Die blonde Drossel. Roman von E. F a h r o tv. Copyright 1916 U) Greiner L Co., Berlin M. 30. (Nachdruck verboten.) 1. Kapitel. y~., dtus dem grauen Hailse mit der Sandsteintreppe und der Säulenhalle an der Südseite trat Frau Karoline Ulrich und st^nmte die Arme in die Seiten. Gleich darauf entsann sie daß sie sich dies ja abgewöhuen moUte; sie ließ die Arme snikeil uich fuhr in der sachgemäßen Prüfling des Gespanns vor der Tür fort. Es war ein stattlicher Landauer mit zwei stattlichen Nappell imb einem ebenso stattlichen Kutscher. Dieser blickte bewegungslos geradeaus, bis seine Herrin sagte: „Morsen, Kufke." „Morsen jnä' Frau/' erwiderte er und wartete weiter. Frau Ulrich kam die Stufen herab und trat an das Handpferd heran, dem sie tastend über das rechte Knie fuhr. „Immer \iüd) nicht ganz in Ordnung, Kufke," sagte sie. „Wird woll ooch nischt.mehr, jnä' Frau. In unsen 'Alter fangt man an, klapprig 31 t werden." ™ * ö ^ te ' ^obei ihr großes, klargeschnittenes Gesicht plötzlich länger aussah. Er hatte ja recht, der Knske, Fe waren alle zusalnmen nicht die Jüngsten mehr. Aber es ging doch noch. r. l' 9 l n 9" allerlei noch in Frau Ulrichs reichem Haus- stand und Leben, wofür andere Leute längst Ersaß geschafft hatten. Sie war aber konservativ in dieser Hinsicht, während sie politisch den allerfreiesten Ansichten huldigte. Ein wenig ungeduldig blickte sie hinüber nach dem Eingang zu dem Nebengebäude, über dem eine große Uhr die inerte Stunde anzeigte. Doch in demselben Augenblick öffnete srch btc Tür, und ihr Vermögensverwalter und Faktotum Herr Berber trat heraus, wie gewöhnlich verdrießlich und vertrocknet aussehend. Da er seine Prinzipalin lvarten sah, kam er eilig heran. „Punkt vier Uhr, Frau Ulrich," sagte er. Hierauf zog er den Hut, wodurch er seine schimmernde Gtatz enthüllte, und fügte hinzu: „Ergebenster Diener. — Wohin fahren wir?" „Nach ’m Tiergarten," erwiderte Frau Ulrich und stieg mn, nachdem Berber den Wagenschlaq geöffnet hatte. Er folgte ihr behende und nahm auf dem Rücksitz Platz. Anders tat er es nicht seit fünfzehn Jahren. dluch fuhr man seit fünfzehn Jahren aus diesem fern Osten tliglich nachdem Tiergarten, was nicht hinderte, t Zerber Tag für Tag dieselbe Frage stellte und stets die glei Antwort erhielt. i<*, wrr srnd Gewohnheitsmenschen," sagte Frau rJx /£ lI l cr I an 9 cn Weile, als habe sie einen selbstverständlich cn Gedankengang verfolgt, lind dann abspringend: „Was macheir wir nun mit Ihrer Nichte, Berber: So geht es doch wohl nicht, wie das Mädel es sich denkt." . Er nahm den £mt ab, wischte sich mit dem feinen, duftenden Taschentuch die Stirn und räusperte sich. Dann sprach er zögernd: „Was will ich da machen! Wer A gesagt hat, muß auch B sagen. Ich hätte sie eben nicht aus dem Hause lassen sollen." „Unsinn, Berber! Das ist ja bloß so eine Redensart, ww man sie ausspricht. Warum muß man denn durchaus B sagen, ioenn man A gesagt hat? Da müßte man ja auch dann C und das ganze Alphabet durch bis zu Ende herbeten! Und Ja und Amen zu allem sagen, was so ein Mädel sich m den Kopf setzt, bloß weil man ihr erlaubt hat, sich auf eigene Füße zu stellen?" „Sie i)t eben nicht leicht zu leiten, die Therese. Sie hat nch vorgenommen, daß sie ganz selbständig sei, mir nichts werter schulden will als die gute Erziehung, die ich ihr ja gottlob geben lassen konnte . . ." „Uiid die mehr wert ist als Geld!" unterbrach sie ihn energisch. „Gott, der gelehrte Krimskram ist es ja nicht, der den Menschen macht, sondern die Gesinnung. Aber Bildung ist — ist schon was wert!" Dies kam mit einem vielsagenden Seufzer heraus. Herr Berber blickte seine Prinzipalin mit unbegrenzter Hochachtung an, wobei sein griesgrämiges Gesicht sich nur wenig veränderte. ™ erzensbildung!" sprach er mit Betonung. „Auf d i e kommt es an!" ^ '$ a 6 ut. Ich weiß schon, wie Sie es meinen. Und über Ihre Therese reden wir noch. Sehen Sie mal, die Kachelfabrik hier. Die hat auch mein Karl gegründet, das heißt, der Gedanke stammte von ihm, aus Sand auch solche bunten Diiiger zu brennen. Und dann hat er seinem Freunde Halwich das Geld vorgeschossen, damit der anfangen konnte. Und zum Dank dafür hat ihn nachher der feine Halwich nicht mehr angesehen, als er reich geworden war." .. Berber warf einen verächtlichen Blick auf das Backsteingebäude und tat es dann mit einer fortwedelnden Handbewegung ab. „Kränken Sie sich nicht mehr über beit Menschen," sagte er, indem er mit künstlicher Aufmerksamkeit nach der andern Seite blickte. „Außerdem ist er ja tot, und seine Herren Söhne werden bald genug das Geld verpulvert haben. Der Wagen federt aber gar nicht mehr gut, Frau Ulrich!" Sie überhörte diese Bemerkung wie immer, wenii Berber auf Neuerungen uiid überflüssige Anschaffungen hinsteuerte. Ueberdies hatte diesen Landauer noch ihr seliger Karl an- geschafft, und deshalb war er ihr heilig. Man war endlich im Tiergarten angelangt, und in der Nähe des Großen Sterns stiegen die Insassen aus. „ ,. Pünktlich wie ein Uhrwerk zog Berber ein Blatt mit Notizen heraus und Wollte den täglichen Rapport beginnen. Uber zu seinem Erstaunen legte ih'm Frau Ulrich die Hand Auf den Arm und sprach : ^ „Lassen Sie das jetzt, Berber. Ich habe anderes ftttt Mnen zu besprechen, was mir wichtiger ist."- Herrn Berbers spärliche Augenbrauen zogen sich rn he Höhe. Erstens begriff er nicht, was! wichtiger sein sollte glS sein Geschäftsbericht, und darin wunderte er sich über-, Mipt über die heute so sprunghafte Manier seiner Herrin, imnrnerfort brach sie ab und fing Von neuen Dingen an. Wurde sie etwas nervös auf ihre alten Tage? , Wer aber die große, starke Gestalt an seiner Serie betrachtete, der mutzte zunächst der: Eindruck einer eisen- M ten Gesundheit beklommen. .Das Volte, kräftig gefärbte atronengesicht, das lebhafte, klare, blaue Au-ge, die glänzenden, dunklen, ein wenig grau gesprenkelten Scheitel, auf Venen ein nicht ganz moderner Hut mit seidenen Bindci- bändern saß, das alles sprach von nichts weniger als Ner- Pjosität. Und jetzt blieb Frau Ulrich stehen, stemmte wieder die Arme in die Seiten und seufzte vernehmlich. „Ich halte es nicht mehr aus!" ries sie. „Ich muß Sie ins Vertrauen ziehen. Ich hatte schon lange diese Absicht. Mer das ist nicht so einfach. Ich will, und ich will auch nicht" Berber machte „Hm" und wertete. „Nämlich" fuhr sie fort, indem sie ihn bedeutungsvoll! cknsah, „es betrifft meinen Bruder."- „Aha!" sagte Berber. Es klang, als wisse er nun Bescheid; aber er wußte gar nichts. Frau Ulrich ging weiter und sprach jetzt schneller. „Daß ich einen Bruder hatte und daß er von jeher eine verdrehte Schraube war, das wissen Sie ja. Er ging nach Amerika, als er jung war. Und daß er drüben nicht die erhofften Goldklumpen gefunden hatte, das ersahen wir aus seinem Schweigen. Ich freilich, ich konnte damals keine Briese erwarten, denn ich war ein dummes Ding von fitnfzehn Jahren. Aber meine armen Eltern, die habe ich oft seufzen hören, daß ihr Einziger sortgegangen war, anstatt ihnen arbeiten zu helfen." „Das ist lange her," murmelte Berber. „Nachher kam ja das Glück." „Ach, was man so das Glück nennt! Das hätte ja auch ebenso gut ein Unglück sein können! Ich verheiratete mich eben mit Nachbars Karl, dein der Rübenboden gehörte, welchen wir gepachtet hatten. Denn Karts Eltern waren einfache Büdner, und meine waren sogar bloß Arbeitsleute. Uno Karl und mir ist es nicht an der Wiege gesungen wor-, den, daß wir mal mit Trakehnern fahren würden." „Ein Automobil wäre aber noch besser!" murmelte Berber unsachgemäß. Er konnte es nicht lassen, es gehörte zu seinen Schwächen, immer höher hinaus mit Frau Ulrich zu wollen, als sie selbst mochte. Sie schüttelte den Kopf. „So ein Stinkdings kommt mir nicht in die Remise!" sprach sie energisch, „und Sie brauchen nicht immer wieder davon anzufangen."- „Aber," sagte er eigensinnig, „solche Sachen sind Sie doch Ihrem Reichtum schuldig!" „Was?" rief sie, lauter als nötig war. „'Jetzt, wo ich keinem Menschen was schuldig bin, soll ich meinen Geldsäcken etwas schuldig sein? Sie sind nicht bei Trost, Berber! Hören Sie lieber zu, was ich Ihnen erzähle, und verderben .Sie mir nicht die Laune." . „Ms ob so was möglich wäre, Frau Ulrich!" Sie lachte behaglich. „Sagen Sie das nicht! Ich bekomme jetzt manchmal Anwandlungen von Melancholie, und dann packt mich ein Kater. Gerade in solchen .Stunden reut es mich, daß ich noch gar nicht nach meinem Bruder geforscht habe. Das heißt, eigentlich wäre das ja seine Sache gewesen!" „Natürlich wäre es das!"■ „Er hat sich eben nie um mich gekümmert, dazu war er wahrscheinlich zu stolz!" Ihr gutmütig spottender Ton ließ Berber mißmutig den Kopf schütteln. „Stolz nennen Sie das, Frau Ulrich? Eine Schlechtigkeit war es! Wo er doch gehört hatte, daß Ihre Eltern tot waren!" „Rai ja, das war eben das Letzte, was er gehört hatte. Und daß ich mit meinen siebzehn Jahren in Stellung gegangen war, wußte er auch. „In Dieustz" nannte es ganz trchtig meine gifte Mutter, die es ihm schrieb. Mer ich! hatte Glück, schon damals! Das alte Fräulein, bei dem ich diente, brachte mir ordentlich die Haushaltung bei, und so nebenher noch! ein bißchen Bildung. Mer die Haushaltung', das bleibt doch die Hauptsache Kr uns Frauen/' Berber schwieg. Seine Mchte Therese, an der er Vaterstelle vertrat, war ja hier anderer Meinung; und er hielt doch etwas von ihr, so klug und hübsch wie sie bei altem! Eigensinn war. ' ! „Ja," fuhr Frau Ulrich fort, „und dann kam mein Karl, der Nachbars Karline nicht vergessen hatte, und holte mich, und wir heirateten. Und ein paar Jahre darauf kam dort in unfern Osten der große Rappel, und im Handumdrehen war mein Karl Millionär. Bloß weil er das bißchen Acker besaß! Eigentlich war es doch unglaublich!" „Und dann hat Ihr Bruder nie etwas erfahren?" „Ich glaube nicht, denn er war doch ein „Genie" und' baute in Amerika Luftschlösser. Und er und Karl hatten sich nie leiden können. Aber das ist nun schon lange her; und! nun habe ich Gewissensbisse und möchte wissen, was aus meinen! Bruder geworden ist." Berber zog sein Notizbuch hervor, als wollte er eine Warenbestellung notieren: „Vorname?" fragte er. „Atter? Letzter Aufenthalt?" M t Stock hieß er. Er muß jetzt so an die Sechzig o wir das letztemal von ihm hörten — ungefähr vor sechsunddreißig Jahren —, da saß er in Cincinnati und „wollte" von dort eigentlich nach Colorado. Oder nach West- indien. Er „wollte" immer was! Aber es kam nie zu was Rechtem." Berber hatte die Notizen niedergeschrieben und wartete, ob er noch weiteres hören werde. Aber cs erfolgte nichts mehr. Frau Ulrich war tief in Gedanken versunken, bis sie wie zur Rechtfertigung sagte: „Wenn es ihm schlecht geht, und ich fahre inzwischen hier mit Trakehnern spazieren — das wäre doch wirklich schändlich." „Kann ich nicht finden! Was geht das Sie an, wenn es dem hochmütigen Herrn schlecht geht? Hat er es etwa um Sie verdient, daß Sie sich Kopfschmerzen um ihn machen?" „Ach, Berber, wenn es jedem von uns immer bloß nach Verdienst ginge, wo kämen wir da hin! Na, machen Sie nicht Ihr beleidigtes Gesicht, ich weiß ja, Sie sind überzeugt von einer ausgleichenden Gerechtigkeit, schon hier auf unserer Erde! Ich bin anderer Meinung, aber darüber wollen wir uns nicht streiten. So, und nun habe ich vom Herzen herunter, was icb sagen wollte, und ich weiß, Sie werden mir die gewünschten Auskünfte verschaffen. Und nun sehen Sie mal bloß die neuen Anlagen hier an, ist das nicht ein Staat?." (Fortsetzung folgt.) ' t* Pfingstrose». SklM Von Margareth'e^anckner« , ' ■ Gisela Döring lehnte gedankenverloren anr Fenster ihres Zimmers. Es war noch ganz früh am Morgen. Durch die Räume; ihrer elterlichen Wohnung! drang noch kein Laut des erwachenden! Tages. Behutsam öffnete sie die Fensterflügel, mu die sonnig! klare Morgenluft hereinzNlassen. Ans dem Garten, der das kleine Einfamilienhaus umgab, grüßten leuchtende Päonien. Pfingstrosen, die sie einst nicht gepflückt hatte und die ihr darum z'nm Schicksal geworden waren. IhrPfluge riß sich gewaltsam' von den arelleu, roten Knospen los Und blieb 'länge auf den schlanken, im' Morgen!- wind unruhigen Zweigen der PfingstMaien haften. Wie leises Vibrieren keuscher Franensoelen, die sich vom' kosenden Lenzhauch tiefer Liebe lümwleht ifühlem, so wütete sie das zitternde, ruhei- suchende Blätterspiel an. Bor einem Jahr jtväre ihr kein solcher Gedanke gekommen'^ gewiß nicht! .Da hatte Gisela Xiikrng noch ruhigen Herzens die vielbesungene Liebe als menschliche Schwachheit belächelt. Damals! konnte sie noch wicht begreifen, toeshalb sich so viele zu ihren! Sklaven machten. .Nein. — Gisela Döring war kein Schwächling, sie strick), diese so unfrei machende Herzensregnug einfach als nicht vorhanden aus ihrem!Leben. Ws aber eines Tages doch der schmucke Leutnant Rolf Werner, der sie, ehe er hinauszog, gern als ge^ liebtes W»eib in der Heimat zurückge lassen hätte, vor sie hin trat! Und sie uw, ihre Hand bat, da hatte wähl fiir Minutendauer ihn Herz, schneller geschlagen und ihr Blick tvar sekundenlang beglückt an zwei trejuen, blauen Mugen hängen geblieben, bis sie diese Schwäche wieder überwunden, bis ihre Lippen wieder das alte, selbstsichere Lächeln gesunden hatten. Nein — Leutnant Rolf Werner täuschte sich sicher in seinen Gefühlen fiir sie. Jetzt, \m es galt, hinaus ins Felo m ziehen, wo es ganz erklärlich tvar, daß die HitiaMMhendett von r »eschen Regungen erfüllt thaxen, woM 219 1 U etai so MbeÄviegleiwÄ: Schiritt An, Würüin!, >M:Ü er sie, wie er sagte, schon lange liebte, hatte er dann nicht schon -eherl MPrvch>e::? Untvittkürlich Hatte sie sich damals gestvafft, hatte! iyn Niit tuhigei: Ml gen angeschaut und ihm gesagt, daß, sie vor, seiner Liebe noch nicht überzeugt sein und sich nicht entschließe^ könnte, einen solchen Schritt so schnell zu tun. Da war er wohl vor der Kälte ihrer Worte zurückgewichen und hatte doch noch einwal nach ihrer Hand gesagt: „Ich kann es nicht glauben^ Gisa, was du wir da sagst. Jch> weiß, doch, daß deine Augen mir Vst gefolgt sind, jch fühle doch so oft deinen. erwäriEwen Blick."- Einen Moment -schienen ihre Augen haltlos in dem heißen Strahl seiner Blicke verfangen — dann aber zog es wie leises! Erschrecken durch ihre Seele. — Er ahnte ihre Liebe und hatte doch so lange geschwiegen? Und mit einem Mal war die ganze Sprödigkeit ihres Wesens wieder Mit doppelter Macht hervorge-l brachen. Als schämte sie sich dieser momentallen Schwäche, die sie durch ihr Zögern schon verraten glaubte, drängte sie fast schroff seine Hand zurück. „Gisa," bat re noch einmal mit bewegter! Stimme, „ich habe dich über alles lieb, und ich glaube dich auch besser als die andern zu kennen, und darum, nwmr du dich heitte. rroch nicht entscheiden kannst, koinme ich morgen noch einmal in das Haus deiner Eltern. Darf ich?" Darauf hatte sie geschwiegen, bis er mit gedämpfter Stimme lveitersprach: „In eurem Garten! knospen jetzt die schönsten Pfingstrosen, davon sollst Ml mir morgen eine geben, als Antioort, Gisa, die niich beglücken soll. Wenn aber keine für mich blühen sollte, dann —" Er sprach nicht weiter. Der: feste Druck seiner Rechten aber verriet ihr, daß er nicht ohne! Hoffnmlg ging. Sie schenkte ihn: an jenen: Pfingstfest 'keine Roie, trotzdem sie die ganze Nacht schlaflos, sehstend verbracht, trotzdem in ihrem! Istnern leise warnend- eine .Stimme 'mahnte: „Nur manchmal flüchtig iM Vorübergleiten streift Unsere Stirn ein kurzes, schönes Glück!" Und ihr trollte das Glück jetzt die Hand bieten, wollte bei ihr bleiben, wenn sie es nur begehrte. Mit zitternden, zagenden Fingern tastete sie damals nach der roten Glücksblüme, bis ihr diese doch wieder vom, Mißtrauen und Zweifel aus dest Hand gewunden wurde. — Warum hatte er nicht schon eher ge-, sprochen? Wollte er sich, falls er verwundet zurückkam', nur dauernd! eine Pflegerin sichern? \ Was ihr Rolf Werner gewesen war, das wurde ihr erst völlig klar, als er an der Spitze seiner Kompagnie an ihren: Fenster vorbeiritt, ohne auch nur einen einzigen Blick herüber geschickt zu haben. Seit der Zeit fühlte sich Gisela Döring einsam. Ein Jahr war darüber hingcgangen. Solch bangende Sehu-- sucht aber, wie ihr das heutige Psingstläntcn im Herzen weckte, glaubte Gisela während all der Zeit noch nie gefühlt zu Haber:., Langsam schritt sie in den Garten hinunter und sann darüber nach, wie es wohl Rolf Warner, der seit zehn Tagen hier im' Lazarett weilte, .gehen mochte. l Als sie später wieder, eine:: vollen Strauß der schönsten Pfingstrosen im Arni, dem Hause zu schritt, kam ihr in lachendem UebermUt ihre jüngere Schwester Liska entgegengcträllert: „Schön guten Morgen, Gisel!" Sie legte ihren Arm! um Gisa und zog sie 'mit auf die Gartenbank. „Wie das nach Pfingstmaien duftet — einfach himmlisch! Aber sag' n:al, warum hast du denn so viel Pfingstrosen geräubert? Wenn nur wenigstens Rolf Werner käme, aber so, einfach bloß für uns die Blumen ins Zimmer zu stellen," „Wenn wenigstens lver käme?" „Na — Rolf Werner! Früher kam er immer gelaufen, und jetzt läßt er sich so betteln!" „Liska!" — Gisela blickte ihre Schwester so entsetzt an, daß diese bell anstachen mußte. „Guck mal nicht so böse, mir hat der arme Mann leid getan. Ich Hab' nämlich gestern dort in der Laube gesessen und Hab' beobachtet, wie er hier herübergeschaut hat, als er an unsernt Haus vorüberging. Na, und da Hab' ich Mitleid! gehabt und Hab' ihn eben für Pf engsten eingeladen. Und ux'ifrt; du, was der Undankbare geantwortet hat? Er könnte nicht konemen, Pfingsten wäre ihm kein schönes Fest, das könnte er nicht unter fröhlichen Menschlein seien:? Da Hab' ich ihm- gesagt, er soll mir nicht so viel vorslausen .— ich wäre doch zu Ostern konfirmiert! worden!" ' „Du bist ein entsetzlicher Kindskopf!" „Du! — Hab' mal gefälligst etlvas Respekt vor mir! Ich bin jetzt eine Dame!" Gisella hatte die Pfingstrosen mit in ihr Zimmer genommen. Das Geplauder- ihrer Schlvefter ließ die kaum bezwungene Sehn- sucht wieder jäh aufflammen. In Sinnen verloren, schaute sie die Straße hinab, nach der Richtung, wo das Lazarett lag. Sie halte lange träumend au: Fenster gelehnt, bis sie auf den: Weg. der an ihren:! Elternhaus vorbeiführte, laugsan: eiueu jungen Offizier in Feldgrau, der den rechten Arm in der Binde trug, daherkommen, sah. — Das lvar Rolf Werner! Wollte er doch LÜkas Einladung! Folge leisten? — Neu:, so wie sie ihn kannte, tat er das nicht. Es wäre ja auch noch für einen Besuch viel 51t früh gewesen. Immer näher sah sie ihn kommen. Jetzt ging das Glück noch einmal vorbei! Als er aber an ihren: Fenster vorüberschritt, da, wußte Gisela Döring gar nicht, wie es geschehen !var. Ihre Hand hatte plötzlich eine vollerbliihte Psingstwse ergriffen und ihm d:ese zti:geworfen. Daß Rolf Merner die Blmne aushob, nach ihren: Fenster schaUte und int Weitergehen die Rose immer wck> immer toiedev beschaute, beobachtete Gisela nicht Mehr; denn sie war Uber ihr Mn, das ihr eigentlich hinterher erst zum Bewußtsein gekommen lvar, erschrocken ins Zimmer zurückgewichen, ,oo sie alle Bangigkeit ihres Herzens in erlösenden Tränet: befreite, die gleich erfrischendem! Blütentau das zarte Emporkommen ihrer so lang' verborgenen. Liebe netzten. Großmutters Garten. Erzählung von Paul Vexander Schettler. ' (Nachdruck verboten). 1 Großmutters Garten lag vor der Stadt, vor dem Tore, wie man früher zu sagen pflegte. Aber Stadttore gab es schon zu Großmutters Jugendzeit nicht mehr, oder sie litten ivenigstens keine Bedeutung mehr. Sonst hätte auch Wohl Urgroßvater nicht draußen das Grundstück ankaufen können, aus rvelck-em er der: Garten und das Sommerhaus anlegen ließ. Das Mar ein Garten! Nicht so, wie heute Großstadtgärten sind, klcnn, eng, dürftig bepflanzt; nein, wie ein Märch,eng arten war ev \ ? ot ! verschien derischem Reichtun: an hohen, alten Bäumen! und dichtem Ltranchwert, voller heimlicher Märchen,vinkel, :u:heim- Ucher Räuberoerstecke, der fröhlichen Kindersck)ar wartend, die darin hauten sollte, und der Erwachsenen, sich der Pracht zu erfreue::.. Arme Großstadthäuser, was wißt ihr von Gärten, und ihr armen Großstadttrnder! Ihr hättet Großmutters Garten kennen sotten. .freilich, als Urgroßvater ihn anlegen ließ — die Wttdms tnltrmeren ließ, besser aesagt — :var Großmutter rwch U.u:g. Aber die Bäume standen schon damals wie uralte Mävchm- rresen voll drch>ten Laubes, die Hecken Ware:: undurchdringliches Gestrüpp, durch das man mit Mühe Wege rodete/ die mit Kies bestrebt wurden. Und eine Laube ließ Urgroßvater bauen, die hieß das Lommerhans Und lag an der äußersten Ecke des Gartens auf Mem tlemcn natürlichen Hügel, von dem aus man fccu lieber- ubej: den Garten genießen konnte. Und weil das Sommeraus jo rdMlcsch lag, war ^s der Licblingsplatz. der Familie. sobald die^ ersten warmen Frühlingstage ins Land zogen, hielt es Urgroßvater nrcht länger in der Stadt. Er brach mtt Kind und Kegel auf. Mai: wunderte hincu^ vors Tor in den Garten. Dort spazierte man, pflanzte man, erntete u:w genoß d:eMatur, wie Alten plauderten, die Kilwcr tollten bis zur an- vrechenden Dunkelheit, die zun: Heimgehe:: mahnte. Nacht jeder hat in der^Ltadt einen so schönen und großen Garten, wie Urgroßvater. So kainen denn auch oft Verwandte und gute Freunde, die Familie in ihrem stolzen Besitzttm: zu bejirchen. Auch Lpielgefährten der Kruder. Vs dann die Kinder größer wurden und die älteste Tochter — Großmutter — in das Alter kam, daß sich die jungen Herren nach ihr Umsahen, tvnrden nicht selten auch Feste mit Gesellschaften im Garten abgehalten. Und emes Abends beim Aufbruch vermißte man zwei junge Leutchen, d:e Großmutter Und den Großvater, sie waren plaudernd ein wenig länger un Sommerhause zurückgeblieben, und der Dust des Jasmins und das frühabendliche Schlagen der Nachtigall hatte ihnen d:e Herzen geöffnet und ihre Lippen sich finden lassen. Als daim die Hochzeit stattfand, gingen Großvattw mW Großmutter: — damals noch ein blutjunges Paar — hinaus in den Garten und pflanzten eine junge Lü:de nebe:: dem Sommerlwus. Und das Häuschen, in dem sie dann oft saßen, schirmte das junge Bäumchen daß es sich von Jahr zu Jahr reckte und entwickelt:. Mtt dem Baun: wuchs das Glück der Fannlie. Bald tollten wieder Kinder durch den Garte,:, erkundete:: seine Der,lecke, erlauschten seine Märchengeschichten oder lernten ans ihn:, als ans einen: lebendigen Buche, in dessen Blätter Natur und Zeit geheimnisvolle Runen schrieben. Dann er,vncl>s auch diese Generation ,md setzte neue Reiser an. Großvater starb Großmutter überlebte ihn. Längst ward sie Großmutter genannt, und der Garten ihrer Jugend u:id ihres Eheglücks hieß Großmutters Garten. Tenn sie, d:e Altgcnwrdene, einzig Ucberlebcnde jener Generation, lvard die Bewahrerin und Pflegerin dieses Fauntten- besitzes. Run tollten schon ihre Enkel auf den Wegen, aut denen Generationen: sich gctunnnelt litten. Immer neue Freude ,vechte der Garten, oder .raren es die alten Wunder' und Freuden, d:e der ehnbürdige nicht n:üde wurde, auch den Jüngsten wieder zu zeigen? Und Großmutter saß in der Laube und lächelte. Sie sah die Gegenwart und lebte in der Vergangenheit, lieber ihrem weiß gewordenen Scheitel aber reckte sieb hoch in den Himmel eine breitästige Linde. Die Laube aber, die Generatioue:: freundlich unter ihren: grünumrankten Dache Gastrecht genährt hatte, jie lvar jetzt doch ein wenig müde und ,vi:wschief gelvorden. Sie leimte sich an den starken Stamm an, wie rin altes Mütterckx'n an ihren starken Sohn. — Wie int menschlichen Leben, nickte die Großmnttrr lächelnd. Die Zeit, die Zeit! lachte sie kopssclnttelnd. nvs und Stund«:. Tage und Wochen? Sie zerfließen in ein Nickte und tiiinint sich dock) aus zu Jahren, und Jahre türmen sich auf Jahren hoher und immer drolrender reckt sick) die Zeit. Ein N:äns kommt, wächst, lvird gwß und verdrängt d^:s Große. Starke, daß es zusammen sin kt, bald lvßcHer ein Nichts. — der Garten, — 220 — Wenn aNch in 'ihm alles nächst und Vergeht, in ihm ist etwas Dauerndes. F-estes, er trotzt der Zeit- Und Großmutter sah nicht, daß auch schon für den Garten die mt fernes Endes herein bwch, die Zeit, die keinen Platz für märchenhafte Gärten hatte. * Tie Stadt wüchs und schickte die ersten steinernen Kolonnen »ns Vorland. Ta, uw ehedem Wiesen und Felder, Gräben und Waldungen lvvren, schossen Häuser ans dem Boden, nüchterne Mietbasernen mit kalter, plumper Gespreiztheit, Fabriken mit hohen Schornsteinen, Plätze nnd Straßen, in denen das Leben lärmte. Zuerst schien es, als wollten sie die äußere Stadt umzingeln. -Aber nein, es kam ihnen auf das freie Borstadtgelände an. Das sollte der Bebauung erschlossen werden. Und immer näher rückten die steinernen Vortrnppen, als hätten sie es auf Großmntters Garten abgesehen. 'schon stellten sich fremde Männer ein, Großmutter zur Dergabc des Mrrtens zu bewegen. Großmutter aber schüttelte ernst den Kopf. Sie würde ihn nie und nimmer Herausgeber!, den Garten, modste er auch rings von Häusern eingeschlossen werden. geschah rascher, als man sichs versah. Näher und näher rückten die neuen steinkolounen, nnd bald starrten die ersten Bauwerke init hundert neugierigen Augen über und durch, die Mume dreist in derr irrten hinein. Sie litten ihn umstellt, wie ein Jäger das Wild. Er war erngelch! osten interne Mauer von Stein, umbrandet vonr Leben der Großstadt. Seine Stille, seine Verschwiegenheit, sein Zauber waren dahin. Wie ein eigensinniger Alter, der sich nicht in sein Los schien wckl, sah er in die Welt, die such um ihn aufgerichtet hatte. einmal an einem l normen Frühlingstage ließ sich Groß- mutter iin Kranken stuhl in den großen alten Garten fahren MU dem Eigensinn des Alters sah sie nicht in das eutstelltt des ßwrtens. Während der- Kies unter den Ravern des Magens leste knirschte, ließ sie ihre Augen über alle Plätze und alle W-rnkel schwofen und flüsterte: „Wie. schön, wie sckchn'" Ein paar Tage darauf starb Großmutter. Sie hatte den Garten znm letzten Male gesehen. » Mit Großmntters Tode war es auch mit dem Widerstand des alten Gartens gegen die neue Zeit vorbei. Man teilte ihn auf mid auf fernem Boden erwuchsen Häuser nnd Höfe, Stück für Stück fiel von ihm ab. Nock> ehe im Herbst die Blätter von den Bäumen sanken war es mit der Herrlichkeit des alten Gartens vorbei. Zuletzt 'stand nod) Großmntters felbstgepflanzte Linde, au die sich die alt vermoderte Laube in den Jahren gelehnt hatte. Nicht lange stand der alte Baum. Auch an seinen Stamm legte W blanke Zahn der Vernichtung und riß und biß mit wollüstig kreischender Gier in sein Holz. Ein Zittern — der seiender' des Todes — lief durch das.Geäst ix-s Baumes, dann neigte er sich und brach stölfuend zu Boden. Mit jhm sank die alte Laube m sich zusammen, wie ein Kartenhaus.-- ., So erstarrte auch dieses letzte Studtfrit Erde zu Stein, .und iMht ein einziges grünes Hälmchen blieb van Großmntters Garten urcht em einziges. Ver»,i?chkes. * Ein neuer Borschlag z„r Kaninchenzucht. Tie Faazr kr Benvvrtting von jpamnchrn als Nahrungsmittel wurde bei uns zur Knegszeit bereits mehrfach aufgeworfen, ohne daß inan Pier der zu ernem wibklch positiven Ergebnis gelangt wäre ^z'in allgemeinen hegt der Deutsch? nach wie vor eine mehr oder wemger ausgeprägte Abneigung, Vor dem Kamiichmflestch, jvährend rn Frankreich das Kmunchen als billige Volks,mhrmrg, in England wgar als Lech-rbrsteu auf der Tafel der Reichnr schon seit langen! geschätzt urnrbe. Nunmehr schlügt SB. SB. Bechtle im nächsten He ?Ä !dK " in.Dttrttgart erscheinenden Zeitschrift „Ueber Land uud Meer" eine neue Art der Ka im iichen z ilcht vor, die ans billßwm Woge ein'auch für unseren Geschmack schätzenswertes Kaninchenfleisch hervorbriiigen könne. Er meint nainlicki, dal; das Fleisch unserer Kaninchen mir darnm so lvemg schnkacklttst sei, weil es sch ausnahmslos um dumpf dahinvegetierende Stalltiere l-andelt. Während die Franzose,' sich hieraus Nichts machen, würden die Deutschen sich in dieser' Be- Siehung hmsichtlch der tz^eschmackseinrichtiing kaum ändern. Das buollsck .' Wildkaninchen läßt liiair au^Jaadbesitz,Ingen in völliger Freiheit aufwachsen, es wird mie Wildbret geschossen, schmeckt ausgezerckmet kann aber niemals ein Swlksnahcungsmittel werden weil der sck^ade, den die Kaninchen in ungebundener Freiheit verursachen ans die Tan er nur von einem sehr begüterten Lieblmber ausgehalten norden kann. Ter neue Vorschlag Bechtles zielt nun ***‘^, 311 ,Hajen den genannten beiden Ertremen einen Mittelweg > FU wählen, nämlrch künstliche Kaninchenkolviiien im Freien anzn- legen. Zuchttiere würden sch hierfür nicht die ausländischen degenerierten Kamnchen, z. B. die „belgischen Riesen" eignen, sondern die deullchen srlberkanimck-en, die jedes Wetter, jedes ,nneu kann. Üuk recht sparsam zu verfahren, gießt mau von der Flüssigkeit etwas zu Suppen ab. Die zurückbleibenden Flockeir läßt mau erkalten, während mau düime, geschälte, in Stlicke geschnittene Spargels stanaeu balbgar kochen läßt. Die Haferflockei: mischt man mit eltoas Salz, rrwuu mair es dararmn'ndeir iui.ll — mit einem Et, etwas geriebener Muskatnuß und den Spargelstückchen, füllt die Masse m die uut Fett ausgestrichene Blech form, bestreut sie mit Reib-< bvot und Fett und läßt die Speise 50 bis 60 Minuten in mäßig heißem Ösen braten. Kann man die Oberfläche mit etwas ge-, riebenem Käse bestreuen, so ist die Speise um so pikanter tgi.' Geschmack. ' > Büdcrrcftfc!. (Auflösung in nächster Nummer.) Mislösung des magischen Quadrats in voriger N'lMttner^ ^ WALL ' Schrtstleltung: Fr. N. Zenz. —Zivillingsrunddruck und Verlag der Brühl L 0 E 0 ß D EDA 'lcbeu Unioersität2-Auch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen