Königsträume. Roman von Karl Busse. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Kascha Kaczmarek wurde sofort vom Hofe gejagt; aber Hanna weinte vor Schwäche und Erregung noch stunden- mng. Sie weinte wie ein kleines Kind, das im Dunklen» Furcht hat. , ^ . Gleich am nächsten Tage hatte sie zu Jnschu Laskowicz gehen und ihm dcriiken wollen. Nun aber führte sie es nicht aus. Denn wie eine neue Offenbarung war es jetzt über sie gekommen, daß der Krüppel — sie liebte! Deshalb hatte er sie gerettet, deshalb ihv so seltsam nachgesehen, deshalb sich von Kascha gewandt! Es war alles Aötzlich so klar; sie wunderte sich nur, daß sie es nicht früher chon gemerkt-oder richtig gedeutet hatte. Aber gleichzelttg tiea ein jede Ueberlegung zurückdrängendes Gefühl in ihr auf: Wie konnte der kranke Bettler, der häßliche Krüppel, der Elendeste der Elenden, wagen, seine Augen zu ihr zu erheben?! Sie zuckte wie unter einem Peitschenschlage zusammen. Als wäre etwas Unreines, Widerwärtiges an fte herangekommen, schüttelte sie sich. < ^ Als dann ruhigere Tage mit den alten Gewohnheiten kamen, ward auch sie ruhiger. Vielleicht wär alles nur Einbildung; vielleicht existierte die Liebe des Krüppels nur in der Phantasie Kaschas; vielleicht hatte er doch aus uneigennützigen Gründen sie zu retten versucht. Dafür rnußte sie ihm in jedem Falle banken. ^ „ .. Sie bat also Ernst August um seine Begleitung. Beide schritten der Schmiede zn. Ihr .Herz klopfte. Sie fürchtete sich ordentlich vor dem Wiedersehen mit dem Krüppel. Plötzlich blieb sie stehen und faßte ihreii Bruder am Arm: „Sieh'!" Ihr war es vorgekommen, als ob Juschu Laskowicz seinen Kopf aus der Tür gesteckt, ihn aber sofort zurückgezogen hätte, als er sie bemerkte. Ernst August hatte nichts wahrgenommen, aber Hanna hätte darauf schwören Mögen, daß sie sich nicht getäuscht. Sie kainen an die Tür, klopften. Alles blieb still. Sre klinkten, die Tür war seltsanierweise verschlissen. „Glaubst du jetzt, daß der Vogel ausgeflogen ist?" fragte der Dragoner. „Es scheint so." ^ Aber int stillen dachte sie etwas ganz anderes. Es stand felsenfest bei ihr, daß der Krüppel zu Hause war und mit -Lbsicht nicht öffnete. _ „ _ Juschu Laskowicz war imrklrch zu Hause. Wohin sollte er auch wohl gehen? Sein altes Ziel, die Waidhütte, war jetzt kein Ziel inehr. Er hatte sich eingeschlossen und arbeiwte mit glühender Vegeisteruilg an seinem großen Werke, an der Gottesmutter- von Nasgora. Er gömcke sich nur wenig Schlaf. Ein fieberhafter Tätigkeitsdrang war über chn gc- komnlen, als müsse er die Zeit, die ihm noch gegeben war, ausnutzen mit allen Kräften. Er machte nur Pausen, wenn die schwere Arbeit mit dem Stemmzeug ihn gar zu sehr erschöpft hatte. Dann betrachtete er sein Werk, daS mrt jedem Tage fortfchritt. Immer deutlicher ivard das Antlitz, das schöne, stille. Es lag so viel Hoheit darin und so MEl Güte und hinrmlische Freudigkeit, wie es sich leise neigte und herabsah aitf das Kindlein im Arm. So schaffte er Dag für Tag; wie in lieblicher Verwirrung giiig er umher Fieber schüttelte ihn, Er lächelte. Aus kurzem Schlaf erwachte er, in Schweiß gebadet, völlig ermattet. Er sah sein Werk an und lächelte. Ihm war so heilig zumute, weirn er in das liebliche Antlitz der reinen Jungfrau sah, daß jedes Menschenantlitz ihn nur gestört hätte; deshalb verschloß er seine Tür gegen alle. _ Eines Tages hatte er nichts, über auch gar nichts Ev- bares mehr im Hause. Als er eben aus der Tür treten wollte, um sich dies und jenes zu besorgen, sah er Hanna mit ihrem Bruder ankommen. Eine Todesangst packte ihn. Er verschloß die Tur und saß zitternd in seiner Stube. Er hörte klopfen, klinken, sein Herz klopfte stärker. Wie ein Dieb schlich er, nachdem cs schon lange still geworden war, zur Tür; aber er ging nicht auf Einkäufe. Weshalb hatte die Angst ihm die Kehle zuge- schnürt? Er war viel zu verwirrt, um das selbst zu wissen Er wußte nur, daß eher jeder andere sein Zimmer betreten, ihn und sein Werk sehen svllte, als Hanna, als die wunder- sck>öne Königstochter. Er war im tiefsten Innern, ohne daß es ihm wohl selbst zum Bewußtsein kani, mit ihr ebensa fertig wie mit der Hütte im Walde, wie mit seinem ganzen früheren Leben. Alles hatte seine höchste Erfüllung gesun den, alles faßte sich zusamtnen in dem Werke, das der Voll endnng langsam entgegenging. Die wirkliche .Hanna von Graßnick hätte nur noch stören können: Sie hatte ihm etlvas gegeben, was viel schöner, reiner, lieblicher war als sie selbst Licht Mid Span leuchteten mm dem Krüppel die halben Nächte hindurch. Am frühen Margen, oder wenn abends die Dunkelheit alles bedeckte-, kaufte Jusckpl Laskowicz seine kleinen Bedürfnisse im Gasthaus ein. Er lvar immer glücklich, wenn er möglichst Uirbemerkt sein Haus wieder erreicht hatte. Er aß hastrg ein paar Bissen. Dann griff er nach dem Werkzeug. Ob die Arbeit auch schwieriger war bei dem ungewissen Lichtschein — er schaffte am besten, wenn das ganze Dorf schlief, wenn nur das Dunkel durch die Scheiben sah. wenn nichts hörbar war als die Geräusche der Nacht. Und doch täuschte sich der Krüppel, wenn er glaubte, baß er ganz unbeobachtet sei. Das Dorf schlief, aber außer seinen Augen wachten noch zwei andere. Und wenn er mit glühendem Blick, halb trunken vor Schöpferkraft, das Eisen führte, dann hing, glühender noch, ein anderer Blick an seinem Antlitz. . . , _ Seit sie ans dem Schlosse fortgejagt war, wohnte Kascha Kaczmarek bei einem Bauer. Nach der wilben Verzweiflung hatte sie ein stumpfes Brüten erfaßt. Sie ftreifte durckrs Dorf, sah feinen an, lief meilenweit ohne Zweck, immer Mit S3 gesenktem Haupte. Nur wenn die Dunkelheit kam, wachte sie auf. „Ich bin eine Katze, eine Wildkatze," sprach sie manchmal vor sich hin. „Die Katze liebt das Dunkel!" Iw Dunklen schlich sie zur Schmiede. Einst stand sie auch so da. Es fror sie, denn ein eisiger Wind fegte über die Ebene und rumorte im Walde. Und wie sie so htneinblickte in das Zimmer, dachte sie plötzlich daran, wie sie als Kind auch einst vor dieses Fenster gelaufen war, sich mühsam in die Hohe gezogen mib, die Nase gegen die Scheiben gedrückt hatte. Da hatte Juschu Laskowicz von drinnen gelächelt. Wie eine Vision trat ihr das jetzt vor Augen, wo sie in der kalten Winternacht wieder an der gleichen Stelle stand. Ein leises Stöhnen wollte sich ihrer Brust entringen; sie unterdrückte es. Da drinnen war wieder wie einst Juschu Laskowicz. Aber wenn er jetzt chr Gesicht sah, würde er nicht mehr lächeln wie damals. In Schmerzen preßte sie chr Gesicht fest gegen die Scheibe. Das Glas zitterte und klirrte leise. Unruhig, wie spähend, hob der Krüppel den Kopf. Da erschrak Kascha Kaczmarek. Und sie flüchtete eiligst und weinte. 15. Kapitel. ES war einige Wochen später. Einer von den neun; schönen Tagen, die der März nach alter Regel bringen soll, neigte sich dem Abend zu. Die Chaussee, die bald hinter Htralkowo über die russische Grenze führt und über Slupzy und Golina nach Konin und Kolo geht, war einsam. Etwas seitwärts von ihr, doch gut sichtbar, liegt zwischen Konin und Kolo, dem Walde vorgelagert, ein Krug. In einem Zimmer die-ses"Kruges, aus dessen Fenstern man die Chaussee übersehen konnte ging Napoleon Rutkowski mit übereinandergeschlagenen Armen auf und ab. Er schien unruhig ru lein, als erwarte er eine bestimmte Nachricht, deren Eintreffen sich verzögerte. Trotz der Unruhe erschien er freu- diger und jünger als je. Auf ein Klingelzeichen erschien Bartet Zychod, gleichfalls verjüngt, in der Tür. „Noch immer kein Bote da von Czechowski? Teufel auch! Und Pan Atzonka?" „Er revidiert die Vorposten. Er scheint beunruhigt." Ein spöttisches Lächeln flog über das Antlitz des Grafen. i^Er fürchtet, es könnte zur Schlacht kommen, ehe Czechowski etntrifst," sagte er halb für sich. „Dann werde ich dre Russen allein schlagen wie bei Lukom." Ein Leuchten trat in seine Augen. Da sah er den Diener. „Es ist gut, Bartek. Du kannst gehen. Sowie der Bote ein- trifft, oder Pan Rzonka zurückkehrt, will ich benachrichtigt gedampft: „Schärft die Sensen gut. Man wird sie nötig haben." „Sie sind scharf, Euer Gnaden, und sie wollen fressen! wie vor sechs Tagen." ' „Pah, Futter genug ist da für sie." „ 3 ne Handbewegung, die Tür schloß sich geräuschlos. Napoleon Rutkowski trat an den Tisch, woraus die Karten lagen. Durch kleine Fähnchen waren die Stellungen von Freund und Feind, soweit man Klarheit darüber hatte, ^^brt. Dre größeren Städte waren fast alle in den Händen ?F r Nusstn; das flache Land beherrschten mehr oder minder dre Aufswndisch^r. Besonders gekennzeichnet aus den Karten war ein Mernes Kirchdorf Lukom^ das südlich von Slupzy lag Napolwn Ruttowski reckte sich auf, als er den Namen las. Name bedeutete Siea, dieser Name bedeutete zur Königsk^on^ ^ ***** ""4 Warschau, auf dem Wege das Herrenhaus in Nasgora gestürmt worden. Erneu Tag darauf waren die Mannschaften, benfu der Grenzubergang geglückt war, bei Slupzy versam- melt. Napoleon Rutkowski fühlte sich selbst kaum inehr. In SSwahrfl H 1 *? er den Revolver heraus gerissen, als Bcntek Zychod und seine Begleiter ohne die befohlene Beute ^kamen Wer weiß, was geschehen wäre, hätte Kasimir Rzonka rhm nicht die Hand auf den Arm gelegt gewinnen " m bXÜBen 8eit ötIt ^ erft ' bie ^enze zu Sie kamen glücklich hinüber. Im ersten Dorfe ward Halt gemacht, ^re ermüdeten, ernüchterten Leute brauchten Ruhe Wachen wurden ausgestellt, dann überließ man sich dem ^ Ä^^poleon Rutkowski war der einzige, der nicht Mies. Dre fieberhafte Erregung der letzten Tage -und Wochen 7 ^.^.heute ihren Höhepunkt erreicht. Mit voller Macht setzte letzt die Reaktion ein. Gerade jetzt, wo es zu spät war wo er den Boden, der durch ihn frei werden sollte, schotn betreten hatte, war es ihm, als hätte er wie ein Sinnloser gehandelt, als wäre er den Aufgaben, die seiner warteten, nicht gewachsen. Die tausend Einwände, die ihm bisher stets als geringfügig Erschienen waren, -— sie stürmten mit doppelter Wucht gerade jetzt auf ihn ein, wo er die Brücken hinter sich abgebrochen hatte, wo alles Heil, alle Hoffnung nur im Glauben, nur im unverzagten Vorwärtsgehen lag. O, es war ja Wahnsinn gewesen, sich in dieses Abenteuer zu stürzen! Gleich der erste Schlag war mißlungen. Einst hatte er triumphierend gedacht, daß er die Königin gleich! nach Polen mitbringen würde. Und jetzt? Es war eine Farce; sie würde bald die Frau eines Dragonerleutnants sein! Aber blieb nicht noch das erhabene Ziel, blieb die Krone nicht noch, auf die er kraft des Blutes, das in seinen Adern floß, Ansprüche erheben konnte? Doch wer sagte ihm, ob sein Ausruf wirkte, ob der Name Rutkowski wirklich den vollen Klang hatte, um Bürger, Bauer, Edelmann aus der ganzen Provinz vom Herde fort ins Lager zu locken? Und wer sagte ihm, ob überhaupt Kasimir Rzonka nicht ein falsches Spiel trieb, und mit ihm die Nationalregierung? Er stöhnte. Ein instinktiver, dumpfer Haß gegen diesen Kasimir Rzonka ward in ihm lebendig. Und doch konnte er sich den Mann nicht abschütteln, denn ein Bruch, mit ihm wäre gleichbedeutend mit einem Befehden der Nationalregierung gewesen. Die Stunden schlichen. Napoleon Rutkowski zählte sie nicht. Erst gegen Morgen schlief er unruhig ein, um bald geweckt zu werdem Der Marsch sollte weiter-, gehen, in Slupzy sollte die Vereinigung mit den Freunden stattsinden. Er raffte sich auf. Der Morgen war schön, ob auch kalt. Das hob seine Stimmung. Vorwärts, was auch kommen mag, dachte er, zurück kann ich nicht! Und schweigend ritt er seinen Leuten voraus. In Slupzy gab es eine stürmische Begrüßung. Nur Degorski fehlte noch, aber schon wurde gemeldet, daß er anrücke. Da hielt auf prächtigem Rappen der schlanke Maryan von Batranski. Da war Siga Wendrewski, der Marquis, den das elegante Stückchen auch in den Krieg begleitete. Da schwenkte Graf Bininski die Konfederatka zum Willkommen, während seine Leute die Sensen zusammenschlugen; da grüßten die auf andern Wegen vorausgeeilten Leute von Skydlewo unb Muchocrn den Herrin Es war eine stattliche Zahl, die ständig wuchs. Denn die Leute hatten sich oft einzeln durchschleichen müssen und trafen deshalb ungleichmäßig ein. Sofort nach der Ankunft Degorskis fand ein Kriegsrat statt, der dre Herren vereinigte. Es war eine stürmische Atzung. Man batte nur unsichere Kunde über die Stärke und Stellung der nächsten feindlichen Truppen. Deshalb schlug Kasimir Rzonka vor, hier in der Nähe von Slupzy so lange zu verweilen, bis der Aufruf drüben seine Schuldigkeit getan hatte. Man konnte darauf rechnen, daß in den nächsten vierzehn Tagen noch ansehnliche Verstärkungen, be- sonders aus Posen, eintreffen würden, die man am besten und sichersten hier in der Nähe erwartete. Anderseits sollten auch Gewehrtransporte, die die Nationalregierung zuaesaat hatte demnächst ankommen. In der Zwischenzeit wollte man, sich teils aus Slupzy stützend, teils sich in den Wäldern haltend, die Leute besser organisieren, sie ausöilden, so aut es ging, und erst dann, verstärkt und besser bewaffnet dem Feinde entgegenziehen. (Fortsetzung folgt.) oeutjcyez rkriegrnotgeld. r .. Tie durch den Krieg gezeitigten Umstände haben im Wirtschaft- llchen Läben eine Reihe von Neuerungen, wie z. B. die Lebens- MittelttnNen, hervorgerufen ^ die erste dieser Neuermlgen aber ist merkwürdigerweise kaum außerhalb der Grenzen der engen Bezirke, £ü -r ie J ie W) beschrankte, begannt geworden, und verdient daruml *** vollkommen verschwunden ist, eine ruchchauende Betrachtung. Es handelt sich um das deutsche Kriegs- nocheld, das zu Beginndes Krieges in einer Anzahl deutscher Ge- Swn’rrlh,™ wurde. Nach einer zusammenfassenden Betrachtung für das Kriegsnotgeld von Regierungsrat Eberhardt m der Umschau machte sich kurz nach der Mobilmachung in deiß ak^^urde bedrohten Gebieten in Ost- und Westpreußen, in rcr°r ^ einzelnen Teilen der Rheniprovinz und in r?? Taft ööUige Verschwiirden des Kleingeldes Verehr sehr peinlich fühlbar. Diese Kleingeldnot wnrdö durch die in allen Kriegen beobachtete falsche Meinung der Bevölkerung hervorgerufen, daß nian die bare Münze als den einzigen rertfot SKto noch Möglichkeit aufbenmhren müsse. L hMZ begreiflicherweise Verkehr und Handel in den betreffenden Gebieten mrt ernstlicher Hemmung bedroht wurden, entschlosseii sich die ein- — 63 -einen Kominuimlbehörden, wie Magistrate, Gemeüidevorstälide urch Laridräte, zur Selbsthilfe zu greifen und sog. Kriegsnotgekdj auszugeben. Diesem! System schlosseil sich auch die Spar- und Darlehnskassen und nlehrere industrielle Unternehmungen hinsichtlich der Lohnauszahlungen an. Da im Innern Deutschlands kein bemerkenswerter Kleingeldmangel eintrat, werden Mitteilungen Wer diese Kriegsnotscheine großen Teilen des Publikums neu sein. Beim Kriegsnotgeld handelte es sich um einen Kreditschssin, den in Bargeld wieder einzulösen die Ausgabestellen sich sofort oder nach den Scheinen aufgedruckten Terminen sich verpflichteten. Tie Einführung des Kricgsnotgeldes wurde der Bevölkerung in den Tages- zeittingen und durch Maueranschläge bekannt gegeben. Als typisches Beispiel führt Regierungsrat Eberhardt eine solche Bekanntmachung der Stccht Bischofsburg in Ostpreußen an: „Mitbürger! Von hbute nachmittag 5 Uhr ab werden in der Stadt- und Stadtsparka sst. um dem Mangel an kleiner barer Münze zu begegnen, gegen Papiergeld zum Nennbetrag Gutscheine zu 5, 3, 2 und 1 Mk., oO, 26 und 10 Pfg. umgewechselt. Für diese Gutscheine verbürgt! uch der Magistrat, wenn sie mit seinem Stempel und dem! Namen des Bürgermeisters Hellmann und des Stadtkassenrendanten Finger handjchristlich unterzeichnet sind. Kausleute und Gewerbetreibende werden dringend gebeten, diese Gutscheine in Zahlung zu nehmen., vre bei der Stadt- und Stadtsparkasse wieder in bares Geld ein- getauscht werden. Bischofsburg, den 4. August 1914. Ter Magistrat. Gez Hellmann." Auf diese Weise wurde durch das schnellt) ekundete deutsche Organisationstalent die Ordnung im Handelsverkehr mit Leichtigkeit wieder aufrecht erhalten. Zur Erzeugung der durchweg aus Papier hergestellten Notgeldscheine bedierrte man sich der jeweilig gerade vorhandenen Papiersorten, da vor allem ein schnelles Eingreifen wichtig war. Nicht zuletzt auf diesen Umstand ist die Mannigfaltigkeit hinsichtlich Herstellungsart, Größe und Farbe dieser Scheine zurückz u führen. Tie meisten Scheine wurden in Buchdruck hergestellt, doch gab es auch sehr primitive Scheine, die aus einem beliebigen Stück Papier oder Pappe bestanden, das mit Schreibmaschine oder auch bloß mit Tinte beschrieben war. Besonders merkwürdig waren z. B. die Scheine von Pogorzella in Posen, wo man Postkarten zerschnitt und auf die guadratischeu - Stücke den Wert handschriftlich mit Tinte setzte. Tie Gutsverwaltung Lo- pilchewo in Posen zerschnitt zu diesem Zwecke gebrauchte Spiel- egen hatte 'man bei anderer: Scheinen, so in Tilsit, Eltmu*, Schneidemühl. Gebiveiler, sich in gewissem Grade einer lllnstvollen Ausstattung befleißigt. Auch in der Benennung der Su>eu:e gab es mancherlei Abweichungen. Tie einen trugen den Aufdruck „Gutschein", andere „Wert . .. Mk.", Gültig für ... Mk." oder auch .„Platzanweisungen", „Bon", „Cv lipon", „Kricgswechscl- fchein usw. ^m Durchschnitt lauteten die Scheine auf Beträge von o0 Pfg., 1. 2, 3 und 5 Mk. Tie Aktiengesellschaft Tietz in Covlenz stellte sogar aus runden Pappscheinen Notgeld her, das arrf 1, 2 und 3 Pfg. lautete. Zu den frühesten Scheinen gehören die von Pr. Holland, datiert vom 1. August 1914, und die von: Allen st ern, vom 2. August 1914. Tiefe Notgeldscheine werdet spater sicherlich! eine interessante Kriegserinnerung darstellen und einen ansehnlichen Sammelwert erreichen. Das königliche Münzkabinett :n Berlin besitzt bisher Notgeldscheine von 279 verschiedenen Stellen; es soll aber alles in allem 304 Ausgabestellen gegeben haben. Nach einer ungefähren Berechnung des Bericht- erstatte^ wird man bei Schätzung der Gesamthöhe der Notscheine nrcht fehl gehen, wenn man annimmt, daß 67 2 —7 Millionen auf diese Weise im Umlauf waren. Geschichtliches aus der „zuldischen Mark". Tie Karolinger machten an das Kloster zu Fulda viele Schenkungen Zu btevcit Sckienkmigerk, welche von 817 bis zu Elide des erfolgten, gehörten anfangs die Orte Echzell (Echezila) Bingenheun. Tauernheim (Turenheim zu dainaligcr Znt geheißen) mll Schleifeld (in damaliger Zeit Dorf, jetzt Hofgut) und Berstadt. So entstand die „Fllldische Mark", zu der auch noch idie Orte Reichelsheim und Gettenau gehörte,:. Im 14. ^zahrbundert entstanden die Orte Blofeld und Leidhecken Nachdem das Kloster Fulda 500 Jahre lang Herr dieser Mark gewesen war, trat eine Aendernng ein. Nach einer Urkuiide vom! ® va f Gottfried von Ziegenhain als Fuldlscher Lchnstrager :n Besitz der Orte Blofeld, Tanernheim, Echzell, spater verkaufte der Abt Johann von Fulda das Schloß Bingenheim nebst leinen sonstigen Marlanteilen im Jahre 1483 an den Graf«: von Nassau für 25 000 Gulden. Nassau teilte später stinm Anteil mit dem Grafen von Nidda. Ten Nest seines Anteiles verkaufte er 1570, mit Ausnahme von Reichelsheim, an! Ludwig IV. von Hessen für 121000 Gulden. Bon der Marburger Lune cnng ^eser Besitz 1601 an Hessen-Tarmstadt über. — Tauern heim bildete eme Pfarrei, wozu die Kapelle zu Blofeld mll emem Kaplan gehörte. Während des 30 jährigen Krieges wurden auch m der Fuldischen Mark große Verheerungen ange- bal te des Krieges (1634—1642) wäre:: für die Fuldpci^ Mark die schlimmsten, da die armen Bewohner viele kuwf) P»st, Mißwachs, Hungersnot, Plünderung ?^?ostiftung .Hart bedrängt wurdeii, so daß Nianche Orte teils durch Tod, teils durch Vertreibung der Einwvlmer von ihren ' üt Sf 1 c e J? en s^ßen Teil ihrer Bevölkerung einbüßten. So waren ™ Bwfeld vor dem schrecklich,: Kri^e 35 Wohnhäuser. nackZ demselben stand das Tors ganz verödet da. Tic alte Kirche war arg verwüstet worden. Tas Dorf blieb bis zum Iahe 1682 verödet liegen, mit Mühe und Not konnten bis zum Januar 1682 nur 15 Wohnhäuser wieder aufgebaut werden. Tas erste Haus, das aus seinen Trümmern erstaiid, war das Höfhaus des Oberst- llutnants . Friedrich Wilhelm von Geismar (jetzt in Besitz des Bürgermeisters Schäfer). Im Jahre 1635 mittete in der ganzen Gegend die Pest, im folgenden Jahre herrschte großer Mäusefraß, so daß Teuerung eintrat, 1 / 8 Korn kostete 2 bis 16 Taler. Uni, das ^zahr 1649 hatte das Torf 40 Einwohner, vor: 1649 bis 1664 wurden nur 23 Knrder getauft. — Tie ganze Gegend hatte auch viel durch Hexenprozesse zu leiden. Aus dem Amte B-ingcnkcim! wuvden von 1652 bis 1659 gegen 56 Personen auf dem „Löhkops bei Bmgenheim verbrannt. Ein Jude mit Namen Jtzig von Staden stahl die Kirchenglocken zu Blofeld, Er wurde am Kreuzweggalgen bei Berstadt am 2. September 1658 binteroberst an den Füßen aufgehängt. Eine Tafel, die unten an:' Galgen angeschlagen war, verkündete den Namen des Uebeltäters und die Ursache der Hinrichtung. _ vermischtes. ^ * Der Gleichschritt der Soldaten. Exerzierende Loldaten,, und erst recht erne in Parade vorbeiziehende Truppe, können wrr uns heute garnicht anders denken, als im „gleichen, schritt und Tritt marschierend. Und doch hat es in den Hecren- alterer Zeiten den Gleichschritt nicht gegeben, vielmehr ist dieser erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mifgekommen. Darüber wo und wann er zuerst eingeführt worden ist, herrschen freilich vielfach irrige Ansichten Die Angabe der meisten Geschichtsbücher Fürst Leopold der Erste .von.'Anhalt-Dessau, bekannt und berühmt unter? dein Namen „der alte Tessauer", wäre sein „Ersüider" und hätte ihn zuerst 1698 bei seinem, ihm vom Kurfürsten von Brau- denourg verliehenen Regimente eingeUhrt, trifft nicht ganz zu Genaueren Geschichtsforschungen zufolge stammt der Gleichschritt aus Hessen. Ter Lmidgraf Karl von Hessen-Kassel ließ als Erster ;eme Trup^nrm gleichen Schritt marschieren, uüd durch dieses soldattsche Erziehungsmittel ist zweifellos die damals berühmte Inegeriiche Tüchti^eit Wer Hessisch«: Soldaten stiitbegrmidiet worden Als Leopold von Dessau von der neuen Marschart hörte, soll er sich zuerst sehr zurückhaltend darüber geäußert und gemeint haben, „das mache ihm keiner weis) daß man die Kerls dahin bringen könne, einer mit alten zugleich den Fuß auf'zuheben und ^oerzusetzen NmIHem er aber erst Gelegenheit gesunden Imtte, die hessischen „Kerls" im Gleichschritt exerzieren mtb marschieren hu sehen, war ihm der Wert dieser Einführung sofort llar, und !einer.Forderung ist es zu danken gewesen, daß sie alsbald in die preußiittM Armee übernommen wurde. Seitdem hat der Gleichschritt bei den Truppen aller Staaten Eingang gefunden, —• das tsche Heer mindestens ist ohiie ihn einfach nicht denkbar ... Dre Spinne als Pionier. Unter allen Gliedertteren durste, die große sogenaunte californische Falltür-, Tapezier- oder Teckeupinne die kunstvollste Wohnstätte besitzen. Tie Spinne — von rer man etwa 500 Arten unterscheidet —, legt ihren Bau roheenarttg, oft bis zu einer Tiefe von 20 Zentimeter, im Erdboden an. Tie seidenartig ausgelleidete Röhre ist mit einem! doppelten Gespinst austapeziert. Es besteht aus einem ärißern gröberen m:d dichten Gewebe uird einem feineren inneren i>art weicherer Beschaffenheit. Am auffallendsten ist der Verschluß der Rohre: sie ist geradezu mit einer Panzertür ausgestattet. Die ist Mr lo,e :n den^ Rand der Röhre eingefügt, schließt aber äußerst dicht. An eriier Ltelle ist nun die Panzertür mit der Röhre durch dav Gewebe scharnierartig verburrden. Das Gewebe bildet so eine Fallture, die die Spinne ganz nach Belieben zu öffnei: und schldi vermag. Die Falltüre stellt ein festes Gefüge mehrerer abwech,elnd übereinander liegend«: Schichten von Erde und Ge- weoc dar-. Tie Außenseite des „Panzers" enffpricht in seiner Für- bung Bauart usw. vorzüglich der natürlichen Umgebung, in de« d:e Spinne den Bau anlegt. Ilm eine tärisehende Anpassung zu erziele::, wird das Nestäußere hkiiisig mit Gras, Erde, Sand und dergleichen maskiert und so gebaut, daß es in gleicher Linie mit den: Boden verläuft. Infolge der Anpassung ist denn auch das Nest schwer zu entdecken. In der Regel geht die Spinne bei Nacht öuj Raub aus; in der Nähe ihres Asyls breitet sie ihr Netz aus und schleppt die ftch darin fangeiiden Insekten ihrein Ban zu, um sie erst dort zu verzehren. Zu der Zeit, ivenn die sehr zahlreiche Nachkommen,chast die Wohnstätte bevölkert, spinnt das Weibchen einen besonders dichten Verschluß. Er verbkvdet Panzertür und Röhre 6?uz„ausgezeichnet, bewahrt so die Brut nicht nur vor Wilterungs!- e:n,l:"men, sonder:: auch vor Feinden. Ein derartig verwahnes Nest :st nur m:t Gewalt zu öffnen. Tie Heimat der Spmne, die so mu einer wahren Pwnierkunstfertigkeit ihre Verteidigungsstellung ausziigestalten versteht, ist am verbreitetsten im mittleren und südlichen ^lmerika, aber auch in Siideuropa ist die röhrenbaucnda Spim:e in vereinzelten Arten vertreten. T i e Haa rmust eru n g. Um dem Vorwurf der Organi- sationsniangels, der in Frankreich so oft gegen die Heeresverwalluug erhoben wird, zu begegnen, haben zahlreiche französische Kommandanten es für ihre Pflicht gehalten, plötzlich eine Organisations- wnt und e:n Kontrvllfieber an den Tag zu legen, wie es kaum' lächerlicher erdacht tverden könnte. Da die Verschleppung von Krankheiten zwisckxv: Kriegszone und Zivilgcbiet vielfach darauf zurück- 64 geführt wurde, b ab vre Soldaten sich zu fickten die Haare schnerdcck ließen, kam'-n mehrmals hintereinander Befehle heraus, die sich durch ihre geradezu dravonffchc Darm arlszeickvieden. &ni& Wonn* Mandanten gebärdeten sich B>gar so, als seien die Haare der Soldaten der schlimmste und furchtbarste Feind der französischen Kriegführung. Natürlich blieb dies nicht ohne Wirkung, nümlrch insofern, als der Spott bald rege wurde und eine Unzahl null-, täri^cber Haarschneideanekdoten erzeugte. So berichtet neuerdings L'Oeuvre das folgende Geschichtchen, das nach der Versickieruns des Blattes auch lfirargenan der Wahrheit entspricht: ,,Jn ein-» zelnen Batterien eines Artillerieregimentes, das wir nicht nähert bezeichnen wollen, müsien die Mannschaften vor Antritt einer Uclaul»sreise jedesmal zu einer peinlich strengen „Haarmusterung' erscheinen. Wer den Kopf .nicht völlig kahl geschoren hat, darf nicht abmarschieren, ehe der Borgesetzte sich davon überzeugt hat, das- der Fehler restlos beseitigt wurde. Ms unlängst ein Unters offizier wieder einmal eine solche Musyecung abhielt, ^ieb er plötzlich, nne vom Blitz getroffen, vor einem neu zur Battens gekommenen Manne stehan, dessen Haarwuchs ihm unter den gegebenen Umständen geradezu verbrecherisch dünkte. .„Wmn nrcht innerhalb 20 Minuten all das gänzlich verschwunden ist," brüllte er wutschnaubend, „gibt's Arrest, aber nicht Urlaub!" Der Artillerist entfernte sich schweigend. In weniger als drei Minuten aber stellte er sich wieder ein nnd wies einen Schädel vcm geradezu beispielloser Kahlheit vor. „Es ist gut," murmelte der Unteroffizier befriedigt und zugleich etwas verwundert über die unheimlich, Schnelligkeit, mit der die Operation des Haarschneidens vor sich gegangen sein mußte. Aber sechs Tage später, als der Urlauber wieder zurückkehrle, war der Unteroffizier noch erstaunter darüber, wie schnell die Haare tvieder gemachen waren. Bei der nächsten Haar Musterung jedoch wird der Artillerist sicherlich nicht wieder vergessen — vorher seine Perücke abzunehmen." * Was aus dem Thron des Königs Lu stick wurde. Als König Jerome seine Residenz in Kassel aufgeschlagen hatte, stellte es sich hermS, daß ein zu der natürlich in prunkvollstem Nahmen geplanten Eröffnung der Ständeversammlung passender Thron nicht vorhanden war. Der bedeutendste Kunsthandwerker Kassels, der Bildhauer Johann' Christian Ruhl, der erste Lehrer Rauchs, wurde mit der schleunigen Anfertigung eines würdig«, Thronsessels beauftragt. Im neuesten Heft der Zeitschrift „Hessen - land" erzählt A. Woringer nach den Leben serinnertmgen des Hof- baudirekwrs Julius Eugen Ruhl von dem Schicksal des Throns, das m