Der rätkelkakte Feind. Roman von Sven Elve st ad. ** (Fortsetzung.) „Ich ii>erbe Sie später noch eingehender vernehmen," agte der Vorsitzende. „Vorerst müssen wir über den Ur- prung dieses Brieses ins reine zu kommen suchen. Es sieht also ans, als ob ein anderer diesen Brief geschrieben und Auteresse daran gehabt hätte, den Herrn Oberst zu der gegebenen Stunde aus seinein Hause zu entfernen. Das ist ja ein ganz merkwürdiges Zusammentreffen, daß diese ^vei Briefe zu gleicher Zeit ankommen, denselben Inhalt haben und dieselbe Stunde bestimmen. Nun, tvir werden ja sehen. Herr Asbjörn Krag wünscht, über diesen Punkt als Zeuge vernommen zu werden." Krag trat vor, und der Vorsitzende reichte ihm deu Vrief. „Dieser Brief ist in mehr als einer Hinsicht interessant," jevklärte Krag. „Ich kann Worck für Wort uachlveisen, daß mit verstellter Handschrift geschrieben ist. Der Schrei- war nämlich dieser Kunst nicht ganz mächtig. Diese g ndschrift zeigt so viele charakteristische Einzelyeiten, daß bst ein Laie die Aehnlichkeit ernennen müßte, wenn ein ief daneben gelegt würde, der minder gewöhrrlichen Handschrift des Absenders geschrieben ist. Es ist mir gelungen, in den Besitz eines solchen Schriftstücks zu kommen, und dadurch habe ich auch herausgebracht, wer diesen 'Brief an den Oberst Holger gerichtet hat. Ich. kenne seinen Namen. Es ist nicht der Herr Rittmeister Rye." Im Saale herrschte große Spannung. Der Vorsitzende verschlang förmlich jedes Wort des Detektivs. Der Detektiv zog ein zusammen ge falte tos Stück Papier cncs der Tasche. Dieses Papier legte er neben den geheimnisvollen Brief und fragte den Vorsitzenden: „Kann man bestreiten, daß diese beiden Briefe von einer und derselben Hand geschrieben sind?" Der stellvertretende Amtsrichter studierte beide Schrift- stiicke eingehend. Seinem Gesicht war anzusehen, daß er höchst erstaunt tvar. „Jetzt wird die Sache plötzlich klar!" murmelte er vor sich hin. „Der Brief an den Oberst zeigt allerdings deutlich, daß er mit verstellter Handschrift geschrieben ist. Es ist gar kein Zweifel, daß diese beiden Briese von derselben Hand geschrieben sind. Woher haben Sie diesen Brief, Herr 'Krag?" „I ch h a b e i h n g e f u n b e n," antwortete der Detektiv. Der Vorsitzende sah ihn an und strltzte. Krag, der diesen Blick aufgefangen hatte, bemerkte: . f „Ich bitte Sie, sich zu erinnern, daß es hier nicht bloß gilt, einer merkwürdigen und geheimnisvollen'Sache auf den Grund zu kommen, sondern auch eines Menschen Wohlfahrt und Ehre zu retten. Meines Freundes Ehre." „Ich kann das Beweismaterial noch vermehren," sagte der Vorsitzende nud legte ein drittes Schriftstück Mts den Tisch. „Dies ist ein Brief des Advokaten Bomann, in dem er mir mittetlt, daß er als Zeuge erscheinen werde und wichtige Aussagen zu machen Hube." Der Augenschein zeigte ganz deutlich, daß alle drei Briefe, der, durch den der Oberst aus dem Lause gelockt worden war, der Brief ans Gericht und der, den Asbjörn Krag vorgelegt hatte, von derselben Hand, also von Advokat Bomann geschrieben sein mußten. Der Vorsitzende saß eine Weile stmnm da und dachte nach. Diese plötzliche Aenderuug der Sachlage verblüffte ihn augenscheinlich nicht wenigst „Die Sache ist in ein neues Stadiuni getreten," sagte er. „Wir haben jetzt nicht mehr einen Verdächtigen, wir haben rwei. RittmÄster Rhe steht nicht mehr allein als solcher da." „Dann nröchte ich die Herren darauf aufmerksam machen, daß der eine Verdächtige, der Herr Rittmeister, zu der Verhandlung erschienen ist, während der andere ausbleibt, trotzdem er sein Erscheinen ausdrücklich angekündigt hatte, sagte Krag. „Dos sieht beinahe aus, als ob der Herr Advokat eine Ahnung gehabt hätte, daß eine kleine Berändermrg in der Sachlage bevorstand, und durchgebrannt wäre." „Das ist kaum denkbar, woher sollte er eine solche Ahnung gehabt haben?" meinte der Vorsitzende. „Ich selbst hatte ja keine Ahnung davon. Ich wußte allerdings, daß Sie eine Ueberraschung bereit hatten, aber wer hätte gedacht, daß sich die Sache in dieser Weise ausklären würde." Nachdenklich blätterte der junge Itichter in seinen Pa Pieren. „Za," erklärte er sodann, „es wird wohl wenig Sinn haben, mit der Verhandlung fortzufähren, bevor wir den Advokaten gefunden haben. Es wird also daS Klügste fein, uns erst dieses Mannes zu versichern!" „Darf ich mir hierzu eine Bemerkung erlauben?" fragte Krag. „Ich möchte dadurch Ihre Ansicht noch besonders unterstützen." „Bitte, reden Sie offen! Wir sind ja erst bei der Vor Untersuchung und müssen nach allem greifen, was zur Aufklärung dieuen kann. Was haben Sie mir miAnteilen?" „Wenn ich mich an Ihre Stelle versetze, würde ich etwa folgendermaßen schließen," sagte Krag. „Es ist ja die überwiegendste Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß der Mann, der den Brief an Oberst Holger geschrieben hat, der Täter ist. Nun liegen zwei solche Briefe vor, oder richtiger gesagt, es ist die Rede von zwei solchen Briefen. Der eine liegt hier auf dem Tisch des Hauses, der andere ist verschwunden. Diesen verschwundenen Brief hatte Rittmeister Rye geschrieben, den vorliegenden Advokat Bomann. Wer von den beiden Männern ist der Täter? Wenn Sie von dem Gerede der Leute absehen, von all dem böswilligen Geschwätz, das hier in der Gegend über den Rittmeister in: 378 Schwange ist, müssen Sie einräumen, daß er ein. Mann von Ehre ist oder weni-gsterrZ freu Eindrnlck eines solchen macht" Der Vorsitzende nickte. „Der Rittmeister hat ohne Zögern Dinge zugestaudcn, die geeignet sind, ihn in ein recht schlechtes Licht zu setzen, und hat anderes verschwiegen, was er ebenfalls zugesteht, und dieses Verschweigen macht seine Sache noch schlimmer. Mit anderen Worten, er hat auf sich selbst nicht die mindeste Rücksicht genommen, er hat offen geredet, wo er das wollte, und er hat geschwiegen, wo er schweigen ivollte — ans Gründen, die er nicht auseinanderzusetzen wünscht. Es gehört kein besonders entwickelter psychologischer Sinn dazu, um einzusehen, daß gerade dieses Austreten seine Aussagen glaubhaft macht. Ich denke, Herr Vorsitzender, Sie sind hierüber mit mir einig." „Ich habe allerdings auch den Eindruck, daß die Zeugen aussagen des Herrn Rittmeisters das Gepräge der Zuver lässigkeit tragen," erwiderte der stellvertretende Amtsrichter. „Ich sehe bloß nicht ein, warum er über wickitige Punkte schweigt. Weiter, Herr Detektiv." „Nun wollen wir uns einmal den andern Verdächtigen näher betrachten," fuhr Krag fort. „Mir und Ihnen ist der Mann sofort ausgefallen. Er hat ein ausgeprägtes Interesse ftir den Fall bewiesen. Sie erinnern sich, wie er auf dem Platze herumlief und förmlich auf dem Boden witterte, wie ein Hund. Augenscheinliche wollte er den Verdacht je stark als irgend möglich auf den Rittmeister lenken. Warum? Ist es wahrscheinlich, daß sch irgend ein völlig unbeteiligter so auf Leben und Tod auf eine Sache stürzt, nur um einen ihm ganz unbekannten Menschen miglücklich zu machen und um seine Ehre zu bringen? Nun will ich Ihnen sagen, daß ich gestern abend noch ernmal mit diesem Manne zusammengetroffen bin. Vermutlich war es einige Minuten, möglicherweise eine halbe SUrnde, nachdem er diesen Brief an Sie abaeschickt hatte. vfy Aatte tmr vorher schon vorgenommen, ihm ein wenig auf die Fmger zu sehen, und es ist möglich, daß ich einige Äußerungen getan habe, die seinen Verdacht erregten. Jedenfalls liegt heute ein verdächtiger Umstand vor. Obwohl er mitgeteilt hatte, daß er bei der heutigen Verhandlung er- ichbmen und wichtige Aufschlüsse geben werde, ist er nicht gewtnrnen. Er ist im Gegenteil spurlos verschwunden und Absage geschickt. Ich will es Ihnen überlassen, welchen Schluß Sie daraus ziehen wollen. Wer ist mehr verdächtig, der Rittmeister, der von Anfang an, ohne jede Rücksicht auf sich selbst, die Karten offen auf den Tisch gelegt t,^oder dieser Mann, der vom Schauplatz verschwunden . „Der Schluß ist in meinen Augen nicht schwierig," Mte der Vorsitzende .„Der Mann, der am schlechtesten dasteht, ist der Advokat." „Darum müssen wir auch versuchen, ihii in die Hände zu bekommen, und das mit allen Mitteln, die Ihnen zu Gebote stehen." Fragend blickte der Vorsitzende den Detektiv an. Dieser nickte, und der Vorsitzende ließ den Amtsvorsteher rufen. Mterten miteinander, und danii verließ der Amtsvoisteher eiligst das Zimmer. ..... 2^ bei- Verhandlung, die einen so sonderbaren und KilrMK?®'? 1 Erlauf genommen hatte, wurde eine Viertelstunde Pause gemacht. Dem Amtsvorsteher >var auf- se .raaen worden, um ,eben Preis den Advokaten anszufin- bringe!? mit Gewalt, vor die Schranken zu Asbjörn Krag trat zu dem Rittmeister, der am Ofen leimte und nicht merken ließ, mie nahe ihn die Sache an- fej r f nti ! er eine der Hauptpersonen, wenn nicht die Hanplpersoii »i dem Drama war, das sich hier abspielte. „Run ist der Angriff abgeschlagen," sagte der Detektiv zu ihm. „Du wirst nicht verhaftet!" „Das ist mir einerlei." „Das sehe ich. Aber mir nicht." „Warum denn?" p'. it du frei herumläufst. „Ich verstehe immer noch nicht —" Mil. Ärfü'e 9W " bid > Bewegung ge- In diesem Augenblick wurde die Türe aufgerissen, und der Amtsvorsteher stürzte bleich und verstört herein. „Das sieht ja — das sieht ja schön aus!" stammelte er. 14. Kapitel. I m Zimmer des Advokaten. Amtsvorsteher wurde von allen Anwesenden umringt; Asbiörn Krag eilte auf ihü zu. „Hören Sie, wir haben mit Ihnen zu reden," sagte er. Er winkte dem Vorsitzenden, und die drei Herren gingen zusammen hinaus. Die Journalisteil wollten rnitkommen, aber aus ein Wort Krags blieben sie zurück. Als der Detektiv mit dem stellvertretenden Amtsrichter und dem Amtsvorsteher vor der Türe war, fragte er den letzteren: „Wo sind Sie gewesen?" „Ich war beim Kaufmann." „Haben Sie den Advokaten getroffen?" „Nein." „Sie müssen aber doch etwas erlebt haben. Sie sehen ia ganz verstört aus." „So etwas habe ich noch nie gesehen!" „Sie hatten Befehl, in des Advokaten Zimmer cin- zudringen, nicht?" „Ja." „War die Türe geschlossen?" „Nein, sie war eingedrückt." * So wollen wir machen, daß wir hinkommen. Meinen Sie nicht auch, Herr Amtsrichter?" Dieser nickte und ging ins Zimmer, ,um die Sitzung SU vertagen-^Dann machten sich die drei auf den Weg. . k- v Krag ging eilends voran. Er ging so schnell, daß der Amtsvorsteher, der ein älterer und etwas beleibter Mann war, ihm kaum folgen konnte. Der stellvertretende Amtsrichter war sehr gespannt. Als sie am Hause des Kaufmanns angelangt waren, wurden sie von der Kaufmannsfrau in den zweiten Stock gewiesen, ln dem der Lldvokat sein Zimmer hatte. Die Frau kam selbst ui it hinauf. Sie sah bekümmert aus und war wortkarg. Augenscheinlch hatte das, was geschehen war, einen starken Eindruck auf sie gewacht. Asbjörn Krag ging ihr voran und entdeckte gleich die ausgesprengte Türe, durch die er sofort ins Zimmer des Ad- vokaten etntrat. Und nun verstand er auch mit eineinuiale, hatte m armc Amtsvorsteher so erschrocken ausgesehen ru ^ %l£ l X mer ^igte deutliche Spuren, daß hier allerlei Gewalttätigkeiten verübt worden waren. Die Schubladen der Kommode und des großen Schreibtischs, der in der Mitte des Zimmers stand, waren herausgezogen, und eine Menge Papiere lagen über den Teppich verstreut. Einige Stühle waren umgeworfen. //-Oter fieT)t es aus, als ob ein Kampf stattgesundenj hatte, sagte der Stellvertretende, indem er auf das Durcheinander deutele. (Fortsetzung folgt.) V Herr vienemann. Eine heitere Geschichte von K. v. d. Eide r. Herr Sienetuaim war Kommis im Hause H ft KöbntavK ÄictÄS 1 ™' Niederlage Weine AÄ Dieuemaml loar sozusagen die Seele des Geschäfts ^as ni er kt e mau so recht, wenn drei oder vier, oder gar fünf Druden zu gleicher Zeck rm Laden waren. H. ft. Köhntopp selbst ^bl-st ekioas ratlos drein, während seine Finger mck der goldenen Uhrkette spielten, die so recht gewichtig und voll über seinem rundlichen Bäuchlein hing. Ter Lehrling hingegen rannte wild herum wie ern inngcr Hund. Er stolperte über seine eigenen Fuße und streß überall mit dein Kopfe an. Herr Dienen mm allem bUeb stets Herr der Lage. Er warf den Kovi mit ,Vr ^irnlocke nach hinten über, legte die Stirn zwischen, den Augenbrauen m zwei trese Falten, blickte eine,: Augenblick scharf nach der decken leiste, schoß danii wie ein Stoßvogel ans den gewünschten Gegenstand los und beförderte ihn mit einer schwnng" Sdirfehic^imd? 91 " 151 nW bni Snbrntifff; ' Sies machte ihm so Aber noch inche: während er noch dabei war, den einen, Kw^en zu bedienen, wandte er sich schon, als ob es gar nichts. zw-elteniind fragte nach seinen Wünschen^ ^ndNtten schon an, als ob er saget, nvollte:^ -' die Tanzmusik aus der Ferne herübcrschallte. Es war bereits nach Mitternacht, als ihn ein Klopfen an fernem Fercher weckte. Ta der Lehrling sich den Fuß verstaucht hatte, mußte Herr Tienemaun auchehen. . Draußen stand Jan Tychsen, der Sohn des Amtsvorstehers, mrt emem großen Korbe. ,^Ter Wein ist alle," sagte er, „die Kerls saufen lvie verrückt, VUd Mutter läßt schön bitten.^ r .r ."Mit Vergnügen," antwortete Herr Tienemann. Er kleidete sich rn aller Eile an, schlüpfte in die gestickten Morgenschuhe und streg mit dem Burschen in dm Weinkeller, wo sie beim Schein eines Talglrchtes die Weinflaschen ernpackten. Ter Korb war schwer, und der Bauernjunge stand schon nicht mehr sicher atuf seinen Beuren. „Tu, Tienemann," sagte er, „tu mir doch den Gefallen und trag mrr ihn mit rüber. Kriegst auch em Glas ab." „Mit dem größten Vergnügen." v % rr Tienemann band sich nur noch in aller Erle Kragen Und Manschetten um. Er hielt aut weiße Wäsche, und es war rmmerhm möglich, daß ihn die Gäste, wenn-auch nur von ferne, sehen könnten. Ter andere trampelte bereits vor Ungeduld mit den Füßen. "Ich komme sofort," rief Herr Tienemaun. Unterwegs fiel ihm ein, daß er eigentlich auch Stiefel hätte anzieheiimussen. Aber der Weg war zunt Gluck trockeii. Tie ge- Mckten Lchuhe sahen auch noch sehr gut aiis, nur hatte er in der Erle keine Ltrmnpfe angezogen. Ties gab ihm ein Gefühl der Unsicherheit. AUf deni Amtshofe wurde der Wein mit lautem Hurra bewußt Herr Tienemaun wurde umringt, und ehe er sichs versah, saß er an einem Tisch inmitten einer fröhlichen Gesellschaft. Man fthenkte ihni ein, die Ha'nsfran selber brachte ihm Torte und belegte Butterbrote, und ihm gegenüber saß Wiebke Johnsen. Wiebke strahlte. Ihre blauen Augen funkelten, ihre Wangen waren roter als son,t, ihr blondes Haar hatte sie hübsch gebrannt. Und dann hatte es sich beini Tanzen gelockert. Tas gab ihr in Herrn Tienemanns ?lügen ein romantisches Aussehen. . Er wurde nicht müde sie anzusehen. Rur einmal lvars er einen verstohlenen Blick auf seine Füße. Dann attnete er auf Es war nichts zu lehen. Gesellschaft irUrde immer lustiger. Herr Tienemann erzählte Anekdoten. Ter Punsch kam auf den Tisch. Er stieß mit Wieble an ans Du ilnd Tu. «on der Diele her klang die Tanzmusik. '»Tanzen! ,Tanzen! wamenn'-ahl!" rief eine Stimme Wiebke verbeugte sich regelrecht: „Bitte!" . Herr Tienemaun erhob sich. Er schwanke schon ein wenig .>;h>n >rar so, als wäre irgend etwas bei ihm nicht ganz in Ordnung. Er zupfte an feinen Manschetten. Schon hatte Wiebke ihi, e.ngehätt. Tie Musik spielte: „Tu, du liegst niir im Herzen" — Tieneniann schwang feine .Tänzerin im Walzertakt .Hu, wie er tanzte! Alle anderen hörteu auf. Alle sahen zu ] 11 c scherten, lachtey. Ein derbes Scherzwort traf Wu'bkcs Ohr oa hielt sre unre. Zwei gestickte Morgeusänilre. nogeu in die Ecke, und vor ihr stand Herr Tienemaun ohne Strumpfe. ’ £ant aufkreischend eilte Wiebke fort. Herr Tienemann starrte ticke betäubt ans seine Füße. Eine mitleidige Seele schob ihnr die Hausschuhe ljin. Er zog sie >uud machte sich still ohne Abschied sverbeugung davon. Am nächsten Sonntag stand im Jtzehoer Wochenblatt eine Annonce, worin ein gewandter Kommis Stellung in einem ersten Danse der Kolonial- und Kurzwarenbranche suchte. Und Wiebke? Sie behauptete, es wäre ihr tue in den Sinri gekommen, Mi eine Heirat mit Herrn Tienemann zu denken. Sie fügte hinzu, wenn ein Bauer mit bloßen Füßen daherkäme, so bliebe er immer noch ein Bauer, aber ein feiner Herr, der barfuß ginge, iväre ein 'Lpott für die Leute, und deshalb bliebe sie beim Bauernstände. Die Ackerfurche. Bon Alfred Bratt. „Gewiß, mit der Kriegsromantik vergangener Jahrhunderte FL vorbei," sagte der Major, indem er nachdenklich vor sich hin- vttckte. „Und das ist auch ganz natürlich so. Tenn damals mmvste man noch Auge in Auge, tveiin ich so sagen darf. In den: .tcaße, m dem znnr Beispiel die Schußweite zugenommen hat, grng es nut der Romantik zurück. Für poetische Anekdoten aller Art ist heute wenig Zeit und Gelegenheit vorhanden. Und doch was die Technik der Feldspionage betrifft, so möchte ich ruhig behaupten, daß ihre Spitzfindigkeit sich mit den Schirckerrgkeiten verdreifacht hat." Er machte eine Pause und lächelte aus nwetwürdige Weise. ,^ch habe da Lachen .erlebt," fuhr er fort, „Sachen, die auch cm ^H^Avck Ho l m es -Er finde r nicht verdrehter ersinnen würde Znm Bersmel die Geschichte mtt den Ackermrck>en . . . hin ja. glaube doch, daß auch ein gut Stück Romantik drckii steckt — «mf snne Weise, natürlich." Er machte eine neuerliche Pause, und da nran ihir drängte uiid bat. begann er zu erzählen. In kurzen Sätzen, manchmal holperig und dann plötzlich in erstaunlicheni Fluß, wie die einzelnen «egebeiihetten ihm eben mehr oder minder plastisch zum Bewußtsein ^ „"E? .war in väordfrankreickx besetztes Gebiet. Wir hatten Artilleriestellung in einem Torf bezogen. Oder über das Dorf hinaus, 11 ni ganz genau zu sein. Tenn der Ort selbst war das, was mml im SteNungskampf oft erste Etappe nennt. Ziemlich wert vorgeschoben allerdings, init mehrfacheir Schrammen in Mmicrn und Tachern, wo mal eine Granate oder eine Fliegerbombe des Gegners guten Tag gesagt hatte. Trotzdem war das Torf iiicht ganz verlassen. Der Bauer hängt überall m der Welt an seinem kleinen Stück Boden, aus ob ausgerechnet hier und iiirgend anderswo die Glückseligkeit zu fin- deii wäre, soweit eine solche überhaupt noch .aus- dem alten Globus augetroffen werden kann. In dieser Hinsicht ist so ein Bauernschadel manchmal init etneur Trotz bewaffnet, der einen unter llinftanden rasend niachen köirnte. So gab es denn auch an dem Ort — eben unserer Begebenl>eit — dre Name tut ia nickits zur Lache — Leiijte, die trotz Tlonner rmd Blitz dageblieücn. waren. Tann erhielten wir mal eine ordentliche Ladung Flanken- seuer, schweres Geschütz, das gar incht iibel brumnite. Ta verzogen uch natürlich auch die ältesten zivilen Franzmänner': tage- lang wurden sie sogar strerigstens fern gehalten. ,Aach^'nem Gewitter pflegt wieder 'ne Zeitlang schön Wetter ni eine Regel, die sich auch im Stellungskrieg mehr alv einmal mit Erfolg behauptet hat. Ta kamen denn wieder ein paar von den Bauern zurück, um ihre Habe zu holen und zu sehen, wie denn jetzt die Tinge ständen. Einer aber blieb standhaft au seinem Fleck, ob es Sttirm oder Sonne gab. Immer wieder treiste er um sein Gehöft und seinen Acker, grau, gebeugt, fclmau.nmrtig, wie so'n Ideal von einem Hofhund mit M'Uisct'en- inttlmt, der lieber- zugrunde geht, als daß er die alte Behausung aufgrbt. Es war der Batcr Mathicn, wie man ihn nannte Alte lwtte weder Weib noch Kind. Ter Acker war seine Well, feine ,yantilte. Rührend war er, der Bursche: das verhärtete Eemnt hätte da 'reich iverden müssen. Er flehte und quälte, bis er mefat | 6 m§ erhielt, zu bleiben. Auf eigene Gefahr, das ver- Ta war es, als hätte man dem alten Landmann das Paradies leidst m die zitterigen Knocheuhände gelegt. Er war glücklich', trotzdem sein Haus iveniger Schutz gegen die Witterung bot, als rin iuirrig gewordener Regenschirni. Er lebte förmlich von neuem auf, nachbem man ihm das Verbleiben gestattet hatte irurde jünger, pfiff und trällerte, als herrschte eitel Freude aus Erden. ' Und dann — ja, dann kehrte der Alte sich überhaupt nicht mehr au den Krieg. Er traf allrrlwiid uni u der da re Vorbrreitungen, und eines Tages - cs war Frühling geworden begann- er wahrhaftig, seinen Acker zn pflügen. Jeden Morgen spannw er seinen klapprigen Gaul vor den Pflug und zog los. als hätte er keine Minute Zeit zu verlieren. Und nenn man ihm dann r>r- lnelt, daß er doch nicht tvissen könnte, ob nicht ein einziocr 'ernd-- licher Schuß eines schönen Tages sein Iganzev Feld in r,ue wüste Grube verwandelte, läck-elte er nur. ulegte loorllo- den Kopf, selmalzte dem Roß zu und pflügte loeiwr. Soweit ist die Sackw ganz friedlich und nmnicrlich und xn\ fürs sonntägliche Familieuwvchanblatt, nicht wahr? Aber das dicke Ende Vommt noch. Uns ging es fcöfc einiger Zeit nämlich gar nicht gut. Trotzdem wir die Geschütze sv gut versteckt hatten, das; kein Habicht.sic hätte er- Mhen können, regnete es beängstigend viele Volltreffer in die Batterien. Plautz, das ging mit einer Genauigkeit, als hätte dev gegnerische Artilleur es in aller Ruhe und Gemütlichkeit mit 'nem Millimeterstab ausgemessen. Ich ließ den Standort der Geschütze bei Nacht und Nebel wechseln und schmeichelte mir, dabei mitj üller Sch laiche it und so unsichtbar verfahren zu sein, wie nur irgendein Fuchs in seinem Bau. Aber siehe da: die feindlichen Brummer suchten auch die neuen Plätze so schnell auf, als wären sie von der Hand eines allwissenden Geistes gelenkt. Es wurde un-; gemütlich, sehr ungemütlich sogar. Wir wechselten von neuem; ja, wir wechselten jeden Tag, den der Herrgott gab, urrd das Ergebnis war immer dasselbe. Nachgerade stand man vor einem Rätsel. Gewiß — fchrdliche^Flieger käme«: jeden Tag und guckten herab, neugierig wie die Spatzen. Aber die Batterien waren gegen jederlei Fliegersicht mit eiwers Vollkommenheit abgedeckt, die man wohl als einen Rekord hätte bezeichnen mögen. Man konnte jeden Schwur leisten, daß kein Flieger auch nur den Schatten eines unserer Geschütze vor sein Fernrohr bekam. Und trotzdem ihre Besuche also nicht den leisesten Zweck haben koimten, ffaellteu sie sich tagtäglich ein; obwohl manch einer durch uns hermrtergeholt wurde. Tie Schießerei und das Bersteckspiel gingen weiter — es war, um beit .Verstand zu verlieren. Ta legte einer unserer Flieger-t leutnaiits — der jüngste war es — einen heiligen Eid ab, daß er der Sache auf die Spur kommen werde, koste es, was es ivoltt. Und er begann auch sofort mit seiner Tetektivstrategie. Tas feine Ausspinnen von Erzählungen ist nicht meine Sache. Ich kenne mich 1 wahrhaftig mit S-vannung, Knichfen des Leitfadens und Gipfelpunkt, oder loie all das Zeug heißen möge, nicht aus. Ich kann nur berichten, wie es war. Will darum gleich verraten, daß der Sherlock Holmes-Leutnant 'neu vollen Erfolg errang. Er folgerte so: da kein feindliches Auge, auch kein Flieger die Geschützstellung zu entdecken vermag, kann es sich nur um Verrat Handel 11 . Dafür kommt Mtürlicherweise nur ein Franzmann in! Frage. Ter einzige Franzose im ganzen Dorfe aber ist — der alte Vater Mothieu. Doch, wenn diese Logik stimmte, wie sollte dev Alte sich mit den Artilleuren verständigen? Wie sollte dies ge- scheheu, da er doch morgens bis abends sein Feld pflügte uiid nachts ruhig in seinem Schuppen neben dem Gaul schlief. Tenn die letztere Tatsache hatte man durch Kontrolle mit Leichtigkeit feststellen können. Eine verdammt schtvere Sache. Mer der Leutnant war zäh; er gab nicht nach. Er beobachtete den alten Mathieu bei der> Arbeit; und trotzdem er nicht gerade sachverständig in der Landwirtschaft war, fand er das ewige Pftügen des Alten nachgerade, doch ein wenig sonderbar. Tenn wenn an einem Tage das Feld kttltiggepftügt zu sein schien, begann der Bauer am nächsten Morgen dennoch unentwegt von neuem. Und zwar .zog er die t irchen gegen alles Herkommen verwirrend kreuz und' quer, ne Sinn und Verstand. Ta teilte mir der Leutnant seinen Plan mit, und demzufolge ließ ich die Batterien so oft wie möglich wechseln. Ter Leutnant aber stieg auf und 'zeichnete aus der Vogelperspektive das Feld des Vaters Mathieu mit allen Ackerfurchen genau nach. Und diese Ackerfurchen waren das ganze Geheimnis. Sie stellten nämlich die Riesenzeichen einer Geheimschrift dar, die von den feindlichen Fliegern in aller Gemütlichkeit abgelesen wurde. Von dem Augenblick an, da wir den landwirtschaftlichen Eifer des alten Mathieu ein jähes Ende setzten, waren unsere Batterien plötzlich so sicher geborgen, daß ein Kind auf den Rohren hätte heru in turnen mögen. Tja, Ivenn das nicht auch so 'ne Art Romantik ist . . . Vermischtes. * Milchflaschen aus Papier. Da die allgemein üblichen Milchflaschen aus Glas den Nachteil haben, daß sie sich erstens Ziemlich schwer reinigen lassen und zweitens sehr leicht zerbrechen, ward i! in den Vereinigten Staaten Versuche zur Herstellung einer neuen Art von Milchflaschen unternommen, wobei man schließlich zUr Fabrikation von Milchflaschen aus mit Paraffin getränktem Papier gelangte. Ms Grundstoff dient, wie einer Schilderung der „Umschau" entnommen werden kann, Holzschliff, u. zzw. genüg! 1 Tonne dieses Rohstoffes zur Herstellung von 60 00Ö Flasche. In einem mit diesem Holzstoss gefüllten Behälter nnrd ein Stahlkern getaucht, und vier stählerne Backen pressen die Masse um den Kern, wodurch ein nahtloses Gefäß geformt wird. Bei immer stärkerer Pressung dveht der so gestaltete Papierkörver fich dreimal um sich selbst, dann wird das Gefäß getrocknet und mit Aunchrfiten bedruckt, hierauf entfernt nran den Kern daraus durch einen Stahlgpiff, ein Förderband bringt die Flasche zu einer Maschine, die Hals und Boden einbiegt, und endlich wird die Flasche noch in ein Parafftnbad getaucht, um gegen Flüssigkeiten und Säuren lurempfindlich. zu iverden. Zu der ganzen Herstellung verwendet man besondere neue Maschinen, die die Durchsührrmg der Arbeit ohne jede Unterbrechung ermöglichen und in einer Stunde 5000 fertige Flaschen liefern. Da es sich um ein keineswegs kostspieliges Grundmaterial handelt und zur Bedienung der maschinellen Einrichtung 3 Mann genügen, sind diese Milchflaschen aus Papier, abgesehen von ihren sonstigen Vorzügen, auch weitaus billiger, als die bis jetzt gebräuchlichen Glasflaschen. Eine Flaschte ist bei den: geschilderten Herstellungsweg imrerhalb 8 Minuten fix und fertig. * Ein Kunstmehl? Zwei schwedische Chemiker, Alfred Schwagers und Guunar Lekander, haben in den letzten Monaten, wie aus Stockholm berichtet Witt), Versuche *ur Gewinnung eines Kunstmchles ausgeführt und dabei, wie sie versichern, vollen Erfolg gehabt. Vorläufig halten sie ihr Verfahren der Kunstmehl- gewimiung noch geheim, doch haben sie bereits mitgeteitt, daß die Iiohstosfe Pflanzen sind, die in Schweden wild Vorkommen. Nach ihrer Angabe ist das Kunstnrehl — das diesen Namen freilich nicht gairz verdient - schon erprobt worden; sie tvollen brauchbares Gebäck erzielt haben, das 75 Prozent Kunftmehl eitt- hält. Daß die Kohlenhydrate wildivackisender Pflanzen für die men schlick^ Ernährung erschlossen werden sännen, ift durrus glaubhaft. Wie die beiden schwedischen Chemiker dieses Kunststlük ferttggcbracht haben, wird man tvohl bald aus ihren zu erwartenden weiteren Veröffentlichungen erfahren. * Das „T i e n ft b a d" des Poil u. In einer französischen Garnison wurde in einem Befehl bekanntgegebsn, daß alle Mili- tärpersonen, auch die ausserhalb der Kaserne wohnenden, an jedem Dienstag um 5 Uhr morgens in der Kaserne ein Bad zu nehmen! haben, es sei denn, daß sie privat badeil und dies durch eine amtliche Bescheinigung beweisen. Nun ift aber die Kaserne sehr weit von der Stadt entfernt, und die elektrische .Bahn beginnt erft um • 72 6 Uhr morgens zu verkehren. Da nun die meisten Angehörigen dieser Garnison außerhalb der Kaserne wohnen, bleibt ihnen nichts Übrig, als dem zweiten Teil des Befehls Fdlge zu leisten. Dies ist aber nicht gerade leicht, da die amtliche Bescheinigung uuv aegchen wird, wenn ein Augenzeuge die Tatsache des Badens bestätigen kann. Darum gehört es in dem Städtchen zu den neuesten Obliegenheiten der Hausmeister, den Bädern ihrer militärische« Mieter mindestens emmal wöchentlich berzuwohnen. Vüchertisch. — Gegen sechsfache .Uebermacht, von AntaeuS (Ltterar. Anstalt Mitten und Loening, Fraubfirrt a. M. Preis 1 Mars;. Ter Verfasser hat auf 16 Leiten das iuteressanÜLhe Material zusammengetragen, dos biefeit WelKrivg kennzeichnet toitb das danun jedermann sich zur Hand legen sollte. Ohne Weit- schwerfigkeit wird zunächst einmal festgestellt, wer vor dem Krieg EroberiurgsPolitik gettieben hat. Tie territoriale Entwicklung der Großmächte loird LMs in kurzen Zügen vorgeführt und wir sehen rmn. Wieviel Quadratkilometer imb wieviel Millionen Einwohner Eirgland und seine Bundesgenossen seit 1871 zugenvmmen haben gegenüber .Deutschland. jAfuch die Gründe dieser Expanftons- polrttk werden treffend dargelogt. Tie Daten aller in diesem Wettkampfe mrtfpielenden Kriegserllärungen und Abbrüche der Beziehungen lverden übersichtlich irebenernandergestellt, und an der Hand origineller Skizzen, Karten und graphischer DarstellungeU erkennen Ivtr welcher ungeheuren, zahlenmäßigen Ueberlegenheiit me Mittelmächte gogeiiWerstehen, wie die Erde ausseheii wüttr-e, wenn es England glückte, feine Pläne durchzusetzen. Aber die wertvolle Veranschaulichung unserer Leistungen und Erfolge erweckt dem Leser des Büchlettrs doch wieder die lebendigste Zii- verficht! Aus den Schlußworten des Verfassers ersehen wir, daß er weder zu den Annexionishen, noch zu den .Verzichtpolitikein gehört. Was er erstrebte, drückt er selbst im letzten Satze seines' Merkchens am besten aus: „Einen Riickblick aus das Geleistete emen Ausblick in die Zukunft, .eine Herzstärkung für die Gegew lvart — dres soll die vorliegende Schrift geivähren." or a U. S.^m er ifü, Gedanken und Errrmerungen eines Austanschpvofessvrs. Unter^diesem Titel ist soeben im Verlag von I. Engelhorns VLachf. m Ltuttgart eine Schrift von Tr. Albrecht Penck, Professor der Erdkunde an der Universität Berlin, erschienen« dre bei dem gegenwärttgen Interesse für Amerika >vie gerufen komnit. Diese kleme Broschüre ist sehr frisch Und lebendig geschrieben,, und es ist chr eine große Verbreitung in den weitesten Kreisens SU wünschen Ter Preis des hübsch ansgestatteten Bändcheiis, das filr 10 Pf. ms Feld verschickt werden kann, bettägt 1 Mar'r Ergänzungsrätsel. . K, ... hei, . a . . o o ., Qe . . ., Or . . ., . ua . . . te Statt der Punkte sind passende Buchstaben zu setzen, so daß Hauptwörter entstehen. Die eingefügten Buchstaben müssen im Zusammenhang einen Sinnsprilch ergeben. ' Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Sandale (Sand—Ale.) . at . ud ., B A . . . Pe . . e, B • d, Schriftleitung: Fr. R. Zenz. — ZwillingSrnnddruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Stetndruckerei. R. Lange, Gießen.