrte Zusamni'nfassung der Krasterzmgung^ Ungefayi dreiviertel der Gesamtleistuugsfähigkeit der deutschen Elektrizttatv,-- werke verteilt sich aus nur 103 gröbere Werfe mit emcr Enn.zet- leistung von über 5000 Kilo,oattstundmh die übrigen o900 Werke verfügen zusammm nur über eine Leistung von tuiu> o4U0UU Kilowattstunden, duichfchnittlich also jedes über 140 Kilolvatt;- stunden Ed ist also noch immer eine weitgehende Zeriplrtterung, der Elettrizitätserzeuguug vorhanden. Noch immim gibt es- mA Unzahl getverblicher Betriebe, die elektrische Arbeit nur für den eigenen Bedarf erzeugen, so vor allem Fabriken, ferner Warm? Hauser und große Wirtshäuser. Die Anzahl und Leistung dieser „Einzela lila gen" übertristst die psfmtlichm Werke noch um ei* Vielfaches, ihre Leistungsfähigkeit wurde im Jahre 1913 auf rund 8 Millionen Kilowatt gegenüber 2 Millionen Kilowatt der oftent- licken Werke geschätzt. Ihr Verbrauch betrug etwa 10 Millrartu^ Kilowattstunden, währnd die Abgalw der öffmtlrchen Werke an die Verbraucher noch nicht ein Drittel dieser Menge erreichte und unter 3 Milliarden Kilowattstunden blieb. * Polypen als S ckr a p uell schütze u. Unter den vielen Beweisen dafür, daß die 'Natur 'viele der modernsten Waffen bereits vor undenklichen Zeiten zu erfinden und ihren besonderen Zweckest dienstbar zu machen wußte, ist als besonders interessantes/Beispiel die „Bewasfnung" der Polypen zu nennen. Während fcne Tiere der niedrigsten Art insolge ihrer Festwurzelung auf dein Meeresboden -ins als Glanzbeispiele der Hilflosigkeit erscheinen, da sie \a uicht einmal sortzulanfen vermögen, hat die Natur doch und ihrq schwimmenden NaWoniMm, die Qualleii, mit den rafft mertesten, vom Standpunkt der menschlichen Technik nilodernsten Waffen auv- qestattet. Wie der Prometheus dem „Buchder 1000 Wunder' von! Arthur Fürst und Alexander Moszkowski entnimmt, werden die Opfer der Poly^'u keinesivegs von dm schwachen, dünnen Fang- armen gepackt, sondern vielmchr durch-, eine , aus tretende giftige, 'Flüssigkeit gelähmt. Das hierbei gebrauche Gift wird durch besonders abgeschnellte Kapseln in dm Kiwper des zu überwalttgendest Tieres hineinbefördert. Den ,nasch-inetteu Mparat für diesen Zweck stellen die au den Fangarinen der Polypen sitzenden Netselselle^ dar, die einen langen, spiral aufgewukeltm Faden enthalten, beb trotz seiner Feinheit noch, ein Rlolst enthalt, m welckiem ftch Gift befindet. Diese NessAzellen sind von cniem ganz dünnest Körperbaut,chm iiberspannt, und wenn dieses an ermm hitzig ei Fortsatz bloß berührt wird, so platzt es, und die Kapstl fliegt heraus. Gleichzeitig mit die sein Vorgang streckt sich dre imnukehr entlastete Spiralfeder aus, um wie ein Spieß in das cmgegasifene Tier Mi dringen wird es durch das aussließmde Gift zu lähmen. Konstruktion nnd Vorgang gleickM also im Wesen vollkomuren der Wirkung Moderner Sckrapnettgesch-osse, imd die Polypen waren demnach bereits als Schrapnell Witzen tätig, als noch kein Mensch auch nur im entferntesten an derartige Möiftickcheitm zu denken vermochite. Vücherttlch. — Alexander Moszkowski, Der Sprung über den Schatten. Betrachtungen auf Grenzgebieten. Umschlag- und Einbandzeichnung von Karl Arnold. Preis geheftet 4 Mart, gebunden 6 Mark. Verlag von Albert Langen in Müuchm. — Es ist durch zahlreiche, früher veröffentlichte Sttrdim, auch durch die Mitarbeit an dem'kürzlich erschienenen „Buch der 1000 Münder ' erwiesen, daß der Verfasser der vorliegenden Betrachtungen, Alexander MoszMvski, nicht nur der Humorist ist, als den das große Pnblituni ihn kennt. Ter schwerwiegende Teil seiner Arbeit gehört der strengen Wissenschaft, besser den Wissenschaften, denn seine Anteilnahme gilt in gleich starkem Maße der Physik wie der Philosophie, der Mathematik wie aildererseitü auch den schonen Künsten. Er tritt allen Tiszivlnien zunächst mit der Unbefangenheit des nicht einseitig festgclegtm Laim gegenüber: aber em erstaunliches Fassungsvermögen, gepaart nttt unbewutzter, Ei.nsuhlungs,- lraft, erlauben ihn. ein nicht mehr laimhaftes Eindringeii und darüber hinaus ein selbstäiidiges Wefterdmkeii bis zu neuen überraschenden Ergebnissm. Daß Moszkowskis Jnteressm von gleichp mäßiger Vielseitig'beit sind, daß sesii Mssm nicht das des Fachgelehrten ist, bommt gerade diesen Betrachtungen auf Grenzgebleteu zustatten. „Ter Sprung über den Schattm", der vermutlich inanchem Fachgelehrten AufWüsse geben ?ami, tvendet sich aber im eigentlichen an jeden, der überhaupt Lust hat zu dercken. Man kann diese Betrachtungm voraussetzungslos lesm, ohne fachliche Vorbftdüng, und mail gelangt lediglich dadurch, daß man sich der Muhe des 0Jft1= denkens u'.iterzieht, bis zu dm letzten Ausblickeii der heutigen Wissenschaft: daö deutsch^ Sä-rifttum erhält hier wohl zum ersten Male ein Werk, das gerade über diese, dre Gegenioart stark besck«ästigenden Probleme so klare Md gemerNverstandllche AiO- s.chlüsse 'gibt, das, 'ohne je zu verflachen, sich so spanneird mw unterhaltend liest, feine Untersuchungen in so gefälliger 5-orm vorzu- tragm tveiß — Tatsachen, die dem „Spriing über dm Lchatten ' das Anrecht auf einen seit laugMi leeren Platz geben mrd ihm einen schnellm und großen Erfolg hinlänglich verbürgen. — Der Kriegsaüsgang und die deutsche Industrie von Syndikus P. Meesmann, Hwiptmann d. L., Tre- mer Verlag, Mainz. In klarer, kurzer Weise, ohne politische Par-ter- iiahme, bechandett der Verfasser alle wirtsch'aftlrchm imd polittfthe,i Fraam dm Gegmwart in ihrer Beziehimg zu dear Bedürfnis,en und Erfiordernisim der deiitschen Industrie ftir den Kriegsausgailg und konimmdm Friedm. Zchach-Ansgade. Von W. Grimshaiv. e ä s k o ä o k g h (7 -f 11) ' Weiß Weiß zieht an imd sehr mit dem 4. Zuge matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gleichklangs in voriger Nummer: Ergriffen. SdjnftUUuno: SB. Meyer. - Zwillwg,runddruck der Briihl'ichen Unu.-Bnch. und Steindrnckerei. R. S«n 3( , Gienen.