Montag, den 1 %. lufi Die blonde Drossel Roman von E. Fahrow. (Fortsetzung.) Frau Sebius hatte erst kommen müssen, damals im Sommer, und ihm mit dürren Worten auseinandersetzen, hast er noch recht gut selbst für sich sorgen könne und daß es seine Pflicht sei, Ruth loszulassen, damit diese endlich für ihr eigenes, besseres Fortkommen sorgen könne. Frau Seouls sollte auch selbstverständlich von dieser Verlobungsgeschichte nicht eher etwas erfahren, als bis sie vollendete Tatsache war. Stockton war gar nicht so besonders erstaunt gewesen, als sich ihni gestern abend der junge Fremde genähert, sicy voigesnltt und gebeteii hatte, eine Stunde mit ihm wichtige Dinge besprechen zu dürfen. Dergleichen mochte doch die Kleinstädtische, l Spießer verwundern — ihn, August ^>tock- ton, nicht. c Riethling war mit ihm, nachdem der Blerstammtlsch wie gewöhnlich zeitig sich aufgelöst hatte, in ein feines Wein- Wirtshaus gegangen, und dort, hinter einem guten Tropfen, war er mit der Sprache herausgerückt: Er kenne und liebe seine Tochter Ruth. Und ec wünsche über diese und noch andere wichtige Angelegenheiten mit Mr. Stockton am nächsten Tage Rücksprache zu halten. Ob er ihn vielleicht am Nachmittag aussuchen förtue? So war es gekommen. Und nun saß der gewinnende iüngc.Herr hier in seiner Werkstatt und zeigte so viel feines .Verständnis für alle die Pläne und Modelle, die bisher noch so wenig Anerkennung bei der undankbaren Mitwelt gefun- oeu hatten! Ja, so ging es zu auf dem irdischen Planeten! Da plagt sich emer sein ganzes Leben lang und rennt der unbarmherzigen Glücksgöttin nach, und nichts will gelingen: bis dann eines Tages plötzlich der Helle Sonnenschein durch die Trübseligkeit des Daseins bricht und alles möglich wird, was vorher unmöglich erschien. Auch Riethling hatte philosophische Anwandlungen, während er mit scheinbarer Aufmerksamkeit den Hirngespinsten des Alten lauschte. Er wußte sehr wohl, daß er ein gewagtes Spiel spielte. Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Dieser Grundsatz war von jeher eines der Lieblingsbollwerke gewesen, hinter die er sich verschanzte, wenn er wieder einmal leichtsinnige Streiche vorhatte. Er verhehlte sich nicht, daß die Mitteilung von einem Herzenshindernis bei Ruth etwas ganz Unerwartetes und eigentlich Erschreckendes für ihn enthalten hatte. Er erklärte sich jetzt in eitler Geschwindigkeit ihren Widerstand gegen seine steghafte Allgewalt, von der er mit einigen: Recht überzeugt sein durste. Doch wer weiß, wenn der alte Mann es geschickt anfing, dann siegte doch vielleicht die Tochterliebe in ihr. Und dann — Hurra, Heinz Riethling! Sobald er der Verlobte Ruths war, daim hatte er aiuh bei gewissen Geldteilten ungenlessenen Kreoit. Er mußte freilich in diesen: Falle indiskret sein und das Amtsgehenw- nis verletzen. Aber — das Wasfer stand ihm b:s an den Hals! Das wußte niemand so genau wie er selbst. Gelang der große Wurf, dann war alles gut, und (i hatte außerdem das Riesenglück, ein Mädchen zu gewinrM. das er heiß begehrte. Mißlang er, dann — ja — was dann? Darauf wußte Riethling vorläufig keine Antwort; aber das hatte ja auch noch eine Weile Zeit. Noch lange saß er an diesem Abend bei Stockton und besprach die Einzelheiten des „diplomatischen Vorgehens", das man an: besten einzuschlagen hatte. Dann verabschiedete er sich mit Her Versicherung, daß seine Heimreise mm mcht läng ec aufgeschoben werden dürfe, und daß er in acht Tagen — bis dahin sollte alles in Ordnung sein — wieder erscheinen werde. Uebrigens aber sei er auf ein Telegramm hin selbstverständlich zu jeder Stunde bereit, herzukommen. Er wolle inzwischen, wenn er nach seinem kurzen Urlaub wieder nach Berlin zurückgekehrt war, schon immer die geschäftlichen Schritte tun, um die erforderlichen Summen jederzeit flüssig bereit zu haben. Sie hatten verabredet, daß Ruth nach Dortmund berufen. werde und durch persönliche Einwirkungen gefügig gemacht werden sollte. „Ueberstürzen Sie nichts," hatte Riethling iwch zum Abschied gesagt. „Ich kann warten! Wenn Fräulein Ruth nur nicht direkt Nein sagt, will ich schon zufrieden sein und geduldig weiter harren." Aber er wußte ganz gut, daß Stockton durchaus nicht gesonnen war, geduldig weiter zu warten! Und darauf baute er seinen Plan. War es erst so weit, daß er dem süßen Mädchen mit der feurigen Beredsamkeit, die ihm zuweilen zu Gebote stand, seine Liebe erklären und daß er den süßen Mund ein einziges, erstes Mal küssen durste, dann würde er schon die leichte Rinde von Stolz und Widerstand, die noch um ihr Herz lag, zum Schmelzen bringen! So dachte Heinz Riethling. Und wußte nicht, daß die blonde Drossel ein kerndeutsches Herz in der Brust trug, das stark und zäh war, auch wenn es leiden mußte. - 19. Kapitel. „Gibt es einen Zufall?" fragte sich auch Ruth inlmer aufs neue, als sie endlich, nach wochenlangem Warten, eine Feldpostkarte in der Hand hielt. Aber die Karte war nicht vor: Hermann, sondern von Therese. Sie erzählte von ihrer flüchtigen Begegnung mit Kürow und daß dieser leicht verwundet, jetzt jedoch wieder felddienstsähig sei. „Sie werden das alles ja von ihm selbst wissen," schloß sie ihre engbeschriebene Karte, „denn nachdem nun Belgien völlig in unseren Händen ist, wird ja auch die Feldpost regelmäßig funktionieren, und Sie werden ebenso oft von ihm hören, wie er von Ihnen. Ach, Ruth, der Kries ist wohl ein grausiges Geschehen! Aber da es die Götter zulassen, wollen wir Menschlein nichts dawider sagen. So grausig alles ist, 314 so herrlich und erhebend und beseligend ist aber auch der Geist unserer Heere. Wenn Sie nur ein einziges Mal dabei sein könnten, wenn vor oder nach der Schlacht der deutsche Geist aus allen Augen strahlt und alle Hände zum Gebet faltet, Sie würden Freudentränen vergießen wie ich und würden Mir zurufen: O Heimat, o Vaterland — dir leb' ich und dir sterb' ich!" „Gibt es einen Zufall?" fragte Ruth auch endlich Frau Ulrich, der, sie die Karte zu lesen gab. „Ist es nichts als ein bloßes,' dummes Zusammentreffen von allerhand Alltäglichem, was diese Begegnung zwischen Therese und Hermann herbeigeführt. hat?" „Min, mein Kind, so ist es nicht. Wenn Sie so alt sein werden wie ich, werden Sie die Hand des Schicksals, also Gottes Hand, überall erkennen. Aber ich freue mich für Sie, Kleine! Nun wissen wir doch, daß Kürow lebt, und ungefähr auch, wo er ist." Ruth hatte Tränen in den Augen. „Warum schreibt er nicht?" rief sie aus. „Es ist doch nicl)t möglich, daß er um unseres kleinen Streites willen nun wirklich gar nichts mehr von mir wissen will!" „Nein, das ist unmöglich. Er hätte Sie ja nie geliebt, wenn es so wäre. Männer sind trotzig, Ruth, und ich fürchte, er hält umgekehrt Sie für lieblos und vielleicht abtrünnig." „Wieso? Dazu habe ich ihm doch keine Veranlassung gegeben." „Ach, Kindchen, wenn man uns immer nur zürnte, nachdem wir wirkliche Veranlassung gegeben haben, dann stünde es besser um Frieden und Eintracht in der Well. Es ist die Eifersucht, die so viel Zwietracht und Mißtrauen sät. Kürow denkt vielleicht, daß Sie ihm längst hätten ein gutes Wort sagen können, da er doch in tausend Gefahren steckt und man keinen Augenblick wissen kann, ob er noch lebt." „Ich konnte ihm doch nicht schreiben! Kann es ja noch retzt nicht! Weiß ich denn, zu welcher Truppe er gehört? Nichts, gar nichts von alledem weiß ich." „Nun, da wir aber jetzt Thereses Adresse haben, kann ste ledenfalls eine Zeile an Kürow befördern. Ich schlage vor, Sie schreiben gleich . . Ruth erhob mit trauriger Abwehr ihre Hand. r . „"^llle meine Gedanken," sagte sie weich, „sind immer bel ihm. Aber ich kann nicht zum zweiten Male schreiben. Mm, das kann ich nicht! Denn er war es, der fortging und der keine Nachricht gab." „Zum zweiten Male, sagen Sie? Haben Sie denn schon einmal geschrieben?" . -,3a, am nächsten Morgen, nachdem er hier war, habe ick) ihm geschrieben. Natürlich nach Pankow, wo er vorher —- Es mag sein, daß ihn der Brief nicht mehr erreicht hat, daß er schneller fort mußte, als er selbst annahm. Aber nmr kann ich nicht noch einen Brief hinterherschicken. Ich hatte ihm so lieb und nachgiebig geschrieben!" Frau Ulrich zog sie an ihre Brust. „Armes Kleines!" murmelte sie warm. „Muß solchen nicht^wahc?" 6n ® te bkmbC ® V ° m ftngt Qax E mehr, Ruth nahm sich zusammen und lächelte zu ihrer gütigen „Herrin" empor. ^ fböse," bat sie, „ich habe mich ge- •a$L flc ^ c . n lassen und gar nicht mehr daran gedacht, daß ich hier bin, um Sie zu erheitern." „Erheitern? Rein, das wollte ich gar nicht, so war es mch)t flentemt. Erstens bin ich ,a in der Regel selbst ganz vergnügt, und dann wäre es auch schrecklich, wollte man von einem lungen Blut verlangen, daß es sich ganz vergessen und immer nur an eine alte Vorgesetzte denken soll " Ruth mußte lachen. r^MeV?rgzsebte f ^ ^ ^au Ulrich, wenn ^att Haare hätten und ganz gebückt gingen, an- 11 zu haben, dann wären Sie "Ä? SÄ«"« ^er auch sich und seiner Umgebung das schwer gemacht haben — da altert man freilich ' ^4V^ e k n9en ^' 1016 9€bt denn, schreibt er denn ,.Nein, im Gegenteil, er schreibt beinah nie. Aber ich höre ja durch Frau Sebius, daß es ihm ziemlich gut geht. Er ist doch noch böse auf mich, weil ich ihn verlassen habe." „Schön, mag er muckschen! Sie haben ihm doch die Kiste Wein geschickt, die ich Ihnen geben ließ?" „Ja, Frau Ulrich, ich habe es getan. Wie furchtbar gut Sie sind! Ich — ich möchte Ihnen gern chnmal — etwas sagen." Das liebliche Gesichtchen war dunkel errötet, und die stahlgrauen Augen sahen ganz schwarz aus, als sie zaghast zu der viel größeren Gestalt der Matrone emporblickte. „Na," machte Frau Ulrich, „das klingt ja ganz geheimnisvoll! Wenn Sie mir etwas sagen wollen, so bedarf es doch dazu keiner Vorbereitung?" Ruth trat ganz dicht an sie heran und ergriff die große, nur mit den beiden Trauringen geschmückte Hand: .„Ich — ich wollte nicht dreist sein, Frau Ulrich. Und ich bin auch sonst nicht gerade überschwenglich. Aber ich wollte Ihnen gern einmal so recht von Herzen danken. Ich bin so glücklich bei Ihnen!" „Na, das freut mich riesig, Ruthchen. Aber Sie tun ja auch alles, was ich nur irgend von Ihnen erwartet habe. Sie sind mir in der kurzen Zeit so lieb geworden wie eine Tochter." „Und Sie mir wie eine Mutter! Das ist es gerade, was uh sagen wollte. Ich war ja noch so klein, als meine Mutter starb und hübe hinterher immer nur meinen Vater zum Liebhaben gehabt. Sie aber sind so schrecklich gut! So bis in alle Wurzeln gut! Ich möchte immer nur bei Ihnen bleiben." Frau Ulrich wußte, daß der rote Mund die ehrlichste Wahrheit sprach. Und sie nahm den schmalen Kopf zwischen ihre Hände und küßte die reine Stirn. „Mein liebes Kind!" murmelte sie bewegt. „Von heute ab nenne ich dich du. Und du wirst später „Tante" zu mir sagen, ich weiß nur, daß das einige Gewöhnung kosten wird. —- Was übrigens das Jmmerbeimirbleiben betrifft, so wird dazu doch dein künftiger Gatte ein Wörtchen mitzusagen haben. Aber vorläufig bist du ja noch frei, und wir wollen weiter zufrieden miteinander sein, nicht wahr?" Ruth rollten ein paar Tränen über die weichen Wangen, doch lächelte sie dabei zuversichtlich. Und dann holte sie ihre Strickarbeit, setzte sich an ihren gewohnten Platz im Blumenzimmer und begann ganz leise zu trillern. Sie wollte nicht ganz verlernen, die „Drossel" zu sein. Mochte doch der große, blonde Kürow sich — totschießen lassen —, sie würde es nicht einmal erfahren. Ja — war er trotzig, so war sie es noch mehr. Das hatte sie immer gemeint, daß „auf einen Schelmen anderthalbe" gehörten! Und übrigens schien heute die Sonne auf den schon gefallenen Schnee herunter, und bei Sonnenschein sang es sich ganz von selbst. So saß sie tirilierend und strickend neben den Palmen, und der bunte Papagei saß mit schiefem Kopfe aufhorchend dabei, und Frau Ulrich kam leise herzu und ließ sich au« ihrem angestammten Blumenplatz nieder. (Fortsetzung folgt.) Monte piano. Von Egid von Filet. Mali merkte kaum >ettvas Besonderes an dein lveißen Hokel-, gebäude, wenn inan von der Höhe der befestigten Stellung die lumpigen tausend Meter hinabsah: kleine winzige Häuschen, wie aus der Lopielzeugschachchel, flimnrerten im Sonnenlicht, Wege schlängelten sich durch das Tal, und neben der Brücke, die i'tber den schäumenden Bach führte, dehnte sich dar 'Tennisplatz mit, seinen: grünen Gitterwerk. Durch das Trreder sah die Sache allere dings ganz anders aus. Ta.-erkannte man, daß die Granaten in die weiß schimmernden Wände furchtbare Löcher gerissen hatten daß der dicke Fahnenmast in der.Mitte durchgeknickt )mv wie ein Zahn- swcher und die eisernen -Stangen des Tennisplatzes sich oiuf= bäumten wn wahnsinnige Schlangen. Der Tenente Giuseppe Trentini blickte von seinem kngel- sicheren Unterstmrd ans sehr oft.mit dem Trieder irach dem Hotel und versank dann immer in schwermütige Gedanken. Zeit genug hatte er dazu. i Seine Aufgabe war, mit dreihundert.Mann und zwei Ma° schrnengcwchren eineri Felsensteig $u halten, der vom Misnrinasee über den Lol dell' Angelo -auf die südliche Hänge des Mont« piarw führte. Ter Kamps hatte.meist auf der Westseite des Berges stattgesiunden; darum hieß es hier bloß wachsanr sein, daß einem die Austriacr nicht in den Rücken fielen. Uebrrgens war der Späh, herbst da, die Nächte empfindlich kalt, Freund und Feind müde — der Mutter stand vor der Tür, der ziveite Kriegswiicker für den Tenente, der dritte .für die Oesterreicher — diavole' 316 Wenn ihn 6er Garevalissiimis Cadorna mir nicht Mi in bie Dolomiten geschickt hatte, .Mt auf den Monte piano; lvenn er wenigstens nicht beständig dos Hotel 6a unten hätte sehen müssen, wo er vor drei Jahren/.-. . ^ Guiseppe Trentini 4var sehr ungern in diesen Krieg gegangen. Vicht bloß deshalb, weil ein «Beamter der Ban ca comerciale im Killen Benona tem rechtes Verhältnis zur nrännennordenden Feld-i Macht und gar feine Sehnsucht «danach hatte, die Bewohner anderer Länder zu erläsen — soachcrn vor allem darunr, weil seine Mutter Vis Bozen stammte und mit dem Mädchennamen Inn cito fflor hieß- Wohin gehört der, dessen Vater Italiener und dessen Matter Teuttche ist? Trentini sprach Deutsch so gut wie Italienisch. Wenn er frühmorgens über den Pon'teGaribaldi str sein Bureau ging und in das weih grüne Etschwasser hinab sah, das aus dem Herzen Tirols kam, war es ihnl, als hörte er aus dem Gemurmel der Wellen die Sprache seiner Mutter. In seiner Bibliothek stand der staust Neben der Tivina oomedia, die Novellen von Heyse neben Gabriele d'Annunzio. Alljährlich brachte er seinen Urlaub, wenn es in der Po^Ebene zu heiß wurde, in den Tiroler Bergen zu. Und darum fand er mit vielen, vielen seiner Mitbürger diesen Krieg einfach wahnsinnig und ein Verbrechen an allem, was Kultur hieß. Lider den Herren von «der hohen Regierung- ivar das sehr gleichgültig-'Und «eines Tageis mußte-er doch als Tenente oder Leutnant die Uniform seines Regimentes anziehen, von seiner jungen f vau Abschied nehmen und auf diesen Felsen hinaufllettern^ ort konnte er der Vergangenheit nachgrübeln, soweit der Krieg das Nach,grübeln überhaupt gestattete. Diese Vergangenheit lag drei Jahve zurück, hatte wunder- schöne dunkle Augen, einen roten «Mund und hieß Annita. Dort unten, aus der Terrasse des zerschossenen Hotels hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Es war noch tiefer Frieden. Ter geschlissene grüne Edelstein des Misnrinasoes spiegchte das verlorene Paradies der ivunderbareu Tolomitemvelt. -Aber Trentini folgte mit seinen schwarzen Blicken der reizenden Mädchengestalt, die jetzt in das Auto «stieg, pm wohlverwahrt zwischen Papa. Mama und Dante Kathrein zum Misurrnasee zu fahren. War es Zufall !oder Mbstcht, daß er Tags darauf in dem großen Speisesaal an ihrer Seite saß? Jedenfalls schien ihm dieser Urlaub «in den Dolomiten der schönste seines Lebens. Und nach wenigen Tagen hatte er es richtig w weit gebracht, daß er mit den: Fräulein Anna. Perathvner ans Innsbruck und einem tüchtigen Bergführer den Monte piano besteigen durfte, wog,egen nicht einiual «Tante Kathrein Einspruch erhob. Ten alten Führer Klaus, der mit seinen grauen Bartstoppeln wie ein zorniaer Igel aussah, «fand er allerdings bei dieser leichten Dour überflüssig. Llber Papa und «Mama hatten durchius darauf bestanden. Und eigentlich störte er nicht viel. Taktvoll hielt er sich immer fünf Schritte vor oder hinter dein plaudernden Pärchen Und tat erst droben ans dem Gipfel des Monte piano fernen Mund auf, um die herrliche Aussicht zu erklären. Schön war er nicht, dieser Mind — die Oberlippe durch eine mächtige Hasenscharte entstellt, die Zähne gelb «vom Tabak und abgekaut wie die eines Elefanten. Aber was er sagte, klang so gut und treuherzig, daß den beiden da droben noch Würmer ums Herz wurde, als es ohnehin zu geschehen pflegt, wenn keimende Neigung mitten in der gewaltigen Natur fteht, vom Sonrienglanz umflossen, vom Bergwind umweht. Und daß er keineswegs überflüssig war, das zeigte sich deullich genug auf den: Abstieg. Tem Leutnant Trentini lief noch hente ein Schauer über den Leib, wenn er daran dachte. Von einer Felswand, die sichi gegen das Auronzotat fast senkrecht in die Tiefe stürzt, flammten ein paar Büschel Alpenblumen ewswr. Und sie, kühn gemacht durch das Gefühl der ruhigen Sicherheit, des Geborgenseins bei den beiden Männern, kletterte lachend hinab, um sie zu pflücken. Vergebet summte der Klaus: das wären da ganz andere Berge als um Innsbruck. Achtgeben sollt sie. . . ßlber sie «klomm Mn und her zwischen den zerrissenen Schroffen, und er bewunderte ihren gesch'.neidigen Eidechsenkörper Und dachte nicht an Gefahr, bis sie plötzlich einen Angstruf mlsstieß. Ta hing das arme Ding zwischen Himmel und Erde und drückte sich bleich und zitternd an die Felswand, während unter ihren Füßen Steine abbröckelten und in dumpfem Auf- schlag in die Tiefe rollten, aus der es emporstieg tvie der eisige Hauch des Todes. „Festhalten, mir sesthalten!" schrie Trentini, und seine Zähne klapperten vor Angst um das blühende junge Leben dort mr der Klippe, das ihin anvertraUt War — aber der Klaus biß die Lippeu zufammen, lockerte den Strick, den er um die Mitte des Leib es trug, gab dem jmigen Mann «das eine Ende zu halten nnd kletterte die Wand bis zu dem jungen Mädchen hinab. Er seitte sie an, er stützte die zitternden Füße, sprach! ihr Mit zu tvie einem Kinde. Und Uach einer Viertelstunde legte er sie dem Gefährten schweigend rn die Arme, die sie fest, fest umschlossen// . . „ . Heimweg zum Hotel gestaltete sich sehr schveigsam. Nur hemiliche Händedrücke nnd verträunite Blicke wurden gewechselt — wenn zwei Menschen gemeinsam durch Not und Gefahren gewandelt Mw, bedarf es keiner Worbe mehr, um sich zu verständigen. Ter KlauS ging wieder fünf Schritte rückwärts und rauchte seine Pfeife, als wäre gar nich,ts «geschehen. Ulid als Herr Trentini ihm außer seinen fünf Kronen Führerlohn noch ein Goldstück in die Hand drücken wollte, wehrte er entrüstet ab. „Söll is doch mei Schuldigkeit — na, npj . . /i Und er schwang seine dürren, «knietveichcu Beine und ließ nichts als eine gewaltig stinkende Tabakswolke zurück. An der M endtafel, wo man die Blässe des Töchter che ns durch die ungewohnte Llnstrengung «erklärte, sprachen die beiden eben- falls kein Wort über den «Vorfall. «Aber drei Wochen später waren sie ein Brautpaar, wie es sicher in den ganzen T«olomiten kein glücklicheres gab. Und daß sich der Bräutigam als Italiener eutpuppen mußte, störte den Gang der Entivicklung von der Verlobung bis zur Hochzeit so wenig, wie dieselbe Tatsache vor dreißig Jahren das Fräulein Jnnertosfler gestört hatte, als sie mit hinein Welschen den Bund «fürs Leben schloß. So war es gecommcu. Und «nun war die Annita seit mehr als zwei Jahren sein Weib, der Bambino hatte nächste Woche Geburtstag, und der Vater hockte auf dieser verfluchten Felsenklippe. Um in das Land hiueinznschließen, wo er damals so glücklich gewesen tvar. Ter Leutnant zerdrückte einen Fluch zwischen den Lippen. Ein Mann kam von der Seite gekrochen. „Herr Leutnant!" Ter Beppo. Ein kleiner wollhäaviger Venctianer, dessen Stolz es lvar, der wirkliche oder angebliche Abkömmling eines Sbirren W sein, wie sie die JUselrepnblik vor zweihundert Jahren in Sold nahm, damals, als die «Hälfte d'er Betvohner dafür bezahlt Würbe, um die andere Hälfte «zu überwachen. Ter Bepfw erstattete seine Meldung. Drüben bei den Oesterreichern hatte ter Horchposten allerlei Berdächttges wahrgenvmmen. Stangen Und Stricke wurden an «den Rand der breiten Felsspalte geschleppt, welche die beiderseitigen Stellungen trenitte. Wahrscheinlich wollte der Feind in der Nacht ein Uni gehn ngsmanöver versuchen. „Also gut aufpassen," sagte Trenttni, dem diese geivatt-. sarne Unterbrechung seiner Grübelei sehr willkommen war. Er vert-eilte seine Leute entsprechend und legte sich, als die Nacht kam, selbst an einer gefährlichen Stelle guf die Lauer. Beppo hockte neben ihm. „Wenn du dich brav hältst, Kerl, kannst du dir heute eine Auszeichnung verdienen." Beppo nickte stumm. Das Blut der Banditengeschlechter, denen er entstammte, rauschte in seinen Adern. . Tie Nacht war still und «finster. Wie Ke tker mauern starrten die Berge empor. Kalt, gleichgülttg flimmerten hie Sterne, als wären sie müde der Greuel da unten, die sie sett zwei Jahren sch«aueii irnißten. Ter Leutnant blickte nach'! dem Himmel. „Mitternacht vorüber. Heut kommen sie nicht mehr." Aber Beppo schüttelte den Kopf. Seine .Augen starrten -in die Finsternis wie zwei Büchsenläufe. Trüben am Felshang regte sich etwas. Ein Stern löste sich, kollerte abwärts, schilug dumpf aus in der schwarzen Tiefe. Ter L«eutnant atmete schwer. Der harte Don weckte eine ferne Erinnerung, in ihm. So fvaren damals die Steine herabgeZollert unter den schmalen Füßen des Mädchens, dem der alte Führer das Leben gerettet hatte. Und wieder Stille. Nur in seinen Schläfen hämmerte das Blut, als wollte es die >Adern sprengen. Jetzt —^Ietzt kam's drüben hinter einem Felszacken hervor, ein dunkler schatten, nur durch die Bewegung erkennbar. Ter Leutnant legte die Hand ans Beppos Schulter. Sie war schwer wie Blei. „Erst dann schießen, bis ich dir's sage," flüsterte er heiser. Beppo verfolgte mit angelegtem Lauf das langsame Vorrücken der Gestalt dort drüben. Jetzt mußte der Augenblick da sein. Ter Mann stand still und hob den Kopf wie ein sicherndes Wild. Ter Beppo hatte in seinem Leben noch kein so schönes Ziel gehabt. Aber — was war das? Warum gab der Teuente nicht den Befchl, zu schießen? Warum blickte er so starr hinüber-, als sehe er ein Gespenst? Ter Mann drehte sich nach rückwärts. Noch drei Minuten, und er war wieder hinter der Deckung des Felsens verschiivunden. Zuni Teufel, was hatte denn der Tenente? Ach« was, er wird doch schießen, der Beppo, mag der Tenente machen, was er rvW./ . . Und krachend geben die steinernen Wände in tausendfachem Widerhalls den Schuß zurück. Ter Soldat drüben zuckt zusammen, neigt sich laugsam nach Vorn, meist mit den Händen in die Luft und stürzt, Kopf voraus, rn die Tiefe. Zehn Meter Wetter unten bleibt er mis einem F/elsband liegen, eine schwarze, formlose Masse. Ter Beppo zappest vor Vergnügen, Lo ein Treffer, cvrpo 6i bacco! Und ohne auf deu Leutnant zu achten, steigt er den Felsen hinab. Er muß doch den Toten ordentlich ausplündern! Ter wird keinem braven Italiener mehr was zu leide tut, der verfluchte Standschütz. der Brusttmmdc sickert hellrotes I Blnt. Ter Mund mit der gvoßen Hasens«charte ist halb offen und ! läßt gelbe Zähne sehen. Und die borstigen, grauen BartstopMn 816 — sträuben sich. Was für häßliche Menschen fhdTbiß Mrfe «cW#*J Alber Zigaretten hat er in der Tasche. Ter Beppo steckt sie ha>trg ein und nn.lt dm leblosen Körper mit dem Fuß. rn den Mgrcmd stoßen. Aber da kömmt der Demrrte Trentmr. Der nergt srch über den Toten rmd sieht ihm ins Gesicht und wird ganz blaß — hastig reißt er ihm die Bluse auf, nimmt dre Kapsel mrt der Legitimation — Und dann stöhnt er auf und schlägt sich put bei Faust vor die Stirn und murmelt hastige, abgerissene ^Worte. Veppo .schüttelt Meder seinen dicken Kopf. Diese Signori, sind dock' recht verweichlichte Leute. Fallen in Ohumacht,w«in sie einen Toteil sehen. Uub er kriegt Angst : am (Ärde vergißt der Teneüte, ihn zur Wiszeichmvig vorzuschlagen. Dav wäre nocy schöner! Und so gut hat er ihn getroffen, so gut — Mitten, vts Herz! vermischtes. Krastsntter aus Spargellieeren. Eine ganze Reihe von Quellen zur Ausschließung der ftüher itm großen Teil ans dein Auslande bezogenen Oele und Kraft- Futtermittel sind während des Kieges empfohlen unrd erichlossen worden. Naturgemäß wird das- Ergebnis sehr verschieden, so erfreulich und erfolgreich sich der Sammeleifer z. B. bei allen Arten von Obstkerncn in den letzten Jahren betätigt hat, W entschieden muß ans der anderen <^eite vor ftder rurwrrtichaft- lichen Sammeltätigkeit gewarnt werden, ^.as gut z. B. ylnftchitrcy der Leinensamen. Zu deren Sammlung wurde 1915 ausgerus«: r aus den Blüten M so häufigen Grün- oder Braunkohls. Die Blüteir werden in Wasser gar gekocht Und dann mit Butter oder Fett, Fleischbrühe und gestoßenem Zwieback grswvt. Es ähnelt im Geschmack dem Blumenkohl, der ja auch ) Vetter nichts ist, als ein Blüteustand mit verkrüppelten Blüten. Mßer Mefen genannten BUrinen fbibcai sich sicher noch andere, die als Nahrungsmittel hionen könnerr, cs sei nur an die überzuckerten Veilchen erinnert. Diese aber haben, ebenso wie dix vbermngeführten Gerichte, bot Nctchteil, daß die nottvendiger, Zutaten, wie Zucker, Mehl, Butter und Zwieback uns nicht in gleicher Menge Mvachsen. Vüchertisch. — „Unsere U-Boote" lnüitett sich die soeben erschienene Nummer 3863 der Leipziger „I l l u st r i e r t e n Zeitung". Diese bildlich und textlich hervvrvagerld ausge^ stattete Sonde rnremmter gibt eine vortreffliche Uebersrcht über alle mit dem U-Boot-Krieg zusammenhängeuden Fragen. An der Spitze der Nummer steht eine umfangreiche Umfrage über das U-Boot und seine Rolle im Weltkrieg, an der sich u. a. der Deutsche Kronprinz-, Genievalfeldmarschall von Hindcnburg, Generalfeldmarschall von Mackensen, Großadmiral von Trrprtz, Staatssekretär von Capelle, Admiralstabschef von Holtzendorsf, Admiral Schieer, der Führer unserer Hochseeflotte, und Großadmiral von Kvester beteiligt haben. Die äußerst bemerkeliswerten Ausführungen dieser führe,wen Persönlichkeiterl sind in Handschriften-FÄsinrile wieder gegeben. Im textliclM Teil fesseln vor allem die Artikel „U-Boot und Gwßkampfschiiff" von FvAattm- kapitän von .Waldeyer-Hartz, „Herz und Auge des U-Bootes' von Kapitänleutnant Blum, „U-Boot und Völkerrecht von Admiral z. T. Dick, „Die Geburt des U-Bootes" von Hans Weber, „Zur Beurteilung der Wirksamkeit der Unterseeboote" von Occonomictus, „Abwehrmaßnahmen gegen U-Boote" von Kor- vetterrkapitän A. Sprudler Mrd „Unsere U-Boot-^aMle von Kapitänteutnant Georg Freiherr von Forstner. Tie morsten dieser Beiträge sind reich illustriert. Besonderes Interesse erreg>en darunter die statistischen Bilder, die die WrÄnng des U-Boot-Krroges mif die englische Volkswirtschaft veranschaulichen. Bester als alle Worte zeigen diese Zahlen, welchjes Verhängnis der U-Boot-.Krwg für England bedeutet. Wr größereir, pnt Teil farbig reproduz retten Kunstblättern finden ixAx in dem veste Zeichnungen von Pv.'fesfvr Willy Stöwer, Professor Arnold Busch, Pwfeswr Haus Bohrdt, Earl Büßenroth, R. Schmidt, Hamburg, Felix Schwor,nstädt und Claus Bergen. Eine nmttxt Bildtafel enthält Porträte unserer bekanntesten U-Bvots-Kommandanten, von den«: emige in dar Rirbrik „U-Bovts-Menteuer" aürch über ihre sMmenden Erlebnisse mteressant zu plaudern wissen. — Tie Schönheit. Moderne illustrierte Monatsschrift. (Verlag der Schönheit Rich. A. Gwsecke Dresden) Jedes Heft l M. Von dieser Zeitschrift, liegt uns eine Nummer zur Beipro.Mlrg iviedec einmal vor. Schon 13 Jahrgänge kämfH ste für rhve Zwle und Hai mit ihr«, SchönhettspredigtLn «ne eifrige Gemlnudc um sich versamnielt, die auf ihre Ziele schwört Die Lchönhert zer- iäl'lt in zwei Teile, den schöngeistigen, «ne Quelle an edler KiMst in Bildhauerei, Malerei, Außen- und JnnenaA,rtekt.rr T»- ttmst und Graphik; einen Weiten Teil, dem dw Psle,^e der Lebens- künde dient, bettteJft: Licht, Luft, Leben. Trastr geht von der Erkenntnis auS, daß wer auf kacnrgcr gesmrder Grundlage sich crn qeisttg utud körperlich schöner Mensch zu «cttmckeln vermag Aus dem Inhalt deS letzten Heftes führen wir nur an: Goethe als §M,ch«1ssucher von H. Bogt-Bilseck. Gneckwches wid gennanv. sches Empftnden von Rebätus. „Der Gckceuzrgte" Ballade von Tr. W. Stägeniann. Einige Bildungen der kmftvollen Mastcken des Dresdner Künstlers Prof. Del mar Wenver. W. Bruno Jltz hat zu den reizvollen Arbeiten des Graphikers M. E. Phclrpp, dre rn seiner Aussührnng Mn Schinruck des HestlS beitragen, den erläuternden Text übemommen. Für den unterhaltenden Terl tragen Novellen, Skizzen urrd lnectvolle dichiterische Schöpfnngen Sorge. Schöne Naturanftmhnren wetbeiferrr mit auSgeznch.reten Abbrl- düngen der bild«rden Knust und ergänzen so dre textllchon Tar- bietunaen des neuesten Heftes der Schönheit in glücklicher Werse. Gleichklang. Zum Feste kaust ich's mir. Die Lampe zeigt es hier. Und bei meinem Auto auch Sind sie in Gebrauch. - Zi. (Auflösung in nächster Nummer.) —> .. j Auslösung des Abstrichrätsels in voriger NumNre^ . Lord KitchenerS Untergang. Gchttsttertu«a: Fr. R. Zenz. — Zwillmgsrunddruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. t