Pechmarie und Hans im Glück. Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C v. D o r n a u. Nachdruck und Uebersetzungsrecht m fremde Sprachen Vorbehalten. (Fortsetzung.) Und sie erzählten. Der Freund halte die Gläser frisch gefüllt und saß mm — hockte vielmehr aufmerksam auf «ineni Schemel, die Hände zwischen den hochgezoaerien Knien, vornübergebeugt, die großen, glänzenden, etwas hervorstehenden Augen abwechselnd auf den jeweilig Sprechenden gerichtet. Jetzt, wo die Röte der Erregung aus setti-em Gesicht zurückebbte, sahen sie deutlich, wie spitz und fahl das im Grunde war. Und die kleine, hagere, kümmerliche Gewalt paßte dazu. Es war im Grunde ein trauriger Anblick. Aber die große, lvarme Freude lag wie Sonnenschein darüber und nahm alles Schmerzliche hinweg. Die beiden taten jetzt wie Philipp Koch selber: sie wollten nur das Gute sehen und glauben! Und sie erivärmten sich an seiner Herzens- ivärme, die belebend wirkte wie der edle, alte Rheiruvern in den schön geschliffenen Kristallgläsern. „Es freut mich daß du nach deiner alten Kamille fragst!" sagte Philipp zu Marie. „Es geht ihr nicht sehr gut — das heißt: gerade Not leidet sie nicht, da wird für sie gesorgt — aber sie krankt an ihrer Einsamkeit, ihrer völligen Verlassenheit. Es ist nicht gut, daß der Mensch aUein sei. — Dein Besuch wird ihr eine unendlich große Freude sein. Wir haben öfters von dir gesprochen, sie und ich." „Wo ist sie denn jetzt in Stellung?" Philipp wurde ein wenig verlegen. „Ja, siehst du — in Stellung i!st 'sie nämlich gar nicht wehr. Es wollte sie keiner mehr nehmen. Sie hat so ein ui glückliches Wesen, die arme Alte — immer schlechter Laune, immer im Begriff, toas übel zu nehmen." „Aber wo steckt sie denn? Ich Hab' dich ein bißchen in Verdacht, guter Philipp, daß du ihr Unterschlupf gewährt hast —" Philipp verwirrte sich abermals ein bißchen. ,£), nicht doch — nein! Das hätte meine alte Liese doch picht zugegeben! Ick Hab' aber manchmal mit ihr zu tun gehabt, weil ich meines Vaters Nachfolger in der Armen- »onnnission geworden bin. Sie wohnt etwas armselig —» das ließ sich nicht ändern — in einer kleinen Hinter sticke beim Bäcker Michael. Ihr besinnt euch doch, iricht wahr? Es ist leider ein tüchtiges Ende von uns — ganz am Ende der Pfahlgasse." „Ja, sie besannen sich und lächelten verstohlen. Für jemand, der seit drei Wochen in Berlin umherlief, gab's hier keine Entfernungen mehr. Sie erklärten, jetzt die alte Kinderfrau besuchen zu wollen, nick forderten den wiedergesim- denen Jugaickfreund aus, mitzukommen und die kurze Zeitspanne, die dann noch für die alte Heimat übrig blieb, mit ihnen zu verbringen. Aber Philipp Koch nrußte darauf verdichten. „Ihr wißt, ich besitze nun imsere Apotheke ganz allein und trage die Verantwortung dafür! Und mein Provisor fährt heute über Land — zur Hochzeit seiner Schivester. Er kommt erst überinorgen wieder, und so lange bin ich ans Haus gefesselt. Ja, wenn ihr gestern schon gewmmen wäret. — Ich dachte eigentlich, ihr käntt schon gestern." „Na, höre mal!" rief Hans. „Du tust ja gerade so, als ob du uns erwartet hättest!" Das sanfte, freundliche Gesicht des jungen Apothekers verwandelte sich. Es wurde alt, spitz, arau. Es war, als ob urplötzlich ein Schatten darüber siele. Er schlug den Blick zu Boden. „Ich habe euch gestern gesehen," sagte er leise. „Gestern um Mittag. Da wollte ich um Tor spazieren gehen und kam die Psarrgasse hinunter, auf die alte, steinerne Brücke zu. Und da standet ifyi beide smitten auf der Brücke — nein, Haus stand da, du, Marie, hattest dich gegen das Geländer gestützt. Und ihr spracht erst gar nicht — mit einem Male singt ihr an zu reden und euch umzuschauen und bald hierhin, bald dorthin zu zeigen. Da lief ich schnell aus euck zu. winkte und rief. Aber als ich ganz nahe heran war, stand niemand mehr da. Und da wußte ich, daß ihr sehr bald kommen würdet." Philipp hatte zögernd, wie widerwillig gesprochen. Jetzt toandte er sich ab, der Zimmertür zu. Dre beiden aickeren standen betteten urck schweigend. Wieder wollte sie jeneö wunderliche Bangegefühl überkommen. Aber es versank wieder vor der liebenswerten, lebenswarmen Persönlichkeit des alten Gespielen. Hans Jmhoff schlang rasch einen Arm um die zarte Gestalt des andern. „Spielst du immer noch den Spökenkieker, Kleiner?" fragte er fast zärtlich scherzend. Philipp sah zu ihm aus, ohne gleich zu antworteir. Es war ein tiefer, schmerzensvolter Blick, vor dem sich Hausens helle Augen sentten. Schon sprach die sanfte Stimme weiter: „Wenn man so Gutes voraussieht, läßt man sich's gern gefallen. Mer eS trtt mir leid, daß ich davon geredet habe, — seit langen Jahren Hab' ich das nie mehr getan, die große Freude rst daran schuld, die hat mir seit gestern mittag gar keine Ruhe gelassen. Liese hat die Putzstnde instand setzen müssen — und Kuchen backen —> und ich bin jeden Augenblick hier ins Zimmer gelaufen, um nachzuschanen, ob cnrch alles in Ordnurm war. Ihr habt mir eine so große Freude bereitet, ihr Lieben —" Sie standen jetzt abschiednehmeud im Vorsaal. Ein junger, rotbackiger Herr mit feurig flatternden Schlipsenden und einem Handköfserchen in der Rechten kam grüßend die Treppe herunter. Augenscheinlich der abreisende Provisor. Marie drängte zum Aufbruch. Hans umarmte den gastfreien Jugendfreund mit Wärme: „Wir wollen von nun an treu Zusammenhalten, alle drei!" versicherte er bewegt. Und der kleine Philipp nickte und lächelte: „Ja, das wollen wir! Noch haben wir ja Zeit dazu!" Schweigend, ohne sich umzusehen, ging Marie über den von spielenden Kindern froh belebten ''Marktplatz. Hans 118 blickte arilfjeüb nach dein Nuthaus flügel hinüber, m dem letzt seines Vaters Amtsnachfolger wohnte. Ihm war das Herz so lueit ausgegangen beim Wieder begegnen ocr Jugend- aespielen, daß die Wehmut keinen Platz mehr dann fand. Der Sonnenschein spülte alles Drübe fort, und nur das Gute htieb —■ —*i — „Denke, Marie! Ich spüre nicht die geringste Lust, auf den Mrchhof zu gehen, bct3' Grab lmeim^ Vaters zu besuchen, sagte er plötzlich. „Es klingt sonderbar, nicht wahr, aber trotzdem ist'S so: es würde mich geradezu stören, an Vaters Grab zu treten — —. er ist mir so völlig lebendig gegenwärtig, das; ich ihr: überall zu sehen meine, als ob er neben mir herginge —. — Hier ist die bessere Straßenpflasterung vollendet, die er angeregt hatte —> hier steht das Denkmal ß r den alten Kaiser, zu dem er den Grundstein legte ►—I rt drüben die Schule er Yaks durchgesetzt, daß sie so stattlich und luftig genant wuroe. . Aber ich vergaß: Dir wird anders zumute sein — ich begleite dich auch sehr gerne zum Kirchhof hinaus, liebe Marie — oder wenn du allein gehen willst —'" „Nein," sagte sie kühl; „weder das eine noch das andere. Mir würden meine Gräber noch viel wertiger sagen. Ich habe ja meine Mutter nie gekannt, und mein Vater — —" sie brach ab, hielt inne, sprach nach einer Pause ruhig, ohne Bitterkeit weiter — „mein Vater hat nie Zeit für mich gehabt. Ich habe ihn immer nur gestört. Mir lvär's, als ob «H t(m öud> Seut nur stören würde.-Ich Hab' noch gar nicht nach deiner Mutter, deinen Schwestern gefragt." „Mutter lebt in Brasilien bei Iva, die gut, ja glänzend Ml einen Kaufmann verheiratet ist. Mein Schwager wollte mich damals in sein Geschäft aufnehmen, aber die Sache zerichlug sich wieder — zu meinem Glück! Ich säße sonst Wohl dort festgenagelt. Anna ist gleichfalls verheiratet — cot einen Missionar in Kapstadt. Ich stehe im Grunde genau ko allein in oer Aelt, wie du, Miarie. Uebrigens — wenn s-as da drüben nicht die holde Hüterin deiner Kürdheit ist, basse ich mich hängen —" „Wo? Wen meinst du?" „Das huschettde Spttkeweibchen drüben an der Hausmauer. Siehst du's jetzt? So mausgrau, so umvahrfchein- ltch dürr, so verschrumpelt vermag kein anderes altes Weibchen auszusehen! Ich schlage vor, daß wir ihr heimlich folgen und sie erst vor ihrer Haustür überrumpeln." Er vürschte sich auf die andere Straßenseite und wies der kurzsichtigen Marie den Weg. Aber sobald sie erst die «lte Frau erkannt hatte, von der sie fast allein im Leben Liebe empfangen, kam's übermäßig über sie: sie ließ sich nicht mebr von Harts zurückhalten, sie schoß davon, rannte einen schimpfenden Bäckerjungen cm, erreichte die Alte grade sm Eingang ihres Gäßchens und überfiel sie förmlich vort rückwärts. „Mille! Liebe, alte Mille! Da bin ich!" Das Weibchen war dem Anprall kaum getvachsen. Es K ,rie erschrocken und ärgerlich auf, fuhr herum, starrte dem ngen Mädchen sprachlos ins Gesicht: „Die. Marie! Natürlich ! ktiurrte sie nach einer atemlosen, kleinen Pause. „Rennt einen beinah um —-- du wirst auch mein Lebtag nicht vernünftig!" Marie statrd entgeistert. Hans kam mittlerweile heran »nd begrüßte die Alte mit scherzhafter Gravität. Sie sah ihn mißtrauisch an. „Wer is nu das wieder?" brummte sie. „Aber, Frau Kamilla! Kennen Sie mich denn wirklich nicht mebr? Ich bin doch der Hatts Jmhofs!" „So? Na — das war auch ein rechtes Bürschchen! Wie kommst du denn mit dem zusammen, Maries „Wir haben uns in Berlin getroffen und sind zusammen yerge fahren —" „Wir hatten plötzlich so furchtbare Sehnsucht nach Ihnen, Krem, Kamilla!" . r ^ * a Unsinn-Na, denn komm s' man »n btßchen zu mtr, Marte — schön iS es' zwarstens bei mir nich ( Sie trottete brmnntend voraus, Marie tutd Hans folgten. Er sah der Verdutzten schelmisch ins Gesicht: „Ich bin anscheinend nicht in die freundliche Ei«laduna einbegriffen!" flüsterte er. „Aber ich komme natürlich mit. 3 Ü ) lasse dich nicht allein in die Höhle der Löwin -- das wäre unritterlich, feige! Fressen kann sie uns übrigens! nicht —' sie besitzt, soweit ich's beurteilen kann, keinen einzigen Zahn mehr." Bäcker Michaels Halts war bald erreicht. Die Mke führte ben Weg durch die Hoftür einem Seitengebäude zu und kletterte gewandt die leiterartige Stiege zum einzigen Stockwerk empor. Sie schien überhaupt noch erstaunlich flink und geschickt, und das mehr als einfache Stübchen, in das sie den Befttchern vorarts eintrat, leuchtete geradezu vor veinlichster Ordnung und Sauberkeit. Die Alte wischte mit der tadellos reinen Schürze ein paar Staubkörner von den beiden einzigen Stühlen. „Da — setzt euch," befahl sie, ohne die Gäste anzusehen. Das „euch" war das erste Zeiten, daß sie von Hansens Anwesenheit Notiz nahm. Marie setzte sich wie ein gehorsames Kind. Hans Jmhofs aber schob dar Alten den Stuhl zu und schwang sich gewandt auf die Ecke des blankgescheuerten Tanxentisches. & „Lieber tot, als unhöflich!" behauptete er. „Die Sitzgelegenheiten find für die Damen. Sieh dich nur 'mal um, Marie, wie nett es hier ist! Diese kleinen Fenstervorhänge haben direkt einen koketten Schwung. Und sogar Blumen stehen auf dem Brette draußen — und die Kochtöpschen blitzen und blinken nur so!" Die Me warf ihm einen schiefen Blick zu. „Der macht sich wohl iiber mich lustig?" fragte sie knapp. „Den hätt'ste auch nich mitbringen brauchen, Marie —" „Bitte sehr,' Frau Kmnille, ich habe Marie mitgebracht! Ich habe sie erst überreden — nein, geradezu zwingen müssen, heute ftüh mit mir herzufahren!" „So! Na denn hätt'st du ja nich kommen brauchen. Marie! Wer nicht gerit und von selber kommt — der soft man lieber ganz wegbleiben!" Hans sah seinen Fehler ein und versuchte gutzumachen. „Das wäre Marte aber höchst traurig, wenn Sie sie gleich wieder fortjchicken wollten! sagte er. „Sie hat sich schon in der Mm so innig auf ihre alte Mille gefreut h ’ ite geschlagene Stunde lang hat sie intmerzu nur von Ihnen gesprochen —1 und hier hat sie gar keine Ruhe gehabt, bis wtr erst wußten, wo Sie wohnten, und auf denr Wege zu Jhneit waren." „So!" sagte die Alte wieder. Sie stand noch immer und sah mit milderem Gesicht auf das still uitd ernst dasitzende Mädchen. Langsant hob sie die dürre Rechte uub strich Marte sanft ein-, zweimal über die Schulter. „Nimnt doch den Hut ab — daß man dich ordentlich besehen kann!" stieß sie plötzlich hervor. „Ich — ich freue nt ich, daß du gekommen btst —" ^ Dürr und kantig wie sie selber war auch Frau Kamillas Sprache selbst jetzt, wo sie von Freude redete. Wer Marie Verstand ste aus der alten Zeit und vielleicht auch nuS dev verwandten Weke^art heraus. Sie riß den Hut ab, wars fef'artf'de«! Tisch VMschlang beide »me uni IMe ... "Da hast du mich, Mille," sprach sie mit bedeckter, schwankender Stimme und zog die Stehende so dicht an sich heran, daß ihr blühendes, sanft bewegtes Gesicht de», alten verwitterten ganz nahe war — „da hast du mich, Mille!" du°n7r wiUst e -?? d> IeifCr ' ” mn m f '° öcnau wie Mer im selben Augenblick riß sie das Frauchen völlig «n s»ch u,id verbarg ihre wemenden Augen au der Brust der alten Warterm. ' (Fortsetzung folgt.) Das Ziel. Erzählung von AlfredSemera ii (Berlin), Kaufmann Adcrftröm pflegte zu sagen: „Zum Leben braucht man eine feste Hand und ein scharfes Auge, das das Ziel immer vorl sich steht. Denn em Ziel hat doch jeder —" Während er aber diese Satze mtt erhobener Hand eindrucksvoll begleitet hatte, hielt er nun emeu Mgeublick nachdenklich inne, blickte stirnrunMid vor hrn und fügte dann gedäntpfter hinzu: „Wem: auch die andern! mernen, daß es urcht der Fall sei". Dann dachte nämlich Aderströnr scmeu Buchhalter Brendicke, dessen Lebensfül-rung und Lebcn^- »tei für thn stets in einem böimrichigendert Zivielicht blisb. Brendicke war nrit Aderftröin groß und grau gelvorden. Als Adevström noch seinen kleineir ltiedern Laden mnl Hafen hatte, lvar Brendicke als Koutinis zu ihm gekommen ititb hatte ihn auf allen erfolgreichen Etappen treu und fleißig begleitet, bis er jetzt in dem grosen Geschcht ain Msrrkt seit Jahren als erster Buchhalter amtierte. AdeBrönr war ohne Bcendicke nicht zu dcn^n. Aberftröm hatte seiner, Uneutbeh^icherr Gefährten fast den garten Täg unter den 9Äiß«t, aber v»n drn Grdrnrk-nt urtd Gefühleu Br«rdi«kes wußte er so viel wie dantals, als der junge Kommis Stellt mg sttchünd zu 119 Km lOitiii. Für i£>u um* itttb blieb der Buchhalter ei'nversiegkeltesj Buch. Solltx Vrendicke wirklich nichts anderes als eine wunderbar Zunkiorrierealde Rechenmaschine sein, ein Mechanismus, der einen rsDnschkichen Körper angenomme'.l hatte? Sollte er ein Mensch sein, der etwa kein Ziel hatte, der nur ails Gewohnheit lebte und seine Wage maschinenhast absvann? Wenn Lkderström ihn beobachtete, tvar er oft geneigt, diese Kragen, die er sich vorlegte, mit einent klarein Ja z>u beantworten^ Äreirdicke hatte in seinem ^feuföcnt etwas, das ihm mit seiner wmutung recht zu geschossenen dürren en schien. Er erüurerte mt einen höchanfi- ^ r ^, r .w.. —Mschullehver Mt magerer Pension, der mit seinem bißchen Geld gut Haus halten mußte, der seine Sachen auftrug, bis sie eiuen blanken Schein im Rucken und an den Aer- Mein zeigten und der sich bestimmt niemals satt aß. Er hatte ein kleines Zimmer bei einer verwitweten Steuer- Maunsfrau, die chm die Wirtschaft besorgte und seine Kleidnng und Wasche instand hielt. Ml das kcnmte nach Ader ströms Berechnung nur wenig Geld Lostm. Hlch sonst lagen Brendickes Verhältnisse klar vor ihm. Er hatte kernen ?ynhang außer einem Bruder, der weit ab, verheiratet und mit Kindern reich gesegnet, seinem mühsamen Berus als Reisender für eine kleine Knopffabrik nachgiug und in: Lause -all der viele:: Jahre narr ainnial zu Besuch ge-j kommen war, ohne daß es aus Bjreudicke irgeirdcineir sichtbaren Eilldrnck gemacht hätte. Aderström glaubte dan-ücks die günstige Gelegenheit gekommen, Um eineil Blick ttr das Innenleben seines Buchhalters tun zu könne.,, und hatte ihn zu sich, wie er das manchmal zu ttm pflegte, auf ei'.l Glas Sherry und eine Zigarre geladen. Aber Vrendicke rauchte und trank gelassen wie sonst und sprach nur von Geschäften. Wie Aderstrüm voller Ungeduld auf sein Ziel losging, erklärte der Buchhalter: „Mein Bruder wollte nur sehen, ob ich noch lebe. Ich hatte drei Jahre lang nicht an ihn geschrieben." Als nun noch Breildicke aus die iveitersn Fragen seines Chefs hiuzufügte, daß gar keine Zwistigkeit zwischen ihnen bestehe, die eine solche Entfremdung begreiflich mack-e, redete sich dlderström in Harnisch und bewiesühm, daß, Blutsverwandte unter allen Um/ständen zusammen-- hÄterl mrüßten und well-.r_lu.au schon selbst sich lein Ziel im Leben gesteckt habe, müsse man das Ziel der einenl an: nächsten Stehenden zu errerchen trachten und dadurch seinem Dasein eim geben. eineil Inhalt Vrendicke blickte einer ans semer Zigarre aufsteig-errden kleinen Rauchivolke nach, bis sie iit dünnen Schleiern auseinanderstoß, nickte einige Mal, traut sein Glas leer und sagte dann: „Ja. So lnag es wohl sein, Herr Aderström". Der Kanfuralur glaubte auch ein st sichtiges Lächeln um die schmalen, blassen Lippen des Buchhalters ziehen m sehen, aber das mußte wohl ein Irrtum sein, . denn kein Mensch in der Stadt konnte sich erinnern, ie Brcmdicke { heiter das Gesicht verziehen gesehen zu haben. Wie der Buchhalter Q-iiiß, hatte Aderftröm das erhebende Bewußtsein, ihn mit festen Worten auf den rechten Weg gewiesen und rhin chrs Ziel gesteckt tlu haben, das ihm eine Fackel durch das Dunkel ioar, in dem er bisher getappt hatte. Aber Brendicke hatte wirklich gelächelt. Versteckt, fast nng Merklich. Nicht über Llderströms Eifer, sondern daß sein Chef unvermutet das Rechte getroffen hatte. Der Buchhalter tnl o znxlnzig Jahre laug gespart, um dann all das Geld gleich?,', wie bedrängt durch seine Last, fort- Augeben. Brendicke hatte ein Ziel, wie es jeder hrt. Urrd dies Ziel hatte ex nch früh gesteckt und ihm strebte er mit Kraft und Freue zu. rlb-er er sprach nie z!n jenrandeu: davon, wenn er es auch ohne Scheu hätte tun können, denn cs lag durchaus im Bereich der Möglichkeit mtb er kam ihm mit sede.nl Jahre fast automatisch näher. Er hatte es ganz Kusällig gefunden. Eines Sonntags, als er seinen gewöhnlichen Nachnlittagsspa zier gang Mächte. Der führte rhu immer den gleichen Weg, . fernen Traum. M>er es' lag ja in ferner Macht, ihn einmal zur Wirklichkeit werden Hl: lassen, ttjud wenn,' icr abends heimkam in sein kleines Zimmer Und Frau Dürssen ihm sein bescheidenes Abendbrot brachte, dann webte er in ferner Einsamkeit an seinem Traum, (Schluß folgt.) Vssrttlsshkss. * An ekdoten vvn Kaiser Wilhelm I. Im März, in den Gedurtstag u,ld Todestag Kaiser Wilhelms I. fällt, werden unwillkürlich Erürnerimgen an diesen ersten Kaiser im neu geeinten Deutschen Reiche wieder rege, dessen liebensivürdige Persönlichkeit sich so leicht alle Herzen gewann. Während seines Badeaufent^ Haltes in Ems 1886 sprach der Kaiser auf einem Spaziergänger einen Kadetten an, der sich an der Wandelhalle ausgestellt hatte, um den Aäonarchen zu begrüßen. JUr Laufe des Gesprächs fragte er ihn, .was er Hu werden beabsichtige. „Wdartilkerist, Eilen Majestät!" war die Lhttwort. Hierauf ,neunte der Kaiser: ..Als Sie nlit dem Mort „Feld" begannen, glaubte ich. Sie wollten Feldmarschall werden!" — Ms der Kaiser sich einmal ans der Rennbahn befand, bereitete ihm dies soviel Vergnügen, daß er die Heimfahrt über die beabsichtigte Zeit wieder und wieder aufschob, so daß '.nan schließlich fürchtete, die Anstrengmrg iverde für den alteir Herrn zu groß sein, und ihnr Zu bedenken gab, daß nachher der Midrang der Wagen so groß sei, daß die Rückfahrt sich noch mehr verzögern, würde. .„Ach wo!" meinte der Kaiser, ,,die Berliner lassen ihren König inrmer durch!" — Sehr drollig xft das folgende Geschichte ckien, das sich in der letzten Lebenszeit des Monarchen zu trug« Kaiserin Augrista pflegte jeden Morgen beim Ettvachen als erste Frage an ihre Umgebung richten: „Wie geht es dem Kaiser?", und man »r°ar inrmer hierallf vorbereitet, einen genauen Bericht erteilen Kn können. Ms der Kaiser voll dieser Iiebertbcn Fürsorge seiner Gemahlin hörte, verabredete er mit der Umgebung der Kaiserin eine Neckerei, jnnd als diese am anderer: Tage nneder nach dem Erivacher: jene Frage Lhlßerte, ertönte l-inter den Bett- gardiiren die Mttwort: „Ihm geht es gar nicht gut; seine liebe Genrahlin hat die Zeit verschlafar, anstatt nttt ihm gemeinhin das Frühstück eirrznnehmen!" Und mit den lehtei: Worten trat der Kaiser selbst in das Gemach der Kaiserin, dre man auf sein Gebot hin hatte liber die gewohnte Zeit fdjlüjfcit lassen. ,— Wie zjartx fiiMeirb der Kaiser selbst gege:: ganz fremde Personell war, erwies sich bei -einem .Aufenthalt in dem Austnrg der ^Siebziger Jahre in Gastein. Als er eines Tages allsgegangen lvar, und ein ÄanK- nlädck-en seine Gemächer, um ffe zu reinigen, betrat, fand sie sämt- Teppiche der voin Kaiser bervohnten Rällme in einem Zimmer znprmmengetragen. Der Diener erklärte ihr diese Seltsamkeit dalllit, daß der Kaiser erfahren habe, daß uilter senksn: Zimmer eilt Schwerkvanker liege. Das schlechte Wetter aber hatte den Kaiser am Wlsgehen verhuldert, und da er sich trotzdem Bewogmlg machen, wollte, so habe er die Teppiche in einenl Zimmer zufammsntragen faffert, unr darauf lautlos emhergeheil zu fömten. *Krokus-undTulPcnzwiebelnalSViehfutter. Um denk Mangel an Futtermitteln abzuhelfeu, lvurdm nnd lverdex: aus dem neutralen Ausland vielfach Pflanzen teile bezogen, die ffüher rroch nienrals als Bichfntter verbraucht ivorden tvaren. Daher ist es begreiflich, daß über die Bor- und Nachteile neuer Verfahren noch manck-erlei Unkenntnis besteht. Auch Krokus- und Tulpenzwiebeln werdell, noie die Chemiker-Zeitung ausführt, seit kurzem zum Zweck dei' Verfütternng an Haustteoe von Holland nach Deutschland geliefert. In Beantwortung zahlreicher Fragen, ob diese Zwiebeln unbedenklich zi:r Fütterung verwendet lverden können, setzt nunmehr die Chemiker-Zeitung die Ergebnisse einer genauen Untersuchung iir dieser Beziehung auseinander. Voraus- ' geschickt wird, daß der Bezug der Zwiebeln sich um so mehr lohnt, als sie einrn^ Hoheit: Kohlen Hy dra tgelw i t haben und oie Preise niedrig sind. Doch ist ein allgemein gültiges Urteil schtver zu fällen, da beim Krokus die ZnsammenseWng der Knollenbestandteile vermutlich ebenso verschieden ist iwe die Blüten färben. Darum trUrden als Stichproben verschiedene der angebotenen Zimebeln chemisch nnd biologisch untersucht. Dies führte znr Feststellung, daß die untersuchten Zwiebeln ausnahmslos Sxvonin oder eit: Saponingemisch eilthalten. Darum ist Ix'i der Verfütterung der aus Holland angebotenen KroküWviebelu große Vorsicht nötig, und man tut an: besten, .damit genau so z:l verfahren, wie mit den Mpenveilchenkixolten. Schlveine, die nicht mehr ganz jung sind, können damit gefüttert werden, indem xnan zuerst geringe Rünlgen nimmt, dieselben allmählich steigert, bis schließlich auch regelrecht mit den Zwiebeln gemästet lverden Tarnt. Für Ferkel jedoch find die Zlviebeln giftig. Dies stimmt auch mit filtern Bericht der boUäil discknvt ReichsversuchSstation in Wageningen überein nackt dem dir Kroku^zwifbeln sich für die Füttentng Von G'chvemen und auch von Mffchkühetl — t>et beit letzteren zeru»k^«! mrd :nir Fnuen ?it genffscht eignen. Dje Verabreichimg der Iiche-beln an Jnngvreh ISO solide aber ru? itbm Fall rmberblaibeu. A'uch bin den Dulpsn-» Vviebeln handelt es sich um zahlreiche Mbarben. U-nterjüchumgeu durch AbLxden. FUttieven lrub Verwendung des Mikroskops er> geben, daN in den Zickebeln der Tulpen ziemlich große Menge»' eines für Menflchvn And auch für Hunde yiftigen Alkaloids ent?« halten sind. Auch bei Müuschr erwies sich dieses Alkaloid bei Einspritzungen als giftig, und auch die nrit solchen Zroiebelu gefütterten! Mäuse geben Mgr-mide. Me holländische Reichsversuchsstatton erklärt ^rber. bafent Holland die TulPenzwrebeLn in gut zerlleiner? ttm Zustande soaar roh an das Vieh verfüttert lvecben. Ber Milchkühen soll hierdurch sogar der Milchertrag gesteigert werdeitt Alis Grund dieser Erklärung hält die Chrmik-er-Zertting eS für angebracht, auch in Deutschlmid Fütterungsversuche vorzunehms^ Es wird dabei geraten, zuerst mir die gutzerkleinerten Zwiebeln in gelochtem Zustand zu verabreichen und vor der Fütterung das Uujgiltzlvasser z-u beseitigen. Werrn die Tiere daraufhin völlig gesund ble»en, kam, mau auch das Kochovsser auf den Zwiebeln belassen Und es schließlich auch mit unaekochben Zwiel^ebr der Tulpen versuchen^ oa das Tulipin auf Mla^emfvesser nicht so zu wirVm scheint nne beivieseuerm asten auf Hunde mrd Mäuse. * D e r Tori a l s P i l a n z e n d ü n g e r. In der jüngsten Sitzung der Londoner Gesellschaft für Pflanzenkunde hat Professor Bottoliney ülier einen von ihm erfundenen Pflanzendünger gesprochen, den er „Hu,nogen" getauft hat Wie Bottomley mitteilte, beruht seine Erfindung auf der Bakterisierung von Torf; gewöhnlicher Torf wird einer Bakterienart überlassen, die ihn in vier bis sechs Tagen in einen weißen Stoff verwandelt, die, wie die Analyse erwies, 50 mal soviel Nährstoff für Pflanzen enthält wie die gleiche Menge Dung. Professor Bottomley zeigte zur Erläuterung eine ganze Menge Blumen und Pflanzen, di« er mit Hilfe seiner Erfindung teils in kkeiv, teils in besonders unfruchtbaren Tellen Englands gezüchtet hat. W,e er erklärte, bat er mit seiner schwachen Äsung seines Humogen Radieschen und Tomaten auf Sandboden unb Kartoffeln aus Torfboden erzielt. Etwa 4)4 Ar Land haben bet Behandltmg mit einer Tonne de8 neuen Pflanzen- dnngerS 41 Prozent mehr Kartoffeln geliefert als ähnliches Land bei Behandlung mit 20 Tonnen Dung. Bottomley schloß mit der Mitteilung, daß die Herstellung des Präparates außerordentlich billig sei; obwohl eine Tonne Ton auf etwa 50 Mark zu stehen komme, könne die Tonne Pflanzendünger für ISO Mark abgegeben werben. * Die französische Drückeberger - 6 ; elbsucht. Tie Drückebergerei hat in Frankreich, einer in den Naturwissenschaften angegebenen Methode nach 51t schließen, besonderes Raffinement entwickelt. Nicht gewöhnliches Snnulantentum, beabüchttgte Schubverletzung oder Schwächung des Organismus durch allerart Exzesse find dabei gemeint, sondern eine regelrechte Erzeugung scheinbar gelbsüchtiger Krankheitserscheinungen wird erstrebt. Als Mittel dient die Pikrinsäure, die bekannterweise auch sonst er. In den Jahren 1846/49 ließen sie in Irland über sine Million jZeutt Hungers sterben, wie aus einem flammenden Anklageartikel „Das Grüne Eiland" von Tr. Georges Chatterwn-Hill, dem Freunde Sir Roger Case- AventS, zu entnehnlen ist der rn der neuesten Nummer 3844 (KriegSnummer 135) der Leipziger „Illustrierten Zeitung" (Verlag I. I. Weber) zur Veröffentlichung gäangt. Nicht minder fesselnd lesen sich die TagebüchergÄsse eines bei Kut el Amava gefangenen GrtgländerL der die Leiden der mesopotamischen Expedition gründlich ausgewstet hat. Interessante Aufnahmen von der Tütigkett des Roden Halbnunrdes führen uns in die Palmenhain« unb Wüstenzelte an der türkischen Suez kanalfront, ^ei chirungeü Richard Äßnmnns zeigen die Leisttcngen der österreichisch-ungarischen schweren Artillerie im Kriege gegen Rumänien. Anschauliche BiGer von den Taten der österreichisch-ungarischen Marine hat k. 11. k. Korvettenkapitän Freiherr von Rcmchera beigesberrert, mrd Karl Gras Soapinelli schildert die Fahrt an Bord eines k. u. k. Kriegsschiffes in der Adria. Packende Stinnnungsbilder vom westlichen Kriegsschauplatz liefern Martin Frost und Hans Lucht. Tie Leistungen der deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg verherrlicht Major a. T. von Schrerbershvfen. Kaiser Karls neuen Hofstaat lernen,mr im Bilde kennen. Tas Winterleben im Spreeioald geben eine Reibe gelmrgene Ausnahmen wieder. Dem großen deutschen Dteister Peter Cornelius ist anläßlich der 50. Wiederkehr seines Todestages ein reich illustrierter Belttag gewidmet, dessen fceifc- licher Teil den Mographcn von Cornelius. Gehei,nrat Prosenor Tr. Eckert (Köln), zum Verfasser hat. — Alexander Puschkin: Pique-Dame, TaS Edelfräuleln als Bauernknecht. Nr. 9 der „Weltliteratur*, München 8, Färbergrabeu 24, die jede Woche einen der besten Romane oder Novellen zum Preise von 10 Pfennig veröffentlicht. — Das levan tische Programm. Des Den t s ch e n R e i cb e s und Volkes Weg in die Welt von Otto von Schwarzen egg. Geschrieben an der Front im Osten 1»16. Verlag von Krüger & Co. in Leipzig. Mk. 1,—. — Wittenberg-Antwerpen, die beiden echt flämischen Städte als Hochburgen evangelischen Glaubens von Pastor Otto Bölke. Leipzig 1917. Verlag von Krüger & Co. (0,75.) — Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des WiffenS, der Literatur und Kunst. HeranSgegeben von Professor Karl Muth. Jos. Kösel'fche Buchhandlung, Kempten und München. Vierteljährlich Mk. 4,50. - BongS illustrierte Kriegsgeschichte .DerKrieg 1914/17 in Wort und Bild". 115.—117. Heft. (Preis je 30 Pfennig!) Deutsches VerlagshauS Bong 4 Co., Berlin W. 67, Potsdamer Straße 88. — Bezzel, D. Dr. von. Erinnerungen auSBeruf »- reifen an die Front März und August ISIS. Leipzig. Krüger L Co. Mk. 1,-. — Kürschners Bücherschatz. Band Nr. 1106 : „Mieze- Heirat.^ HuinorcSke von Olga CoroeS. SS Setten Unffang. — Preis 40 Pfg. — Hernr. Hillger Verlag, Berlin W 9, Potsdamer Straße 124/125. Erganzungsrätlel. —-er, S-n, — lle, Pa-e, Be—. Statt der Striche ist jedesmal die gleiche Anzahl paffender Buch' staben zu setzen, so daß bekannte Hauptwörter entstehen Die ein' gefügten Buchstabengruppen bezeichnen, worin unsere Truppen statz. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: $ ■(] 1 » 1 — viel Ehr'. Gchristlettung: Fr- R. Zenz. — ZwillingSrunddruck und Verlag der Brühl'jchen UniversitätS-Buch- und Steindruckeret. R. Lange, Gieß«<