Samstag, den 27. ©Weber MkrhMnoAMwm ; (8tf§n«r ’ UW i ö.'A 3n Sliirm und Ztills. Roman von Max Treu. (Schluß.) Oben im Zimmer der Domina saß der Marschall, schlürfte ein Glas alten Bordeaux und erzählte, wie er mit seiner»- Truppen, ans dein Marsche z>'ur Arnree begriffen, mit dem Fräulein dorr Hassow zusammengetroffen und durch ihren Hilferrrf aufmerksam geworden war. Gerade in diesem Augenblick trat Hans Joachim und Beate ein. „Unsere Plauderstunde ist zu Ende, Herr Herzog," meldete Hans Joachim. „Und hat hoffentlich das gewünschte Ergebnis gehabt," setzte der Herzog hinzu. Auf einen Wink der Aebtissin nahmen Hans Joachim und Beate am Tische Platz, und bald funkelte auch vor ihnen der dunkle Wein im Glase. „Und nun, Herr Herzog, bitte, erzählen Sie zu Ende," sagte die Domina, und führte eine Prise zur Nase. „Es ist nicht mehr viel zu erzählen, gnädige Frau Aeb- tissin. Ich bat das Fräulein, in meinen Wagen zu steigen, und unterwegs klärte sie mich über alles auf. Ich, brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sich mein Zorn über diesen» Bubenstreich regte. Wir haben in Paris — das darf ich hier vertraulich sagen, — schon manche Dummheit des Kasseler Hofes ausbaden müssen. — Das fehlte uns gerade noch, daß man nns von da durch solche Schurkereien den hellen Aufruhr über den Hals brächte! Und je weiter ich fuhr, um so besorgter wurde ich. Von allen Türmen klangen die Sturmglocken, und überall zogen wir an bewaffneten Bauernscharen vorbei, über deren Absichten man nicht im Zweifel sein konnte, wenn man die entschlossenen, finsteren Gesichter betrachtete. Ich fürchtete beständig einen blutigen Zusammenstoß, und je näher wir dem Stifte kanven, um so mehr wuchsen jene Scharen an, und um so drohender wurden ihre Mienen. Ich schickte nach allen Seiten hin meine Adjutanten, daß sie überall den strengen Befehl überbrächf- ten, keine Unklugheiten und Herausforderungen den Bauern gegenüber zu begehen, aber ich war doch froh, als mein Wagen endlich hier in den Hof des Stiftes einrollte. Und nun bin ich hier, gnädigste Frau Aebtissin, und bitte für zwei Tage um Ihre Gastfreuudschaft in dem Sinne, den der schöne Spruch über der Eingangspforte verkündet: „In Sturm und Stllle — meine Heimat!" Zwei Tage nur, dam: geht der Zug nach Rußllrnd rbeller — wer weiß, wohin noch?" setzte er voll tiefen Ernstes hinzu. „Seien Sie von Herzen willkommen, Herr Herzog," sagte die Aebtissin. „Möchte Ihnen auch diesmal wie vor Jahren Stift Hohenbergen zu einer freundlichen Erinirernng Ihres bewegten Soldatenlebens werden!" „Wie vor Jahren," sprach der Marschall sinnend, „ja, wie vor Jahren. — Uird als wir damals zusammensaßen im großen Speisesaale, und ich Blicke in die Herzen der trefflichen Menschen hier getan hatte, da leerte ich mein GLaK auf das Wohl dieser kernigen, treuen Mansch«:. Und mü dem selber: alten Lan desspruche, mit dem ich danrals schloß," — hier erhob -sich der Marschall und nahm sein Glas zur Hand — „bringe ich heute in einen Gruß dieser alten Statte dar: „Hie gut Altmark alleweg!" Uud die Gläser llangen aneinander, :md es gab einen feinen Klang. Als der Marschall nach zwei Tagen weiterreiste, nahm er aufs neue die Sympathien aller derer mit sich, die mÜ ihm zusa mmengekommen waren. Sogar Riezler, oer nvehr> mals Pferde für ihn beschlagen hatte, sang sein Lob: - „He is zwar auch een Düwüsfrarrzos, — awer he is een echter Keerlt" Die Truvpendurchzüge dauerten noch wochenlang fort, und es kam da und dort zu scharfen AriseinandersetzuugaL zwischen den Soldaten uj® den Landeseiiüvohnern. Ern^ hafte Zusmnmeustöße aber wurden überall vermied«:, dar« der Ruhe Und Kaltblütigkeit der Bevölkerung einerseits uÄ den strengen Weisungen andererseits, die feitsns d« Kond- mandostellen an die Ttnrppei: erganaen loaoen. Sh war klar: man wollte sich nicht im Rücken der marschierenden und kälnpsenden Armee ein zweites Spanien schassen. Als die Trrippeickmrchzüge endlich aufgehört hatten, trat eines Morgens Hmrs Joachiin reisefertig vor Dirnte urch Braut. Tiefer Ernst lag auf den kraftvollen, männlichen Zügen, als er sagte: „Die Stunde des Abschieds ist da." Beate hing sich an seinen Hals. Keine Dräne stmrd in ihrer: Augen, sre hielt sich tapfer, aber Hans Joachim nusrfte doch, rvie laut uud stürmisch ihr das Herz in der Brust schlug. „Mein armer Liebling," sagte er und strich ihr liebkosend über das weiche Haar. „Wie kann ich arm sein, Hans Joachims wo ich doch so stolz auf dich sein darf? Mer hörst du — kehre tvieder! Kehre wieder!" ' Er nickte zuversichtlich „Ich komme zurück, Beate. Unser Glück bleibt uns ungestört und unzerbrochen." Arm in Arm traten die beiden vor die Tante Aebtissin. Und ruhig und kühl, tvie immer, klang die llare Stimme der Domina: „So zieh denn hin, Hans Joachim! Möchte, wenn du zurückkehrst, die Freiheit mit dir kommen, daß über diesem Dache wieder alte, lrebe Fahnen wehen dürfen. Tu deine Pflicht, mein Sohn, sei tapfer und treu in Not und Gefahr, mach deinem Altmärker Nmnen Ehre, — aber wirf dän Leben auch nicht tollkühn und unbedacht in die Schanze. Denn nicht dir allen: gehört es, — es gehört deinen: Vaterland und diesem Mädchen, das dich liebt. Und deren Ansprüche an dein Leben darfst du nicht freventlich verletzen Und bauty'benfe auch an deine alte Tante Domina, die dich 474 im Geiste begleiten wird, und die dich mit ihren innigsten Segenswünschen entläßt. Zieh hin, mein Sohn, und Gott sei mit dir!" Hans Joachim war vor der starkherzigen Frau auf die Knie gesunken, und sie legte segnend die hagere Hand auf sein Haupt. Dann erhob er sich schnell und fest. Noch eine lange Umarmung für Beate, ein Händedruck für die Tante — dann war er hinaus. — Vom Hofe her schallte der Hufschlag seines Braunen. Am Tore sah er noch einmal zurück, — eine Kußhand flog zu Beate hinauf.- Mit vorgebeugtem Haupte lauschte sie jetzt, bis der Hufschlag in der Ferne verklang. — Dann aber sank sie, schwer atmend, und die leise bebende Hand auf das Htlrz pressend, in einen Stuhl. Lange, lauge saß sie da, lange, schweigsam und regungslos, — bis endlich die Domina liebevoll den Arnl um sie legte. i„Mein armes Kind, dein Herz zuckt mrd blutet. dich, crk solcher Abschied tut ja weh, sehr weh -- ich weiß es selbst. Aber sei ruhig; er kehrt wieder —■ er kehrt zu dir, in deine Arme zurück." „Ach Taute, und warum alle diese Schnrerzen — warum, warum?" (. „Die Antwort auf die vielen „Warunt" der Menschenkinder hat sich ein Höherer Vorbehalten denn 'ich. Ich kann sie dir nicht geben, — zu den Ratschlüssen des Herrn in: Himmel ist die Aebtissin von Stift Hohenbergen noch nie besohlen worden. Und nun nimm ein Buch, Kind, und lies mir etwas vor." Aufs Geratewohl schlug Beate ein auf dem Tische liegendes Büchlein auf und las mit bebender Stimme: „Der bu von dem Himmel bist, Alles Leid und Schnrerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Eren'ckckung füllest — Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, * ^ Komm, ach komm in meine Brust!" , In ihre brechende Stimme hinein klang froh und verheißungsvoll das Geläut derStiftsglocke, die den Mittag einläut eie. * Hans Joachim von Sormitz kam unversehrt aus dem russischeu Kriege. Weder die Mordschlacht vou Borodiuo, wo seine Truppe zu den Verteidigern der berühmten Rajewski- Schanzen gehörte, noch der grausige Winter konnten ihm ettuas anhaben. Mit eigenen Augen sah er das furchtbare Gottesgericht, das sich über den unersättlichen Eroberer vollzog, sah den Untergang seines Heeres, des stolzesten, das die Weltgeschichte' jemals gesehen hatte. Und zn den russischen Offizieren, die am schicksalsschweren Morgen des 30. Dezembers 1812 in der Poscheruner Mühle um den preußischen General Yorck, bcu Führer des preußischen Hilfskorps in der französischen Armee, zur entscheidenden Beratung und Besprechung versammelt waren, gehörte auch Hans Joack)im. Es war eine seltsame Fügung eiiies höheren Geschickes, daß bei dieser Konvention, die die Geschicke Preußens entschied, kein einziger Russe zugegen war: sämtliche anwesenden russischen Offiziere waren geborene Preußen. Die Sprack)e der Welt- gesUnchte ist doch von erschütternder Klarheit mrd Durch- stch^tert. — Als Preußen im Frühjahr 1813 die Waffen erhob, lit es den altmärkischen Edelmann nicht inehr im russischen Heer ™ die preußische Armee über, uitb da wurde er den Zorsichen Korps zugeteilt. Der alte Jsegrimm hieß der tungen Offizier, dessen er sich aus jener entscheidender Skuude gut erinnerte, freundliche willkommen, und inttei seiner straften und tüchtigen Führung machte Hans Joachin den glaiizerrdeu SiegeSzug von der Katzbach bis zur Seim mit. Bei Möckern verdiente er fick) das Eiserne Kreuz. Uut dann ging es miid; Frankreich hinein. Am Unglückstage vor Moulmrrail wurde er schwer verwundet und hatte es nur bei au,opfernden Treue seiner Leute, die aufrichtig au ihn hnigen, zu danken, daß er nicht in feindliche Gefangenschaf' geriet Brs zum Friedensschlüsse lag er krank in Frankreich Doch hatte er gute Pflege gefunden, und als „heimwärts 'chlug der sanfte Frredensmarsch", da konnte er sich den zw ^llckrehreiiden Truppen anschließen uird mit ihireii in Reil und Glied bte Grenzen der Heiniat überschreiten Mit Jubel nahm ihn die alte Heimat auf. Die Glocken läuteten im ganzen Laude, und auf allen Wegen und auf allen Stegen kamen den Rückkehreuden Mänrrer, Frauen und Kinder entgegen, um sie in der Heimat willkommen zu l-eißen und mit Eichenkränzen zu schnlückeii. In jeueii denkwürdigen Tagen habeii die Eichen der Altmark fast ihr ganzes Laub hergeben niüssen. Keine aber unter allen Glockeii klang Harrs Joachisiu von Sormitz so lieb und so verheißungsvoll in die Ohren, als wie die Glocken von Linau und von dem Stift Hoheiibergeu. Denn sie waren es ja, die ihm auch bald zur Hochzeit läuten sollten. Als der Roggen vou den Feldern ein gebracht .war, da traten Hans Joachim von Sormitz und Beate von Hassow vor den Altar der kleinen Dorftckrche in Linau. Das ganze Dorf, die ganze Umgebung nahinen an der Feier teil, und als das letzte Amen verklungen war und die Neuvermählten in ihr Heini fuhren, da legte Haus Joachim seinen Arm um seine Frau Und flüsterte ihr ins Ohr: „Mein Weib und mein Glück!" lind sie sah glückselig zu ihm auf, und in ihren Augen lag ein stilles Leuchten.--- Noch einmal mußte Hans Joachim den Säbel von der Wand nehmen, als inr Frühjahr des nächsten Jahres aufs neue der Krivgsruf gegen den fremden Eroberer durch die Laude scholl, lind dieser Llbschicd war fast noch schmerzlicher als der erste. Es bedurfte der ganzen Seelenstarre der Domina, um Beate vor einem Zusammenbruch zm bewahren. Täglich war die Aebtissin vom Morgen bis zum Abend um sie, und unter der Zusprache und dem Tröste der heldischen Frau fand dann Beate die Ruhe wieder, deren sie so sehr bedurfte. An demselben 18. Juni, an dein Hans Joachim auf dein erstürmten Kirchhof von Planchenoit neben seincur tapferen Kommandeur Hilter von Gärtringen in das bou'teritjc Viktoria eiiifliutmte, das den Sieg von Belle-Al trau ce verkündete, da schenkte ihm F-rau Beate einen Sohn. Und als er diese Mitteilung vor Paris erhielt, da rief auch er noch einmal: \ „Viktoria I" Und Viktor wurde der Junge getauft, als Hans Joachim heimgekehrt war. Das Knäbleru weinte nicht während der Taufe, sondern es lächelte ganz still vor sich hin. Hub der stolze Later meinte, das sei ein gar sieg es gewisses Lächeln gewesen, — der Junge werde sich vom Lede^r iricht unterkriegen lassen. —i ^ Am Abend des Tauftages machten Haus Joachim und Beate einen Spaziergang. Vor der Schmiede schwang Riezler den Hammer, daß die Funken stoben. „Na, Riezler, alles gut zuwege?" „Dat soll woll sin, Jungherr. Dank der Nachfrage." „Was machen die Lütten? Schreien sie noch?" „Nee, Juuaherr, dat sollen se wohl bteelveir laten. Nu is Frieden im Land, uu de Franzos is rut, — do werten de Lütten niir nrehr to segnen uu sin stille." Da kam auch schon Frau Riezler mit den beiden Zwillingen herbei. „Das sind ja Prachtkerle geworden!" sagte Haus Joachim, und er und seine Frau gaben dssn schmuck uui> gesund aus sehenden Jun gen die Hand. Der Schmied schmunzelte und strich sich den Bart. „Jo, jo, Jungherr, dat stimmt. Umsonst hew- ick ok nich so 'ne Staatsfru. De lann noch vill mehr, als Jmrgeiis np füttern." Frau 'Mezler hielt ihrem iMamre den, Mund> zu. „Llber du bist doch man eenen richtigeir ollen Esel!" sagte sie. Und alle lachten herzhaft. Dann wollten Hans Joachim und Beate weitergehen mrd reichten den anderen die Hand. So standen sie denn zusaimnen, und ihre Hände ruhten fest nnb sicher zusammen. Söhne und Töchter ernes Landes, der Bauer und der Edelmann, rrndihr Herz schlug denselben Schlag, und in ihnen lebte dasselbe erne, dasselbe große und mächtige Gefühl: Treue und Vaterland! —- Langsam gingen Hans Joachim mrd Beate weiter. Zmn Elbderche hruauf führte er seine Frau. Im Westen ging die Sonne scheiden. In Wirtes Rot getaucht, glühte das Land. Die Fenster des Stiftes drüben blitzten im Abendstrahle. Lerse rauschte der Stronr zu ihrerr Füßen. Senre Wellerr 415 gitterten und bebten unter dem KMse der niedergehenden Sonne. Tauben flogen von den Feldern heimwärts. Alls den Schornsteinen des Dorfes stieg langsam der Rauch in die klare Luft. Nirgends ein Läris» nirgends ein lautes Geräusch, tiefer Friede rings um. Hans Joachim zieht sein Weid an sich, legt ihr Haupt ölt seine Brust, zeigt mit der Hand über das Land hin und sagte: - „Wie schön, wie still, Beate! Der Sturm ist vorüber, und nur noch das andere: In Stille — meine Heintat!" Sie sieht ihm lange in die Augen, und ihrer beider Herzen schlagen still und stark aneinander.- Luthers Vi!d isn Lichte der deutschen vichtüng. Bon Tr. Paul Landau. Luther ist nach einem Wort Trcitschkes von seinem Volk n::t einer so stürmischen Freude begrüßt worden, wie sie der deutsche Bode:: erst in den Tagen der Einigung des Deutschen Reiches wieder erlebt hat. Dem Helden des Wormser Reichstages jubelte das Vollslied M:.„ Zn Worms er sich.erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind' hat er «geschnwigelL:,, Istin-er dürft' ihn wendeg an." Ein anderes Lied ans dem JaH?ce 1524 singt: „Martinus ist cm kühner. Mann, Ein groß' Spiel hat er gefangen an. Er darf nicht Würfel noch Karten: Tenn wer mit ihm Kubieren will, Ter heilig Schrift tut er warten." Im gleichen, hellen Freudenton klingt Hans Sachsens Gedicht von. der „Witienbcrgischen Nachtigall", dieselbe leidenschaftliche Liebe für den deutschen Glaubenskämpfer, der gegen Mm auftrat, tönt uns ans zahllosen Briefen und Flugschriften entgegen. Frei-, licb antworteten die Gegner mit Vernnglimpfungen, imt> so klärt sich> eicht laugstn: ans dein uUruhig-wo-gende,: Nebel verschüdsn- artiger MetuunigM das BLiddes christlichen Ritters', als des Urbildes der Kraft und des GlanibenS, so lote es Dürer in seinen: Paul?n)- bilde als das Symbol der Lutherischen. Größe festgehalten hat. Luthers Gestalt, mit der, wie es jüngst Harnack wieder betont hat, der Geist der Neuzeit in der Weltgeschichte ausgeht, ist in allem deutschen...Bildungsleben lebendig geblieben bis auf unseren Dag. Wo die deutsche Seele ihre Großtaten vollbracht hat, da geschah es mit Luthers Hilfe, so in der größten Geistestat unserer Philosophie, in der Kant dsn Willen des' Menschen in den Mittel- pnnlt der Weltanschauung stellte, so in unserer größten Dichtung, im „Faust", dessen Vöonolvge von: .Wesen Luthers durchweht sind. Luther, der jedenfalls der erste moderne T>entsche ist, mag ihm auch den Ruhmestitel des ersten guodernen Vienscheu überhaupt Taute oder Petrarca streitig machen, hat allen nach ihm Komme irden die Zunge gelöst: wir alle sprechen noch heute Luthers Sprache, und unser größter Sprachmeister Goethe bewunderte demütig Luthers „Nie seist eistung": .Mir das Zarte getraue ich mich hin und wieder besser zu mache,:." So ist die gmrze deutsche Tichtung mittelbar eine Schöpfung des Reformators, und es könnte eine deutsche Literaturgeschichte unter dem Gesichtspunkt geschrieben werbeil, was unser Schrifttum ihnr verdankt: die 'Lyrik, indem er das Kirchenlied und den Ausdruck deS unmittelbaren Erlebnisses im Gedicht schllf, das Tranra, indenr er 'bie biblischen Stoffe zur Tarstellnng empfahl und die individuelle Charakterisiermug des Menschen durchsetzte; Epos und Ronran, ücdem er die Schönheit dar - deutschen Familie entdechte und durch seine Ehe eü: Vorbild gab, nicht nur für das evangelische Pfarrhaus, .sondern für das deutsche Heim überhaupt. Tie deutscl>e Dichtung hat -ihm diese Segnungen nicht vergelten könne,:. Zwar hat sie fich durch alle Zeiten redlich bemüht, - das Bild Luthers fsstzuhalten, aber es hat sich kein GenM' gefunden, der die wel^toe>vsgend>e Wucht dieser Persönlichkeit dichterisch hätte gestalten können. Nur eHrzelne Seiten dieses allumfassenden Wesens sind in den Tichitungen der verschiedenen Zeitalter geschildert worden.; sie alle schließe sich jedoch zu einen: .Bilde Lnstmmcu, das sich verlohnt, in diesen Tage,: der festlichen Erinnerung an den großen Viann in kurzen Strichen zu umreißen. Natürlich können nur die wichtigste:: Dichtung geu erwähnt werden; die ungeheure Menge der Festspiele, Gc- legenheitstwesien und unbedeutenden Reimereien bleibt unerwähnt. Eine hübsche Zusammenstellung der besten Gedichte und Aeuße- rungen hat Gustav Manz im Verlag des ,Evm:gel:scheu Bundes als Festgabe gebotei:. Tie Tichtung feiicer Zeit shand Luther zu nahe, als daß sie chn objektiv betrachten und künstlerisch hätte gestalten können. Der erschütternde Eindruck seines Todes erst verlieh den: Bilde feste Züge, in den: er nun durch, daS folgende Jahrhundert, eure Zeit des Kampfes und blutigen Krieges, schritt. So läßt Ha,:s Sachs in ferner „Klagred' ob der Leiche Tv'istor .Mllrtiiii .Lntheri" die Me Frau Theologin klage,:, daß der ,steure Held von Gottes Gnaden", der „st ritterlich für mich gekämpft", nun dahin sei. Ter sw m me Meister sing er aber tröstet sie; >,TarUn:b st laß dein. Tranren sein. Daß Doctvr Martinus allein Ms ein Ueberwinder und SiegM»?. Ein rechter apostolisck>er Krieger, Ter seinen Kampf hier hat vollbrachit Und brachen deiner Feinde Macht." Je mehr Luthers Merck durch Streitigkeiten aller Art bedroht wurde, desto sehnsüchtiger richteten sich die Augen auf den, der dieses. Wert geschaffen uud st kraftvoll verteidigt. In einer ganzen Reihe von Dramen wird Luther als der „christliche Ritter" gestiert, der die wahre Kirche als eine schse Burg gegen alles Teufelswerk geschützt. So schildert der tiefsinnige N i k o.d e m u s Frisch- l i n in seinen: lateinischen, aber bald ins' Deutsche übersetzten Drama „Phasma" Lather als den Helden, der siegreich iibcr die religiösen Schwarmgeister seiner Zeit triumphiert; der Lausitzer Pastor Z a ch a r i a s R i v a n d e r ruft in seinem deutschen Drama „Lutherns redivivus" de,: toten Neformalor vom Himmel heriuiter, „daß ich wieder muß auferstehen, U,st> mich erklären ohne Scheu, Was meine Lehr' vom Abendnuchl sei." An der Wende des 16. Jahrhunderts hat dann Andreas Hartman,: zuerst den Plan gefaßt, Luthers Lebenslauf dramatisch darzustellen in seinem „Curriculum Vitae Lutheri", in dem der Charakter des Nefor- Mators in kräftigen klare,: Zügen gezeichnet ist. Eine ganze Anzahl Luther-Dramen rief das erste Reformationsjubitäiun ins Leben, st die „Dctzeloerania" des Stettiners Heinrich K ielmaun nrit ihren lebendigen, den Mlaßhandel schilderiidei: Volksszenen, den „'Luther" des Magisters Heinrich D i r tz w i g, "der alte bedeutungsvollen Personen jener Beit ans dem hröiestaintisch«, wie auZ'dem'katholischen Laaer nin den Reformator. gr:chpiert. Das weitaus bedeutendste dieser Restrmationsdramen ist der bereits 1613 gedichtete „Eißlebisch chrisllich Ritter" des Pastors Martin Rinckhart, der sogar 1990 .eine Erneuerung „für die Gegenwart" von August Trümpelmann erlebte. Ter Ritter Martin, der hier als her gute Sohn Gottes vor seinen böse,: Kindern Pseudo- Petrus und Johannes, Papst und Calvin, sein Erbstatthalter auf Erden wird, ist die rechte Idealgestalt dieses kriegerischen Jahrhunderts, ein reisigem Glaubens- .und Gottesstreiter, der mit der guten Wehr und Baffen seines Gebets Tod und Teufel in die Flucht schlägt. (Schluß folgt.) Veekgnimg mii boelüe. * Zu feinen: Todestage am 28. OAobcr. Boi: FerdinarL Künzelmann. ^ Ein trüber Tag des Jahres 1916, ein Tag, der mit vielen Sorge,: angefüllt ivnr, hat mir tu seiner letzten Stunde eine grotze Freude und von vielen kriegerischem: Bsgeglmrngsn in dieser kriegerischen Zeit di? schiöi:ste und erfreulichste gebracht. lind er ist heute zu einer wunomlichj-wehmütigen, ahnungsvollen Erinnerung geworden. Das war auf eurem Bahnhofs, irgerckwo mMen irn Deutschland. Ich stieg mit einem Freunde, den ich gerade aus einem Laza- rettzuge abgeholt hatte, mit vielen Mvistchen eine große Treppe hinab. Langst,,: und mühseiligt, dem: der Freund war sehr krank. Unten in: Gmrge stand, mrtbcn unter den hin- und herfinten- den Menscljen, ein Offizier im igranän Aijanjtckl. Der hob sich irgendwie von den aridere,: ab. Der ,var, ich weiß selbst Nüst wie imb warum, zwischen den arideren gans allein . . . Itnb als ich ihn mit eurem zweiten Blich ansth, kam es mir'so vor, üH hätte ich sein Gesicht schon eirunal gesehen. Plötzlich gab sich mein Freund einen Ruck, und er machte siH schnell von meinem Arme los. Dann rief er: „Das ist Boelcke!", und er lief ganz schnell die Treppe hinab. Eirr p:ar Augenblicke spater standen die beiden, die auf denrselbo,: Gymnasium die Schick« bank gedrückt hatte,:, Hand in Hand und lachten sich an. Ein erschütterndes Bild, diese beide,: da Mammen zu sehen: den jungen _ Flieger, den kl'chnen, glstlzenden, berühmten Mann, dem der Krieg Ru hin und Ehre gebrackjit hatte, wrd den andern, seinen Kameradei: ans JUgendland, Soldat n:ck> krank, einer von den viele,:, die im Dtmkeln stehen, die still ihre Pflicht getan haben .... Ter Kranke winkte und stellte mich vor. Zlvei klare, hell« A!,:gen richteten sich fest auf müh, sahen mich groß, beinahe ,vie prüfend an. Es Ware:: M:gen eines Adlarjägers, Angen wie Scheinwerfer. Wir spräche,^ ein paar Worte, so, wie es nun einmal ist, wenn Uran plötzlich vor einen: Menstj-en steht, den: das Glück so hold gavesen ist, daß er sich reichen Lorbeer pflücke,: durste. Ein paar Augenblicke hörte er nrich air. Tain: .wurde das führe urch stolze Gesicht des jungen Fliegers plötzlich ganz lacheich und fröhlich, und er schob Niit einer kleinen Bewegrmg des Kopses, mit einem leiebitei: Heben der Achsel, mit einer wmcherhübscheu gleitenden Handbelvegrrng alles' Lob, das man ihnr sagen mochch, alle Ehre,:, die man so gen: vor ihrst ansbreiten roollte, rvest von sich fort. dlber da er nock, eine ganze "Stunde Zeit hatte, stich er sich gen: bereit, mit uns ein Glas Äl>ein zu trinke,:. Ta saßen wir deim an eruen: wcißgcdeckteu Tische in einen: Hellen Zimmer, mtb Boelcke und fein Fren'rrd redSwm, und ich war stöblich daneber: :md hörte zu. Fröhlich und steudig über 476 diesen prpchikvv-lle-n. schlickten, geraden Mid einfachen Menschen, rxn von essenes kleines Erlebnis ans Jrrgendland bald von ihm, bald von dein Freunde angesckstagenj wurde, wich der harte und Aare Glairz seiner Angen einein schönen und warnien Leuckchen. Man mußte ihn immerzu anseheir, man hatte ihn gleich lieb. Sehr schnell war die eine Stunde, die ihm noch für uns geblieben n>ar, vorüber, und es uurrde Zech zunt Aufbruch, nach eiuem letzten Glase, das mit tausend gutem Wünschet geleert wurde. Der Freund, den die Begegnung dieser Stunde tief bewegt hatte, mu^ite zurückbleiben, und ich begleitete den Flieger allein bis vor Unseres Hanfes Tür. Ein seiner Regen fiel, und die Bogenlarnpeu auf dem Bahrr- hofsp'latze halten im Nidel einen Hof, wie nmnchmal d-er.Mond in den Wollen. Es war kalt, neblig und häßlich geworden. Wir standen ein paar .Augenblicke auf der untersten Stufe der Treppe und hatteit niock). ein kleines Gespräch über den Freund im5> seine Krankheit. Tabei hatte der Flieger^der sonst ganz Stahl Md Kraft war, plötzlich viel Güte in der Stimme, Mitleid und Teilnahme. Dann schwiegen wir, und der Flieger sah nach der Uhr hinüber: „Es ist Zeit." Dann gaben wir uns die Hand. „Wie sonderbar ist das," sagte ich. „daß Sie inm wieder svrtsseheit, hinaus . . . Sie mögen nicht hören, daß man Sie lobt, und oaß man Ihnen Bewunderung zollt, wie man's so gern probte. Aber das will ich Ihnen doch sagen, daß nrir wunderlich, säst traurig zu Dtute ist, wenn ich daran denke, wohin Sie reisen, und daß wir der Llbschied von Ihnen sch>verfällt." Er sah mich groß ait. Er war sehr erirst geworden. Tamr lächelte er eia lvenirs und sagte, die Achsel hebend: „Das ist der Krieg . . Aber wrr haben ja bis jetzt Glück gehabt . . . Und d»nn . . . Gute diacht ..." Er gab mir noch einmal die Hand, schüttelte sie und hielt sie, mich an sehend, einen Augenblick fest, einen Augenblick länger vielleicht, als es sonst beim Mschied Brauch ist. Es war plötzlich so, als hätte er es gar nicht sehr eilig, an seinen Zug zu kommen. So standen wir ohne Worte. .Ich weiß noch gut, daß ich etwas sagen wollte und das Wort nicht.fand, das ich so gern hätte sagen .mögen. v Plötzlich machte er sich los und trat ^schrrell auf die Straße hinab, in den Regen und in die Nacht hmaus. Ich sah ifjm nach. Er ging sehr langsam, ohne Eile über den Platz und machte noch einmal neben einer großen Laterne Halt, um sich umzusehen. So standen wir noch einmal ein paar Augenblicke Blick in Blick, und es war etwas in nrir, was mich zu dem Zögentden riß — aber ich blieb an meinem Platze und l-vb nur noch eiitmal die Hand, um ihn wiükend zu grüßen. Das tat er auch. Tamu wandte er sich> mit eiirem Ruck und ging schnell weiter und war bald zwischen beit Menschen verschwunden. So ging er hinüber in den Zug, der ihn zur Front brachte, zu neuen Siegen nnd zürn Tode. Bei Regen und Nebel, in würrderlicher, ahnungsvoll - iveher Stimmung ist er gegangen, bewegt und erschüttert hat er uns Aurückgelassen. Mchertlkff. — Grundriß einer äußeren Geschichte Deu ksch- lands tu zwei Iahrtausenden. Don A. Conrades Richter, in Hannover. 116 S. 8°, Hannover, Heüvingsche Verlagsbuchhandlung. Preis 2 Aiark. — Die D>lkerVerschwörung gegen uns, der Verleunidirngsfeldzug unserer Hauptseinde und ihre Grausamleiten und VölferrechtsVerletzungen nötigen uns zum NackHenken rrver die Fragen: Wie Aon'nle das alles kommen, tvie muß dieser Krieg enden, und werben unsere Feinde nachl)er Frieden halten? ~ cr ersahr-eüe Ber;asser läßt den Leser im.Buche der Geschichte ine Antwort finden. Tie Anfänge der deuckschen Geschichte (113 vor Chrpio). flkvben und Zerfall des Franken- und des Deutschen Reiches und den Wiederaufbau des Reiches, auch das deutsche Verhalten gegen andere Völker und Mächte und umgekehrt, führt er uns kurz (ohne Kriegs- und Schlackstengeschichte) U7ld doch gründlich vor Augen. i m * 11 1 ^ r Wille (Kunst^vart). Zweites Septemberheft ch/v-.l^gsausgabe zum eriEgten Preis von 3,60 Mark vrertehahrlich. Verlag von Georg D. W. Callwey, München.) — Mit dem vorliegenderr Heftendes Knnstwarts läuft dessen erstes schien alter ab. Eiii Dien» chenslle r voll ganz ungewöhnlicher ^rfö^gek Für das neiuste Heft: 'derselbe Ferdmarld Ave- nartus, der vor 30^Jahren das Msttt gegründet hat, Urcht nur dem Rameu nach als Herausgeber, sa-nLenr er ist auch tatjächlich als Lprecher und Leiter an erster Stelle dabei! Das ist an sich ein im deutschen PreUcben ganz ungewöhnlicher.Vorgang. Auch aus den Enmeitungsworten ^,30 Jahre Kwtstwart" spricht reine Arbeite freude und Zu verf eckst, die deutlich auf den neuen Einfluß des „Tauschen Willens" (so heißt ja der Kunstwart jetzt) hinweist, oen er gerade während des Krieges zu feinem alten httrzugenvnrmen , T ^wo. Vaivmonawfcyn.fi für üite= rarurfreuntzL. (Begründet von Tr. Josef Ettliuger. Herausgegeben vo« Tr. Ernst Heilb-rn.) Verlag: Egon Fleischel 6- Co., Ber- lm W 9. Das 1 Noveinberheft ist soeben mit folgetidem Inhalt er- lchwmen: Paul Bourfeind: Vom gesprochenen Wort: Hanns Johst: Ern großer Roman der kleinen Welt: Edgar Steiger: Tie Me- wpher: ^orie w Bunsen: Tolstois Briefwechsel mit Alexandra Tolstst: Mfred Biese: Das Liederbuch dreier Freunde,' Heinrich Zerkauten: Neue Lyrik III; Artur Brausewetter: Luther und sein Werk u. a. m. ~ D)e Weltlite ratur, Heft 43: Hebel: Erzählungeu aus dem Lchstzkästlern mit alten Bildern. ^regener ^^rsfrsruen-Berein. Kochanweifungen. M e iß kr a u 1s u ppem i t H aferflockem Für jede Person Monsten Eßlöffel Hafer flocken und ungefähr ein halbes^ Pfund Weißkraut. Das Weißkraut wird fein gehobelt, in etwas Fcktt gedämpft und in viel 'Wasser gar gekocht. Tie Haferflocken lverden für sich gar gemocht, durchgeschlagen und zu dem Weißkraut gegeben, und ine Suppe mit Sccktz und Kümmel oder Tomate gOvurzt. Por eek artvffeln. Kartoffeln in der Schale werden nicht ganz gor gdk»cht, abgezogen und in Scheiben geschnitten Tann däinpft man Mehl in etwas Feit, löscht es mit Wasser ober Butter-, mrlch ab, gibt ZwiebAn und einige große Stangent weißen. Lauch kletligeschnttken dazu, -dann die Kartoffeln mrd würzt mit Kümmel Nnd Salz. GraupenMitAepfeln. Dicke Graupen werden tags zu- vor emgeweicht, cmgckkocht und m die Kochkiste gesE, dann mit Magermilch, loenig Salz, Zucker und Zimt gemischt. Aepfel werden geschält, nr Viertel geschnitten und in ganz tvenig Wasser ang^äst uiid in die Kochkiste gestelll, damit sie nickst zei-sallen An eine vorg-erickstete Auslaufform gibt man die Aepfel, darauf die Graupen, bestreüt es nrit Reibbool und überbrckt es im Ofen. Fettlose Bratkartoffeln mit Aepfeln. Kartoffeln werden m der LNMe gelocht, ataiageu mib in Scheiberr geschnitten D-aun gibt man in einen Brattopf ungefähr ein halb Liter Mager-, inilch, erhitzt sie., gibt die Kartoffeln hinein, .salzt und brät sie Ntiter Umwenden schön braun, bis' die Milch ganz eingekocht ist Tann gibt man sie auf eine Platte und legt steifes^' Apfelmus darum. Gleichklang. Einer hat es einen Beruf Hofft bamit sich durchzuschlagen. Einer mard's von ernenn Lied Aus den seligen Kindertagen. Einen hat man's, der bei Nacht Tinen Einbruch wollte wagen. -ll.. (Auflösung in nächster diumnrer.) l Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Einigkeit macht stark. Schnitleitung: W. Mener. — Zwillingsrunddntck der Brnhl'schen Nil v.-Buch- und Stettidruckerei. R. Lange, Gießen.