Samrtag, des 3. März. Pechmarie und Hans im Glück. Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. D o r itau. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten. 1 . Hans Jnchoff kam die Treppe vom zweiten Rang her> unter und steuerte durch die Vorhalle des Theaters aufs Büfett zu. Es war die große Pause nach dem ztv-eiten Akt, und das Erreichen seines Zieles nicht ganz leicht Mischen all diesen gleitenden, hastenden, plötzlich stockenden Gestalten. Aber das focht seine gute Laune nicht an. Er schleu- derte behaglich, er ließ sich vom Strome treiben, er blieb lächelnd stehen, wo ihm das Fortschreiten versperrt ward, und sein Helles, munteres Auge spazierte dann statt seiner lveiter.-So viel des Schönen und des befremdend Wunderlichen gab's ja zu sehen! Er konnte sich nicht satt schauen. Vielleicht lieferte das Widersinnige, das gewollt oder ungewollt Bizarre diesem klaren Auge noch mehr fröhliche Weide, als das schlichtweg Schöne. Der lächelnde Mund über dem festen Kinn legte Zeugnis dafilr ab. Kein Zug des Spottes entstellte ihn. Selbst wenn Hans Jnchoff über die Menschen lachte, tat er's mit Güte. Was war das mm wieder für eine köstliche Figur: die Lange, Schlanke grad' da drüben an der Äiule! Puritanev- haft schlicht das schwarzseidne Gewand, das m unmodischen Falten um die hageren Glieder hing. Diese lange, dunkle Gestalt war ihm schon vorhin aufgefallen, als sie die Stufen des tiefer gelegenen Restaurationstunnels emporstieg und gestolpert war — über das weite Kleid, die eigenen Füße, was immer. Und bei dem Stolpern hatte ihn irgend etwas durchzuckt — ein Gedankenblitz, ein Erinnerungszeichen — : So hatte er schon einmal — öfters — ein weibliches Wesen stolpern sehen — so hilflos, so eckig —--Nun stand die schwarte Gestalt grad vor ihm, an eine Säule geklemmt — ja, geNemmt? — das war der richtige Ausdruck! — und hielt einen Teller krampfhaft zwischen zwei langen, schmalen Händen und traute sich nicht zu essen, weil sie dann doch mit einer Hand loslassen mußte — und der Teller dabei sicher ins Kippen geraten würde. Hans Jmhosf lachte auf — so hell, so freudig, daß sich die Zunächststehenden erstaunt nach ihm umwandten. Dann schoß er gewandt um alle Hindernisse herum, hindurch, war schon neben ihr — nahm ihr den Teller aus den Händen, ruhig und sicher — ein Augenzucken später hätte sie den klirrend hinfallen lassen vor Schreck — und sprach: „Gib nur her, Marie! Ich halte ihn dir solange." Sie stand wie ein Bild. Wie festgewachsen an der Säule hinter ihr. Und starrte ihn mit den großen, schwarzen Augen au — dem einzigen wirklich Schöllen in ihrem dunklen, scharfgeschllittenen Zigeunergesicht. „Hans!" stammelte sie. „Wenn das nicht Hans ist —!" „Aber natürlich ist's Hans! Wer sonst wohl? — Aber wenn du dein Butterbrot noch intus haben willst, ehe es klingelt, mußt du dich wirklich beeilen. Warum hast du eigentlich nicht gleich unten gegessen? Da gibt's doch Tische und bequeme Sitzgelegenheiten „Da unten war's so voll —!" „Na, ob's hier oben leerer ist —! Aber du ißt ja gar nicht—?" „Ich kann doch jetzt nicht essen!" sagte Marie unwillig. „Wie sollt ich bloß daran denken — ich wundere mich ja des TlKres, daß du pWtzlich da bist — „Darüber wundere dich lieber nachher. Jetzt wollen wir gefälligst essen. Ich habe nämlich auch kannibalischen Hunger. Gib mir ein paar Happen ab — ja? Da, halte du lieber den Teller! Aber laß ihn nicht fallen, bitte. Ich besorg' dann die Fütterung." Sie nahm den Teller gehorsam und hielt ihn steif, mit ausgestreckten Händen. Er zerteilte das Brot geschickt in mundgerechte Streifen, die er abwechselnd ihr und sich zwischen die Lippen schob. Sie aß rein mechanisch und sah ibn dabei immer starr au. Sprechen konnten sie natürlich beide nicht bei dem hastigen Essen. Ms der letzte Bissen verschwunden war, klingelte es. Hans brachte den leeren Teller beiseite und wandte sich Marie wieder hastig zu. „Du bist allein hier?" fragte er rasch. ,La." „Und sitzest — wo?" „Parkett. Ganz vorn. Und du?" „Hoch oben im zweiten Rang. Ich sitze immer gern möglichst weit ab von der Bühne. Da wahr' ich mir die Illusion am besten." „Und ich muß ganz vorn sitzen. Sonst macht's mir keine Freude. Ich muß alles ganz genau sehen können —" „Die Schminke? Den gepappten Wald? Mer ich vergaß, daß du kurzsichtig bist." „Auch. Aber das ist nicht der einzige Grund." Marie erwärmte sich nach und nach beim Sprechen. „Ich mag mir gar keine Illusionen machen — ich will oie Dinge so sehen, wie sie wirklich sind — und im Theater will ich mir klar machen, warum der Künstler so und nicht anders spielt. Das kann ich nur, wenn ich ihn genau beobachte." „Hm!" Hans zuckte die Achselrr. „Ich glaube nun gerade nicht, oaß dies das höchste Ziel des Künstlers ist: die Leute zum Nachdenken über seine Mittel und Wege zu bringen. — Ich meine, es muß ihm lieber fein, daß sie die über seiner Kunst vergessen. --Wer Marie!" Aaus Jnchoff lachte plötzlich wieder hell auf. „Sind wir nicht unaussprechlich lächerlich alle beide? Da unterhalten lvir uiqs über künstlerische Standpunkte — statt uns einfach zu freuen, daß wir uns endlich mal wieder begegnen- v denn ich wenigstens freue mich mächtig, du! Und wir haben doch auch unglaublich viel zu fragen, zu erzählen — ,La," murmelte sie ganz hilflos. „Wo soll man da nur anfangen?" — „Hübsch eins nach dein andern, meine gute Marie! 9lber natürlich nicht hier, jetzt-da klingelt'- zum zweiten 102 — Male! Nun aber ganz rasch.-Also: den vierten, den Schlußakt, lassen wir doch natürlich schießen, nicht wahr? Und bleiben den Rest des Abends zusammen — ich erwarte dich nachher hier, sobald dieser Mt zu Ende ist —" Sie wollte Mnwäude machen, aber er hörte sie gar nicht mehr. Er sauste mit gewaltigen Sprüngen die Treppe empor, an deren Kuß sie gestanden, und Marie ward vom Türschließer noch eben rasch zurechtgewiesen und im letzten Augenblick auf ihren Platz zurückbugsiert. Hans kan: zu spät nach oben, um seinen zu erreichen. Ihm war's recht so. Er lehnte stehend mit verschränkten Armen an der Tür, die sich hinter ihm geschlossen, und konnte so beinahe besser sehen als vorhin. Uebrigens interessierte ihn das Stück nicht sonderlich. Ern auslLnoflcher Schmarren der wohl kaum an einer reichshauptstädtischen Bühne auf- geführt worden wäre, wenn ihn zufällig nur ein Deutscher geschrieben hätte. — „O, du dummer Michel, du!" Hans schüttelte nachdenklich den Kopf und wandte den Blick in den verdunkelten Zuschauerraum hinab. Wo mochte sie da unten stecken, die lange nicht gesehene Jugendgespielin? Er rechnete rasch nach: Ostern vor zehn Jahren war er aus der Lehre gekommen — und hatte die Vaterstadt verlassen, um nach Hamburg zu gehen — zehn und ein halbes Jahr war das wahrhaftig schon her! Und zu derselben Osterzeit war Maria Krumpa konfirmiert worden — und an ihrem Konfirmationstage, am Abend vor seiner Abreise, hatte er sie zum letzten Male aesehen. Da war er zum Abschiednehmen zum Onkel Poldewrtz gekommen, und Marie hatte unsäglich steif, verlegen und ehrpußlig neben dem alten Doktor auf dem großkarierten Sofa gesessen — ein hochaufgeschossener Backfisch mit langen, glänzendschwarzen Zöpfen — ganz in feierliches Schwarz gehüllt, mit einem feierlichen Schnupftuch in der Rechten. — Ein Backfisch war sie nun grad' nicht mehr, und die langen Zöpfe wanden sich jetzt als schwere Kronreifen um den kleinen, braunen Kopf. Ader im übrigen.,— Hans Jmhoff lächelte still vor sich bin — im übrigen war sie äußerlich noch dieselbe — grade, lang und schwarz, in hilfloser Würde aufgepflanzt. Und wie sie die Treppe hinaufgefallen war —- das war so ganz sie gewesen, daß sie sein innerster Mensch durch alle Nebel der Zeiten und Dinge hindurch eigentlich daran schon erkannt hatte. Marie Krumpa saß auf ihrem Eckplatz in der ersten Parkettreihe und blickte auf die Bühne, ohne etwas zu sehen. Ihre Gedanken wanderten abseits gelegene Pfade. Bis in die dämmriae frühste Kindheit pilgerten sie zurück. Wunder- Uch, wre alles mit einem Male wieder da war! Die große Pechsiederei am Flußufer mit dem bescheidenen Wohnhäus- chen, rn dem sie zur Welt gekommen war — und der Mutter das Leben gekostet hatte, und als einziges Töchterchen des verarmten Besitzers trübe Kinderjahre verlebte —: Haus wnb nun schon so lange abgebrannt, vom Erdboden verschounden, und doch heut' wieder für sie vorhanden, mi i Händen greifen. Dann erstand das t alten menonMZ vor ihr, wo sie nach dem fand, die wunderliche Figur des Pflegevaters selbst. Und auch die Gespielen ihrer Jugend waren mit einem Male alle wieder da, der eine Vorhallen der immer der Führer, der Herrscher der kleinen Schar b^Kn war: Hans Jmhoff, der Bürgerineistersohn. „Hans # n dre anderen Jungens, halb neidisch, AS ^wundernd; denn ihm schlug selten oder nie etwas et ^ch an faßte. Und sie selbst, die arme aus der Pechhütte, hatte der unbarmherzige 5nnderwitz die „Pechmarie" genannt. w ^^uwrie ! Das stimmte allerdings! Ihr war der Ernst § o5, U ^ ^gegangen. Und seitdem? Schule - Se- ?!^uar Lehrerrnberuf: Arbeit, immer nur Arbeit. Das !?u^.Ringen fürs tägliche Brot. Bis vor wenigen Wochen. (S T a 8 e ' beruhigend, ja verwirrend, die ^ Unb zwecklose Freiheit, mit der sie so gar nichts anzufangen wußte. f ~*! cr Glücksjunge, hatte ja auch geerbt. Dasselbe wie sie, die andere Hälfte von ihres aemeinsampn ^a^^?^^^lussenem Vermögen. Für den bedeutete das Geld sicher ein Gluck. Der würde etwas damit anzu- fangen wissen, es nutzbringend verwenden. So ein Mann l at t E l ü™L er ^cherlich leicht. Und der Hans gerade - der hatte immer so getan, als ob ihm altes von Rechts wegen iUfallen wüßte. Unglaublich, wie er sich auch eben wieder »enommen! Das Kommandieren konnte er eben nicht lassen. Verfügte über sie, als sei sie noch das dumine Gör von ehedem. — Aber so ließ sie sich nicht mehr behandeln. Von Hans Jmhoff nun schon gar nicht. Eigentlich müßte-er sich doch darauf besinnen, daß sie ihm auch damals schon oft genug die Zähne gezeigt — ihm widersprochen, den Versuch gemacht hatte, als einzige aus der Schar der Gespielen, seinem Willen den ihren eiltgegenzustemmen. Beim Versuch war's fieilich geblieben. Aber schon der hatte ihr die staunende Bewunderung der ganzen Schar eingetragen. Mso: es fiel ihr gar nicht ein, seinetwegen den letzten Akt „schießen zu lassen". Sie wollte doch natürlich wissen, wie's ausging, wie das — freilich ziemlich fadenscheinige — Problem sich löste-die Weiterentwicklung-ja, hebet Himmel, wußte sie denn, wie sich's weiter entwickelt hatte? Besaß sie denn auch nur einen schwachen Begriff von dem, was da vor ihr seit mindestens zwanzig Minuten geredet und getan ward? Sie starrte entsetzt aus die Bühne — das hier hatte ja gar keinen Sinn mehr! Sie fand den Zusammenhang nicht wieder. Sie hatte mit blinden Augen gesehen, mrt tauben Ohren gehört. Und daran war wieder der Hans Jmhoff schuld. Was brauchte er mit einem Male da zu sein? Freilich er hatta das Recht, ins Theater zu gehen, so gut wie sie und jeder- mann — aber mußte er sie derartig überrumpeln, sich so gänzlich ungeniert benehmen und sie selber dadurch jeder Fassung berauben? Wie dumm, wie stocksteif sie dagestanden hatte, um sich füttern ziu lassen wie ein kleines Kind! Mit ihrem eignen Butterbrot, was sie sich geholt und bezahlt Hatte, und wovon er ohne die geringsten Ulnstände die Hälfte sich selber zu Gemüte führte! Sie hatten fieilich schon so manchs Butterbrot miteinander geteilt im Leben, und da war nie die Rede davon gewesen, wem's eigentlich gehörte, wenn sie gantz gerecht blieb: meistens hatte er's wohl mitgebracht. Aber das war doch in jenen grauen Kindertagen gewesen! Jetzt standen sie sich als Erwachsene gegenüber: letzt wurde die Selbstverständlichkeit Dreistigkeit! ^rr, sie hatte es nun ganz fest beschlossen: sie bliebi hier. Der Vorhang fiel über die unverstandene Schlußszene des dritten Aktes, Marie blieb trotzig sitzen. Sie sah sich gar nicht um, aus Furcht, er könne ihr von irgendwoher zuwinken. — Sie würde ihn dann allerdings kaum so leicht einmal Wiedersehen. Dableiben tat er nun keinesfalls, J l€ sch"". Und es war doch im Grunde ganz hübsch gewesen, einem zu begegnen, der so vieles von einem wußte, nack)dem man lange, lange Jahre nur mit fremden „SH * un 6ehabt hatte, denen man ebenso grenzenlos) gleichgültig war, wie sie uns. — Bescheid wollte sie ihm wenigstens doch sagen. Soviel wu»te fie wohl schon tun, um der alten Bekanntschaft willen. Marne rang noch ein paar Augenblicke mit sich -- Ö™ 5 ’ als das Klingelzeichen zum Wiederaufgehen ^^rhangs ertönte, sprang sie plötzlich auf und rannte größter Eile hmaus — an dem sehr erstaunten, kopfschüttelnden Türschließer vorüber. Awhoff schon im Paletot, Hut und in der Hand. Er lachte ihr fröhlich entgegen' nicht mehr^^' had)U wahrhaftig schon, du kämst gar Sie sah ihn groß an: „Was hättest du denn da getan?" „Selbstmord begangen vermutlich! Nein — Scherz bei- >E- Weggegangen wäre ich natürlich! Ich werde mich doch nicht ausdrangen meine.Gnädigste. Wenn du dich auch nur den zehnten Teil so über dies unvermutete Wiedersehen fieutest wie ich, mußtest du eben kommen. Und nun gib mir nal rasch deine Marke, daß ich dir deine äußere Hülle be- orgen kann, ich muß erst mal draußen sein urrd „Hurra«" ch mich nämlich!^ ift mir E wohl, stehst du: so freu' Da streckte Mari« die Waffen. Stillschweigend lieferte ,e chm d,e Garderobenmarke aus, stillschweigend ließ sie sich WnV^r 1 ’ den schlichten dunklen Regenmantel helfem Aach als sie an seiner Serie rn den lauen Spätherbstabend, hrnaustrat, fiel noch kern Wort von ihren Lippen Desto zwangloser plauderte ihr Begleiter. „Ein gräßlich albernes Stück!" sagte er. So innerlich hohl, so unwahr, frndest du nicht auch?" ^ gepaßt^ ~ ^ I,a6e äuIe ^ t — 9a>: nid>t Ehr so genau auf-. irh tl 1 ’ ist es gerade so gegangen! Freilich war ich auch zerstreut, das Wrederseheu mit dir hatte so viele« 103 aufgerührt. Wir gehen doch zu Fuße, nicht wähö? Die Luft ist ja himmlisch. Wo wohnst du denn? In 'ner Pension in der Steglitzer Straße — bene! Da weiß ich in der Nähe in der Potsdamer Straße ein nettes Bierlokal, wo tvir ein-- kehren werden. Unser Butterbrot war doch höllisch dünn belegt und überhaupt nicht geeigiret, zwei reichliche ausgewachsene Menschen satt zu machen. Mer nein, da fängt's jvahrhaftig an zu regnen! Wo ist dein Schirm? Doch nicht „in Gedanken im Theater stehen geblieben" ?" „Ich habe ihn in der Pension gelassen. Ich dachte nicht, daß es regnen würde. Freilich: Wenn ich keinen Schirm mitnehme, regnet es immer." „Nanu, da bist du ja der reine Wettermacher! Aber nun werden wir doch eine Droschke nehmen' müssen, ich Hab' leider auch keinen Schirm bei mir, besitze solch ein verab scheuunaswürdiges Instrument gar nicht." „Aber was machst du denn, wenn's regnet?" „Dann laus' ich drunter durch und freue mich. Schlag den Mantelkragen Hoch, ziehe den Hut über die Ohren — siehst du, so — und plätschere umher. Ich finde es ganz prachtvoll, sich 'mal gründlich dem Umvetter auszusetzen. Man kommt sich dabei so berserkerhaft kühn vor, weißt du, das ist 'ne Wohltat. Halt! Da kommt ein leeres Auto!"<' Nach einer Fahrt von wenigen Minuten hielten sie vor dem hellerleuchteten Lokal. Der Regen strömte jetzt nur so hernieder. Hans half der Jugerrdfreundin hinaus urrd ließ sie so rasch als möglich in der Eingangstür Schutz suchen. Sie gehorchte blindlings, während er bezahlte. Dann stand er nach ein paar fröhlichen Sprüngen neben ihr und schüttelte sich lachend die Tropfen ab. Sie hob erschrocken die Hände: „Ich habe meine Handtasche liegen lassen!" rief sie angstvoll. „Im Auto?" Er machte eine rasche Bewegung nach der Straße zurück. „Zu dumm! Das ist schon davon." „Nein, im Theater. Ich besinne mich ganz genau. Ich hatte sie vor mich aus die Brüstung gelegt — ich saß doch in der ersten Reihe vom Parkett — und als ich so rasch hin- ausgrng, habe ich's vergessen. Ach, du lieber Himmel, was mache ich nun!?" „Du holst dir's morgen. Heut' ist das Theater schon zu. Was war denn drin? Biel Geld?" „Nur ein paar Mark, Gott sei Dank. Und es war eine ganz alte Tasche, gar nicht sehr schön." „Ja, ja, ich weiß, ich meine: ich bin überzeugt, daß du sre wrederbekommst. Laß' mich das nur besorgen. Und jetzt komme bitte endlich hinein." „Ich kann doch nicht —" „Mer wesbalb denn nicht?" „Ich Hab' doch kein Geld, du hast schon das Auto bezahlt —" «r "3 um Krlckuck, Mädchen, Hab' dich nicht! Solch dumme kommst du ohne Widerrede mit, verstehst du? Es ist ja rern lächerlich." . Er stieß die Tür auf, faßte Marie einfach beim Aerniel und schob sre hinein. Sie gehorchte mit scheuem Aufblick. Sie tvußte. er war jetzt wirklich ärgerlich. Sonst hätte ev Jahren geschnauzt, wie etwa vor zehn, vor zwanzig (Fortsetzung folgt.) Bestandsaufnahme von Lebensmitteln vor JOO Jahren in Gießen. Eine außerordentliche Lebensmittelteuernng, tvie sie der gegenwärtige Weltkrieg zeitigt, hat es schon vor hundert Jahren in dein Teuermrgs.ahlr 1617 gegeben. Das Großh. Stadtamt zu Gießen, ersucht dein 2. Januar 1817 dm Magistrat um eine spezielle Bestand- mlme von Früchten und Kartoffeln, nachdem die von 'GenreuaE Gießen „ohngefähr aufgestellte Angabe des Vorrats Nicht für hiureuheud erkannt wird, der Besorgnis eines Brot- mmrgew vorzubeugen". Jur Anschluß all eine als Muster beige- K EE, rst von jedem^einzelnen Bewohner ansznfütten der Bedarf von Korn Weizen, Hafer, Gerste. Erbstm und Kartoffeln Ä ' b J e uötig weidende Mmae von Friichten ztir Anssaat Die Ltiisnahlme wurde innerhalb 8 Tagen in den 4 Stadtqimrtreren von 4 vereidigten Personeil vorgeirommen, die »Mi, der Sbadtrechnims vm, 1817 als Beratung 14 fr erüalten Verfllgmig vom 6. Marz 1817 tx»8 Verbot des berMlsfirhr von Stetoffelit. — Die ftkifctoerfotmmn i .7 “Ö?* 1 «Wl'wrt durch eilte unter dem Viehbestand anSgebrockme Seuche. Enie ,.Q»i«ra»rtäne" ttmr «ngsvrdnet worden: die erkrankten Tiere mußten in besonderen Baracken bei der ehemaligen „ZiegeWjtte" ^Frankfurter Straße) »mtergebracht werden. __ Tr. H. B. vermischte». , * Pflanzen als Ziegelfeinde. Ter erbittertste Feind ci-y° T P* e * mm lerioerkes sind die Pflanzen. Zeigen sich an der Ober- flache des Mmierwerks ganz^ kleine Risse oder Sprünge, so genügt! das schon, damit erdige Bestandteile sich festsetzen und pflanzliche Organismen eifrig an d:'r Zerstörung arbeiten. Bis in die tiefsten: Deesen der spalten zwängen Flechten, Gräser und Moose ihre Würzelip ein und sprengen allnrählich kleinere Stücke ab, bis immer größere Pflanzen im Manerwerk Fuß fassen und es vernichten können. Tie „Naturwissenschaftliche Wochenschrift" (Verlag von Gustav Fischer m Jena), die nach der Dissertation des Tipl.-Jng. Lutzw-tg Roe^co über dieses Zerstörungswerk berichtet, erinnert daran, daß man die Kraft, die die Pflanzen bei ihrem Wachstum ent^ mtten können, an dem bekannten geöffneten Grabe auf oem Fried-« Ws der Gartenkrrche in Hannover ersehen kann, wo durch eins Birke mcht nur ein großer Sandsteinblock beiseite geschoben, son-- au n * 1 dae eiserrlen Klammern gesprengt wurden, welck-e denj Block hreltm Den Schaden, den in längerer Zeit aber aird)! kleinere tl-an ö engeDtu>c am Manerirerk Hervorrufen, kann inan nach der Beobachtung ermessen, daß Stellen des Ziegelnrauerwerkes, die mit allem Moose bewachsen sind, einen bedeutend poröseren Eindruck machen, als unbewachsene. Tie gelbliche und grünliche! Färbung emes alten Ziegelmauerwerkes legen Zengins dafür ab, 0 ^ 0 ,chwr-- Algen am Zerstörlingswerke sind. Tech setzen sich diese ausschließlich ans hellgesärbte Steiirffächen, während sie dunkle Stellen vermeiden. Die schädlich^ Wirkung von Bakterien inr .Mauenverk hat man taeti überschätzt. Zahlreichse Versuchs haben nämlich ergeben, daß Luftströme von so geringer Geschwindigkeit wie sie bei der Porenv-entilation sich zeLgen, nicht Ktastl genilg haben, um Bakterien durch, eine Mauer zu führen. Sie können ste nur gegen die Mauer drängen, an welcher die Schätz- dann hängen bleiben. Bei fenchtwarmem Zustande der Mau eroberst ache kann es allerdings zu einem geNnssen Hinein- wachen der Batterreir in die Mauer kommen, doch ist ein Hindu rchwa che n durch die stark desinffz rer ende Wirkmig des Kalk- hydrates, das bei Feuehtigfeit der Mauer innner besteht, so gilt wie ausgeschlossen. Ausnahmsweise können allerdings im Kerne des Mauenverkes einmal Bakterien Vorkommen, etrva lvenn nicht genügend Kalkhydrat vorhanden ist oder durch SckMefelsänre iuid ahiilraie Flüssigkeiten der Aetzkatt wirkmrgslos geworden ist. Es ist auch iiicht denkbar, daß etwa Bakterien, die bei der Herstellung der Ziegelsteine in den Ton gelangt sind, in den gebrannteii Ziegeln fortleben könnten, loeil die Steine dazu bei zu l^her Tem- perawr gebrannt wer-den. Wegen der Ticke rmd Kürze ihrer uhzolfaden smd die sogenanrtten Trockenfänlepilze als Eiiidring- Irnge in das Manerwerk nicht zu fürchten. Recht gefährlich da-, gegen i,t der echte Hausschvamin, denn seine Lyzolfäben werden so lang und dünn, daß sie durch die Poren in das Ziegelmauer* werk eindringen können und so vom Holz auf das Mauerwerk über* greifen können. Auch bei Holzreparatur kommt es leicht zu einem Wiederanftreten des Hansschwammes, weil ancksi das neue Holz von denk im Manerwerk sitzenden Lyzol angesteckt werden karur. Tre weißgrarlen »vatteartigen Schminelwuchermigen, die sich an feuchten Wänden zeigen, verdanken ihr Dasein meist dem ver- derberlden Tapetenkleister und verschwinden datier bei Beseitigung der Milchtigkert regelmäßig. " Woran Bäume sterben. Tie Frage nach den Haupt- ilrsachen des Ziigmudegehens von Bäumen wurde neiierdiugs in, Auilrage der Laudivirtschastlichen Gesellschaft in den Bereinigten Ltaateu einer Prüßlug unterzogen. Und zwar untersuchte man, wie die .Unischan* mitteilt, 160 in Oregon gefällte Tannen im Alter von 60-258 Jahren. Man steNte fest, daß drei Viertel der Bäilme Wilnden^ halteii, unb zivar von Blitzschlägen, Frost, Feuer us»v. herrnhrend. Das Zngrlnidegehen wurde durch Ein- setzeii von Fänlniß, durch Jnfekiion herbeigestihrt, doch waren stets Winiden der geschilderten Art der eigentliche Anlaß der Krankheit und des Sterbens. Unter den 80° bis Wjährigen Bäumen hatten 70 Prozent Wunden, unter den 106jährigen 80 Prozent. Natürliche Fänlnisschäden waren erst bei den Bäumen mit über 130 Jahrell hällfiger zu bemerken. , . *r Die freiwillige M a t r a tz e n g ru f t. Die höchst sonderbare Geschlchte einer Dame, bie sich sreiiviNig in eine Atatratzengruft znrückzog. indem sie ohne den Zwang einer Krankheit 72 Jahre in ihrem Belte zzchrachte, wird von der..Tinws" berichtet. Die klirzlich im Filter von 94 Jal)ren vcrstorbelw Heldiil hatte angeblich, weil ihr Vater die Verbindung mit dein von ihr Auserwahlten verbot, das Gelübde getan, ihr Leben hinfoit im ?stte zu verbringen, abgeschlossen von aNen Freuden der Welt, eic führte diesen Vorsatz auch gründlich ans und stand nur ein' mal auf, als sie nämlich von ihrein Wohnsitz Cambridge nach Searbovough übersiedelte. Iedenwlls scheint, an diesem Fall gemessen, ein solcher nnnnierbrochener Anünthalt im Belte nicht gesundheitsschädlich zu sein, wenigstens ist dies aus dem so außerordentlich hohen Alter zu entnehmen, da>> die Verdorbene erreichte. Vas Kreujlcin am Wege. Wer hält' cs nicht schon gesehen, das schlichte Kreuz von Holz, am Wegesrande stehen, so schlicht und doch so stolz. Ja, stolz aus alle die Braven, die nun im dritten Jahr schon unterm Kreuzlein schlafen, die wackre Heldenschar. Ich trete heran und lese, wer unterm Kreuzlein ruht, welch' Truppe hier gewesen, wann floß hier deutscher Blut. Ta schweifen zurück die Gedanken zum alten Bewegungskrieg, - wo Gräben nickt legten Schranken, als jeder Tag hieß: »Steg". Das war ein ritterlich Streiten, nicht träge Stell ungSruh', - ein Stürmen, Attackereiten, da hieß es: »Ich oder du! # Im Geiste blas' ich die Fanfare, ick blase: »Alarm" — „Appell!" — da schwinden zweieinhalb Jahre, die Gräber öffnen sich schnell. Die alten treuen Gesellen mit dem irisch-fromm-fröhlichen Blut, ui,d mit den Augen, den Helle»,, und mit dem Löwenmut. Die steigen heraus aus der Erde und stellen sich in die Reih', geb'n an die Geschütze, die Pferde, und holen die Waffen herbei. Wir, die wir znrückgeblieben, wir drücken Euch schnell die Hand, Grüß Gott, da seid Ihr, Ihr Lieben, mit denen wir stürmten durch's Land. Das Bajonett mm zu Händen! und nichts wie: »Hurra* nnd „Drauf 1* wir wollen die Sache vollenden in rasendein Siege-laui. Darin würde es porwärts gehen, wie einst die Parole hieß. Ihr Fraiikeii, ihr solltet es sehen: »Wir wären schnell in Paris." — Doch leider deckt Euch der Rasen nun schon im dritten Jahr. Euch iveckt nicht meiii Hörner Blasen, Ihr schlaft für immerdar! — Ich nehin' in die Hand die Mütze znni letzten Scheidegruß. »Herr Gott uns alle beschütze I* — und weiter schreitet mein Fuß. Im blühenden Sonrnier ich lege Ein Blttinleiii auf’« Grab oder zwei. An einen» „Kreuzlein am Wege" geh' nieinals ich grußlos vorbei. Ha,is Koettschall, Regts.-Kommandeur des Landwchr-Jnf.-Regts. Nr. 116. vllchertlsch. - Pädagogischer Iah reSbe picht, vereiiiiqt mit PädagogischerJahreSschan für die Jahre 1914/16. Heraus« gegeben von E. Elausntzier lind P. Schlager. 484 S. Mk. 7, geb. Mk. 8 Leipzig 1916. (Verlag von Friedr. Brandstetter nnd B. G. Tenbner.) — Ter „Jahresbericht" — fchon 1846 begrüiidet — und die „JahreSschau" (seit 190H) waren bisher nebeneinander erschieiieii. Der elftere brachte ursprünglich nnr Einzelbesprech»mgen pädagogischer Neilerscheinnngen die „Jahresschan" Gnippen- betrachtnnqen solcher. In den letzten Jahreil hatte sich eine immer größere inhaltliche Annäherlmg ergeben, so daß die jetzt erfolgte Verichmelzuna beider Uiiternehnlen sachlich wohl begrüiidet ist und als ein wirklicher Fortschritt beglüßt werden kann. Das Werk bietet eine gründliche, gewiffenhaste und sachkundige Orientierung über die in Büchern, Aufsätzen, Vorträgen zutage treteilden An- schariungen pädagogischer ''Art, zugleich über deren Verivirklichiing in der Praxis und über die «ür die Schule bedeutsamen Fortschritte auf dem Gebiete der Wissenschaft nnd Klinst. Bei der Ueberfütle des Netien ist ein solcker Berater 'nr jede,,, der mit der G„t- wickliing einigermaßen Schritt halten will, unentbehrlich. Für Lehrerbibliotheken znni mindesten darf die Anschaffung des Werter als mlerläßlich bezeichnet iverden. — D e r T ü r m e r (Kriegsausgabe). Herausgeber : I. E. Frhr> v. Grotlhuß. Vierteljährlich' ,6 Hefte) 5 Dck., Einzelheft SO Pfg. Probehest portofrei. ' (Stuttgart, Grein er & Pfeiffer). — Au- dcrn Inhalt des ersten März Heftes: Die Weltbedeutung der vlämischen Städte. Von Profeffor Dr. Ed. Heyck. — Der Ring. Von Fritz Müller. — Englische Kriegsschiffnlatrosen. (Zur Psychologie des modernen Söldners.» Voil Dr. Spier-Irving. — Cf-t» Tag vor Ppern. Aus denl Tagebuch von Vizefeldwebel d. R. D. — Amerika im Streit mit Europa. — Aegypten unter Lord Eromer. Von Ernst M. Rolosf. — Was ivir von England lerilen kö> neu. — Händlergeist. Deutsche Geschichtsdramen im Kriege. Aon Karl Storck. - Musikalienhandlungen und Schundmunt. "OOn Dr. Georg Göhler. — Ktulstgeschäst und Krieg. Von K. St. - Türmers Tagebiich: Der Krieg. — Atif der Warte. — Kunst- beilagen. — Noteiibeilage. “ Zwanzig H e i rn a t l i e d e r im Felde. Für zweistimmigen nnd vierstimmigen Männerchor in einfachster Weise gefetzt von Professor Bruno Röthig. Mit Scherenschnitten von Hertha von G u m p p e n b e r g. (32 S.) Berlin 1917, Fnche- Verlag. Preis 40 Pig. — D i e E h e in, Rückfall unb andere Anzüglichkeiten. Von Alexander Moszkorvski. Berlin, Verlag von Dr. Eysler L Eo. In sarbigein Uinschlag von Heileniann. — Preis l,oO Mark. Gictzener Harrsfranen-Berein. Kochanweisungen. Kartoffe l g ericht mit N a u ch f i s ch: Mit der Schaks gekochte, in Scheiben geschnittene Kartoffeln werden mit einer Mehlschwitze, die mit Fisch Wasser saus dem Abfall des Fisches aufgerührt, mit einem Brühwürfel. Zwiebel, Pfeffer. Salz und dem vorher etwas gewässerten, zerlegten Rauchfisch vermischt. Man läßt das Gericht auf dem Herde nebenbei noch etwas ziehen. Kartoffelpuffer oder Reibekuchen mit wenig Fett zu backen. Tie rob geriebenen, ausg^drückten Kartoffeln mit einigen Löffeln Vtehl oder Grieß uitb geriebenen Brödcheil und Salz vermischt, werdm auf ein mit Jett bestrichenes Kuchen- back blech als kleine Kuchen aufgesetzt, die uid>t zu feucht sein dürfen. Man backt sie im B a cko fen bei starker Hitze, dazu eignet sich besonders der Gasbratosen. Bor dem Umdrehen bestreicht man die Oberseite der Kuchen mit -etwas Fett nnd backt sie fertig. Brotaufstrich: Vr Pfund Quark oder Matte wird mit 1 Eigelb, etioas Zwiebeln und Tomateuwürze vermengt, man kann auch noch- Sardellen und Kapern hinzltfügen. Sehr gut auf gerösteten Brotscheiben. AspikalsAn f st r i ch: Kleiugcschnittenes Suppen kraul nnrd mit kaltem Wasser aufgesetzt, V» Stunde gekocht, durch gesiebt, mit BrülTivürfel, Salz, Kräuteressig gewürzt und mit (Pektine versteift. Auf V* Liter ----- 6—8 Blatt. Brotaufstrich: 1 Hering loird 24 Stunden gewässert, fein gewiegt, 1 Eßlöffel pulverisierter Rdajoran. 1 Messerspitze pulverisiertes Neugewürz (nach Geschnrack etwas gestoßener Ingwer), Vr fein gewiegte und geschmorte Zwiebel, ein gehäufter Eßlöffel Mehl und 4 Eßlöffel Milch darangerührt, das Ganze unter fortwährendem Rühren x / 4 Stunde durchgeschmort — in einem Schüsselchen kaltgestellt und dann gestürzt. Bilderrätsel. Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer: L2ngel, Mais, Zabn. Wein, B^nd, Hol>n, Retin, Ros«, Vat«L Äivnd, Hans, ttecher, Mord, Wanne, Ritter, Mahl, Bach. E i n n a h m e v o n B r a t l a. Schriitleltung: Fr. R. Zenz. — Zwcklingsrttnddrnck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckecei. R. Lange, Gießen.