Die blonde Drossel. Roman von E. Fahrow. (Fortsetzung.) „Schon gut, Berber, ich kenne ja Ihren £mfj gegen die Engländer, wenn ich ihn auch nicht teile. Sie wissen aber, ich hasse überhaupt kein Volk. Und wenn ich morgen einen Reger kennen lerne, der ein braves Herz hat, dann esse ich KUt einem Tische mit ihm und freue mich, wenn er von meiner Freundschaft was wissen will. — Nun erzählen Sie aber um Himmelswillen weiter. — Ihr Agent kriegte es Wirklich raus, Wo mein Bruder geblieben war?" „Ja, und zwar hauptsächlich deshalb, iveit sich damals noch Ihr Bruder mit seinem ehrlichen, deittschen Namen nannte. Später hieß er dann nicht mehr Stock, sondern Stockton." (Berber sprach mit spitzen Lippen den Namen so geziert wie möglich und mit beißender Verachtung ans. „Soso, Stockton. Sieht ihm ähnlich, dem August. Ich sagte Ihnen ja, daß er immer eine verdrehte Schraube war." ,^Jawohl. Auch drüben hatte er diesen Ruf. In Cincinati, wohin ich mich wandte, hat er übrigens ziemlich lange gelebt. Und rein zufällig war er auch bekannt mit dem Inhaber meines Auskunftsbnreaus. Er ging aber dann vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren weiter, nach Kolo- rado, dann nach anderen Staaten, verheiratete sich, verlor die Frau und wanderte endlich mit ein paar tausend erworbenen Mark wieder zurück nach Deutschland. Wenn er von dort aus nicht prahlerisch an seinen alten Bekannten in Cincinati geschrieben hätte, würden meine Nachforschungen vergeblich geblieben sein,- sie haben auch ein paar hundert Mark gekostet." „Das mack)t ja nichts, Berber." „Die erste Anfrage ging brieflich ab, alles andere dann telegraphisch." „Wie gut, daß >vir Kabel haben! Und nun weiter?" ,^Ja, also Herr S—s—stockton sitzt in Dortmund und seine Tochter ist in Berlin." ,I?n Berlin? Berber, wirklich und wahrhaftig? Was wacht sie denn hier? Was ist sie denu für ein Mädchen?" „Nun, es scheint ja, als rvenn sie ganz aus seiner Art geschlagen wäre — , ich meine, im Guten. Nach ihrem Vater scheint sie durchaus nicht geraten zu sein. Ich bin nämlich neulich, als ich zlvei Tage Urlaub uahni, selbst in Dortmund gewesen, Frau Ulrich." „Sie rührender Mensch! Haben Sie ihn selber gesehen, meinen Bruder August?" Berber schmunzelte und sein faltiges Gesicht sah zum Lachen komisch dabei aus. „Ich hatte die Ehre!" sagte er. „Denn es war ein Sonntag, und ich konnte Herrn Stockton dort sehen, wo er sich so recht natürlich gab, am Stammtisch. Er sieht nicht gerade blühend aus — ist er annähernd sechzig, so könnte man ihn. nuch ßU iwch älter halten — und daß er es — noch sehr lange machen wird, glaube ich nicht. Er ist nicht etwa krank; aber gebrechlich sieht er aus." Frau Ulrich schluckte ein paarmal. Sie war froh, daß! er wenigstens nicht in Not war, und daß sie nun noch Zeit hatte, etwas für ihn zu tun. Aber schon die nächsten Wort« ihres Getreuen machten sie stutzig. „Es ist ein Glück," sagte er bedächtig, „daß der Herr nichts von Ihnen und Ihrem Gelbe weiß, Frau Ulrich. Denn eigentlich ist er insgeheim immer auf der Jagd nach einem Geldgeber, der ihm seine verdrehten Pläne verwirklicht. Alle seine Projekte erfordern Riesensummen zur Ausführung, das hat er mir selbst gesagt." „Die alte Geschichte! Mit Kleinigkeiten hat sich August nie abgegeben. Schon als halbwüchsiger Bengel wollte er zum Beispiel Berlin zu einer Gebirgs- nnd Jnselstadt machen." „Was?" „Es war ein ganz ernster Plan, in den er sich so verrannt hatte, daß er sich zuletzt sür das verkannte Genie und uns alle für verbohrte Dummköpse hielt. Er behauptete, nur in einer imposanten Gegend könne eine Weltstadt wie Berlin sich entwickeln. Man müsse also einige hohe Berge im Norden aufrichten. Er hielt das nicht sür unmöglich, und ich weiß ja auch nicht, ob nicht vielleicht wirklich ein genialer Kern in alledem steckte. Er sprach von Felsenblöcken, die man mit Maschinen heranschleppen, von ungeheuren Mengen von Erd- t reich, das man zwischen diesen Felsblöcken aufschichten müsse. Ich glaube, mehrere hundert Meter hoch wollte er das künstliche Gebirge errichten." „Wozu denn bloß, tvozu denn bloß?" „Ach, so genau weiß ich das nicht mehr. Er redete sich das eben ein. Berlin wäre dann gegen Norden vor raühen Winden geschützt, und die Spree mußte in riesigen Betten rund um die innere Stadt, die dann die eigentlich „vor-- nehme" sein sollte, geführt werden. Dort in der Mitte sollte das Schloß, sollten die Museen und lauter Prachtstraßen liegen. — Ja, August wollte eben zaubern! Anstatt einer flachen Stadt in märkischem Sand sollte ein Märchen erstehen, umgeben von Bergen, fruchtbar gemacht durch ro- mantsich schöne Gärten und Felder, ja es sollte jedenfalls ganz so aussehen, als ob wir in einer gesegneten, reichen. Landschaft lebten, anstatt in einer sehr bescheidenen. — Kurz, August war eben ein Projektenmacher, solange er lebte. — Und nun lebt er noch — als.alter Mann — unverändert!" ,^Ja, und es scheint, daß man ihn nicht recht ernst nimmt. Seine Tochter dagegen — nnd nun kommt das ganz Merkwürdige, Frau Ulrich — denken Sie bloß, mit der hat sich schon seit ein paar Wochen meine Nichte angefreundet." ,^Jst es zu glauben? Aber Berber, wie kam denn das, ich bitte Sie?" „Zufall!" brummte Berber, ,,was sonst? Ich wäre auch nie darauf gekommen, daß solch ein Zufall wirklich eintreten könne, Wenn ich nicht gestern aus Dortmund zurückgekommen i Märe mb «Tekfi aus der Straße die beiden Mädchen zusanlf- Wen getroffen hätte." „Zufall gibt es nicht, lieber Berber. Sie wissen doch, daß ich glaube, der liebe Gott lenkt alles selbst, was geh schreht." Berber dachte, dann müsse der liebe Gott eine ganze Menge zu tun haben, wenn er persönlich die Geschicke der gesamten Erdbevölkerung lenken wollte. Aber dergleichen jußerte er aus Respekt nicht. „Wie sieht sie denn aus, diese meine Nichte?" „Außerordentlich hübsch vor allem." „Ach, das ist nicht die Hauptsache. Sieht sie — nett ■ Mt? Sie wissen doch, was ich meine." „Nett? Sie meinen so gewissermaßen — solide? Jawohl, so sieht sie aus. Sie ist hellblond und schlank und nicht klein gerade, aber auch nicht so groß wie Therese." „Glücklicherweise! Und was macht sie denn nun hier?" „Sie sucht eine Stellung, glaube ich. In Dortmund war sie Buchhalterin bei einem großen Kohlen- oder sonstigen Grubenbesitzer. Dieser Herr Wecker saß übrigens ebenfalls Mit an dem Stammtisch, und ich hörte, wie er sich in einem eigentümlich spitzen Ton nach Fräulein Ruth bei Herrn Stock- Ion erkundigte." „Berber, ich bin ganz überwältigt. So viel Neues auf einmal haben Sic mir gebracht! Wirklich, ich fiihle mich ganz schwach." Sie lehnte sich zurück, mrd mit Schrecken sah Berber, daß lie fahl und verfallen aussah. Er sprang auf und wollte nach dem Mädchen klingeln, Aber sie erhob abwehrend die Hand. „Bloß ein Glas Wasser", sagte sie. „Dort drüben auf der Anrichte steht es. Gleich wird es vorüber sein; aber ich glairbe, ich werde mir tatsächlich eine Stütze oder Gesellschafterin annebmen müssen/' Berber spitzte die Ohren. So gut kannte er seine Herrin, daß ihn: sofort »ihr ganzer Gedankengang klar war. Nichts 'konnte ihr augenblicklich willkommener sein als dieser kleine Bchwächeanfau. Sie hatte dann vor sich selbst einen guten Vorwand, Fräulein Stockton ins Haus zu nehmen. «Das würde sie ja unbedingt nun tun. Er kannte doch Frau Ulrich! Auf der Anrichte int Nebenzimmer fand er ein schönes alchrodisches Glas und eine dazu gehörige Wasserslasche, beide aus Rubinglas, mit eingeschliffenen Blumen und Tieren verliert. Frau Ulrich trank bedächtig einen Schluck von dem Wasser, nach einem Weilchen noch einen, und dann setzte sie iS auf das Tischchen zwischen den Blumen. Auf der lackierten Platte des Tischchens waren aus buntem Perlmutter zwei prachtvolle Fasanen eingelassen, die auf einem etwas zu dünnen, blühenden Zweige saßen. Berber wußte, daß einst Karl Ulrich dieses japanische Kunstwerk seiner Gattin als „Osterei" geschenkt hatte. Nun saß sie alle Tage hier zwischen ihren Blumen davor und achtete das bunte Stück gewiß gleich einem kleinen Haus- astar. „Eines," sagte Berber mit Entschiedenheit, „möchte ich. Ihnen aber anznraten mir erlauben, Frau Ulrich. Sagen Zie Jhrem Bruder nichts davon, daß - und irr welcher: Verhältnissen Sre leben." „ „Für so einfältig brauchen Sie mich doch nicht zu Halter:!" versetzte sie. Und als habe sich ihre Zunge jetzt lmeder gelöst, fuhr sie rasch fort: „Ich will August natürlich unterstützen, wen:: es nötig ist, aber zu wkrjsen braucht er noch nichts von mir. Und ebenso mit dem Mädchen — Ruth heißt sie? Hübscher Name. Also auch sre braucht noch kern Wort von unserer Verwandtest zu erfahren. Kann ja eigentlich auch gar nicht der- gleuhen vermuten, wenn sie doch Stockton heißt. Das sieht auch wieder August so ähnlich. Solche Alfanzereien! Hat erneu ehrlichen deutschen Namen und spielt sich auf den Arnerrkaner raus. Na, er soll mir nur kommen! Spreche rch ihn, dann krregt er gehörig die Wahrheit zu hören." Mit Genugtuung bemerkte Berber, daß alte Lebens- aerster ferner Prrnzrpalrn nun zurückgekehrt waren. Sie erhob sich auch retzt und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten, dre Hände auf dem Rücken gefaltet. * „Wenn das Machen mir gefällt," murmelte sie, „dann beiden geholfen. Dann habe ich jemand, der sich um mich bekümmert, und sie braucht sich ihr Leben lang keine Sorgen mehr zu machen, braucht auch' nicht uin ihr tägliches Brot zu arbeiten." .. . sie Lust hat, eine Hausstellung anzunehmen, Frgu Ulrich, das weiß ich nicht. Man müßte da mal fragen . . „Nur vorsichtig, Berber! Nicht fragen, so direkt — mehr Fühlhörner ausstrecken. Ihre Nichte zum Beispiel, die müßte das besorgen. Aber sie dürste ebenfalls noch nichts ahnen von der Verwandtschaft." „Tut sie auch nicht. Ich habe doch selbstverständlich kerne Silbe von der ganzen Sache verlauten lassen. Aber wenn ich nun Therese in diesen Tagen sage, daß Sie eins Gesellschafterin suchen — man könnte ja besonders englische Sprachkenntnisse wünschen . . ." „Du meine Güte, Berber, wo ich kein Wort von solchem Zeug verstehe!" „^ben darum. Dann könnte die Gesellschafterin Ihnen! englische Bücher oder Zeitungen übersetzen. Ich meinte es doch auch nur als Ausrede. Musikalisch soll das Fräulein übrigens auch sein." „So, so, das freut mich. Musik kann ich viel hören, es wird mir nicht leicht zu viel. Wenn ich nur das Kind mal sehen könnte — ich bin ordentlich ängstlich! Wenn sie mir nun nicht gefällt?" „Sie gefällt Ihnen ganz sicher, Frau Ulrich. Wenn sie doch sogar mir gefallen hat!" Karoline Ulrich lachte ihr behagliches Lachen. „Da haben Sie nun wieder recht, Berber. Sie alter Knurrhahn haben doch an jedem etwas auszusetzen. Ich kann schon viel darauf geben, daß sie Ihnen gefallen hat." , meinte er, „nämlich, Frau Ulrich, — sie sieht dem Bilde dort etwas ähnlich." Er zeigte auf das Jugendbildnis, das vor einer so langen Reihe von Jahren ein talentvoller, junger Maler von Frau Ulrich angefertigt hatte. Sie zeigte zwar darauf eine etwas sentimentale, schiefe Kopfhaltung, die Ruth durchaus frenrd war; aber eine gewisse Aehnlichkeit war wirklich vorhanden, vor allem auch m dem freien, klaren und guten (Fortsetzung folgt.) Wilhelm von Humboldt. (Zn seinem 150. Geburtstage, 22. Juni.) Bon Dr. Paul Landau. . Fs gibt einige tvenige weltgeschichtliche Gestatten, in denen sich der Geist eines großen Zeitalters wie in einem leuchtenden Symbol rn seiner ganzen Kraft tutb Vollendung dar stellt. Wohl haben sie auch an den Werten der Kultirr .Mitgeschafftm, die sich rn ihrem; Wesen .^ullt: aber ihre höchste Leistung liegt nicht so in ihrer schöpferischen Arbeit, als rn den: Erleben der neuen Menschheit^ loeen, vre rhre Zeit geboren, liegt in der großartigen Steigerung/ ibrer Individualität. Solche representative men" sind für die Antike Perckles Lorenze de Medrcr für die Renaissance; für Unser deutsches klaistsches Zeitalter ist es Wilhelm von Humboldt. In ihnr ist der klassische deutsche Mensch", wie ihU Kaut und Fichte gefordert Herder und Jean Paul geahut, Goethe und Schiller geschaut haben, zur Wirklichkeit geworden. Die nltseitige Aus-, brldung die harmonische FiUle seines Wesens, sie sind der beste Beweis für die Macht und Weite der Epoche, die ihm die Möglich- r ö",w einzigartigen Entwicklung gewährte. Je reicher imser Ueberblick über das ungeheure Feld seiner Tätigkeit wird in die verborgenen Goldschächte fernes} Tokens, desto Unfaßlicher er feint uns das Werk dieses Mannes der als Jüngling rn Studien und Reisen das Werden und Wissen der geschichtlichen Welt in sich aussog, der als Mann ans deni diplomatischen Konferenzen die Geschicke der Völker mübestimmte und durch seine Organisation der preußischen Bildnngsanstalten dems Geistesleben eines ganzen Jahrhunderts die Wege wies, der als Ererv lchlretzlich m seinen sprachvcrgleichenden Werken eine neue Methode der Wissenschaft begründete. Als Staatsmann und als Gesetzgeber als Böllerpwchologe und als Sprachkenner, als öfc storrker und als Aesthetrker, als Philosoph, Philologe und Pädagoge, als Nebersetzer und Dichter hat Humboldt unvergängliche Spuren seines Wirkens hmterlassen und Keime ausgeftreut, deren Saat züM Teil heute noch nicht anfgegangen ist. Wenn wir uns an! semew Gedenktage die Gestalt dieses „idealen Deutschen" vor die Seele rufen, dürfen wir uns nicht in der verwirrenden Fülle seiner r-i l rrl cl ' lmtöen verlieren, sondern müssen die stolze Einheit mög- lw,'st klar zu erkennen suchen, die den ewigen Wesenskern dieses Mannes ausmacht: seine in ihrer Frllle so unsäglich komplizierte mb boch m ihrer Vollendung völlig geschlossene Persönlichkeit. Als Wilhelm von Humboldt am 8. April 1835 seine Seher- miQen für immer schloß, war er trotz seiner Mltberühmtheit eins fernem runern.Wesen noch aanz unbekannter Mann. Wohl hatte sich ein Teil fernes Lebens, der seiner staatSMännischen Laufbahn, rn breitester OeffentlrMit abgespielt, aber d^r Meise, der so gay 267 nach Weit mid bec dem Bilde zuströmten, machen es dem heutigen ^Beurteiler sehr viel schwerer, die Widersprüche und komplizierten Seelenvorgänge der Hnmboldtschen Individualität zur einheitlichen Auffassung Man« ,'.'.e,lzu schließen. Die Wiederauferstehung, die der Freund Goe- thes und Schillers in« 20. Jahrhundert erlebte, hat ihn seinem Volke näher gebracht, als ihrn der Lebende je gestanden, aber noch ist es keinem gelungen, über Hahm hinaus all die nenentdeckten Geistes^ schätze in einer neuen Darstellung seines Lebens fruchtbar zu fnachen. Die Berliner Akademie der Wissenschaften, zu deren Zierden Humboldt gehörte, hat seine Schriften seit 1903 in einer vorzüglichen Ausgabe gesammelt, die an Reichtun: und Sorgfalt hoch über den gesammelten Werken steht, in denen Wilhelms Bruder Alexander zun: ersten Adale ein Denkmal seines Schaffens errichtet. Nur die Briefe stehen noch aus. Doch gerade als Bricfschreiber ist Humboldt in letzter Zeit in der ganzen Hülle und Frische seines Wesens vor uns getreten durch die Veröffentlichung des Briefwechsels n«it seiner Gchtin Caroline, der jetzt in sieben starken Bänden vorliegt. Es gibt ivenige Briefwechsel der Weltliteratur, die sich an Innigkeit des Gefühls, an Höhe des geistigen Standpunktes, air Tiefe der inneren Einblicke und Weite der äußeren Ausblicke Mit der Zwiesprache dieser beiden genialen Menschen vergleichen können. Ein Querschnitt durch die- stolzeste Zeit des deutschen f nsteS wird geboten, von der Aufklärung über die Epoche des lassizisMus und der Ro«uantik zu den Jahren der deutschen Erhebung und der Begründung der deutschen Geisteswijsenschaften., Freilich erscheinen hier Humboldt und Caroline auch vielfach in emem neuen Licht. Tie Heroen, deren Marmorbilder man be- tmmdert, lassen in den Stürmen irdischer Leidenschaft Mensch- läches-Attzümcnschliches ahnen. Es sind zwei sensible von W Zeitereignissen erregte Naturen, deren Weg über Abgründe der Leidenschaft auf die Höhen der Menschheit führt. Mer gerate! weil wir die Erschütterungen und den Zwiespalt Humboldts ftüher so abgeklärt erscheinenden Temperaments nun mitcrleben können, erscheint uns die vollendete Harmonie, zu der er sich durchrang, noch ergreifender, tritt uns seine Persönlichkeit menschlich näher. Mben diesen Familienbriefen sind es die neuen Briefe an Schiller, die erst kürzlich bekannt wurden, sind es die gereinigten und ergänzten: Briefe an Charlotte Diebe, die nun über das enge spießbürgerliche Niveau der ersten Herausgeberin emporgehoben werden, sind es die zahlreichen Tagebücher mit ihren Selbstanalysen, aus denen die dämonische Natur Humboldts mit einem fast unheimlich Nahe,: Feuer leuchtet. Winckelmann hat den nackte«: Menschen als den wichtigsten .Gegenstand der antike«: Plastik bezeichnet. Humboldt, dieser begeisterte Verehrer der Griechen, dessen Weltanschauung der der Antike näher gekommcn wie die irgendeines andern modernen Menschen, wählte ebenfalls den Menschen, aber de,: innere«: Menschen, zuin! Ziel en größten Dichtern, daß die heroische Idealität Schillers und d:e Plastftcke Anschauungskraft Goethes in seiner Natur zur Ein- heit verschmolzen sind. In zahllosen Aeußeruugeu, so in seinen Gedachitmsrede, in seiner Besprechung der Italienischen Reise, in ferner unübertrefflichen Zergliederung der „Marienbader Elegie", Kat er dm Kern der Goetheschei: Kunst erkannt. Ms Schüler und-Ge-« noste Goethes ging er nach Rom^, um hier die Arrtike in unnnttel- bare,: Mschaannngei: zu erlebe::. Aber sein allseftiger Geist drängte rhn Mn Erfassen der gesaullen Menschheitsgeschichte, mit derest Zdeen und Problemen er sich in zahllose,: Entwürfen auseinander- fetzte. Bon der Werte aber ging sein Weg immer inehr in die Tiefe, wnü so erkannte er allmählich in der Sprache dei: Nrgiünd allaZ Geistergeschehens, den besonderen Ausdruck der verschiedensten Völker und Zeften; sie bot ihm den Schlüssel zNp Erkenntnis jener! Ewigkeitselemente, die er stets im Menschen gesucht hatte. Das Sprachstudiunr, das de:: letzte:: Teil seines Lebens ans füllte und feine wissenschaftlich bedeutendsten Werke gezeitigt hat, ist so die Erfüllung all seiner Bestrebungen. Die vergleichende Sprach^ Wissenschaft, die er dabei schuf, war pur ein Nebenprodukt seines Wirker:», so wie er zugleich der Geschichtsschreibung Rankes, der von Steinthal ausgebauten Völkerpsychologie entscheidende Anregun- gen bot. Sein Denken ist weltgeschichtlich in dem höchsten Sinne, daß es über den Zeiten und den Bölken: steht. Aber seine Wurzeln r'uhen fest im deutschen Wesen, und gerade ivir Heutigen dürfen nie vergessen, daß Humboldt ein Deutscher war, dem sein Vaterland über alles ging .Und der seiner Nation seine besten Kräfte? geweiht hat. „Ter deutsche Geist sitzt Ihnen zu tief, als daß sie irgendlva aUfhören könnten, deutsch zu empfinden und zu denken." So schrieb ihm Schiller in seinem letzten Briefe nach Rom. Und diese Heimat^- llebe pt der Grundton all seines Fühle,rs. Das Sch,weise,: in dis r^erne brachte ihn Deutschland llnmer näher, so ivenn er 1600 :,: der Sierra Morena jene Weissagung an das deutsche Volk richtete, die uns heute wieder besonders ergreift: r „Wenig noch wird erkannt das Volk, das still Und bescheiden, Aber tieferen Ernstes, kühnere Bahnen sich bricht; Doch sie kommt, die vergeltende Zeit, schon winkt sie nicht fern mehr. Wo es dem Folgegeschlecht zeichnet den leuchtenden Pfad."' Als daher in der Zeit der Not der Ruf seines Königs an ihtn ergmg, M:tzUw:rken an der geistigen Erhebung seiires Volkes da hat er nicht einen Augenblick gezögert. „Ich liebe Deutschland recht e:gentl:ch :n tiefer Seele," schrieb er im frischen Abschieds schmerz von seinem geliebten stiom. Das Unglück der Zeit knüpft Mich noch enger d-nan, und da ich fest überzeugt bin, daß gerade d:es Unglück Motiv ivevden sollte für die einzelnen, mutiger pH streben, so möchte ich sehe,: ob die gleiche StinmtuUg auch d» andern herrschend wäre, und dazu beitragen, sie zu verbreiten.^ In jenem emzigen, aber für das deutsche Geistesleben so unendlich folgereiche,: Jahre, da er als Leiter des preußischen Unterrichts- Wesens alle sittlichen Kräfte der Nation mobilisierte, hat er es> verstanden, seinen Geist unserer ganzen Kultur aufzuprägen. Es :st ich rer unbegreiflich, was er damals geleistet: von der Gründung! der Universität Berlin bis zur Sorge für die Ritter-Akademien, von der Einführung der Pestalozzischeu Ideen in den Volks schulst,: terrrcht bis zur Pflege der Musik m den Schulen. War er schon :n dem Paris der Revolution für die kanrische Philosophie unter den Franzosen eingetreten, so ivußte er nun das ganze Geistesleben, mit den Ideen der deutschen Philosophie zu beseelen. Ms ihn dann wrdrige Umstände diesem ihm so gemäßen Wirkungskreise entzogen, bat er als Diplonmt es verstcnchen, Oesterreich auf der Prager Konferenz zUm Anschluß an Preußen zu betvegen, und damit die wichtigste staatsm!ä::nische Tat zicr Befreiung seines' Lande» vollbracht. Bei den Friedensverhandlnngen loar er die diplomatische stütze Preußens, u:ck> ioir dmken heute besonders daran, daß er seme ganze Persönlichkeit dafür einsetzte. Um die Wiederheraus- gäbe von Elsaß-Lothringen im zwerten Pariser Frieden zu erreiche::. Sein Streben war vergeblich, vergeblich auch sein groß« artiger Entwurf einer preußischen Verfassung, deren freiheitlichen Grundsätze,: in der Zeit der Karlsbader Beschlüsse kerne Geltung verschaffen konnte. So staick» die Zeit den höchsten Bieten! fernes staatsmännischen Wirkens hemmend im Wege und er. der üllgemein für die größte polllftche Begabung Preußens galt. Würbe durch die Intrigen Hardsilbergs ans seinen Llemtern verdrängt. Unter der Fülle von Beübungen, die Wilhelnr von Hünv- böldts Persönlichkeit in einem schiller-Nden, schier unbegreiflicheni Glanze erstrahlen lassen, war die diplonuitische wohl seine urstä'üng!- lichste. Während ihn: das literarische Schasse,: sehr schwer fiel, war er Sin „Meister des Aktenschreibens", der die umfangreichsten' Denkschriften und Gesetzentwürfe mühelos ausarbeitete. Aber zum großen Staatsmann fehlte ihn: das Gefühl für äußere Macht, fehlten ihm Energie und der starke Drang zum Handelm Nur geistige mtf* seelisch Größe ließ er gelten. Idealität und Humanität dünktcni :hiN d:e höchsten Ziele der Menschheit, Schauei: und Erkenne:: d:e höchste,: Aufgaben des Menschen. An den, indischen Epos Bhagavad- Gita, das eins der wichtigsten Erlebnisse seines Greisenalters ivurde, fesselte ihn „das Handeln, gleichsan: als handle nian nicht". „Das sttmmt mit meiner Individualität wunderbar überein," schrieb er an Niebuhr. Uird damit wird der letzte Schlüssel zu der rätsel-- vollen Persönlichkeit dieses Mannes geboten. Er war kein Tatmensch, für den Handeln Notive,ü>igkell und Genuß bedeutet, sondern eine unendlich aufnahmefähige 9?ptur, deren innerstes Leben im Cunpfangen und Verarbeiten gewonnener Eindrücke bestand. F,-ei - lich wußte er durch die Kraft des Willens sich zum Handeln nr zwingen, aber doch so, daß er sich nie durch äußere Motite dab^ besttmmen liep. Mle Kräfte der Seele waren von ihm vollendet harmonisch gejtaltet, und wenn irgendein Sterblicher, so h>:t er dlls M>rt seines Freundes Schiller Lügen gestraft: „Zlvischen Sinnenglück u,ck> Seelenfrieden bleibt de,,: Menscl/en nur die bange Wahl". Auf seine Stirn, lvie auf der des „hr>hen Uraniden", leuck>- tet ihr vermählter Strahl. vüHettM » a —. Die Gründe für das Scheitern der feindlichen großen Früh- sichrsofünsive im Wiesten erörtert der bekannte Militärschrrfifteller General der Infanterie K. D. v. Janls o n in lichtvollen Aussulp- tmtpi in der neuesten Nummer 3859 (Kriegsnuinmer IvO) dev L-erp-iger u ft r i e r te it Zeitun g" (Verlag I. I. W>e- ber). Angesichts des jüngsten englischen Ansturms in Flandern können die in iwvellistisck^r Form gebotenen Soldatenlegendeni „Die Schrecken vor dpern" von Hans Schoenseld auf besonderes Interesse rechnen. Ein Aquarell von Albert Reich zeigt die bayrischen „Leiber" in der Kirche zu Chanmont bei Verdun, eine Zeichnung von Karl Mohr das Abfangen eurer französischen Patrouille in Sailly-Saillis-el an der Somme, eine Zeichnung von R. Schmidt- Hamburg deutsche Fischer im Schutze von Torpedobooten bei der Arbeit, eine andere von Professor Ri. Zeno Diener ein Zeppelm- Luftschiff beim Wwerscn der Post für deutsche Truppe?? in Mazedonien. Ladislaus Tiuss-hnSky hc?t in einem doppelseitig wieder geriebenen Blakt dorr Akt der Huldigung der Mitglieder beider Häuser des österreichischen Reichsrats vor Kaiser Karl I. im Zercmoniens-aal der Hofburg zu Wien festgehalten. Richard Aßmann führt einen Gasalarnr bei unseren österreiclnsch-ungarischm Verbündeten an der rumänischen Front vor Augen. Allgemeine Beachtung verdient der durch eine anschauliche llebersichtskarte unterstützte Aussatz „Die Bestrebungen auf Vermehrung und Verbesserung unserer binnen- ländischen Schissahrtswegc" von Generalsekretär Ragoczy. Ein weiterer Artikel beleuchtet den Whrt der Leipziger Kuiegsmesscn. Dr. Egbert Delphi) widmet der Phantasieknnst Walter Rehns einen niehrseittgen, reich illustrierten Beitrag. — Kleine Bilder aus großer Zeit. 106 Zeichnungen von Th. Th. HeiAe. Preis geheftet 1 Miack- Borzugsansgabe in 100 Exemplaren IO Marl. (Simplizissimus-Derlag, München.) Eine Sammlung von Zeitsatiren Th. Th. Heines toird von vorn- herein in loeitcn Kreisen starkes Interesse finden. — Ludwig Achi m Hon A r it i M, Fürst Gauzgvtt und Sänger Halbgott. Philander unter deu streifenden Soldaten und Zigeunern im Dreißigjährigen Kriege. Nr. 23 der Weltliteratur, München 2, Färbergraben 24. Preis 10 Pf. Erl-ältlich in jeder Bu.ch Handlung. — Ein kochen ohne Zucker. Pra?tisck>es Einmachbüchlein sirr die deutsche Hausfrau. Erprobte Rezepte znm Emmack)en bon Früchten und Gemüse ohne Einkochapparat, nebst 25 Pilzgerichten. Von Frau Helene Kl i n g e m a n n, ehemaliger Leiterin der Ly- ceums-Kochschule, Hildesheiui. Zlveite, stark (»erwehrte Auslage (21. Vis 40. Tausend). Preis 30 Pfg. Verlag Ed. Fockcs Bnchl)airdlung, Chemnitz. — Die „Fliegenden Blatte r" (Verlag von Bvauu Und Schneider. München) haben auch in dein eben abschließenden Halbjahre ! nieder das Panier des deutschen Humors erfolgreich hoch-gehalten und versprechen das gleiche mit Recht für die Zu- fünst. Gerade in dieser ernstesten und imrner mehr der ElttsÜM- düng entgegen reifenden Periode dc§ Weltstreits sehnt sich Herz j-md Geist der Kämpfenden draußen und drinnen, des ganzen Volkes «lfo, auf das lebhafteste nach Augenblicken der Ablenkung, der Erholung in harmlosem, keinen verletzenden? Frohsinn, in heiterer^ das Zwerchfell tvabttatig erschütternder Laune und jeder anderen AuSdrncksform fröhlichen Vertrauens auf die eigene .Kraft und eine schöne freie Zukunft? Die „Fliegenden Blätter" tragen biefcm allgem-einen Bedürfnis nach Humor piit einer Beigabe kräftßrer Ieitsatire ebenso Rechnung wie dem gehobenen patriottschen Empfinden «unserer Tage, das in W o Pt und Bild, tu Lied und Prosa seiwen treffenden Widerhall findet. — Guido v. Gillhaußeu, Op. 12 Nr. 4. „Deutscher .Hochgesang" und 1 Op. 10. Nr. 2 Der Kuckuck. Verlag Cars Simon Harmonie» hau S, Berlin W. 35, Steglitzer Str. 35. - Gietzcuer Hausfraueit-Berem. ^ Kochanweisungen. Auf vvelscitigcn Wunsch bringen wir heute Kochawveisungen für Milchspeisen: v D ie B e l» a n d l u n g d c r M a g e r m i l ch. .Magermilch muß entweder sofort nach Ankunft abgekocht oder, wo dies nicht möglich M hn den Kickler oder kaltes Wasser gestellt werden, und zwar mit lustdurchlässiger Bedeckung (Sieb, Mullappw). Beinc Abkochen nehme man immer nur eine kleine Probe, sollte die Milch dabei gerinnnen, so setze man eine lwlbe Messerspitze doppeltkohlensaurer stdrtron zu, sodann muß die Milch auf gutem Feuer gerührt werden bis zum Kochen, eS verhindert dies sowohl das Gerinnen, als auch das Anbvennen. Keinesfalls darf die Milch achtlos nebenbei ans den Herd gestellt und langsam gekocht werde?!. Nach dem Kochen stelle inan den Topf sofort in Kältes Wasser, das ?nan mehrmals erneuert, bis die Milch völlig erkaltet ist, erst dann bringe mau sie tu den Keller zum Gebrauch. _ ' EVensv verfahre man mii Zusatz-Bo llmilH. , Stcklt mmt M agermil ch K um Di ck we rden au f. so trachte nunt die sich scheidende Flüssigkeit nicht als wertloses Wasser, es ist kein WlasserHusatz, sondern die wässerigen Bestandteile dev Milch, in denen immer noch Nährwerte, wie Salz, Milchzucker;, Milch und Buttersäure enthalten sind. Man quirle die Milch tudfr tig durckxinMider, bei dem Piroz-eß des Sauerwerdens scheiden sich die Käseteile vo?r den lpässerigen Teile?? und zwar, je höher die Temperatur, um so rascher. Molke von geronnener Milch, oder bei der Käsebereituug ge- Wonnen, schütte nran nicht N"eg, sie gibt, mit Zucker dick eingekocht , einen guten Kunsthonig. Auch ist Molke ein gutes Bleich- und« F l e ck e n ni i 11 1 1 für weiße Wäsche. Buttermilch kann mau zu allen Speisen als SahueersaS Nehmen, als zu Salaten, Tunken, Onrelette, Auslauf, Pfoerden gut auSgepreßt. V« bis 1 * Mund Butter gibt man in eirren eiuaillierteu Tops, läßt sie l-eiß toerden, die Käsenkatte dazu?, drei Teelöffel doppelt- kohl-ensaures Natron, etwas Salz, Küimnel. geriebene Zlviebel, vier Eßiöffel Magermrilch dazu, rührt dies stark bis zum Kochen, läßt ein paarinal aufkochen, stellt den Topf iit einmal zu wechselndes kaltes Wasser und rührt weiter bis zum völligen Erkalten, füllt den Mle sofort in Gläser, die ?nan später zubindet. vilderrötsel. Irrgarten-Rebus. ^ (Dir Ansangsbuchstaben sind so zu verbinden, ii'ie die Wege des Irrgartens gehen). Auflösung der Schach-?lusgabe in voriger Nummerr , \ Zweizüger von Bobrow: 58. Kg 4, De 8, Lff 3, S e 8, Tel,Ba5, e2. s3; Scknv. K g 4, D a 9, Dd8. 8b7. 8-r6. d 5. e 5. 1. Lff3 — f2. — 2. Siebenfach matt Schrislleltung: Fr. R. Zenz. — ^witlingsrunddruck und Verlag der Brühl'schen UniversiLLts-Buch- und Stetndruckerei. R. Lange, Gießen.